Es gibt Wörter, die klingen wie Porzellan – fein, wertvoll, traditionsbeladen – und erweisen sich bei näherem Hinsehen als Pressglas aus ideologischer Serienproduktion. „Unsere Demokratie“ ist so ein Wortgebilde. Es rollt sanft über die Lippen, warm wie ein Kamillentee im Regierungsviertel, und entfaltet doch eine eigentümliche Schärfe, sobald man es historisch gegen das Licht hält. Denn wer glaubt, diese possessive Zärtlichkeit sei eine späte Erfindung politischer Talkshowrhetorik, der möge einen Blick in die Autobiografie Erich Honecker werfen: Aus meinem Leben. Dort findet sich, ohne Ironie und ohne Anführungszeichen, ein eigenes Kapitel mit dem Titel „Unsere Demokratie“. Und in diesem Kapitel wiederum jener Satz, der wie ein Echo durch die Jahrzehnte hallt: „Das heißt aber auch – und darin sind wir uns einig –, unsere Demokratie gegen solche Kräfte zu schützen, die sie anzutasten oder gar zu zerstören versuchen.“ Ein Satz wie eine Wattejacke mit Schlagring in der Tasche.
Man könnte meinen, es handle sich um eine harmlose Floskel, eine Art verbaler Kaminsims, auf dem die politische Selbstvergewisserung ihre Porträtfotos aufstellt. Doch in der DDR war „unsere Demokratie“ keine poetische Unschärfe, sondern eine Kampfansage mit Samthandschuh. Sie war der rhetorische Grenzzaun um ein System, das sich selbst demokratisch nannte, während es seine Bürger mit einem Sicherheitsapparat von der Größe einer mittelgroßen Mythologie umstellte. „Unsere Demokratie“ war nicht Einladung, sondern Besitzanzeige. Das „Unsere“ war kein inklusives Wir, sondern ein exklusives Eigentumsrecht: Wer dazugehörte, durfte mitsprechen – im Rahmen der vorgesehenen Zustimmung. Wer nicht dazugehörte, durfte geschützt werden – vor sich selbst.
Der Schutzinstinkt der Macht
Das Vokabular des Schutzes ist in der Politik so beliebt wie das Wort „hausgemacht“ in der Speisekarte. Alles klingt vertraut, bodenständig, verantwortungsvoll. Honeckers Formulierung vom Schutz „unserer Demokratie“ vor Kräften, die sie „anzutasten oder gar zu zerstören versuchen“, ist dabei ein Musterbeispiel für jene semantische Alchemie, die aus Opposition Sabotage und aus Kritik Zersetzung macht. Der Trick ist so einfach wie genial: Man erklärt das Bestehende zum Inbegriff des Guten – Demokratie! – und jede Abweichung davon zur existenziellen Bedrohung. Wer widerspricht, ist nicht etwa anderer Meinung, sondern ein potenzieller Brandstifter am Tempel der Volkssouveränität.
Das eigentlich Brillante – im kalten, technokratischen Sinne – liegt im Wörtchen „unsere“. Es suggeriert Nähe und Verantwortung, während es zugleich einen inneren Sicherheitskreis zieht. „Unsere Demokratie“ ist wie ein Familienerbstück, das man nicht aus der Hand gibt, schon gar nicht an diese dubiosen Onkel, die immer von Reformen reden. Es ist der rhetorische Equivalent eines Vorgartens mit Gartenzwerg und Alarmanlage. Man schützt, was man liebt – und liebt, was man besitzt.
Schulterschluss mit Ansage
In diesem Zusammenhang wirkt auch der „Schulterschluss der Demokraten“ wie eine Gymnastikübung mit politischer Choreografie. Der Begriff wurde in der DDR mit jener Ernsthaftigkeit verwendet, die nur Systeme aufbringen, die ihre Geschlossenheit täglich beschwören müssen. Der Schulterschluss sollte demokratische Strömungen zusammenführen – wobei die Definition von „demokratisch“ selbstverständlich der staatlich lizenzierten Auslegung entsprach. Es war ein Schulterschluss unter Aufsicht, eine Einigkeit mit Gebrauchsanweisung. Wer die falsche Schulter mitbrachte, stand plötzlich außerhalb der Formation.
Das Wort selbst hat etwas Militärisches, etwas von Exerzierplatz und Fahnenappell. Man rückt zusammen, man steht stramm, man bildet eine Front. Und natürlich geschieht das alles im Namen der Demokratie, jenes schillernden Begriffs, der offenbar alles sein kann: Volkswille, Parteiprogramm, Staatsdoktrin, moralische Keule. In der DDR bedeutete der Schulterschluss vor allem eines: die disziplinierte Harmonisierung des Sagbaren. Dissens war kein Beitrag, sondern ein Störgeräusch.
Die Wiederkehr der possessiven Rhetorik
Nun könnte man sich beruhigt zurücklehnen und sagen: Das war einmal, im Land der Mangelwirtschaft und der Dauerparole. Doch Sprache ist ein Langstreckenläufer. Sie überlebt Systeme, wechselt Kostüme und taucht plötzlich wieder auf, geschniegelt und gebügelt, im Vokabular moderner Demokratieretter. Wenn heute mit ernster Miene „unsere Demokratie“ beschworen wird, oft garniert mit exakt jener Schutzrhetorik, die schon bei Honecker zu finden war, dann lohnt es sich, kurz innezuhalten. Nicht, um billige Gleichsetzungen zu betreiben – Geschichte ist kein Copyshop –, sondern um die historische Patina dieses Begriffs zu erkennen.
Denn wer ständig „unsere Demokratie“ sagt, spricht nicht nur über ein politisches System, sondern über Besitz, Zugehörigkeit und Abgrenzung. Das „Unsere“ schafft ein Innen und ein Außen. Es ist eine Einladung mit implizitem Türsteher. Und sobald von Schutz die Rede ist, von Kräften, die „anzutasten oder gar zu zerstören versuchen“, wird aus der Debatte ein Verteidigungsfall. Kritik rückt gefährlich nah an den Verdacht der Illoyalität.
Das heißt nicht, dass Demokratien sich nicht verteidigen dürften oder sollten. Im Gegenteil. Aber vielleicht wäre es heilsam, dabei weniger auf das Pathos des Besitzes und mehr auf die Nüchternheit des Prinzips zu setzen. Demokratie ist kein Familienbetrieb, dessen Markenname gegen Produktpiraten verteidigt werden muss. Sie ist ein Verfahren, ein Versprechen, ein permanenter Streit unter Gleichen. Wer sie zu sehr umarmt, läuft Gefahr, ihr die Luft abzudrücken.
Ironie der Geschichte mit Eigentumsvorbehalt
Die eigentliche Pointe liegt in der historischen Ironie: Ein autoritärer Staat nannte sich demokratisch und sprach von „unserer Demokratie“, um Abweichung zu delegitimieren. Jahrzehnte später wird derselbe Begriff mit ähnlicher Emphase verwendet – selbstverständlich in einem völlig anderen Kontext –, und doch bleibt ein leiser Beigeschmack. Sprache vergisst nicht. Sie speichert Machtansprüche wie alte Tapeten den Rauch vergangener Jahrzehnte.
Vielleicht wäre es daher klüger, weniger von „unserer Demokratie“ zu reden und mehr von der Demokratie als offener Ordnung, die gerade nicht im Besitz einer politischen Klasse, eines moralischen Milieus oder einer selbsternannten Front der Anständigen steht. Demokratie braucht keinen Schulterschluss, der wie ein Gruppenfoto vor dem Denkmal der eigenen Tugend wirkt. Sie braucht Widerspruch, Reibung, gelegentlich auch Zumutungen.
Wer also heute in feierlichem Tonfall „unsere Demokratie“ beschwört, sollte zumindest wissen, dass er eine Vokabel mit Vergangenheit benutzt – eine Kampfvokabel, die einst dazu diente, die Grenzen des Sagbaren zu ziehen. Das bedeutet nicht, dass man sie nie wieder verwenden darf. Aber vielleicht sollte man sie mit Vorsicht anfassen, wie ein historisches Ausstellungsstück hinter Glas.
Denn Demokratie, wenn sie ihren Namen verdient, gehört niemandem. Und sobald jemand beginnt, sie allzu possessiv zu streicheln, darf man höflich, vielleicht sogar augenzwinkernd fragen: Wessen „unsere“ eigentlich?