Die moralische Einkaufstüte

Plastikverbote haben etwas Beruhigendes. Sie sind wie diese schlichten Holzperlenketten aus dem Weltladen: Man legt sie sich um, fühlt sich sofort besser und muss nichts weiter erklären. Auf dem Papier – diesem heroisch unterschätzten Rohstoff aus gefällten Bäumen – klingen sie nach Erlösung. Endlich etwas Konkretes, Endlich etwas Verbotenes, Endlich ein klares Gut und ein ebenso klares Böse. Plastik ist das neue Rauchen: unästhetisch, ungesund, gesellschaftlich geächtet. Wer noch eine Plastiktüte benutzt, steht moralisch irgendwo zwischen Dieselfahrer und Kohlekraftwerksbetreiber. Dass diese Plastiktüte in vielen Fällen ökologisch sinnvoller ist als ihre papierenen, hölzernen oder baumwollenen Ersatzreligionen, stört die Dramaturgie. Und Dramaturgie ist im Umweltdebattenbetrieb wichtiger als Physik, Chemie oder Mathematik.

Denn Verbote funktionieren kommunikativ hervorragend. Sie sind einfach, fotogen und laden zu moralischer Selbstüberhöhung ein. Wer etwas verbietet, muss nichts erklären, sondern nur Haltung zeigen. Wer etwas benutzt, muss sich rechtfertigen. Plastik ist dabei der perfekte Sündenbock: sichtbar, greifbar, emotional aufgeladen. Dass der eigentliche ökologische Schaden oft weniger vom Material als von Menge, Nutzung und Entsorgung abhängt, ist eine Fußnote – und Fußnoten haben noch nie einen Applaus auf einer Klimakonferenz ausgelöst.

COP30 und das große Wiederholungsritual

Auf der COP30 – wie schon auf der COP29, COP28 und allen COPs davor – wird man wieder hören, was man immer hört. Plastik verbieten. Unternehmen stärker regulieren. Kosten erhöhen. Am besten alles gleichzeitig, möglichst schnell und unter Applaus. Die Rhetorik ist ritualisiert, fast liturgisch. Plastik wird beschworen wie ein Dämon, den man nur laut genug exorzieren muss, damit er verschwindet. Differenzierung gilt als Schwäche, Skepsis als Verrat, Zahlen als neoliberale Ablenkung. Wer fragt, ob ein Verbot wirklich zu weniger Umweltbelastung führt oder nur zu teureren, schwereren und ressourcenintensiveren Alternativen, hat den Geist der Konferenz offenbar nicht verstanden.

Unternehmen werden dabei gerne als gierige Materialisten dargestellt, die nur aus Bosheit Plastik einsetzen. Die banale Wahrheit – dass Plastik oft genutzt wird, weil es leicht, langlebig, hygienisch und energieeffizient herzustellen ist – passt nicht ins Narrativ. Es ist einfach unerquicklich, wenn das Böse plötzlich praktische Vorteile hat. Also tut man so, als ließe sich die Welt retten, indem man Materialien austauscht wie Requisiten in einem Theaterstück. Plastik raus, Papier rein, Applaus, nächste Agenda-Punkt.

Papier, Holz und Baumwolle: Die heiligen Kühe aus Zellulose

Papier klingt natürlich. Holz klingt warm. Baumwolle klingt weich und unschuldig. Alles daran suggeriert Reinheit, Waldluft und moralische Überlegenheit. Leider sind diese Materialien ökologisch so harmlos wie ein SUV mit Bambusverkleidung. Papier benötigt enorme Mengen Wasser, Energie und Chemikalien, wird schwer transportiert und reißt gern genau dann, wenn man es nicht gebrauchen kann. Holz wächst langsam, beansprucht Fläche und wird – Überraschung – ebenfalls gefällt. Baumwolle ist ein ökologischer Albtraum mit PR-Agentur: wasserintensiv, pestizidlastig und in vielen Regionen mit massiven sozialen Problemen verbunden.

Trotzdem gelten diese Materialien als „gut“, weil sie vertraut sind und sich gut anfühlen. Niemand empört sich über abgeholzte Wälder für Einwegverpackungen, solange diese sich „plastikfrei“ nennen dürfen. Niemand rechnet nach, wie oft eine Baumwolltasche benutzt werden müsste, um ihre ökologische Schuld abzutragen – Spoiler: sehr oft. Aber rechnen ist unerquicklich. Rechnen zerstört die Illusion, dass man durch Materialfetischismus die Welt rettet.

Der Preis der guten Absicht

Natürlich kostet das alles Geld. Papier-, Holz- und Baumwollalternativen sind nicht nur ökologisch oft schlechter, sondern auch teurer – zwei-, drei-, manchmal siebenmal so teuer. Diese Kosten verschwinden nicht im moralischen Nirwana, sondern landen dort, wo sie immer landen: beim Verbraucher. Der zahlt mehr für Produkte, die schneller kaputtgehen, schwerer sind und öfter ersetzt werden müssen. Fortschritt fühlt sich dann an wie Rückschritt mit Aufpreis. Aber immerhin kann man sich beim Bezahlen innerlich auf die Schulter klopfen: Man hat ja etwas Gutes getan.

Diese Verteuerung trifft natürlich alle, aber besonders jene, die sich ökologische Symbolpolitik am wenigsten leisten können. Nachhaltigkeit wird so zur Lifestyle-Option für Gutverdiener, während der Rest lernt, dass Moral offenbar eine Frage des Kontostands ist. Doch auch das wird selten thematisiert, denn soziale Gerechtigkeit endet oft dort, wo sie unbequem wird – oder wo sie die Erzählung stört, dass Verbote automatisch Fortschritt bedeuten.

Die satirische Pointe der Nachhaltigkeit

Am Ende ist das Plastikverbot ein wunderbar ironisches Projekt. Man ersetzt ein effizientes, leichtes und vielseitiges Material durch schwerere, ressourcenintensivere Alternativen, erklärt dies zum Sieg über die Umweltzerstörung und wundert sich später, warum Emissionen, Kosten und Frustration steigen. Man verbietet, reguliert und verteuert – und nennt das Verantwortung. Die Realität antwortet mit höheren Preisen, schlechterer Qualität und dem leisen, aber hartnäckigen Gefühl, dass hier etwas nicht ganz aufgeht.

Vielleicht ist das die eigentliche Tragikomödie unserer Zeit: Wir führen erbitterte Kulturkämpfe gegen Materialien, statt gegen Verschwendung, schlechte Entsorgung und gedankenlosen Konsum. Wir lieben Verbote mehr als Lösungen und Symbole mehr als Systeme. Plastik ist dabei nur das Opferlamm, das wir regelmäßig schlachten, um unser ökologisches Gewissen zu beruhigen. Und während wir uns über plastikfreie Verpackungen freuen, zahlen wir brav mehr – für Alternativen, die uns das gute Gefühl geben, auf der richtigen Seite zu stehen, selbst wenn diese Seite ökologisch betrachtet erstaunlich wackelig ist.

Segen sei mit ihm

Der Anspruch der Ewigkeit und die Tyrannei des Augenblicks

Der Anspruch allgemeiner Gültigkeit ist die große rhetorische Währung heiliger Texte: Was hier gesagt wird, so die implizite Drohung, gilt immer, überall und für alle. Wer den Koran jedoch konsequent entlang der Biographie des Propheten liest und zusätzlich die Logik der Abrogation ernst nimmt, dem zerbröselt dieser Anspruch zwischen den Fingern wie zu trockenes Fladenbrot. Denn was bleibt von der Ewigkeit, wenn sich Gebote, Verbote und moralische Imperative auffällig synchron zu den Lebensumständen eines einzelnen Mannes verändern? Die mekkanischen Suren predigen Geduld, Gewaltlosigkeit und die Schönheit des Erduldens, nicht weil diese Tugenden zeitlos überlegen wären, sondern weil sie für eine machtlose Minderheit funktional sind. In Medina hingegen, wo Macht, Waffen und politische Verantwortung ins Spiel kommen, wird aus Geduld plötzlich Kampfbereitschaft, aus Toleranz Abgrenzung, aus moralischem Universalismus eine fein säuberlich regulierte Gemeinschaft mit klaren Innen und Außenlinien. Wer hier noch von allgemeiner Gültigkeit spricht, muss erklären, warum das Allgemeine so verdächtig oft deckungsgleich ist mit dem jeweils biografisch Nützlichen.

Abrogation als theologische Schadensbegrenzung

Die Lehre von der Abrogation wirkt bei näherem Hinsehen weniger wie ein tiefes metaphysisches Prinzip als wie eine hastig errichtete Stützkonstruktion, um den Einsturz des Universalitätsanspruchs zu verhindern. Wenn ein späterer Vers einen früheren aufhebt, dann wird damit nicht nur ein theologisches Problem gelöst, sondern ein historisches offengelegt: Offenbarung ist offenbar nicht unabhängig von Zeit, Ort und politischer Lage. Polemisch zugespitzt könnte man sagen, dass die Abrogation genau das Gegenteil dessen beweist, was sie retten soll. Sie zeigt, dass Normen nicht deshalb gelten, weil sie wahr sind, sondern weil sie in einer bestimmten Situation durchsetzbar erscheinen. Der Gedanke, dass Gott seine eigenen Aussagen relativiert, um den wechselnden Bedürfnissen seines Propheten zu entsprechen, ist für die Idee ewiger Moral verheerend. Satirisch betrachtet ähnelt das weniger einer himmlischen Weisheit als einem Vertragswerk mit ständig nachgereichten Fußnoten, in denen steht, dass Absatz drei nur gilt, solange Absatz sieben noch nicht offenbart ist.

Der Prophet als Maß aller Dinge und aller Zeiten

Stellt man die Biographie des Propheten radikal ins Zentrum der Textauslegung, wird der Koran weniger zu einem Buch für die Menschheit als zu einem Begleitprotokoll eines außergewöhnlichen Lebens. Jeder biografische Einschnitt erzeugt seine eigene Theologie: Verfolgung erzeugt Trostverse, politische Konsolidierung erzeugt Gesetzestexte, militärischer Erfolg erzeugt Triumphrhetorik. Selbst intime Aspekte des Privatlebens finden ihren Weg in die Offenbarung und werden damit normativ aufgeladen. Der satirische Kern dieser Beobachtung liegt in der grotesken Asymmetrie: Aus sehr konkreten, sehr persönlichen Situationen werden Regeln abgeleitet, die Jahrhunderte später noch als allgemeingültig gelten sollen. Dass eine Offenbarung die ehelichen Arrangements eines Siebtjahrhundertmannes regelt und damit implizit vorgibt, etwas über universelle Moral zu sagen, ist literarisch betrachtet kühn und philosophisch betrachtet fragwürdig. Kritisch formuliert: Je genauer man hinschaut, desto weniger spricht der Text zur Menschheit und desto mehr spricht er zu und über Muhammad.

Universalität als nachträgliche Illusion

Die Vorstellung, der Koran sei unabhängig von seiner Entstehungszeit verständlich und gültig, erweist sich bei biografischer Lektüre als fromme Illusion. Ohne Kenntnis der Lebensumstände des Propheten bleiben viele Verse rätselhaft, widersprüchlich oder schlicht unverständlich. Mit dieser Kenntnis werden sie verständlich, verlieren aber genau dadurch ihren universellen Anspruch. Denn was nur im Kontext funktioniert, ist per Definition nicht allgemein. Der Text wird so zu einer Art historischer Dramaturgie, in der Gott die Rolle des allwissenden Erzählers übernimmt, der jedoch erstaunlich gut über die tagespolitischen Sorgen seines Protagonisten informiert ist. Der Zynismus liegt darin, dass diese Kontextabhängigkeit später in einen Absolutheitsanspruch umgedeutet wird: Aus situativen Antworten werden zeitlose Wahrheiten, aus biografischer Notwendigkeit ewige Norm. Die Allgemeingültigkeit erscheint damit weniger als Eigenschaft des Textes denn als Projekt seiner späteren Leser.

Schlussbemerkung über Heiligkeit und Maßstab

Ein Koran, der konsequent nach Abrogation und Prophetenbiographie gelesen wird, ist kein Buch der Ewigkeit, sondern eines der Anpassung. Das muss man nicht moralisch verurteilen, aber man sollte es intellektuell ernst nehmen. Die satirische Pointe besteht darin, dass ausgerechnet ein Text, der den Anspruch erhebt, überzeitlich zu sein, sich als besonders zeitgebunden erweist. Seine Normen wachsen, verändern sich und widersprechen einander in genau dem Maß, wie sich das Leben seines Verkünders verändert. Wer daraus dennoch allgemeingültige Regeln ableiten will, betreibt weniger Exegese als Mythologie. Vielleicht ist das die ehrlichste Lehre dieser Lektüre: Nicht dass der Text nichts zu sagen hätte, sondern dass er vor allem etwas über seine Entstehungsbedingungen sagt. Und dass der Anspruch auf universelle Gültigkeit weniger eine Eigenschaft des Koran ist als der Wunsch seiner Ausleger, die eigene Geschichte zur Geschichte aller zu erklären.

Ganz mein Humor

Polizeischutz als Normalzustand

Es gehört inzwischen zur bundesrepublikanischen Folklore wie der Tatort am Sonntag oder das betretene Schweigen bei Familienfeiern: Jüdisches Leben findet unter Polizeischutz statt. Nicht punktuell, nicht an hohen Feiertagen, sondern routinemäßig, dauerhaft, wie eine zweite, unfreiwillige Architektur jüdischer Existenz. Synagogen sind befestigte Zonen, Gemeindehäuser sicherheitsüberprüfte Areale, Kindergärten Objekte mit Zufahrtssperren. Wer hier von „Normalität“ spricht, meint eine Normalität mit Maschinenpistole. Der Zentralrat der Juden rät davon ab, in bestimmten Vierteln offen jüdische Identität zu zeigen – nicht aus modischer Zurückhaltung, sondern aus Sicherheitsgründen. Die Kippa, einst religiöses Symbol, ist zur Risikokennzeichnung geworden. Und wer bei einer Veranstaltung eine israelische Fahne schwenkt, sollte sich weniger um den Wind als um Fluchtwege sorgen. Das alles sind keine polemischen Zuspitzungen, sondern nüchterne Hinweise aus der Praxis. Die Pointe daran ist nur: Man hat sich daran gewöhnt. Die Sirene im Hintergrund ist zum Grundrauschen der Republik geworden.

Die unsichtbare Selbstverständlichkeit der Gefahr

Es ist eine eigentümliche Leistung der politischen und kulturellen Elite, diese Lage gleichzeitig zu benennen und zu neutralisieren. Man weiß, dass es gefährlich ist, Jude zu sein, aber man weiß es auf eine so sanfte, abgefederte Weise, dass daraus keine Zumutung für das eigene Weltbild entsteht. Antisemitismus wird verurteilt, selbstverständlich, aber möglichst abstrakt, möglichst historisch, möglichst entkoppelt von aktuellen Milieus. Dass bestimmte Formen des Judenhasses heute vor allem aus bestimmten sozialen und kulturellen Kontexten kommen, gilt als unschickliche Präzisierung, als Störung der wohltemperierten Empörung. Lieber spricht man vom „gesellschaftlichen Klima“, von „Spannungen“, von „Herausforderungen“. Das ist der Moment, in dem Sprache nicht mehr aufklärt, sondern polstert. Die reale Gefahr wird in Watte gepackt, damit sie niemanden piekst, der sich ideologisch ungern piksen lässt. Der Preis dafür ist eine merkwürdige Verkehrung: Diejenigen, die bedroht sind, sollen vorsichtig sein, während diejenigen, aus deren Umfeld die Bedrohung häufig kommt, vor allem sensibel behandelt werden.

Zusammenhalt als semantischer Weichzeichner

Und dann tritt der Staat auf die Bühne, genauer: der Berliner Senat, diese institutionalisierte Mischung aus Ernstfallverwaltung und performativer Moral. „Den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken“ lautet das erklärte Ziel, ein Satz so weich und rund wie ein gut gekneteter Pizzateig. Wer wollte dagegen sein? Zusammenhalt ist das politische Äquivalent zu Vitaminen: immer gut, nie falsch dosierbar, nie konkret. Folgerichtig erklärt man den 15. März offiziell zum Tag gegen Islamophobie. Ein Akt symbolischer Fürsorge, der vor allem eines beweist: Symbolpolitik ist dann am schönsten, wenn sie sich nicht mit der widerspenstigen Wirklichkeit anlegen muss. Während jüdische Einrichtungen geschützt werden müssen wie gefährdete Arten, richtet man den staatlichen Fokus auf die gefühlte Verletzlichkeit einer anderen Gruppe – nicht, weil diese keine Probleme hätte, sondern weil dieses Thema bequemer ist. Es verlangt keine Auseinandersetzung mit importierten Ressentiments, keine konfliktreiche Debatte über Werte, Normen und Grenzen. Es erlaubt moralische Erhabenheit ohne Risiko. Kannste nicht erfinden, möchte man sagen, aber genau das ist es: eine erfundene Prioritätensetzung.

Die Ironie der wohlmeinenden Schieflage

Die eigentliche Satire schreibt sich hier selbst, ganz ohne literarische Anstrengung. In einer Stadt, in der jüdische Eltern ihre Kinder nicht ohne Sicherheitskonzept in die Schule schicken, erklärt die Politik einen Aktionstag gegen Islamophobie zum Beitrag des Zusammenhalts. Das ist, als würde man bei Hochwasser einen Workshop über die Gefühle der Deiche veranstalten. Natürlich gibt es Islamfeindlichkeit, natürlich sind pauschale Verdächtigungen falsch und gefährlich. Aber der politische Witz liegt in der Asymmetrie: Die reale, statistisch belegbare Bedrohung jüdischen Lebens wird verwaltet, während die symbolische Kränkung anderer Gruppen zelebriert wird. Der Staat agiert wie ein Gastgeber, der den brennenden Vorhang ignoriert, um sich ausführlich um die Befindlichkeiten der Gäste zu kümmern. Das ist keine Böswilligkeit, sondern eine Mischung aus Angst vor Konflikten und der Lust an moralischer Selbstvergewisserung. Man möchte auf der richtigen Seite stehen, koste es, was es wolle – zur Not auch die intellektuelle Redlichkeit.

Satire als letzter Realismus

Vielleicht bleibt am Ende nur der zynische Humor als Überlebensstrategie. Ein Augenzwinkern, das weniger aus Heiterkeit als aus Ermüdung geboren ist. Wenn der Staat „Zusammenhalt“ beschwört, während er faktisch Parallelrealitäten absichert, dann ist das kein Skandal mehr, sondern Routine. Die Polizei vor der Synagoge, der gut gemeinte Aktionstag im Kalender, die wohlfeilen Erklärungen – alles greift ineinander wie Zahnräder einer Maschine, die erstaunlich reibungslos läuft, solange niemand fragt, wohin sie eigentlich fährt. Satire hat hier die undankbare Aufgabe, das Offensichtliche auszusprechen, ohne dabei in platte Anklage zu verfallen. Sie zeigt auf die Absurdität einer Lage, in der Schutz zur Normalität geworden ist und Symbolpolitik zur Ersatzhandlung. Lachen kann man darüber nur noch mit einem leichten Ziehen im Magen. Aber vielleicht ist genau dieses Lachen, halb bitter, halb trotzig, der letzte Rest von Zusammenhalt, der nicht verordnet werden kann.

Das große westliche Gelöbnis der Nichtverteidigung

Man könnte die Geschichte der Menschheit auch als eine endlose Abfolge missverstandener Einladungen lesen: Jemand besitzt etwas, ein anderer begehrt es, und irgendwann wird aus Begehren Bewegung. Raum wird betreten, Arbeitskraft verplant, Körper verfügbar gemacht, Güter umverteilt, Infrastruktur übernommen. Die alten Gesellschaften, so unerquicklich sie waren, hatten dafür eine unromantische, aber robuste Antwort parat: Verteidigung. Nicht aus Bosheit, sondern aus Selbsterhaltung. Der Westen jedoch hat sich zu etwas Höherem entschlossen – zumindest hält er sich dafür. Er hat aus der Verteidigung eine moralische Todsünde gemacht und stattdessen ein feierliches Gelöbnis formuliert, das unausgesprochen über Schulhöfen, Universitäten und Leitartikeln schwebt wie Weihrauch in einer säkularen Kathedrale. Ein Gelöbnis, das mit erstaunlicher Konsequenz wiederholt wird, bis es nicht mehr wie Kapitulation klingt, sondern wie Charakterstärke.

Wir werden unsere Kultur nicht verteidigen

Wir werden unsere Kultur nicht verteidigen, denn Kultur gilt als etwas Unangenehmes, sobald sie mehr ist als bunte Küche, harmlose Musik und museal entschärfte Rituale. Kultur, die Normen setzt, Erwartungen formuliert oder gar Loyalität einfordert, riecht sofort nach Ausgrenzung. Also erklären wir sie für unverbindlich, verhandelbar und letztlich verzichtbar. Wer dennoch auf ihr besteht, gilt als rückwärtsgewandt, mindestens aber als peinlich. Dass andere Kulturen ihre eigenen Selbstverständlichkeiten sehr wohl ernst nehmen und verteidigen, wird als folkloristische Eigenheit verbucht. Die eigene Kultur hingegen soll sich wie ein Gas verhalten: überall präsent, aber nirgends greifbar, schon gar nicht widerständig.

Wir werden unser Erbe nicht verteidigen

Wir werden unser Erbe nicht verteidigen, weil Erbe Besitz impliziert und Besitz moralisch suspekt ist. Geschichte ist nur dann akzeptabel, wenn sie als endlose Schuldgeschichte erzählt wird, aus der sich vor allem Verpflichtungen ableiten lassen – aber keine Ansprüche. Bauwerke, Institutionen, Rechtsordnungen, soziale Errungenschaften gelten weniger als Leistung früherer Generationen denn als problematisches Kapital, das man möglichst rasch umwidmen sollte. Verteidigung des Erbes käme einer Anerkennung gleich, dass nicht alles zufällig entstanden ist und nicht alles beliebig ersetzt werden kann. Also wird das Erbe entkernt, relativiert und zur offenen Baustelle erklärt, auf der jeder mitreden darf – außer jenen, die sich tatsächlich dafür verantwortlich fühlen.

Wir werden unseren Glauben nicht verteidigen

Wir werden unseren Glauben nicht verteidigen, selbst dann nicht, wenn wir ihn offiziell längst aufgegeben haben. Denn auch die Abwesenheit von Glauben ist ein Glaubenssystem, nur eines, das sich selbst für neutral hält. Überzeugungen sind verdächtig, insbesondere dann, wenn sie tief sitzen und nicht bei der ersten moralischen Ermahnung einknicken. Also ersetzt man sie durch Werte, die so allgemein formuliert sind, dass sie niemanden verpflichten. Der eigene geistige Kern soll weich sein, flexibel, konfliktvermeidend. Dass andere Überzeugungen durchaus verteidigt, eingefordert und notfalls durchgesetzt werden, gilt als kulturelle Eigenlogik, die man respektieren müsse – während man die eigene Überzeugungslosigkeit als Fortschritt feiert.

Wir werden unsere Frauen nicht verteidigen

Wir werden unsere Frauen nicht verteidigen, zumindest nicht im Sinne von Schutz vor realen Bedrohungen. Wir verteidigen abstrakte Frauenbilder, Diskurse, Sprachregelungen, Kampagnen. Der konkrete Schutz, der unangenehme Fragen nach Tätern, Ursachen und Grenzen aufwirft, ist hingegen heikel. Denn er könnte implizieren, dass nicht alle Menschen gleich harmlos sind und dass manche Verhaltensweisen nicht nur missverstanden, sondern inakzeptabel sind. Also wird umgedeutet, relativiert, beschwichtigt. Die Frau wird zum Symbol, aber nicht zum Schutzgut. Wer darauf hinweist, riskiert, als unsensibel zu gelten – ein schwereres Vergehen als reale Gefährdung.

Wir werden unsere Kinder nicht verteidigen

Wir werden unsere Kinder nicht verteidigen, weil Kinder heute vor allem Projektionsflächen sind. Man verteidigt ihre Gefühle, ihre Identitäten, ihre vermeintliche Freiheit von Zumutungen – aber nicht ihre Sicherheit im umfassenden Sinn. Kinder sollen früh lernen, dass Grenzen schlecht, Autorität verdächtig und Selbstbehauptung problematisch ist. Sie werden erzogen zu weltoffenen Bewohnern einer Welt, die angeblich keine Konflikte kennt, während man ihnen gleichzeitig jede robuste Strategie zur Bewältigung realer Konflikte aberzieht. Verteidigung würde bedeuten, dass es Dinge gibt, die schützenswert sind, und andere, die man klar zurückweisen muss. Das passt schlecht zur Erzählung von der grenzenlosen Offenheit.

Offen, tolerant, wehrlos

Denn am Ende steht der zentrale Glaubenssatz dieses Gelöbnisses: Würden wir irgendetwas davon verteidigen, wären wir nicht mehr offen und tolerant. Offenheit wird dabei mit Schutzlosigkeit verwechselt, Toleranz mit Selbstverzicht. Es ist eine Moral, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie sich selbst für überlegen hält, während sie systematisch die Voraussetzungen ihrer eigenen Existenz untergräbt. Satirisch betrachtet ist das eine erstaunlich konsequente Haltung: Man verzichtet freiwillig auf alles, was einen zusammenhält, und ist dann überrascht, wenn nichts mehr hält. Vielleicht ist das die letzte Ironie des Westens – dass er aus Angst, hart zu wirken, lieber zerbricht und sich dabei einredet, es handle sich um moralischen Fortschritt.

Der langsame Abstieg,

von der Hyde Park Corner zur digitalen Fußfessel

Es gibt Nationen, die ihre Freiheit mit Pathos feiern, andere, die sie mit Blut verteidigen, und wieder andere, die sie so lange verwalten, bis niemand mehr genau weiß, wo sie eigentlich abgeblieben ist. Großbritannien gehört traditionell zur ersten Kategorie: Magna Carta, Habeas Corpus, Speaker’s Corner – die britische Selbstbeschreibung als Wiege der bürgerlichen Freiheit ist so tief eingeprägt wie der Geruch von feuchtem Tweed. Und doch hat sich, fast unbemerkt und mit der Höflichkeit eines gut erzogenen Butlers, etwas verschoben. Die Meinungsfreiheit ist nicht abgeschafft worden, nein, das wäre unbritisch. Sie ist vielmehr in eine Art Dauerbewährung versetzt worden: Man darf alles sagen – solange es niemanden stört, niemand es missversteht, niemand es meldet und solange ein Polizist im Zweifel nicht der Meinung ist, man hätte es besser lassen sollen. Dass die Polizei mittlerweile mit bemerkenswertem Eifer selbst gegen weitestgehend harmlose, oft explizit nicht strafbare Äußerungen vorgeht, ist dabei weniger der Skandal als das Symptom. Die eigentliche Frage lautet: Wie konnte eine Gesellschaft, die einst das Recht auf Unbequemlichkeit als zivilisatorische Tugend verstand, so weit kommen, dass sie Beleidigtsein zur ordnungspolitischen Kategorie erhebt?

Die Ausdehnung des Guten bis zur Erstickung

Der britische Staat hat ein Problem, das viele spätmoderne Demokratien kennen: Er will gut sein. Nicht nur rechtsstaatlich korrekt, sondern moralisch einwandfrei, empathisch, sensibel, inklusiv – ein Staat mit Soft Skills. Diese moralische Aufrüstung hat einen paradoxen Effekt: Je mehr man schützen will, desto größer wird der Kreis dessen, was potenziell schützenswert verletzt werden könnte. Worte werden zu Mikroaggressionen, Meinungen zu potenziellen Gefährdungslagen, Ironie zu einer Form semantischer Umweltverschmutzung. Die Polizei, traditionell Hüterin von Ordnung und Gesetz, wird so unmerklich zur Hüterin des guten Tons umfunktioniert. Sie registriert Vorfälle, führt sogenannte „Non-Crime Hate Incidents“, also Ereignisse ohne Straftatbestand, aber mit schlechtem Gefühl. Dass eine solche Kategorie existiert, ist bereits ein literarischer Akt von kafkaesker Eleganz: ein Protokoll über etwas, das offiziell nichts ist, aber trotzdem Folgen haben kann. Der Staat lernt hier nicht, weniger einzugreifen, sondern subtiler. Er verhaftet nicht – er notiert. Er verbietet nicht – er ermahnt. Und weil all das im Namen des Guten geschieht, wirkt jeder Widerspruch wie moralische Fahrlässigkeit.

Polizei als Pädagoge und Therapeut

Was früher der Dorfpfarrer oder der gestrenge Onkel beim Sonntagsessen übernahm, erledigt heute der Streifenwagen: moralische Nachhilfe. Polizisten klingeln nicht mehr nur, wenn ein Einbruch gemeldet wurde, sondern auch, wenn jemand im Internet etwas gesagt hat, das jemand anderem missfallen könnte. Oft endet das Gespräch ohne Anzeige, ohne Verfahren, ohne Urteil – aber nicht ohne Wirkung. Denn die Botschaft ist klar: Wir haben dich gesehen. Wir wissen, was du denkst. Und wir möchten, dass du in Zukunft besser darüber nachdenkst, ob du es auch sagst. Diese Praxis ist juristisch oft einwandfrei, politisch bequem und psychologisch verheerend. Sie erzeugt genau das, was man früher „chilling effect“ nannte: eine Kälte, die sich über den öffentlichen Diskurs legt und spontane Meinungsäußerung in vorsorgliches Schweigen verwandelt. Die Polizei wird dabei nicht zum Tyrannen, sondern zum Sozialarbeiter mit Bodycam – und gerade das macht sie so effektiv. Wer will schon der Mensch sein, der nach einem „freundlichen Hinweis“ der Polizei trotzig auf Meinungsfreiheit pocht? Das wirkt schnell so unsympathisch wie jemand, der laut hustend behauptet, sein Gegenüber überreagiere.

Die Angst vor dem Chaos und die Sehnsucht nach Ruhe

Hinter all dem steht eine tiefe gesellschaftliche Erschöpfung. Großbritannien ist müde: von Klassenkonflikten, von Identitätsdebatten, von kulturellen Brüchen, von der eigenen Geschichte. In dieser Müdigkeit erscheint Meinungsfreiheit nicht mehr als belebender Streit, sondern als Lärm. Und Lärm möchte man regulieren. Die Polizei wird so zum Instrument einer kollektiven Sehnsucht nach Ruhe, nach Harmonie, nach einem öffentlichen Raum ohne Reibung. Dass Reibung der Motor jeder lebendigen Demokratie ist, gerät dabei aus dem Blick. Stattdessen wird Dissens als Risiko begriffen, als etwas, das eskalieren könnte, wenn man es nicht frühzeitig einfängt. Also fängt man nicht Taten ein, sondern Stimmungen. Man kontrolliert nicht Gewalt, sondern mögliche Kränkungen. Der Schritt von dort zur präventiven Erziehung der Bevölkerung ist klein – und wird kaum bemerkt, weil er nicht mit Stiefeln, sondern mit Formularen kommt.

Satirisches Nachwort aus dem Land der leisen Sirenen

Vielleicht ist das britische Modell der eingeschränkten Meinungsfreiheit gar kein Ausrutscher, sondern ein Exportartikel der Zukunft: autoritär ohne Autoritarismus, repressiv ohne Repression, freiheitlich im Prospekt und betreut in der Praxis. Ein System, in dem man alles sagen darf, aber nicht alles sollte, und in dem die Polizei freundlich daran erinnert, was man besser nicht denkt, wenn man seine Ruhe haben will. Die Ironie ist bitter und zugleich typisch britisch: Ausgerechnet das Land, das der Welt den Begriff der „liberty“ geschenkt hat, verwaltet sie nun wie eine empfindliche Antiquität – schön anzusehen, aber bitte nicht anfassen. Und so sinkt die Meinungsfreiheit nicht mit einem Knall, sondern mit einem höflichen Räuspern. Man entschuldigt sich sogar dabei. Was bleibt, ist die leise Frage, ob Freiheit, die man nur noch flüsternd genießen darf, ihren Namen überhaupt noch verdient.

Der nackte Bürger im Nebel der Normen

Es gibt Orte, an denen der Mensch sich freiwillig entkleidet, um – paradox genug – zu sich selbst zu kommen. Die Sauna gehört dazu, jener feuchte Zwischenraum aus Holz, Dampf und sozialdemokratischer Gleichheit, in dem Professorinnen neben Paketboten schwitzen, der Körper seine Titel verliert und die Brille beschlägt. Man glaubt dort, für einen kurzen Moment, dem allgegenwärtigen Blick der Welt entkommen zu sein. Und dann steht da einer mit dem Handy. Heimlich. Diskret. Unsichtbar sichtbar. Willkommen im deutschen Strafrecht, wo Nacktheit offenbar erst dann schützenswert ist, wenn sie unter einem Rock stattfindet oder hinter einer verschlossenen Toilettentür.

Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft Leipzig, ein Verfahren wegen heimlichen Filmens nackter Frauen in einer öffentlichen Sauna einzustellen, ist mehr als eine juristische Fußnote. Sie ist ein literarisch anmutendes Gleichnis über den Zustand eines Rechts, das mit bewundernswerter Präzision regelt, wann ein Rock zu kurz und ein Raum zu privat ist, dabei aber ausgerechnet dort ins Stottern gerät, wo der Mensch am verletzlichsten ist: nackt, arglos, im Dampf. Dass die Sauna kein „besonders geschützter Raum“ sein soll, klingt wie eine Pointe aus einem Kafkaesken Wellness-Ratgeber: Schwitzen ja, Schutz nein.

Der Gesetzgeber als Textilarbeiter

Das Strafgesetzbuch, so lernt man, denkt in Stoffen. § 184k StGB schützt vor dem Blick unter Röcke und in Ausschnitte, also vor Körperteilen, die „gegen Anblick geschützt“ sind. Der nackte Körper hingegen – vollständig, ehrlich, textilfrei – fällt aus diesem Raster. Er ist offenbar zu konsequent nackt, um strafrechtlich interessant zu sein. Der Gesetzgeber, dieser große Schneider der Moral, hat den Menschen immer noch lieber halb bekleidet. Wer alles zeigt, zeigt zu viel – und zugleich zu wenig, um geschützt zu werden.

So entsteht die groteske Situation, dass das heimliche Fotografieren eines bedeckten Intimbereichs strafbar ist, das heimliche Filmen eines vollständig nackten Körpers aber nicht zwingend. Der Rocksaum wird zur juristischen Frontlinie, die Sauna zur rechtsfreien Dampfzone. Man möchte lachen, wäre es nicht so unerquicklich. Denn hinter der juristischen Spitzfindigkeit verbirgt sich eine alltägliche Erfahrung: das Gefühl, beobachtet, fixiert, verewigt zu werden – ohne Einwilligung, ohne Kontrolle, ohne Möglichkeit, den eigenen Körper zurückzufordern.

Der besonders geschützte Raum und seine metaphysischen Probleme

Der Begriff des „besonders geschützten Raums“ ist ein schönes Beispiel für die metaphysischen Neigungen des Strafrechts. Er klingt nach sakraler Architektur, nach dicken Mauern und klaren Zuständigkeiten. Wohnung: geschützt. Toilette: geschützt. Umkleide: geschützt. Sauna? Nun ja. Offenbar nicht genug. Sie ist öffentlich, sagen die einen. Zugänglich für zahlende Gäste, sagen die anderen. Als ob der Eintrittspreis die Intimsphäre verdampfen ließe wie Schweiß auf heißen Steinen.

Dass Gerichte und Staatsanwaltschaften sich dabei auf ältere Rechtsprechung stützen, etwa auf einen Beschluss des OLG Koblenz aus dem Jahr 2008, wirkt wie ein Gruß aus einer vorsmartphonigen Epoche. Damals war das Handy noch kein permanenter Körperanhang, sondern ein Gerät, das man zum Telefonieren benutzte. Heute hingegen ist es Kamera, Archiv, Verbreitungsmaschine. Die Sauna von 2008 ist nicht die Sauna von 2025. Der Dampf ist derselbe, die technischen Augen sind es nicht.

Moral ist keine Straftat, aber manchmal ein Warnsignal

Mit einer gewissen juristischen Nüchternheit wird darauf hingewiesen, dass moralisch verwerfliches Verhalten nicht per se strafbar sein dürfe. Das ist richtig, wichtig und gefährlich zugleich. Denn es setzt voraus, dass Moral und Strafwürdigkeit stets sauber zu trennen sind. In der Realität aber sind moralische Intuitionen oft Frühwarnsysteme des Rechts. Wenn ein Verhalten kollektiv als übergriffig, erniedrigend, verletzend empfunden wird, lohnt es sich zumindest zu fragen, ob das Recht noch richtig kalibriert ist.

Das heimliche Filmen nackter Menschen ist kein Kavaliersdelikt, kein schlechter Witz im Wellnessbereich. Es ist ein Akt der Aneignung: Der Körper des anderen wird zum Objekt, zum Datensatz, zur potenziell ewigen Datei. In einer Zeit, in der Bilder nicht mehr verschwinden, sondern zirkulieren, kopiert, kontextlos wiederauftauchen, ist das Anfertigen der Aufnahme selbst bereits der entscheidende Übergriff. Wer hier nur auf das „Zugänglichmachen“ abstellt, verkennt die Gewalt des Moments, in dem die Kamera klickt – oder lautlos aufnimmt.

Die Experten, der Chor und die Kakophonie

Die strafrechtliche Debatte gleicht inzwischen einem gelehrten Chor, in dem sich Sopran und Bass widersprechen. Die einen sehen eine eklatante Schutzlücke, die anderen verweisen auf systematische Zurückhaltung, Ressourcenknappheit und die Gefahr der Überkriminalisierung. Wieder andere versuchen, § 201a StGB durch bauliche Kriterien zu retten: Ist der Raum geschlossen genug? Gibt es Fenster? Könnte theoretisch jemand hineinsehen? Als ließe sich Intimsphäre mit dem Zollstock messen.

Besonders überzeugend ist dabei der Gedanke, den nackten Körper unabhängig vom Ort stärker in den Fokus zu rücken. Nicht der Raum ist das eigentliche Schutzgut, sondern die Person in ihrer körperlichen Privatheit. Der Strand, die Sauna, der Umkleidebereich – sie alle unterscheiden sich, aber sie haben eines gemeinsam: Menschen gehen dort davon aus, nicht heimlich gefilmt zu werden. Dieses Vertrauen ist kein Luxus, sondern eine Voraussetzung sozialer Freiheit.

Der Staat im Dampf der Zukunft

Dass das Bundesjustizministerium nun prüft, ist die wohl deutscheste aller Reaktionen. Prüfen heißt hoffen, hoffen heißt vertagen. Währenddessen sammeln sich Petitionen, Empörung und reale Erfahrungen von Betroffenen. Das Versprechen, Strafbarkeitslücken bei bildbasierter sexualisierter Gewalt zu schließen, steht im Koalitionsvertrag wie ein gut gemeinter Vorsatz nach Neujahr. Die Frage ist nur, wann er eingelöst wird – und ob er den Mut aufbringt, das Problem an der Wurzel zu packen.

Denn es geht um mehr als Sauna und Smartphone. Es geht um ein Strafrecht, das noch immer räumlich denkt, während Übergriffe längst digital, mobil und ortsunabhängig geworden sind. Der Voyeur von heute braucht keine Schlüssellöcher mehr. Er braucht nur eine Kamera und eine Gesetzeslücke.

Schlussaufguss

Vielleicht wird man eines Tages auf diese Debatte zurückblicken und sich wundern, dass es ernsthaft strittig war, ob heimliches Filmen nackter Menschen strafwürdig ist. Bis dahin bleibt die Sauna ein Ort paradoxaler Freiheit: nackt, aber nicht geschützt; öffentlich, aber intim; warm, aber rechtlich kühl. Der Dampf lichtet sich langsam. Die Frage ist, ob das Recht mit ihm Schritt hält – oder weiterhin beschlägt.

Die Liebe zum moralisch handlichen Leichnam

»People Love Dead Jews« – dieser Satz ist so unerquicklich wie treffend, so unhöflich wie präzise. Er kratzt an einem Selbstbild, das sich gern als aufgeklärt, empathisch und geschichtsbewusst inszeniert, dabei aber eine ganz besondere Form der Bequemlichkeit kultiviert: die Zuneigung zu Juden, die nichts mehr sagen können. Tote Juden widersprechen nicht. Sie verlangen keine Solidarität im Jetzt, keine Positionierung im Streit, keine Zumutung im Alltag. Sie stellen keine unbequemen Fragen zur Gegenwart, zu Israel, zu Antisemitismus in linker, rechter oder migrantischer Gestalt. Sie liegen still, würdevoll, ästhetisch verfügbar. Und genau deshalb eignen sie sich so hervorragend als moralisches Rohmaterial. Man kann sie auf Denkmäler stellen, in Schulbücher drucken, in Sonntagsreden beschwören – und neuerdings eben auch mit modischen Accessoires ausstatten, die sie in den Dienst aktueller politischer Erzählungen stellen. Der tote Jude ist die vielleicht flexibelste Projektionsfläche der westlichen Moralindustrie.

Anne Frank als Leinwand der guten Absichten

Dass es wieder einmal Anne Frank trifft, ist kein Zufall, sondern beinahe zwangsläufig. Anne Frank ist die Heilige der säkularen Erinnerungskultur, das jüdische Kind, das niemand hassen darf, weil es tot ist, jung war und Tagebuch schrieb. Sie ist unschuldig genug, um universell zu sein, und konkret genug, um emotional zu wirken. Genau darin liegt ihre Gefährdung. Denn wer Anne Frank instrumentalisiert, kann sich fast sicher sein, nicht sofort als Zyniker erkannt zu werden. Man meint es ja gut. Man will doch nur mahnen, erinnern, verurteilen – Gewalt, Unterdrückung, Unfreiheit, das ganz große Böse in all seinen Erscheinungsformen. Dass man dabei aus einem konkreten jüdischen Schoa-Opfer eine abstrakte Weltgewissensfigur macht, fällt unter Kollateralschaden. Oder unter Kunstfreiheit. Oder unter engagierte Zeitdiagnose.

Wenn Anne Frank im Potsdamer Museum eine Kufiya trägt, dann ist das kein harmloser ästhetischer Einfall, sondern ein symbolischer Gewaltakt. Es ist die Enteignung einer historischen Person zugunsten einer politischen Botschaft. Die Kufiya ist kein neutrales Tuch, kein universelles Zeichen des Leids, sondern ein hoch aufgeladenes Symbol eines spezifischen nationalen Konflikts. Wer sie Anne Frank umlegt, erklärt ihr Leben, ihr Sterben und ihre Ermordung zur bloßen Folie für eine gegenwärtige Anklage – und diese Anklage richtet sich, man muss es nicht einmal zwischen den Zeilen lesen, gegen Israel. Aus dem jüdischen Opfer der Deutschen wird eine moralische Zeugin gegen den jüdischen Staat. Dialektik nennt man das wohl nur, wenn man sehr großzügig ist.

Der Universalismus als moralischer Fleischwolf

Natürlich spricht der Künstler vom Universellen. Das tun sie immer. Universell ist das Zauberwort, mit dem jede historische Spezifität weichgekocht wird, bis sie in jede beliebige politische Suppe passt. Anne Frank soll nicht mehr für die Schoa stehen, heißt es dann, sondern für die Verurteilung von Gewalt an sich. Gewalt an sich – diese merkwürdige metaphysische Entität, die immer schlimm ist, aber nie einen klaren Täter kennt, außer in der Vergangenheit. Der Universalismus funktioniert hier wie ein moralischer Fleischwolf: Er nimmt das Konkrete, das Unbequeme, das historisch Einmalige und macht daraus eine formbare Masse aus guten Absichten. Übrig bleibt ein Symbol, das überall passt und niemandem wirklich weh tut – außer vielleicht denen, deren Geschichte gerade entsorgt wurde.

Dass ausgerechnet jüdische Stimmen protestieren und dann als Spielverderber erscheinen, ist Teil des bekannten Drehbuchs. Der Antisemitismusbeauftragte, die Deutsch-Israelische Gesellschaft – das sind in dieser Erzählung die humorlosen Bürokraten der Erinnerung, die der Kunst ihre Flügel stutzen wollen. Dabei tun sie nichts anderes, als auf eine Grenze hinzuweisen: auf die Grenze zwischen Erinnerung und Missbrauch. Doch Grenzen sind in einer Zeit des moralischen Exhibitionismus unerquicklich. Sie stören das wohlige Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.

Die bequeme Radikalität der Nachgeborenen

Es ist bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit Nachgeborene sich heute der moralischen Autorität der Schoa bedienen, um aktuelle politische Positionen zu legitimieren. Man leiht sich das absolute Böse der Vergangenheit, um das relative Böse der Gegenwart maximal zu verurteilen. Das hat etwas zutiefst Anmaßendes. Denn es verschiebt die Perspektive: Nicht mehr die Juden sind die Subjekte der Erinnerung, sondern das erinnernde Kollektiv selbst. Man erinnert nicht um der Opfer willen, sondern um sich selbst als moralisch wach zu erleben. Die Erinnerung wird zur Bühne, auf der man seine Haltung performt.

Anne Frank mit Kufiya ist dafür ein perfektes Bild. Es sagt: Seht her, wir haben gelernt. Wir erkennen Unterdrückung überall. Wir sind so sensibilisiert, dass wir sogar das bekannteste jüdische Opfer des Nationalsozialismus gegen den jüdischen Staat in Stellung bringen können. Das ist keine Empathie, das ist moralischer Narzissmus. Und er funktioniert nur, solange die dargestellte Person tot ist. Eine lebende Anne Frank hätte womöglich widersprochen. Sie hätte Fragen gestellt. Vielleicht hätte sie sogar etwas gesagt, das nicht ins Konzept passt. Das wäre unerquicklich gewesen.

Der Antisemitismus der guten Absicht

Nichts ist so schwer zu kritisieren wie der Antisemitismus der guten Absicht. Er kommt ohne Hassparolen aus, ohne Karikaturen, ohne offenen Vernichtungswunsch. Er tritt im Gewand der Menschlichkeit auf, der Kunst, der universellen Moral. Und gerade deshalb ist er so wirksam. Denn wer ihm widerspricht, muss sich erst einmal aus der Ecke der Unmoral herausarbeiten. Man ist ja gegen Gewalt, oder nicht? Gegen Unterdrückung? Für Menschenrechte? Dass diese Begriffe selektiv angewendet werden, dass sie vor allem dann laut werden, wenn es um Israel geht, soll bitte niemand thematisieren. Das würde die schöne Erzählung ruinieren.

Anne Frank wird in diesem Kontext nicht geliebt, sondern benutzt. Geliebt wird die eigene Haltung, die eigene Betroffenheit, die eigene vermeintliche Radikalität. Die tote Jüdin ist Mittel zum Zweck. Und so schließt sich der Kreis zu Dara Horns bitterem Befund: Man liebt tote Juden, weil sie nichts kosten. Sie fordern keine Konsequenzen. Sie verlangen nicht, dass man Antisemitismus im eigenen politischen Lager erkennt. Sie stören nicht die Solidarität mit denen, die sich selbst gern als die neuen Opfer der Geschichte inszenieren.

Schluss ohne Erlösung

Am Ende bleibt ein schaler Geschmack. Nicht wegen eines einzelnen Bildes in einem Potsdamer Museum, sondern wegen des Musters, das es offenlegt. Die Erinnerung an die Schoa wird nicht mehr geleugnet, sie wird recycelt. Sie wird in neue Kontexte eingespeist, bis sie ihre ursprüngliche Bedeutung verliert. Anne Frank wird dabei nicht geehrt, sondern entkernt. Aus einem jüdischen Mädchen, das von Deutschen ermordet wurde, wird eine universelle Mahnfigur, die vor allem eines leisten soll: die moralische Anklage Israels. Das ist keine Aufarbeitung, das ist Umdeutung. Und sie sagt am Ende mehr über diejenigen aus, die sie betreiben, als über Anne Frank selbst.

Das Diskursproblem als Komfortzone

Es gibt Momente, in denen das Wort „Diskursproblem“ wie ein Sofa wirkt: weich, breit, einladend, ideal zum Hineinsinken, wenn die Wirklichkeit stachelig wird. Luisa Neubauer hat dieses Möbelstück jüngst im Funke-Podcast neu bezogen, und zwar mit dem Stoff der eigenen Befindlichkeit. Nicht der 7. Oktober 2023, nicht die Massaker, nicht der eruptive Judenhass, der seitdem wieder aus Kellern und Kommentarspalten quillt, stehen im Zentrum ihrer Erzählung, sondern das Gefühl, missverstanden, unter Druck gesetzt, ja fast: bedrängt worden zu sein. Man könnte sagen, das ist die hohe Kunst der Perspektivverschiebung, eine Art rhetorisches Feng-Shui: Man rückt die schweren Dinge an den Rand und stellt die Zimmerpflanze der eigenen Panikattacke ins Licht. Dass das Ganze als „kritische Selbstreflexion“ verkauft wird, gehört zum Handwerk; dass es dabei unerquicklich riecht, ist der Preis des Handwerks.

Empathie nach Bedarf, Moral im Baukastensystem

Neubauers Bedauern darüber, Fridays for Future habe „nicht nachdrücklich genug“ Repressionen gegen Palästina-Aktivisten verurteilt, ist ein bemerkenswerter Satz. Er ist bemerkenswert, weil er ohne Subjekt auskommt – wer repressiert hier eigentlich wen? – und ohne Objekt – was genau ist geschehen? –, aber mit einer klaren Stoßrichtung: Die Opfer sind jene, die sich „für Menschenrechte in Palästina und Gaza“ eingesetzt haben. Das ist ein schöner, warmer Satz, wie ein Wollschal, der allerdings die Tatsache verdeckt, dass in diesem Land Demonstrationen stattfanden, auf denen „From the river to the sea“ skandiert wurde, als handle es sich um einen Wellness-Slogan. Empathie, so scheint es, ist bei Neubauer keine Kategorie der Zumutung, sondern der Auswahl. Man verteilt sie wie Solarpaneele: bevorzugt dort, wo sie gut ins eigene Energiekonzept passt.

Die internationale Familie und der deutsche Sonderweg

Der Hinweis auf die internationale Mutterorganisation von Fridays for Future, die sich früh auf die Seite der Palästinenser schlug und dabei antisemitische Entgleisungen billigend in Kauf nahm, wirkt wie eine Entlastungsstrategie mit eingebauter Notausgangstür. Der deutsche Ableger habe sich ja distanziert, sagt man, und Luisa Neubauer sagt es mit der Ernsthaftigkeit einer Schülerin, die darauf hinweist, dass sie zwar im falschen Bus saß, aber rechtzeitig ausgestiegen sei. Das Problem an dieser Erzählung ist nicht ihre faktische Fragwürdigkeit, sondern ihre moralische Bequemlichkeit. Wer eine globale Bewegung repräsentiert, kann sich nicht in nationale Unschuld flüchten, wenn es international brennt. Global denken, lokal entschuldigen – das war einmal ein Werbeslogan, kein ethisches Prinzip.

Greta, die Reflektierte, und der Umgang, der nicht zu rechtfertigen ist

Die Verteidigung Greta Thunbergs gehört zum Ritual. Greta sei „sehr reflektiert“, sagt Neubauer, und man nickt höflich, denn Reflexion ist in diesen Kreisen eine Tugend wie früher die Keuschheit. Dass Thunberg sich nicht nachdrücklich zum 7. Oktober geäußert habe, wird eingeräumt, aber sofort relativiert: Der Umgang mit ihr sei „unter keinen Gesichtspunkten zu rechtfertigen“. Unter keinen. Das ist ein großer Satz, ein Satz mit der Wucht einer Bannbulle, der allerdings erneut die Blickrichtung verschiebt: vom Inhalt zur Form, vom Gesagten zum Umgang damit. Wer so argumentiert, verteidigt nicht die Sache, sondern den Status. Die Ikone darf nicht fallen, also muss der Kontext weichen.

Das historische Ding, oder: Wie man den Holocaust in Klammern setzt

Am unerquicklichsten wird es dort, wo Neubauer Verständnis für internationale Aktivisten äußert, die Deutschland mit einem „Heult leise“ bedenken, weil hierzulande von einem „Diskursproblem“ die Rede sei – Staatsräson, „noch das historische Ding“. Dieses „historische Ding“ ist kein Ding. Es ist der industrielle Massenmord an sechs Millionen Juden. Es ist der Grund, warum dieses Land eine besondere Verantwortung trägt, nicht als folkloristische Bürde, sondern als ethische Verpflichtung. Wer den Holocaust in der Umgangssprache zum „Ding“ verkleinert, macht ihn handhabbar, abheftbar, relativierbar. Das ist kein Ausrutscher, sondern eine Haltung: Geschichte als lästiges Möbelstück, über das man im Eifer der Gegenwart stolpert.

Panikattacken als politisches Argument

Natürlich ist es ernst zu nehmen, wenn jemand von einer Panikattacke berichtet. Psychische Belastungen sind real, und öffentlicher Druck kann krank machen. Aber wenn die eigene Panik zum narrativen Höhepunkt einer Erzählung wird, die von einem beispiellosen antisemitischen Terrorakt handelt, dann stimmt die Gewichtung nicht mehr. Dann wird das Private zum Maßstab des Politischen, und das Politische zur Kulisse des Privaten. Bundespolitiker hätten in ihr Telefon „reingebrüllt“, sagt Neubauer, ohne Namen zu nennen. Das Bild ist stark, fast filmisch, aber auch bequem: Es immunisiert gegen Nachfragen. Wer brüllt, hat Unrecht; wer leidet, hat Recht.

Satirisches Fazit: Die Klimaerwärmung der Moral

Luisa Neubauer steht exemplarisch für eine Generation politischer Akteure, die moralische Dringlichkeit mit moralischer Eindeutigkeit verwechselt. Das „Diskursproblem“ ist dabei kein analytischer Begriff, sondern ein Rettungsring. Man wirft ihn sich selbst zu, wenn die Wellen der Wirklichkeit zu hoch schlagen. Satirisch betrachtet könnte man sagen: Die Moral hat sich erwärmt, sie ist flüssig geworden, sie passt sich jeder Form an. Ernst betrachtet bleibt die Frage, ob eine Bewegung, die die Welt retten will, es sich leisten kann, beim Thema Antisemitismus so erstaunlich selektiv zu sein. Denn während man über Diskurse spricht, zählen andere noch immer die Toten. Und das ist kein „historisches Ding“, sondern eine Gegenwart, die mehr verlangt als augenzwinkernden Zynismus.

Die verbale Keule als Grundnahrungsmittel

Überall Nazis und Hammerbanden

Es gehört inzwischen zur politischen Grundausstattung wie Salz zur Suppe oder Empörung zum Frühstückskaffee: die verbale Keule. Sie liegt griffbereit auf dem Tisch jeder Debatte, geschniegelt, poliert und stets einsatzbereit. Kaum öffnet jemand den Mund, kaum wagt ein Gedanke sich aus der Deckung der Selbstzensur, da saust sie auch schon nieder, begleitet vom moralischen Pfeifen der Luftverdrängung. Argumente werden nicht mehr widerlegt, sie werden erschlagen, und zwar möglichst geräuschvoll, damit auch der letzte Unbeteiligte im Nebenraum weiß: Hier wurde gerade Haltung gezeigt. Unsere politische Diskussionskultur hat sich von einem Austauschraum zu einem Schaukampfplatz entwickelt, auf dem nicht mehr Wahrheit oder Erkenntnis zählen, sondern die Frage, wer wen zuerst als Unmensch, Nazi, Kommunist, Faschist, Volksverräter oder wahlweise als unrettbaren Trottel etikettieren kann. Das Gespräch ist tot, lang lebe das Schlagwort.

Brüderlichkeit unter Vorbehalt

„Willst du nicht mein Bruder sein, so schlage ich dir den Schädel ein“ – dieser Satz wirkt wie eine groteske Übertreibung, und doch beschreibt er mit erschreckender Präzision das emotionale Grundmuster unserer Zeit. Die Einladung zur Gemeinschaft ist bedingt, die Solidarität befristet, die Toleranz widerrufbar. Bruder ist nur, wer nickt. Schwester nur, wer dieselben Parolen murmelt. Wer abweicht, wird nicht als Irrender betrachtet, sondern als Feind. Der Diskurs kennt keine Grautöne mehr, nur noch Lichtgestalten und Dämonen. Und wer fragt, warum, gilt bereits als verdächtig. Das politische Wir hat sich in eine Art Sekte verwandelt, die ihre Zugehörigkeit durch Abgrenzung definiert und deren innere Wärme ausschließlich aus der Kälte gegen andere gespeist wird.

Nazis überall und nirgends

Es ist eine eigentümliche Inflation zu beobachten: Nazis sind plötzlich überall. Sie sitzen im Bus, sie twittern, sie wählen falsch, sie stellen Fragen, sie zweifeln. Der Begriff, einst mit historischer Schwere beladen, wird heute wie Konfetti geworfen – bunt, laut und weitgehend folgenlos. Wer alles zum Nazi erklärt, erklärt am Ende nichts mehr. Die begriffliche Abrissbirne hat die feinen Unterschiede eingeebnet, und übrig bleibt eine moralische Wüste, in der jede Abweichung als Extremismus gilt. Gleichzeitig fühlen sich die tatsächlichen Extremisten bestens aufgehoben in diesem Nebel aus Übertreibung, denn wo alles Nazi ist, ist nichts mehr besonders schlimm. Die Diskursverrohung schützt ausgerechnet jene, die sie angeblich bekämpfen will.

Hammerbanden und die Romantik der gerechten Gewalt

Auf der anderen Seite marschieren sie auf, die selbsternannten Antifaschisten mit Faustrecht und Heiligenschein. Die Hammerbande als urbanes Märchen, halb Robin Hood, halb Straßenkampfseminar. Gewalt wird hier nicht als Problem, sondern als pädagogisches Mittel verstanden. Man schlägt nicht aus Hass, nein, man schlägt aus Liebe zur Demokratie. Die Faust wird zum Argument, der Stein zum moralischen Imperativ. Wer widerspricht, hat offenbar noch nicht genug Schläge gesehen, um die Wahrheit zu erkennen. So entsteht eine bizarre Allianz aus Autoritarismus und Selbstgerechtigkeit, die jede Kritik als Verrat brandmarkt und sich dabei einbildet, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen – ein Ort, der interessanterweise immer dort liegt, wo man selbst gerade steht.

Empörung als Ersatzhandlung

Empörung ist billig, jederzeit verfügbar und benötigt keinerlei intellektuelle Investition. Sie funktioniert wie Fast Food für das Gewissen: kurz sättigend, langfristig schädlich. In sozialen Netzwerken hat sie sich zur Leitwährung entwickelt. Wer nicht empört ist, existiert nicht. Wer differenziert, langweilt. Wer schweigt, macht sich schuldig. Also empört man sich im Akkord, teilt, liked, verurteilt und geht anschließend beruhigt schlafen, in dem festen Glauben, etwas Wichtiges getan zu haben. Die politische Diskussion verkommt zur rituellen Selbstvergewisserung der eigenen moralischen Überlegenheit, während die realen Probleme geduldig warten und sich fragen, warum niemand mehr mit ihnen spricht.

Der Verlust des Zweifels

Am schmerzlichsten ist vielleicht der Verlust des Zweifels. Zweifel galt einst als Tugend, als Zeichen von Denkbeweglichkeit und intellektueller Redlichkeit. Heute wirkt er wie ein Makel, ein Zeichen von Schwäche oder gar von illoyaler Gesinnung. Wer zweifelt, stört die klare Frontlinie, verwässert die Parole, gefährdet den Zusammenhalt der Empörten. Dabei ist es gerade der Zweifel, der Demokratie lebendig hält, der verhindert, dass Überzeugungen zu Dogmen und Meinungen zu Glaubenssätzen erstarren. Ohne Zweifel bleibt nur noch die Gewissheit – und die war historisch selten ein guter Ratgeber.

Ein augenzwinkernder Abgesang

Vielleicht bleibt uns am Ende nur der Humor, dieses kleine, widerspenstige Gegengift gegen die allgegenwärtige Verbissenheit. Ein Lachen, das nicht verhöhnt, sondern entlarvt. Ein Augenzwinkern, das sagt: Wir könnten auch anders. Wir könnten wieder reden, statt schlagen, zuhören, statt etikettieren, widersprechen, ohne zu vernichten. Es wäre ein Anfang, kein großer, kein heroischer, aber ein menschlicher. Bis dahin schwingen wir weiter die Keulen aus Worten, verteilen Nazis wie Rabattmarken und träumen von einer Diskussionskultur, die wir selbst gerade mit Hingabe demolieren – selbstverständlich im Namen des Guten.

Die inflationäre Frage und ihre moralische Zumutung

Leben wir in einer Gierflation? Schon das Wort klingt, als habe es sich heimlich an der Kasse der öffentlichen Debatte vorgedrängelt, zwischen „Zeitenwende“ und „Polykrise“, mit hochgezogenen Schultern und dem unschuldigen Blick eines Begriffs, der behauptet, nur beschreiben zu wollen, was doch alle längst fühlen. Und tatsächlich: Die Preise steigen, die Augenbrauen ebenfalls, und irgendwo dazwischen wächst der Verdacht, dass hier nicht allein anonyme Kräfte, sondern sehr konkrete Begehrlichkeiten am Werk sind. Gierflation – das ist mehr als ein ökonomischer Befund; es ist eine moralische Diagnose, eine Anklage mit Konjunktiv, ein Fingerzeig, der sich nicht entscheiden kann, ob er auf „die Märkte“, „die Konzerne“ oder am Ende doch auf uns selbst gerichtet ist. Die Frage ist also nicht nur, ob wir in einer Gierflation leben, sondern auch, wer hier eigentlich wen der Gier bezichtigt, während er selbst noch den letzten Sonderangebot-Joghurt in den Einkaufswagen hievt.

Die unsichtbare Hand mit sehr sichtbaren Fingern

Offiziell, so lernen wir seit Adam Smith und seinen zahlreichen PR-Abteilungen, reguliert sich der Markt selbst. Die berühmte unsichtbare Hand, die alles zum Guten wendet, sofern man sie nur ungestört arbeiten lässt, hat allerdings in den letzten Jahren auffällig an Muskelmasse zugelegt. Sie greift fester zu, sie hält länger fest, und vor allem lässt sie nur ungern wieder los. Preise steigen nicht mehr nur, weil Energie teurer wird, Lieferketten husten oder ein Krieg irgendwo die Weltordnung neu sortiert, sondern weil man festgestellt hat, dass sie steigen können. Ein kleiner, beinahe rührender Moment der Erkenntnis: Ach, die Kundschaft zahlt ja trotzdem. Und warum sollte man, wenn man schon einmal im Aufzug nach oben sitzt, nicht noch ein paar Etagen extra drücken? Gierflation bezeichnet genau diesen Augenblick, in dem aus Notwendigkeit Opportunismus wird, aus Vorsicht Gewinnmaximierung und aus ökonomischer Rationalität eine Art gesellschaftlich akzeptierter Raubzug mit Excel-Tabelle.

Das große Achselzucken der Verantwortlichen

Natürlich will es niemand gewesen sein. Die Unternehmen verweisen auf gestiegene Kosten, die Politik auf globale Zwänge, die Ökonomen auf komplexe Modelle, die leider gerade nicht griffbereit sind, und alle gemeinsam aufeinander. Verantwortung diffundiert, je größer die Gewinne werden, und löst sich schließlich vollständig auf, wie ein Stück Zucker im heißen Kaffee der öffentlichen Empörung. Gier, so scheint es, ist immer dort, wo man selbst gerade nicht steht. Sie wohnt in Vorstandsetagen, in anonymen Fonds, in „den Märkten“, niemals aber im eigenen Konsumverhalten, das man selbstredend nur als „notwendig“ und „wohlverdient“ begreift. Die Gierflation ist deshalb auch ein rhetorisches Kunststück: Sie erlaubt es, Empörung zu empfinden, ohne allzu genau hinzusehen, und moralisch aufzutrumpfen, ohne sich selbst aus dem Spiel zu nehmen.

Konsumenten als Opfer mit Kreditkarte

Denn während wir empört über Preisexplosionen klagen, greifen wir weiterhin zu, klicken weiter, bestellen noch schnell vor Mitternacht, um den kostenlosen Versand mitzunehmen, und trösten uns mit dem Gedanken, dass man sich ja auch irgendetwas gönnen müsse in diesen schweren Zeiten. Der moderne Konsument ist ein paradoxes Wesen: Er fühlt sich ausgebeutet und souverän zugleich, manipuliert und entscheidungsfrei, arm und anspruchsvoll. Gierflation funktioniert nur, weil sie auf ein Publikum trifft, das tief in sich selbst einen kleinen, aber hartnäckigen Wunsch nach immer mehr, immer schneller, immer bequemer hegt – und diesen Wunsch nur ungern als das bezeichnet, was er ist. Die Preisschilder mögen frech geworden sein, aber sie sprechen auch eine Sprache, die wir allzu gut verstehen.

Moralische Empörung als gesellschaftliches Schmiermittel

Die Debatte um die Gierflation erfüllt dabei eine wichtige soziale Funktion: Sie kanalisiert Frust. Sie erlaubt es, komplexe Zusammenhänge auf ein handliches Feindbild zu reduzieren, das sich gut empören lässt und noch besser teilen. Wer von Gierflation spricht, positioniert sich automatisch auf der Seite der Anständigen, der Vernünftigen, derer, die „das Spiel durchschauen“. Dass man selbst Teil dieses Spiels ist, wird dabei elegant ausgeblendet, wie der eigene Schatten an einem sehr sonnigen Tag. Die Empörung wird zur Währung, mit der man sich moralische Überlegenheit erkauft, während im Hintergrund die Preise weiter steigen – vielleicht sogar ein wenig beschleunigt durch die kostenlose Aufmerksamkeit, die jede Skandalisierung mit sich bringt.

Leben wir also in einer Gierflation?

Vielleicht ist die ehrlichste Antwort eine unbefriedigende: Ja. Aber nicht nur. Wir leben in einer Zeit, in der reale Knappheiten, geopolitische Verwerfungen und strukturelle Probleme auf eine Kultur treffen, die gelernt hat, jede Gelegenheit zur Gewinnsteigerung auszureizen – und auf Konsumenten, die gelernt haben, sich darüber zu beklagen, ohne ihr Verhalten ernsthaft zu ändern. Die Gierflation ist weniger ein klar umrissener Zustand als ein Spiegel, in dem wir eine verzerrte, aber durchaus erkennbare Version unserer selbst betrachten. Man kann diesen Spiegel zerschlagen, man kann ihn anklagen, man kann ihn satirisch kommentieren – doch das Bild dahinter verschwindet nicht. Es grinst uns weiter an, augenzwinkernd, ein wenig zynisch, und fragt leise zurück: Und du?

Wie viel davon bist eigentlich du?

Prof. Jeffrey D. Sachs an BK Merz

Offener Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz
Sicherheit ist unteilbar – und Geschichte zählt


Kernaussagen des offenen Briefes

1. Sicherheit ist unteilbar

Europäische Sicherheit beruht auf dem Prinzip, dass kein Staat seine Sicherheit auf Kosten eines anderen erhöhen kann. Dieses Grundprinzip ist in der Schlussakte von Helsinki, der OSZE und der europäischen Nachkriegsordnung verankert. Sicherheitsgarantien gelten wechselseitig, nicht einseitig.

2. Vorwurf historischer Unehrlichkeit Deutschlands

Deutschland wird vorgeworfen, seine eigene Rolle seit 1990 zu beschönigen oder zu verdrängen. Die aktuelle sicherheitspolitische Rhetorik ignoriere historische Zusammenhänge und trage zur Eskalation bei, statt zu Deeskalation und Frieden.

3. NATO-Osterweiterung und gebrochene Zusicherungen

Im Kontext der deutschen Wiedervereinigung habe Deutschland der sowjetischen bzw. russischen Führung zugesichert, dass es keine NATO-Osterweiterung geben werde. Diese Zusicherungen seien politisch entscheidend gewesen und später missachtet worden – ein Akt des Geschichtsrevisionismus.

4. NATO-Interventionen als Destabilisierungsfaktoren

  • 1999 Serbien: Deutsches Mitwirken an einem NATO-Krieg ohne UN-Mandat habe die europäische Sicherheitsordnung grundlegend verändert.
  • 2002 ABM-Vertrag: Der US-Ausstieg aus dem ABM-Vertrag und Deutschlands Schweigen hätten die Rüstungskontrolle untergraben.
  • 2008 Kosovo: Die Anerkennung des Kosovo habe das Prinzip territorialer Integrität beschädigt und gefährliche Präzedenzfälle geschaffen.

5. Ignorierte russische Sicherheitsinteressen

Russische Sicherheitsbedenken – insbesondere hinsichtlich Ukraine und Georgien – seien über Jahrzehnte hinweg ignoriert worden. Das sei keine Diplomatie, sondern bewusste Eskalation.

6. Deutschlands Rolle in der Ukraine seit 2014

  • Das von Deutschland garantierte Abkommen vom 21. Februar 2014 sei nach dem Umsturz folgenlos geblieben.
  • Minsk II (2015): Deutschland habe als Garantiemacht versagt, da die Ukraine zentrale Vereinbarungen nicht umsetzte. Spätere Eingeständnisse, Minsk sei vor allem Zeitgewinn gewesen, untergraben Vertrauen.

7. Kritik an Waffenlieferungen und Kriegsrhetorik

Forderungen nach immer mehr Waffen und „Entschlossenheit“ werden als Ersatz für ernsthafte Diplomatie kritisiert. Die Öffentlichkeit werde moralisch vereinfacht und politisch infantilisiert.

8. Rückbesinnung auf Ostpolitik und Diplomatie

Die frühere Ostpolitik wird als Beispiel strategischer Reife dargestellt. Frieden erfordere Dialog, Rüstungskontrolle, wirtschaftliche Kooperation und die Anerkennung legitimer Sicherheitsinteressen Russlands.

9. Forderungen für eine neue europäische Sicherheitsordnung

  • Ende der NATO-Osterweiterung, insbesondere Richtung Ukraine und Georgien
  • Neutralität der Ukraine mit internationalen Garantien
  • Gegenseitige Entmilitarisierung entlang der Grenzen
  • Aufhebung von Sanktionen im Rahmen einer Verhandlungslösung
  • Ablehnung der Beschlagnahmung russischer Vermögen
  • Stärkung der OSZE statt NATO-Zentralität
  • Rückkehr zur Rüstungskontrolle (INF, nukleare Abrüstungsgespräche)

10. Appell an historische Ehrlichkeit

Ohne ehrliche Aufarbeitung der Vergangenheit gebe es kein Vertrauen, ohne Vertrauen keine Sicherheit. Europa riskiere, alte Katastrophen zu wiederholen, wenn es Geschichte verdrängt.


Zentrale Botschaft

Der Brief fordert Deutschland auf, Diplomatie, historische Ehrlichkeit und eine inklusive europäische Sicherheitsarchitektur über militärische Eskalation, moralische Rhetorik und Bündnisautomatismen zu stellen. Sicherheit könne nur gemeinsam – nicht gegen Russland – erreicht werden.

Die verblüffend einfache Lösung …

… für ein notorisch kompliziertes Problem

Es gibt Ideen, die sind so bestechend einfach, dass man sich fragt, warum sie nie den Weg in die sonntäglichen Talkshows gefunden haben, warum kein Thinktank sie mit einem englischen Akronym geadelt und warum kein Strategiepapier sie in Diagramme gegossen hat. Meist liegt es daran, dass sie zwar logisch zwingend, moralisch provokant und gedanklich sauber sind, aber eben das eine große Tabu berühren: die Trennung zwischen denen, die über Krieg sprechen, entscheiden, schreiben und profitieren – und denen, die ihn führen, erleiden und überleben müssen. Der Krieg, dieses altehrwürdige Menschheitsritual, wird seit Jahrhunderten mit einer bemerkenswerten Arbeitsteilung betrieben. Die einen sitzen an langen Tischen, unter Kronleuchtern oder LED-Panels, formulieren Ziele, Narrative und rote Linien, während die anderen im Schlamm liegen, frieren, bluten und sterben. Und genau an dieser Stelle setzt die ebenso ketzerische wie charmant naive Frage an: Was wäre eigentlich, wenn man diese Arbeitsteilung einfach einmal aufheben würde? Nicht mit Revolution, nicht mit moralischer Empörung, sondern mit einer organisatorischen Maßnahme von entwaffnender Banalität.

Rekrutierung einmal anders gedacht

Stellen wir uns also – rein gedanklich, versteht sich, denn Satire darf alles, was Realität sich nicht traut – eine Mobilmachung vor, die nicht wie üblich am unteren Ende der sozialen Nahrungskette beginnt, sondern ganz oben. Keine anonymen Jahrgänge, keine statistischen Kollateralschicksale, sondern namentlich bekannte, gut ausgeleuchtete Biografien. Söhne und Töchter von Politikern aller Couleur, sorgfältig kuratiert ergänzt durch Journalisten, die sonst mit sicherer Stimme Frontverläufe erklären, Parteiführer, die gerne von historischer Verantwortung sprechen, Industriekapitäne, deren Gewinne in Rüstungsberichten aufblühen, Angehörige der oberen Zehntausend, die Krieg bislang nur aus Kunstauktionen und Benefizgalas kennen, sowie NGO-Funktionäre, die mit ernster Miene Leid verwalten, ohne es je riechen zu müssen. Man würde sie ausstatten, selbstverständlich regelkonform, mit dem gleichen Gerät, den gleichen Rationen, den gleichen Risiken wie all jene, die sonst stillschweigend als „verfügbares Personal“ gelten. Keine Sonderverpflegung, keine gepanzerten Pressebusse, keine humanitären Ausnahmen. Nur das, was Krieg eben ist, wenn man ihn nicht abstrahiert.

Die pädagogische Kraft der Realität

Die Wirkung dieser Maßnahme wäre vermutlich pädagogisch überwältigend. Denn Krieg ist vor allem eines: ein radikaler Lehrer. Er unterrichtet nicht in Seminarräumen, sondern mit Kälte, Angst und Zufall. Innerhalb weniger Stunden würde sich eine bemerkenswerte Transformation vollziehen. Begriffe wie „strategische Geduld“, „robuste Mandate“ oder „notwendige Eskalationsschritte“ verlören ihre geschmeidige Rhetorik und würden zu dem, was sie immer schon waren: Euphemismen für persönliches Risiko. Der zynische Charme dieser Vorstellung liegt darin, dass sie niemanden überzeugt, sondern alle betrifft. Es bräuchte keine Proteste, keine Petitionen, keine moralischen Appelle. Die Realität selbst würde argumentieren, mit einer Überzeugungskraft, gegen die kein Leitartikel, keine Pressekonferenz und kein Parteitagsbeschluss ankommt. Plötzlich würde jede militärische Option nicht mehr als abstrakte Möglichkeit, sondern als potenzielle SMS an das eigene Kind gedacht. Und erstaunlicherweise, so darf man vermuten, schrumpft in solchen Momenten der Spielraum für heroische Großworte dramatisch.

Medienlogik unter Beschuss

Besonders reizvoll ist der Gedanke, was dies mit der medialen Begleitmusik des Krieges machen würde. Journalisten an der Front, nicht als Beobachter, sondern als Beteiligte – was für ein Genrebruch! Die vertraute Distanz, aus der man sonst Verluste in Zahlenkolonnen verwandelt, wäre dahin. Jeder Bericht wäre zugleich Selbstporträt, jede Analyse ein Bericht aus der eigenen Verletzlichkeit. Die Schlagzeilen würden sich verändern, nicht aus Zensur, sondern aus Selbsterhaltung. Pathos hat bekanntlich eine geringe Halbwertszeit, wenn es im Schützengraben rezitiert werden muss. Und der Zynismus, dieses beliebte Stilmittel der feuilletonistischen Kriegserklärung, verdunstet erstaunlich schnell, wenn der Einschlag nicht metaphorisch ist. Man könnte fast von einer Demokratisierung der Angst sprechen, einer Gleichverteilung dessen, was sonst sorgfältig sozial selektiert wird.

Wirtschaft, Verantwortung und der Preis der Metapher

Auch die Wirtschaft würde eine neue Beziehung zur Realität entwickeln. Industriekapitäne, die bislang in Quartalszahlen denken, müssten lernen, dass Lieferketten im Krieg nicht nur unterbrochen, sondern zerrissen werden – und dass das eigene Erbe nicht in Aktienpaketen, sondern in Feldpostbriefen verhandelt wird. Die berühmte „Verantwortung der Wirtschaft“ bekäme eine ganz neue, schmerzlich konkrete Bedeutung. Investitionen in Sicherheit würden nicht mehr als abstrakte Marktchancen erscheinen, sondern als Fragen nach Helmqualität und Funkreichweite. Und vielleicht, nur vielleicht, würde man erkennen, dass Frieden nicht die Abwesenheit von Geschäft ist, sondern dessen nachhaltigste Form.

NGO Idealismus trifft Matsch

Selbst die Welt der Nichtregierungsorganisationen, sonst moralisch unangreifbar und rhetorisch stets auf der richtigen Seite der Geschichte, würde von dieser Erfahrung nicht unberührt bleiben. Idealismus ist ein kostbares Gut, aber er neigt zur Veredelung des Leidens, wenn er es nur verwaltet. Im Feld, fernab von Konferenzen und Förderanträgen, würde sich zeigen, wie belastbar die eigenen Narrative sind. Humanitäre Prinzipien unter Beschuss – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – sind eine harte Prüfung. Doch genau darin läge ihr Wert: Moral, die nicht nur verkündet, sondern durchlitten wird, gewinnt eine Glaubwürdigkeit, die kein Bericht je ersetzen kann.

Achtundvierzig Stunden später

Und dann, so die kühne Wette, wäre nach achtundvierzig Stunden Schluss. Nicht, weil plötzlich alle Menschen besser, klüger oder friedfertiger geworden wären, sondern weil der Preis des Krieges endlich dort angekommen wäre, wo er entschieden wird. Waffenstillstände würden sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit materialisieren, diplomatische Kanäle, die zuvor als „ausgereizt“ galten, erwiesen sich als überraschend aufnahmefähig. Unüberbrückbare Gegensätze schrumpften auf verhandelbare Interessen zusammen, sobald sie nicht mehr mit fremdem Blut bezahlt werden können. Der Krieg, dieses vermeintlich unvermeidliche Schicksal, entpuppte sich als das, was er immer war: eine Frage der Verteilung von Risiko und Leid.

Wetten dass

Natürlich weiß jeder halbwegs nüchterne Mensch, dass all dies niemals geschehen wird. Satire lebt von der Überzeichnung, vom gedanklichen Kurzschluss, der die Absurdität der Realität sichtbar macht. Doch gerade deshalb trifft diese Idee einen wunden Punkt. Sie legt offen, dass Kriege nicht an mangelnden Lösungen scheitern, sondern an mangelnder Betroffenheit. Solange die Entscheidenden sicher sind, bleibt der Krieg eine Option. Würde man diese Sicherheit aufheben, nicht rhetorisch, sondern real, dann wäre Frieden keine utopische Vision mehr, sondern eine pragmatische Notwendigkeit. Und genau darin liegt der augenzwinkernde, bitter-süße Humor dieses Gedankens: Er ist so offensichtlich richtig, dass er nur als Witz überleben kann. Wetten, dass?

Die Einheitsseite und das Rascheln der Gleichschaltung

Wer heute die Zeitungsseiten aufschlägt, dieses morgendliche Rascheln des Papiers – sofern man noch zu den Exzentrikern gehört, die Zeitung nicht mit dem Daumen wegwischt, sondern mit beiden Händen hält –, der könnte versucht sein, den alten, staubigen Begriff der Verstaatlichung hervorzukramen. Nicht, weil irgendwo ein Minister mit rotem Stempel in der Druckerei stünde, sondern weil die Tonlage, die Metaphern, die moralischen Markierungen eine solche Einförmigkeit erreicht haben, dass man sich fragt, ob Pluralismus nicht heimlich als Tippfehler gilt. Europa, so lesen wir, sei geschlossen. Einig. Unerschütterlich. Wer anderes behauptet, ist mindestens naiv, meist verdächtig und gelegentlich gleich ganz draußen. Die Wirklichkeit hingegen, dieses widerspenstige, mehrschichtige Gebilde, wird auf die angenehme Eindimensionalität einer regierungsfreundlichen Erzählung zurechtgehobelt. Die Kanten schleifen wir weg, die Widersprüche auch, und wenn doch einer hervorsteht, nennen wir ihn „Desinformation“ und gehen weiter zur Wetterkarte.

Dabei beginnt jede Konfliktlösung – das weiß jeder Paartherapeut, jeder Mediator, jeder halbwegs reflektierte Mensch – mit dem schmerzhaften, oft peinlichen Aufarbeiten der Ursachen. Politisch jedoch gilt diese Einsicht offenbar als Zumutung. Ursachen stören die klare Frontlinie. Sie relativieren. Sie werfen Fragen auf, wo man Antworten verkünden möchte. Also unterblieb auch diesmal die Aufarbeitung. Wieder einmal. Stattdessen hantieren wir mit moralischen Schablonen, die so vertraut sind, dass sie kaum noch auffallen. John F. Kennedy handelte 1962 selbstverständlich legitim, als er die Stationierung sowjetischer Nuklearwaffen auf Kuba mit einer Kriegsdrohung beantwortete. Dass es dabei um verkürzte Vorwarnzeiten, um existenzielle Sicherheitsängste ging, wird als kluger Realismus gefeiert. Wenn jedoch Wladimir Putin im Dezember 2021 unter Verweis auf eben solche Vorwarnzeiten die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine als inakzeptabel bezeichnet, dann ist das – welch Überraschung – illegitim, paranoid, imperial. Die Regel lautet: Was wir tun, ist Verteidigung. Was die anderen tun, ist Aggression. Das ist keine Analyse, das ist Liturgie.

Die Gnade der Selbstvergebung

Westliches Europa möchte über die NATO-Osterweiterung im Vorfeld des Ukraine-Krieges nicht sprechen. Nicht, weil es nichts dazu zu sagen gäbe, sondern weil es zu viel zu sagen gäbe. Wir sind gnädig – vor allem zu uns selbst. Der Westen unterstellt, mit einer beneidenswerten Selbstverständlichkeit, dass es nur eine Wahrheit gibt: seine eigene. Wer darauf hinweist, dass Geschichte auch nach 1990 nicht aufgehört hat, Geschichte zu sein, dass Versprechen gegenüber Gorbatschow gemacht wurden – ob juristisch bindend oder nicht –, wird mit einem Achselzucken abgespeist. Papier ist geduldig, heißt es dann. Erinnerung offenbar nicht. Fest steht: Ohne eine ehrliche Aufarbeitung der westlich-russischen Beziehungen nach dem Ende des Kalten Krieges, ohne die nüchterne Betrachtung dessen, was gesagt, gemeint, verstanden und missverstanden wurde, wird sich keine neue Balance finden lassen. Das Unausgesprochene jedoch, das Verdrängte, verdichtet sich. Es gerinnt zu Ängsten, und Ängste haben ein unangenehmes Aggressionspotenzial. Aus dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, wächst der Minderwertigkeitskomplex, und dieser steigert sich, wie so oft in der Geschichte, zur Großmannssucht. Das ist keine Entschuldigung, aber eine Erklärung – und Erklärungen sind das Letzte, was man im moralischen Furor noch gelten lässt.

Das Ende des Triumphalismus und der lange Schatten der Neunziger

Der große Triumphalismus der Neunziger, dieser Kinderglaube, nach der Implosion der Sowjetunion ließe sich eine westlich geprägte Weltordnung wie ein Betriebssystem global installieren, hat sich verflüchtigt. Die aus Amerika importierte Agenda, die mit der NATO-„open door policy“ begann und mit den EU-Beitrittsverhandlungen der Ukraine ihren vorläufigen Höhepunkt fand, war getragen von der Annahme, Geschichte habe sich entschieden, und zwar endgültig. Wer widersprach, war ein Anachronismus. Russland jedoch erwies sich als ausgesprochen schlecht erzogenes Kind der Geschichte. Die Wiedererwachen einer Hegemonialmacht, die mit der Annexion der Krim einen blutigen Schlussstrich unter das westliche Umgestaltungsansinnen zog, wurde im Westen mit moralischer Empörung beantwortet, nicht mit selbstkritischer Analyse. Die Idee, sich die früheren Staaten des Warschauer Paktes und des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe einzuverleiben – politisch, militärisch, kulturell –, wurde von Putin für ungültig erklärt. Nicht elegant, nicht friedlich, aber wirkungsvoll. Dass man diese Ungültigerklärung vielleicht hätte antizipieren können, passt nicht ins Drehbuch.

Kleine Nationen und das große Grinsen

Als Kaja Kallas im Mai 2024 auf einer Podiumsdiskussion plaudernd davon sprach, man müsse Russland in Einzelteile zerlegen, „more like small nations“, und dabei dieses entwaffnend fröhliche Grinsen aufsetzte, war das ein jener Momente, in denen sich politische Hybris ungewollt selbst entlarvt. Der Satz fiel leicht, zu leicht. Er fiel aus dem Mund einer Politikerin, die sich offenbar sicher war, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen – jener Seite, auf der man solche Dinge sagen darf, ohne sie zu Ende denken zu müssen. Es hat nicht geklappt. Russland zerfiel nicht in handliche Portionen. Stattdessen beginnt nun etwas anderes zu bröckeln: die Europäische Union selbst, diese mühsam zusammengehaltene Konstruktion, droht sich in „small nations“ zu zerlegen, nicht durch äußeren Zwang, sondern durch innere Erschöpfung, wirtschaftliche Überforderung und politische Ratlosigkeit. Ironie ist bekanntlich die Höflichkeit der Geschichte.

Regimewechsel, Wunschdenken und der Bumerang

Ein Regime Change war das erklärte oder zumindest hoffnungsvolle Ziel. Russland sollte eine andere Regierung bekommen, so wie schon so viele andere Staaten zuvor. Man setzte auf Figuren, die im eigenen Land kaum Rückhalt hatten, bezahlte einen rechtsradikalen Schlägertypen mit zwei Prozent Anhängerschaft, stilisierte ihn zum Hoffnungsträger – und entsorgte ihn diskret, als er nicht mehr zu gebrauchen war. Auch das hat nicht geklappt. Stattdessen dämmert eine unangenehme Erkenntnis: Möglicherweise werden wir selbst „eine andere Regierung“ bekommen. Nicht als Ergebnis eines genialen Masterplans, sondern als Reaktion auf ökonomischen Druck, soziale Verwerfungen und eine Politik, die den eigenen Bürgern jahrelang erklärte, es gebe keine Alternativen. Das wird bitter. Denn Regimewechsel sind immer leichter zu fordern als zu ertragen, wenn sie vor der eigenen Haustür stattfinden.

Die Bilanz des Gegenteils

Die Liste der verfehlten Ziele liest sich wie eine Satire, wäre sie nicht so unerquicklich real. Wir wollten, dass Russland sich kaputtrüstet – nun rüsten wir uns selbst kaputt. Wir wollten Russland wirtschaftlich ruinieren – und stolpern über Energiepreise, Deindustrialisierung und Standortdebatten. Wir wollten Russland international isolieren – und stellen fest, dass große Teile der Welt höflich nicken, aber andere Geschäfte machen, während Europa zunehmend allein mit seinem moralischen Furor steht. Nichts hat geklappt. Eigentlich ist von allem das Gegenteil eingetreten. Man könnte lachen, wenn einem nicht das Lachen im Hals stecken bliebe.

Dabei sei, bei aller Polemik, auf eine Differenz hingewiesen, die im pauschalen Europa-Diskurs gern untergeht: Nicht alle Länder des Kontinents bergen die gleichen Risiken und tragen die gleichen Hypotheken. Osteuropa etwa, jahrzehntelang von der Sowjetunion besetzt, blieb paradoxerweise von den frühen Phasen jenes westlichen Prozesses der Entwurzelung und des kulturellen Abbaus verschont, dessen Folgen heute in Westeuropa so unübersehbar sind. Dort, wo Traditionen nicht freiwillig aufgegeben, sondern gewaltsam unterdrückt wurden, erwiesen sie sich als erstaunlich widerständig. Vielleicht liegt darin eine Lehre, die man lesen könnte – wenn man denn bereit wäre, zwischen den Zeilen zu lesen und nicht nur die Einheitsseite aufzuschlagen.

Der leise Zerfall

David Betz, Professor für Kriegsforschung am King’s College London, vertritt die These, dass in mehreren westlichen Ländern künftig gewaltsame innere Konflikte bis hin zu Bürgerkriegen wahrscheinlich, teils unvermeidlich sind. Ausgangspunkt seiner Analyse ist weniger ein einzelnes Ereignis als ein langfristiger Erosionsprozess westlicher Gesellschaften. Zentral sind für ihn drei miteinander verflochtene Entwicklungen: der Verlust politischer Legitimität, die Fragmentierung kollektiver Identität und der Zerfall sozialen Zusammenhalts.

Betz argumentiert, dass Legitimität nicht allein aus formaler Legalität entsteht, sondern aus der wahrgenommenen Übereinstimmung zwischen politischem Handeln und dem Willen der Wähler. Wenn breite Teile der Bevölkerung glauben, dass Wahlen folgenlos sind und politische Entscheidungen jenseits demokratischer Kontrolle getroffen werden, steigt die Bereitschaft, sich dem System zu entziehen oder es aktiv herauszufordern. Der Brexit-Prozess markiert für ihn einen Wendepunkt, weil hier sichtbar wurde, wie politische Eliten ein demokratisches Mandat relativierten und damit ihre eigene Legitimität untergruben.

Zukünftige Konflikte beschreibt Betz weniger als klassische Bürgerkriege mit klaren Fronten, sondern als langwierige, fragmentierte Aufstandsprozesse: paramilitärische Gruppen, ethnisch oder kulturell definierte Enklaven, ein Staat, der nur noch punktuell Kontrolle ausübt. Zwei Hauptvektoren treiben diese Entwicklung an: erstens eine Revolte gegen kosmopolitische Eliten („Anywheres“) durch sesshafte Bevölkerungsgruppen („Somewheres“), zweitens identitäre Polarisierung, verstärkt durch Masseneinwanderung und Multikulturalismus.

Betz stützt sich unter anderem auf die Forschung zum Sozialkapital (Robert Putnam) und auf Bürgerkriegsforschung (Barbara Walter). Er sieht keinen realistischen politischen Ausweg innerhalb der bestehenden institutionellen Rahmenbedingungen, da systemkritische Parteien juristisch, administrativ oder politisch blockiert würden. Besonders gefährdet hält er Länder wie Frankreich, Großbritannien und Irland.


Die Provokation der Nüchternheit

Die eigentliche Zumutung von David Betz’ Diagnose liegt nicht in ihrer Drastik, sondern in ihrer Tonlage. Er ruft nicht zum Umsturz auf, er warnt nicht mit erhobenem Zeigefinger, er schreit nicht. Er erklärt. Und gerade diese ruhige, fast bürokratische Sprache verleiht seiner These Sprengkraft. Wenn ein Aufstandsforscher feststellt, ein Bürgerkrieg könne unvermeidlich werden, klingt das weniger nach Ideologie als nach Befund. Betz präsentiert den westlichen Gesellschaften keinen Untergangsmythos, sondern eine Art Schadensbericht über ein politisches System, das seine eigenen Grundlagen aufgezehrt hat.

Legitimität als unsichtbare Infrastruktur

Im Zentrum von Betz’ Analyse steht der Begriff der Legitimität. Sie ist für ihn keine juristische Formalie, sondern eine fragile psychopolitische Ressource. Staaten funktionieren nicht primär durch Zwang, sondern durch Zustimmung. Diese Zustimmung speist sich aus der Überzeugung, dass politische Institutionen den geäußerten Präferenzen der Bürger zumindest prinzipiell Rechnung tragen. Geht dieser Glaube verloren, steigen die Kosten des Regierens exponentiell.

Der Westen, so Betz, leidet unter einer tiefen Legitimitätskrise. Wahlen werden als symbolische Rituale wahrgenommen, reale Entscheidungen scheinen vorab in elitären, transnationalen oder technokratischen Räumen getroffen zu werden. Die Politik erscheint als Theater ohne Konsequenzen. In der Aufstandsforschung gilt genau diese Wahrnehmung als klassischer Nährboden für systemfeindliche Mobilisierung.

Brexit als Symptom, nicht als Ursache

Der Brexit fungiert in Betz’ Denken als Brennglas. Nicht das Referendum selbst, sondern der anschließende Umgang der politischen Klasse mit dessen Ergebnis erschütterte für ihn das Vertrauen in die demokratische Ordnung. Der Versuch, das Votum zu verzögern, umzudeuten oder faktisch zu neutralisieren, wurde von vielen Bürgern als Missachtung ihres politischen Willens empfunden.

Hier zeigt sich ein zentrales Motiv: Eliten, die sich als rationaler, moralischer oder aufgeklärter begreifen als die Wähler, sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen. Die Absicht mag stabilisierend gewesen sein, die Wirkung war delegitimierend. Für Betz ist dies kein britischer Sonderfall, sondern ein Muster westlicher Demokratien.

Der Bürgerkrieg des 21. Jahrhunderts

Betz’ Verständnis von Bürgerkrieg unterscheidet sich deutlich von historischen Bildern. Er erwartet keine klaren Fronten, sondern einen langwierigen Prozess niedriger bis mittlerer Intensität. Gewalt äußert sich in Anschlägen, lokalen Machtkämpfen, territorialen Fragmentierungen. Der Staat verliert schrittweise die Fähigkeit, Ordnung flächendeckend durchzusetzen, und beschränkt sich auf strategisch wichtige Zonen.

Diese Konflikte sind nicht punktuell, sondern progressiv. Sie entwickeln sich aus tieferliegenden sozialen Dynamiken, die lange unter der Oberfläche wirken. Wenn Gewalt offen ausbricht, ist der entscheidende Kipppunkt meist bereits überschritten.

Zwei Vektoren der Destabilisierung

Betz identifiziert zwei Hauptkräfte, die diesen Prozess antreiben. Der erste ist die Revolte gegen Eliten. Der Gegensatz zwischen „Somewheres“ und „Anywheres“ beschreibt eine kulturelle und soziale Spaltung: hier die lokal verwurzelten Mehrheiten, dort eine mobile, kosmopolitische Elite, die Institutionen dominiert und postnationale Ideale vertritt. Viele Bürger empfinden, dass diese Eliten den Gesellschaftsvertrag einseitig aufgekündigt haben.

Der zweite Vektor ist identitärer Natur. In Zeiten wachsender Unsicherheit suchen Menschen Schutz in kollektiven Zugehörigkeiten. Ethnische, religiöse und kulturelle Identitäten gewinnen an Bedeutung, während nationale Identität an Integrationskraft verliert. Die Folge sind Segregation, Parallelgesellschaften und eine Erosion des gemeinsamen sozialen Raums.

Multikulturalismus und der Verlust des sozialen Kapitals

Besonders kontrovers ist Betz’ Einschätzung des Multikulturalismus. Unter Rückgriff auf Robert Putnam argumentiert er, dass steigende ethnische Diversität kurzfristig das soziale Vertrauen schwächt. Weniger Vertrauen bedeutet weniger freiwilliges Engagement, mehr Angst, mehr Rückzug – klassische Vorbedingungen innerer Konflikte.

Die Hoffnung, dass sich langfristig neue Formen des Zusammenhalts entwickeln, habe sich bislang nicht erfüllt. Stattdessen beobachtet Betz einen beschleunigten Zerfall sozialer Kohäsion, insbesondere in urbanen Räumen. Was lange als Randkritik galt, sei inzwischen selbst im politischen Mainstream angekommen – oft jedoch ohne praktische Konsequenzen.

Narrative statt Führung

Ein weiterer zentraler Punkt ist Betz’ Analyse moderner Mobilisierung. Aufstände benötigen keine hierarchische Führung, sondern ein überzeugendes Narrativ. Ein gemeinsamer Deutungsrahmen reicht aus, um individuelles Handeln zu synchronisieren. Wird eine kollektive Kränkung als existenziell und absichtlich wahrgenommen, entsteht eine Eigendynamik, die sich staatlicher Kontrolle entzieht.

Der Glaube, dass ein Teil der Bevölkerung systematisch verdrängt oder ersetzt werde, wirkt dabei als mächtiger Mobilisator – unabhängig davon, ob man diese Wahrnehmung teilt oder nicht. Politisch relevant ist nicht ihre objektive Wahrheit, sondern ihre subjektive Verankerung.

Der fehlende politische Ausweg

Am düstersten ist Betz’ Ausblick. Er sieht kaum Möglichkeiten, den eingeschlagenen Kurs innerhalb der bestehenden politischen Regeln zu korrigieren. Systemkritische Parteien würden juristisch bekämpft, administrativ blockiert oder moralisch delegitimiert. Selbst ein Wahlsieg garantiere keine reale Gestaltungsmacht.

Damit entsteht ein Teufelskreis: Je stärker Veränderungen blockiert werden, desto plausibler erscheint außerinstitutioneller Widerstand. Der Staat verliert nicht nur Legitimität, sondern auch die Fähigkeit zur Selbstkorrektur.

Schluss: Warnung oder Beschreibung?

David Betz liefert keine Prophezeiung im mystischen Sinn, sondern eine analytische Verdichtung zahlreicher sozialwissenschaftlicher Befunde. Sein Interview ist weniger ein Aufruf als ein Spiegel. Es konfrontiert westliche Gesellschaften mit der Möglichkeit, dass ihre größte Gefahr nicht von außen kommt, sondern aus der schleichenden Aushöhlung ihrer eigenen Grundlagen.

Ob man seine Schlussfolgerungen teilt oder nicht: Die Fragen, die er stellt, lassen sich nicht länger als extremistisch oder randständig abtun. Sie betreffen den Kern moderner Demokratien – und die unbequeme Einsicht, dass Stabilität kein Naturzustand ist, sondern eine politische Leistung, die auch wieder verlernt werden kann.

Formularbeginn

Das Aufgelöste Volk

Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“ — Bertolt Brecht

Prolog im Maschinenraum der Demokratie

Es gibt Sätze, die sind keine Zitate, sondern Sprengsätze. Brechts Diktum detoniert nicht laut, sondern kontinuierlich, ein langsames Beben unter den Fundamenten der Selbstgewissheit. Der Maschinenraum der Demokratie, so gern er in Sonntagsreden als lichtdurchflutete Agora beschrieben wird, ist in Wahrheit ein fensterloser Keller, erfüllt vom Brummen der Apparate und dem Geruch von Schmieröl und Angstschweiß. Hier unten arbeitet kein Volk, hier unten wird es verarbeitet. Der Souverän ist Rohstoff, keine Instanz mehr, ein Gemisch aus Stimmungen, Klickzahlen und Erregungskurven. Oben auf der Brücke steht die Regierung, den Blick fest auf die Instrumente gerichtet, und erklärt mit ernster Miene, dass man leider nicht auf die Passagiere hören könne, weil diese von Navigation nichts verstünden. Demokratie, so lernt man, ist zu wichtig, um sie dem Volk zu überlassen.

Medien als Betreuungsanstalt

Die Medien, einst vierte Gewalt, haben sich in eine Mischung aus Animateur und Aufseher verwandelt. Sie halten das Volk bei Laune, erklären ihm die Welt in verdaulichen Häppchen und sorgen dafür, dass es sich weder überfordert noch ernst genommen fühlt. Komplexität wird nicht erklärt, sondern vermieden; Widerspruch nicht ausgehalten, sondern moralisch aussortiert. Wer die falschen Fragen stellt, bekommt nicht Antworten, sondern Etiketten. Das Volk darf zuschauen, kommentieren, liken – ein riesiges Planschbecken der Meinungsäußerung, beaufsichtigt von Bademeistern der richtigen Haltung. Und während man sich gegenseitig bespritzt, wird im Hintergrund die Wasserhöhe reguliert. Information ist reichlich vorhanden, Erkenntnis streng rationiert.

Bürokratie als Ersatzreligion

Wo Sinn schwindet, triumphiert das Formular. Die Bürokratie ist die wahre Staatskirche der Gegenwart, mit eigenen Riten, Sakramenten und einer Sprache, die jeder spricht, ohne sie zu verstehen. Anträge ersetzen Argumente, Zuständigkeiten ersetzen Verantwortung. Das Volk pilgert von Schalter zu Schalter, opfert Zeit und Nerven und hofft auf Gnade in Form eines Bescheids. Jede Entscheidung wird entpersonalisiert, jede Zumutung standardisiert. So entsteht die perfekte Illusion von Objektivität: Niemand ist schuld, es war das Verfahren. Die Regierung versteckt sich hinter Aktenordnern wie hinter Ikonen, und das Volk kniet bereitwillig davor, froh darüber, dass wenigstens irgendjemand den Überblick zu haben scheint.

Technokratie oder die Herrschaft der Unfehlbaren

Die technokratische Herrschaft hat den großen Vorteil, dass sie sich selbst für alternativlos hält. Sie spricht in Zahlen, Modellen und Prognosen, die so beeindruckend sind, dass niemand mehr fragt, wessen Interessen sie eigentlich abbilden. Entscheidungen erscheinen nicht mehr als politische Akte, sondern als naturwissenschaftliche Notwendigkeiten. Das Volk wird zum Störfaktor im System, ein unberechenbares Element, das man beruhigen, simulieren oder notfalls ignorieren muss. Demokratie schrumpft zur Akzeptanzbeschaffung, Kritik zur Fehlermeldung. Wer widerspricht, gilt nicht als politischer Gegner, sondern als jemand, der die Daten nicht verstanden hat.

Populismus als Spiegelkabinett

Der Populismus ist das Symptom, nicht die Krankheit. Er ist der verzerrte Spiegel, in dem das Volk sich selbst erschreckt anschaut. Dort, wo technokratische Kälte herrscht, wächst die Sehnsucht nach einfachen Sätzen und klaren Feindbildern. Populisten versprechen Rückgabe der Stimme, liefern aber nur Echo. Sie rufen dem Volk zu, dass es recht habe, und machen es damit umso abhängiger. Die Regierung wiederum nutzt den Populismus als Abschreckungsfolie: Seht her, sagt sie, so endet es, wenn man euch ernst nimmt. Zwischen technokratischer Belehrung und populistischer Verführung bleibt kaum Raum für mündige Politik.

Die freiwillige Selbstentmündigung

Am unerquicklichsten ist die Rolle, die das Volk selbst spielt. Es hat gelernt, Verantwortung als Belastung zu empfinden und Entscheidung als Risiko. Man delegiert nicht nur Macht, man entsorgt sie. Hauptsache, jemand anders haftet. Man schimpft über die Regierung wie über das Wetter: unerquicklich, aber unvermeidlich. Die eigene Bequemlichkeit tarnt sich als Pragmatismus, die eigene Passivität als Realismus. So entsteht ein stilles Einverständnis: Die Regierung regiert, das Volk klagt, und beide wissen, dass sich an diesem Arrangement möglichst wenig ändern soll.

Polemik als Notwehr

Die Polemik ist in diesem Zustand kein Stilmittel mehr, sondern Selbstverteidigung. Sie übertreibt, um sichtbar zu machen, was im Normalzustand unsichtbar bleibt. Sie ist ungerecht, weil die Verhältnisse es längst sind. Wer heute polemisch schreibt, gilt schnell als unsachlich – ein Vorwurf, der meist von jenen kommt, die das Unsachliche perfekt verwaltet haben. Polemik kratzt an der Fassade der Vernunft, hinter der sich Macht eingerichtet hat wie in einer möblierten Mietwohnung.

Epilog im offenen Vollzug

Vielleicht müsste man das Volk tatsächlich neu wählen – nicht als Austausch, sondern als Zumutung. Als Rückgabe von Verantwortung, als Ende der Betreuung. Das wäre unbequem, laut, widersprüchlich. Genau deshalb wird es vermieden. Brechts Frage bleibt im Raum stehen wie ein schief aufgehängtes Bild: Man kann sich daran gewöhnen oder man kann es gerade rücken. Sicher ist nur: Eine Demokratie, die ihr Volk fürchtet oder verachtet, hat bereits damit begonnen, sich selbst aufzulösen. Und ein Volk, das sich dauerhaft vertreten lassen will, wird am Ende nur noch verwaltet.

Die falsche Frage als bequeme Ausrede

Die Frage, ob „der Islam“ zu Österreich, Deutschland oder zu Europa gehört, ist die falsche – schon deshalb, weil sie eine metaphysische Entität an den Zollschranken der Geschichte kontrollieren möchte, als käme da ein Weltanschauungscontainer mit Übergepäck an und der Beamte müsse nur entscheiden, ob er durchgewinkt wird oder zurück nach Abstraktistan muss. „Der Islam“ gehört so wenig oder so sehr zu Europa wie „das Christentum“ oder „die Aufklärung“ oder „der Barock“: als vielstimmige, widersprüchliche, historisch gewachsene Chiffre, die sich nie in eine einzige Antwort sperren lässt. Die falsche Frage ist bequem, weil sie Verantwortung externalisiert. Sie erlaubt es, mit dem Zeigefinger auf ein Ding zu zeigen und nicht auf Menschen, nicht auf Institutionen, nicht auf die mühseligen Regeln des Zusammenlebens. Wer sie stellt, hofft insgeheim auf ein Ja oder Nein, auf ein Ordnungsamt der Identitäten, das endlich sagt: gehört oder gehört nicht. Doch das Leben ist kein Vereinsregister, und Kultur kein Meldezettel.

Zugehörigkeit als Einbahnstraße

Die bessere, ungemütlichere Frage lautet: Will der Islam – will wollen können – zu Österreich, Deutschland oder Europa gehören? Und noch präziser: Wollen es seine Institutionen, seine Prediger, seine Verbände, seine informellen Autoritäten, seine Elternabende und Freitagspredigten, seine WhatsApp-Gruppen und Gemeindefeste? Zugehörigkeit ist keine naturrechtliche Eigenschaft, sondern eine Praxis. Sie besteht aus dem alltäglichen Einüben von Regeln, die gerade dann gelten, wenn sie wehtun. Europa, dieses stets unfertige Projekt zwischen Kant und Kantine, hat eine besonders unhöfliche Regel: Es erlaubt, ja schützt die Beleidigung von Ideen. Es schützt sie nicht aus Sadismus, sondern aus Erfahrung. Die Erfahrung lautet, dass Ideen, die nicht beleidigt werden dürfen, früher oder später Menschen beleidigen, disziplinieren, unterwerfen. Die Meinungsfreiheit ist kein Kuscheltier, sie ist ein Stachelschwein: Wer sie umarmt, muss mit Pieks rechnen. Die Frage ist also nicht, ob jemand verletzt wird – das wird er. Die Frage ist, ob er die Verletzung aushält, ohne zum Messer zu greifen, zum Gesetz zu rufen oder zum Boykott der Moderne.

Satire als Stresstest der Zivilisation

Satire ist der Lackmustest einer offenen Gesellschaft, weil sie dort kratzt, wo es juckt. Sie macht sich lustig über das Heilige, nicht weil sie es hasst, sondern weil sie es ernst nimmt – ernst genug, um es der Ironie auszusetzen. Europa hat gelernt, dass Götter, die nicht ausgelacht werden dürfen, sehr schnell anfangen, zurückzulachen, und zwar mit Feuer. Das Lachen ist also kein Luxus, sondern eine Brandschutzmaßnahme. Wer nun fragt, ob alle Gläubigen bereit sind, friedlich hinzunehmen, dass im Namen von Meinungsfreiheit, Kunst oder Satire auch ihr Glaube beleidigt werden darf, stellt keine Provokation, sondern eine Eintrittsfrage. Sie gilt nicht nur Muslimen, sie gilt Christen, Juden, Atheisten, Veganerinnen, Nationalromantikern und Fußballfans. Die Antwort darf nicht lauten: „Ja, aber…“ Denn dieses Aber ist der Spalt, durch den die Zensur hereinkriecht, geschniegelt, geschniegelt von guten Absichten.

Die Kränkung als Bürgerpflicht

Kränkung ist in Europa eine Bürgerpflicht. Sie gehört zum Erwachsenenprogramm der Demokratie wie das Warten an der roten Ampel, auch wenn niemand kommt. Wer glaubt, sein Glaube sei ein Sonderfall, verwechselt Respekt mit Unantastbarkeit. Respekt heißt, den Menschen ernst zu nehmen; Unantastbarkeit heißt, die Idee in Watte zu packen. Das eine ist Voraussetzung des Zusammenlebens, das andere dessen Ende. In einer Gesellschaft, die Kunstfreiheit ernst meint, wird es Bilder geben, die beleidigen; Texte, die schmerzen; Witze, die nicht lustig sind. Das Recht, sich zu empören, ist unantastbar. Das Recht, andere zum Schweigen zu bringen, ist es nicht. Wer Zugehörigkeit will, muss diese Asymmetrie akzeptieren: Die Freiheit der anderen endet nicht an der eigenen Empfindlichkeit.

Der Mythos der homogenen Gläubigen

„Sind alle seine Gläubigen bereit?“ – schon diese Formulierung stolpert über die Realität. Es gibt nicht „alle“. Es gibt eine bunte Landschaft von Haltungen, von liberal bis dogmatisch, von gelassen bis glühend. Die Pointe ist: Europa verlangt keine Gesinnungsprüfung, sondern Verhaltensregeln. Niemand muss Satire mögen, niemand muss Karikaturen feiern, niemand muss die Avantgarde verstehen. Man muss sie ertragen. Das ist der Deal. Wer ihn unterschreibt, gehört dazu, unabhängig davon, wie oft er betet oder was er isst. Wer ihn aufkündigt, stellt sich selbst an den Rand – nicht, weil er ausgeschlossen wird, sondern weil er sich exkludiert. Zugehörigkeit ist kein Geschenkpaket, es ist ein Vertrag mit Kleingedrucktem.

Das europäische Versprechen und seine Zumutung

Europa verspricht Freiheit und zumutet Gelassenheit. Es verspricht Gleichheit vor dem Gesetz und zumutet Ungleichheit der Gefühle. Es verspricht Würde und zumutet Spott. Das ist kein Widerspruch, sondern der Preis der Freiheit. Wer ihn nicht zahlen will, wird nicht verfolgt, aber er wird sich fremd fühlen. Und Fremdheit ist kein Verbrechen, sondern ein Gefühl, das man bearbeiten kann – mit Bildung, mit Dialog, mit Humor. Humor vor allem. Denn Humor ist die eleganteste Form der Selbstrelativierung. Er sagt: Ich bin mir wichtig, aber nicht so wichtig, dass ich dich zum Schweigen bringen muss.

Schluss ohne Trost, aber mit Zwinkern

Die falsche Frage nach der Zugehörigkeit des Islam ist eine Einladung zur Bequemlichkeit. Die richtige Frage nach der Bereitschaft zur Freiheit ist eine Einladung zur Reife. Sie richtet sich an alle, die hier leben wollen, gleich welcher Überzeugung: Könnt ihr es aushalten, wenn man euch widerspricht, euch parodiert, euch verletzt – und trotzdem gemeinsam den Müll trennt, Steuern zahlt und die Ampel respektiert? Wenn die Antwort Ja lautet, dann gehört ihr dazu, ohne Anführungszeichen. Wenn sie Nein lautet, dann gehört ihr vielleicht zu etwas anderem, das weniger lacht, aber strenger liebt. Europa aber liebt unordentlich, laut und manchmal verletzend. Wer das aushält, darf bleiben. Wer es nicht aushält, darf bleiben – und lernen. Denn auch das ist Europa: ein pädagogisches Projekt mit offenem Ausgang und der festen Überzeugung, dass ein Witz mehr bewirken kann als ein Verbot.