Das Posting mit der Maus

oder: Wie die Politik funktioniert, wenn keiner hinschaut

Es gibt Dinge, die sind so kompliziert, dass selbst hochbezahlte Experten Jahre benötigen, um sie halbwegs zu verstehen. Die Weltwirtschaft gehört dazu, die Geopolitik, das menschliche Gehirn und natürlich die österreichische Innenpolitik, bei der gelegentlich schon die Frage, wer gerade mit wem regiert, die Grenzen der politischen Neurowissenschaften sprengt. Und dann gibt es die Sendung mit der Maus. Dort werden komplizierte Dinge verständlich erklärt, kleine Alltagsrätsel mit bewundernswerter Geduld gelöst und technische Zusammenhänge so anschaulich dargestellt, dass selbst Erwachsene für einen Augenblick den Eindruck gewinnen, die Welt sei eigentlich gar nicht so schwer zu verstehen. Wäre es nicht eine reizvolle Idee, dieses pädagogische Konzept auf die Politik anzuwenden? Eine Maus, ein paar bunte Bilder, sieben psychologische Effekte und eine politische Klasse, die sich seit Jahren bemüht, den Eindruck zu erwecken, ihre Entscheidungen seien das Ergebnis tiefschürfender Analysen und nicht selten das Resultat eines bemerkenswert komplizierten Zusammenspiels aus Gruppendruck, Selbsttäuschung, Machtinteressen und der panischen Angst, am Ende könnte jemand feststellen, dass der Kaiser gar keine Kleider trägt. Willkommen beim Posting mit der Maus. Heute geht es um die Frage, warum Menschen an politischen Überzeugungen festhalten, selbst wenn die Wirklichkeit längst vor ihrer Haustür steht, laut klingelt und sich mit einem amtlichen Bescheid ausweist. Die Antwort ist überraschend einfach: Das Gehirn ist ein hervorragendes Organ zur Bewältigung des Alltags, aber keineswegs eine Garantie für vernünftige Urteile. Besonders dann nicht, wenn die eigene politische Identität auf dem Spiel steht. Denn während der Mensch gern glaubt, er bilde sich seine Meinung anhand von Fakten, arbeitet sein Verstand häufig bereits im Hintergrund daran, die Fakten so zurechtzulegen, dass die Meinung unangetastet bleiben kann. Das ist keine besondere Bosheit, sondern eine menschliche Schwäche. In der Politik wird daraus allerdings eine ganze Industrie.

Erstens: Die kognitive Dissonanz – Wenn die Wirklichkeit nicht ins Parteiprogramm passt

Stellen wir uns einen Menschen vor, der fest davon überzeugt ist, dass die eigene politische Partei verantwortungsvoll, kompetent und ausschließlich am Gemeinwohl orientiert handelt. Nun beschließt diese Partei etwas, das offensichtlich nicht funktioniert. Die Kosten steigen, die angekündigten Ziele werden verfehlt, die versprochenen Verbesserungen bleiben aus, und der zuständige Minister erklärt vor laufenden Kameras, man befinde sich auf einem guten Weg. Was passiert im Kopf des überzeugten Anhängers? Im Idealfall werden die Fakten geprüft, die Entscheidung bewertet und gegebenenfalls Konsequenzen gezogen. Im weniger idealen, dafür politisch wesentlich verbreiteteren Fall setzt ein psychologischer Mechanismus ein, der kognitive Dissonanz genannt wird. Das Gehirn empfindet einen unangenehmen Widerspruch zwischen zwei Vorstellungen: Die eigene Partei ist kompetent, aber ihre Politik funktioniert nicht. Weil es emotional kostspielig sein kann, die erste Vorstellung aufzugeben, wird häufig nicht die Überzeugung verändert, sondern die Erklärung der Wirklichkeit. Die Maßnahme sei eigentlich gut gewesen, nur schlecht kommuniziert worden. Die Umsetzung sei misslungen, weil die Vorgängerregierung alles ruiniert habe. Die Ergebnisse würden sich erst langfristig zeigen. Und überhaupt sei die Alternative noch viel schlimmer. Schon ist der Widerspruch beseitigt, zumindest im eigenen Kopf. Die Wirklichkeit darf bleiben, wie sie ist, solange ihre Interpretation flexibel genug gestaltet wird.

Das Faszinierende daran ist, dass dieser Mechanismus keineswegs nur bei besonders leichtgläubigen Menschen auftritt. Auch intelligente, gebildete und politisch erfahrene Personen können ausgesprochen kreativ werden, wenn es darum geht, unangenehme Erkenntnisse mit lieb gewonnenen Überzeugungen zu versöhnen. Intelligenz schützt nämlich nicht automatisch vor Selbsttäuschung. Manchmal stellt sie lediglich leistungsfähigere Werkzeuge zur Verfügung, um die Selbsttäuschung überzeugend zu begründen. Der einfache Parteisoldat sagt: „Die anderen sind schuld.“ Der akademisch gebildete Parteisoldat schreibt dazu eine 40-seitige Analyse über historische Rahmenbedingungen, institutionelle Pfadabhängigkeiten und externe Schocks. Das Ergebnis kann dasselbe sein, nur die Fußnoten sind zahlreicher. Und während die Maus ganz unschuldig fragt, warum die Rechnung nicht aufgeht, erklärt der politische Experte, dass die Rechnung unter Berücksichtigung sämtlicher relevanter Einflussfaktoren durchaus als Erfolg interpretiert werden könne. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Die entscheidende Frage lautet, ob eine Überzeugung noch korrigierbar ist, wenn die Fakten ihr widersprechen. Wer jede Niederlage zur Bestätigung der eigenen Richtigkeit umdeuten kann, besitzt keine politische Analyse mehr, sondern ein geschlossenes Glaubenssystem. Die Maus würde an dieser Stelle vermutlich eine kleine Zeichnung zeigen: Auf der einen Seite steht die Wirklichkeit, auf der anderen die politische Überzeugung. Dazwischen steht ein Mensch mit einem Radiergummi und entfernt so lange die unangenehmen Stellen, bis beide Bilder wieder zusammenpassen. Das nennt sich dann Realpolitik.

Zweitens: Der Bestätigungsfehler – Warum die eigene Zeitung immer recht hat

Der Bestätigungsfehler, international etwas vornehmer als Confirmation Bias bezeichnet, ist die Kunst, vor allem jene Informationen wahrzunehmen, die bestätigen, was ohnehin schon geglaubt wird. Wer überzeugt ist, dass die eigene politische Seite vernünftig handelt, findet in den Nachrichten regelmäßig Belege für ihre Vernunft. Wer die Gegenseite für unfähig hält, entdeckt in jeder misslungenen Pressekonferenz den endgültigen Beweis für deren Inkompetenz. Ein einzelnes gelungenes Projekt der bevorzugten Partei wird zum Beweis historischer Weitsicht erhoben, während zehn gescheiterte Vorhaben als bedauerliche Einzelfälle behandelt werden. Bei der politischen Konkurrenz genügt hingegen ein missglückter Satz, um die gesamte Weltanschauung als widerlegt zu betrachten. Es ist ein erstaunlich effizientes Verfahren: Die eigene Seite wird anhand ihrer besten Absichten beurteilt, die andere anhand ihrer schlechtesten Ergebnisse. Objektivität ist dabei nicht verschwunden, sie wurde lediglich auf Teilzeitbasis beschäftigt und darf nur dann arbeiten, wenn sie mit dem gewünschten Ergebnis übereinstimmt.

Im digitalen Zeitalter hat dieser Effekt ein besonders gemütliches Zuhause gefunden. Algorithmen servieren bevorzugt Inhalte, die zum bisherigen Verhalten passen, soziale Netzwerke verstärken die Sichtbarkeit empörender und emotional aufgeladener Botschaften, und politische Gemeinschaften entwickeln ihre eigenen kleinen Informationsuniversen. Dort werden bestimmte Medien als vertrauenswürdig betrachtet, andere pauschal als Propagandainstrumente abgetan, und die Glaubwürdigkeit einer Nachricht hängt mitunter weniger von ihren Belegen als von ihrer politischen Herkunft ab. Eine Meldung aus dem bevorzugten Lager gilt als aufklärerischer Journalismus, dieselbe Meldung aus dem gegnerischen Lager als Manipulation. Ein Bericht, der die eigene Position bestätigt, wird begeistert geteilt; ein Bericht, der sie infrage stellt, wird zunächst auf die Gesinnung des Autors untersucht. Wenn sich kein überzeugendes Gegenargument findet, hilft immer noch der Hinweis, dass die Quelle grundsätzlich unseriös sei. Damit ist die Sache erledigt, ohne dass sich jemand mit dem Inhalt beschäftigen müsste. Das Gehirn liebt solche Abkürzungen. Sie sparen Energie und bewahren das Selbstbild vor unangenehmen Erschütterungen. Nur leider sind politische Probleme nicht verpflichtet, sich an die Grenzen des persönlichen Nachrichtenkonsums zu halten. Die Maus würde deshalb einen kleinen Versuch vorschlagen: Einfach einmal eine Nachricht lesen, die der eigenen Überzeugung widerspricht, und prüfen, ob sich die Argumente tatsächlich widerlegen lassen. Nicht durch ein Augenrollen, nicht durch ein Schimpfwort und auch nicht durch die Feststellung, dass der Verfasser wahrscheinlich ein ganz schlechter Mensch ist. Sondern durch überprüfbare Gegenargumente. Das wäre bereits ein beachtlicher Fortschritt. In manchen politischen Kommentarspalten vermutlich sogar ein historisches Ereignis.

TIP:  Eine Pandemie der Fürsorge

Drittens: Motiviertes Denken – Das Ergebnis steht fest, jetzt fehlen nur noch die Fakten

Beim motivierten Denken wird die Sache besonders unterhaltsam, denn hier arbeitet der Verstand nicht mehr nur als Beobachter, sondern als persönlicher Rechtsanwalt der eigenen Überzeugungen. Das gewünschte Urteil steht im Grunde bereits fest; die Aufgabe besteht nun darin, genügend Argumente zusammenzutragen, um es nachträglich vernünftig aussehen zu lassen. Der Mensch glaubt nicht unbedingt etwas, weil die Belege dafür sprechen. Er sucht vielmehr nach Belegen, die das unterstützen, was er aus anderen Gründen glauben möchte. Diese Gründe können politisch, moralisch, emotional oder schlicht gruppenbezogen sein. Wer eine bestimmte politische Maßnahme für unverzichtbar hält, wird ihre Vorteile großzügig interpretieren und ihre Nachteile kleinrechnen. Wer sie ablehnt, wird dieselben Daten möglicherweise genau umgekehrt gewichten. Beide Seiten können sich dabei auf Zahlen, Studien und Experten berufen. Der Unterschied liegt nicht unbedingt darin, ob Fakten verwendet werden, sondern darin, wie sie ausgewählt, gewichtet und interpretiert werden.

Das macht motiviertes Denken so tückisch: Es fühlt sich von innen betrachtet häufig wie besonders gründliches Nachdenken an. Der Betroffene erlebt sich nicht als voreingenommen, sondern als jemand, der die Dinge endlich durchschaut hat. Schließlich wurden zahlreiche Argumente geprüft, Quellen verglichen und Gegenpositionen berücksichtigt. Dass dabei vor allem jene Gegenargumente überlebt haben, die sich leicht entkräften ließen, während die stärksten Einwände elegant umgangen wurden, bleibt oft unbemerkt. Der politische Mensch wird zum Staatsanwalt seiner Gegner und zum Strafverteidiger seiner eigenen Partei. Für die Konkurrenz gilt die strengste Beweisführung, für das eigene Lager die großzügigste Auslegung. Ein Versprechen der anderen ist eine Lüge, ein gebrochenes Versprechen der eigenen Seite eine bedauerliche Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen. Ein wirtschaftlicher Rückschlag unter der Konkurrenz beweist deren Unfähigkeit, derselbe Rückschlag unter der eigenen Regierung beweist die Komplexität der Weltwirtschaft. Wenn die eigenen Argumente einmal nicht ausreichen, wird eben die Definition des Erfolgs geändert. Das ist keine Verschwörung, sondern die gewöhnliche menschliche Fähigkeit, sich selbst für vernünftig zu halten. Politisch wird sie problematisch, wenn sie zur Grundlage öffentlicher Entscheidungen wird. Denn eine Regierung, die nur jene Fakten akzeptiert, die zu ihren Plänen passen, kann durchaus mit großem Selbstvertrauen in die falsche Richtung marschieren. Die Maus würde an dieser Stelle ein Experiment durchführen: Zwei Personen erhalten dieselben Zahlen, aber unterschiedliche politische Etiketten. Schon könnte sich zeigen, wie unterschiedlich ein und derselbe Sachverhalt beurteilt wird. Die Zahlen haben sich nicht verändert. Nur die Hoffnung, die Angst und die Parteifarbe haben gewechselt. Willkommen in der unabhängigen Meinungsbildung.

Viertens: Gruppendenken – Wenn die eigene Blase zur Denkmalpflege der Meinung wird

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er möchte dazugehören, anerkannt werden und nicht bei jeder Gelegenheit aus seiner Gemeinschaft hinauskomplimentiert werden. Das ist grundsätzlich vernünftig. Niemand kann sämtliche Fragen des Lebens allein beantworten, und gesellschaftliche Zusammenarbeit setzt ein gewisses Maß an Vertrauen voraus. Doch in politischen Gruppen kann dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit dazu führen, dass die Loyalität zur Gemeinschaft wichtiger wird als die unabhängige Prüfung von Argumenten. Dieses Phänomen wird als Gruppendenken oder Groupthink bezeichnet. Es entsteht, wenn eine Gruppe so stark auf Einigkeit ausgerichtet ist, dass Zweifel als störend, Kritik als illoyal und abweichende Meinungen als Gefahr für den Zusammenhalt erscheinen. Die Mitglieder beginnen dann, sich gegenseitig in ihren Überzeugungen zu bestätigen, während unbequeme Informationen an den Rand gedrängt werden. Irgendwann muss niemand mehr ausdrücklich verbieten, kritisch zu denken. Die Mitglieder erledigen das selbst, weil sie gelernt haben, welche Fragen erwünscht sind und welche unangenehme Folgen haben könnten.

In der Politik lässt sich dieses Verhalten in Parteien, Fraktionen, Bewegungen und Aktivistengruppen beobachten. Wer innerhalb eines politischen Lagers eine falsche Entscheidung kritisiert, riskiert nicht nur eine sachliche Auseinandersetzung, sondern möglicherweise auch den Verlust von Anerkennung, Einfluss oder Karrierechancen. Also wird geschwiegen, relativiert oder vorsichtig formuliert. Die öffentliche Geschlossenheit bleibt erhalten, während die internen Zweifel wachsen. Nach außen erklärt die Gruppe, sie stehe geschlossen hinter einer Entscheidung; nach innen hofft jeder, dass irgendjemand anderes den Mut aufbringt, auf das offensichtliche Problem hinzuweisen. Das ist die politische Variante jener Situation, in der eine ganze Reisegruppe einem falschen Wegweiser folgt, weil niemand der Erste sein möchte, der zugibt, dass die Wanderung seit zwei Stunden in die falsche Richtung führt. Am Ende steht die Gruppe vor einer steilen Felswand und erklärt, man habe sich bewusst für eine alternative Route entschieden. Schließlich sei das Ziel ohnehin nur eine gesellschaftliche Konstruktion. Gruppendenken ist dabei nicht auf eine bestimmte politische Richtung beschränkt. Es gedeiht überall dort, wo Zugehörigkeit wichtiger wird als Erkenntnis und die Angst vor dem Ausschluss größer ist als die Bereitschaft zur Korrektur. Die Maus würde deshalb einen einfachen Rat geben: Wenn in einer politischen Gruppe niemand widerspricht, bedeutet das nicht unbedingt, dass alle überzeugt sind. Vielleicht haben lediglich alle verstanden, dass Widerspruch unerwünscht ist. Und das ist ein erheblicher Unterschied.

Fünftens: Der Dunning-Kruger-Effekt – Große Meinung, kleines Wissensgebiet

Es gibt Menschen, die nach zehn Minuten politischer Diskussion genau wissen, wie eine Volkswirtschaft zu sanieren, ein Gesundheitssystem zu reformieren, ein Kriegsgebiet zu befrieden und die europäische Sicherheitsarchitektur neu zu ordnen wäre. Sie brauchen dazu weder Daten noch Fachkenntnisse, manchmal nicht einmal vollständige Sätze. Es genügt die feste Überzeugung, dass die Lösung eigentlich auf der Hand liege und nur deshalb nicht umgesetzt werde, weil die Verantwortlichen entweder inkompetent oder böswillig seien. Für die Erklärung solcher Selbstüberschätzung wird häufig der Dunning-Kruger-Effekt herangezogen. Die zugrunde liegende Forschung beschreibt, wie Menschen mit begrenzten Fähigkeiten in bestimmten Aufgabenbereichen ihre eigene Kompetenz überschätzen können, unter anderem weil ihnen das Wissen fehlt, ihre Defizite zuverlässig zu erkennen. Das bedeutet nicht, dass jeder selbstbewusste Mensch inkompetent ist oder dass Experten grundsätzlich recht haben. Es bedeutet auch nicht, dass geringe Sachkenntnis zwangsläufig zu übermäßiger Selbstsicherheit führt. Der Effekt ist komplexer, als es die populäre Grafik mit dem steilen Gipfel des vermeintlichen Wissens und dem tiefen Tal der Verzweiflung vermuten lässt. Als Warnung vor der Verwechslung von subjektiver Sicherheit und tatsächlicher Kompetenz bleibt er dennoch nützlich.

Die Politik bietet für diese Verwechslung ideale Bedingungen, weil politische Themen gleichzeitig komplex und für jeden Menschen unmittelbar relevant sind. Jeder zahlt Steuern, erlebt Preise, nutzt öffentliche Dienstleistungen und hat Vorstellungen davon, wie ein Staat funktionieren sollte. Daraus entsteht leicht der Eindruck, persönliche Erfahrung reiche aus, um auch die komplizierten Mechanismen hinter den sichtbaren Ergebnissen vollständig zu verstehen. Wer einmal eine Stromrechnung erhalten hat, fühlt sich möglicherweise berufen, die gesamte Energiepolitik neu zu gestalten. Wer eine schwierige Behördenerfahrung gemacht hat, kennt plötzlich die Lösung für die Verwaltungsreform. Wer einige Schlagzeilen über einen internationalen Konflikt gelesen hat, ist bereit, Generälen, Diplomaten und Historikern zu erklären, wie sich die Weltlage in drei einfachen Schritten stabilisieren ließe. Dabei können Laien durchaus wichtige Fragen stellen und Experten durchaus irren. Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob die eigene Einschätzung als vorläufige Hypothese oder als endgültige Wahrheit behandelt wird. Politische Kompetenz besteht nicht darin, auf jede Frage sofort eine Antwort zu haben, sondern darin, zu erkennen, welche Informationen fehlen, welche Zielkonflikte bestehen und welche unbeabsichtigten Folgen eine vermeintlich einfache Lösung haben könnte. Wer behauptet, ein jahrzehntelang gewachsenes Problem lasse sich mit einem einzigen entschlossenen Beschluss beseitigen, sollte zumindest erklären können, weshalb bisher niemand auf diese geniale Idee gekommen ist. Vielleicht waren alle Vorgänger unfähig. Vielleicht ist die Lösung aber auch nicht ganz so einfach, wie es im Kommentarbereich zwischen zwei Katzenvideos erscheint. Die Maus würde nun eine komplizierte Maschine auseinandernehmen und zeigen, wie viele Zahnräder ineinandergreifen. Anschließend würde sie vermutlich feststellen, dass das Ganze deutlich komplizierter ist als gedacht. In der Politik gilt das als Schwäche. In der Wissenschaft nennt man es den Beginn des Verstehens.

TIP:  Was man tun könnte.

Sechstens: Der Ingroup-Bias – Die eigenen Engel und die fremden Idioten

Der Ingroup-Bias bezeichnet die Neigung, Menschen aus der eigenen Gruppe positiver zu beurteilen als Menschen, die als Angehörige einer fremden Gruppe wahrgenommen werden. In der Politik reicht dafür häufig schon eine Parteifarbe, ein bestimmtes Schlagwort oder eine erkennbare Zugehörigkeit zu einem gesellschaftlichen Milieu. Die eigenen Leute erhalten Vertrauensvorschuss, die anderen müssen sich zunächst einmal rechtfertigen. Ein Politiker des bevorzugten Lagers macht einen Fehler, weil er unter schwierigen Bedingungen entscheiden musste. Ein Politiker der Gegenseite macht denselben Fehler, weil er keine Ahnung hat. Der eigene Kandidat spricht Klartext, der andere pöbelt. Die eigene Bewegung verteidigt Werte, die gegnerische betreibt Ideologie. Und wenn ein Mitglied der eigenen Gruppe tatsächlich etwas Unangenehmes tut, handelt es sich selbstverständlich um einen bedauerlichen Einzelfall, während ein vergleichbares Fehlverhalten der Gegenseite den moralischen Charakter ihres gesamten politischen Projekts offenbart. Das ist die Psychologie des politischen Doppelstandards in ihrer gemütlichsten Form: Die eigenen Leute erhalten den Benefit of the doubt, die anderen den Benefit of the Misstrauen.

Der Mechanismus ist deshalb so wirkungsvoll, weil politische Identität selten nur aus einzelnen Sachpositionen besteht. Sie kann mit Freundschaften, Familiengeschichten, sozialen Milieus, moralischen Überzeugungen und dem persönlichen Selbstbild verbunden sein. Wer die eigene politische Gruppe kritisiert, riskiert deshalb manchmal das Gefühl, auch sich selbst infrage stellen zu müssen. Die Abwertung der Gegenseite erfüllt dann eine doppelte Funktion: Sie stärkt den Zusammenhalt innerhalb der eigenen Gemeinschaft und schützt das eigene Weltbild vor konkurrierenden Deutungen. Die politischen Gegner erscheinen nicht mehr als Menschen mit anderen Interessen, Erfahrungen und Argumenten, sondern als eine Ansammlung moralischer oder intellektueller Defizite. Aus dem Streit über konkrete Maßnahmen wird ein Kampf zwischen den Guten und den Bösen, zwischen Vernunft und Wahnsinn, zwischen Fortschritt und Rückständigkeit. Das ist emotional befriedigend, weil es die Welt übersichtlich macht. Es ist politisch gefährlich, weil eine Demokratie darauf angewiesen ist, dass auch Gegner als legitime Teilnehmer am politischen Prozess anerkannt werden. Nicht jede Gegenposition ist vernünftig, und nicht jede politische Behauptung verdient gleich viel Vertrauen. Aber die Zugehörigkeit zu einem Lager ist kein Ersatz für die Prüfung des konkreten Arguments. Die Maus könnte dazu zwei Mäuse zeigen, die dieselbe Handlung ausführen. Die erste trägt ein T-Shirt in der Lieblingsfarbe des Publikums, die zweite eines in der Farbe der Konkurrenz. Plötzlich ist die erste mutig, die zweite verantwortungslos. Die Handlung ist identisch, die Bewertung vollkommen verschieden. So funktioniert die politische Brille: Sie korrigiert nicht nur die Sicht, sondern malt gleich die ganze Landschaft neu.

Siebtens: Der Framing-Effekt – Wer die Wörter kontrolliert, gestaltet die Wirklichkeit

Menschen reagieren nicht allein auf Fakten, sondern auch darauf, wie diese Fakten sprachlich präsentiert werden. Ein und derselbe Sachverhalt kann völlig unterschiedliche Eindrücke hervorrufen, je nachdem, welche Begriffe verwendet, welche Aspekte hervorgehoben und welche Zusammenhänge weggelassen werden. Dieser Einfluss der Darstellung wird als Framing-Effekt bezeichnet. Eine Steuererhöhung kann als notwendiger Beitrag zur Finanzierung öffentlicher Leistungen oder als zusätzliche Belastung der Bürger beschrieben werden. Eine Einschränkung kann als Sicherheitsmaßnahme oder als Freiheitsverlust erscheinen. Eine Reform kann als Modernisierung verkauft oder als Abbau bewährter Leistungen kritisiert werden. Die zugrunde liegenden Maßnahmen müssen sich dabei nicht verändern. Es genügt, den Rahmen zu verschieben, innerhalb dessen sie wahrgenommen werden. Politische Kommunikation nutzt diese Eigenschaft der menschlichen Wahrnehmung seit jeher. Sie ist nicht automatisch manipulativ, denn jede Erklärung muss auswählen, gewichten und verständlich machen. Problematisch wird Framing dann, wenn die sprachliche Verpackung den Sachverhalt systematisch verzerrt, wichtige Informationen unterschlägt oder eine bestimmte Bewertung als alternativlos erscheinen lässt.

Die politische Sprache ist deshalb ein besonders ergiebiges Forschungsgebiet für alle, die verstehen möchten, wie aus einer Maßnahme eine Erfolgsgeschichte, aus einem Problem eine Herausforderung und aus einem Scheitern eine wichtige Lernerfahrung wird. Wenn Preise steigen, kann von einer Teuerungswelle gesprochen werden oder von einer vorübergehenden Anpassung des Preisniveaus. Wenn ein Projekt sein Budget überschreitet, handelt es sich je nach politischer Herkunft um Misswirtschaft oder um eine notwendige Investition in die Zukunft. Wenn eine Regierung eine unpopuläre Entscheidung trifft, kann sie als mutig und verantwortungsbewusst gelten; wenn die Opposition dieselbe Entscheidung treffen würde, wäre sie womöglich Ausdruck sozialer Kälte. Die Wortwahl legt fest, welche moralischen Assoziationen aktiviert werden, noch bevor sich das Publikum mit den Einzelheiten beschäftigt hat. Besonders elegant ist dabei die politische Kunst, Begriffe so zu wählen, dass jede Kritik bereits wie ein Missverständnis klingt. Wer eine Maßnahme infrage stellt, ist dann nicht etwa anderer Meinung, sondern gegen Fortschritt, gegen Solidarität oder gegen Sicherheit. Die Debatte wird nicht mehr über die Qualität der Entscheidung geführt, sondern über die moralische Zulässigkeit, sie überhaupt zu hinterfragen. Das ist rhetorisch effizient und demokratisch bedenklich. Denn eine freie Gesellschaft muss nicht nur unterschiedliche Antworten zulassen, sondern auch die Möglichkeit bewahren, die Fragestellung selbst zu überprüfen. Die Maus würde daher empfehlen, bei politischen Schlagworten kurz innezuhalten und zu fragen: Was wird hier eigentlich beschrieben, und was wird lediglich bewertet? Wer diese Unterscheidung beherrscht, ist noch nicht immun gegen Manipulation. Aber er ist zumindest schwieriger mit einem hübschen Etikett abzuspeisen.

TIP:  Unter dem Regenbogen

Und was bedeutet das alles für die Demokratie?

Die sieben psychologischen Effekte erklären nicht die gesamte Politik. Sie sind keine Universalschlüssel, mit denen sich jede Wahlentscheidung, jede Regierungskrise und jeder internationale Konflikt mühelos entschlüsseln ließe. Politische Entscheidungen werden auch durch materielle Interessen, institutionelle Regeln, historische Erfahrungen, soziale Ungleichheit und reale Konflikte zwischen unterschiedlichen Wertvorstellungen geprägt. Nicht jede abweichende Meinung ist ein Bestätigungsfehler, nicht jede geschlossene Fraktion leidet an Gruppendenken und nicht jeder Laie, der eine klare Meinung vertritt, ist dem Dunning-Kruger-Effekt erlegen. Psychologische Begriffe sind Werkzeuge zur Analyse, keine praktischen Schimpfwörter für Menschen, deren Ansichten missfallen. Wer sie ausschließlich auf politische Gegner anwendet, demonstriert damit häufig genau jene Denkfehler, die er angeblich aufdecken möchte. Denn der Bestätigungsfehler betrifft selbstverständlich nur die anderen, das motivierte Denken nur die Gegenseite, der Ingroup-Bias nur die fremde Gruppe und der Framing-Effekt ausschließlich die Propaganda des politischen Lagers, das ohnehin schon unsympathisch ist. Die eigene Position hingegen beruht natürlich auf nüchterner Analyse, sorgfältiger Quellenprüfung und einer fast übermenschlichen Unabhängigkeit von emotionalen Einflüssen. Eine hübsche Vorstellung. Leider fehlt bislang der belastbare Nachweis, dass irgendeine politische Gruppierung dauerhaft gegen die gewöhnlichen Schwächen des menschlichen Denkens immun wäre.

Gerade deshalb besteht die wichtigste demokratische Aufgabe nicht darin, eine Gesellschaft aus vollkommen rationalen Menschen herzustellen. Das wäre ein ambitioniertes Projekt, dessen Erfolg vermutlich spätestens an der Frage scheitern würde, wer die Rationalität der dafür zuständigen Kommission kontrolliert. Wichtiger ist es, Institutionen und Gewohnheiten zu schaffen, die menschliche Irrtümer erkennbar und korrigierbar machen. Dazu gehören unabhängige Medien, transparente Entscheidungsverfahren, wissenschaftliche Redlichkeit, parlamentarische Kontrolle, eine funktionierende Opposition und eine Öffentlichkeit, in der Kritik nicht automatisch als Verrat behandelt wird. Ebenso wichtig ist eine politische Kultur, in der das Eingeständnis eines Fehlers nicht zwangsläufig als endgültiger Beweis der eigenen Unfähigkeit gilt. Wer Fehler nur dann überlebt, wenn er sie leugnet, wird sie leugnen. Wer eine politische Karriere nur durch bedingungslose Loyalität sichern kann, wird Loyalität über Wahrheit stellen. Und wer für differenzierte Erklärungen regelmäßig mit weniger Aufmerksamkeit belohnt wird als für empörende Vereinfachungen, wird irgendwann lernen, dass sich Komplexität auf sozialen Plattformen schlecht verkauft. Die Demokratie benötigt deshalb nicht nur vernünftige Bürger, sondern auch Anreizsysteme, die vernünftiges Verhalten nicht systematisch bestrafen. Das ist weniger spektakulär als die nächste große politische Rettungsaktion, aber vermutlich deutlich nachhaltiger.

Die kleine Maus und die große politische Selbsttäuschung

Am Ende dieser kleinen psychologischen Reise bleibt eine Erkenntnis, die sich nicht besonders gut als Wahlkampfslogan eignet: Menschen sind nicht so vernünftig, wie sie gern glauben, und Politiker sind keine Ausnahme. Das Gehirn schützt das eigene Selbstbild, sucht nach Bestätigung, verteidigt die Gruppe, überschätzt mitunter die eigene Kompetenz und lässt sich von Sprache beeinflussen. All das geschieht häufig, ohne dass jemand bewusst beschließt, sich selbst oder andere zu täuschen. Gerade deshalb ist die Sache so kompliziert. Der politische Irrtum trägt selten ein Schild mit der Aufschrift „Irrtum“. Er kommt als Überzeugung daher, als moralische Gewissheit, als besonders überzeugendes Argument oder als beruhigende Erklärung dafür, weshalb die Dinge trotz aller gegenteiligen Anzeichen genau so sein müssen, wie man sie gern hätte. Die gefährlichste Form politischer Selbsttäuschung ist daher nicht unbedingt die offensichtliche Lüge. Es ist die aufrichtige Überzeugung, die Wahrheit bereits gefunden zu haben und deshalb nicht mehr nach ihr suchen zu müssen.

Die Sendung mit der Maus würde nun vermutlich eine einfache Zusammenfassung liefern. Sie würde erklären, dass das Gehirn manchmal ein wenig schummelt, dass politische Gruppen ihre eigenen Fehler gern übersehen und dass Wörter mehr bewirken können, als es auf den ersten Blick scheint. Dann würde die Maus freundlich winken, die Musik würde einsetzen und die Zuschauer könnten sich wieder ihrem Alltag widmen. Die politische Wirklichkeit ist leider weniger unkompliziert. Denn während die Maus erklärt, wie der Bestätigungsfehler funktioniert, teilen Tausende Menschen einen Beitrag, der ausschließlich ihre bestehenden Überzeugungen bestätigt. Während sie das Gruppendenken erläutert, erklären Parteigänger, dass die eigene Fraktion geschlossen hinter einer Entscheidung stehe, obwohl niemand öffentlich zu sagen wagt, was intern längst alle wissen. Während sie den Framing-Effekt demonstriert, wird aus einem politischen Misserfolg eine strategische Neuausrichtung und aus einer unbequemen Frage ein Angriff auf die Demokratie. Und während die Maus vor Selbstüberschätzung warnt, erklärt irgendwo ein Kommentator, der sich vor fünf Minuten erstmals mit einem internationalen Konflikt beschäftigt hat, wie sich dieser binnen einer Woche endgültig lösen ließe.

Vielleicht wäre deshalb die wichtigste Lektion dieser Sendung gar nicht, die sieben Effekte auswendig zu lernen. Sie bestünde vielmehr darin, sie zuerst bei sich selbst zu suchen. Die eigenen Überzeugungen zu prüfen, ohne sie sofort verteidigen zu müssen. Informationen ernst zu nehmen, auch wenn sie unbequem sind. Zwischen einer sachlichen Kritik und einer persönlichen Kränkung zu unterscheiden. Die eigene Gruppe nicht automatisch für vernünftiger zu halten und die Gegenseite nicht automatisch für böswilliger. Unsicherheit als legitimen Zustand anzuerkennen, statt sie mit künstlicher Gewissheit zu überdecken. Und gelegentlich den Mut aufzubringen, einen Satz auszusprechen, der in der Politik ungefähr so selten vorkommt wie ein ehrlicher Kostenvoranschlag: „Das war falsch. Die Fakten sprechen dagegen. Die Entscheidung muss korrigiert werden.“

Das wäre keine Garantie für eine bessere Politik. Aber es wäre ein Anfang. Denn eine Demokratie scheitert nicht erst dann, wenn Menschen unterschiedliche Meinungen haben. Sie gerät in Schwierigkeiten, wenn Menschen ihre Meinungen nicht mehr überprüfen können, ohne ihre Identität bedroht zu sehen. Sie verliert an Qualität, wenn Loyalität wichtiger wird als Wahrheit, wenn die politische Zugehörigkeit über die Bewertung von Fakten entscheidet und wenn jede Seite glaubt, die psychologischen Schwächen beträfen ausschließlich die anderen. Die sieben Effekte sind deshalb nicht nur eine kleine Gebrauchsanweisung für das Verständnis der Politik. Sie sind auch eine Erinnerung daran, wie leicht sich Vernunft in Selbstrechtfertigung verwandeln kann. Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe des Postings mit der Maus: Die komplizierteste Maschine ist nicht der Staat, die Verwaltung oder die Weltwirtschaft. Es ist das menschliche Gehirn, insbesondere dann, wenn es gerade dabei ist, sich selbst zu erklären, weshalb es selbstverständlich recht hat.

Und damit verabschiedet sich die Maus für heute. Die nächste Sendung beschäftigt sich mit der Frage, warum Politiker vor einer Wahl versprechen, alles besser zu machen, und nach der Wahl erklären, weshalb das leider nicht möglich ist. Die Antwort ist kompliziert. Aber keine Sorge: Die Schuldigen sind bereits gefunden.