Scherzkeks Lüders

oder Die ernste Leichtfertigkeit des moralischen Vorschlaghammers

Es gibt Sätze, die klingen zunächst wie ein schlecht gelaunter Kalauer aus der Kantine eines politikwissenschaftlichen Instituts, irgendwo zwischen verkochtem Kaffee und der resignierten Erkenntnis, dass man für Drittmittel inzwischen auch ein Seminar über „Narrative Fluidität im Postfaktischen“ anbieten muss. „Mit Auschwitz kann man natürlich auch viel Unfug treiben, indem man es politisch instrumentalisiert.“ Natürlich kann man das. Man kann mit allem Unfug treiben — mit Geschichte, mit Sprache, mit Erinnerung, mit der eigenen Großmutter, sofern sie nicht schnell genug aus dem Zimmer rollt, wenn die Talkshow beginnt. Aber dass man es kann, ist bekanntlich kein Argument dafür, dass man es sollte. Und doch leben wir in einer Epoche, die das moralische Dynamit vergangener Katastrophen gern als handlichen Taschenknallkörper mit sich herumträgt, bereit, ihn bei jeder Gelegenheit unter den rhetorischen Konferenztisch zu werfen, nur um anschließend empört aufzuschreien, wie laut es doch geknallt habe.

Herr Lüders — hier weniger als konkrete Person denn als Typus, als Archetyp des weltläufigen Erklärers mit Stirnfalte — wirkt dabei wie der Klassenclown im Seminarraum der Geschichte, allerdings einer, der seine Späße mit einer erstaunlichen Gravität vorträgt. Das ist eine besondere Kunstform: der Scherz mit ernster Miene, das ironische Augenzwinkern, das so subtil ist, dass es niemand bemerkt und alle glauben, man meine es bitterernst. Denn Auschwitz ist, um es einmal in einer schockierend nüchternen Untertreibung zu sagen, kein gewöhnliches Argument. Es ist der Mount Everest der historischen Singularität — und wer ihn als Wanderhügel behandelt, sollte sich nicht wundern, wenn ihm irgendwann die dünne Luft der Differenzierung ausgeht.

Die Inflation des Absoluten

Wir leben bekanntlich in Zeiten der Inflation. Nicht nur die Butter kostet mehr, auch das moralische Kapital wird täglich großzügig gedruckt. Jeder Konflikt ist „beispiellos“, jede politische Maßnahme „ein Angriff auf die Zivilisation“, und irgendwo findet sich garantiert jemand, der mit bebender Stimme fragt, ob „wir nichts gelernt haben“. Was genau gelernt wurde, bleibt meist so unklar wie die Bedienungsanleitung eines Multifunktionsdruckers, aber der Hinweis genügt, um sich selbst auf die Seite der historischen Wachsamkeit zu stellen — ein Ort, von dem aus man hervorragend auf andere herabblicken kann.

Die Instrumentalisierung von Auschwitz funktioniert dabei wie eine moralische Universalfernbedienung: Man richtet sie auf ein beliebiges Thema, drückt auf „Empörung“, und sofort schaltet sich der Diskurs in den Katastrophenmodus. Differenzierung? Leider gerade nicht lieferbar. Kontext? Ausverkauft. Historische Proportionen? Wurden aus Rationalisierungsgründen abgeschafft.

Das Absurde daran ist nicht einmal, dass Vergleiche gezogen werden — der menschliche Geist denkt nun einmal analogisch —, sondern mit welcher atemberaubenden Sorglosigkeit sie gezogen werden. Zwischen einer unliebsamen Gesetzesänderung und industriellem Massenmord liegt ungefähr dieselbe Distanz wie zwischen einem Papierschnitt und der Explosion eines Vulkans, aber in der Rhetorik mancher Debatten schrumpft diese Strecke auf Spaziergangsniveau. Man trifft sich gewissermaßen am Kraterrand zum Brunch.

Moral als Mehrzweckwerkzeug

Auschwitz ist längst zu einer Art moralischem Schweizer Taschenmesser geworden. Man kann damit warnen, anklagen, relativieren, sich selbst erhöhen oder — besonders beliebt — den Gegner endgültig delegitimieren. Wer den Vergleich gewinnt, gewinnt die moralische Oberliga; wer ihn verliert, darf sich glücklich schätzen, nicht gleich ins rhetorische Aus befördert zu werden.

Das Problem ist nur: Je häufiger man zum äußersten historischen Vergleich greift, desto stumpfer wird er. Das Absolute verträgt keine Dauerverwendung. Wenn alles „wie damals“ ist, dann ist am Ende nichts mehr wie damals — außer der erschreckenden Erkenntnis, dass Erinnerung offenbar auch verschleißen kann.

Hier liegt der eigentliche Zynismus unserer Gegenwart: Man beteuert unablässig die Unvergleichbarkeit des Holocaust und vergleicht gleichzeitig mit einer Begeisterung, die sonst nur bei Schlussverkäufen zu beobachten ist. „Nur heute! Historische Analogien zum Sonderpreis!“ Man möchte den Lautsprecher ausschalten, aber er gehört inzwischen zur Grundausstattung des öffentlichen Raums.

Der diskursive Jahrmarkt

Man stelle sich einen Jahrmarkt vor, auf dem historische Tragödien als Attraktionen betrieben werden. „Treten Sie näher! Hier sehen Sie die größte moralische Keule des Kontinents! Garantiert diskursentscheidend!“ Daneben verkauft jemand Zuckerwatte der Empörung, und ein selbsternannter Experte erklärt mit gewichtiger Stimme, dass man jetzt aber wirklich „die richtigen Lehren“ ziehen müsse — welche genau, wird nach der Werbepause erläutert.

In diesem Spektakel wirkt der Satz über den „Unfug“ beinahe wie ein unfreiwillig ehrlicher Moment. Ja, Unfug ist ein treffendes Wort — gerade weil es so harmlos klingt. Es erinnert an Kinder, die mit Konfetti werfen, nicht an Erwachsene, die mit historischen Abgründen hantieren. Doch vielleicht ist genau das die Pointe: Die politische Kultur hat stellenweise etwas erschreckend Kindliches angenommen. Man wirft mit großen Worten, ohne ihr Gewicht tragen zu wollen.

Und währenddessen sitzt die Geschichte irgendwo am Rand, leicht fassungslos, und fragt sich, wann sie eigentlich zur Requisite geworden ist.

Erinnerung ohne Pathos und ohne Zirkus

Es wäre allerdings zu einfach, nur auf die „Instrumentalisierer“ zu zeigen — ein herrlich bürokratisches Wort, das klingt, als gäbe es dafür ein Formular in dreifacher Ausfertigung. Denn hinter der ständigen Bezugnahme steckt auch eine ehrliche Angst: die Angst vor dem Vergessen, vor der Wiederholung, vor der bequemen Amnesie einer Gesellschaft, die sich lieber mit Streamingempfehlungen beschäftigt als mit den dunklen Kapiteln ihrer selbst.

Doch zwischen Erinnern und Ausbeuten verläuft eine feine, entscheidende Linie. Erinnern bedeutet, die historische Einzigartigkeit auszuhalten, ohne sie in den Dienst aktueller Schlagabtausche zu pressen. Es verlangt eine gewisse Demut — jene altmodische Haltung, die im Zeitalter der Dauermeinung ungefähr so populär ist wie Wählscheibentelefone.

Vielleicht müsste man sich darauf verständigen, dass Auschwitz kein Argument ist, sondern eine Grenze. Kein rhetorischer Verstärker, sondern ein stiller Maßstab. Etwas, das weniger nach schnellen Analogien ruft als nach langsamer Reflexion — ein Tempo, das in Talkshows ungefähr die Überlebenschancen einer Schnecke auf der Autobahn hat.

Schluss ohne Pointe, aber mit Haltung

Am Ende bleibt eine unbequeme Einsicht: Die größte Respektlosigkeit gegenüber der Geschichte besteht nicht im offenen Vergessen, sondern in ihrer routinierten Verwendung. Wer das äußerste Grauen zum alltäglichen Vergleich macht, reduziert es — nicht aus Bosheit, oft aus gedankenloser Gewohnheit. Doch Gewohnheit ist bekanntlich der elegante Cousin der Gleichgültigkeit.

Der augenzwinkernde Humor, wenn es denn einen geben darf, liegt vielleicht darin, dass wir uns für ungeheuer aufgeklärt halten und doch immer wieder in dieselbe Falle tappen: Wir glauben, moralische Größe zeige sich in der Lautstärke unserer historischen Bezüge, statt in der Sorgfalt, mit der wir sie vermeiden.

Und so könnte man Herrn Lüders — oder dem inneren Lüders in uns allen — freundlich zurufen: Ja, mit Auschwitz lässt sich viel Unfug treiben. Vielleicht wäre es daher an der Zeit, etwas weniger zu treiben und etwas mehr zu verstehen. Das wäre einmal ein wirklich geschmackvoller Scherz — einer, bei dem niemand lachen muss, weil alle begriffen haben, worum es geht.

Gerichts- statt Plenarsaal

Es gibt in der politischen Landschaft ja immer wieder diese Phasen, in denen man sich fragt, ob die Demokratie vielleicht einfach ein bisschen zu… demokratisch geworden ist. Zu viele Wähler, zu viele Meinungen, zu viele dieser unerquicklich knarzenden Wahlurnen, in die Menschen Dinge hineinwerfen, die sich anschließend als „Volkswille“ gerieren. Wie unerquicklich unplanbar! Und so reift – leise, beinahe botanisch – eine Strategie heran, die sich nicht mit der mühsamen Grobschlächtigkeit parlamentarischer Mehrheiten aufhält, sondern die feinmechanische Präzision der Gerichtssäle entdeckt hat: Wenn das Volk widerspenstig ist, dann klagt man eben. Nicht gegen das Volk natürlich, das wäre unerquicklich offenherzig, sondern im Namen desselben. Aus der sogenannten Zivilgesellschaft, jenem wunderbaren Wort, das so klingt, als habe man es in einer Mischung aus Räucherstäbchen und Drittmittelantrag destilliert.

Man stelle sich das vor: Während draußen noch Wahlkampfplakate verwittern und Parteiprogramme ungelesen in den Papiercontainern der Geschichte landen, schreitet drinnen bereits die Zukunft zur Tat – im Talar. Richter werden zu den eigentlichen Dramaturgen des Politischen, und die Verfassung mutiert von einem Rahmen zu einer Art Schweizer Taschenmesser für ambitionierte Weltverbesserer mit juristischer Zusatzqualifikation. Es ist ein Triumph der Geduld über die Mehrheit, der Fußnote über die Festhalle, der Klageschrift über das Wahlprogramm.

Die Eleganz der Umgehung

Denn was ist schon eine Wahl? Eine unappetitliche Veranstaltung mit Würstchenständen, regionalem Kleinmut und Menschen, die ernsthaft glauben, ihre Stimme sei gleich viel wert wie die eines habilitierten Normauslegers. Nein, wer wirklich gestalten will, setzt nicht auf das flüchtige Vertrauen von Millionen, sondern auf die belastbare Überzeugungskraft eines gut formulierten Schriftsatzes. Strategische Klagen – das klingt nach Schach, nicht nach Stammtisch. Nach Endspiel, nicht nach Bierdeckel.

Hier zeigt sich die geradezu aristokratische Eleganz dieser Methode: Man muss gar nicht mehr alle überzeugen. Es reicht, die richtigen Fragen so lange vor die richtigen Gerichte zu tragen, bis aus Politik Rechtsauslegung geworden ist. Und Rechtsauslegung hat bekanntlich diesen beruhigenden Tonfall des Unvermeidlichen. Niemand sagt mehr: „Wir wollten das so.“ Stattdessen heißt es: „Das Gericht hat entschieden.“ Welch herrliche Entlastung! Verantwortung wird zur Durchreiche, und die Demokratie bekommt eine Art juristischen Treuhänder.

Natürlich wird man einwenden, Gerichte seien doch unabhängig. Aber genau darin liegt ja der Charme: Wer könnte etwas gegen Entscheidungen haben, die nicht politisch sind, sondern nur – nun ja – politisch wirken? Es ist die hohe Kunst der Transformation: Aus einer gesellschaftlichen Forderung wird ein Rechtsanspruch, aus einem Wunsch eine Verpflichtung, aus einer Debatte eine Vollstreckungsfrage.

Die Zivilgesellschaft als moralische Großbank

Die „Zivilgesellschaft“ spielt dabei die Rolle einer moralischen Großbank, die unbegrenzt Kredit vergibt – allerdings ausschließlich in der Währung der Dringlichkeit. Wer sich auf sie beruft, hat selten Zeit für langwierige parlamentarische Verfahren. Die Welt brennt schließlich immer irgendwo, und wer wollte angesichts dessen noch mit Ausschusssitzungen kokettieren?

So entstehen Bündnisse, Initiativen, Netzwerke, deren Namen so klingen, als habe man sie in einem Workshop mit Sitzsäcken und fair gehandeltem Filterkaffee erdacht. Sie treten auf mit der gravitätischen Selbstverständlichkeit einer Instanz, die sich selbst ermächtigt hat, für das Allgemeine zu sprechen. Und tatsächlich: Der Begriff „strategische Klage“ besitzt einen Hauch von Feldherrnhügel. Man kämpft nicht mehr Wahlkreis gegen Wahlkreis, sondern Präzedenzfall gegen Präzedenzfall.

Der Bürger, einst gedacht als störrischer Souverän, wird dabei zum dankbaren Statisten. Man klagt für ihn, oft ohne dass er es bemerkt – was ihm wiederum die lästige Mühe erspart, sich selbst eine Meinung bilden zu müssen. Eine Dienstleistungsgesellschaft im besten Sinne.

Der Richter als heimlicher Gesetzgeber

Nun ist der Richter traditionell ein eher zurückhaltender Mensch. Er liebt Akten, Systematik und das beruhigende Rascheln von Paragraphen. Doch unter den richtigen historischen Bedingungen kann selbst der zurückhaltendste Jurist in die Rolle eines diskreten Architekten gesellschaftlicher Großprojekte hineinwachsen. Nicht aus Eitelkeit, versteht sich – sondern aus Pflichtgefühl. Immer aus Pflichtgefühl.

Und so verschiebt sich, kaum merklich, die Statik des Politischen. Parlamente debattieren, Regierungen lavieren, aber die eigentlichen Schneisen werden dort geschlagen, wo Urteile mit jener majestätischen Endgültigkeit verkündet werden, die keinen Widerspruch duldet außer dem nächsten Verfahren. Man könnte sagen: Die Demokratie bleibt erhalten, nur wird sie ein wenig… nachjustiert. Wie ein Gemälde, das man nicht übermalt, sondern restauriert – allerdings so gründlich, dass am Ende eine leicht andere Epoche hindurchschimmert.

Der Clou dabei ist die Asymmetrie: Eine Wahl kann man verlieren, ein Urteil steht erst einmal. Es ist Politik mit eingebauter Haltbarkeitsgarantie.

Die Pädagogik des Rechtswegs

Freilich erfüllt die Richterrepublik – nennen wir sie zärtlich so, ohne gleich staatsrechtliche Schnappatmung zu bekommen – auch eine wichtige erzieherische Funktion. Sie bringt der Gesellschaft bei, dass nicht jede Mehrheit automatisch recht hat. Eine durchaus tröstliche Botschaft, vor allem für Minderheiten aller Art, einschließlich jener, die sich selbst zu solchen erklären.

Gleichzeitig entsteht eine neue politische Grammatik: Man spricht weniger darüber, was gewollt ist, sondern darüber, was einklagbar sein könnte. Visionen werden zu Gutachten, Utopien zu Normenkontrollen. Das hat etwas wunderbar Entdramatisierendes. Revolution? Nein danke, wir hätten gern eine einstweilige Verfügung.

Doch Vorsicht: Wo alles zur Rechtsfrage wird, droht das Politische zu verlernen, wie man Kompromisse schließt. Warum noch mühsam verhandeln, wenn ein Urteil den gordischen Knoten mit einem Federstrich durchtrennt? Der Preis dieser Effizienz könnte allerdings eine gewisse Entwöhnung vom Dissens sein – jenem unerquicklich lauten Herzschlag jeder lebendigen Demokratie.

Die Ironie der letzten Instanz

Und hier liegt die feine, fast schon literarische Ironie dieser Entwicklung: Ausgerechnet jene Strategie, die oft im Namen der Offenheit, der Teilhabe und der historischen Notwendigkeit vorgetragen wird, vertraut am Ende auf eine Institution, die gerade durch ihre Unnahbarkeit wirkt. Richter werden nicht gewählt, sie kandidieren nicht auf Marktplätzen, und niemand verteilt Kugelschreiber mit ihrem Konterfei.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Die Richterrepublik ist kein Putsch, kein Umsturz, kein nächtlicher Staatsstreich. Sie ist eine Verschiebung der Gewichte, höflich, legalistisch und begleitet vom dezenten Klang fallender Hämmer. Kein Donnerschlag – eher ein Dauerregen aus Entscheidungen.

Man könnte das beklagen. Man könnte es feiern. Wahrscheinlich wird man, wie so oft, beides zugleich tun. Denn während die einen darin die Rettung vor der Tyrannei der Mehrheit erkennen, wittern andere eine sanfte Entmündigung des Souveräns. Zwischen diesen Polen bewegt sich das Schauspiel weiter, geschniegelt in Robe und Paragraph.

Und vielleicht – das sei mit einem letzten augenzwinkernden Verdacht gesagt – ist die Richterrepublik gar kein Ziel, sondern nur ein Symptom. Ein Zeichen dafür, dass moderne Gesellschaften die Unordnung der Politik immer schwerer ertragen und sich nach der Autorität des Ausgelegten sehnen. Nach Entscheidungen, die nicht nur gelten, sondern wirken, als hätten sie nie anders sein können.

Bis dahin bleibt uns das beruhigende Wissen: Sollte die Demokratie einmal wieder allzu unberechenbar werden, steht irgendwo bereits eine Klage bereit. Man weiß ja nie.

Aber jetzt!

Ein Jubiläum, das keiner wollte, aber alle bekommen haben

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen — selbst wenn sie weniger fallen als vielmehr auf den Fuß knallen, und zwar mit der gravitätischen Wucht eines Brüsseler Aktenordners im Format „historisch alternativlos“. Also: Konfetti aus Verordnungsblättern, Champagner aus wiederverwertbaren Mehrweg-Dekreten, und irgendwo spielt ein Streichquartett „Ode an die Resilienz“ in moll. Zwanzig Sanktionspakete! Eine Zahl, die nach Bronzeplakette, Sonderbriefmarke und mindestens drei Podiumsdiskussionen mit simultaner Verdolmetschung verlangt. Während früher Menschen zwanzig Jahre verheiratet waren, ohne sich gegenseitig mit Exportkontrollen zu bewerfen, hat es die Europäische Politik geschafft, innerhalb überschaubarer Zeit eine Sanktionsserie aufzubauen, die wirkt wie das Sammelalbum einer besonders ambitionierten Verwaltungskraft: „Fehlt uns noch Paket 21 für die vollständige Kollektion?“

Es ist ohnehin eine eigentümliche Form der Moderne, dass politische Maßnahmen heute in Paketen auftreten — als handele es sich um ein Überraschungsabo, das man nie bestellt hat, aber zuverlässig geliefert bekommt. Man öffnet es, und heraus purzeln Handelsbeschränkungen, Preisdeckel, Listen mit Dingen, von denen man bis gestern nicht wusste, dass sie überhaupt exportiert werden, und moralische Selbstvergewisserung in luftdicht verschlossenen Formulierungen. Die Sprache dazu klingt stets, als sei sie von einer Maschine generiert worden, die ausschließlich mit den Begriffen „entschlossen“, „koordiniert“, „beispiellos“ und „Signal“ gefüttert wurde. Ein Signal! Wohin gesendet? Nun, vermutlich ins moralische Weltall, wo es auf intelligente Lebensformen trifft, die anerkennend nicken.

Die feierliche Mathematik der Konsequenz

Zwanzig ist, nüchtern betrachtet, eine beeindruckende Zahl. Sie suggeriert Ausdauer, Prinzipientreue und die Fähigkeit, sich selbst dann noch auf die Schulter zu klopfen, wenn die Schulter bereits blau ist vom Klopfen. Kritiker — diese notorischen Spielverderber der politischen Festkultur — könnten einwenden, dass die Wirksamkeit von Sanktionen ungefähr so leicht zu messen ist wie der Duft geopolitischer Entschlossenheit. Aber Wirksamkeit ist ohnehin ein bürgerlicher Begriff; entscheidend ist die performative Konsequenz. Wenn etwas nicht sofort wirkt, wird es eben nachgeschärft. Wenn das Nachschärfen nicht wirkt, wird das Nachschärfen des Nachschärfens beschlossen. Irgendwann hat man so viele Schärfungen vorgenommen, dass das Messer zwar keinen Griff mehr hat, aber dafür glänzt wie ein Symbol.

Dabei hat diese ritualisierte Verschärfung etwas zutiefst Beruhigendes. Sie vermittelt den Eindruck, dass Politik ein großes Thermostat sei: Dreht man nur entschlossen genug daran, wird die Welttemperatur schon folgen. Dass die Welt sich gelegentlich wie ein störrischer Altbau verhält, dessen Heizkörper ein Eigenleben führen, ist natürlich ärgerlich — aber kein Grund, den Drehknopf nicht noch einmal demonstrativ zu justieren.

Moral als Hochleistungssport

Es wäre unfair, in all dem nicht auch eine bewundernswerte sportliche Komponente zu erkennen. Moralische Empörung ist schließlich kein Sprint, sondern ein Marathon mit Pressekonferenz. Man braucht Ausdauer, gute Rhetorik und die Fähigkeit, gleichzeitig streng und betroffen zu schauen. Europa hat diese Disziplin perfektioniert: eine Mischung aus normativer Gymnastik und geopolitischem Pilates. Man streckt sich nach den eigenen Werten, atmet strategisch ein — und hofft, dass niemand fragt, wo eigentlich die Yogamatte der Realpolitik geblieben ist.

Denn natürlich lebt jede Sanktion von der leisen Annahme, dass ökonomische Schmerzen irgendwann zu politischer Einsicht führen. Das ist eine rührend aufklärerische Vorstellung, fast schon ein Märchen für Erwachsene: Wenn nur genug Konten eingefroren sind, wird irgendwo ein Autokrat an den Küchentisch treten, seufzen und sagen: „Weißt du was? Diese Europäer haben recht. Lass uns demokratisch werden.“ Dass Geschichte selten so funktioniert wie eine pädagogisch wertvolle Kinderserie — geschenkt. Hoffnung ist schließlich der nachhaltigste Rohstoff der Diplomatie.

Die Bürokratie als epische Heldin

Was in dieser ganzen Angelegenheit viel zu wenig gewürdigt wird, ist die stille Heroik der Verwaltung. Irgendwo, in klimatisierten Büros mit ergonomischen Stühlen, sitzen Menschen, die Listen erstellen. Listen von Dingen, die verboten werden. Listen von Dingen, die vielleicht bald verboten werden. Listen von Dingen, die verboten werden könnten, falls jemand auf die Idee kommt, sie zu exportieren. Diese Menschen sind die eigentlichen Chronisten unserer Zeit — sie schreiben keine Romane, aber ihre Fußnoten haben mehr Seiten als Tolstois Gesamtwerk.

Man stelle sich die Meetings vor: „Haben wir eigentlich schon industrielle Hochleistungs-Kugellager mit einem Durchmesser zwischen 4,2 und 4,7 Zentimetern sanktioniert?“ — „Nur teilweise.“ — „Dann aber jetzt! Und bitte mit Absatz 3b zur Klarstellung.“ Es ist eine Welt, in der Präzision zur Poesie wird und ein korrekt gesetztes Komma über Milliarden entscheiden kann. Kafka hätte seine Freude gehabt, wenngleich er vermutlich eine Triggerwarnung verlangt hätte.

Der Bürger als Statist im großen Drama

Und wir? Wir sitzen derweil im Parkett dieses geopolitischen Theaters und fragen uns, ob die Heizkostenabrechnung eigentlich schon als Kollateralschaden gilt oder noch als Beitrag zur Werteverteidigung. Der moderne Bürger hat gelernt, stoisch zu sein. Er liest von Paket Nummer zwanzig ungefähr so, wie er die Meldung über ein Softwareupdate liest: Man klickt auf „akzeptieren“, ohne die Bedingungen zu lesen, und hofft, dass danach wenigstens das System stabil läuft.

Natürlich gibt es auch jene, die jede neue Maßnahme mit dem Enthusiasmus eines Serienfans erwarten: „Endlich die neue Staffel!“ Andere wiederum entwickeln eine gewisse Sanktionsmüdigkeit — ein Zustand, der sich bemerkbar macht, wenn man beim Wort „historisch“ nur noch gähnt. Doch Müdigkeit ist politisch uncharmant; sie klingt zu sehr nach Zweifel, und Zweifel hat in Jubiläumsreden ungefähr so viel Platz wie Ironie in einem Gesetzestext.

Der Triumph der symbolischen Tat

Vielleicht liegt die eigentliche Pointe darin, dass Sanktionen immer auch symbolische Architektur sind. Sie bauen ein Gebäude aus Haltung, sichtbar von weitem, selbst wenn im Inneren noch Handwerker herumirren. Und Symbole sind wichtig — ohne sie wäre Politik nur eine Excel-Tabelle mit sehr ernsten Spaltenüberschriften.

Also stoßen wir an, metaphorisch natürlich, auf Paket Nummer zwanzig. Möge es wirken, abschrecken, beeindrucken oder zumindest sehr beschäftigt aussehen. Und während die nächste Verschärfung bereits diskret ihre Turnschuhe schnürt, bleibt uns die tröstliche Gewissheit, dass Geschichte selten durch Unterlassung entsteht. Sie entsteht durch Menschen, die sagen: „Aber jetzt!“ — und es dann so lange wiederholen, bis es wie eine Naturgewalt klingt.

Ob man das bewundernswert findet oder leicht absurd, hängt vermutlich vom Blickwinkel ab. Doch eines kann man Europa nicht vorwerfen: Mangel an Ernsthaftigkeit im Bemühen, ernsthaft zu wirken. Und wenn irgendwann Paket fünfzig gefeiert wird, mit holografischem Feuerwerk und klimaneutraler Empörung, werden wir vielleicht zurückblicken auf dieses zwanzigste und denken: Ach ja. Damals, als Konsequenz noch eine runde Zahl hatte — und Hoffnung ebenfalls.

Die große Entdeckung

Wenn alles brennt, war es bestimmt das Klima

Es gehört mittlerweile zum journalistischen Ritual unserer Zeit, dass irgendwo auf der Welt ein komplexes politisches, soziales oder ökonomisches Drama stattfindet – und binnen weniger Stunden tritt ein Kommentator vor das Publikum, hebt bedeutungsvoll den Zeigefinger und flüstert: „Die tieferliegende Ursache? Nun… natürlich das Klima.“ Man kann sich förmlich vorstellen, wie in einer Redaktion jemand mit der Gravitas eines Pathologen verkündet, man habe die Autopsie der Wirklichkeit abgeschlossen, und unter all den offensichtlichen Verletzungen – Inflation, Korruption, staatliche Gewalt, geopolitische Verwerfungen, ideologische Verhärtungen – habe man schließlich den wahren Täter entdeckt: ein Molekül aus einem Kohlenstoff- und zwei Sauerstoffatomen. Case closed. Druckfreigabe.

Dass Proteste im Iran, einem Land mit einer geradezu barock überladenen Krisenarchitektur, auf das Konto der Klimakrise gesetzt werden, wirkt dabei ein wenig so, als würde man beim Untergang der Titanic auf die gefährliche Feuchtigkeit des Atlantiks hinweisen. Gewiss, Wasser spielte eine Rolle. Doch vielleicht hätte man auch das Eis erwähnen können. Oder das Tempo. Oder die Hybris. Aber nein – wer braucht schon Differenzierung, wenn man einen universalen Erklärschlüssel besitzt? Die Klimakrise ist das journalistische Dietrich-Set des 21. Jahrhunderts: Passt auf jede Tür, öffnet jedes Narrativ, spart Recherchezeit.

Der Universal-Schlüssel zur Weltformel

Es ist faszinierend, wie sich das Klima vom physikalischen Zustand der Atmosphäre zur metaphysischen Kategorie entwickelt hat – eine Art säkularer Erbsünde. Früher gab es Theorien, die alles erklärten: den Lauf der Geschichte, den Charakter der Völker, sogar die Form von Nasen. Heute genügt ein Temperaturdiagramm, und schon versteht man Revolutionen. Wer hätte gedacht, dass politische Theorie so einfach sein kann? Montesquieu hätte sich die Feder sparen können; Hobbes hätte statt vom Naturzustand einfach vom steigenden Meeresspiegel sprechen sollen.

Der eigentliche Charme dieser Argumentation liegt jedoch in ihrer moralischen Elastizität. Denn wenn irgendwo Menschen protestieren, hungern oder verzweifeln, dann sind plötzlich wir alle involviert – durch unseren Stromverbrauch, unseren Flug nach Mallorca, unseren Latte macchiato in der Papphülse mit schlechtem Gewissen. Das hat etwas ungemein Entlastendes für jene, die tatsächlich Verantwortung tragen könnten: Autokraten werden zu Nebenfiguren in einem planetarischen Drama, in dem der SUV-Fahrer aus Wanne-Eickel dramaturgisch bedeutsamer erscheint als die politische Elite eines Staates.

Man stelle sich vor, diese Logik würde konsequent angewandt. Börsencrash? Zu warm. Liebeskummer? Zu trocken. Schlechte Laune im Büro? Sicherlich eine Folge von Jetstream-Anomalien. Wenn ein Toast herunterfällt, landet er natürlich auf der Butterseite – thermodynamische Notwendigkeit.

Komplexität ist unhöflich

Natürlich ist die Wirklichkeit unerquicklich kompliziert. Sie verlangt, dass man mehrere Ursachen gleichzeitig denkt, Widersprüche aushält, Macht analysiert, Interessen erkennt und historische Linien verfolgt. Kurz: Sie ist anstrengend. Der Klimarahmen dagegen bietet eine elegante Dramaturgie mit klarer Rollenverteilung: Täter sind diffus, Opfer universell, Lösungen global – und vor allem so groß, dass niemand sie morgen konkret umsetzen muss.

Darin liegt auch eine gewisse ästhetische Schönheit. Ein lokaler Protest wegen steigender Lebensmittelpreise ist unerquicklich banal; er riecht nach Haushaltsdefizit und Misswirtschaft. Verpackt man ihn jedoch als Symptom einer planetaren Krise, erhält er sofort epische Dimensionen. Es ist der Unterschied zwischen einer kaputten Wasserleitung und der Apokalypse – und welcher Journalist würde sich freiwillig für die Wasserleitung entscheiden?

Dabei wirkt diese Perspektive manchmal weniger wie Analyse als wie eine intellektuelle Monokultur. Früher hatte man den Eindruck, dass Journalisten wie Ärzte arbeiteten: differenzierte Diagnose, mehrere Faktoren, vorsichtige Prognose. Heute erinnert manches eher an jene Freunde, die nach der Lektüre eines populärwissenschaftlichen Buches plötzlich jedes Gespräch auf Darmflora lenken. Egal, worum es geht – am Ende sind es die Bakterien. Oder eben das Klima.

Die Moral der Geschichte: Du bist schuld, aber global

Besonders reizvoll ist die unterschwellige pädagogische Note solcher Deutungen. Zwischen den Zeilen scheint ein sanfter Tadel mitzuschwingen: Sieh nur, was dein Lebensstil angerichtet hat. Irgendwo demonstrieren Menschen – denk daran, wenn du das nächste Mal die Heizung aufdrehst. Das erzeugt ein Gefühl kosmischer Verbundenheit, das fast religiöse Züge trägt. Wir sind alle Teil eines großen Netzes aus Verantwortung, Schuld und Recycling-Trennung.

Doch diese Moralisierung hat einen paradoxen Nebeneffekt. Wenn alles mit allem zusammenhängt, wird Verantwortung so weit verdünnt, dass sie schließlich geschmacklos wird. Wer genau soll nun handeln? Der Einzelne? Die Staaten? „Die Menschheit“ – jene praktische Abstraktion, die sich hervorragend rügen lässt, ohne jemals eine Telefonnummer zu haben?

Zugleich besteht die Gefahr, dass reale politische Missstände hinter dem großen Hintergrundrauschen verschwinden. Repression wird dann zum Wetterphänomen, Machtmissbrauch zur atmosphärischen Störung. Autokratie erscheint weniger als Ergebnis menschlicher Entscheidungen denn als eine Art Hochdruckgebiet der Geschichte.

Apokalypse verkauft sich besser

Man sollte allerdings nicht ungerecht sein: Katastrophen waren schon immer gute Geschichten. Die Sintflut hatte eine beeindruckende Auflage. Der Unterschied liegt heute vielleicht darin, dass wir eine Vorliebe für totalisierende Erzählungen entwickelt haben – Theorien, die nichts weniger versprechen als den Generalschlüssel zur Gegenwart.

Das Klima eignet sich dafür hervorragend, weil es tatsächlich global ist. Doch gerade diese globale Dimension verführt dazu, es überall hineinzulesen, auch dort, wo es eher ein Hintergrundfaktor als der Hauptdarsteller ist. Es ist ein bisschen wie mit einem übermotivierten Filmkomponisten, der jede Szene mit maximaler Dramatik unterlegt – selbst den Gang zum Briefkasten.

Und so entsteht ein eigenartiger Tonfall: halb alarmistisch, halb didaktisch, stets mit der Aura moralischer Dringlichkeit. Man liest solche Texte und fühlt sich gleichzeitig ermahnt und aufgeklärt, schuldig und erlöst. Es ist das intellektuelle Äquivalent zu einem Fitnessstudio, in dem man für seine Trägheit gescholten wird, während man noch versucht, die Schuhe zu binden.

Ein Plädoyer für die anstrengende Wirklichkeit

Vielleicht wäre es schon ein Fortschritt, das Offensichtliche wieder zuzulassen: Gesellschaften geraten selten aus nur einem Grund ins Wanken. Meist ist es ein Orchester aus Fehlentscheidungen, Machtkämpfen, wirtschaftlichen Spannungen und historischen Altlasten – mit gelegentlicher klimatischer Begleitmusik. Aber eben Begleitmusik, nicht zwangsläufig das Solo.

Das bedeutet keineswegs, ökologische Faktoren zu ignorieren. Im Gegenteil: Gerade wer sie ernst nimmt, sollte sie nicht inflationär verwenden. Wenn alles Klimakrise ist, verliert der Begriff seine analytische Schärfe und wird zum rhetorischen Allzweckreiniger – praktisch, aber wenig spezifisch.

Vielleicht liegt wahre intellektuelle Redlichkeit darin, der Versuchung zu widerstehen, jede Geschichte in ein vertrautes Großnarrativ zu pressen. Die Welt ist widerspenstig, und sie hat die schlechte Angewohnheit, sich nicht auf eine Schlagzeile reduzieren zu lassen.

Bis dahin jedoch dürfen wir uns auf weitere große Enthüllungen freuen. Sollte morgen irgendwo ein Vulkan ausbrechen, wird gewiss jemand erklären, dass die Lava letztlich auf unsere Thermostate zurückgeht. Und während wir noch darüber nachdenken, ob wir schuld sind, fällt irgendwo ein Toast auf die Butterseite – ein weiteres Opfer der atmosphärischen Tragödie. Augenzwinkern inklusive.

Der Nebel der Gewissheiten

Es gehört zu den liebenswerten Eigenheiten des modernen Nachrichtenbetriebs, dass er mitunter in etwa so funktioniert wie ein schlecht beleuchtetes Theaterstück: Irgendjemand ruft „Feuer!“, und ehe noch jemand prüft, ob es sich nicht bloß um einen besonders ambitionierten Nebelwerfer handelt, rennen bereits sämtliche Darsteller mit heroischer Entschlossenheit zur nächstgelegenen Schlagzeile. Gewissheit ist schließlich das Opium des Redaktionsschlusses. Und wenn sie fehlt – nun, dann hilft ein gut platzierter Konjunktiv, der über Nacht zu einem Indikativ heranreift wie ein Hefeteig unter publizistischer Wärmelampe.

Die deutsche Israel-Berichterstattung war noch nie ein Aushängeschild journalistischer Selbstvergewisserung. Zwischen moralischem Sendungsbewusstsein und geopolitischer Halbbildung entstand über Jahre ein Genre, das man vielleicht als „Leitartikel-Expressionismus“ bezeichnen könnte: viel Gefühl, viel Pose, wenig Tiefenschärfe. Man pflegt dort eine Haltung, die zugleich weltgewandt und erschütternd provinzlerisch ist – eine Haltung, die sich in Hamburg-Lokstedt hervorragend macht, solange die Sirenen nur in der Tonspur eines Korrespondentenbeitrags heulen und nicht im eigenen Treppenhaus.

Nach dem 7. Oktober 2023 jedoch hätte man meinen dürfen, selbst die hartgesottensten Routiniers im Nachrichtengeschäft würden kurz innehalten. Ein Land, dem von einer Terrororganisation der Krieg erklärt wird, während zugleich Raketen aus mehreren Himmelsrichtungen heranpfeifen, könnte womöglich ein Mindestmaß an analytischer Ernsthaftigkeit verdienen. Stattdessen bekam das Publikum häufig das Gegenteil: vorschnelle Ratschläge aus sicherer Entfernung, kontrafaktische Vorwürfe, Überschriften mit jener berüchtigten Täter-Opfer-Akrobatik, die man sonst nur aus avantgardistischen Tanzperformances kennt. „Israel droht mit Selbstverteidigung“ – ein Satz, der so absurd ist, dass man ihn eigentlich rahmen und im Foyer jeder Journalistenschule aufhängen müsste, als warnendes Beispiel.

Zahlen, die vom Himmel fallen

Besonders instruktiv ist die mediale Karriere jener angeblichen 70.000 Toten in Gaza. Kaum hatte eine anonyme Quelle irgendwo ein Flüstern in den Orbit der Nachrichten geschickt, verwandelte sich dieses Flüstern in Deutschland binnen Stunden in eine amtliche Trompete. Überschriften verkündeten mit jener gravitätischen Selbstsicherheit, die sonst nur Monarchen bei Thronbesteigungen vorbehalten ist, Israels Armee habe die Zahl bestätigt oder gar „zugegeben“. Man wartete förmlich auf die Sonderbriefmarke.

Dass dieselbe Armee die Zahlen zurückwies und erklärte, sie könne sie nicht bestätigen – nun ja, Details sind bekanntlich die Kieselsteine im Getriebe der großen Erzählung. Sie stören den Lauf der Empörung. Und Empörung ist im Medienbetrieb ein knappes Gut: Sie muss frisch gehalten, täglich gewendet und in appetitlichen Portionen serviert werden.

Dabei wäre gerade hier eine jener altmodischen journalistischen Tugenden gefragt gewesen, die heute ungefähr so modern wirken wie ein Faxgerät: Skepsis. Zahlen aus einem Kriegsgebiet, geliefert von einer Organisation, deren strategisches Interesse nicht zwingend in nüchterner Buchhaltung besteht, verdienen mindestens denselben Argwohn wie ein Gebrauchtwagen mit auffallend niedrigem Kilometerstand und dem Hinweis „nur sonntags gefahren“.

Doch statt Einordnung gab es vielfach Gewissheitssimulation. Das Publikum erhielt eine Zahl – rund, eindrucksvoll, moralisch aufgeladen – und durfte daraus den einzig zulässigen Schluss ziehen: Hier muss ein unfassbares Verbrechen vorliegen. Die Möglichkeit, dass Zahlen in Kriegen ebenso Waffen sein können wie Raketen, schien im redaktionellen Werkzeugkasten nicht vorgesehen.

Die Kunst der halben Wahrheit

Nun könnte man einwenden: Selbst wenn die Zahlen stimmen sollten – wäre das nicht erschütternd genug? Gewiss. Aber Journalismus besteht eben nicht darin, Erschütterung zu kuratieren. Er besteht darin, Wirklichkeit zu vermessen, so unerquicklich sie auch sein mag.

Dazu gehörte etwa der Hinweis, dass Israel erklärtermaßen Krieg gegen eine Terrororganisation führt, nicht gegen Zivilisten. Dazu gehörte der Umstand, dass Hunderte israelische Soldaten gefallen sind – ein Preis, der militärisch nur schwer erklärbar wäre, ginge es ausschließlich um maximale Zerstörung statt um riskante Bodenoperationen, die den Schutz von Nichtkombattanten zumindest als Ziel formulieren.

Ebenso hätte man erwähnen können, dass in einem der dichtesten urbanen Schlachtfelder der Gegenwart eine Kriegsführung stattfindet, die von einem gigantischen Tunnelsystem geprägt ist – einer unterirdischen Parallelwelt, geschaffen gerade mit dem Zweck, Kämpfer und Infrastruktur unter der Zivilbevölkerung zu verbergen. Der Krieg wird dadurch nicht sauberer, aber seine Realität wird komplizierter. Und Komplexität ist bekanntlich der natürliche Feind jeder knackigen Schlagzeile.

Auch der Hinweis, dass bewaffnete Gruppen eigene Zivilisten gefährden können – durch fehlgeleitete Raketen, interne Gefechte oder schlicht durch die Entscheidung, militärische Infrastruktur in Wohngebiete zu integrieren –, hätte dem Publikum möglicherweise geholfen, ein differenzierteres Bild zu entwickeln. Doch Differenzierung verkauft sich schlecht. Sie ist das Schwarzbrot des Journalismus: nahrhaft, aber ohne Glamour.

Das historisch bequeme Narrativ

Militärexperten verweisen seit Langem darauf, dass das Verhältnis von Kombattanten zu Zivilopfern in diesem Krieg – so unerquicklich jede einzelne Zahl ist – im Vergleich zu anderen urbanen Konflikten ungewöhnlich niedrig sein könnte. Das ist kein Grund zur Entwarnung, aber ein Grund zur Einordnung. Gerade deshalb hätte es Aufmerksamkeit verdient.

Stattdessen dominiert ein Narrativ, das so vertraut wirkt, dass man fast nostalgisch werden könnte: Israel als übermächtiger Täter, Palästinenser ausschließlich als Opfer, die Geschichte reduziert auf ein moralisches Schachbrett mit nur zwei Figuren. Es ist ein Narrativ, das wenig Recherche erfordert und viel Resonanz erzeugt.

Man fragt sich unweigerlich: Ist dieses Weglassen Ergebnis von Unkenntnis? Von Schlamperei? Von jener eigentümlichen Form kollektiver Einseitigkeit, die entsteht, wenn in Redaktionen alle dieselben Podcasts hören und auf denselben Panels nicken? Vielleicht von allem etwas. Sicher ist nur: Wer systematisch Kontext verdunsten lässt, produziert keine Aufklärung, sondern Stimmung.

Und Stimmung hat Folgen. Wenn große Teile der Bevölkerung überzeugt sind, ein Genozid finde statt, dann geschieht das selten im luftleeren Raum. Öffentliche Wahrnehmung entsteht nicht nur aus Ereignissen, sondern aus deren Darstellung. Worte sind keine neutralen Transportmittel; sie sind Architektur. Wer sie wählt, baut Wirklichkeiten.

Alte Muster in neuem Gewand

Es wäre überzogen, jede fehlerhafte oder unvollständige Berichterstattung gleich in eine große historische Kontinuität einzusortieren. Doch ein leises Unbehagen bleibt. Denn immer wieder taucht ein vertrautes Muster auf: das Bild des jüdischen Staates als moralischer Sonderfall, an den Maßstäbe angelegt werden, die man sonst eher im Reich der idealen Engel vermuten würde.

Früher waren es Individuen, denen finstere Absichten unterstellt wurden; heute ist es mitunter ein Staat, dessen Handlungen mit einer Selbstverständlichkeit dämonisiert werden, die zumindest Fragen aufwirft. Nicht jede Kritik ist antisemitisch – selbstverständlich nicht. Aber Kritik ohne Maßstabsgleichheit verwandelt sich schnell in etwas anderes: in ein Zerrbild.

Der Journalismus sollte der Ort sein, an dem solche Verzerrungen korrigiert werden. Stattdessen wirkt er bisweilen wie ein Resonanzraum für sie.

Schreiben, was ist – oder was passt?

„Eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge“, sagt ein altes Sprichwort. Man könnte hinzufügen: Eine ungeprüfte Zahl ist eine ganze Erzählung. Und Erzählungen haben eine bemerkenswerte Eigenschaft – sie lassen sich nur schwer wieder einfangen, wenn sie erst einmal in die Welt gesetzt wurden.

Verantwortungsvoller Journalismus bedeutet nicht, jede militärische Handlung zu rechtfertigen oder Kritik zu unterlassen. Im Gegenteil: Kritische Berichterstattung ist sein Lebenselixier. Aber Kritik ohne Prüfung ist kein Mut, sondern Bequemlichkeit. Sie ersetzt Recherche durch Reflex.

Vielleicht wäre es an der Zeit, sich wieder an eine fast schon vergessene Maxime zu erinnern: Journalisten schreiben nicht einfach auf, wer was behauptet. Sie fragen, warum es behauptet wird. Wem es nützt. Was fehlt. Und was wir noch nicht wissen.

Alles andere ist kein „Schreiben, was ist“. Es ist – bei allem augenzwinkernden Pathos – eher ein literarisches Genre eigener Art: der Tatsachenroman ohne Tatsachenprüfung. Unterhaltsam für den Moment, unerquicklich für die Wirklichkeit.

Brüssel, die große Erziehungsanstalt

Es gehört zu den liebenswürdigsten Eigenheiten der Europäischen Union, dass sie sich selbst unermüdlich als Hort der Freiheit beschreibt, während sie gleichzeitig mit der Inbrunst eines frisch beförderten Oberstudienrats darüber nachdenkt, wer wann was sagen darf – und vor allem in welchem Tonfall. Man möchte fast meinen, irgendwo in den labyrinthischen Korridoren der Kommission habe sich ein pädagogischer Geist eingenistet, der beschlossen hat, aus einem Kontinent voller widerspenstiger Erwachsener eine mustergültige Schulklasse zu formen. Hände falten, Mund halten, bitte nur geprüfte Wahrheiten wiedergeben. Wer abweicht, bekommt Nachsitzen – oder wird algorithmisch unsichtbar gemacht, was in unserer Zeit ungefähr dasselbe ist wie früher der Kerker, nur mit besserer Benutzeroberfläche.

Zensur heißt selbstverständlich nicht mehr Zensur. Das wäre ja unerquicklich direkt. Heute spricht man von „Moderation“, „Resilienz“, „Verantwortung“ und – besonders hübsch – „Schutz vor Desinformation“. Die politische Sprache ist längst zu einer Art Duftkerze geworden: Sie soll überdecken, dass es im Kern um Kontrolle geht. Und Kontrolle wiederum wird stets mit Fürsorge verwechselt, so wie der übergriffige Nachbar sich für hilfsbereit hält, wenn er ungefragt den Gartenzaun erhöht, damit niemand mehr hinausblicken kann.

Der Feind trägt jetzt ein Logo

Dass ausgerechnet ein Online-Dienst mit dem Buchstaben X ins Visier gerät, wirkt fast literarisch – als hätte sich jemand gedacht: Wenn schon ein Gegner, dann bitte einer mit Symbolcharakter. Ermittlungen, Durchsuchungen, Vorladungen: Das Vokabular klingt nach schwerem Gerät, nach Staat gegen Struktur, nach jener feierlichen Ernsthaftigkeit, mit der Bürokratien ihre Macht demonstrieren. Man könnte meinen, es handle sich um eine internationale Schmugglerbande und nicht um eine Plattform, auf der Menschen sich gegenseitig Katzenbilder schicken und gelegentlich ihre politischen Ansichten hinausschreien.

Natürlich betonen die Behörden, es gehe ausschließlich um die Einhaltung der Gesetze. Das tun Behörden immer; es wäre unerquicklich, würden sie einmal erklären, es gehe ihnen um die Freude am Durchsuchen fremder Schreibtische. Die betroffene Seite wiederum spricht von politischer Attacke. Zwischen beiden Positionen spannt sich das vertraute Drama moderner Demokratien: Jeder behauptet, die Freiheit zu verteidigen, während er gleichzeitig dafür sorgt, dass sie in exakt die gewünschte Richtung läuft.

Was dabei irritiert, ist weniger der einzelne Vorgang als die Atmosphäre dahinter. Es ist die stille Selbstverständlichkeit, mit der staatliche Instanzen inzwischen davon ausgehen, Plattformen müssten wie öffentliche Versorgungseinrichtungen funktionieren – zuverlässig, kontrolliert und frei von unerwarteten Gedanken. Das Internet, einst ein anarchisches Versprechen, soll offenbar zu einer Art digitalem Kurpark werden: Bitte nicht auf den Rasen treten, und kontroverse Meinungen nur im ausgewiesenen Bereich äußern.

Wenn freiwillig plötzlich verpflichtend wird

Besonders elegant ist die europäische Kunstform des „freiwilligen Kodex“. Zuerst bittet man freundlich darum, gewisse Regeln zu beachten. Dann lobt man die Kooperation. Schließlich gießt man das Ganze in Gesetzesform – und siehe da, die Freiwilligkeit hat sich in eine Pflicht verwandelt, ohne dass jemand den Moment genau benennen könnte. Es ist ein politischer Zaubertrick, vergleichbar mit jenen Restaurantrechnungen, bei denen die optionalen Extras am Ende überraschend unverzichtbar erscheinen.

Sollten sich Berichte bewahrheiten, wonach Plattformen ihre Moderationspraxis global angepasst haben, um europäischen Anforderungen zu genügen, hätte Brüssel etwas erreicht, wovon Imperien früherer Jahrhunderte nur träumen konnten: normative Weltmacht ohne eine einzige Kanone. Die Regulierung wird exportiert wie einst Porzellan oder Maschinenbaukunst – nur dass es diesmal nicht um Waren geht, sondern um die Grenzen des Sagbaren.

Dabei schwingt eine merkwürdige Hybris mit. Europa, das wirtschaftlich nicht gerade vor Dynamik überquillt, entdeckt plötzlich seine Leidenschaft für moralische Führungsrollen. Man könnte fast glauben, der Kontinent habe beschlossen: Wenn wir schon nicht die größten Plattformen hervorbringen, dann schreiben wir wenigstens deren Hausordnung.

Der transatlantische Stirnrunzeln-Wettbewerb

Auf der anderen Seite des Atlantiks beobachtet man dieses Treiben mit wachsendem Stirnrunzeln – einer Mimik, die in Washington traditionell den ersten Schritt zur Empörung markiert. Die amerikanische Vorstellung von Meinungsfreiheit ist bekanntlich großzügiger, gelegentlich sogar schmerzhaft großzügig. Dort gilt noch stärker die Überzeugung, dass auch törichte, nervige oder schlicht falsche Aussagen Teil des demokratischen Grundrauschens sind.

Kommt nun der Eindruck hinzu, europäische Regeln beeinflussten indirekt, was amerikanische Bürger lesen oder posten dürfen, wird aus Stirnrunzeln schnell ein politisches Thema. Niemand lässt sich gern von außen sagen, wie breit der Debattenkorridor sein soll – schon gar nicht eine Nation, die ihre Verfassung fast wie eine heilige Schrift behandelt.

Ob daraus ein echter Konflikt erwächst, bleibt abzuwarten. Doch die bloße Möglichkeit zeigt, wie paradox die Lage ist: Ein Bündnis freier Staaten könnte sich darüber zerstreiten, wer die freiere Öffentlichkeit organisiert. Es wäre eine jener historischen Ironien, über die spätere Generationen milde lächeln, während sie selbst vermutlich längst von ganz anderen Regulierungsphantasien geplagt werden.

Jugendschutz oder Bürgernummer für alle?

Besonders delikat wird es dort, wo der Jugendschutz ins Spiel kommt – jenes unschlagbare Argument, gegen das kaum jemand offen opponieren mag, ohne sich moralisch ins Abseits zu stellen. Wer könnte schon dagegen sein, Kinder vor digitalen Abgründen zu bewahren? Und doch lohnt sich ein zweiter Blick, denn unter dem Mantel der Fürsorge lässt sich erstaunlich viel transportieren.

Wenn Alterskontrollen bedeuten, dass sich künftig jeder eindeutig identifizieren muss, verabschieden wir uns leise vom Prinzip der pseudonymen Rede. Das mag man begrüßen oder beklagen; fest steht nur, dass damit eine kulturelle Eigenart des Netzes verschwindet. Anonymität war stets zweischneidig – Schutzraum für Hinweisgeber ebenso wie Spielwiese für Trolle. Sie abzuschaffen heißt, beide Phänomene gleichzeitig zu treffen, wie ein Gärtner, der zur Sicherheit gleich den ganzen Wald rodet.

Die Vorstellung eines Internets, in dem jede Äußerung mit einer überprüfbaren Identität verknüpft ist, hat etwas zutiefst Bürokratisches. Es wäre das digitale Pendant zum Formularwesen: Bitte erst ausweisen, dann sprechen. Man darf vermuten, dass sich damit nicht nur die Hemmschwelle für Hassrede erhöht, sondern auch jene für unbequeme Wahrheiten.

Die Angst vor dem ungeordneten Gedanken

Hinter all dem scheint eine tieferliegende Sorge zu stehen – die Furcht vor der Unberechenbarkeit öffentlicher Diskussionen. Demokratien leben davon, dass Menschen Unsinn reden dürfen; ohne dieses Recht wäre auch das Kluge verdächtig. Doch das Chaos der Meinungen ist schwer zu ertragen für Institutionen, deren natürlicher Reflex Ordnung heißt.

So entsteht ein paradoxes Projekt: Man will die offene Gesellschaft sichern, indem man ihre Offenheit begrenzt. Es erinnert ein wenig an jene Eltern, die ihren Kindern absolute Freiheit gewähren – solange sie exakt das tun, was man ihnen nahelegt.

Dabei wird gern übersehen, dass Vertrauen ein riskantes Gut ist. Wer Bürgern permanent signalisiert, sie müssten vor falschen Informationen geschützt werden, unterstellt ihnen implizit mangelnde Urteilskraft. Auf Dauer ist das keine besonders schmeichelhafte Diagnose für erwachsene Gesellschaften.

Europa zwischen Mission und Müdigkeit

Vielleicht liegt der eigentliche Kern der Sache weniger in finsteren Zensurplänen als in einem typisch europäischen Reflex: dem Glauben, jedes Problem lasse sich durch Regulierung veredeln. Wo Unsicherheit herrscht, schafft man Regeln. Wo Regeln nicht genügen, schafft man Behörden. Und wo Behörden an Grenzen stoßen, gründet man Arbeitsgruppen – jene letzte Zuflucht organisierter Ratlosigkeit.

Doch Macht über den Diskurs ist eine heikle Angelegenheit. Sie verführt dazu, die eigene Perspektive für neutral zu halten und abweichende Stimmen als Störung. Gerade deshalb sollten liberale Gesellschaften ein gewisses Maß an Lärm aushalten. Freiheit klingt selten wie ein Streichquartett; meist erinnert sie eher an einen überfüllten Marktplatz.

Ob Europa tatsächlich auf einen großen Zusammenstoß mit anderen Freiheitsverständnissen zusteuert oder lediglich seine regulatorische Leidenschaft auslebt, wird sich zeigen. Sicher ist nur: Die Balance zwischen Schutz und Kontrolle bleibt eine der schwierigsten Übungen moderner Politik. Wer sie zu energisch in die eine Richtung kippt, riskiert, das zu beschädigen, was er zu bewahren vorgibt.

Und so steht der Kontinent da, geschniegelt, wohlmeinend, ein wenig belehrend – und hoffentlich klug genug, sich gelegentlich selbst zu widersprechen. Denn nichts wäre tragischer als eine perfekt moderierte Öffentlichkeit, in der am Ende zwar niemand mehr irrt, aber auch niemand mehr wagt, laut zu denken.

Der große Aufbruch ins moralische Mittelmeer

Es gibt Nachrichten, die wirken wie aus einem Drehbuch, das irgendwo zwischen Hochmoral, politischem Theater und der sehr alten menschlichen Sehnsucht nach historischer Bedeutsamkeit entstanden ist. Eine neue Gaza-Flottille also, diesmal größer, entschlossener, mit hundert Schiffen – eine Zahl, die in ihrer runden Symbolik bereits verrät, dass hier nicht nur Logistik, sondern auch Dramaturgie am Werk ist. Man stelle sich die Szene vor: Häfen in Italien, Spanien und Tunesien, Fahnen im Wind, Kameras im Anschlag, Interviews mit ernster Stirn und jener Stimme, die Menschen verwenden, wenn sie wissen, dass sie Teil einer Geschichte sein wollen, die später einmal in Dokumentarfilmen mit melancholischer Klaviermusik unterlegt wird.

Die Organisatoren sprechen von Isolation. Ein großes Wort. Isolation ist schließlich kein Werkzeugkastenbegriff wie Schraubenschlüssel oder Hilfslieferung; Isolation ist ein geopolitischer Fluch, ein diplomatisches Erdbeben, ein moralischer Bannkreis. Dass man ihn mit Schiffen herstellen möchte, erinnert ein wenig an jene Zeiten, in denen Menschen glaubten, mit wehenden Bannern und ausreichend Pathos könne man die Schwerkraft der internationalen Politik außer Kraft setzen.

Und doch steckt in solchen Unternehmungen etwas zutiefst Modernes: die Überzeugung, dass Sichtbarkeit bereits Wirkung ist. Dass ein Schiff mit Aktivisten heute mehr Schlagkraft besitzen kann als ein Bataillon – sofern es gut genug fotografiert wird.

Aktivismus als Hochseesport

Der Aktivismus hat sich in den letzten Jahrzehnten professionalisiert. Er besitzt mittlerweile Presseabteilungen, Hashtag-Strategien und eine erstaunliche Begabung für ikonische Bilder. Früher kettete man sich an Fabriktore; heute fährt man über das Mittelmeer. Fortschritt bedeutet schließlich auch, dass die Kulissen größer werden.

Mehrere Tausend Menschen sollen beteiligt sein: medizinische Fachkräfte, Ingenieure, Ermittler zu Kriegsverbrechen – eine Besetzungsliste, die klingt wie der Abspann eines sehr ernsten Films, bei dem niemand so recht weiß, ob er Dokumentation oder Performancekunst gesehen hat. Besonders reizvoll ist die Vorstellung der „dauerhaften zivilen Präsenz“, ein Begriff von jener elastischen Mehrdeutigkeit, die politische Sprache so liebenswert macht. Dauerhaft – aber wo genau? Unter welchen Bedingungen? Mit welcher Zustimmung der beteiligten Mächte? Fragen dieser Art haben in der frühen Phase moralischer Expeditionen traditionell Hausverbot.

Natürlich darf auch das historische Echo nicht fehlen. Der Vergleich mit Südafrika wird bemüht, denn nichts verleiht einer aktuellen Kampagne so zuverlässig moralischen Glanz wie ein erfolgreich abgeschlossener Kampf der Vergangenheit. Geschichte wird hier zur Leihgabe: Man borgt sich ein Siegerkapitel und hofft, dass etwas von dessen Aura abfärbt. Dass historische Analogien jedoch eher grobe Werkzeuge als chirurgische Instrumente sind, stört selten – sie klingen einfach zu gut.

Die mediale Choreografie der guten Absichten

Was an solchen Flottillen fasziniert, ist weniger ihre praktische Aussicht auf Erfolg als ihre symbolische Architektur. Schon die Organisatoren räumen ein, dass die Chancen gering sind. Aber Erfolg, so scheint es, wird inzwischen neu definiert: Nicht das Ankommen zählt, sondern das Gesehenwerden. Vielleicht erreichen wir Gaza nicht physisch, heißt es – aber wir erreichen die Menschen. Eine bemerkenswerte Formulierung, die elegant offenlässt, welche Menschen gemeint sind: jene vor Ort, jene vor den Bildschirmen oder jene im moralischen Eigenheim des Aktivisten.

Es ist das Zeitalter der performativen Politik. Wer handelt, sendet Bilder; wer Bilder sendet, gestaltet Narrative; wer Narrative gestaltet, verschiebt zumindest kurzfristig die diskursive Wetterlage. In einer Welt, in der Aufmerksamkeit die knappste Ressource ist, wirkt ein Konvoi aus hundert Schiffen wie ein gigantischer Magnet für Kameras. Dass Aufmerksamkeit jedoch ein flüchtiger Gast ist, der morgen schon beim nächsten Drama anklopft, gehört zu den weniger beliebten Erkenntnissen.

Und so segelt die Flottille auch durch die Gewässer der Selbstvergewisserung. Aktivismus ist schließlich nicht nur Intervention, sondern auch Identitätsarbeit. Man fährt nicht nur für eine Sache – man fährt auch, um der Mensch zu sein, der für eine Sache fährt.

Realität, diese unkooperative Angelegenheit

Die Kritiker verweisen auf bestehende Hilfslieferungen, auf Lastwagen, Tonnenzahlen und Grenzübergänge. Zahlen sind unerquicklich; sie besitzen keine Aura, keine wehend poetische Qualität. Ein Lastwagen ist nun einmal kein Schiff voller Idealisten. Er ist effizient, unspektakulär und daher medial ungefähr so attraktiv wie ein gut funktionierender Drucker.

Doch Politik besteht selten aus reinen Symbolen oder reiner Logistik. Sie ist vielmehr ein unerquicklich komplexes Gemisch aus Sicherheitsinteressen, humanitären Notwendigkeiten, strategischen Kalkülen und jener notorischen menschlichen Fähigkeit, sich gegenseitig zutiefst zu misstrauen. Wer glaubt, man könne diese Gemengelage mit einer Flotte moralisch überrumpeln, erinnert ein wenig an jemanden, der versucht, ein Schachspiel durch leidenschaftliches Dameopfern zu gewinnen, ohne vorher die Regeln geprüft zu haben.

Hinzu kommt die geografische Realität: Ägypten, Israel, militärische Kontrollzonen, diplomatische Spannungen – das Mittelmeer ist kein leerer Bühnenraum, sondern ein dicht reguliertes Terrain. Schiffe bewegen sich dort nicht nur durch Wasser, sondern durch Rechtsordnungen und Sicherheitsdoktrinen. Idealismus prallt hier gern auf Bürokratie, und Bürokratie ist bekanntlich der natürliche Fressfeind jeder heroischen Erzählung.

Die Prominenzfrage oder Wer darf moralisch glänzen

Noch ist offen, welche bekannten Gesichter an Bord sein werden. Doch man darf sicher sein: Sobald ein prominenter Name auftaucht, wird die Aufmerksamkeit sprunghaft steigen. Prominenz ist der Turbolader des Aktivismus. Sie verwandelt politische Aktionen in globale Ereignisse und komplexe Konflikte in gut teilbare Schlagzeilen.

Dabei entsteht eine eigenartige Dialektik: Je berühmter die Teilnehmer, desto größer die mediale Reichweite – und desto stärker auch der Verdacht, dass hier ein Stück weit das eigene Image mitsegelt. Engagement und Selbstdarstellung sind keine Gegensätze; sie sind Zwillinge, die sich gelegentlich um die bessere Kameraposition streiten.

Das Publikum wiederum liebt klare Rollen. Held, Schurke, Opfer – dramaturgisch bewährte Kategorien, die allerdings mit der Wirklichkeit des Nahostkonflikts ungefähr so kompatibel sind wie ein Kinderpuzzle mit einem Quantenphysiklabor.

Moral als Exportgut

Besonders bemerkenswert ist die Idee, einen Staat „in die Knie zu zwingen“, indem man ihn moralisch isoliert. Moral wird hier zum geopolitischen Druckmittel, gewissermaßen zum Exportgut, das in Containern der Überzeugungskraft verschifft wird. Doch Moral besitzt die unangenehme Eigenschaft, selten universell anerkannt zu sein. Was für die einen ein Akt der Gerechtigkeit ist, erscheint den anderen als Provokation, Einmischung oder schlicht als Naivität.

Das bedeutet nicht, dass moralischer Protest wertlos wäre – im Gegenteil. Viele historische Fortschritte begannen mit Aktionen, die zunächst als aussichtslos galten. Aber ebenso wahr ist: Moral ersetzt keine Strategie. Wer beides verwechselt, produziert zwar eindrucksvolle Gesten, aber selten nachhaltige Ergebnisse.

Vielleicht liegt gerade darin die Tragik moderner Protestformen: Sie müssen spektakulär sein, um wahrgenommen zu werden, und verlieren dabei mitunter jene geduldige Nüchternheit, ohne die politische Veränderungen kaum möglich sind.

Der alte Traum vom rettenden Schiff

Das Schiff ist seit jeher ein starkes Symbol. Arche, Freiheitsboot, Auswandererschiff – es steht für Aufbruch, Hoffnung, Rettung. Eine Flottille aktiviert dieses kulturelle Gedächtnis automatisch. Wer in See sticht, wirkt entschlossen; wer an Land bleibt, wirkt abwartend.

Doch die Geschichte kennt auch eine andere Lektion: Nicht jedes Schiff bringt Erlösung. Manche bringen lediglich neue Konflikte, diplomatische Krisen oder symbolische Sackgassen hervor. Der Ozean ist ein Meister darin, menschliche Gewissheiten zu relativieren.

Und dennoch wäre es zu einfach, die gesamte Unternehmung als bloßes Theater abzutun. Hinter ihr stehen zweifellos Menschen, die überzeugt sind, etwas Gutes zu tun. Idealismus mag oft irritierend sein, gelegentlich selbstgerecht, manchmal unerquicklich laut – aber eine Welt ohne ihn wäre vermutlich deutlich zynischer, als selbst dieses Essay es zu sein versucht.

Zwischen Pathos und Pragmatismus

Vielleicht zeigt die geplante Flottille vor allem eines: die tiefe Ungeduld einer globalen Öffentlichkeit, die nicht erträgt, dass manche Konflikte sich über Jahrzehnte verhärten. Ungeduld sucht nach spektakulären Gesten, weil die langsame Diplomatie so unerquicklich unsichtbar ist.

Doch nachhaltige politische Veränderungen entstehen selten durch dramatische Einzelaktionen. Sie wachsen eher wie Korallenriffe – langsam, unscheinbar, Schicht um Schicht. Das ist unerquicklich unromantisch und daher für den modernen Nachrichtenzyklus nahezu unbrauchbar.

So bleibt am Ende ein Bild: hundert Schiffe voller Hoffnung, Empörung, Überzeugung und vermutlich auch einer guten Portion Selbstinszenierung, unterwegs in ein Meer aus politischen Realitäten. Ob sie tatsächlich etwas isolieren werden, ist ungewiss. Sicher ist nur, dass sie eine Debatte befeuern – und dass Debatten, so unerquicklich sie sein mögen, immer noch besser sind als Gleichgültigkeit.

Vielleicht besteht die eigentliche Pointe dieser Geschichte darin, dass sowohl Aktivisten als auch ihre Kritiker von derselben Sehnsucht getrieben werden: der nach einer Welt, die endlich einfacher ist, als sie es hartnäckig bleibt. Bis dahin aber wird weiter gesegelt, gestritten, gefilmt und kommentiert.

Das Mittelmeer hat schon ganz andere Dramen gesehen. Es wird auch dieses mit jener stoischen Gelassenheit tragen, die nur Gewässer besitzen, denen menschliche Gewissheiten herzlich gleichgültig sind.

Die große Archivöffnung

oder Wie man drei Millionen Seiten in drei Schlagworte presst

Es gehört zu den schönsten Ritualen der digitalen Moderne, dass jede Veröffentlichung von Dokumenten – seien sie auch noch so umfangreich, trocken und juristisch verklausuliert – augenblicklich in ein gigantisches Buffet für jene verwandelt wird, die ohnehin schon wissen, was darin stehen muss. Kaum öffnet das US-Justizministerium seine Aktenschränke und lässt eine Papierlawine von mehreren Millionen Seiten in die Öffentlichkeit rollen, da knirschen bereits die algorithmischen Mahlwerke, und irgendwo zwischen Telegram, X, Podcasts mit zweifelhaftem Mikrofonrauschen und YouTube-Kanälen, deren visuelle Ästhetik an PowerPoint-Folien aus dem Jahr 2003 erinnert, wird eifrig destilliert: Drei Millionen Seiten Wahrheit, reduziert auf drei Schlagworte und ein Thumbnail mit rotem Pfeil.

Jeffrey Epstein, ohnehin längst zu einer Art mythologischer Figur zwischen Kriminalfall, Gesellschaftsskandal und moralischer Groteske geworden, eignet sich dafür hervorragend. Er ist der perfekte Projektionskörper: reich, vernetzt, abgründig, tot unter Umständen, die genügend Raum für Spekulation lassen – ein moderner Rorschachtest für politische Neurosen aller Art. Und wie bei jedem guten Rorschachtest sieht jeder etwas anderes: geheime Netzwerke, globale Kabalen, moralischen Verfall, die Apokalypse oder schlicht eine weitere Episode im nie endenden Drama menschlicher Machtgier.

Dass antisemitische Verschwörungserzählungen nun wieder Konjunktur haben, überrascht dabei ungefähr so sehr wie Regen im November. Antisemitismus ist gewissermaßen der Evergreen unter den Ressentiments: ideologisch flexibel, historisch erprobt und kompatibel mit nahezu jedem Weltbild, vom rechtsextremen Stammtisch bis zum verschwörungssatten Wellness-Influencer, der sonst nur über entgiftende Smoothies spricht.

Die Kunst des selektiven Lesens oder Textstellen als Steinbruch

Die schiere Menge der Dokumente wirkt dabei wie ein gigantischer Steinbruch, aus dem sich jeder bedienen kann. Wer lange genug sucht, findet immer einen Satz, eine Mail, eine Randnotiz, die sich – mit etwas interpretativer Gymnastik – in die gewünschte Erzählung einpassen lässt. Kontext ist schließlich ein Luxusgut, und Luxusgüter stehen unter Verdacht.

Das Prinzip ist so alt wie die Polemik selbst: Man nehme eine reale Information, entferne vorsichtig alle erklärenden Bestandteile, schüttle sie kräftig mit moralischer Empörung und serviere das Ganze als vermeintliche Enthüllung. Voilà – fertig ist die Weltverschwörung to go. Dass Epstein jüdische Kontakte hatte oder jüdische Begriffe benutzte, wird dann nicht als banale Folge sozialer Realität gelesen (Menschen kennen nun einmal andere Menschen), sondern als Beleg für ein finsteres, jahrtausendealtes Komplott, das praktischerweise immer genau dort beginnt, wo die eigene Vorstellungskraft endet.

Besonders charmant ist dabei die intellektuelle Ökonomie dieser Methode: Millionen Seiten müssen nicht gelesen werden, wenn ein einzelner Screenshot genügt. Wer würde sich schon durch juristische Prosa kämpfen, wenn ein empörter Livestream mit dramatischer Hintergrundmusik denselben emotionalen Ertrag verspricht?

Satanische Pädophile und andere rhetorische Sparangebote

Wenn dann prominente Stimmen den Chor verstärken und mit Formulierungen hantieren, die irgendwo zwischen Endzeitpredigt und Groschenroman oszillieren, erreicht das Ganze jene eigentümliche Mischung aus Pathos und Absurdität, die unsere Gegenwart so zuverlässig produziert. „Synagoge Satans“ – das klingt weniger nach Analyse als nach Theaterdonner, nach rhetorischem Flammenwerfer statt Argument.

Man könnte darüber lachen, wäre die Geschichte nicht so unerquicklich vertraut. Antisemitische Narrative funktionieren seit Jahrhunderten nach demselben dramaturgischen Muster: eine kleine, angeblich allmächtige Gruppe zieht heimlich die Fäden, kontrolliert Medien, Finanzsysteme, Regierungen und vermutlich auch das Wetter, wenn es gerade ins Weltbild passt. Dass solche Konstruktionen logisch kollabieren, sobald man sie zwei Minuten lang ernsthaft prüft, ist nebensächlich; sie erfüllen eine emotionale Funktion. Sie erklären eine chaotische Welt durch die bequeme Erfindung eines Schuldigen.

Der antisemitische Verschwörungsglaube ist damit eine Art metaphysischer Komfortzone. Er erspart die mühsame Erkenntnis, dass Macht oft banal verteilt ist, dass Systeme komplex sind und dass Verbrechen nicht zwingend Ausdruck eines ethnischen Masterplans sein müssen, sondern manchmal schlicht das Ergebnis von Geld, Einfluss und moralischer Verwahrlosung.

Realität als Rohstoff für Fiktionen

Und doch liegt hier eine bittere Ironie: Epsteins Verbrechen sind real, monströs und ausreichend erschütternd, ganz ohne metaphysische Aufladung. Gerade deshalb ist ihre Instrumentalisierung so perfide. Statt sich auf die Strukturen zu konzentrieren, die Missbrauch ermöglichten – Reichtum, soziale Immunität, institutionelles Wegsehen –, wird das Augenmerk verschoben auf eine kollektive Zuschreibung, die mit den tatsächlichen Taten nichts zu tun hat.

Das Nexus Project hat recht, wenn es warnt: Antisemitismus wächst dort besonders gut, wo reale Skandale als Dünger dienen. Die Empörung über tatsächliche Verbrechen wird dann umgeleitet in ein Ressentiment, das nicht auf Aufklärung zielt, sondern auf Stigmatisierung.

Bemerkenswert ist zudem die fast poetische Widersprüchlichkeit vieler Spekulationen. Epstein soll gleichzeitig für Israel, Russland, China, eine globale Elite und vermutlich noch für den intergalaktischen Rat gearbeitet haben – ein Multitasking-Agent, der selbst James Bond in den Burnout getrieben hätte. Dass sich diese Thesen gegenseitig ausschließen, stört wenig; Verschwörungen sind schließlich kein Logikseminar, sondern ein erzählerisches Genre.

Die Statistik als Orakel

Besonders entzückend ist der Umgang mit bloßen Namensnennungen. Wenn ein Name hunderte Male in einer Datenbank auftaucht, wird daraus flugs eine numerologische Offenbarung. Zahlen wirken objektiv, beinahe wissenschaftlich – ein ideales Requisit für jene, die ihre Vorurteile gern in Tabellenform präsentieren.

Dass viele dieser Erwähnungen schlicht weitergeleitete Medienberichte sind, passt allerdings schlecht in die Dramaturgie. Differenzierung ist der natürliche Feind jeder großen Erzählung. Sie macht alles komplizierter, grauer, weniger tweetbar.

Man könnte sagen: Die moderne Verschwörungstheorie ist weniger eine Theorie als eine Form der literarischen Collage. Sie schneidet aus, montiert neu und versieht das Ganze mit der Gravitas einer vermeintlichen Enthüllung. Recherche wird dabei durch Mustererkennung ersetzt – allerdings durch eine, die schon vor dem ersten Blick feststeht.

Antisemitismus als ideologischer Universaladapter

Mike Rothschilds Hinweis, dass Antisemitismus in verschwörungsideologischen Milieus nahezu unabhängig von politischer Farbe auftaucht, trifft einen wunden Punkt. Antisemitismus ist der Universaladapter unter den Vorurteilen: anschlussfähig an rechts, links, esoterisch, anti-globalistisch oder pseudo-aufklärerisch. Er passt sich an wie ein Chamäleon mit historischer Erfahrung.

Das macht ihn so langlebig. Während politische Ideologien kommen und gehen, bleibt er verfügbar als narrative Abkürzung für komplexe Probleme. Finanzkrise? Sicher steckt jemand dahinter. Medienkritik? Bestimmt kontrolliert sie jemand. Moralischer Verfall? Offenbar Teil eines Plans.

Der Gedanke, dass gesellschaftliche Missstände oft aus strukturellen, ökonomischen oder schlicht menschlichen Gründen entstehen, ist dagegen unerquicklich unspektakulär. Er taugt nicht für apokalyptische Podcasts.

Gier, Perversion und die banale Tragödie der Macht

Vielleicht ist die unerquicklichste Wahrheit jene, die Rothschild formuliert: Epsteins Netzwerk hatte nichts mit einer Religion zu tun, sondern mit Gier, Macht und Perversion. Es ist eine deprimierend vertraute Konstellation. Reichtum schafft Zugang, Zugang schafft Schutz, Schutz schafft Schweigen – und Schweigen schafft Raum für das Ungeheuerliche.

Diese Banalität des Bösen ist schwer zu ertragen, weil sie keine exotischen Erklärungen liefert. Sie zwingt uns, auf Systeme zu blicken, die wir selbst hervorgebracht haben: auf Eliten, die sich gegenseitig decken; auf Institutionen, die zu spät reagieren; auf eine Öffentlichkeit, die Skandale konsumiert wie Serienepisoden.

Wie viel angenehmer erscheint da die Vorstellung eines geheimen Masterplans. Sie ist dramatischer, übersichtlicher und – paradoxerweise – entlastend. Wenn alles gesteuert wird, muss man sich weniger mit den eigenen gesellschaftlichen Strukturen beschäftigen.

Das Opfer zweiter Ordnung

Am Ende trifft diese Dynamik mehrere Gruppen zugleich. Jüdische Gemeinschaften werden erneut zur Projektionsfläche gemacht, während die tatsächlichen Opfer von Epsteins Taten ein zweites Mal instrumentalisiert werden – diesmal als dramaturgisches Zubehör in einer ideologischen Inszenierung.

Es ist eine doppelte Entwürdigung: Erst das Verbrechen, dann seine rhetorische Ausschlachtung.

Und so bleibt von der großen Dokumentenöffnung ein paradoxes Bild. Nie zuvor standen so viele Informationen zur Verfügung, und selten war die Versuchung größer, sie nicht zu verstehen, sondern zu verwerten. Die Archive öffnen sich – und mancher nutzt sie nicht als Fenster zur Realität, sondern als Spiegelkabinett der eigenen Obsessionen.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe unserer Zeit: Wir leben im Zeitalter radikaler Transparenz und zugleich im goldenen Zeitalter der Fehlinterpretation. Die Wahrheit liegt ausgebreitet auf Millionen Seiten – aber wer will schon eine komplizierte Wahrheit, wenn eine elegante Verschwörung viel unterhaltsamer ist?

Das hohe Lied der Delegation

Warum noch wählen gehen, sich in muffigen Turnhallen mit wabbeligen Wahlkabinen herumschlagen, den Kugelschreiber an einer Plastikschnur wie eine mittelalterliche Reliquie festgekettet vorfinden und anschließend in stoischer Geduld auf ein Ergebnis warten, das am Ende doch nur Koalitionsarithmetik und Postengeschacher hervorbringt? Wozu dieses anachronistische Ritual, wenn es doch inzwischen viel elegantere Formen der Selbstentmündigung gibt? Die Moderne ist schließlich die Epoche der Arbeitsteilung. Der Bürger arbeitet, zahlt Steuern, trennt Müll, senkt die Heizung, hebt sie wieder an, wenn das Gesetz es verlangt, und lässt den Rest von einer Kombination aus Robenträgern und moralisch hochgerüsteten Nichtregierungsorganisationen erledigen. Effizienz ist alles. Demokratie war gestern, Delegationsdemokratie ist heute: ein System, in dem der Souverän so souverän ist, dass er auf seine Souveränität großzügig verzichtet.

Man könnte fast gerührt sein von dieser Entwicklung. Über Jahrhunderte hinweg mussten sich Menschen mühsam politische Rechte erkämpfen, Revolutionen anzetteln, Barrikaden errichten, Flugblätter drucken und dabei ständig riskieren, erschossen, geköpft oder zumindest exmatrikuliert zu werden. Und nun, endlich, da man wählen darf, merkt man: Es ist doch anstrengend. Wie viel angenehmer ist es da, wenn Gerichte und NGOs das Denken gleich mitübernehmen. Eine Art politisches All-inclusive-Angebot. Der Bürger darf weiterhin entscheiden, welche Streamingserie er schaut, aber über den Rest wird auf höherer Ebene befunden – dort, wo man die Dinge mit jener entwaffnenden Mischung aus Ernst und Weltrettungsdrang betrachtet, die jeden Zweifel sofort als Charakterschwäche entlarvt.

Richter als Orakel der späten Republik

Das Urteil aus Leipzig wirkt in diesem Zusammenhang weniger wie ein Paukenschlag als vielmehr wie die logische Fortsetzung eines Trends: Wenn Politik nicht liefert, liefert eben das Gericht. Der Richter wird zum Hohepriester einer Ordnung, in der Zielvorgaben sakrosankt sind und die Realität gefälligst nachzuziehen hat. Früher galt das Recht als Rahmen, innerhalb dessen Politik gestaltet wurde; heute scheint es gelegentlich eher der Motor zu sein, der die Politik vor sich hertreibt wie ein nervöser Hütehund eine Herde besonders begriffsstutziger Schafe.

Natürlich ist das alles höchst rational. Wer könnte ernsthaft etwas dagegen haben, dass „Lücken“ geschlossen werden? Lücken sind verdächtig. In Lücken wohnt die Unsicherheit, und Unsicherheit ist der natürliche Feind einer Verwaltungskultur, die Ordnung liebt wie der Botaniker seine akkurat beschrifteten Herbarien. Also wird geschlossen, ergänzt, nachjustiert. Politik verwandelt sich in ein nie endendes Update, ein Betriebssystem, das ständig neue Patches benötigt, weil das Ziel – die perfekte Zukunft – immer genau eine Legislaturperiode entfernt liegt.

Und so entsteht eine eigenartige Metaphysik der Zielerreichung: Wenn das Soll nicht erreicht wird, muss eben das Sein korrigiert werden. Der Bürger könnte versucht sein, darin eine gewisse Unbedingtheit zu erkennen, eine moralische Gravitation, die alles in ihren Bann zieht. Aber keine Sorge – es geschieht alles zu seinem Besten. Wer wollte schon in einer Welt leben, in der politische Ziele verfehlbar sind? Das wäre ja fast menschlich.

Die NGO als Gouvernante des Gemeinwohls

Hier betritt sie die Bühne, die moderne Gouvernante: die NGO. Nicht gewählt, aber berufen. Nicht demokratisch legitimiert, aber moralisch akreditiert. Sie hat etwas von jener Tante, die unangemeldet zu Besuch kommt, die Fenster aufreißt, den Kühlschrank inspiziert und anschließend erklärt, wie man künftig zu leben habe – nur eben mit mehr Pressemitteilungen.

Ihre besondere Stärke liegt in der beneidenswerten Freiheit von jenem unerquicklich profanen Druck, der Politiker plagt: wiedergewählt werden zu müssen. NGOs kennen diese Bürde nicht. Sie können das Gute wollen, ohne sich um die Frage zu kümmern, ob es jemand auch gut findet. Das verleiht ihnen eine Reinheit, die fast klösterlich wirkt. Während der Politiker noch zögert und Umfragen studiert, hat die NGO längst Klage eingereicht. Man handelt schließlich nicht aus Opportunismus, sondern aus Überzeugung – ein Luxus, den sich in der Demokratie ironischerweise vor allem jene leisten können, die ihr nicht unmittelbar rechenschaftspflichtig sind.

Der Vorwurf, es handle sich um eine Art Nebenregierung, greift dabei womöglich zu kurz. Nebenregierung klingt so improvisiert, so nach Hinterzimmer. Tatsächlich wirkt das Ganze eher wie eine Parallelarchitektur, sauber errichtet aus Paragrafen, Gutachten und jener unverrückbaren Gewissheit, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Und wer wollte sich schon freiwillig auf die falsche Seite stellen? Das wäre ja nicht nur politisch unklug, sondern geradezu unästhetisch.

Der Bürger als Projekt

Der moderne Staat entdeckt im Bürger zunehmend ein faszinierendes Gestaltungsfeld. Früher war er Träger von Rechten; heute ist er zusätzlich ein Optimierungsprojekt. Sein Verhalten, seine Mobilität, seine Raumtemperatur, sein Konsum – alles lässt sich justieren, feinabstimmen, kalibrieren. Freiheit wird dabei keineswegs abgeschafft, sie wird lediglich präzisiert. Man könnte sagen: Der Handlungsspielraum wird so sorgfältig definiert, dass Fehlentscheidungen praktisch ausgeschlossen sind. Eine pädagogische Meisterleistung.

In diesem Licht erscheint die Vorstellung drastischer Einschränkungen gar nicht mehr so unerquicklich, sondern eher wie der Endpunkt einer langen erzieherischen Reise. Schließlich weiß jeder gute Lehrer: Strenge ist nur eine andere Form der Fürsorge. Wenn der Bürger also gelegentlich das Gefühl beschleicht, er werde behandelt wie ein Teenager mit notorischer Selbstüberschätzung, dann liegt das vermutlich nur daran, dass man ihn ernst nimmt – sehr ernst sogar.

Vielleicht entsteht hier eine neue Anthropologie: der klimamündige Mensch, der sich nicht mehr fragt, was er will, sondern was er darf. Ein Wesen, das nicht aus Zwang verzichtet, sondern aus Einsicht – wobei die Einsicht praktischerweise von außen geliefert wird. Selbstbestimmung war ohnehin immer ein etwas überschätztes Ideal; sie führt nur zu komplizierten Debatten und, schlimmer noch, zu unterschiedlichen Lebensentwürfen.

Die große Entlastung von der Verantwortung

Man sollte das alles nicht zu düster sehen. Es steckt auch etwas ungemein Entlastendes in dieser Entwicklung. Verantwortung ist schwer zu tragen; sie verursacht Rückenschmerzen im politischen Betrieb. Wie beruhigend ist es da, wenn übergeordnete Instanzen die Richtung vorgeben. Der Politiker kann seufzend auf das Urteil verweisen, der Richter auf die Norm, die NGO auf die Moral, und der Bürger – nun, der Bürger kann sich darauf verlassen, dass irgendjemand den Überblick behält.

So entsteht ein Kreislauf perfekter Verantwortungsdiffusion, ein Perpetuum mobile der Zuständigkeiten, in dem jeder zugleich handelt und doch nur reagiert. Niemand wollte es gewesen sein, und dennoch geschieht alles mit einer geradezu naturgesetzlichen Folgerichtigkeit. Man könnte fast an eine höhere Ordnung glauben, wäre sie nicht so bemerkenswert bürokratisch.

Verdammnis oder Komfortzone?

Sind die Deutschen also verdammt, wie ein allzu dramatischer Tonfall nahelegen könnte? Verdammnis klingt nach Feuer und Schwefel, nach tragischem Pathos. Vielleicht ist das Bild zu groß. Vielleicht handelt es sich weniger um eine Hölle als um eine hervorragend temperierte Komfortzone, in der Entscheidungen diskret ausgelagert werden. Eine Hölle mit Energiesparmodus, gewissermaßen.

Und doch bleibt ein leises Unbehagen, ein Gefühl, dass irgendwo zwischen Gerichtssaal und Aktivistenbüro etwas verloren gehen könnte, das früher einmal zum Kern der Demokratie gehörte: das unerquicklich chaotische Recht, gemeinsam zu irren. Denn Demokratie war nie die Kunst, stets das Richtige zu tun; sie war die riskante Freiheit, auch falsche Wege zu beschreiten und daraus zu lernen. Wer dieses Risiko minimiert, maximiert zwar die Planbarkeit – aber vielleicht auch die Langeweile des Politischen.

Am Ende steht also eine Frage, die sich mit satirischer Gelassenheit stellen lässt: Wenn ohnehin andere entscheiden, warum dann noch wählen? Die Antwort könnte überraschend altmodisch sein. Vielleicht gerade deshalb. Vielleicht, weil die Demokratie kein Zuschauerraum ist, sondern eine Bühne, auf der Mitspielen gelegentlich wichtiger ist als perfekte Regie. Oder, um es weniger pathetisch zu sagen: Wer seine Hoffnung schon am Eingang abgibt, sollte sich nicht wundern, wenn er drinnen nur noch Statist ist.

Ein Vorspiel in Papierbergen und digitalem Weihrauch

Es gibt Themen, bei denen man schon beim ersten Atemzug das Rascheln von Papier hört, obwohl längst alles digitalisiert ist; Themen, die wie ein gigantischer Aktenschrank daherkommen, aus dem beim Öffnen nicht etwa Ordnung, sondern eine Lawine aus halbgaren Vermutungen, moralischem Schaum und algorithmisch optimierter Empörung quillt. Die sogenannten Epstein-Akten gehören zu jener Kategorie von Stoffen, die im 21. Jahrhundert nicht mehr gelesen, sondern performt werden: Man hält sie hoch wie ein Reliquiar, ohne jemals hineingesehen zu haben, und murmelt ehrfürchtig Begriffe wie „Liste“, „Enthüllung“ oder „Vertuschung“, als handele es sich um sakrale Formeln einer neuen, datengetriebenen Liturgie.

Denn was ist eine Akte im Zeitalter sozialer Medien anderes als ein Orakel? Früher pilgerte man nach Delphi; heute genügt ein Thread. Dort sitzen sie dann, die modernen Auguren, mit Bildschirmbräune und der Gewissheit, dass ein Screenshot mehr Wahrheit enthält als jede mühsam erarbeitete Recherche. Ein Name taucht auf – und schon wird aus der bloßen Erwähnung eine moralische Todesanzeige. Kontext? Ach was. Der Kontext ist der natürliche Feind der schnellen Entrüstung, und Entrüstung ist schließlich der Treibstoff unserer Gegenwart.

Man muss sich das einmal bildlich vorstellen: Millionen Seiten Material, vermutlich durchzogen von der bürokratischen Poesie aus Kontoauszügen, Terminnotizen, belanglosen Mails und jenem administrativen Kleinklein, das jeden Kriminalfall begleitet. Und was macht die Öffentlichkeit daraus? Eine Art literarisches Escape Room-Spiel, bei dem jeder Hinweis zum finalen Beweis erklärt wird, solange er nur in das eigene Weltbild passt. Die Täter – sofern sie sich überhaupt identifizieren lassen – verschwinden dabei nicht selten hinter der Nebelmaschine aus Spekulationen. Doch keine Sorge: Irgendjemand wird schon den Philosophen Plato oder eine Kinderfernsehfigur beschuldigen, zur Not auch den lieben Gott. Die Beweiskette ist elastisch, und Elastizität gilt ja bekanntlich als Zeichen geistiger Beweglichkeit.

Die große Demokratisierung des Verdachts

Nie war es einfacher, Richter zu sein. Man benötigt weder Robe noch Examen; ein Account genügt. Der Verdacht ist demokratisiert worden wie einst das Brot, nur dass er deutlich länger haltbar ist und weniger Krümel macht. Wer in einer Akte erwähnt wird, hat – zumindest im digitalen Stammtisch – bereits verloren. Es ist die triumphale Rückkehr der mittelalterlichen Logik: Wenn jemand im Dorf über dich spricht, wird schon etwas dran sein.

Dabei ist der Mechanismus erschreckend simpel und deshalb so erfolgreich. Erstens: Man nehme einen komplizierten Sachverhalt. Zweitens: Man entferne alle Zwischentöne. Drittens: Man würze das Ganze mit einem Hauch moralischer Selbstüberhöhung. Fertig ist der Skandal zum Mitnehmen. Dass Ermittlungsakten per Definition alles enthalten, was irgendwie relevant sein könnte – auch Falsches, Irrelevantes oder Zufälliges –, wird dabei gern übersehen. Eine Akte ist kein Schuldspruch, sondern eher ein chaotisches Archiv menschlicher Beziehungen, Fehltritte und manchmal auch bloßer räumlicher Nähe.

Doch Differenzierung hat ein PR-Problem: Sie klingt nie so aufregend wie der Satz „Sie stehen auf der Liste!“ Dieser Satz besitzt die dramaturgische Eleganz eines Theaterdonners und die analytische Tiefe eines Teelöffels. Trotzdem funktioniert er prächtig, weil er das Publikum nicht mit Denken belästigt. Denken ist anstrengend; Empörung hingegen verbrennt Kalorien der Vernunft nahezu geräuschlos.

Papier als perfekte Vertuschung – oder die Ironie der Totaltransparenz

Hier entfaltet sich eine der schönsten Ironien unserer Zeit: Je mehr Material veröffentlicht wird, desto weniger versteht man. Transparenz verwandelt sich in Opazität, sobald sie die kritische Menge überschreitet. Es ist, als würde man zur Aufklärung eines Verbrechens sämtliche Sandkörner eines Strandes einzeln katalogisieren – irgendwo darunter liegt vielleicht die Tatwaffe, aber bis dahin haben sich bereits tausend Hobbydetektive gegenseitig beschuldigt, das Meer erfunden zu haben.

Die totale Veröffentlichung wirkt deshalb nicht selten wie die eleganteste Form der Vernebelung. Nicht, weil jemand zwingend eine finstere Masterstrategie verfolgt, sondern weil der menschliche Geist für solche Datenmassen schlicht nicht gebaut ist. Also greift er zu Abkürzungen: Mustererkennung, Schuld durch Assoziation, narrative Kurzschlüsse. Aus „hatte ein Konto bei derselben Bank“ wird „war Teil eines Netzwerks“, aus „traf sich einmal auf einer Veranstaltung“ wird „gehörte zum inneren Zirkel“. Es ist semantische Alchemie – man verwandelt Blei in moralisches Gold, indem man lange genug daran glaubt.

Und währenddessen geschieht etwas fast Tragikomisches: Die tatsächlichen Opfer geraten in den Hintergrund, weil ihre Geschichten weniger spektakulär sind als die Fantasien jener, die sich selbst zu Chronisten einer gigantischen Weltverschwörung ernannt haben. Nichts übertönt das leise Leid so zuverlässig wie ein lautstarker Mythos.

Der algorithmische Jahrmarkt der Gewissheiten

Natürlich wäre all das nur halb so unterhaltsam ohne die Plattformen, jene digitalen Jahrmärkte, auf denen jeder Gedanke sofort eine Bühne bekommt – vorzugsweise dann, wenn er besonders schrill ist. Der Algorithmus liebt keine Wahrheit; er liebt Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit bekommt, wer die steilste These aufstellt, nicht derjenige, der am sorgfältigsten abwägt.

So entsteht ein Wettbewerb der Gewissheiten: Wer kann noch kompromissloser behaupten, den Durchblick zu haben? Wer erkennt hinter jeder Fußnote ein geopolitisches Schachspiel? Wer deutet jede Kreditkarte zur Chiffre eines geheimen Imperiums um? Man könnte darüber verzweifeln, wenn es nicht gleichzeitig eine gewisse komische Qualität besäße – eine Farce, in der sich der Mensch als Detektiv verkleidet und dabei ständig über die eigenen Schlussfolgerungen stolpert.

Besonders reizvoll ist dabei der moralische Hochsitz, von dem aus man die Welt überblickt. Dort oben ist die Luft dünn, aber das Selbstbewusstsein hervorragend belüftet. Man zeigt mit dem Finger auf andere und fühlt sich dabei wie ein einsamer Leuchtturm der Wahrheit, ohne zu bemerken, dass man eigentlich nur eine Taschenlampe gegen den Nebel richtet.

Zwischen berechtigter Skepsis und hysterischer Fantasie

Nun wäre es zu einfach – und literarisch unerquicklich –, alles bloß als kollektiven Wahnsinn abzutun. Skepsis ist schließlich eine Tugend. Geschichte lehrt uns, dass Machtmissbrauch oft gerade dort gedeiht, wo niemand hinschaut. Wer also Fragen stellt, erfüllt eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Das Problem beginnt erst, wenn aus Fragen Antworten werden, bevor die Wirklichkeit Gelegenheit hatte, sich zu äußern.

Es ist ein schmaler Grat zwischen kritischem Denken und jener Form der Fantasie, die sich als Recherche verkleidet. Auf der einen Seite steht das legitime Bedürfnis nach Aufklärung; auf der anderen lauert die Versuchung, jedes Detail in ein vorgefertigtes Weltbild zu pressen. Die Wahrheit hat jedoch eine unerquicklich nüchterne Eigenschaft: Sie ist meist kompliziert, selten spektakulär und fast nie vollständig befriedigend.

Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum so viele Menschen lieber an ein allumfassendes Komplott glauben. Ein Komplott hat Dramaturgie. Es gibt Helden und Schurken, Strippenzieher und Opfer. Die Realität hingegen besteht oft aus Bürokratie, Zufällen und erschreckend banalen Motiven – eine schlechte Vorlage für epische Threads.

Schluss mit Pointe, aber ohne Erlösung

Am Ende bleibt ein Bild, das zugleich grotesk und lehrreich ist: eine Öffentlichkeit, die in einem Meer aus Dokumenten paddelt und dabei unablässig ruft, sie habe festen Boden unter den Füßen. Vielleicht ist das die eigentliche Satire unserer Gegenwart – dass wir mehr Informationen besitzen als jede Generation zuvor und uns dennoch mit einer Inbrunst irren, die beinahe bewundernswert wäre, wäre sie nicht gelegentlich so zerstörerisch.

Was also tun? Vielleicht, und das klingt beinahe unverschämt unspektakulär, wäre etwas mehr Langsamkeit ein Anfang. Ein tiefer Atemzug vor dem nächsten Urteil. Die Einsicht, dass ein Name noch keine Geschichte ist und eine Akte noch kein Schuldspruch. Vor allem aber die Bereitschaft, die eigene Gewissheit hin und wieder zu misstrauen – ein intellektueller Luxus, der erstaunlich selten geworden ist.

Bis dahin jedoch dürfen wir uns auf weitere Enthüllungen freuen, die sich bei näherem Hinsehen als Nebelkerzen entpuppen, auf Empörungswellen mit der Halbwertszeit von Frischmilch und auf jene unverwüstliche menschliche Neigung, aus jeder Unsicherheit eine große, donnernde Erzählung zu zimmern. Man könnte sagen: Die Täter mögen sich freuen – doch die Satire hat Hochkonjunktur. Und irgendwo raschelt wieder Papier, sehr wahrscheinlich völlig unschuldig.

Die Dusche als letzter Hort der Republik

Es gibt Zivilisationen, die an ihren Aquädukten gemessen werden, und andere, die an der Frage zugrunde gehen, ob der Duschstrahl die individuelle Selbstverwirklichung ausreichend temperiert. Österreich, dieses liebenswürdig grantelnde Land zwischen Opernball und Förderantrag, scheint nun endgültig beschlossen zu haben, dass die Verteidigungsfähigkeit des Staates vor allem davon abhängt, ob sich ein Rekrut beim kollektiven Waschvorgang emotional abgeholt fühlt. Man stelle sich vor: Das Imperium Romanum hätte vor jeder Schlacht eine Feedbackrunde veranstaltet, um zu klären, ob der Legionär sich in seiner Ganzkörperexponiertheit ausreichend respektiert fühlt. „Ave Caesar, die Gruppendusche ist ein Trigger.“

So wird also aus der Radetzky-Kaserne in Horn – benannt nach jenem Feldmarschall, der vermutlich nicht einmal wusste, was ein „Safe Space“ ist, geschweige denn einen beantragt hätte – ein pädagogisches Versuchslabor, in dem militärische Tugenden gegen das Wärmflaschenklima spätmoderner Befindlichkeitskultur antreten. Disziplin? Nur nach vorheriger Zustimmung im Plenum. Zeitdruck? Eine mikroaggressive Strukturmaßnahme. Einordnung ins Kollektiv? Bitte nur, sofern sie mit dem persönlichen Markenprofil kompatibel ist.

Generation Empfindsam trifft Institution Ernstfall

Der Vorfall selbst ist so banal wie symbolträchtig: 220 Rekruten, 22 Duschköpfe und eine Realität, die sich hartnäckig weigert, die Gesetze der Physik an die Bedürfnisse der Selbstentfaltung anzupassen. Wasser fließt nun einmal nicht schneller, nur weil jemand sich in seiner Intimsphäre narrativ unterrepräsentiert fühlt. Die militärische Logik ist dabei unerquicklich simpel: Wer zuerst duscht, wird zuerst trocken, und wer zuerst trocken ist, kann früher wieder exerzieren. Eine brutale Kette der Effizienz.

Doch wehe, ein Offizier betritt den Raum, um sicherzustellen, dass aus der Körperpflege kein Wellness-Wochenende wird. Schon erhebt sich der Chor der Entrüstung, flankiert von politischer Besorgnisrhetorik, die klingt, als sei die Republik am Rand eines seifigen Autoritarismus entlanggeschrammt. Man spricht von „überholten Methoden“, von „Schikanen“, von der Notwendigkeit, pädagogisch aufzurüsten – vermutlich mit Moderationskarten und einer PowerPoint über achtsames Abtrocknen.

Der Oberst hingegen, ein Mann von der unerquicklich altmodischen Überzeugung, dass militärische Abläufe eine gewisse Struktur vertragen, verweist trocken darauf, dass unstrukturierte Duschen länger dauern würden. Ein Satz so nüchtern, dass er fast schon als Provokation gelten muss. Effizienz ist schließlich das letzte Tabu in einer Kultur, die Prozesse lieber begleitet als beendet.

Politik als Großelternteil mit Dauererlaubnis

Was dabei irritiert, ist weniger das Jammern selbst – Jammern gehört bekanntlich zum anthropologischen Grundrauschen Mitteleuropas – als vielmehr die Geschwindigkeit, mit der politische Verantwortungsträger in eine Art fürsorglichen Großelternmodus verfallen. Kaum äußert jemand Unbehagen, wird bereits am institutionellen Fundament gesägt, als wäre militärische Ausbildung eine besonders schlecht bewertete Hotelanlage.

Der Erlass von 2017, der noch unerschrocken festhielt, dass militärisches Leben die bewusste Einordnung in eine Gemeinschaft verlange und Entbehrungen nicht als Betriebsunfall, sondern als Wesensmerkmal zu betrachten seien, wirkt heute wie ein Dokument aus einer archaischen Epoche, irgendwo zwischen Dampflok und Handschlag. Entbehrungen? Wie unerquicklich analog.

Stattdessen entsteht der Eindruck, dass Führung zunehmend als Dienstleistung missverstanden wird, bei der der Kunde Rekrut selbstverständlich König ist – oder zumindest Influencer seiner eigenen Beschwerdelage. Das Militär droht so zum paradoxen Raum zu werden: einer Institution, deren Sinn gerade darin liegt, im Ernstfall ohne lange Diskussionen zu funktionieren, die aber im Alltag immer stärker den Diskursregeln eines Seminars für partizipative Konfliktlösung folgt.

Die Ökonomie der Empörung und die Armut der Infrastruktur

Besonders elegant ist dabei das Zusammenspiel von moralischem Hochton und materiellem Tiefstand. Während man sich mit erheblicher Energie darüber erregt, wer wann und unter wessen Blick duscht, bleibt die Tatsache erstaunlich unbeachtet, dass eine Kaserne mit einem Duschkopf pro zehn Rekruten operiert – ein Verhältnis, das selbst in einem Jugendherbergsprospekt von 1974 Stirnrunzeln ausgelöst hätte.

Hier offenbart sich eine typisch spätstaatliche Prioritätensetzung: Für Programme, Leitbilder, Sensibilisierungsinitiativen und vermutlich auch für farblich abgestimmte Informationsbroschüren findet sich Geld; für zusätzliche Fliesen eher weniger. Es ist die Ästhetik der wohlmeinenden Knappheit: Man kann zwar nicht mehr Wasser bereitstellen, aber man kann immerhin sehr ausführlich darüber sprechen, wie sich der Wassermangel emotional auswirkt.

Man könnte zynisch fragen, ob nicht gerade diese infrastrukturelle Askese der wahre Skandal ist. Doch das wäre unerquicklich pragmatisch und würde den schönen moralischen Nebel vertreiben, in dem sich politische Stellungnahmen so angenehm konturenfrei bewegen.

Das Missverständnis vom Militär als Persönlichkeitsretreat

Der vielleicht größte Kategorienfehler unserer Zeit besteht darin, das Militär mit einer Einrichtung zur Selbstfindung zu verwechseln. Es ist kein Retreat in den Bergen, bei dem man zwischen Atemübungen und Tagebucharbeit seine innere Stärke entdeckt. Es ist, bei aller demokratischen Einbettung, eine Organisation, deren Daseinszweck darin liegt, im Ausnahmezustand nicht überrascht zu sein.

Das bedeutet zwangsläufig, dass persönliche Präferenzen gelegentlich hinter funktionalen Notwendigkeiten verschwinden. Nicht aus Bosheit, sondern aus Logik. Eine Armee, die jede Maßnahme erst auf ihre atmosphärische Verträglichkeit prüft, könnte im Ernstfall zu dem Schluss kommen, dass der Gegner leider keine Rücksicht auf die interne Feedbackkultur genommen hat.

Natürlich darf und soll Ausbildung weder entwürdigen noch sinnlos quälen. Doch zwischen menschenwürdiger Behandlung und der Erwartung völliger Reibungsfreiheit liegt ein weiter Raum – jener Raum, in dem sich traditionell so altmodische Begriffe wie Pflichtbewusstsein, Belastbarkeit und Verlässlichkeit tummeln. Tugenden, die im zivilen Alltag vielleicht altbacken wirken, im Krisenfall jedoch eine erstaunliche Renaissance erleben.

Vom Risiko, alles angenehm zu machen

Die eigentliche Pointe dieser Debatte ist, dass sie weniger über Duschen erzählt als über unser Verhältnis zum Unangenehmen. Eine Gesellschaft, die systematisch versucht, jede Härte aus ihren Institutionen herauszupolstern, läuft Gefahr, nicht nur das Leid zu minimieren, sondern auch die Fähigkeit, mit ihm umzugehen.

Denn Strapazen sind im Militär kein sadistisches Relikt, sondern eine Art prophylaktische Begegnung mit der Realität. Wer nie gelernt hat, unter Druck zu funktionieren, wird im Ernstfall kaum plötzlich eine Leidenschaft dafür entwickeln. Resilienz entsteht selten im Komfortmodus.

Und so steht die Republik vor einer stillen, leicht seifigen Grundsatzfrage: Soll das Heer ein Ort sein, an dem man lernt, trotz widriger Umstände zu handeln – oder einer, an dem zuerst die Umstände angepasst werden? Beides gleichzeitig wird schwierig, selbst mit ausreichend Warmwasser.

Am Ende bleibt ein Bild von fast literarischer Ironie: Während draußen die Welt nicht eben übersichtlicher wird, ringt man drinnen um die richtige Balance zwischen Aufsichtspflicht und Intimsphäre im Nassbereich. Vielleicht ist das sogar zutiefst österreichisch – dieses Talent, existenzielle Fragen in administrativ handhabbare Debatten zu verwandeln.

Doch man sollte sich nichts vormachen: Ein Militär ist tatsächlich kein Streichelzoo für Individualisten. Es ist vielmehr eine jener letzten Institutionen, die darauf bestehen, dass das Gemeinsame gelegentlich Vorrang hat. Wer darin bereits einen Skandal erkennt, der sollte hoffen, dass der Ernstfall weiterhin eine theoretische Kategorie bleibt – vorzugsweise irgendwo weit entfernt von den Duschen in Horn.

Republik im Reality-Format

Amerika, dieses alte Versprechen aus Freiheit, Weite und der gottgegebenen Fähigkeit, alles sofort zu dramatisieren, hat sich in den letzten Jahren eine neue Lieblingsbeschäftigung zugelegt: Politik als Live-Event. Nicht Politik im Sinne von trockenem Verwaltungshandeln, nicht einmal Politik als ideologischer Streit — sondern Politik als Mischung aus Wrestling, Bürgerkriegssimulation und moralischem TikTok-Filter. Wer geglaubt hatte, die Vereinigten Staaten seien ein Land der Institutionen, der Gewaltenteilung und der rationalen Interessenabwägung, der muss nun erkennen: Sie sind vor allem ein Land der Inszenierungen.

Was derzeit rund um Abschiebungen, Proteste und tödliche Eskalationen geschieht, wirkt weniger wie staatliche Praxis als wie eine schlecht geprobte Massenszene, in der niemand mehr weiß, ob er Statist, Hauptdarsteller oder Kollateralschaden ist. Zwei Menschen sind tot — und beide politischen Lager reagieren mit jener Mischung aus moralischer Selbstgewissheit und faktischer Gleichgültigkeit, die entsteht, wenn der symbolische Sieg wichtiger wird als die Wirklichkeit.

Die Frage „Was ist in den USA los?“ lässt sich daher erstaunlich einfach beantworten: Es ist Theater. Gefährliches Theater, bewaffnetes Theater, hysterisches Theater — aber eben Theater.


Der Wählerauftrag oder: Demokratie als Wunschkonzert

Beginnen wir mit einem jener klaren demokratischen Mandate, die so klar sind, dass sie sich bei näherem Hinsehen in Luft auflösen. Über zehn Millionen Menschen leben ohne legalen Status in den Vereinigten Staaten, und praktisch jeder ernstzunehmende Präsidentschaftskandidat versprach, dieses Problem nun aber wirklich, ehrlich, endgültig zu lösen.

Das klingt entschlossen. Es klingt nach Handlungsfähigkeit. Es klingt — und das ist entscheidend — nach Kontrolle.

Nur hat die amerikanische Politik seit Jahrzehnten ein Verhältnis zur Migration, das man am besten als ritualisierte Erfolglosigkeit beschreibt. Man verspricht maximale Härte, liefert minimale Veränderung und verkauft die Differenz als staatsmännische Verantwortung.

Hier liegt bereits der erste große Widerspruch: Migration ist ein Problem, das politisch gelöst werden soll — aber ökonomisch niemals vollständig gelöst werden darf.

Denn wer pflückt die Erdbeeren? Wer schlachtet die Hühner? Wer baut Häuser für Menschen, die gleichzeitig verlangen, dass niemand illegal im Land bleibt?

Die amerikanische Wirtschaft hat ein stilles, beinahe romantisches Verhältnis zur Illegalität: Man verurteilt sie öffentlich und beschäftigt sie privat.


Der Abschiebekönig und die Ironie der Geschichte

Die Geschichte besitzt gelegentlich Humor, und zwar den trockenen, schwarzen Humor eines britischen Butlers. Der Präsident mit den meisten Abschiebungen der jüngeren Vergangenheit war nicht etwa ein nationalistischer Hardliner, sondern Barack Obama — ein Mann, den europäische Feuilletons einst für die Reinkarnation aufgeklärter Vernunft hielten.

Dass ausgerechnet er zum „Deporter-in-Chief“ wurde, ist kein Zufall. Es ist ein strukturelles Gesetz moderner Demokratien: Nur wer als moralisch gilt, darf hart sein, ohne sofort für brutal gehalten zu werden.

Oder, anders formuliert: Wenn ein Konservativer abschiebt, ist es Grausamkeit. Wenn ein Liberaler abschiebt, ist es tragische Notwendigkeit.

Auch Donald Trump hat dieses Paradox erkannt — vermutlich weniger theoretisch als instinktiv. Seine erste Amtszeit zeigte bereits, dass große Versprechen an der Wirklichkeit zerschellen wie Champagnergläser auf einem Mar-a-Lago-Marmorboden.

Politik ist eben kein Wrestling — auch wenn manche das gerne glauben.


Erlebnis statt Ergebnis

Hier betreten wir die eigentliche Bühne: Wenn Ergebnisse kaum erreichbar sind, produziert man Erlebnisse.

Großrazzien werden angekündigt, Kameras werden positioniert, politische Gegner werden rhetorisch entmenschlicht — und alle Seiten bekommen, was sie wollen:

  • Die Regierung bekommt Bilder von Stärke.
  • Die Opposition bekommt Bilder von Unterdrückung.
  • Die Medien bekommen Klicks.
  • Die Wähler bekommen Emotionen.

Nur eines bekommt niemand: eine funktionierende Migrationspolitik.

Diese Transformation von Politik in Spektakel ist keine amerikanische Besonderheit, aber Amerika betreibt sie mit jener Übertreibung, die sonst nur Las Vegas oder texanische Steakportionen hervorbringen.

Man könnte fast sagen: Der amerikanische Staat hat das Regieren gamifiziert.


Wenn Politik Wrestling wird

Wer daran zweifelt, dass Inszenierung im Zentrum steht, erinnere sich daran, dass Trump einst bei WrestleMania 23 auftrat — ein Ereignis, das ungefähr so subtil ist wie ein Presslufthammer in einer Bibliothek.

Dort rasierte er unter großem Jubel den Kopf von Vince McMahon.

War das politisch relevant? Natürlich nicht.
War es symbolisch? Enorm.

Denn Wrestling ist keine Simulation von Kampf — es ist eine Simulation von Bedeutung. Jeder weiß, dass alles abgesprochen ist, aber die Emotionen sind echt.

Genau dieses Prinzip scheint zunehmend auch die politische Praxis zu bestimmen.


Die Ackerschlägerei als Staatsmodell

Es gibt im europäischen Fußballmilieu das Phänomen der verabredeten Massenschlägerei: zwei Gruppen treffen sich irgendwo im Nirgendwo, um sich zu prügeln — nicht aus konkretem Anlass, sondern weil die Prügelei selbst der Anlass ist.

Was dort passiert, passiert nun im übertragenen Sinne auf amerikanischen Straßen.

Die Regierung demonstriert Macht.
Aktivisten demonstrieren Widerstand.
Beide Seiten definieren sich über den Konflikt.

Inhalt wird optional.

Es ist die perfekte Identitätspolitik: Man weiß, wer man ist, weil man weiß, gegen wen man ist.


Militarisierte Ästhetik oder: Der Fetisch der Ausrüstung

Besonders faszinierend ist dabei die visuelle Annäherung der Gegner. Beamte erscheinen in taktischer Montur, Demonstranten tragen ebenfalls taktische Montur. Kapuzen, Masken, Schutzwesten — es wirkt bisweilen wie ein schlecht sortiertes Cosplay-Event für Endzeitfantasien.

Die Ästhetik lautet nicht mehr „Bürger trifft Staat“, sondern „Ein paramilitärischer Stil trifft auf einen anderen paramilitärischen Stil“.

Wenn niemand mehr sein Gesicht zeigt, verliert die Öffentlichkeit ihren menschlichen Maßstab. Masken senken Hemmschwellen — psychologisch ist das so gut belegt wie die Tatsache, dass Menschen in Autos aggressiver fahren als auf Fahrrädern.

Anonymität macht mutig.
Und sie macht dumm.


Der Moment, in dem das Theater real wird

Das Problem an performativer Eskalation ist bekannt: Irgendwann stirbt jemand.

Nicht geplant, nicht gewollt — aber statistisch unvermeidlich.

Solche Situationen entstehen selten aus kalter Bosheit. Häufiger sind sie Produkte von Stress, Fehlwahrnehmung, Gruppendynamik und jener fatalen Mischung aus Angst und Training, die Menschen in Sekunden entscheiden lässt.

Ein Ruf.
Eine Bewegung.
Ein Finger am Abzug.

Dann Stille.

Und sofort beginnt die zweite Aufführung — die politische.


Die reflexhafte Lüge der Lager

Nach tödlichen Vorfällen reagieren politische Systeme heute mit bemerkenswerter Vorhersehbarkeit:

  • Regierung: Der Getötete war gefährlich.
  • Opposition: Es war Mord.

Zwischen diesen Polen liegt die unerquicklichste aller Möglichkeiten: tragisches Versagen ohne klaren Bösewicht.

Doch diese Variante hat einen Nachteil — sie mobilisiert niemanden.

Komplexität gewinnt keine Wahlen.

Also wird vereinfacht, moralisiert, überhöht. Begriffe wie „Terrorismus“ oder „Hinrichtung“ werden inflationär benutzt, bis sie ungefähr so viel Bedeutung tragen wie ein Werbeslogan für Zahnpasta.

Die Wahrheit ist politisch schlicht zu langweilig.


Alle sind wütend — ein seltenes Kunststück

Das eigentlich Bemerkenswerte an solchen Eskalationen ist nicht, dass sie Polarisierung erzeugen.

Bemerkenswert ist, wenn plötzlich alle Seiten wütend sind.

Progressive sehen staatliche Brutalität.
Konservative sehen bedrohte Grundrechte.
Moderate sehen Chaos.

Das ist die demokratische Version eines Systemalarms.

Denn normalerweise funktioniert Polarisierung wie ein gut geölter Motor: Empörung wird fein säuberlich verteilt. Wenn jedoch alle gleichzeitig empört sind, hat das politische System kurzzeitig seine dramaturgische Ordnung verloren.

Man könnte sagen: Der Plot ist entgleist.


Die große amerikanische Illusion

Amerika liebt die Vorstellung, ein Land unbegrenzter Handlungsmöglichkeiten zu sein. „We can fix it“ ist weniger ein Satz als ein Nationalgefühl.

Doch Migration gehört zu jenen Problemen moderner Staaten, die sich nicht final lösen lassen — nur managen.

Wer totale Kontrolle verspricht, verspricht eine Fiktion.

Und Fiktionen haben die unangenehme Eigenschaft, irgendwann an der Realität zu zerbrechen.


Deeskalation — die unterschätzte Kunst der politischen Selbsterhaltung

Wenn selbst Hardliner plötzlich von Deeskalation sprechen, ist das selten ein moralisches Erwachen. Meist ist es Selbsterhaltung.

Politiker besitzen ein erstaunlich feines Sensorium für öffentliche Stimmung. Tote auf den Straßen sind schlecht für Umfragewerte — besonders vor Wahlen.

Also zieht man Einheiten ab.
Tauscht Personal.
Redet von Zusammenarbeit.

Und verkauft den Rückzug als strategische Neuausrichtung.

Zynisch? Vielleicht.
Aber auch zutiefst menschlich.


Schlussbetrachtung: Das gefährlichste Spiel der Demokratie

Was wir derzeit sehen, ist weniger eine Krise der Migration als eine Krise politischer Kultur.

Wenn Politik zur Bühne wird, wenn Gegner zu Feindbildern schrumpfen und wenn symbolische Siege wichtiger werden als reale Lösungen, dann entsteht ein System, das permanent am Rand der Eskalation balanciert.

Demokratien sterben selten dramatisch.
Sie überhitzen.

Nicht durch einen großen Knall — sondern durch tausend kleine Übertreibungen.

Die Vereinigten Staaten sind weit davon entfernt, ein gescheiterter Staat zu sein. Ihre Institutionen sind robust, ihre Gesellschaft ist dynamisch, ihre Selbstkorrekturfähigkeit historisch beeindruckend.

Aber sie spielen derzeit ein riskantes Spiel: das Spiel der maximalen Emotionalisierung.

Und Emotionen sind schlechte Verwaltungsbeamte.

Vielleicht liegt die Hoffnung — wie so oft — nicht in großen Reformen, sondern in einer plötzlichen, beinahe altmodischen Einsicht:

Dass Regierung kein Wrestling ist.
Dass Gegner keine Dämonen sind.
Und dass ein Staat kein Reality-Format sein sollte.

Bis dahin bleibt Amerika das, was es schon immer war: ein Land grandioser Möglichkeiten — und grandioser Übertreibungen.

Der Kontinent der moralischen Großmacht und der kalten Heizkörper

Es gab einmal einen Kontinent, der sich selbst für den aufgeklärten Mittelpunkt der Welt hielt — ein geopolitisches Versailles der guten Absichten, beheizt von moralischer Überlegenheit und gespeist von der festen Überzeugung, man könne Geschichte durch Pressemitteilungen ersetzen. Dieser Kontinent hieß Europäische Union, und er war so überzeugt von seiner normativen Strahlkraft, dass er glaubte, Energie sei letztlich auch nur eine Frage der richtigen Haltung. Man konnte sich beinahe vorstellen, wie die Heizkörper in Brüssel allein durch Resolutionen warm wurden. Doch dann kam der Februar 2022, und plötzlich stellte sich heraus, dass Thermodynamik eine härtere Währung ist als Wertekommunikation.

Vierzig Prozent des europäischen Erdgases kamen aus Russland — eine Zahl, die im Nachhinein klingt wie der Aufbau eines besonders vorhersehbaren dritten Aktes in einer Tragödie. Einige Staaten hingen mit bis zu achtzig Prozent am Tropf aus Moskau; eine Abhängigkeit, die man wohl nur dann übersieht, wenn man Energiepolitik für eine Unterabteilung der politischen Lyrik hält. Deutschland wiederum hatte sich mit der Akribie eines Ingenieurs und der Naivität eines romantischen Dichters in eine Lage manövriert, in der Pipeline-Routen zu emotionalen Lebensadern wurden. Man sprach von Wandel durch Handel, als sei Geopolitik ein Paartherapie-Seminar und Wladimir Putin ein etwas schwieriger, aber grundsätzlich dialogbereiter Beziehungspartner.

Und dann marschierten Panzer.

Plötzlich entdeckte Europa, dass ein aggressiver Nachbar nicht automatisch kooperativer wird, nur weil man ihm zuverlässig Milliarden überweist. Die Entkopplung begann — ein Wort, das so technokratisch klingt, als handele es sich um das Abnehmen eines USB-Sticks, nicht um die hektische Umgestaltung eines ganzen Kontinents. Terminals mussten gebaut werden, Lieferketten neu gedacht, politische Gewissheiten entsorgt. Man sah Politiker mit ernsten Gesichtern vor schwimmenden LNG-Terminals stehen, als hätten sie gerade das Feuer neu erfunden.

Doch kaum hatte Europa sich aus der einen Abhängigkeit befreit, trat es mit bemerkenswerter Effizienz in die nächste hinein.

Freiheit, Fracking und die freundliche Umarmung des Marktes

Enter: die Vereinigten Staaten — jenes Land, das Europa jahrzehntelang mit einer Mischung aus Bewunderung, Herablassung und Netflix-Abonnements betrachtet hatte. Amerika erschien nun nicht mehr nur als kultureller Exportweltmeister, sondern auch als energetischer Rettungsschwimmer mit Fracking-Bohrturm statt Rettungsring. Flüssiggas wurde über den Atlantik geschickt, und Europa kaufte mit der Begeisterung eines Menschen, der gerade bemerkt hat, dass Ideale sich schlecht verbrennen lassen.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Ein erheblicher Anteil der europäischen Energieimporte stammt inzwischen aus den USA. Der Markt, dieses alte neoliberale Orakel, hatte entschieden, dass Moleküle keine Ideologie kennen — sie folgen dem Preis. Und so floss amerikanisches LNG nach Europa, während man sich in Brüssel bemühte zu erklären, dies sei natürlich keine neue Abhängigkeit, sondern eine „strategische Diversifizierung“. Diversifizierung scheint in der politischen Semantik ungefähr das zu bedeuten, was „kalorienreduziert“ in der Lebensmittelindustrie bedeutet: Man fühlt sich besser, obwohl die Substanz erstaunlich ähnlich bleibt.

Natürlich sind die Vereinigten Staaten kein wohltätiger Energieverein. Sie verkaufen Gas aus exakt demselben Grund, aus dem Bäckereien Brot verkaufen: weil es Geld einbringt. Dass dabei geopolitische Einflusssphären stabilisiert werden, ist ein angenehmer Nebeneffekt — jedenfalls aus Washingtoner Perspektive. Europa hingegen entdeckt gerade, dass strategische Partnerschaft oft bedeutet, Rechnungen in Dollar zu begleichen.

Donald Trump und die Wiederkehr der unhöflichen Klarheit

In diesem Schauspiel betritt eine Figur die Bühne, die man in Europa besonders liebt — allerdings bevorzugt als Karikatur: Donald Trump. Trump hat die irritierende Eigenschaft, Dinge auszusprechen, die andere US-Präsidenten höflich verpackten. Wo frühere Administrationen von „gemeinsamen Interessen“ murmelten, spricht er gern von Deals. Für europäische Ohren klingt das ungefähr so elegant wie ein Presslufthammer in einer Bibliothek, aber es hat den Vorzug der Verständlichkeit.

Sollte Washington unter einer trumpistisch geprägten Politik seine Interessen robuster formulieren, könnte Europa feststellen, dass transatlantische Freundschaft nicht notwendigerweise Rabatt bedeutet. Amerika schützt seine Industrien, subventioniert seine Energiewirtschaft und erwartet Loyalität — eine Kombination, die in Brüssel ungefähr so viel Begeisterung auslöst wie eine neue Datenschutzverordnung, nur ohne die tröstliche Illusion regulatorischer Kontrolle.

Man könnte das imperial nennen, wenn man das Wort nicht so gern für andere verwendet hätte. Tatsächlich handelt es sich schlicht um Großmachtverhalten, jenes altmodische Konzept, das Europa nach 1945 zunehmend für überwunden hielt — vermutlich, weil andere es praktizierten.

Deutschland, die Kunst des wohlmeinenden Irrtums

Deutschland verdient in dieser Geschichte eine besondere Erwähnung, denn kaum ein Land hat energiepolitische Hoffnung so konsequent mit geopolitischem Optimismus verwechselt. Man setzte gleichzeitig auf den Ausstieg aus der Kernenergie, auf russisches Gas als Brückentechnologie und auf die langfristige Rettung durch erneuerbare Energien — ein energiepolitisches Triptychon, das in der Theorie wie ein Meisterwerk wirkte und in der Praxis eher an ein sehr ambitioniertes Improvisationstheater erinnerte.

Als die Realität anklopfte, reagierte man mit jener Mischung aus Schock und organisatorischer Höchstleistung, die Deutschland eigen ist: Innerhalb erstaunlich kurzer Zeit wurden LNG-Terminals geplant, genehmigt und gebaut — ein Vorgang, der unter normalen Umständen etwa so lange gedauert hätte wie der Bau einer mittelalterlichen Kathedrale.

Doch Geschwindigkeit hat ihren Preis. Wer schnell kauft, kauft selten billig. Europa zahlte zeitweise ein Vielfaches der amerikanischen Inlandspreise für Gas, was ungefähr so wirkte, als würde man im Restaurant das Dreifache bezahlen, während der Koch nebenan selbst zum halben Preis speist.

Strategische Autonomie — das Einhorn der Brüsseler Mythologie

Brüssel spricht gern von „strategischer Autonomie“. Das klingt großartig, beinahe heroisch, wie ein Marvel-Film mit besonders vielen Gipfeltreffen. In der Realität jedoch zeigt sich Autonomie erstaunlich empfindlich gegenüber fehlenden Ressourcen, militärischen Kapazitäten und einheitlicher Außenpolitik.

Europa ist ein wirtschaftlicher Gigant, ein regulatorischer Titan und ein militärischer Zwerg mit gelegentlichen Wachstumsschmerzen. Es kann festlegen, wie krumm eine Gurke sein darf, aber wenn es um harte Macht geht, ruft es reflexhaft in Washington an — vermutlich auf Kurzwahl.

Die bittere Pointe lautet: Abhängigkeiten verschwinden nicht; sie ändern nur ihre Richtung. Früher blickte man nervös nach Osten, heute schaut man etwas zu aufmerksam nach Westen. Der Unterschied ist politisch angenehmer, aber strukturell weniger revolutionär, als man öffentlich beteuert.

Der Markt hat keine Freunde, nur Kunden

Vielleicht liegt die eigentliche satirische Wahrheit darin, dass Europa jahrelang predigte, Märkte seien rational und entpolitisiert — bis es merkte, dass Energie einer der politischsten Märkte überhaupt ist. Moleküle reisen entlang von Machtachsen. Pipelines sind eingefrorene Außenpolitik.

Die Vereinigten Staaten handeln nicht gegen Europa; sie handeln für sich selbst. Russland tat es ebenso, nur weniger subtil. Der Unterschied liegt weniger in der Logik als in der Verlässlichkeit — ein Umstand, den Investoren bekanntermaßen schätzen.

Europa wiederum entdeckt gerade eine unbequeme Lektion: Moral ist ein hervorragender Kompass, aber ein miserabler Generator.

Epilog im Licht der Energiesparlampe

Und so sitzt der alte Kontinent nun zwischen Selbstironie und Selbstbehauptung, wickelt sich in LNG-Verträge und träumt weiterhin von der großen grünen Transformation, die ihn eines Tages unabhängig machen soll — klimaneutral, geopolitisch souverän und möglichst ohne unangenehme Rechnungen. Man wünscht es ihm aufrichtig.

Bis dahin jedoch bleibt Europa ein wenig wie ein wohlhabender Intellektueller, der festgestellt hat, dass Strom nicht aus der Steckdose kommt, sondern aus komplizierten globalen Beziehungen. Die Vereinigten Staaten haben Europa nicht überflügelt, weil sie raffinierter wären, sondern weil sie nie aufgehört haben, Macht als etwas sehr Reales zu betrachten.

Vielleicht besteht Europas größte Hoffnung darin, endlich denselben Realismus zu entwickeln — ohne dabei seinen Humor zu verlieren. Denn wenn man schon abhängig ist, sollte man wenigstens die Fähigkeit besitzen, über die eigene Überraschung zu lachen. Und wer weiß: Vielleicht ist genau dieses ironische Bewusstsein der erste Schritt zur tatsächlichen Autonomie.

Bis dahin empfiehlt es sich, die Heizkörper im Auge zu behalten. Ideale brennen nämlich schlecht.

Die Wiederkehr des moralischen Untiers

Europa liebt Jubiläen. Europa liebt runde Zahlen. Dreißig Jahre nach dem Ende der Bosnienkrieg steht man geschniegelt und geschniegelt – Verzeihung, geschniegelt und geschniegelt wäre immerhin konsequent, sagen wir also geschniegelt und geschniegelt wirkend – auf Podien, rezitiert „Nie wieder!“, nippt an lauwarmem Mineralwasser und betreibt das, was man in den besseren Feuilletons Erinnerungsarbeit nennt und in den schlechteren Verdrängungsmanagement. Und dann, wie ein schlecht gelaunter Geist aus einer Epoche, die man bereits im Archiv der kollektiven Selbsttäuschungen abgeheftet glaubte, taucht eine Geschichte auf, die so unerquicklich ist, dass selbst Zyniker kurz die Stirn runzeln: Menschen sollen nach Sarajevo gereist sein, nicht um zu helfen, nicht einmal, um das Elend zu bezeugen, sondern um es aktiv zu vergrößern — gegen Bezahlung, versteht sich.

Die Staatsanwaltschaft der lombardischen Metropole Mailand ermittelt, und allein dieses Wort — ermitteln — klingt plötzlich wie ein Antiquariat, in dem man auf vergessene Wahrheiten stößt, die sich zwischen vergilbten Gesetzestexten verstecken. Dass ein 80-Jähriger nun im Verdacht steht, einst Mord als Wochenendgestaltung betrachtet zu haben, hat etwas von jener bitteren Ironie, die Europa so meisterhaft produziert: Man wird alt, man wird grau, man wird möglicherweise vergesslich — nur die Toten bleiben zuverlässig tot.

Der Vorwurf: sogenannter Scharfschützen-Tourismus. Ein Begriff, der klingt, als hätte ihn ein PR-Berater mit einem Hang zur moralischen Verwahrlosung erfunden. Tourismus — das ist doch sonst das Reich der Strandtücher, der Sonnencreme und der Beschwerden über zu wenig Buffetvariation. Hier jedoch soll das Freizeitprogramm darin bestanden haben, durch ein Zielfernrohr auf Menschen zu blicken. Wer behauptet, Sprache sei unschuldig, hat vermutlich noch nie erlebt, wie elegant sie das Grauen verpacken kann.

Sarajevo oder Die belagerte Bühne der europäischen Selbstlüge

Die Belagerung von Sarajevo war kein abstraktes Kapitel militärischer Strategie, sondern ein Theater der Verletzlichkeit, aufgeführt unter freiem Himmel und mit einem Publikum, das nirgendwo hin konnte. Die Stadt wurde zum makabren Experiment: Wie lange hält eine Zivilgesellschaft durch, wenn sie täglich daran erinnert wird, dass sie sterblich ist?

Und während unten Menschen versuchten, Wasserkanister nach Hause zu schleppen, ohne dabei erschossen zu werden, soll oben auf den Hügeln eine andere Spezies Homo sapiens gestanden haben — ausgestattet mit ausreichend Kapital und offenbar erschreckend wenig Gewissen. Dass diese angeblichen Gäste aus wohlhabenden Regionen Europas kamen, wirkt weniger wie ein Skandal als vielmehr wie eine groteske Fußnote zur Globalisierung: Früher exportierte man Uhren und Maschinen, nun offenbar auch moralische Verwüstung.

Man könnte versucht sein, diese Geschichte als Ausreißer zu betrachten, als bizarre Abweichung vom ansonsten doch recht humanistisch geschniegelt auftretenden Kontinent. Doch wäre das nicht genau jene Selbstberuhigung, die Europa so virtuos beherrscht? Der Kontinent, der sich gern als Wiege der Aufklärung inszeniert, hat eine bemerkenswerte Begabung dafür entwickelt, seine Schattenseiten als Betriebsunfall zu deklarieren.

Vielleicht ist es gerade diese Diskrepanz — zwischen Sonntagsrede und Montagsrealität — die den Verdacht so unerquicklich macht. Denn wenn sich herausstellen sollte, dass Menschen tatsächlich für ein Wochenende Mord gebucht haben wie andere einen Wellnessaufenthalt, dann wäre das weniger eine Perversion einzelner als vielmehr ein Spiegel, in den wir kollektiv nur ungern blicken.

Der Wochenendmörder als Extremform des Konsumenten

Der Kapitalismus hat viele Wunder vollbracht. Er hat uns Erdbeeren im Winter beschert, Zahnbürsten mit Bluetooth und die beruhigende Illusion, jede Sehnsucht ließe sich mit Kreditkarte stillen. Warum also sollte er vor der ultimativen Ware haltmachen — der Erfahrung, über Leben und Tod zu entscheiden?

Wenn tatsächlich Summen von bis zu 300.000 Euro gezahlt wurden, dann offenbart sich darin eine besonders groteske Pointe: Der Markt kennt keine Moral, nur Nachfrage. Und irgendwo muss jemand gesessen haben — möglicherweise mit Tabellenkalkulation — und kalkuliert haben, wie viele Schüsse ein zahlungskräftiger Kunde durchschnittlich abgeben möchte. Man möchte sich übergeben und gleichzeitig lachen, weil das Ganze so absurd ist, dass es fast wieder in die Logik moderner Erlebnisökonomie passt.

„Es waren reiche Leute, die Spaß haben wollten“, lautet sinngemäß die Behauptung. Spaß — dieses Wort verdient in diesem Kontext eigentlich eine Traueranzeige. Doch vielleicht ist genau das die beunruhigendste Erkenntnis: Grausamkeit braucht nicht immer Ideologie. Manchmal reicht Langeweile mit ausreichend Budget.

Der Mensch, so lehrt uns die Geschichte, ist nicht nur ein politisches, sondern auch ein zutiefst spielerisches Wesen. Und Spiele werden gefährlich, wenn die Grenze zwischen Simulation und Wirklichkeit verschwindet. Wer jemals beobachtet hat, wie verbissen Erwachsene Paintball betreiben, ahnt, dass zwischen harmloser Ersatzhandlung und tödlicher Realität möglicherweise weniger psychologische Distanz liegt, als wir glauben möchten.

Das große westliche Wegsehen

Besonders elegant wirkt in dieser Angelegenheit die angebliche Überraschung darüber, dass ein Dokumentarfilm mit dem Titel Sarajevo Safari lange nicht im westlichen Fernsehen lief. Man fragt sich natürlich: Warum wohl?

Der Westen liebt Geschichten, in denen er entweder Retter oder zumindest reuiger Zuschauer ist. Geschichten jedoch, in denen er als zahlender Komplize auftaucht, sind dramaturgisch unerquicklich. Sie stören die moralische Komfortzone, in der man sich so gern mit historischen Schuldgesten wärmt.

Wegsehen ist dabei keine passive Tätigkeit — es ist eine hochentwickelte kulturelle Praxis. Man sieht selektiv, man hört selektiv, und wenn etwas zu laut wird, dreht man einfach an der Lautstärke des eigenen Gewissens. Dass zwei italienische Zeitungen bereits Mitte der Neunziger berichtet haben sollen, wirkt rückblickend wie ein Test: Würde jemand genauer hinschauen? Offenbar war die Antwort damals ein höfliches Desinteresse.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Polemik dieser Geschichte: Nicht nur, dass Menschen zu Tätern geworden sein könnten — sondern dass andere es möglicherweise nicht so genau wissen wollten. Moralische Empörung ist schließlich anstrengend; sie zwingt zu Konsequenzen, und Konsequenzen sind der natürliche Feind bürgerlicher Bequemlichkeit.

Die späte Justiz oder Europa räumt den Dachboden auf

Nun also Ermittlungen. Spät, sehr spät — aber immerhin. Justiz hat bekanntlich ein anderes Zeitverständnis als der Alltag; sie denkt in Jahrzehnten, während wir in Nachrichtenzyklen denken. Dass ein Schriftsteller wie Ezio Gavazzeni den Stein ins Rollen gebracht haben soll, besitzt eine fast altmodische Würde: der hartnäckige Einzelne gegen das Vergessen.

Und doch bleibt ein schaler Nachgeschmack. Denn jede späte Aufklärung trägt eine doppelte Botschaft in sich: Erstens, dass Wahrheit erstaunlich langlebig ist. Zweitens, dass das Interesse an ihr häufig erschreckend kurzlebig war.

Sollten sich die Vorwürfe erhärten, wird man Prozesse führen, Urteile sprechen, vielleicht Gefängnisstrafen verhängen. Alles notwendige Rituale einer Rechtsordnung, die zeigen möchte, dass sie funktioniert — selbst mit dreißig Jahren Verspätung. Aber kein Urteil der Welt wird den Zynismus jener Vorstellung einfangen können: dass irgendwo jemand ein Fernglas justierte, tief durchatmete und den Abzug betätigte, nicht aus Hass, sondern aus einer Art pervertierter Freizeitlaune.

Epilog oder Der Mensch als sein unerquicklichstes Hobby

Was bleibt also? Vielleicht die unbequeme Erkenntnis, dass Zivilisation kein Zustand ist, sondern eine tägliche Entscheidung — und dass Wohlstand keineswegs automatisch zu moralischer Reife führt. Im Gegenteil: Manchmal scheint er nur raffiniertere Formen der Barbarei zu finanzieren.

Es wäre tröstlich, diese Geschichte als monströse Ausnahme abzulegen. Doch die Literatur — und leider auch die Geschichte — flüstert uns etwas anderes zu: Der Mensch ist ein Meister der Selbstrechtfertigung. Gibt man ihm genug Geld, genug Distanz und genügend Gleichgesinnte, findet er fast immer eine Erzählung, die das Ungeheuerliche wie ein Abenteuer erscheinen lässt.

Vielleicht sollten wir also weniger überrascht sein als beschämt. Nicht, weil wir persönlich auf einem Hügel lagen, sondern weil unsere Welt Bedingungen hervorbringen konnte, unter denen so etwas zumindest denkbar war.

Und während nun Staatsanwälte Akten wälzen und Europa kurz innehält, könnte man sich eine letzte, bitter-humorvolle Frage erlauben: Wenn Mord tatsächlich buchbar war — hätten die Täter wohl eine Stornoversicherung abgeschlossen?

Unehrlicher Boomer Network Act

Es ist wieder soweit: Die Politik hat das Internet entdeckt. Nicht als Ort der Innovation, nicht als Infrastruktur der Gegenwart, sondern als digitalen Pausenhof voller ungezogener Kinder, die dringend eine streng blickende Aufsichtsperson brauchen – idealerweise mit Amtsstempel, Formular A38 und einem Passwort, das aus Sicherheitsgründen auf einem gelben Post-it am Bildschirm klebt. Man möchte fast applaudieren, so rührend wirkt dieser Versuch, eine Technologie zu regulieren, die sich ungefähr so bereitwillig in Paragrafen pressen lässt wie ein Oktopus in eine Butterdose. Doch nennen wir das Kind beim Namen: Ihr könnt es gleich „Boomer Netzwerk Act“ nennen. Oder, etwas technokratischer, „Klarname-durch-die-Hintertür-Gesetz“. Der Klang ist ehrlicher, und Ehrlichkeit ist schließlich eine Tugend, die man vorzugsweise von anderen verlangt.

Denn Hand aufs Herz: Ihr glaubt doch noch immer, VPN sei die Abkürzung für „Volks Partei Niederösterreich“, und bei TOR denkt ihr an einen muskulösen Gott mit Hammer, der vermutlich ebenfalls einer Altersbeschränkung unterliegen müsste, weil er zu viel Chaos stiftet. Währenddessen sitzen irgendwo Jugendliche mit drei Geräten gleichzeitig, routen ihren Datenverkehr über drei Kontinente und erklären nebenbei ihren Eltern, warum der WLAN-Router nicht „kaputt“, sondern nur „neu gestartet werden muss“. Aber ja – ein verpflichtender Altersfilter wird das alles lösen. Ganz bestimmt. So wie ein „Bitte nicht betreten“-Schild einen Einbrecher zuverlässig stoppt.

Brüssel hebt die Augenbraue

Brüssel sieht sich natürlich für die Durchsetzung zuständig, was ungefähr so beruhigend klingt wie der Hinweis, dass für das Wetter weiterhin die Atmosphäre verantwortlich ist. Nicht nur Österreich denkt über nationale Altersbegrenzungen nach – auch Frankreich, Dänemark und Griechenland spielen mit dem Gedanken, das Internet in eine Art digitalen Streichelzoo umzubauen, in dem Minderjährige nur noch unter pädagogisch wertvoller Aufsicht an algorithmisch kuratierten Gänseblümchen schnuppern dürfen. Spaniens Premier Pedro Sánchez wiederum plädiert dafür, Plattformen wie Instagram oder TikTok für unter 16-Jährige zu verbieten, was in etwa dem Vorschlag entspricht, Ebbe per Dekret einzuführen.

Österreich arbeitet derweil an einer „nationalen Lösung“. Das klingt herrlich entschlossen und gleichzeitig wunderbar provinziell, als könne man das globale Netz mit einem rot-weiß-roten Flatterband einfrieden. Die EU-Kommission erinnert jedoch daran, dass die Durchsetzung keine rein nationale Angelegenheit sei – eine diplomatische Umschreibung für: „Bitte versucht nicht, den Atlantik mit einem Gartenschlauch leerzupumpen.“

Der zuständige Sprecher verweist auf den Digital Services Act, kurz DSA, dessen Durchsetzung selbstverständlich in der Verantwortung der EU-Kommission liege, die „Hand in Hand“ mit den Mitgliedsstaaten arbeite. Hand in Hand – man stellt sich sofort eine Gruppe leicht überforderter Bürokraten vor, die sich im Kreis drehen, während das Internet mit der Geschwindigkeit eines Geparden an ihnen vorbeizieht und dabei noch schnell ein Meme postet.

Minderjährige schützen – aber wovor genau?

Natürlich: Minderjährige sollen geschützt werden. Wer wollte das bestreiten? Der DSA verlangt bereits besonderen Schutz für ihre Sicherheit, Privatsphäre und Daten. Das klingt nobel, fast ritterlich. Doch die eigentliche Frage lautet nicht, ob Schutz notwendig ist, sondern ob man ihn durch flächendeckende Identifizierungsmechanismen erreicht – oder ob man dabei ganz nebenbei ein Überwachungsinstrument etabliert, das selbst George Orwell höflich nicken ließe.

Denn Altersverifikation ist kein Zaubertrick. Sie bedeutet Daten. Viele Daten. Offiziell gespeichert, inoffiziell begehrt, potenziell gehackt, geleakt oder zweckentfremdet. Und während man behauptet, nur die Jugend schützen zu wollen, entsteht ganz zufällig eine Infrastruktur, die sich hervorragend dazu eignet, jeden Klick einem Gesicht, jeder Meinung einen Namen und jeder Abweichung eine Adresse zuzuordnen. Aber nein, Kontrolle? Überwachung? Wie kommen Sie denn darauf! Das ist doch bloß fürsorgliche Verwaltung.

Seid doch ehrlich: Ihr wollt die totale Kontrolle und wisst genau, anders geht’s nicht. Der Traum vom vollständig katalogisierten Bürger spukt seit Jahrhunderten durch Amtsstuben – früher waren es Kirchenbücher, später Meldezettel, heute sind es digitale Identitäten. Fortschritt bedeutet eben auch, dass die Register hübscher geworden sind.

Das ewige Missverständnis namens Internet

Was hier eigentlich sichtbar wird, ist ein fundamentales Missverständnis: Politik denkt in Territorien, das Internet in Topologien. Politik kennt Zuständigkeiten, das Netz kennt Wege. Politik liebt Grenzen, das Netz liebt Umgehungen. Jede neue Restriktion ist für technisch halbwegs versierte Nutzer weniger ein Hindernis als eine Einladung zum kreativen Problemlösen. „Zutritt erst ab 16“ liest sich online oft wie „Bitte hier klicken, um zu erfahren, wie man diese Schranke umgeht.“

Und währenddessen entsteht ein paradoxes Schauspiel: Diejenigen, die am wenigsten technisches Verständnis besitzen, beschließen Regeln für jene, die am schnellsten lernen, sie zu umgehen. Es ist ein bisschen so, als würde man Katzen mit einem Regelwerk davon überzeugen wollen, keine Vorhänge mehr hochzuklettern.

Vielleicht wäre ein Netzforum tatsächlich ein guter Anfang. Nicht als PR-Termin mit betretenem Lächeln und vorbereiteten Sprechzetteln, sondern als echte Feldforschung. Ein paar Stunden zwischen Memes, Inside-Jokes und bitterironischen Kommentarspalten könnten erhellender wirken als fünf Expertengremien. Man würde entdecken, dass digitale Räume keine Kindergärten sind, sondern komplexe soziale Ökosysteme – chaotisch, ja, manchmal toxisch, oft brillant, immer dynamisch.

Zwischen Fürsorge und Freiheitsangst

Das alles heißt nicht, dass man nichts tun sollte. Aber zwischen Nichtstun und Totalregulierung liegt ein weiter Raum, den man Bildung nennt. Medienkompetenz. Kritisches Denken. Die unerquicklich altmodische Idee, Menschen zu befähigen, statt sie präventiv einzusperren. Doch Bildung ist unerquicklich langsam, politisch schwer zu verkaufen und produziert keine knackigen Schlagzeilen. Ein Verbot dagegen passt auf jede Titelseite.

Vielleicht ist das eigentliche Motiv auch weniger der Schutz der Jugend als die tiefe, existenzielle Freiheitsangst gegenüber einem Raum, den man nicht vollständig kontrollieren kann. Das Internet ist laut, widersprüchlich, respektlos – kurz: demokratischer, als es manchem lieb ist. Und nichts beunruhigt Ordnungsliebende mehr als eine Öffentlichkeit, die sich ihrer Kuratierung entzieht.

Ein augenzwinkerndes Fazit

Am Ende bleibt die leise Hoffnung, dass irgendwo in den Fluren der Macht jemand innehält und denkt: Vielleicht sollten wir zuerst verstehen, bevor wir regulieren. Vielleicht sollten wir zuhören, bevor wir filtern. Vielleicht sollten wir akzeptieren, dass Kontrolle im digitalen Zeitalter weniger eine Frage der Technik als eine Illusion ist.

Bis dahin aber dürfen wir uns auf weitere wohlmeinende Initiativen freuen, auf Gesetze mit wohlklingenden Namen und auf Pressekonferenzen, in denen man entschlossen gegen Probleme vorgeht, die sich währenddessen elegant durch die Hintertür verabschieden.

Und falls es doch kommt, dieses Klarname-Gesetz – nun, dann bleibt immer noch der nordische Gott. Nicht der mit dem Hammer, sondern das Netzwerk, das man besser nicht unterschätzen sollte. Aber keine Sorge: Irgendwer wird bestimmt ein Formular dafür entwerfen.

Die große transatlantische Empörungsoper

oder Wenn zwei Zensoren sich gegenseitig Zensur vorwerfen

Es gibt politische Momente, die wirken, als hätte ein gelangweilter Dramaturg beschlossen, endlich wieder etwas Tempo in die sonst so verlässliche Langeweile geopolitischer Routine zu bringen. Der republikanisch geführte Justizausschuss des amerikanischen Repräsentantenhauses wirft also der Europäischen Union vor, sie habe mit ihren Digitalgesetzen eine globale Infrastruktur zur Kontrolle von Online-Debatten geschaffen. Man möchte sich kurz die Augen reiben, dann einen starken Kaffee bestellen und fragen: Moment — sprechen hier wirklich die Vereinigten Staaten? Jene Nation, die das Wort „Freiheit“ mit der Inbrunst eines Predigers beschwört, während sie zugleich seit Jahrzehnten ein beinahe barockes Arsenal an sicherheitspolitischen Überwachungsinstrumenten pflegt? Es ist, als würde ein notorischer Kettenraucher empört feststellen, dass der Nachbar gelegentlich Zigarren genießt.

Doch Vorsicht: Wer jetzt vorschnell Partei ergreift, verpasst das eigentliche Schauspiel. Denn auf der anderen Seite steht Brüssel, jene technokratische Kathedrale der Regelungsfreude, in der vermutlich sogar das spontane Stirnrunzeln erst nach dreifacher Genehmigung erfolgen darf. Verantwortlich gemacht wird unter anderem Ursula von der Leyen, deren politischer Stil von Kritikern gern als Mischung aus preußischer Verwaltungseffizienz und spätbarocker Regulierungslust beschrieben wird. Unter ihrer Ägide entstand der Digital Services Act — ein Gesetz, das laut seinen Verteidigern die Demokratie retten soll und laut seinen Gegnern ungefähr so diskursfreundlich ist wie eine Brandschutzordnung im Gespräch über Feuerkunst.

Und so beginnt die Oper: Washington ruft „Zensur!“, Brüssel antwortet „Schutz der Demokratie!“, und irgendwo dazwischen sitzen Milliarden Nutzer und fragen sich, ob sie nun Desinformation verbreiten oder lediglich einen schlechten Tag haben.

Freiwilligkeit mit regulatorischem Beistand

Die angeblich „freiwilligen“ Verhaltenskodizes zwischen EU-Kommission und Plattformen erinnern an jene Einladungen, die man nicht ablehnen kann — nicht weil jemand mit Gewalt droht, sondern weil die Alternative darin bestünde, sich in einem regulatorischen Labyrinth wiederzufinden, aus dem selbst Theseus ohne Ariadnefaden nicht mehr herauskäme. Freiwilligkeit in der Politik ist häufig ein semantisches Kunstwerk: formal vorhanden, praktisch hypothetisch.

Der Vorwurf lautet, Brüssel habe nicht einzelne Beiträge ins Visier genommen, sondern die Community Guidelines — also die stillen Verfassungen der digitalen Öffentlichkeit. Wer diese Regeln beeinflusst, verändert tatsächlich den Rahmen dessen, was gesagt werden kann, ohne dass jemand offiziell den Mund verbietet. Es ist die eleganteste Form der Macht: Man muss nichts verbieten, wenn man die Spielregeln schreibt.

Doch hier lohnt ein kurzer Moment intellektueller Nüchternheit. Plattformen sind keine neutralen Marktplätze der Ideen; sie sind börsennotierte Nervensysteme mit Werbekunden. Sie moderieren nicht aus Liebe zur Wahrheit, sondern aus Liebe zur Stabilität — und zur Vermeidung von PR-Katastrophen. Wer glaubt, Silicon Valley sei ein libertäres Diskursparadies, glaubt vermutlich auch, Flughäfen seien Orte romantischer Begegnungen.

Pandemie, Panik und der Traum vom eindeutigen Narrativ

Besonders schwer wiegen die Vorwürfe rund um die Corona-Zeit. Abweichende Einschätzungen, legitime Zweifel, Kritik — all das soll unter Druck geraten sein. Nun ist die Pandemie rückblickend ein Lehrstück darüber, wie wenig liberale Gesellschaften Ambiguität ertragen, wenn die Intensivstationen volllaufen.

Der Staat liebt in Krisen klare Botschaften. Wissenschaft hingegen lebt von vorläufigem Wissen. Diese beiden Temperamente vertragen sich ungefähr so gut wie ein Improvisationsjazzquartett mit einem preußischen Militärorchester.

Natürlich gab es Desinformation — groteske Behauptungen, medizinischen Voodoo, statistische Fantasien. Aber ebenso gab es reale wissenschaftliche Kontroversen, die sich erst später klärten. Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob moderiert werden sollte, sondern wie viel epistemische Bescheidenheit eine Regierung in einer Krise aufbringen kann. Spoiler: meist weniger, als sie später behauptet.

Wenn der Ausschuss nun behauptet, etablierte Narrative seien geschützt worden, steckt darin eine unbequeme Wahrheit über moderne Politik: Regierungen fürchten weniger die Lüge als die Unkontrollierbarkeit. Eine falsche Behauptung kann man widerlegen; ein offener Diskurs hingegen produziert Ungewissheit — und Ungewissheit ist der natürliche Feind jeder politischen Kommunikationsstrategie.

Wahlen, Einfluss und das Gespenst der falschen Meinung

Noch delikater wird es bei Wahlkämpfen. Denn hier verwandelt sich Moderation rasch in Machtpolitik. Wenn bestimmte Positionen — etwa zu Migration oder Geschlechterpolitik — angeblich stärker eingeschränkt wurden, stellt sich eine Frage von fast tragischer Größe: Wer entscheidet, was demokratiegefährdend ist? Und wann wird aus Schutz paternalistische Kuratierung?

Der Fall des rumänischen Kandidaten Călin Georgescu zeigt exemplarisch, wie schnell digitale Einflussnahme zur geopolitischen Paranoia gerinnt. Russische Kampagnen! TikTok-Manipulation! Nationale Intrigen! Es fehlt nur noch ein finster lachender Bond-Schurke mit Katzenstreichelroutine. Am Ende gewinnt ein proeuropäischer Kandidat — und beide Seiten fühlen sich bestätigt: die einen in ihrer Wachsamkeit, die anderen in ihrem Misstrauen.

Demokratie im digitalen Zeitalter ist ein bisschen wie ein Multiplayer-Spiel ohne klaren Regeltext. Jeder verdächtigt jeden des Cheatens, während die Server gelegentlich abstürzen.

Amerikanische Empörung als außenpolitische Folklore

Dass ausgerechnet Washington die globale Reichweite europäischer Regulierung beklagt, besitzt eine gewisse ironische Gravitation. Jahrzehntelang exportierten die USA ihre Normen — ökonomisch, kulturell, technologisch. Nun erleben sie, wie eine regulatorische Supermacht namens EU beginnt, Standards zu setzen, die faktisch weltweit gelten.

Man könnte sagen: Willkommen in der multipolaren Normativität.

Doch selbstverständlich ist die amerikanische Kritik nicht rein heuchlerisch. Wenn ein EU-Kommissar Plattformen mit Konsequenzen droht, sollte ein Live-Interview mit Donald Trump stattfinden, dann ist das mindestens kommunikativ ungeschickt und maximal ein regulatorischer Muskelreflex. Demokratien sollten Interviews aushalten — selbst dann, wenn sie intellektuell ungefähr so nahrhaft sind wie Zuckerwatte.

Gleichzeitig fügt sich die Kritik elegant in Trumps zweite Amtszeit ein, in der transatlantische Beziehungen ungefähr die emotionale Temperatur einer frostigen Scheidung angenommen haben. Meinungsfreiheit wird dabei zur rhetorischen Allzweckwaffe — mal Prinzip, mal Vorwand.

Die unbequeme Wahrheit: Alle wollen moderieren

Hier nun der polemische Kern: Der Streit ist weniger ein Kampf zwischen Freiheit und Zensur als ein Kompetenzgerangel darüber, wer die Leitplanken des digitalen Diskurses setzen darf.

Staaten wollen Stabilität. Plattformen wollen Profit. Parteien wollen Deutungshoheit. Aktivisten wollen Schutzräume. Bürger wollen reden — aber bitte ohne von Idioten umgeben zu sein. Leider definieren alle „Idioten“ unterschiedlich.

Die Idee eines völlig unregulierten digitalen Marktplatzes ist ebenso naiv wie die Vorstellung, man könne Debatten hygienisch reinhalten. Wo Millionen sprechen, entsteht Lärm. Demokratie ist kein Salon, sondern eher ein überfüllter Bahnhof zur Ferienzeit.

Und doch bleibt eine Warnung: Je unsichtbarer Moderation wird, desto politischer ist sie. Offene Zensur erzeugt Widerstand; algorithmische Sortierung erzeugt Gewöhnung.

Schlussbetrachtung oder Warum Freiheit immer unordentlich bleibt

Vielleicht liegt die eigentliche Tragikomik darin, dass beide Seiten ein Körnchen Wahrheit besitzen und zugleich grandios übertreiben. Die EU neigt zur Überregulierung, weil sie Chaos fürchtet. Die USA neigen zur Freiheitsrhetorik, weil sie Machtpolitik betreiben. Zwischen beiden steht der digitale Bürger — halb Konsument, halb Versuchskaninchen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob moderiert wird — das wird es immer. Sondern ob Gesellschaften den Mut besitzen, Dissens auszuhalten, ohne sofort den regulatorischen Feuerlöscher zu ziehen.

Freiheit ist unerquicklich. Sie produziert schlechte Meinungen, schräge Theorien und gelegentlich erschütternde Dummheit. Aber die Alternative — eine perfekt kuratierte Öffentlichkeit — hätte etwas Beunruhigendes: Sie wäre vermutlich sehr höflich, sehr vernünftig und sehr still.

Und Stille war noch nie ein besonders gutes Zeichen für lebendige Demokratien.