Lueger, Renner, Tandler & Co.

Die pädagogische Republik der Zusatztafeln

Wien hat eine neue Leidenschaft entdeckt: das nachträgliche Erziehen der Vergangenheit. Während in den Amtsstuben über Budgetlöcher geseufzt wird, als handle es sich um besonders hartnäckige Motten im fiskalischen Wintermantel, investiert man bemerkenswerte Energie in die moralische Kommentierung bronzener Altlasten. Kontextualisierung heißt das Zauberwort – ein Begriff, der so seriös klingt, dass man fast übersieht, wie sehr er nach einem politischen Wellnessprogramm riecht. Man legt der Geschichte ein warmes Handtuch auf die Stirn, murmelt etwas von Verantwortung und hofft, dass danach alle wieder ruhig schlafen. Besonders eifrig geschieht dies dort, wo es politisch risikolos ist: bei bürgerlichen Figuren, deren problematische Seiten sich hervorragend dazu eignen, gegenwärtige Tugend zu demonstrieren. Das Lueger-Denkmal wird so zur moralischen Kraftmaschine einer Stadt, die sich gern als aufgeklärtes Gewissen Mitteleuropas inszeniert.

Nun ist nichts dagegen einzuwenden, historische Persönlichkeiten aus dem Weihrauchnebel zu holen. Im Gegenteil: Wer Denkmäler ohne kritische Einordnung belässt, betreibt letztlich Denkmalpflege für Mythen. Doch die Wiener Variante hat eine auffällige Eigenheit – sie funktioniert wie ein Bewegungsmelder, der nur auf bestimmte politische Farben reagiert. Kaum nähert sich jemand aus dem bürgerlichen Lager, geht das Licht an. Sobald jedoch Gestalten aus der sozialdemokratischen Ahnenreihe ins Bild treten, wird die Beleuchtung gedimmt, als wolle man eine besonders empfindliche Antiquität vor zu viel Wahrheit schützen.

Erinnerung nach Parteibuch

Man könnte fast meinen, die Stadt betreibe eine Art historische Textilreinigung mit politischem Fleckenmittel: Hartnäckige Spuren werden dort behandelt, wo es niemanden im eigenen Wohnzimmer stört. Dabei wäre Erinnerungskultur, wollte sie diesen Namen verdienen, das genaue Gegenteil – nämlich die Bereitschaft, auch im eigenen Stammbaum nach morschen Ästen zu suchen. Denn Geschichte ist kein Parteiprogramm und schon gar keine Imagebroschüre; sie ist ein Archiv menschlicher Irrtümer, Überzeugungen und gelegentlich erschreckender Blindheiten.

Gerade deshalb wirkt die aktuelle Debatte so unerquicklich lehrreich. Sie zeigt, wie schnell aus berechtigter Kritik ein asymmetrisches Projekt werden kann. Denn wenn man einmal begonnen hat, die Vergangenheit mit erklärenden Tafeln zu versehen, dann gilt ein einfacher Grundsatz: Entweder alle – oder man gibt ehrlich zu, dass es weniger um Aufklärung als um politische Dramaturgie geht.

Karl Renner oder Die Kunst, sich an nichts erinnern zu wollen

Nehmen wir etwa Karl Renner. Staatsgründer, politische Schlüsselfigur, Ikone der österreichischen Nachkriegserzählung – ein Name, der bis heute mit institutioneller Ehrfurcht ausgesprochen wird, ungefähr in jener Tonlage, die sonst für Naturdenkmäler reserviert ist. Und doch trägt diese Biografie Passagen, die man kaum mit einem diskreten historischen Schulterzucken erledigen kann. Renners Haltung zum „Anschluss“ war keine bloße Fußnote eines verwirrten Moments, sondern Ausdruck eines politischen Denkens, das sich zeitweise erstaunlich kompatibel mit nationalistischen Strömungen zeigte. Hinzu kommen antisemitische Aussagen, die heute nicht nur unerquicklich, sondern moralisch unübersehbar sind.

Was geschieht also mit dieser Ambivalenz im öffentlichen Raum? Nun – bemerkenswert wenig. Renner steht weiterhin da wie ein gut gepflegter Großvater der Republik, dessen problematische Ansichten man mit jener liebevollen Nachsicht betrachtet, die sonst nur Familienchroniken vorbehalten ist. Man spricht darüber in Seminaren, vielleicht in Feuilletons, aber selten mit jener demonstrativen Entschlossenheit, die man bei anderen Figuren zur Schau stellt. Es ist, als hätte man sich stillschweigend darauf geeinigt, dass manche Schatten historisch zwar existieren, aber bitte keine allzu scharfen Konturen werfen sollen.

Dabei wäre gerade hier Kontextualisierung keine Schande, sondern ein Akt intellektueller Redlichkeit. Eine Republik wirkt nicht kleiner, wenn sie zugibt, dass auch ihre Gründungsfiguren Kinder ihrer Zeit waren – mit allen Irrtümern, die dieser Ausdruck so höflich verschleiert.

Julius Tandler und das unangenehme Echo der Vernunft

Und dann wäre da noch Julius Tandler, jener große Architekt der Wiener Sozialpolitik, dessen Verdienste so oft und so zurecht hervorgehoben werden, dass man beinahe vergisst, wie unerquicklich manche seiner Überzeugungen klingen. Tandler sprach öffentlich über die Vernichtung und Sterilisierung sogenannten „lebensunwerten Lebens“ – Sätze, die heute wie ein frostiger Wind durch jede ernsthafte Debatte über Menschenwürde ziehen. Natürlich bewegte er sich in einem intellektuellen Klima, in dem eugenische Ideen erschreckend salonfähig waren. Doch genau darin liegt ja die Pointe historischer Aufarbeitung: zu zeigen, dass Fortschritt häufig von Menschen vorangetrieben wurde, deren Weltbild zugleich Abgründe kannte.

Merkwürdig nur, wie selten diese Seite Tandlers mit derselben pädagogischen Energie vermittelt wird, mit der man andernorts moralische Wegweiser aufstellt. Man würdigt den Sozialreformer – zu Recht! –, doch seine problematischen Positionen erscheinen oft wie ein leiser Nebensatz, gesprochen in jener Tonlage, die signalisiert: Bitte nicht zu lange verweilen, wir haben hier noch ein Denkmal zu feiern.

Das Ergebnis ist eine Form der historischen Höflichkeit, die fast rührend wirkt. Man möchte niemandem den Ahnen verderben.

Die Elastizität der Maßstäbe

Hier offenbart sich das eigentliche Drama: der elastische Maßstab. Wenn Kontextualisierung zur politischen Einbahnstraße wird, verwandelt sich Erinnerung in ein Instrument der Gegenwart – und verliert genau jene Glaubwürdigkeit, die man so pathetisch beschwört. Denn Bürger merken sehr wohl, ob Geschichte als gemeinsames Erbe behandelt wird oder als Arsenal für symbolische Gefechte.

Gleiche Maßstäbe sind kein rhetorischer Luxus; sie sind die Grundbedingung dafür, dass Erinnerungskultur mehr ist als moralische Dekoration. Wer nur dort kritisch hinsieht, wo es politisch bequem ist, betreibt keine Aufklärung, sondern Imagepflege mit historischem Material.

Vielleicht sollte man sich daran erinnern, dass ein Denkmal kein Heiligenschein aus Bronze ist, sondern ein Stein gewordener Gesprächsvorschlag. Und Gespräche werden unerquicklich, aber produktiv, wenn man nicht vorher festlegt, wer darin makellos erscheinen darf.

Die heilsame Zumutung der Ehrlichkeit

Am Ende läuft alles auf eine überraschend einfache Einsicht hinaus: Geschichte verlangt Fairness. Nicht im Sinne eines nivellierenden „Alle waren irgendwie Kinder ihrer Zeit“, sondern im Sinne einer gleichmäßigen Bereitschaft zur Kritik. Karl Renner bleibt eine zentrale Figur der Republik – aber eben eine mit widersprüchlichen Überzeugungen. Julius Tandler bleibt ein Pionier sozialer Reformen – und zugleich ein Mann, dessen Denken uns heute erschrecken muss. Diese Gleichzeitigkeit auszuhalten, ist kein Angriff auf Tradition, sondern deren Reifung.

Vielleicht sollte Wien den Mut aufbringen, seine Denkmäler weniger wie Altäre und mehr wie Lehrbücher zu behandeln. Dann würden Zusatztafeln nicht länger wie politische Fingerzeige wirken, sondern wie Einladungen zum Denken. Und wer weiß – möglicherweise entstünde daraus sogar etwas, das in politischen Debatten selten geworden ist: Vertrauen.

Bis dahin aber bleibt der Eindruck, dass die Stadt zwar eifrig kontextualisiert, jedoch mit jener diskreten Selektivität, die an ein Wohnzimmer erinnert, in dem man den Staub nur dort wischt, wo Gäste hinschauen. Die Vergangenheit hingegen ist unerquicklich demokratisch: Sie gehört allen. Und sie verdient, ohne parteipolitischen Weichzeichner betrachtet zu werden.

Die verlorene Generation

oder Wie man lernt, die Excel-Tabelle mehr zu lieben als den Menschen

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten moderner Gesellschaften, dass sie ihre größten Revolutionen nicht mehr mit Barrikaden, sondern mit PowerPoint-Folien durchführen. Wo einst das Volk auf die Straße ging, zieht heute die Personalabteilung in den Konferenzraum ein, bewaffnet mit Diagrammen, die aussehen wie ein missglückter Regenbogen nach einem chemischen Unfall. In diesem Klima konnte ein Essay wie „The Lost Generation“ überhaupt erst entstehen – eine Diagnose unserer Zeit, die so unerquicklich ist wie ein verpflichtender Diversity-Workshop um acht Uhr morgens. Jacob Savage beschrieb darin eine Generation, die angeblich nicht durch Krieg, Wirtschaftskrise oder eine metaphysische Sinnleere verloren ging, sondern durch eine Personalpolitik, die das Heil der Welt in der mathematischen Schönheit proportional verteilter Hautfarben sucht. Es ist, als habe man beschlossen, die Geschichte der Menschheit ließe sich durch korrekt sortierte Gruppenfotos beenden.

Natürlich ist die Pointe der Gegenwart, dass niemand offiziell jemanden benachteiligt – man „berücksichtigt“, man „sensibilisiert“, man „fördert“. Die Sprache selbst wurde weichgespült wie ein Pullover, den man aus Versehen bei 90 Grad gewaschen hat. Niemand wird ausgeschlossen, nein, man sorgt lediglich dafür, dass andere bevorzugt hineingelassen werden. Das Ergebnis ist mathematisch identisch, moralisch jedoch mit einem Heiligenschein versehen. Fortschritt, so scheint es, besteht heute darin, Diskriminierung mit besserem Marketing zu betreiben.

Die große Neuerfindung des Talents

Man muss sich vor Augen führen, welch epochale Leistung hier vollbracht wurde: Über Jahrhunderte galt Qualifikation als entscheidend – ein irritierender Irrtum, den man nun endlich korrigiert. Denn was ist schon ein abgeschlossenes Studium gegen eine biografisch wertvolle Erfahrung in Sachen „Vielfaltsmerkmal“? Was wie ein trockenes Verwaltungsdetail klingt, hat etwas zutiefst Poetisches: Der Lebenslauf wird zur Identitätscollage, das Bewerbungsgespräch zum moralischen Casting. Wer früher fragte „Was können Sie?“, fragt heute mit zarter Stimme: „Wofür stehen Sie – und lässt sich das statistisch verwerten?“

Die moderne Bürokratie gleicht damit einem Theater, in dem alle gleichzeitig Regisseur sein wollen. Der Kulturwandel, so oft beschworen, ist weniger ein Wandel der Kultur als ein Wandel der Kriterien. Leistung ist verdächtig geworden, weil sie Unterschiede produziert, und Unterschiede wiederum sind unerquicklich, da sie nicht in Tabellen passen. Also ersetzt man sie durch Zielvorgaben. Wenn Realität und Ideal nicht übereinstimmen, muss eben die Realität nachjustiert werden – eine Haltung, die schon in der sowjetischen Landwirtschaft mäßigen Erfolg hatte, aber in westlichen Behörden mit erstaunlicher Zuversicht wiederbelebt wird.

Der Staat als pädagogisches Großexperiment

Deutschland, dieses Land der gründlichen Formulare, hat das Projekt erwartungsgemäß mit jener Mischung aus Ernsthaftigkeit und Verwaltungseifer aufgenommen, die sonst nur bei der korrekten Mülltrennung zu beobachten ist. Strategien werden entwickelt, Arbeitsgruppen tagen, Leitbilder formuliert. Zwei Jahre lang über etwas zu beraten, das anschließend in einer Broschüre mit freundlichen Stockfotos endet, gehört hierzulande zur politischen Folklore. Dass dabei Dutzende Organisationen eingebunden werden, überrascht kaum – die Gegenwart liebt Netzwerke so sehr, dass sie manchmal vergisst, wofür sie eigentlich geknüpft wurden.

Besonders rührend ist der Glaube, man könne gesellschaftliche Spannungen durch eine ausreichend komplexe Strategie befrieden. Alltagsrassismus soll verschwinden, strukturelle Ungleichheit verdampfen, Vorurteile sich in Luft auflösen – alles dank eines Dokuments, das vermutlich mehr Seiten hat als Tolstois „Krieg und Frieden“, aber deutlich weniger Schlachtfelder kennt. Man erwartet beinahe, dass demnächst auch das Wetter diverser gestaltet wird, vielleicht durch eine Quote für unterschiedliche Wolkenformationen.

Die neue Moral der Auswahlkommission

Der eigentliche Charme dieser Entwicklung liegt jedoch in der stillen Verschiebung des Menschenbildes. Früher galt der Einzelne als Individuum; heute erscheint er zunehmend als Vertreter einer Kategorie. Der Bewerber betritt den Raum nicht mehr allein, sondern begleitet von einer unsichtbaren Delegation statistischer Eigenschaften. Die Auswahlkommission wiederum prüft nicht nur Kompetenzen, sondern auch die moralische Temperatur des Kandidaten. Vielfaltskompetenz – ein Wort, das klingt, als könne man es in Kapseln schlucken – avanciert zum Leistungsmerkmal. Wer skeptisch fragt, ob Migration ausschließlich positiv zu bewerten sei, wirkt ungefähr so charmant wie jemand, der auf einer Hochzeit die Haltbarkeit der Ehe statistisch hinterfragt.

Man darf diese Entwicklung durchaus bewundern, denn sie löst ein uraltes Problem: das Risiko des Dissenses. Wenn alle dieselben Werte bekennen müssen, wird die Welt herrlich konfliktarm – zumindest oberflächlich. Unter der glatten Oberfläche jedoch beginnt es zu rumoren, denn nichts erzeugt mehr Trotz als der freundlich vorgetragene Zwang zur Zustimmung.

Die Jugend als Kollateralschaden des Fortschritts

Wie bei jeder großen gesellschaftlichen Transformation trifft es vor allem jene, die noch keinen festen Platz haben: die Jungen. Ältere Jahrgänge gleiten gemütlich Richtung Ruhestand und beobachten das Geschehen mit der Gelassenheit von Passagieren, die das Schiff rechtzeitig verlassen. Die Neueinstellungen hingegen werden zum Experimentierfeld. Wer gerade erst ins Berufsleben tritt, merkt schnell, dass er sich nicht nur bewerben, sondern gewissermaßen erklären muss – als wäre der eigene Lebenslauf ohne eine identitätspolitische Fußnote unvollständig.

Das erzeugt eine paradoxe Situation: Eine Politik, die Ungleichheiten abbauen will, produziert neue Empfindlichkeiten. Nicht unbedingt objektive Benachteiligung – die lässt sich empirisch oft schwer greifen –, wohl aber ein Gefühl der Austauschbarkeit. Und Gefühle, das weiß man seit den Romantikern, sind politisch höchst wirksam. So wächst leise eine Generation heran, die sich fragt, ob sie an einem Wettbewerb teilnimmt oder an einer sorgfältig choreografierten Inszenierung.

Netzwerke, Chartas und die große Liturgie der Gegenwart

Besonders faszinierend ist die institutionelle Selbstvermehrung dieses Projekts. Netzwerke entstehen, Initiativen formieren sich, Chartas werden unterzeichnet. Es hat etwas von einer modernen Liturgie: Man bekennt sich, man verpflichtet sich, man signalisiert Haltung. Unternehmen und Behörden wirken dabei wie mittelalterliche Zünfte, die ihre Tugend öffentlich ausstellen, damit niemand auf die Idee kommt, sie könnten womöglich unmodern sein.

Dabei wäre es ein Missverständnis, all dies als bloße Heuchelei abzutun. Oft steckt dahinter ein ehrlicher Wunsch nach Fairness, nach Offenheit, nach einer Gesellschaft, die weniger hart urteilt. Doch gute Absichten sind bekanntlich die Rohstoffe, aus denen Bürokratien ihre schönsten Labyrinthe bauen. Der Weg zur Hölle mag gepflastert sein – der zur Diversity-Strategie ist es ganz sicher mit Workshops.

Der internationale Kontrast oder Die Kunst des kulturpolitischen Pendels

Während andernorts politische Kräfte das Diversity-Paradigma bereits mit der Begeisterung eines Teenagers ausmisten, der sein Kinderzimmer neu entdeckt, hält man hierzulande erstaunlich unbeirrt daran fest. Das ist weder besonders mutig noch besonders töricht; es ist vor allem typisch deutsch. Man liebt die Kontinuität, selbst wenn sie inhaltlich umstritten ist. Strategien werden geprüft, aber selten verworfen – schließlich hat jemand viel Zeit in ihre Erstellung investiert.

So entsteht ein merkwürdiges Gleichgewicht: Die einen sehen im Diversitätsprojekt die überfällige Korrektur historischer Ungerechtigkeiten, die anderen eine ideologische Übersteuerung. Beide Seiten sprechen mit wachsender Lautstärke, aber selten miteinander. Vielleicht ist das die eigentliche Tragik: Nicht dass gestritten wird, sondern dass der Streit zunehmend ritualisiert wirkt, als habe man sich längst an die Rollen gewöhnt.

Schlussbetrachtung oder Warum Utopien selten Humor besitzen

Am Ende bleibt die Frage, ob sich Gleichheit verordnen lässt, ohne die Freiheit zu strapazieren. Jede Gesellschaft ringt mit diesem Spannungsverhältnis; unsere Gegenwart tut es lediglich mit größerer begrifflicher Eleganz. Der Traum von der perfekten Repräsentation ist verführerisch, weil er Ordnung verspricht. Doch Menschen sind keine Excel-Zellen, und Biografien lassen sich nur begrenzt normieren.

Vielleicht wird man eines Tages auf diese Epoche zurückblicken und schmunzeln – über den Ernst, mit dem man versuchte, moralische Harmonie administrativ zu organisieren. Vielleicht wird man aber auch feststellen, dass jede Generation ihre eigenen Übertreibungen braucht, um voranzukommen. Fortschritt ist selten geradlinig; er taumelt eher, wie ein leicht beschwipster Idealist auf dem Heimweg.

Und so bleibt uns nur, das Schauspiel mit einer Mischung aus Skepsis und Heiterkeit zu betrachten. Denn wer glaubt, die Menschheit lasse sich endgültig sortieren, hat vermutlich noch nie eine echte Familie bei der Sitzordnung einer Hochzeit beobachtet. Vielfalt, könnte man sagen, entsteht ohnehin – ganz ohne Strategie. Nur selten so ordentlich dokumentiert.

Das große Sichtbarkeitsversprechen

oder: Wie man Bürgerinnen und Bürger in digitale Gartenzwerge verwandelt

Es gibt politische Ideen, die kommen mit so viel Pathos daher, dass man beinahe vergisst zu fragen, ob sie auch nur im Entferntesten funktionieren. Die geplante Klarnamenpflicht – selbstverständlich wird sie nicht so genannt, denn kein Gesetzgeber bezeichnet seine eigenen Projekte gerne mit Wörtern, die nach Meldezettel und Amtsstube riechen – gehört zweifellos in diese Kategorie. Sie wird verkauft als Bollwerk gegen Hass, als Rettungsring für die Zivilisation, als algorithmisch polierter Ritterschlag für die Vernunft im Internet. Und wie bei allen guten Rettungsmissionen gilt: Je größer die symbolische Geste, desto kleiner oft der praktische Nutzen. Man möchte fast glauben, irgendwo in einem Ministerium sitze eine Arbeitsgruppe, die sich vorgenommen hat, das Internet endlich so gemütlich zu machen wie ein Wartezimmer beim Bezirksamt – mit Nummernziehen, Formularen und der beruhigenden Gewissheit, dass spontane Gedanken grundsätzlich verdächtig sind.

Doch bevor wir uns zu sehr in die Bürokratiefantasie hineinsteigern, lohnt ein Blick auf die zehn Gründe, warum diese Idee weniger einem Schutzwall gleicht als vielmehr einer Einladung zum digitalen Selbstverstummen.

Schutz durch Sichtbarkeit? Ein hübsches Märchen

Die Vorstellung, dass Menschen automatisch höflicher werden, sobald ihr Name unter einem Kommentar steht, gehört zu den langlebigsten politischen Wunschträumen seit der Erfindung der PowerPoint-Präsentation. Tatsächlich zeigt die Erfahrung der letzten Jahre etwas ganz anderes: Wer belästigen will, belästigt. Wer drohen will, droht. Und wer sich danebenbenehmen möchte, findet dafür erstaunlich kreative Wege – Klarnamen hin oder her. Plattformen, die formal längst reale Namen verlangen, sind schließlich keine Oasen der Zivilisiertheit geworden, sondern eher digitale Marktplätze, auf denen Empörung im Sonderangebot zu haben ist.

Ironischerweise trifft eine Klarnamenpflicht häufig nicht die Täterinnen und Täter, sondern die potenziellen Opfer. Sichtbarkeit ist nämlich keine Einbahnstraße in Richtung Sicherheit; sie ist auch ein Scheinwerfer für all jene, die jemanden ins Visier nehmen möchten. Die Folge? Viele ziehen sich zurück, schweigen oder überlegen dreimal, ob sich ein Kommentar lohnt, wenn er womöglich zur Einladung für persönliche Angriffe wird. Schutz sieht anders aus. Schutz wäre, Übergriffe konsequent zu verfolgen – nicht, die Bühne heller auszuleuchten, damit das Publikum bessere Sicht hat.

Privatsphäre – ein Grundrecht, kein nostalgisches Hobby

Man stelle sich kurz vor, man müsste sich für jede Wortmeldung in der analogen Welt registrieren lassen. „Entschuldigung, bevor Sie diesen Satz im Kaffeehaus äußern, bräuchten wir bitte Ihren Reisepass.“ Absurd? Natürlich. Im Digitalen scheint diese Idee jedoch plötzlich als pragmatische Maßnahme zu gelten. Eine zentrale Registrierstelle für Internetnutzerinnen und -nutzer wäre nichts weniger als ein infrastruktureller Liebesbrief an die totale Datensammlung.

Dabei stellt sich eine fast rührend naive Frage: Wer verwaltet diese Daten eigentlich, und wer garantiert, dass sie niemals in falsche Hände geraten? Staaten sind bekanntermaßen hervorragend darin, Daten zu sammeln – weniger hervorragend darin, sie für alle Ewigkeit vor Missbrauch zu schützen. Und private Plattformen? Nun, deren Verhältnis zu Nutzerdaten erinnert gelegentlich an ein Buffet: Man nimmt sich gerne mehr, als man ursprünglich angekündigt hat.

Privatsphäre ist kein dekoratives Extra, das man bei Bedarf abbestellen kann wie die Petersilie auf dem Kantinenteller. Sie ist die Voraussetzung für Selbstbestimmung. Wer sie leichtfertig opfert, darf sich nicht wundern, wenn plötzlich sehr viele Menschen sehr still werden.

Wenn Kritik Mut erfordert – und Mut plötzlich teuer wird

Politische Verfolgung ist kein Relikt ferner Zeiten oder exotischer Länder. Sie beginnt oft dort, wo Kritik plötzlich mit Konsequenzen verbunden ist. Für Menschen mit familiären oder beruflichen Verbindungen in autoritäre Staaten kann Anonymität ein Schutzschild sein, hinter dem sie überhaupt erst den Mut finden, ihre Stimme zu erheben. Ohne diesen Schutz verwandelt sich das Netz von einem Raum der Möglichkeiten in eine Bühne mit eingebautem Risiko.

Man denke an jene, die über Regierungen sprechen, die Humor eher als staatsfeindliche Tätigkeit betrachten. Oder an Menschen, deren Engagement für Gleichberechtigung in ihrer Heimat alles andere als ungefährlich wäre. Ihnen zu sagen, sie sollten doch bitte mit offenem Namen auftreten, ist ungefähr so sensibel, wie jemandem mit Höhenangst einen Gratis-Bungee-Sprung zu schenken.

Demokratie lebt davon, dass Kritik möglich ist – nicht davon, dass sie bequem identifizierbar bleibt.

Zwischen Chefetage und Kommentarspalte

Auch im beruflichen Alltag entfaltet eine Klarnamenpflicht eine eigentümliche Sprengkraft. Wer möchte schon jeden Gedanken unter den potenziellen Augen der Personalabteilung formulieren? Die viel beschworene „freie Meinungsäußerung“ verwandelt sich dann schnell in eine Hochseilnummer ohne Netz.

Eine Lehrerin, die strukturelle Probleme im Bildungssystem anspricht, ein Angestellter, der Missstände im Unternehmen kritisiert, oder jemand, der schlicht eine unpopuläre Ansicht vertritt – all diese Stimmen könnten verstummen, wenn jede Äußerung unmittelbar mit der eigenen Existenz verknüpft ist. Man nennt das nicht zufällig einen „Chilling Effect“: Die Temperatur des Diskurses sinkt, bis nur noch handwarme Meinungen übrig bleiben.

Und seien wir ehrlich: Eine Gesellschaft, in der alle nur noch das sagen, was garantiert niemanden stört, wäre zwar außerordentlich harmonisch – aber auch ungefähr so spannend wie ein Telefonbuch.

Das große Verstummen der Ränder

Randgruppen und marginalisierte Stimmen profitieren besonders stark von anonymen Räumen. Dort können sie Erfahrungen teilen, sich organisieren und sichtbar werden, ohne sich gleichzeitig exponieren zu müssen. Wird dieser Schutz entfernt, geschieht etwas sehr Vorhersehbares: Die Debatte verliert genau jene Perspektiven, die sie dringend braucht.

Das Ergebnis wäre eine Öffentlichkeit, die zwar ordentlicher wirkt, aber vor allem homogener ist – ein Diskurs, der klingt, als hätte man ihn zuvor durch einen Filter geschickt, der alles Unbequeme entfernt. Vielfalt ist jedoch selten bequem. Und Fortschritt war noch nie das Kind der vollständigen Anpassung.

Vorurteile haben erstaunlich gute Augen

Anonymität kann, paradoxerweise, Fairness fördern. Ohne Namen, ohne offensichtliche Marker für Herkunft oder Geschlecht wird ein Argument zunächst einmal als Argument wahrgenommen – nicht als Produkt einer bestimmten Biografie. Wer glaubt, Vorurteile hätten im digitalen Raum Urlaub, hat vermutlich noch nie erlebt, wie schnell ein „falsch“ klingender Nachname plötzlich mehr Aufmerksamkeit bekommt als der Inhalt einer Aussage.

Für viele Menschen ist ein Pseudonym deshalb kein Maskenspiel, sondern eine Eintrittskarte in eine Diskussion, die sie sonst vielleicht gar nicht führen könnten. Expertise wird neutraler bewertet, wenn sie nicht sofort in gesellschaftliche Schubladen sortiert wird. Eine Klarnamenpflicht würde diese fragile Form der Gleichheit ausgerechnet dort beseitigen, wo sie überraschend gut funktioniert.

Jugend unter Beobachtung – eine pädagogische Horrorvision

Kinder und Jugendliche bewegen sich ohnehin in einem Spannungsfeld zwischen Selbstfindung und sozialem Druck. Ihnen auch noch die Möglichkeit zu nehmen, unter einem Pseudonym aufzutreten, wäre ungefähr so pädagogisch wertvoll wie eine Dauerübertragung ihres Lebens in die Aula.

Gerade junge Menschen brauchen Räume, in denen sie sich ausprobieren können, ohne dass jeder Fehltritt dauerhaft mit ihrem bürgerlichen Namen verknüpft bleibt. Wer nie anonym irren darf, lernt vor allem eines: Vorsicht statt Neugier. Und eine Generation, die aus Angst vor Konsequenzen lieber schweigt, ist kaum das Ziel moderner Bildungspolitik – auch wenn sie für Behörden vermutlich sehr angenehm wäre.

Der öffentliche Raum trägt kein Namensschild

Wir gehen täglich durch Städte, steigen in Verkehrsmittel, setzen uns in Parks – und tun das alles, ohne ein Schild mit unserem vollständigen Namen vor uns herzutragen. Niemand käme auf die Idee, diese Form der anonymen Bewegung als Sicherheitsrisiko zu brandmarken. Warum also sollte im digitalen Raum plötzlich gelten, was offline völlig absurd erscheint?

Das Internet ist längst ein öffentlicher Raum, mit all seinen Chancen und Zumutungen. Öffentlichkeit bedeutet nicht totale Identifizierbarkeit; sie bedeutet Teilnahme. Wer beides verwechselt, landet schnell bei einer Gesellschaft, in der Freiheit mit Verwaltung verwechselt wird.

Wirtschaftspolitik nach dem Prinzip „Bitte weitergehen“

Eine nationale Klarnamenpflicht hätte zudem etwas rührend Provinzielles. Während das Internet global funktioniert, würde man versuchen, innerhalb nationaler Grenzen Regeln durchzusetzen, die sich mit wenigen Klicks umgehen lassen. Nutzerinnen und Nutzer wandern einfach zu Plattformen ab, die weniger streng sind – und zurück bleiben heimische Anbieter, die sich fragen dürfen, warum sie plötzlich allein auf weiter Flur stehen.

Innovation gedeiht selten dort, wo regulatorische Experimente die Einstiegshürden erhöhen. Start-ups brauchen Vertrauen und Nutzer, keine zusätzlichen Barrieren. Andernfalls exportiert man nicht nur Datenverkehr, sondern auch wirtschaftliche Chancen.

Das unterschätzte Recht auf Maske

Pseudonyme haben eine lange kulturelle Tradition. Schriftstellerinnen, Künstler, Aktivistinnen – viele haben unter Namen gearbeitet, die nicht im Melderegister stehen. Nicht aus Täuschungsabsicht, sondern aus künstlerischer Freiheit, aus Selbstschutz oder schlicht, weil ein gewählter Name manchmal besser zur eigenen Identität passt als der zufällig vergebene.

Eine Verpflichtung zum Klarnamen würde dieses Recht stillschweigend zur Marotte erklären. Dabei ist die Möglichkeit, sich selbst zu benennen, ein zutiefst persönlicher Akt. Sie aufzugeben hieße, ein Stück Autonomie gegen das vage Versprechen von Ordnung einzutauschen.

Schlussbetrachtung: Die Sehnsucht nach Kontrolle

Hinter der Klarnamenpflicht steckt letztlich eine sehr alte Versuchung: die Vorstellung, komplexe gesellschaftliche Probleme ließen sich durch mehr Kontrolle lösen. Wenn nur jeder identifizierbar wäre, so die Hoffnung, würde das Chaos verschwinden. Doch das Internet ist kein Klassenzimmer, und die Menschheit war noch nie besonders gut darin, sich allein durch Namenslisten zu benehmen.

Vielleicht sollten wir uns daher weniger fragen, wie wir Menschen sichtbarer machen, sondern wie wir Strukturen schaffen, die Übergriffe tatsächlich ahnden, Debatten moderieren und digitale Kompetenz fördern. Freiheit ist selten ordentlich. Aber sie ist die Voraussetzung dafür, dass eine Gesellschaft lebendig bleibt.

Oder, um es polemisch zu sagen: Wer das Netz in ein Melderegister verwandeln möchte, bekommt am Ende vielleicht genau das, was er bestellt hat – ein sehr ruhiges Internet. Nur sollte man sich dann nicht wundern, wenn darin vor allem das Echo der eigenen Stimme widerhallt.

Die große Nüchternheit

Es gibt Sätze, die klingen, als seien sie in einem Zustand milder Entrückung formuliert worden, vielleicht nach zu langem Aufenthalt in einem Raum mit schlecht belüfteten Ideen. „Unsere Energiewende wird auf der ganzen Welt kopiert.“ Ein Satz von jener schwebenden Leichtigkeit, die sonst nur Werbeslogans für Diätprodukte oder Durchhalteparolen in gescheiterten Start-ups eigen ist. Man möchte fast fürsorglich eingreifen, ein Glas Wasser reichen, ein Fenster öffnen und mit leiser Stimme sagen: Hände weg von Drogen. Oder wenigstens: vorher kurz auf die Stromrechnung schauen.

Denn die Realität – dieses notorisch unpoetische, ja fast schon taktlose Gegenstück politischer Rhetorik – besitzt die unerquicklichste Eigenschaft, sich messen zu lassen. Und während also irgendwo auf der Welt angeblich Kopiermaschinen heißlaufen, die das deutsche Modell vervielfältigen, steht der deutsche Privathaushalt im Halbdunkel seiner Küche, betrachtet die Stromrechnung und überlegt, ob man Nudeln nicht vielleicht auch durch intensives Reiben aneinander garen könnte. 39,4 Cent pro Kilowattstunde im zweiten Halbjahr 2024, 38,4 Cent im ersten Halbjahr 2025 – Zahlen, die weniger nach „Erfolgsmodell“ klingen als nach einem exklusiven Club, dessen Mitgliedsbeitrag monatlich abgebucht wird, ohne dass man je gefragt worden wäre, ob man überhaupt eintreten möchte.

Es gehört zu den eleganteren Tricks politischer Kommunikation, Erfolg nicht daran zu messen, ob etwas günstig, effizient oder funktional ist, sondern daran, ob es sich gut erzählen lässt. Die Energiewende als internationales Vorbild – das ist ein Narrativ von der Sorte, die auf Konferenzen hervorragend funktioniert, vorzugsweise bei Häppchen, deren Preis pro Gramm vermutlich unterhalb einer deutschen Kilowattstunde liegt. Das Publikum nickt, die Übersetzer schwitzen, und irgendwo notiert ein Praktikant das Wort „Leuchtturmprojekt“, obwohl draußen längst jemand vergessen hat, das Licht auszuschalten, weil man sich die Gewohnheit nicht mehr leisten kann.

Exportweltmeister der Selbstvergewisserung

Deutschland war einmal stolz darauf, Dinge zu exportieren, die tatsächlich jemand haben wollte: Maschinen, Autos, chemische Produkte, gelegentlich auch Philosophie. Nun exportiert man offenbar Selbstvergewisserung. „Die Welt kopiert uns“ – ein Satz, der sich anhört wie das energiewirtschaftliche Pendant zum Klassenprimus, der laut verkündet, alle hätten bei ihm abgeschrieben, während die Mitschüler in Wahrheit längst bei jemand anderem spicken.

Natürlich ist es nicht völlig abwegig, dass andere Länder den Ausbau erneuerbarer Energien beobachten. Beobachten heißt allerdings noch lange nicht bewundern, geschweige denn imitieren. Man beobachtet auch Verkehrsunfälle sehr aufmerksam, ohne sofort auf die Idee zu kommen, sie nachzustellen. Und wenn irgendwo ein Finanzminister beim Anblick deutscher Strompreise nervös zum Taschenrechner greift, dann möglicherweise nicht aus Neid, sondern aus einem gesunden Instinkt zur Haushaltsdisziplin.

Der Clou liegt im Wörtchen „Kosten senken“. Es ist ein schönes Wortpaar, beinahe romantisch, wie „Sommerregen“ oder „steuerfrei“. Nur steht es hier in einem auffälligen Spannungsverhältnis zu den Eurostat-Daten, die sich mit der Hartnäckigkeit eines schlecht erzogenen Kindes immer wieder in den Vordergrund drängen. Höchste Strompreise der EU – zweimal in Folge. Wenn das die gesenkten Kosten sind, möchte man die ungesenkten gar nicht erst kennenlernen. Vermutlich müssten sie dann in einem gesonderten Haushaltsposten zwischen „Luxusjacht“ und „privatem Weltraumprogramm“ geführt werden.

Die hohe Kunst der Perspektive

Vielleicht liegt das Problem schlicht in der Perspektive. Aus der Vogelperspektive sieht alles beeindruckend aus: Windräder drehen sich majestätisch, Solarfelder glitzern wie moderne Kathedralen, und irgendwo murmelt ein Diagramm etwas von steigenden Kapazitäten. Erst wenn man auf Bodenhöhe zurückkehrt – also dort, wo Menschen tatsächlich wohnen und Rechnungen bezahlen – verwandelt sich die heroische Erzählung in eine Art finanzielles Fitnessprogramm: stärker werden durch Belastung.

Man darf nicht vergessen: Hohe Preise haben auch eine erzieherische Funktion. Sie lehren Demut. Sie fördern Kreativität. Sie bringen Familien einander näher, wenn man gemeinsam überlegt, ob der Kühlschrank wirklich rund um die Uhr laufen muss oder ob man ihn nicht als eine Art gelegentliches Überraschungselement behandeln könnte. Warmes Licht wird wieder zum Ereignis. Der Wasserkocher erhält den Status eines Luxusgeräts, irgendwo zwischen Espressomaschine und Wochenendtrip nach Nizza.

Und doch bleibt ein Rest Verwunderung darüber, mit welcher Gelassenheit der Begriff „Erfolg“ verwendet wird. Erfolg wofür genau? Für den Ausbau? Für die Geschwindigkeit? Für die moralische Gewissheit, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen? All das mag stimmen. Aber Geschichte hat die unerquicklich nüchterne Angewohnheit, irgendwann auch die Fußnoten zu lesen – und dort stehen dann meist die Kosten.

Fortschritt mit Preisschild

Es wäre zu einfach, sich über erneuerbare Energien lustig zu machen; sie sind notwendig, und niemand mit funktionierendem Realitätssinn schlägt ernsthaft vor, zur Dampflok zurückzukehren. Der satirische Reiz liegt vielmehr in der Diskrepanz zwischen Tonfall und Temperatur der Fakten. Wenn man ein Modell als global bewundert beschreibt, während gleichzeitig die eigenen Bürger den teuersten Strom Europas bezahlen, entsteht ein rhetorisches Kunstwerk von beinahe barocker Üppigkeit.

Vielleicht handelt es sich um eine neue Form des Fortschritts: je teurer, desto vorbildlicher. Eine Art energetischer Haute Couture. Andere Länder tragen noch Konfektionsware, während Deutschland bereits auf dem Laufsteg schreitet – ein wenig blass vielleicht, aber stilbewusst. Wer kann sich schon gegen ein Modell wehren, das so konsequent zeigt, was alles möglich ist, wenn man nur fest genug daran glaubt?

Der Verdacht drängt sich auf, dass hier weniger Drogen im Spiel sind als eine Überdosis Optimismus, verabreicht in homöopathischen, aber dauerhaft wirkenden Dosen. Optimismus ist schließlich die gesellschaftlich akzeptierte Droge der Politik: rezeptfrei, nebenwirkungsreich und besonders wirksam in Interviews.

Ein Plädoyer für klare Sinne

Am Ende geht es gar nicht darum, ob die Energiewende richtig oder falsch ist; große Transformationen sind selten billig und nie bequem. Es geht um den Mut zur ungeschönten Beschreibung. Man könnte sagen: Ja, wir bauen um, ja, es kostet viel, ja, es wird dauern. Das wäre unerquicklich, aber ehrlich – und Ehrlichkeit hat den Vorteil, dass sie ohne Halluzinationen auskommt.

„Hände weg von Drogen“ ist deshalb weniger eine moralische Mahnung als ein erkenntnistheoretischer Rat. Politik sollte nüchtern sein, nicht im Sinne freudloser Technokratie, sondern im Sinne klarer Wahrnehmung. Wer die Realität nur noch durch die rosarote Brille strategischer Kommunikation betrachtet, läuft Gefahr, irgendwann gegen einen Laternenpfahl zu laufen – was besonders ärgerlich ist, wenn dessen Strom ebenfalls teuer war.

Vielleicht wird die Welt eines Tages tatsächlich sagen: Schaut nach Deutschland, so macht man das. Vielleicht auch nicht. Bis dahin wäre es schon ein Fortschritt, wenn man Erfolg nicht ausschließlich daran misst, wie gut er klingt, sondern auch daran, wie sehr er sich bezahlt macht – im wörtlichen Sinne. Und falls doch wieder jemand allzu schwärmerisch vom globalen Kopieren spricht, sollte man freundlich nicken, tief durchatmen und leise wiederholen: Hände weg von Drogen. Oder wenigstens von allzu berauschenden Metaphern.

Die Mutter aller Deals

Die Geburt eines wohlgenährten Mythos

Es gibt Momente in der politischen Kommunikation, in denen man beinahe ehrfürchtig innehält – nicht aus Bewunderung, sondern aus ästhetischer Anerkennung für die schiere Größe der Behauptung. Das EU-Indien-Freihandelsabkommen, mit Pathos als „Mutter aller Deals“ tituliert, gehört zweifellos in diese Kategorie. Man sieht förmlich die PR-Abteilungen in Brüssel beim kollektiven Champagneröffnen: ein Markt von fast zwei Milliarden Menschen! Zollsenkungen auf nahezu alles! Wachstum! Jobs! Wahrscheinlich bald auch besseres Wetter! Wer wollte da noch kleinlich nachfragen, ob hinter der glänzenden Fassade vielleicht ein Gebäude steht, dessen Statik man besser noch einmal prüfen sollte? In Zeiten globaler Nervosität, in denen die USA mit Zöllen drohen wie ein schlecht gelaunter Türsteher mit Hausverboten, wirkt jedes große Handelsabkommen wie eine strategische Wärmedecke. Doch Wärmedecken haben bekanntlich die unangenehme Eigenschaft, dass man darunter irgendwann zu schwitzen beginnt.

Die geopolitische Logik ist schnell erzählt: Europa möchte sich absichern, diversifizieren, nicht wieder in jene romantische Abhängigkeit geraten, die man einst gegenüber russischem Gas pflegte – eine Beziehung, die bekanntlich ungefähr so stabil war wie ein Kartenhaus im Orkan. Indien wiederum blickt mit verständlichem Interesse auf den europäischen Binnenmarkt, der trotz aller Krisen weiterhin wie ein üppiges Buffet wirkt. Was als große Win-win-Erzählung verkauft wird, erinnert bei näherer Betrachtung jedoch eher an ein höfliches gegenseitiges Instrumentalisieren: Europa braucht einen Partner, Indien braucht Zugang. Liebe auf den ersten Blick ist das nicht, eher eine Vernunftehe mit sehr umfangreichem Ehevertrag und auffallend kleingedruckten Klauseln.

Mobilität als Euphemismus für Bewegung mit Folgen

Der eigentliche dramaturgische Höhepunkt dieses Abkommens versteckt sich nicht einmal besonders gut – er trägt den elegant technokratischen Namen „Comprehensive Framework for Cooperation on Mobility“. Wer bei solchen Formulierungen nicht sofort an warme Flughafenlounges, beschleunigte Visa und geschmeidig gleitende Grenzkontrollen denkt, hat vermutlich zu wenig EU-Dokumente gelesen. Mobilität klingt nach Erasmussemester und Rollkofferfreiheit; tatsächlich geht es um erleichterte Aufenthalte über Jahre hinweg, Post-Study-Work-Optionen, Familiennachzug für bestimmte Gruppen, Intra-Corporate-Transfers und einen bemerkenswert breiten Zugang zu Dienstleistungssektoren. Kurz gesagt: Bewegung, aber mit Struktur – und mit Richtung.

Natürlich richtet sich das Ganze bevorzugt an jene Gruppen, die in politischen Reden stets mit ehrfürchtigem Unterton genannt werden: IT-Fachkräfte, Ingenieure, Forscher, Gesundheitsberufe, dazu saisonale Arbeitskräfte. Es ist die Elite der globalen Arbeitsmigration, geschniegelt, qualifiziert, statistisch wertvoll. Niemand fürchtet sich vor einem Softwareentwickler mit Masterabschluss – zumindest nicht öffentlich. Doch Arbeitsmärkte reagieren nicht auf moralische Kategorien, sondern auf Mengen und Dynamiken. Selbst Ströme, die einzeln betrachtet moderat erscheinen, können über Jahre hinweg kumulative Effekte entfalten, ähnlich wie ein Wasserhahn, der nur minimal tropft, aber irgendwann dennoch den gesamten Keller unter Wasser setzt.

Die Mathematik der Demografie oder Warum große Zahlen selten harmlos sind

Man könnte versucht sein, die Bevölkerungsrelation als bloße Hintergrundmusik abzutun – doch manchmal lohnt es sich, auf die Lautstärke zu achten. Rund 1,45 Milliarden Menschen dort, knapp 450 Millionen hier. Das ist kein Unterschied, das ist ein Maßstabssprung. Selbst wenn nur ein winziger Prozentsatz mobil wird, sprechen wir nicht mehr über Randphänomene, sondern über strukturelle Verschiebungen. Märkte reagieren sensibel auf zusätzliche Arbeitskräfte; Wohnungsräume reagieren noch sensibler; Integrationssysteme reagieren meist mit leichter Verzögerung und anschließendem Überforderungshusten.

Die klassische ökonomische Gegenrede lautet, Migration schaffe Wachstum. Das kann stimmen – genauso wie es stimmt, dass Regen Pflanzen wachsen lässt. Die Frage ist nur: Welche Pflanzen, in welchem Boden und ob man vorher ein Drainagesystem installiert hat. Druck auf Löhne in bestimmten Branchen ist kein populistisches Schreckgespenst, sondern ein seit Jahrhunderten beobachtbares Marktphänomen. Gleichzeitig kann ein Land wie Indien durch systematischen Fachkräfteexport innenpolitisch entlastet werden – ein rationaler Zug aus Sicht Neu-Delhis. Für Europa stellt sich jedoch die weniger poetische Frage, ob es langfristig zum bevorzugten Auffangbecken globaler Arbeitsmarktkorrekturen werden möchte, ohne dabei eine klar erkennbare strategische Gegenleistung zu erhalten.

Das große Versprechen der Befristung und die kleine Ironie der Realität

Offiziell ist natürlich alles temporär. Temporär ist in der Politik ein wunderbares Wort – es vermittelt die beruhigende Illusion eines eingebauten Rückwärtsgangs. Qualifikationsgebunden, begrenzt, keine Änderung nationaler Einwanderungsrechte. Man möchte fast applaudieren ob dieser semantischen Präzision. Nur zeigt die Erfahrung mit ähnlichen Regelungen eine gewisse Neigung zur Entfristung. Wege ins Bleiberecht entstehen selten durch revolutionäre Akte; sie wachsen organisch, juristisch nachvollziehbar, menschlich verständlich – und politisch kaum reversibel.

Es ist ein wenig wie mit provisorischen Baustellen, die nach einigen Jahren so selbstverständlich wirken, dass niemand mehr weiß, wie die Straße ohne sie aussah. Wer einmal da ist, arbeitet, Steuern zahlt, Kinder einschult, wird nicht mit einem freundlichen „Danke fürs Mitmachen“ verabschiedet. Das ist weder Skandal noch moralisches Versagen, sondern Ausdruck liberaler Rechtsstaatlichkeit. Doch genau deshalb wäre es klug, die langfristigen Konsequenzen von Anfang an ehrlicher zu diskutieren, statt sie hinter Sonnenscheinprognosen zu verstecken, die wirken, als seien sie in einem Gewächshaus für Optimismus gezüchtet worden.

Sonnenscheinökonomie und die Kunst des Weglassens

Auffällig ist weniger, was gesagt wird, als das, was in der offiziellen Rhetorik erstaunlich selten auftaucht: Risikoabwägung. Man hört viel über Wachstum, Innovation, Wettbewerbsfähigkeit – die klassischen Vokabeln eines Kontinents, der sich selbst gern als rationalen Wirtschaftsraum versteht. Doch gesellschaftliche Folgen? Integrationskapazitäten? Infrastruktur? Politische Spannungen? Hier wird es plötzlich still, als hätte jemand versehentlich den Tonkanal deaktiviert.

Vielleicht liegt das daran, dass Zweifel schlecht mit großen Erzählungen harmonieren. Die EU liebt ihre Narrative – sie sind das emotionale Schmiermittel eines ansonsten hochkomplexen Institutionengefüges. Aber Narrative ersetzen keine Strategien. Wer Bevölkerungspolitik indirekt über Handelsabkommen mitgestaltet, betreibt mehr als nur Ökonomie; er greift in die langfristige soziale Architektur ein. Das muss nicht falsch sein. Es ist nur zu bedeutsam, um es mit der rhetorischen Leichtigkeit eines Produktlaunches zu behandeln.

Kooperation ja – Selbstvergessenheit eher nicht

Indien ist ohne Frage ein strategisch relevanter Partner: wirtschaftlich dynamisch, technologisch ambitioniert, geopolitisch zunehmend selbstbewusst. Kooperation kann klug sein, notwendig sogar. Doch Klugheit beginnt bekanntlich dort, wo Begeisterung von Nüchternheit begleitet wird. Wenn Europa in Bevölkerungsfragen faktisch Gestaltungsspielräume mitverhandelt, sollte es zumindest präzise wissen, warum – und zu welchem Preis.

Souveränität wird selten dramatisch aufgegeben; sie wird meist schrittweise verdünnt, verdampft in einer Mischung aus Pragmatismus und Zeitdruck. Man macht Zugeständnisse, weil sie kurzfristig sinnvoll erscheinen, und bemerkt erst später, dass sie langfristige Pfadabhängigkeiten erzeugen. Der Witz an der Geschichte ist, dass niemand dabei böse Absichten haben muss. Es genügt schon, wenn alle Beteiligten überzeugt sind, gerade besonders vernünftig zu handeln.

Die ehrliche Frage, die man nicht wegmoderieren kann

Am Ende bleibt eine Frage, die sich nicht dauerhaft in Pressemitteilungen einwickeln lässt: Wer profitiert langfristig – und wer trägt die Anpassungskosten? Handelsabkommen sind keine moralischen Veranstaltungen; sie sind Interessenpolitik in Vertragsform. Genau deshalb verdienen sie eine Debatte, die erwachsen genug ist, Zielkonflikte auszuhalten. Man kann für mehr Offenheit sein und dennoch über Belastungsgrenzen sprechen. Man kann Migration als Chance begreifen und trotzdem nach Steuerung verlangen. Widerspruch ist kein Zeichen von Rückschritt, sondern von politischer Reife.

Vielleicht wäre es also an der Zeit, die „Mutter aller Deals“ nicht nur zu feiern, sondern auch kritisch zu befragen – mit jener gelassenen Skepsis, die reife Gesellschaften auszeichnet. Denn Optimismus ohne Prüfung ist keine Tugend, sondern eher eine Form kollektiver Gutgläubigkeit. Und sollte sich eines Tages herausstellen, dass die sonnigen Prognosen ein wenig zu sonnig waren, wird man sich vermutlich daran erinnern, dass Euphorie ein schlechter Ersatz für Weitsicht ist.

Bis dahin darf Europa sich freuen – aber vielleicht mit einem Auge offen. Nur für den Fall, dass die Mutter aller Deals sich als ziemlich forderndes Familienmitglied entpuppt.

Der Optimismus als Geschäftsmodell

Es gibt Sätze, die klingen wie ein Glückskeks, der versehentlich in einem Vorstandsbüro gelandet ist. „Ein Optimist zu sein ist besser, als recht zu haben“, sagte Albert Bourla (Pfizer CEO) zu Fortune, und irgendwo zwischen Quartalsbericht und Espresso aus der Designermaschine nickten vermutlich mehrere Menschen bedeutungsvoll, als hätten sie gerade eine neue moralische Kategorie entdeckt. Optimismus – das ist schließlich das freundlichste aller Wörter, ein sprachlicher Labradormischling, der niemanden beißt und sich von jedem streicheln lässt. Wer könnte schon gegen Optimismus sein? Pessimisten haben schlechte Haut, Realisten keine Karriere, und Skeptiker werden grundsätzlich nicht zu Galadinners eingeladen. Optimismus hingegen hat Sponsoren.

Doch sobald man den Satz ein wenig länger betrachtet, beginnt er sich zu verhalten wie ein Möbelstück aus zweifelhafter Selbstmontage: Er wackelt. Denn was bedeutet es eigentlich, wenn es besser sein soll, optimistisch zu sein, als recht zu haben? Ist Wahrheit jetzt nur noch eine optionale Funktion, wie Sitzheizung im Firmenwagen? Man stellt sich unwillkürlich eine Welt vor, in der Brückeningenieure erklären: „Natürlich hätte die Statik genauer sein können, aber ich bin ein Optimist.“ Oder Piloten verkünden: „Die Landebahn ist zwar kurz, aber denken wir positiv.“ Optimismus ist eine hervorragende Haltung – solange er nicht als Ersatz für Verantwortung missverstanden wird. Und genau an dieser Stelle beginnt die feine, leicht metallisch schmeckende Ironie des modernen Fortschritts.

Die Rhetorik der Zuversicht

Optimismus hat in großen Organisationen eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Früher sprach man von Risikobewertung, heute von Chancen. Früher gab es Nebenwirkungen, heute „Profile“. Früher Zweifel, heute Narrative. Sprache ist schließlich das eleganteste Beruhigungsmittel der Zivilisation; sie wirkt sofort und kostet vergleichsweise wenig in der Herstellung. Wenn ein Spitzenmanager von Optimismus spricht, klingt das selten nach naiver Weltfremdheit, sondern eher nach strategischer Zuversicht – jener hochtrainierten Fähigkeit, auch dann noch in den Sonnenaufgang zu blicken, wenn hinter einem gerade jemand hektisch die Rauchmelder deaktiviert.

Natürlich wäre es intellektuell unredlich, die enorme Bedeutung moderner Medizin zu ignorieren. Pharmaunternehmen haben Krankheiten zurückgedrängt, Leben verlängert und das menschliche Dasein in vielen Bereichen weniger unerquicklich gemacht. Gleichzeitig existiert eine lange, komplexe Geschichte öffentlicher Debatten über Studien, Preise, Transparenz, Haftung und Vertrauen. Wer glaubt, diese Spannungen ließen sich mit einem freundlichen Lächeln und dem Wort „Optimismus“ auflösen, verwechselt Kommunikation mit Katharsis. Vertrauen entsteht nicht durch gute Laune, sondern durch nachvollziehbares Handeln – ein Detail, das in der Euphorie der PowerPoint-Folien gern in Schriftgröße sieben verschwindet.

Das kleine Problem mit der Wirklichkeit

Die Wirklichkeit besitzt die unerquicklichste aller Eigenschaften: Sie lässt sich nicht dauerhaft motivieren. Man kann sie framen, moderieren, moderat umformulieren – aber am Ende besteht sie darauf, überprüfbar zu sein. Gerade in Fragen von Gesundheit und Sicherheit ist „recht haben“ keine pedantische Marotte von Statistikliebhabern, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Menschen interessieren sich erfahrungsgemäß weniger für die emotionale Haltung hinter einer Entscheidung als für deren Folgen. Optimismus tröstet schlecht, wenn er sich im Nachhinein als zu rosarot herausstellt.

Und doch wäre es zu einfach, den Satz nur als zynische Selbstentlarvung zu lesen. Vielleicht steckt darin auch ein unbeholfener Versuch, Führung als Akt des Vorwärtsdenkens zu definieren. Wer große Organisationen lenkt, kann nicht jeden Morgen mit existenzieller Verzagtheit beginnen; Fortschritt verlangt eine gewisse geistige Kühnheit. Aber Kühnheit ohne Demut wird schnell zur Pose. Der Unterschied zwischen visionär und leichtsinnig ist oft erst im Rückspiegel erkennbar – und der Rückspiegel ist bekanntlich das einzige Bauteil, das Manager ungern konsultieren, wenn der Aktienkurs gerade freundlich winkt.

Der Markt der Gefühle

Wir leben in einer Epoche, in der selbst Emotionen betriebswirtschaftlich klingen. Resilienz, Agilität, Zuversicht – alles Wörter, die sich hervorragend in Jahresberichte einfügen. Optimismus ist dabei besonders attraktiv, weil er keinerlei Widerstand erzeugt. Wer gegen Optimismus argumentiert, wirkt sofort wie jemand, der Kindergeburtstage verbietet und bei Regen absichtlich langsam fährt. Doch gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick: Optimismus darf kein rhetorischer Airbag sein, der immer dann ausgelöst wird, wenn kritische Fragen auftauchen.

Denn die Öffentlichkeit hat ein erstaunlich gutes Gedächtnis für Diskrepanzen zwischen Versprechen und Erfahrung. Sie verlangt keine Unfehlbarkeit – eine zutiefst menschliche Schwäche –, wohl aber Lernfähigkeit. Unternehmen, die Fehler eingestehen, wirken paradoxerweise glaubwürdiger als jene, die ausschließlich von Zukunft sprechen. Vielleicht wäre also nicht Optimismus das bessere Gegenstück zur Wahrheit, sondern Besonnenheit. Oder, altmodisch formuliert: Verantwortungsbewusstsein. Ein Wort, das leider nie den Glamour von Optimismus erreicht hat und sich auf Konferenzen ungefähr so gut verkauft wie lauwarmes Mineralwasser.

Zwischen Hoffnung und Hybris

Am Ende bleibt die Frage, ob Optimismus eine Tugend oder ein Temperament ist. Als Tugend verlangt er Selbstbegrenzung; als Temperament kennt er keine. Die moderne Führungskultur schwankt gern zwischen beiden, wie ein Pendel, das von der Begeisterung für Innovation zur Ehrfurcht vor ihren Konsequenzen schwingt. Vielleicht wäre der klügste Optimismus jener, der seine eigenen Irrtümer mitdenkt – eine Zuversicht, die nicht behauptet, immer recht zu haben, sondern bereit ist, es herauszufinden.

Und so könnte man den berühmten Satz mit einem leichten Lächeln neu lesen: Nicht als Freibrief für Wunschdenken, sondern als Einladung, Hoffnung und Genauigkeit miteinander zu versöhnen. Denn eine Gesellschaft, die sich zwischen Optimismus und Wahrheit entscheiden müsste, hätte bereits verloren. Das eigentlich Zivilisatorische besteht darin, beides zu verlangen: den Mut, nach vorn zu schauen, und die Redlichkeit, zurückzublicken. Optimismus ist wunderbar – solange er nicht dort endet, wo Nachfragen beginnen. Oder, weniger höflich gesagt: Gute Laune ersetzt keine Gewissenhaftigkeit, und die Zukunft lässt sich beeindruckend schwer durch positive Einstellung allein stabilisieren.

Im Amt für digitale Sittenfragen

Stellen wir uns also den Schalterraum der Zukunft vor: Neonlicht, Nummernautomat, eine Topfpflanze im existenziellen Endstadium, und hinter Panzerglas sitzt die Sachbearbeiterin für Weltanschauungsangelegenheiten. „Einmal Personalausweis und Internetführerschein, bitte“, säuselt sie mit der routinierten Milde einer Zahnärztin kurz vor dem Bohren. Wer ins Netz will, zieht eine Nummer, legt den Ausweis vor und absolviert eine kleine Prüfung: Unterschied zwischen Ironie und Beleidigung, Multiple Choice zur Verfassungsordnung, ein Lückentext zu Netiquette und Staatsräson. Wer durchfällt, darf vorerst nur Katzenvideos kommentarlos konsumieren. Wer besteht, erhält 10 Gigabyte Meinungsvolumen im Monat, danach wird nachberechnet. Willkommen im wohlsortierten Schrebergarten der Diskurskultur, wo jede Hecke auf Normhöhe geschnitten ist und die Gartenzwerge Datenschutzrichtlinien zitieren.

Die Idee einer Klarnamenpflicht wird dabei gern als digitales Äquivalent zur guten Stube verkauft: Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten, heißt es mit jener treuherzigen Logik, die schon immer dann Konjunktur hatte, wenn Freiheit als Renovierungsfall galt. Das Internet, so die Erzählung, sei zu lange ein wilder Jahrmarkt gewesen, ein Basar der Eitelkeiten, ein Debattierclub mit sehr niedriger Türschwelle. Nun müsse endlich Ordnung her, Licht in die dunklen Ecken, Namensschilder an jede Meinung. Als sei das Problem der Welt je die Anonymität gewesen und nicht vielmehr die sehr real existierende Dummheit, Bosheit und gelegentliche Menschenfeindlichkeit – Eigenschaften, die bekanntlich auch unter Klarnamen prächtig gedeihen.

Der große Marktplatz und seine Hausordnung

Das Internet wurde oft als Marktplatz der Ideen beschrieben. Ein schönes Bild, nur dass Marktplätze historisch betrachtet auch Orte des Geschreis, der Scharlatane, der Taschendiebe und der fliegenden Händler waren. Niemand wäre auf die Idee gekommen, den mittelalterlichen Markt zu retten, indem man jedem Besucher seinen bürgerlichen Namen auf die Stirn tätowiert. Man regelte Betrug, ahndete konkrete Vergehen und ließ ansonsten das bunte Treiben zu – in dem Bewusstsein, dass Freiheit immer auch das Recht einschließt, Unsinn zu reden.

Die Klarnamenpflicht verspricht dagegen eine hygienisch einwandfreie Diskurszone: keine Trolle, keine Hetze, nur noch verantwortungsvolle Bürger im gepflegten Meinungskostüm. Das Problem ist nur: Der Troll trägt längst Sakko, hat Visitenkarten und kandidiert gelegentlich für irgendetwas. Die größten Entgleisungen der Geschichte wurden selten anonym begangen; sie wurden unterschrieben, gestempelt und archiviert. Der Name macht die Aussage nicht wahrer, nicht klüger und schon gar nicht moralischer. Er macht sie nur leichter zuzuordnen – für Arbeitgeber, Nachbarn, politische Gegner und alle, die gern Listen führen.

Privatsphäre als lästiger Anachronismus

Privatsphäre wirkt in diesen Debatten oft wie ein nostalgisches Hobby, vergleichbar mit Briefmarkensammeln oder dem Glauben an Faxgeräte. Dabei ist sie kein Luxus, sondern eine zivilisatorische Errungenschaft: der Raum, in dem Menschen denken, zweifeln, ausprobieren können, ohne dass jeder Gedanke sofort mit dem bürgerlichen Leben verrechnet wird. Wer jede Äußerung untrennbar an die reale Identität koppelt, verwandelt den öffentlichen Diskurs in ein Hochrisikogebiet. Meinung wird dann zur Investition mit möglichem Karriereverlust, sozialer Ächtung oder digitalem Pranger als Rendite.

Gerade für Whistleblower, politische Dissidenten, Minderheiten oder schlicht Unangepasste ist Pseudonymität kein Spielzeug, sondern Schutzkleidung. Die Vorstellung, man könne Meinungsfreiheit stärken, indem man die Schutzschilde entfernt, hat etwas von einem Regenschirmverbot zur Förderung der Wetterhärte. Gewiss, auch unter dem Schirm treiben manche Unfug – aber die Lösung kann schwerlich darin bestehen, alle in den Sturm zu stellen.

Der Traum vom sanktionierbaren Bürger

Hinter der Sehnsucht nach Klarnamen schimmert oft ein sehr menschlicher Wunsch: der nach Sanktionierbarkeit. Endlich greifbar sollen sie sein, die Nervensägen, Provokateure und Dauerempörten. Endlich Abmahnungen mit Zustellnachweis statt wütender Ohnmacht vor dem Bildschirm. Der Rechtsstaat, so die Hoffnung, möge bitte bis in die Kommentarspalte hinein verlängert werden, am besten mit Durchwahl.

Doch wo Sanktionierung leicht wird, wird sie auch verlockend. Die Schwelle sinkt, die Grauzonen werden enger, der Konformitätsdruck steigt. Was heute als Maßnahme gegen Hass verkauft wird, kann morgen als Werkzeug gegen scharfe Kritik dienen. Der Unterschied zwischen „Hassrede“ und „unerwünschter Rede“ ist in der Theorie klar, in der Praxis aber oft eine Frage von Macht, Kontext und Zeitgeist. Gesetze bleiben, Mehrheiten wechseln.

Der Internetführerschein als pädagogische Utopie

Der Internetführerschein klingt zunächst charmant: ein bisschen Medienkompetenz, ein bisschen Ethik, ein paar Lektionen in Quellenkritik – wer wollte das nicht? Nur zeigt die Erfahrung mit realen Führerscheinen: Sie verhindern weder Raserei noch Dummheit, sondern setzen Mindeststandards. Und selbst die werden kreativ umfahren. Der Mensch besteht Prüfungen und bleibt doch Mensch, mit Vorurteilen, Emotionen und gelegentlicher Lust am verbalen Ausrutscher.

Die eigentliche Medienkompetenz entsteht nicht durch bürokratische Zertifikate, sondern durch Bildung, offene Debattenkultur und die Fähigkeit, Widerspruch auszuhalten. Ein Netz, das nur noch von lizenzierten Meinungsführern bevölkert wird, wäre vielleicht höflicher, aber auch ärmer, langweiliger und gefährlich homogen. Demokratie ist kein Elitenprojekt mit Zugangscode.

Epilog im Wartebereich der Zukunft

Am Ende sitzt man wieder im Amt, zieht eine Nummer für die Verlängerung des Internetführerscheins und fragt sich, wann genau aus dem wilden, nervigen, inspirierenden Netz ein digitaler Kurort wurde, in dem nur noch flüsternd diskutiert wird. Vielleicht merkt man dann, dass Freiheit nie bequem war und Anonymität nie nur Fluch, sondern auch Schutzraum, Labor und Ventil.

Die satirische Pointe liegt darin, dass ausgerechnet jene Gesellschaften, die sich ihrer Freiheit rühmen, regelmäßig versuchen, sie zu optimieren, zu ordnen, zu verwalten – bis sie so handlich ist, dass sie niemandem mehr wehtut. Doch eine Freiheit, die niemanden stört, ist meist keine mehr, sondern Dekoration.

Und so bleibt die augenzwinkernde Hoffnung, dass der digitale Marktplatz ein Marktplatz bleibt: laut, manchmal unerquicklich, oft klug, gelegentlich unerquicklich klug – aber offen. Mit Menschen, die Verantwortung tragen, ja, aber auch mit dem Recht, nicht jede Meinung sofort mit dem Melderegister zu verheiraten. Denn zwischen Anarchie und Amtsstube gibt es noch einen Raum namens mündige Gesellschaft. Man muss ihn nur aushalten wollen.

Die ewige Leihgabe der Vergangenheit

Die Vergangenheit ist ein Bankautomat, der nie leer zu werden scheint: Man schiebt die eigene Gegenwartskarte hinein, tippt den PIN-Code der moralischen Empörung, und schon spuckt der Schlitz historische Vergleiche aus, geschniegelt, dramatisch beleuchtet und garantiert maximal aufgeladen. Kaum ein Kapitel wird dabei so gern geplündert wie das dunkelste des 20. Jahrhunderts. Es ist die moralische Hartwährung unserer Zeit: der Holocaust als rhetorischer Goldstandard. Wer ihn zitiert, so die unausgesprochene Hoffnung, spricht nicht mehr nur – er richtet. Doch wie jede Währung leidet auch diese unter Inflation. Je häufiger sie in Debatten geworfen wird, desto weniger kauft sie Erkenntnis und desto mehr nur noch Applaus der eigenen Kurve. Das Gedenken, einst still und schwer, wird zur Requisite im politischen Improvisationstheater, und die Souffleuse heißt Schlagzeile.

Anne Frank als rhetorische Universaladapterin

Anne Frank, dieses Mädchen mit Tagebuch, Hoffnung und einem Leben, das von industrieller Menschenverachtung ausgelöscht wurde, ist in der politischen Gegenwart zu einer Art Universaladapter geworden: Man kann sie offenbar an jedes aktuelle Anliegen anschließen, und irgendwo leuchtet dann eine moralische Lampe. Mal dient sie als Symbol reiner Opferunschuld, mal als Projektionsfläche für heutige Konflikte, mal gar als popkulturell verfremdete Ikone in künstlerischen Kontexten, die Provokation mit Tiefgang verwechseln. Das Problem ist nicht, dass Geschichte berührt – das soll sie. Das Problem ist die gedankenlose Gleichsetzung ungleicher Dinge. Wer jedes Leid sofort mit dem größten Verbrechen kurzschließt, betreibt keine Erinnerungskultur, sondern Erinnerungskarikatur. Der Unterschied zwischen Verfolgung zur Vernichtung und der Härte moderner Migrationspolitik ist kein Detail, sondern die ganze Pointe. Geschichte erklärt, sie ersetzt nicht das Denken.

Die bequeme Moralkeule

Der Holocaust-Vergleich ist die moralische Atombombe der Debatte: einmal gezündet, bleibt kein Raum mehr für Proportionen. Plötzlich ist jede restriktive Einwanderungspolitik der Vorhof der Barbarei, jede Behörde ein Schatten vergangener Schreckensapparate, jede Grenzdebatte ein Menetekel. Das verschafft Rednern kurzfristig moralische Höhe, aber es flacht die Landschaft der Argumente ein. Denn wenn alles „wie 1933“ ist, ist am Ende nichts mehr erklärungsbedürftig – und genau das ist bequem. Komplexe Zielkonflikte zwischen Humanität, Rechtsstaat, staatlicher Handlungsfähigkeit und gesellschaftlicher Belastbarkeit lassen sich dann mit einem historischen Analogiezaubertrick wegmoderieren. Das Publikum staunt, die eigene Seite klatscht, und die Wirklichkeit bleibt unbeeindruckt stehen wie ein Möbelstück, über das man im Eifer stolpert.

Transatlantische Echokammern

Auffällig ist, wie international synchron diese Rhetorik geworden ist. Als hätte sich eine unsichtbare Dramaturgie verabredet, greifen Debatten in verschiedenen Ländern zu denselben historischen Requisiten. Der Nationalsozialismus fungiert als global verständliche Metapher für das absolut Böse – und wird gerade dadurch zur leichtfertig genutzten Vokabel. Wer Institutionen der Gegenwart vorschnell in die Nähe von SS oder SA rückt, mag maximale Alarmbereitschaft erzeugen, aber er minimiert die historische Singularität jener Verbrechen. Das ist kein Dienst an der Demokratie, sondern eine Art moralischer Clickbait: grell, wirksam, aber inhaltlich dünn. Geschichte wird zur Sirene, die immer heult – bis keiner mehr hinhört, wenn es wirklich brennt.

Die paradoxe Entwertung des Gedenkens

Das eigentlich Bittere ist die Ironie: Ausgerechnet jene, die mit den größten historischen Vergleichen moralische Sensibilität demonstrieren wollen, tragen zur Abstumpfung bei. Wenn jede politische Auseinandersetzung mit den extremsten Analogien aufgeladen wird, stumpfen Maßstäbe ab. Das Gedenken verliert seine Gravitation, weil es ständig in Umlauf ist. Erinnerung aber braucht Kontext, Genauigkeit, Demut. Sie ist kein Schweizer Taschenmesser für Gegenwartsrhetorik. Wer sie dennoch so benutzt, betreibt eine Art moralisches Recycling – mit dem Ergebnis, dass am Ende nur noch die Verpackung glänzt, nicht der Inhalt.

Ein Plädoyer für historische Nüchternheit mit Herz

Man kann Migrationspolitik hart oder human, falsch oder richtig finden. Man kann Abschiebungen kritisieren, Gesetze ändern wollen, für offene oder strengere Regeln plädieren. All das gehört zur Demokratie. Doch die Qualität dieser Debatte steigt nicht dadurch, dass man sie an die extremsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte ankettet. Im Gegenteil: Wer die Singularität des Holocaust ernst nimmt, sollte ihn nicht zur Allzweckmetapher machen. Die Würde der Opfer verlangt Präzision, nicht Pathosautomatismus. Vielleicht wäre die reifere Form der Erinnerung die, die nicht bei jeder Gelegenheit „Nie wieder!“ ruft, sondern im richtigen Moment leise sagt: „Damals war anders – und gerade deshalb müssen wir heute genau hinschauen.“

Und so bleibt als satirische Pointe ein ernster Wunsch: Möge die Geschichte weniger als Keule und mehr als Kompass dienen. Keulen schwingen schnell, Kompasse zwingen zum Nachdenken. Und Denken – das ist bekanntlich die einzige historische Lehre, die nie an Aktualität verliert.

Willkommen in der woken Apartheid

Man betritt den Campus, jenen ehrwürdigen Ort der Aufklärung, und wähnt sich noch immer im Geiste Humboldts, wo Bildung die Fesseln der Herkunft sprengen und das Argument mehr zählen sollte als die Abstammung. Doch plötzlich hängt am digitalen Schwarzen Brett der neuen Zeit ein Schild, unsichtbar und doch wirksam: Zutritt nur für die richtig Zugeordneten. Die Universität, einst eine Maschine zur Universalisierung des Denkens, entdeckt die Segnungen der Segmentierung. Nicht mehr Was denkst du? ist die Frage, sondern wer darf wo denken? – und vor allem: mit wem, und unter Ausschluss welcher Melaninwerte.

Die Ironie dabei ist so dick aufgetragen, dass man sie mit dem Mensalöffel schneiden könnte: Ausgerechnet im Namen des Antirassismus wird wieder sortiert, getrennt, kategorisiert. Natürlich geschieht dies nicht plump biologisch, bewahre, sondern fein sozialkonstruktivistisch veredelt. Man trennt nicht Menschen, man trennt „Erfahrungsräume“. Man schließt nicht aus, man „schafft sichere Räume“. Die Sprache ist das Duftspray, das den alten Geruch der Diskriminierung überparfümiert. Der Türsteher der Zukunft trägt kein Maßband für Nasenlängen, sondern ein Glossar aus den Cultural Studies.

Die hohe Kunst der wohlmeinenden Ausgrenzung

Es gehört zu den Meisterleistungen moderner Moralarchitektur, dass man Ausschluss als Fürsorge verkaufen kann. Früher war Diskriminierung das schmutzige Geschäft derer, die glaubten, Menschen seien aufgrund ihrer Herkunft weniger wert. Heute ist sie das pädagogische Projekt jener, die glauben, Menschen seien aufgrund ihrer Herkunft so besonders, so verletzlich, so anders, dass man sie besser voneinander trennt. Das Ergebnis sieht von außen verblüffend ähnlich aus, aber die Gesinnung ist selbstverständlich eine andere – und Gesinnung, so lernt man, ist alles.

Der aufgeklärte Student von heute lernt also: Gleichheit ist gut, aber nicht immer; Trennung ist schlecht, aber manchmal heilsam; Hautfarbe ist irrelevant, außer wenn sie hochrelevant ist. Es ist ein dialektisches Ballett, bei dem man gleichzeitig behauptet, Kategorien seien soziale Konstrukte, und sie dann mit administrativer Präzision anwendet. Man könnte fast meinen, der Mensch sei weniger Individuum als wandelnde Schnittstelle verschiedener Identitätscluster, deren Zutrittsrechte situativ freigeschaltet werden.

Der Campus als moralisches Escape Room

Der universitäre Raum verwandelt sich damit in eine Art moralischen Escape Room. Überall Hinweise, Regeln, Codes: Wer darf sprechen? Wer sollte zuhören? Wer muss schweigen? Wer ist betroffen? Wer ist privilegiert? Der Weg zur richtigen Tür führt nicht mehr über Neugier, sondern über Selbstverortung im Koordinatensystem aus Schuld und Betroffenheit. Und wehe dem, der den falschen Raum betritt – nicht aus Bosheit, sondern aus schlichter Unwissenheit. Er findet sich schneller in einem sozialen Verhör wieder als in einer Vorlesung.

Das Tragikomische ist, dass diese neue Ordnung aus einem durchaus nachvollziehbaren Impuls erwächst: dem Wunsch, historische und gegenwärtige Ungleichheiten ernst zu nehmen. Doch wie so oft in der Ideengeschichte kippt ein legitimes Anliegen ins Karikaturhafte, wenn es absolut gesetzt wird. Dann wird aus Sensibilität eine Überempfindlichkeit und aus Gerechtigkeit eine ritualisierte Zuteilung von Rede- und Schweigerechten nach Gruppenetikett.

Die Rückkehr der Schubladen

Man hatte geglaubt, die großen Emanzipationsbewegungen hätten die starren Schubladen des 19. und 20. Jahrhunderts zumindest gelockert. Der Traum war doch, dass Hautfarbe eines Tages so langweilig würde wie Augenfarbe. Nun erlebt die Schublade ein Comeback, diesmal im Designerlook. Sie heißt nicht mehr „Rasse“, sondern „Positioniertheit“, nicht mehr „Trennung“, sondern „Safer Space“. Doch sie bleibt eine Schublade: Sie sagt dir vorab, was du wahrscheinlich erlebt hast, was du fühlen dürftest und wo dein Platz im Gespräch ist.

Der satirische Beobachter kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier eine Generation, die zu Recht gegen plumpe Vorurteile erzogen wurde, nun beginnt, hochkomplexe Vorurteile 2.0 zu kultivieren – theoretisch unterfüttert, sprachlich geschniegelt, moralisch aufgeladen. Das Vorurteil sagt nicht mehr: „Du bist so, weil…“, sondern: „Deine Perspektive ist begrenzt, weil…“ – was höflicher klingt, aber ebenfalls vorsortiert.

Augenzwinkern im Identitätslabyrinth

Und doch wäre es zu einfach, nur den moralischen Zeigefinger zu heben. Die ganze Szenerie hat auch etwas zutiefst Menschliches, ja Rührendes. Junge Menschen ringen ernsthaft darum, eine gerechtere Welt zu bauen, und greifen dabei zu Werkzeugen, die manchmal mehr mit symbolischer Hygiene als mit praktischer Verbesserung zu tun haben. Man will niemanden verletzen, niemanden übergehen, niemanden unsichtbar machen – und produziert dabei neue Unsichtbarkeiten und neue stille Frustrationen.

Vielleicht ist das die ewige Komödie des Fortschritts: Jede Generation entdeckt die Ungerechtigkeiten der vorherigen und erfindet mit großem Ernst neue, subtilere Varianten. Die Universität bleibt dabei, trotz allem, ein Labor – nicht nur für Erkenntnis, sondern auch für Irrtümer. Und Irrtümer, so unerquicklich sie im Moment sein mögen, sind immerhin demokratischer als Dogmen.

Am Ende könnte die leise Hoffnung stehen, dass der Pendel auch wieder zurückschwingt: zu einem Universalismus, der Unterschiede anerkennt, ohne Menschen darauf zu reduzieren; zu einem Antirassismus, der ohne neue Rassifizierung auskommt; zu einem Campus, auf dem die spannendste Frage wieder ist, was jemand zu sagen hat, nicht als wer er spricht. Bis dahin aber bleibt dem Feuilletonisten nur, das Schauspiel mit spitzer Feder zu begleiten – und sich zu wundern, wie erfinderisch der Mensch darin ist, sich selbst in Kategorien einzusperren, während er lautstark von Befreiung spricht.

Die heilige Kuh namens Bodenständigkeit

Österreich ist ein Land, in dem selbst die Maulwürfe eine Bauverhandlung einreichen würden, bevor sie einen Hügel aufwerfen. Wenn irgendwo zwischen Marchfeld und Alpenrand eine Schraube in den Boden gedreht wird, dann nicht ohne drei Gutachten, vier Bürgerinitiativen und fünf Stammtische, die alle unabhängig voneinander zu dem Schluss kommen, dass man das „eh schon immer so gemacht hat oder eben nicht gemacht hat und das wird schon seinen Grund haben“. Fracking passt in dieses kulturelle Biotop ungefähr so gut wie ein Presslufthammer in ein Streichquartett von Mozart. Nicht, weil es technisch unmöglich wäre, sondern weil es mental und emotional in einem Land mit tiefem Misstrauen gegenüber allem Lauten, Schnellen und Amerikanischen schlicht keinen Heimvorteil hat.

Fracking ist laut, groß, industriell, mit Flammen, Trucks und dem Duft von Chemie – also das exakte Gegenteil des österreichischen Selbstbilds vom sanften Tourismusland, wo sogar Kühe eine persönliche Beziehung zum Wanderer pflegen. Die nationale Marke lautet: Berge, Seen, Wein und Weltkulturerbe, nicht Bohrtürme, Lagerstättenwasser und seismische Messungen. Wer hier mit „Energy Independence“ argumentiert, bekommt als Antwort ein mildes Lächeln und den Hinweis, dass man Unabhängigkeit in Österreich traditionell eher durch Wasserkraftwerke und Photovoltaik am Scheunendach demonstriert – und durch die Fähigkeit, aus wenig viel Fördergeld zu machen.

Das Weinviertel als Bühne der leisen Widersprüche

Und doch: Seit rund 30 Jahren wird im Weinviertel Gas gefördert. Konventionell. Leise. Fast höflich. Die Fördertürme stehen nicht wie martialische Monumente da, sondern wirken eher wie technische Garteninstallationen für Fortgeschrittene. Man kann in der Nähe spazieren gehen, ohne dass der Hund eine existenzielle Krise bekommt. Das ist die österreichische Version von Energiegewinnung: präsent, aber diskret, wie ein gut verdienender Onkel, über dessen Einkommen man nicht spricht, dessen Geschenke man aber gern annimmt.

Hier liegt der eigentliche satirische Kern: Gas ja, aber bitte so, dass es niemanden beunruhigt. Man möchte die Wärme im Winter, aber nicht das Gefühl, in Texas zu leben. Konventionelle Förderung hat den Vorteil, dass sie alt genug ist, um als „normal“ durchzugehen. Sie ist das Schnitzel unter den Fördermethoden: nicht zwingend modern, aber kulturell akzeptiert. Fracking hingegen ist das molekulare Schäumchen der Energiewelt – technisch interessant, aber vielen suspekt und sicher nichts für die Großmutter.

Die Geologie als Ausrede und die Moral als Hauptdarstellerin

Natürlich gibt es auch geologische Argumente: Lagerstätten, Gestein, Wirtschaftlichkeit. Aber seien wir ehrlich – in Österreich gewinnen moralische Narrative jede Debatte haushoch gegen geologische Gutachten. Wenn ein Verfahren den Ruf hat, Grundwasser zu gefährden, Mini-Erdbeben auszulösen oder Landschaften zu industrialisieren, dann ist die öffentliche Meinung schneller gefestigt als ein Drei-Gänge-Menü beim Heurigen.

Fracking leidet unter seinem internationalen Image. Dokumentationen mit brennendem Leitungswasser haben sich tiefer ins kollektive Gedächtnis eingebrannt als jede nüchterne Studie. Ob alles davon repräsentativ ist, wird zur Nebensache; in der öffentlichen Wahrnehmung reicht das Bild. Österreich ist ein Land, das AKWs ablehnte, bevor eines in Betrieb ging – präventive Skepsis ist hier keine Haltung, sondern Kulturerbe. Fracking hatte also nie eine echte Chance, sondern maximal eine Anhörung.

Föderalismus, das große Verlangsamungsgerät

Selbst wenn man wollte: Der österreichische Föderalismus ist ein Meisterwerk der Entschleunigung. Zwischen Bund, Ländern, Gemeinden, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Raumordnungsplänen kann ein Projekt so lange reifen, bis es entweder technologisch überholt oder politisch ungenießbar ist. Fracking braucht Geschwindigkeit, Investitionssicherheit und klare Rahmenbedingungen. Österreich bietet dafür eher eine mehrjährige Diskussionsrunde mit Kaffee und Protokoll.

Das ist nicht nur negativ. Es verhindert auch manche Dummheit. Aber es sorgt eben dafür, dass riskantere, umstrittene Technologien selten den Durchbruch schaffen. Während anderswo Probebohrungen beginnen, beginnt hier erst die Debatte über den Debattenleitfaden.

Die Energiewende als neue Identitätserzählung

Hinzu kommt: Österreich hat sich emotional bereits in die Energiewende verliebt. Wasserkraft ist der alte, verlässliche Partner, Windkraft der etwas umstrittene, aber attraktive Neue, und Photovoltaik das hippe Start-up auf jedem Dach. In dieser Beziehungskonstellation wirkt Fracking wie ein toxischer Ex, der plötzlich wieder anruft und „Versorgungssicherheit“ flüstert.

Politisch verkauft sich die Vision von 100 % erneuerbarem Strom schlicht besser als die differenzierte Botschaft „ein bisschen mehr heimisches Gas durch umstrittene Methoden“. Die Wählerschaft reagiert auf Alpenglühen romantischer als auf Bohrkerne.

Die Ironie der importierten Reinheit

Die größte Pointe liegt allerdings woanders: Österreich importiert selbstverständlich Gas – auch aus Ländern, in denen Fracking oder ökologisch fragwürdige Förderung keine Seltenheit sind. Man hält die eigene Landschaft sauber und verlagert die schmutzigeren Kapitel der Wertschöpfungskette elegant über die Grenze. Moralisch fühlt sich das besser an, auch wenn die Moleküle am Ende dieselben sind.

Das ist kein rein österreichisches Phänomen, aber hier wird es mit besonderer ästhetischer Konsequenz betrieben. Man möchte Nachhaltigkeit nicht nur leben, sondern auch sehen können – idealerweise beim Blick über Weingärten im Abendlicht. Ein Bohrplatz stört dieses Bild, selbst wenn er ökonomisch sinnvoll wäre.

Schluss mit Augenzwinkern

Warum also kein Fracking in Österreich? Weil Länder nicht nur aus Gesteinsschichten bestehen, sondern aus Mentalitätsschichten. Weil Energiepolitik hier immer auch Landschaftspolitik, Tourismuspolitik und Identitätspolitik ist. Weil man gelernt hat, dass technisches Können nicht automatisch gesellschaftliche Akzeptanz bedeutet. Und weil ein Land, das stolz auf seine Trinkwasserqualität ist, lieber zehn Studien zu viel liest als eine Bohrung zu viel setzt.

Und so fördert das Weinviertel weiter sein konventionelles Gas, leise, effizient, beinahe unsichtbar – während Fracking draußen bleibt wie ein Gast, der zwar eingeladen war, aber beim Dresscode „bodenständig mit Aussicht auf Wein“ einfach overdressed erschien.

Die große Kunst der Unverbindlichkeit

Es gibt in der Politik eine selten gewürdigte Hochdisziplin: das entschlossene Herumlavieren mit staatsmännischer Miene. Man stellt Fragen, deren Antworten man angeblich ganz dem Souverän überlassen will, während man insgeheim bereits die Pressekonferenz zur „alternativlosen Umsetzung“ vorbereitet. Die Volksbefragung ist dabei das politisch-administrative Äquivalent zum Probeabo: Man tut so, als sei alles offen, aber das Kleingedruckte verrät, dass sich der Vertrag automatisch verlängert. Warum also eine unverbindliche Volksbefragung zum Wehrdienst, wenn man – Hand aufs Herz und Umfragewerte – ohnehin verspricht, sich daran zu halten? Das ist ungefähr so, als würde man vor der Hochzeit betonen, die Verlobung sei völlig unverbindlich, während schon die Band für die Feier gebucht ist.

Die offizielle Begründung lautet meist „Stimmungsbild“ – ein Wort, das klingt, als würde man Aquarelle malen, während es in Wahrheit um Machtarithmetik geht. Eine verbindliche Volksabstimmung hingegen wäre der Moment, in dem das Volk nicht nur Statist im demokratischen Theater ist, sondern Regisseur. Und Regisseure sind bekanntlich unbequem: Sie könnten das Drehbuch umschreiben. Die unverbindliche Befragung ist daher die politisch elegante Form des Datings ohne Beziehungsstatus: Man hört zu, nickt verständnisvoll, und am Ende entscheidet man „nach Abwägung aller Faktoren“ – also der eigenen. Das Volk darf reden, die Regierung interpretiert. Hermeneutik als Herrschaftstechnik.

Demokratie als Escape Room

Man gewinnt bisweilen den Eindruck, moderne Demokratien hätten die direkte Mitsprache als eine Art Escape Room konzipiert: Das Volk darf mitspielen, aber bitte nur in Rätseln, deren Lösung vorher geprüft wurde. Eine verbindliche Abstimmung ist riskant – sie könnte ein Ergebnis liefern, das nicht zur Regierungslogik, Koalitionsräson oder zum nächsten Leitartikel passt. Also baut man Sicherheitsgeländer ein, nennt sie „Konsultation“, „Dialogprozess“ oder „Beteiligungsformat“. Das klingt nach Bürgernähe, ist aber oft Bürgerferne in freundlicher Verpackung.

Der Clou: Sollte das Ergebnis genehm sein, wird es als Triumph der Demokratie gefeiert. Ist es unerquicklich, entdeckt man plötzlich die Komplexität der Weltlage, internationale Verpflichtungen, budgetäre Zwänge und den rückläufigen Merkur. Demokratie ja, aber bitte mit pädagogischer Begleitung. Das Volk als Schüler, die Regierung als Direktor – mit dem Recht, die Noten am Ende selbst einzutragen.

Die zarte Furcht vor dem digitalen Pöbel

Kommen wir zur zweiten Frage, die so unerquicklich riecht wie kalter Kaffee im Ministerbüro: die Sorge vor der Meinung des Volkes im Internet. Die Idee, infür jugendliche unter 14 von Social Media fernzuhalten, wird gern mit Jugendschutz garniert. Jugendschutz ist das Petersilienblatt jeder Regulierung: Es macht alles sofort moralisch bekömmlich. Doch der Zyniker fragt sich, warum die moralische Panik vor TikTok-Kommentaren größer scheint als jene vor den weniger jugendfreien Ecken des Netzes. Offenbar ist die falsche Meinung gefährlicher als das falsche Video.

Vielleicht fürchtet man weniger die Inhalte als die Unkontrollierbarkeit. Social Media ist das Wirtshaus der Gegenwart: laut, chaotisch, oft unerquicklich – aber eben auch ein Ort, an dem politische Deutungshoheit zerbröselt. Früher reichten ein paar Leitmedien und Sonntagsreden; heute funkt der Meme dazwischen. Und das Meme kennt keinen Amtsbonus. Es ist die digitale Ohrfeige des kleinen Mannes, verpackt in Humor, und Humor ist bekanntlich die respektloseste Form der Kritik.

Klarnamen, klare Kanten, leere Konten

Die Klarnamenpflicht schließlich wird verkauft wie ein hygienisches Upgrade der Debattenkultur: weniger Hass, mehr Anstand, alles geschniegelt wie beim Parteitag. Gewiss, Anonymität ist ein zweischneidiges Schwert. Doch die Sehnsucht nach dem gläsernen Bürger hat in der Politik eine auffällige Konjunktur. Transparenz ist wunderbar – solange sie die anderen betrifft. Der Bürger soll sichtbar sein wie ein Goldfisch im Aquarium, während politische Entscheidungsprozesse gern im Nebel des „Sachzwangs“ verschwinden.

Und dann schleicht sich, wie ein schlechter Scherz, die Vermutung ein, Klarnamen könnten auch administrativ praktisch sein. Wer klar identifizierbar ist, ist leichter zu sanktionieren, zu sperren, zu entkonten. De-Banking klingt wie ein technischer Vorgang, ist aber sozialer Sauerstoffentzug. Natürlich würde niemand so etwas leichtfertig einsetzen – heißt es. In der Politik ist „natürlich nicht“ allerdings eine Formulierung mit eingebautem Ablaufdatum.

Augenzwinkerndes Fazit eines misstrauischen Optimisten

Vielleicht ist das alles zu böse gedacht. Vielleicht ist die Volksbefragung reine Bürgerliebe, die Social-Media-Regulierung reiner Jugendschutz und die Klarnamenpflicht reiner Diskursetikette geschuldet. Vielleicht. Aber Demokratie lebt vom Recht, auch unfreundliche Fragen zu stellen und hinter freundlichen Formulierungen handfeste Interessen zu vermuten.

Der augenzwinkernde Zyniker in uns flüstert: Regierungen sind keine Verschwörungszirkel, aber auch keine Selbsthilfegruppen für Machtverzicht. Sie handeln strategisch, und Strategie meidet Risiko. Das Volk hingegen ist Risiko in Reinform – widersprüchlich, launisch, unberechenbar. Genau deshalb ist es der Souverän.

Und so bleibt die leise satirische Hoffnung: Dass man dem Volk nicht nur dann vertraut, wenn es richtig liegt, sondern auch dann, wenn es stört. Denn eine Demokratie, die ihr Volk nur dekorativ einbindet, ist am Ende wie eine unverbindliche Befragung: nett gemeint, aber nicht ganz ernst.

Träumen Sie weiter, Herr Präsident

Man muss dem ukrainischen Präsidenten eines lassen: Er beherrscht die hohe Kunst der politischen Wunschformulierung mit einer Eleganz, die irgendwo zwischen TED-Talk, Motivationskalender und Kriegsrhetorik changiert. „Die Ukraine ist nächstes Jahr reif für den EU-Beitritt“, sagt Wolodymyr Selenskyj – und man hört förmlich das leise Klirren der Champagnergläser in Brüssel, während gleichzeitig in den Fluren der Kommission hektisch Taschenrechner gezückt werden. Reif, das ist so ein Wort. Reif wie ein Apfel im Spätsommer? Oder reif wie ein Käse, der schon ein wenig streng riecht, den man aber aus Höflichkeit trotzdem serviert? Europa, dieses alte, überdehnte Buffet der Geschichte, soll also schon im kommenden Jahr einen neuen Gang aufnehmen, obwohl die Küche seit Jahren mit sich selbst beschäftigt ist: Brexit verdauen, Rechtsstaatlichkeitsdebatten kauen, Haushaltslöcher stopfen. Aber bitte, wer wollte einem Präsidenten im Tarnshirt schon widersprechen, wenn er mit ernster Miene und moralischem Hochdruck von „klaren Zeitplänen“ spricht. Ich möchte übrigens auch einen klaren Zeitplan: für eine Welt ohne Inflation, mit funktionierenden Zügen und Politikern, die nicht jedes Problem für eine historische Chance halten. Wir sehen: Wünsche sind grenzenlos.

Der Zeitplan als politische Lyrik

Zeitpläne sind in der EU seit jeher eine Form der Lyrik. Man schreibt sie nicht, um sie einzuhalten, sondern um Hoffnung zu erzeugen – eine Hoffnung, die sich hervorragend für Pressekonferenzen eignet und ebenso hervorragend ignorieren lässt, sobald die Kameras aus sind. Wenn Selenskyj also fordert, die Ukraine müsse „nächstes Jahr“ beitreten können, dann ist das weniger ein administrativer Vorschlag als ein rhetorischer Akt: ein bewusst gesetztes Ausrufezeichen in Richtung Brüssel, Berlin und all jener Hauptstädte, in denen man die Ukraine gern unterstützt, solange diese Unterstützung nicht zu sehr nach konkreten Verpflichtungen riecht. Denn ein EU-Beitritt ist kein Solidaritäts-Emoji, das man schnell verschickt, sondern ein bürokratisches Mammutprojekt, das selbst stabile Staaten jahrelang zermürbt. Wer glaubt, man könne Korruptionsbekämpfung, Justizreformen, Marktintegration und Rechtsangleichung mal eben im Schatten eines laufenden Krieges abhaken, der glaubt vermutlich auch, dass ein PowerPoint-Workshop strukturelle Probleme heilt. Aber vielleicht ist genau das der Trick: In einer Zeit, in der Politik zunehmend aus Erzählungen besteht, reicht es, die richtige Geschichte zu erzählen – die Realität folgt irgendwann oder auch nicht.

Popcorn für alle: Das große Subventionsfeuerwerk

Man reiche mir Popcorn, bitte. Denn sollte die Ukraine tatsächlich in die EU aufgenommen werden, dann erleben wir das wohl spektakulärste Explodieren der Agrarsubventionen seit Einführung der Gemeinsamen Agrarpolitik. Ein Land mit gewaltigen Ackerflächen, industrieller Landwirtschaft und einem Exporthunger, der selbst französische Bauern nervös ihre Traktoren starten lässt, würde den fein austarierten Subventionszirkus der EU in ein politisches Feuerwerk verwandeln. Wer zahlt? Na klar: die EU. Also wir. Und während man in Sonntagsreden von Solidarität spricht, wird unter der Woche in den Haushaltsausschüssen um jeden Euro gerungen, als ginge es um das letzte Stück Kuchen auf einem Kindergeburtstag. Die romantische Vorstellung vom kleinen, tapferen Land, das in die europäische Familie aufgenommen wird, kollidiert hier unsanft mit der nüchternen Realität von Zahlungsströmen, Fördertöpfen und nationalen Egoismen. Solidarität endet bekanntlich dort, wo sie teuer wird – oder wo der eigene Bauer lauter schreit als der ferne Verbündete.

Die stille Hauptrolle des Kapitals

Und während sich die Öffentlichkeit an Fahnen, Hymnen und Beitrittsversprechen klammert, spielt im Hintergrund ein anderer Akteur seine Rolle mit stoischer Gelassenheit: das globale Kapital. BlackRock und Konsorten müssen keine emotionalen Reden halten, sie brauchen keine Zeitpläne und keine Gipfeltreffen. Sie warten. Sie investieren. Sie kassieren. Die EU zahlt, die Wiederaufbauprogramme rollen, die Subventionen fließen – und irgendwo zwischen Brüssel, Kiew und den internationalen Finanzzentren werden Renditen berechnet, die nichts mit Werten, aber viel mit Wertschöpfung zu tun haben. Das ist kein Skandal, das ist System. Doch es ist ein System, das sich gern hinter moralischer Rhetorik versteckt, um weniger unangenehme Fragen zu vermeiden: Wer profitiert langfristig wirklich von einem überstürzten Beitritt? Wer trägt die Risiken? Und wer sitzt am Ende mit der Rechnung da, wenn die große europäische Erzählung wieder einmal auf die harte Wand der ökonomischen Realität trifft?

Europa zwischen Moral und Selbstüberforderung

Vielleicht ist das alles auch einfach typisch europäisch: Man will das Gute, das Richtige, das Historische – und unterschätzt dabei konsequent die eigenen Grenzen. Der Wunsch, die Ukraine möglichst schnell in die EU zu integrieren, entspringt einer ehrbaren moralischen Intuition. Aber Politik, die sich nur von Intuition leiten lässt, endet selten gut. Sie endet in halb fertigen Konstruktionen, in Dauerkrisen und in jenem zynischen Achselzucken der Bürger, die irgendwann nicht mehr unterscheiden können, ob sie Zeugen großer Geschichte oder bloß schlecht gemanagter Symbolpolitik sind. Träumen Sie also ruhig weiter, Herr Präsident. Träume sind wichtig, gerade in dunklen Zeiten. Aber Europa täte gut daran, zwischen Traum und Beitrittsformular einen sehr, sehr dicken Ordner Realität zu legen – und ihn auch zu lesen.

Scheiß auf „ismen“ – Danke, ich denke selbst

Es gibt Sätze, die klingen wie eine Tür, die man hinter sich zuschlägt. Nicht, weil man beleidigt ist, sondern weil man endlich begriffen hat, dass man gar nicht eingeladen war. „Scheiß auf ismen – ich denke selbst“ ist so ein Satz. Ein Satz wie ein Stuhl, den man in eine besonders stickige Gesprächsrunde stellt, in der alle so tun, als sei Diskurs etwas, das sich mit Etiketten erledigen ließe. Ist das jetzt liberal? Ist das konservativ? Ist das links? Ist das rechts? Ist das post-irgendwas? Als wäre Denken eine Art Dresscode. Als müsste man sein Gehirn am Eingang abgeben, damit es drinnen nicht stört. Und dieser Satz, so roh er klingt, so herrlich unakademisch, so ungebügelt, so unhöflich, ist ein Befreiungsschlag: nicht gegen Überzeugungen, nicht gegen Haltung, nicht gegen Moral, sondern gegen die lächerliche Vorstellung, man könne die Wirklichkeit wie Wurstaufschnitt sortieren und dann so tun, als hätte man sie verstanden.

Denn „ismen“ sind der IKEA-Katalog des Geistes: ein paar klare Linien, ein paar wohlklingende Begriffe, eine Anleitung, die in 17 Schritten verspricht, man werde am Ende „eine Position“ haben – und wenn man fertig ist, hat man zwar irgendwas stehen, aber es wackelt. Und man merkt: Es ist nicht stabil, es ist nur bequem. Es passt in die Wohnung des eigenen Egos und lässt sich gut vorzeigen, wenn Besuch kommt. Ein Ismus ist ein Möbelstück, das man sich zusammenbaut, damit man nie wieder wirklich wohnen muss. Vor allem muss man nie wieder den Staub sehen. Man hat ja jetzt ein Regal.

Und was für ein Regal das ist. „Ich bin…“ – das ist der Beginn der modernen Religion. Man bekennt. Man erklärt sich. Man macht aus dem Denken eine Mitgliedschaft. Früher musste man dafür noch in eine Kirche gehen, heute reicht ein Profilbild, ein Hashtag und der passende Tonfall: moralisch geschniegelt, rhetorisch geschniegelt, emotional geschniegelt. Die Gegenwart liebt nicht die Wahrheit – sie liebt die Zugehörigkeit. Und Zugehörigkeit, das ist ein Ismus in Warmhaltefolie. Schmeckt nach nichts, macht aber satt genug, um nicht mehr zu fragen, was man da eigentlich gerade isst.

Ismen als geistige Rolltreppe nach unten

Es ist ja nicht so, dass „ismen“ grundsätzlich böse wären. Böse ist ein zu großes Wort, und außerdem klingt es so, als stünde irgendwo ein finsterer Plan, eine Art Ismus-Kartell, das nachts in einem Konferenzraum sitzt, auf dem Tisch ein Flipchart, darauf mit Filzstift: „Wie verhindern wir eigenständiges Denken?“ Wahrscheinlich ist es viel schlimmer: Es gibt keinen Plan. Es gibt nur Bequemlichkeit. Die wahre Tyrannei trägt Crocs und sagt: „Das reicht doch.“

Ein Ismus ist eine Abkürzung. Abkürzungen sind praktisch, aber sie sind auch gefährlich, weil sie den Weg unsichtbar machen. Man kommt zwar schneller an, aber man hat nichts gesehen. Und dann steht man da, geschniegelt mit Weltanschauung, geschniegelt mit Begriffen, geschniegelt mit „Evidenz“ (diesem Lieblingswort derer, die gerne so tun, als sei Denken eine Excel-Datei), und wundert sich, warum man trotz allem so leicht zu erschüttern ist. Man hat ja nie gelernt, zu gehen – man hat nur gelernt, anzukommen. Der Ismus trägt dich wie eine Rolltreppe: Du musst dich nicht bewegen, du musst dich nicht anstrengen, du musst dich nicht einmal umschauen. Du stehst einfach da und fährst. In der Regel nach unten.

Denn sobald du in einem Ismus steckst, beginnt eine wundervolle Magie: Alles wird plötzlich erklärbar. Nicht korrekt erklärbar – aber erklärbar. Jede Abweichung ist ein Sonderfall. Jeder Widerspruch ist „eigentlich“ kein Widerspruch, sondern ein Missverständnis. Jeder, der nicht mit dir übereinstimmt, hat irgendeinen Defekt: zu privilegiert, zu uninformiert, zu emotional, zu kalt, zu dumm, zu böse. Ismen sind nicht dafür gemacht, die Welt zu verstehen. Sie sind dafür gemacht, die Welt zu sortieren, damit man sie nicht mehr fühlen muss. Ein Ismus ist ein Schneidbrett. Der Mensch darauf: in Scheiben.

Und natürlich: Sobald man sortiert, steht man über den Dingen. Das ist der eigentliche Kick. Man ist nicht mehr einfach nur jemand, der sich irren kann – man ist jemand, der „die Mechanismen“ erkannt hat. Man spricht dann mit dieser gefährlichen Ruhe, dieser salbungsvollen Gewissheit, mit der sonst nur Wetter-Apps verkünden, dass es regnen wird. Man sagt Sätze wie: „Das ist strukturell.“ Oder: „Das ist systemisch.“ Oder mein persönlicher Favorit: „Das ist komplex.“ Man sagt „komplex“, wenn man eigentlich sagen will: „Ich habe keine Lust, das wirklich zu durchdenken, aber ich will dabei schlau klingen.“

Der Ismus als Identitätsparfüm

Das Beste an Ismen ist, dass man sie tragen kann. Wie Parfüm. Man sprüht sich „Feminismus“ oder „Neoliberalismus“ oder „Antikapitalismus“ oder „Tradition“ hinter die Ohren und hofft, dass alle sofort wissen: Ah! Dieser Mensch ist so einer. Und man selbst weiß es dann auch, was ungeheuer beruhigend ist. Denn wer will schon mit der Zumutung leben, ein wandelnder Widerspruch zu sein? Wer will schon morgens aufwachen und denken: Heute fühle ich mich gleichzeitig dankbar und wütend, zugleich überzeugt und unsicher, zugleich links und skeptisch gegenüber linken Ritualen, zugleich empathisch und genervt? Das wäre ja unerträglich menschlich.

Der Ismus ist die Deodorant-Stange gegen die eigene Ambivalenz. Er verhindert zuverlässig, dass man nach Zweifel riecht. Zweifel ist ja in unserer Zeit das, was früher Ketzerei war. Wer zweifelt, sabotiert die Gruppe. Wer zweifelt, gefährdet die Reinheit der Position. Wer zweifelt, nimmt dem Ismus sein einziges Versprechen: dass man sich nicht mehr schämen muss, weil man „auf der richtigen Seite“ steht. Und nichts ist moderner als die Sehnsucht, moralisch wasserdicht zu sein. Man möchte keine Fehler haben, sondern Feinde. Fehler sind anstrengend, Feinde sind bequem. Fehler verlangen Selbstkritik, Feinde verlangen nur ein gutes Meme.

Und wehe, man sagt: „Ich denke selbst.“ Dann passiert etwas, das man in den sozialen Medien sehr schön beobachten kann, dieses kollektive Zusammenziehen der Pupillen. Aha, heißt es dann. Selbst denken. Dieses merkwürdige Codewort, das sich anhört wie Freiheit, aber oft nur bedeutet: Ich will meine Vorurteile ohne Widerrede behalten. Doch genau deswegen ist der Satz so riskant und so notwendig. Denn er verweigert beiden Seiten das Recht, ihn sofort zu vereinnahmen. Er ist zu grob für die Feuilletons, zu unordentlich für die Aktivisten, zu wild für die Parteitage und zu lebendig für die Ideologen. Er ist ein Stein im Schuh der eindeutigen Leute.

Die große Verwechslung: Meinung statt Denken

Unsere Epoche hat eine besonders elegante Form der Gedankenvermeidung entwickelt: Man verwechselt Denken mit Meinung. Eine Meinung ist etwas, das man haben kann wie einen Regenschirm. Denken ist etwas, das einen haben kann wie ein Fieber. Meinung ist Besitz, Denken ist Zustand. Meinung trägt man spazieren, Denken trägt einen weg. Und weil Weggetragenwerden Angst macht, klammert man sich an Meinungen. Um Meinungen herum baut man dann kleine Häuser aus Ismen, in denen alles vertraut klingt. Jeder Satz ist ein Echo. Jeder Widerspruch ein Angriff. Jeder Zweifel ein Verrat.

Denken dagegen ist hässlich. Es ist nicht Instagram-tauglich. Denken hat keine klare Linienführung und selten ein gutes Licht. Denken stottert. Denken ringt. Denken sagt „ich weiß es nicht“ und lebt weiter. Denken ist eine unverschämte Tätigkeit, weil sie keine Rücksicht nimmt auf die eigene Selbstinszenierung. Wer denkt, kann plötzlich feststellen, dass er jahrelang Unsinn geglaubt hat. Wer denkt, kann plötzlich auf der Seite desjenigen landen, den er gestern noch verachtete. Wer denkt, muss riskieren, nicht mehr dazuzugehören. Und das ist der Punkt, an dem die meisten Ismen ihre Hände wie eine fürsorgliche Mutter ausstrecken und sagen: „Komm, komm, hier bist du sicher. Hier musst du das nicht.“

Die Tragik ist: Viele Menschen halten sich für kritisch, weil sie gelernt haben, die richtigen Dinge zu kritisieren. Kritik aber ist nicht die Fähigkeit, auf andere einzuschlagen. Kritik ist die Fähigkeit, die eigene Position zu destabilisieren, ohne dabei zusammenzuklappen. Das ist selten. Das ist teuer. Das kostet soziale Wärme. Und deshalb ersetzt man Kritik durch Pose. Pose ist viel günstiger. Pose macht keine schlaflosen Nächte. Pose lässt sich tweeten.

Satire als letzter Rest von Anstand

Vielleicht ist es deshalb so wichtig, über „ismen“ nicht nur wütend zu sein, sondern auch zu lachen. Denn Lachen ist das, was übrig bleibt, wenn man die Sache ernst nimmt, ohne sich von ihr besitzen zu lassen. Satire ist keine Flucht, Satire ist ein Diagnoseinstrument. Wenn du über einen Ismus nicht lachen kannst, hat er dich schon. Wenn du nur noch beleidigt bist, wenn jemand „deinen“ Begriff falsch benutzt, dann bist du nicht mehr ein Mensch mit Überzeugungen – du bist ein Wächter eines Tempels. Und Tempelwächter sind immer humorlos. Sie sind dafür eingestellt. Humor ist gefährlich, weil er Grenzen überschreitet. Humor macht das Heilige wieder menschlich. Und nichts bedroht einen Ismus mehr als die Erkenntnis, dass er auch nur eine Meinung mit Hut ist.

Der polemische Zynismus – dieser süße, schwarze Espresso der Seele – ist dabei kein Selbstzweck. Er ist ein Mittel gegen eine Welt, die ständig so tut, als wäre sie moralisch sauber. Zynismus sagt: Schau genau hin. Da ist Dreck. Da ist Eitelkeit. Da ist Macht. Da ist Angst. Da ist Gier. Und da ist viel, viel Selbstbetrug. Aber zynisch sein heißt nicht, nichts zu glauben. Es heißt, nichts zu glauben, nur weil es gut klingt. Es heißt, die Rhetorik auszuziehen und zu schauen, was darunter ist: ein Mensch. Meistens ein recht gewöhnlicher Mensch, der seine Wunden moralisch verkleidet.

Die Ismenindustrie: Empörung als Geschäftsmodell

Und dann ist da natürlich noch der Markt. Denn nichts ist lukrativer als Weltanschauung. Weltanschauung ist das einzige Produkt, das man verkaufen kann, während man behauptet, man schenke es. Die Ismenindustrie ist ein Wunderwerk: Sie produziert permanent Gründe, sich zu empören – und bietet gleichzeitig die passenden Beruhigungsmittel an. Empörung ist das Popcorn der Gegenwart. Man knallt es sich rein, während irgendwo die Welt brennt, und fühlt sich dabei irgendwie beteiligt. Moralisches Entertainment. Du sitzt auf dem Sofa, scrollst, schüttelst den Kopf, schreibst „Unfassbar!“ und hast damit dein Gewissen für den Tag erledigt. Herzlichen Glückwunsch, du bist jetzt politisch.

Das Problem ist nicht, dass Menschen Haltung haben. Das Problem ist, dass Haltung oft nur noch ein Möbelstück ist, das man in die Kamera hält. Und wehe, es wackelt. Dann wird es nicht repariert, dann wird es verteidigt. Nicht weil es wahr ist, sondern weil es man selbst geworden ist. Wer einen Ismus kritisiert, kritisiert nicht mehr eine Idee, sondern eine Identität. Und gegen Identitätskritik reagiert der Mensch wie gegen einen körperlichen Angriff: mit Abwehr, mit Wut, mit Mobilmachung. Deshalb werden Debatten nicht geführt, sondern gewonnen. Und wer gewinnt? Der Lautere. Der Schnellere. Der mit dem besseren Slogan. Wahrheit ist im Vergleich dazu ein langsames Tier.

Ich denke selbst: der Skandal der Unzugehörigkeit

„Ich denke selbst“ ist ein Skandal, weil es ein Versprechen enthält, das man nicht überprüfen kann. Es ist keine Markenbotschaft. Es ist kein Abzeichen. Es ist keine Schublade. Es ist ein Zustand des Risikos. Man sagt damit: Ich lasse mich nicht reduzieren. Ich bin nicht nur eine Position. Ich bin ein Prozess. Ich bin ein Widerspruch auf zwei Beinen. Und das ist in einer Zeit, die alles messbar, alles etikettierbar, alles vermarktbar machen will, ein Affront.

Selbst denken heißt nicht, sich über alles zu erheben wie ein erleuchteter Bergmönch mit WLAN. Selbst denken heißt, sich hineinzubegeben in den Dreck der Dinge. Es heißt, zuzuhören, ohne sofort zu etikettieren. Es heißt, Quellen zu lesen, nicht nur Reaktionen. Es heißt, den eigenen Affekt zu bemerken und nicht sofort für Wahrheit zu halten. Es heißt, sich zu fragen: Will ich gerade verstehen – oder will ich gerade recht behalten? Und wer diese Frage ehrlich beantwortet, merkt schnell: Recht behalten ist die Droge. Verstehen ist die Therapie. Therapie schmeckt bitter. Drogensucht schmeckt nach Applaus.

Und natürlich: Selbst denken heißt auch, sich einzugestehen, dass man nicht komplett frei ist. Wer behauptet, völlig unabhängig zu denken, ist meist nur abhängig von seinem Stolz. Der Unterschied ist: Der Stolz gibt keine Quittung aus. Aber man kann trotzdem versuchen, die eigenen Abhängigkeiten sichtbar zu machen. Man kann sich selbst beobachten wie ein verdächtiges Tier. Man kann sich fragen, welche Ideen man liebt, weil sie wahr sind – und welche man liebt, weil sie einen gut aussehen lassen. Das ist keine heroische Übung. Es ist eher ein tägliches Zähneputzen gegen den Mundgeruch der Selbstgerechtigkeit.

Der letzte Luxus: Unfertig bleiben dürfen

Vielleicht ist das der eigentliche Kern: Das Denken selbst ist heute Luxus geworden. Nicht, weil es intellektuell elitär wäre, sondern weil es Zeit braucht, Ruhe, Geduld und den Mut, nicht sofort ein Urteil zu fällen. Die meisten Menschen sind erschöpft. Sie wollen Gewissheit wie eine warme Decke. Sie wollen eine Welt, die nicht dauernd neue Fragen stellt. Und dann kommt der Ismus und sagt: Hier, ich habe ein Paket. Es enthält Antworten, Feindbilder und ein Gemeinschaftsgefühl. Alles in einem. Und man nimmt es, weil man müde ist. Man nimmt es, weil das Leben schon kompliziert genug ist. Man nimmt es, weil man ein Mensch ist.

Aber wenn man es genau nimmt, ist Denken genau dafür da: für das Komplizierte. Für das Uneindeutige. Für das Unfertige. Denken ist die Kunst, sich nicht zu früh zu beruhigen. Es ist die Fähigkeit, in einem Satz gleichzeitig „ja“ und „aber“ zu sagen, ohne sich dafür zu schämen. Es ist die Fähigkeit, den eigenen Ismus wie ein Werkzeug zu benutzen, nicht wie eine Prothese. Ein Ismus kann helfen, Muster zu sehen – aber er darf nie zum Ersatz für Wahrnehmung werden. Er darf nie das Auge ersetzen. Er darf nie die Hand führen, wenn das Herz längst abgekoppelt ist.

Scheiß auf „ismen“, ja – aber nicht, weil man keine Prinzipien hätte, sondern weil man Prinzipien nicht mit Etiketten verwechseln will. Nicht, weil man unpolitisch wäre, sondern weil man den billigen politischen Konsum verweigert. Nicht, weil man „über den Dingen“ stünde, sondern weil man endlich in den Dingen stehen will, mit offenen Augen, ohne ideologischen Helm, ohne Schaum vorm Mund, ohne den Reflex, alles sofort in richtig und falsch zu pressen.

Und wenn man dabei manchmal zynisch wird, gut. Zynismus ist oft nur die verletzte Form von Hoffnung. Wenn man dabei manchmal lacht, noch besser. Denn Humor ist das Zeichen, dass man noch frei ist. Frei genug, um zu merken, wie lächerlich wir alle sind, wenn wir uns für endgültig halten. Frei genug, um sich selbst nicht zu schonen. Frei genug, um zu sagen: Ich denke selbst. Und wenn ich mich irre, dann wenigstens aus eigener Kraft.

Der Laufsteg als Beichtstuhl und die Jeans als Gesinnungsprüfung

Es ist wieder Januar, und damit beginnt jene Jahreszeit, in der Mailand nicht einfach nur kalt ist, sondern auch moralisch zugig. Die Fashion Week präsentiert die Herrenkollektionen für Herbst/Winter 2026, und wie immer ist es weniger eine Frage, was getragen wird, sondern wer es tragen darf, ohne dass ein digitaler Scheiterhaufen entzündet wird. Dolce & Gabbana zeigen „The Portrait of Man“, eine Kollektion, die sich selbstbewusst zwischen Tailoring und Denim, zwischen glamouröser Pose und sportlicher Erinnerung an die frühen 2000er bewegt – eine Art ästhetischer Rückfall in eine Zeit, als man noch glaubte, Männlichkeit sei ein Stil und keine Debatte. Und tatsächlich: Ripped Jeans, Samtblazer, Military-Jacken, Fell, Strick, Opulenz – alles da, alles sitzt, alles glänzt in jenem überhöhten italienischen Pathos, das nie um Erlaubnis gefragt hat und das auch nicht vorhat, damit anzufangen. Doch die Qualität einer Kollektion ist heute nur noch der Vorwand, der Anlass, das dekorative Beiwerk. Die Hauptsache spielt sich längst nicht mehr auf dem Runway ab, sondern im Kommentarbereich. Denn dort, wo früher Kritiker saßen, die über Silhouetten sprachen, sitzt heute ein Tribunal, das die moralische Wetterlage prüft, bevor es über die Stoffe urteilt. Und dieses Tribunal hat eine Entdeckung gemacht, die es mit jener Mischung aus Entsetzen und Lust verkündet, mit der man sonst nur Schimmel in der Bio-Mandelmilch meldet: Die Models sind männlich, weiß und schön. Meine Güte. Wer hätte das gedacht. In der Mode. Auf einem Laufsteg. Bei Dolce & Gabbana.

Der Shitstorm als kulturelles Fitnessprogramm

Kaum sind die Bilder der Show online, beginnt das allseits geliebte Ritual der Entrüstung, dieses digitale Warm-up der Gegenwart, ohne das offenbar niemand mehr in den Tag starten kann. Ein Shitstorm, so zuverlässig wie die nächste Steuererklärung, rollt an – und wie immer kommt er nicht aus einer konkreten Betroffenheit, sondern aus dem diffusen Gefühl, irgendwo müsse gerade dringend etwas korrigiert werden. Denn wenn man lange genug auf Instagram scrollt, entsteht jenes nervöse Kribbeln, das man früher „Langeweile“ nannte und heute als „Haltung“ tarnt. Topmodel Bella Hadid bezeichnet die Show als „peinlich“, und man muss ihr zugutehalten: Das Wort ist wenigstens kurz, handlich und passt hervorragend in ein Story-Format. Modejournalist Lyas legt nach und kritisiert, es sei „kein einziges asiatisches oder dunkelhäutiges Model“ zu sehen gewesen. Der Vorwurf: fehlende Diversität. Es ist eine Kritik, die nicht mehr fragt, ob die Kollektion funktioniert, sondern ob sie die korrekte moralische Zusammensetzung des Weltpublikums repräsentiert. Und damit sind wir mitten im neuen Modus der Kulturkritik, in dem Kunst nicht mehr Kunst sein darf, sondern ein Branchenbericht der Menschheit, eine Art PowerPoint über gesellschaftliche Verantwortung, bitte mit Diagramm, Prozentangabe und Evaluierungsbogen. Der Laufsteg wird zur UNO-Vollversammlung, das Casting zur Volkszählung, die Jacke zur politischen Aussage. Und wer sich nicht korrekt abbilden lässt, gilt nicht als unvollständig, sondern als verdächtig.

Die Empörung kommt immer pünktlich, anders als die Lieferkette

Natürlich ist die Kritik nicht neu. Dolce & Gabbana sind ein Haus, das seit Jahrzehnten eine Art emotionalen Dauerstrom produziert: zu viel, zu laut, zu katholisch, zu fleischig, zu stolz. Sie haben immer schon mit starken Bildern gearbeitet, mit Übertreibung, mit dieser bewusst kitschigen Mischung aus italienischem Machismo und barocker Erotik, die in der Modewelt gleichzeitig gehasst und heimlich nachgeahmt wird. Und ja, sie waren schon mehrfach Zielscheibe – nicht nur, weil sie sich nicht brav in die globalen PR-Manuals einfügen, sondern weil sie manchmal tatsächlich genau jene Art von Provokation liefern, die sich nicht als Missverständnis weglächeln lässt. 2015 die Aussagen gegen Leihmutterschaft und künstliche Befruchtung: ein Skandal, der wie eine alte Sünde riecht, nach Kirchenbank und sturer Überzeugung. 2018 die China-Kampagne mit der Frau und den Essstäbchen, die italienisches Essen „nicht richtig“ essen kann, begleitet von gönnerhaftem männlichen Kommentar – ein Stück kommunikative Selbstüberschätzung, das so klischeehaft war, dass es fast schon wieder Kunst hätte sein können, wenn es nicht so unerquicklich nach kolonialem Witzbuch geschmeckt hätte. Die Show in Shanghai wurde abgesagt, die Marke bekam ihren digitalen Pranger, die Welt war wieder ein kleines bisschen gerechter, und doch blieb Dolce & Gabbana Dolce & Gabbana: angeschlagen, aber nicht geläutert, skandalisiert, aber unzerknirscht, wie jemand, der im Streit nicht recht bekommen muss, solange er Aufmerksamkeit bekommt.

Der Skandal, der keiner ist, ist der beste Skandal

Und nun also 2026: eine Männerkollektion, die – Überraschung – Männer zeigt. Und zwar Männer, die dem ästhetischen Ideal des Hauses entsprechen: cool, geschniegelt, makellos, eine Art lebendiger Werbespot für jene Fantasie von Männlichkeit, die seit Jahrzehnten verkauft wird wie ein Parfum, dessen Namen man sich nie merken kann, aber dessen Flakon aussieht, als hätte er Muskeln. Ist das „rassistisch“? Oder ist es einfach nur banal? Ist es ein politischer Akt, wenn ein Label eine bestimmte Optik bevorzugt? Oder ist es schlicht das alte Prinzip der Mode: Die Branche verkauft nicht Realität, sondern Sehnsucht – und Sehnsucht war noch nie demokratisch. Dass die moralische Empörung inzwischen schneller zur Stelle ist als der Fotograf, liegt daran, dass Skandale heute nicht mehr gefunden, sondern hergestellt werden. Die Gegenwart hat eine merkwürdige Vorliebe für Konflikte, die man lösen kann, ohne wirklich etwas zu lösen. Es ist ein Skandal ohne Risiko, ein Aufschrei ohne Konsequenz, eine Empörung, die sich hervorragend anfühlt, weil sie nichts kostet außer ein bisschen Datenvolumen. Man moralisiert ein Bild, weil man sonst nichts in der Hand hat. Und man tut so, als wäre die Welt gerettet, wenn auf dem Laufsteg das korrekte Spektrum an Hauttönen zu sehen ist – während die Produktionsbedingungen, die Lieferketten, die Arbeitsrealitäten irgendwo hinter der Bühne weiterlaufen wie immer: unsichtbar, unbequem und zu komplex für einen TikTok-Sound.

Diversität als Pflichtübung: Wenn Haltung zur Kulisse wird

Das Wort „Diversität“ hat in den letzten Jahren eine Karriere hingelegt, von der jede It-Bag nur träumen kann. Es ist überall, es ist unantastbar, es ist der moralische Lack, der über jede Branche gegossen wird, damit sie glänzt, selbst wenn darunter die alten Risse sichtbar bleiben. In der Mode ist Diversität längst nicht mehr nur ein Anliegen, sondern ein Zertifikat, ein Must-have, ein Accessoire. Manche Häuser tragen es wie eine Brosche: sichtbar, teuer, demonstrativ. Und genau hier liegt der zynische Witz der Sache: Diversität ist oft nicht die Öffnung, sondern die neue Uniform. Man castet nicht mehr, um eine Vision zu erzählen, sondern um keinen Ärger zu bekommen. Man stellt nicht mehr Fragen, man erfüllt Checklisten. Und wer die Checkliste nicht erfüllt, gilt automatisch als rückständig, egal, ob es künstlerisch Sinn ergibt oder nicht. Daraus entsteht eine paradoxe Situation: Der Laufsteg soll zugleich ästhetisch radikal sein und moralisch geschniegelt. Er soll provozieren, aber bitte nur dort, wo es niemanden stört. Er soll überraschen, aber nicht verstören. Er soll individuell sein, aber kollektiv korrekt. Mode wird damit zu einem seltsamen Theater, in dem alle so tun, als ginge es um Freiheit – und doch ist der Raum enger geworden, nicht weiter.

Dolce & Gabbana waren divers, bevor Diversität ein Hashtag wurde

Und ja, man kann es kaum aussprechen, ohne dass irgendwo ein Empörungsalarm losgeht, aber Dolce & Gabbana waren tatsächlich nicht immer das monochrome Klischee, als das man sie nun gern hinstellt. Es gab Zeiten, in denen das Haus mit starken Persönlichkeiten arbeitete, mit unterschiedlichen Gesichtern, Generationen, Körpern, kulturellen Referenzen – nicht als moralischer Tribut, sondern weil es in ihre opulente Pop-Ästhetik passte. Man erinnere sich an jene großen Besetzungen, in denen Ikonen neben Newcomern standen, in denen Stars und Subkultur in einer Art maximalistischem Gruppenselfie verschmolzen. Naomi Campbell als Finale, Monica Bellucci als ewige Muse, Madonna als langjährige Projektionsfläche: Dolce & Gabbana hatten immer schon ein Gespür für Bühnenwirkung, für Mythos, für jene Art von Glamour, die nicht bittet, sondern befiehlt. Das Problem ist nur: In der heutigen Debatte zählt nicht, ob jemand einmal vielfältig war. Es zählt nur, ob er es in diesem Moment sichtbar genug ist. Diversität ist nicht mehr ein Kontext, sondern eine Pflicht zur permanenten Selbstauskunft. Wer einmal danebenliegt – oder einfach nur nicht liefert, was die Öffentlichkeit erwartet –, wird behandelt wie ein Sünder, der sich nicht nur entschuldigen, sondern auch beweisen muss, dass er seine Lektion gelernt hat. Das ist keine Kultur der Sensibilität, das ist eine Kultur der Dauerprüfung.

Das neue Ideal: Schön sein reicht nicht mehr, man muss auch korrekt aussehen

Vielleicht ist das der eigentliche Kern dieser grotesk vertrauten Debatte: Schönheit ist in der Mode nicht mehr das Problem – sie war es immer –, aber nun ist Schönheit auch noch moralisch verdächtig. Das Ideal, das Dolce & Gabbana zeigen, ist offensichtlich: glatt, männlich, attraktiv, geschniegelt, ein bisschen gefährlich, aber bitte nicht zu sehr. Ein Ideal, das in einer Branche, die seit Jahrzehnten von Idealen lebt, eigentlich niemanden überraschen sollte. Und doch überrascht es, weil wir uns angewöhnt haben, von Bildern nicht nur Ästhetik zu verlangen, sondern Gesinnung. Der Körper wird nicht mehr betrachtet, sondern gelesen. Haut wird zur Aussage, Gesichtszüge zur Positionierung, Casting zur politischen Theorie. Das ist gleichzeitig nachvollziehbar und absurd: nachvollziehbar, weil Bilder Macht haben, weil Sichtbarkeit nicht neutral ist. Absurd, weil wir damit ausgerechnet von der Mode verlangen, was wir von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht bekommen: eine saubere, gerechte, repräsentative Welt. Der Laufsteg soll reparieren, was der Alltag zerstört. Und weil das nicht funktionieren kann, wird der Laufsteg permanent schuldig gesprochen.

Die Satire der Gegenwart: Moral als Lifestyle und Empörung als Abendprogramm

Die bitterste Pointe ist vielleicht: Während die einen Dolce & Gabbana dafür kritisieren, dass sie zu wenig Diversität zeigen, feiern andere dieselben Bilder als Rückkehr zu einer „echten“ Mode, als Befreiung von „Wokeness“, als Trotz gegen eine angebliche Meinungsdiktatur. Und beide Seiten wirken dabei wie Spiegelbilder derselben Sehnsucht: Man will nicht Mode sehen, man will Recht haben. Die einen wollen moralische Reinheit, die anderen ästhetische Autonomie, und beide tun so, als wäre ihre Position die letzte Bastion der Wahrheit. Dabei ist es nur ein Laufsteg. Eine Show. Ein kommerzielles Spektakel, das Kleidung verkauft, nicht Erlösung. Dolce & Gabbana wollen nicht die Welt erklären – sie wollen sie verführen. Und die Empörten wollen nicht über Mode sprechen – sie wollen Macht über Bilder. Das ist der Deal der Gegenwart: Jeder Skandal ist ein bisschen Selbstvergewisserung, ein bisschen Gruppenzugehörigkeit, ein bisschen moralisches Fitnessprogramm. Man schreit, um sich lebendig zu fühlen. Man urteilt, um sich überlegen zu fühlen. Und man nennt es Fortschritt.

Schluss mit Glanz: Was bleibt, wenn der Runway zur Tribüne wird?

Am Ende steht eine Kollektion, die offenbar gelungen ist: handwerklich stark, ästhetisch kohärent, eine präzise Inszenierung von Männlichkeit im Dolce-&-Gabbana-Kosmos. Und daneben steht ein Sturm der Kritik, der so vorhersehbar ist wie der nächste Trend. Vielleicht ist die Frage nicht, ob Dolce & Gabbana divers genug waren, sondern ob wir überhaupt noch wissen, was wir von Mode wollen. Wollen wir Kunst? Dann müssen wir aushalten, dass sie manchmal unbequem, einseitig, übertrieben und sogar geschmacklos sein kann. Wollen wir gesellschaftliche Verantwortung? Dann müssen wir tiefer fragen als bis zum Casting und uns auch für Strukturen interessieren, nicht nur für Gesichter. Wollen wir beides? Dann sollten wir endlich aufhören, Diversität wie eine Dekoration zu behandeln und Mode wie eine moralische Hausaufgabe. Denn wenn jede Show zur Gesinnungsprüfung wird, bleibt am Ende nur noch eine perfekt korrekte, sterile Ästhetik übrig – und das wäre dann wirklich peinlich.

Der leere Sockel und das volle Moralregister

Es hat etwas unverschämt Poetisches, wie Wien mit Geschichte umgeht: Man stellt ihr einen Sockel hin, lässt ihn ein paar Jahre leer stehen und nennt das dann „dialogischen Prozess“. Ein Denkmal als Gesprächsangebot – allerdings ohne Gesprächspartner, ohne Gespräch, ohne Denkmal. Nur der Sockel bleibt. Ein Stück Stein, das schweigt. Und das Schweigen, wir wissen es, ist in dieser Stadt keine Abwesenheit, sondern eine Disziplin: Schweigen ist das goldene Wiener Handwerk, seit man gelernt hat, sich durch höfliche Unentschiedenheit elegant aus jeder Verantwortung zu winden. Das erinnert an diese besondere Form von städtischer Klugheit, die immer dann beginnt, wenn man nicht mehr weiß, was richtig ist, und daher beschließt, lieber gar nichts zu tun – aber dabei moralisch auszusehen. Und weil Moral heute gerne wie ein Designerstück getragen wird, makellos, nachhaltig und ohne Flecken, sitzt Wien auf seinem Kahlenberg und betrachtet den historischen Ort, an dem einst das „christliche Entsatzheer“ das Osmanische Reich zurückdrängte, wie ein heikles Erbstück aus Omas Vitrine: hübsch, aber man fasst es nicht an, sonst bricht’s und dann ist wieder wer beleidigt. Und das wäre ja, Gott bewahre, das Schlimmste, was einer Stadt passieren kann, die sich längst als Weltmetropole der Befindlichkeiten versteht.

Man stelle sich vor: Jan III. Sobieski, König von Polen, militärischer Anführer einer Schlacht, die im europäischen Geschichtsunterricht gern als Wendepunkt verkauft wird – ein Mann, dessen Name sogar in Wien herumliegt wie eine vergessene Münze: Sobieskigasse, Sobieskiplatz. Man ist ihm so nahe, dass man über ihn stolpert, aber so fern, dass man ihn nicht erkennt. Denn für eine Stadt, die sich so gern als Museum ihrer selbst inszeniert, ist Erinnerung eine erstaunlich selektive Kunst. Wien erinnert gern – aber nur dort, wo es weich ist, wo es nicht riecht, nicht kratzt, nicht beißt. Geschichte muss geschniegelt sein, geschniegelt und bitte ohne Ecken, denn Ecken sind heute verdächtig. Ecken können „instrumentalisiert“ werden. Und das ist, wenn wir ehrlich sind, der neue Wiener Ablasshandel: Nicht die Schuld zählt, sondern die Möglichkeit, dass irgendwer die Schuld irgendwo anders hinträgt, auf ein Transparent druckt, mit einem Megafon versieht und es dann „Bühne“ nennt. Wien, das ist der Ort, an dem man vor lauter Angst vor Missbrauch die Wahrheit prophylaktisch amputiert. Sicher ist sicher: Lieber keine Statue, bevor noch jemand auf die Idee kommt, Geschichte könnte etwas mit Konflikten zu tun haben.

Das 21. Jahrhundert, dieses Jahrhundert der Denkmäler, und der Wiener Jahrhundertschlaf

Der polnische Botschafter sagt: „Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Denkmäler.“ Eine herrliche Formulierung, fast schon ein Werbeslogan, wie aus der Abteilung „Kulturpolitik für Fortgeschrittene“. Als hätte die Menschheit, nachdem sie die Zukunft endgültig verbummelt hat, beschlossen, wenigstens die Vergangenheit ordentlich zu möblieren. Wir bauen Statuen, weil wir uns nicht mehr sicher sind, wer wir sind. Wir errichten Sockel, weil wir keine Fundamente haben. Und wir gießen unsere Identität in Bronze, weil Bronze wenigstens nicht twittert.

Doch Wien, das ewige Schmieröl der europäischen Ambivalenz, sagt: Moment. Denkmal? Für Sobieski? Ausgerechnet auf dem Kahlenberg? Das könnte als „islamfeindlich“ gelesen werden. Man wolle „keine Bühne errichten“, die für „ausländerfeindliche Hetze sowie islamfeindliche oder antitürkische Ressentiments instrumentalisiert werden kann“. Das ist die Art von Satz, bei der man sich gleichzeitig an die Stirn greifen und applaudieren möchte, denn er ist ein kleines Meisterwerk zeitgenössischer Verwaltungspoetik: so geschniegelt, so technokratisch, so perfekt steril. Es ist kein Satz, es ist eine Quarantänestation. Er isoliert nicht nur den Gegenstand, er isoliert gleich den gesamten historischen Kontext – als hätte 1683 gefälligst schon damals diversitätssensibel abzulaufen, mit Awareness-Team und konfliktfreier Moderation. Man hört förmlich die Stimme: „Wir bitten die Belagerer, sich beim Betreten der Stadt in die Warteschlange zu stellen, damit niemand traumatisiert wird.“

Man muss sich das vorstellen: Ein Denkmal wird abgelehnt, weil es missbraucht werden könnte. Nicht weil Sobieski keine historische Bedeutung hätte. Nicht weil der Ort ungeeignet wäre. Nicht weil die Statue hässlich ist oder schief steht oder jemand vergessen hat, den Sockel zu bezahlen. Nein: Weil sie eine Projektionsfläche sein könnte. Als wäre Wien plötzlich ein Seminarraum, und Geschichte ein Flipchart. Als wäre das einzige Problem der Vergangenheit nicht, dass sie passiert ist, sondern dass jemand sie falsch interpretieren könnte. Es ist die Logik des präventiven Anstands: Wir tun nichts, damit niemand etwas Falsches tut. Das ist ungefähr so, als würde man alle Messer verbieten, weil man sich schneiden könnte – und dann stolz verkünden, man habe den Schnittwunden den Krieg erklärt. Der nächste Schritt ist konsequent: Wir reißen die Donau ab, weil jemand ertrinken könnte, und ersetzen sie durch ein „dialogisches Wasserangebot“.

Die seltsame Wiener Kunst, Helden zu dulden, solange sie nicht zu sehr nach Held riechen

Der Name Sobieski riecht nach Held. Und Helden, das ist heute ein kompliziertes Aroma: Zu viel Pathos, zu viel Männlichkeit, zu viel Schwert, zu viel Sieg, zu wenig Selbstreflexion. Helden sind nicht mehr zeitgemäß, es sei denn, sie kämpfen gegen etwas, das gerade in Mode ist. Der Held von gestern ist der Problemfall von heute. Und Wien hat ein besonderes Talent, Problemfälle nicht zu lösen, sondern in Verwaltungsvokabular einzuwickeln, bis sie aufhören zu atmen. Man sagt dann: „hohe Wertschätzung“. Das ist ein wunderbares Wort. Es bedeutet: Wir schätzen dich so sehr, dass wir dich bitte nicht sichtbar machen. Wertschätzung ist in dieser Logik eine Art Blumengruß mit eingebautem Maulkorb. Man kann ja die Sobieskigasse herzeigen. Oder den Sobieskiplatz. Das klingt wie ein Trostpreis in einer Quizshow: „Für Sie haben wir leider keine Statue, aber hier ist eine Gasse. Sie ist sogar asphaltiert!“

Und wenn die Stadt argumentiert, es gebe „bereits ein Sobieski-Denkmal“, dann sind wir endgültig in der Wiener Metaphysik angekommen: Ein Denkmal ohne Statue, ein Sockel ohne Kopf, eine Inschrift, die man nicht lesen kann – das ist also schon genug Erinnerung. Die Abwesenheit als Gedächtnisleistung. Eine Art historisches „Ich hab’s eh irgendwo gespeichert“, nur dass das Speichergerät kaputt ist und die Datei seit Jahren nicht mehr geöffnet wurde. Man könnte fast meinen, Wien betreibe Erinnerung wie ein altes E-Mail-Archiv: Hauptsache, es existiert irgendwo, damit man im Streitfall behaupten kann, man habe sich doch gekümmert. Genau diese Form von „Kümmern“ ist die hohe Schule des urbanen Verantwortungsmanagements: Man baut einen Sockel und nennt das „Bekenntnis“, man schreibt einen Namen auf ein Straßenschild und nennt das „Gedenken“, man lädt eine Kommission ein und nennt das „Dialog“. Und wenn dann jemand fragt, warum die Statue fehlt, antwortet man: „Der Prozess ist lebendig.“

Lebendig! Wie ein Komapatient, der regelmäßig gewendet wird, damit niemand von Stillstand sprechen muss.

Angst vor der Instrumentalisierung, dieses moderne Ersatzgefühl für Mut

Natürlich, man könnte einwenden: Ja, Denkmäler können instrumentalisiert werden. Selbstverständlich. Alles kann instrumentalisiert werden. Ein Baum kann instrumentalisiert werden, wenn jemand darunter eine Parole ruft. Eine Parkbank kann instrumentalisiert werden, wenn jemand darauf sitzt und Hass verbreitet. Sogar ein Veggie-Burger kann instrumentalisiert werden, wenn er auf Instagram als Symbol moralischer Überlegenheit gepostet wird. Die Frage ist also nicht, ob etwas missbraucht werden kann. Die Frage ist, ob man als Gesellschaft überhaupt noch etwas aushält. Und Wien beantwortet diese Frage zunehmend mit einem eleganten Nein. Man hält nichts mehr aus, außer sich selbst. Und selbst das manchmal nur schwer.

Die Stadt will keine „Bühne“ errichten. Dieses Wort ist entlarvend: Bühne. Es verrät, dass man Denkmäler nicht mehr als Erinnerungszeichen begreift, sondern als Eventflächen. Als potenzielle Demonstrationskulissen, als politisches Bühnenbild, auf dem andere ihre Stücke spielen könnten. Und weil man die falschen Stücke fürchtet, lieber gar keine Bühne. Eine Stadt, die ihre Geschichte nur noch als Sicherheitsrisiko verwaltet, hat bereits kapituliert – nicht vor Islamisten, nicht vor Nationalisten, sondern vor ihrer eigenen Nervosität. Sie ist gefangen in einer Art moralischem Brandschutz: Jede historische Figur wird auf Entflammbarkeit geprüft. Sobieski: brennbar. Zu viel Konflikt. Zu viel Symbolik. Zu viel „wir gegen die“. Weg damit.

Das Problem ist nur: Geschichte IST „wir gegen die“. Geschichte ist Blut und Grenze, Sieg und Niederlage, Aufstieg und Fall. Geschichte ist nicht nett. Sie ist nicht pädagogisch aufbereitet. Sie ist kein Workshop. Wer Geschichte nur noch erträgt, wenn sie niemandem weh tut, will keine Geschichte, sondern Wellness. Und das wäre ja auch in Ordnung – nur sollte man dann bitte nicht so tun, als wäre man eine Stadt der Kultur, sondern ehrlich sagen: Wir sind eine Stadt der Gefühlsregulierung. Bei uns bekommen Sie Identität nur noch in homöopathischen Dosen.

Diplomatie trifft Denkmalpflege, oder: Polen sagt Danke, Wien sagt: Vielleicht später

Dass nun die polnische Botschaft interveniert, ist eigentlich die logische Folge. Denn für Polen ist Sobieski kein dekorativer Name auf einem Straßenschild, sondern ein nationales Narrativ, ein Stück Selbstverständnis. „Wien ist Sobieski etwas schuldig“, heißt es. Diese Formulierung klingt wie ein Mahnbescheid aus der Geschichte. Und sie ist nicht völlig absurd: Ohne die Entsatzarmee hätte Wien 1683 womöglich anders ausgesehen, und zwar nicht nur architektonisch, sondern als politisches Zentrum. Ob es „die Rettung Europas“ war oder „ein Wendepunkt“, darüber kann man historiografisch streiten, wie über alles, was groß genug ist, um als Mythos zu taugen. Aber dass es ein entscheidender Moment war, lässt sich schwer wegmoderieren. Nur Wien versucht es trotzdem, mit dieser unvergleichlichen Mischung aus Stolz auf die eigene Vergangenheit und gleichzeitigem Unbehagen darüber, dass die Vergangenheit nicht inklusive genug war.

Man könnte sagen: Wien ist wie ein Erbe, der im Testament eine wertvolle Uhr findet, aber sich schämt, weil sie vom Großvater stammt, der damals leider politisch „schwierig“ war. Also versteckt man die Uhr im Kasten, sagt aber jedem Besucher: „Wir haben eine Uhr, wir schätzen sie sehr.“ Und wenn jemand fragt, warum sie nicht getragen wird, antwortet man: „Aus Sicherheitsgründen. Außerdem könnte sie missverstanden werden.“

Besonders reizvoll ist dabei die polnische Pointe: Die Statue sei längst fertig. Sie steht in Polen. Also existiert sie, aber nicht dort, wo sie stehen soll. Ein heimatloses Monument. Ein Denkmal im Exil. Fast schon eine Allegorie auf Europa: Alles ist beschlossen, alles ist finanziert, alles ist fertig – und dann bleibt es irgendwo stehen, weil man sich politisch nicht traut, es abzustellen. Währenddessen rostet die Entschlossenheit, und der Sockel bleibt leer. In Wien natürlich. Wo sonst?

Che, Stalin und die Kunst der selektiven Empörung

Der Botschafter verweist auf Erinnerungsorte in Wien, etwa für Che Guevara oder eine Stalin-Gedenktafel. Das ist ein diplomatischer Seitenhieb mit Samthandschuhen, aber die Klinge ist scharf: Wenn man Figuren gedenkt, deren historische Bilanz – sagen wir vorsichtig – nicht ausschließlich aus humanistischem Feuilletonmaterial besteht, dann wirkt es schon eigenartig, ausgerechnet Sobieski wegen möglicher „Ressentiments“ auszubremsen. Denn Sobieski hat Wien nicht belagert, nicht deportiert, nicht in Gulags gesteckt. Er hat eine Schlacht gewonnen, ja. Gegen ein islamisches Heer, ja. Und genau da liegt der moderne Triggerpunkt: Der Gegner war muslimisch. Und weil wir heute den guten Reflex gelernt haben, Muslime nicht mit Islamismus zu verwechseln, was richtig ist, verwechseln wir zur Strafe gleich Geschichte mit Hetze, was falsch ist.

Wien scheint sich zu sagen: Wenn wir Sobieski ehren, könnte das als antiislamische Botschaft gelesen werden. Also lassen wir es. Das ist, als würde man den 8. Mai nicht feiern, weil irgendwer daraus einen deutschen Opfermythos stricken könnte. Oder die Französische Revolution nicht erwähnen, weil jemand Guillotinen-Fantasien bekommt. Oder die Aufklärung canceln, weil jemand sie für kolonial hält. Ach, Moment.

Diese Form der Hygiene ist nicht nur lächerlich, sie ist gefährlich. Denn sie nimmt den öffentlichen Raum als Ort der historisch-politischen Auseinandersetzung nicht ernst. Sie erklärt den Bürger im Grunde für unmündig: Man traut ihm nicht zu, zwischen Erinnerung und Hass zu unterscheiden. Man traut ihm nicht zu, einen König zu betrachten, ohne sofort einen Kulturkampf zu starten. Und wer so denkt, hat die Idee einer demokratischen Öffentlichkeit bereits aufgegeben. Der öffentliche Raum wird dann nicht mehr als Ort der Debatte verstanden, sondern als Kindergarten, in dem man die Scheren wegschließt.

Das Denkmal als Prüfstein: Wer darf erinnern, und wer muss vergessen?

Denn um Sobieski geht es nur vordergründig. In Wahrheit geht es um die Frage: Darf Europa sich an die eigene Verteidigungsgeschichte erinnern, ohne sich dafür zu entschuldigen? Darf man sagen, dass es eine Schlacht gab, dass es einen Angreifer gab, dass es einen Verteidiger gab, dass es einen Sieger gab – und dass dieser Sieger in diesem Fall Wien war? Oder ist schon diese Struktur verdächtig, weil sie ein „Wir“ formuliert? Denn „Wir“, so lernt man heute, ist ein gefährliches Wort. Es könnte ausgrenzen. Es könnte Identität stiften. Und Identität ist inzwischen fast schon ein Schimpfwort, es sei denn, sie ist flüssig, wechselnd, unverbindlich und bitte ohne historische Tiefe, weil Tiefe immer die Gefahr birgt, dass man auf etwas stößt, das nicht mehr in die Gegenwart passt.

Und genau hier wird es satirisch, weil es so tragisch ist: Wien, diese Stadt, die ihre barocke Pracht wie ein Selbstporträt vor sich herträgt, möchte offenbar die Bedingungen ihrer eigenen Existenz nicht mehr benennen. Man möchte die Architektur bewundern, aber nicht die Konflikte, die sie ermöglicht haben. Man möchte die Kirchen fotografieren, aber nicht über das Christentum reden. Man möchte den Kahlenberg als Ausflugsziel, aber nicht als historisches Symbol. Man möchte Geschichte wie Kulisse: hübsch fürs Wochenende, aber ohne politischen Nachgeschmack. Der Kahlenberg soll ein Postkartenmotiv sein, kein Erinnerungsort.

Das ist die totale Ästhetisierung der Vergangenheit. Man macht aus Geschichte ein Instagram-Filterset. Sepia. Nostalgie. Keine Gewalt, keine Feindschaft, keine Entscheidung. Und wenn doch, dann bitte als „komplexer Prozess“. Der Satz „Er rettete Wien“ ist zu direkt. Zu klar. Zu wenig ambivalent. Und Ambivalenz ist der moderne Fetisch: Nur wer sich nicht festlegt, gilt als klug. Dabei ist es oft nur Feigheit mit akademischem Parfum.

ÖVP, SPÖ, Neos und der Sockel als Parteisymbol

Die ÖVP nennt das Ganze eine „peinliche Farce“. Das ist nicht falsch, aber ausgerechnet die ÖVP als Anwalt eines Denkmals zu sehen, hat wiederum selbst etwas Farcenhaftes, weil man nie genau weiß, ob hier Geschichte verteidigt wird oder nur eine politische Gelegenheit. Denn natürlich ist das Denkmal auch ein Streitobjekt im Wiener Kleinkrieg: SPÖ-Neos-Stadtregierung gegen Opposition, Kulturpolitik gegen Symbolpolitik, „Haltung“ gegen „Hausverstand“, wobei beide Seiten jeweils behaupten, das eine zu sein und das andere zu verkörpern.

Das Problem: Wien hat sich längst daran gewöhnt, Konflikte nicht zu lösen, sondern zu verwalten. So wie man Verkehr nicht verhindert, sondern mit Schildern pflastert. So wie man Wohnungsnot nicht beendet, sondern Studien dazu veröffentlicht. So wie man Integration nicht als Realität begreift, sondern als Fördertopf. Es ist die Logik der Dauer-Entscheidungsverschiebung. Und der leere Sockel ist das perfekte Sinnbild dieser Stadtpolitik: ein Monument der Unfähigkeit, Ja oder Nein zu sagen, ein Stein gewordenes „Wir prüfen das“.

Man kann fast froh sein, dass es nur um eine Statue geht. In Wien könnte man sogar eine Revolution verschieben, indem man einen Arbeitskreis einsetzt.

Sobieski als Risiko, oder: Wie man die Vergangenheit entwaffnet, indem man sie verschweigt

Am Ende steht diese groteske Situation: Ein Mann, der nachweislich existiert hat, nachweislich eine zentrale Rolle gespielt hat, nachweislich am Ort des Geschehens relevant ist – wird nicht geehrt, weil man Angst hat, dass seine Ehrung missverstanden werden könnte. Als hätte die Stadt nicht die Aufgabe, Missverständnisse zu klären, sondern sie durch Schweigen zu vermeiden. Aber Schweigen klärt nichts. Schweigen überlässt das Feld genau jenen, vor denen man sich fürchtet: den Instrumentalisierern, den Vereinfachern, den Ideologen, den Wutverwaltern. Wenn die demokratische Mitte sich aus dem öffentlichen Raum zurückzieht, weil sie Angst hat, missverstanden zu werden, dann bleibt der öffentliche Raum irgendwann jenen, die nicht missverstanden werden wollen, sondern verstanden werden müssen.

Und genau deshalb ist dieses Denkmal kein kleines Kulturthema, sondern ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass Europa sich zunehmend unwohl fühlt mit sich selbst. Dass man aus Angst, falsch zu wirken, lieber gar nicht wirkt. Dass man sich eine Vergangenheit wünscht, die niemanden verstört. Aber eine solche Vergangenheit gibt es nicht. Es gibt nur die Entscheidung, ob man sie mit offenen Augen betrachtet oder sie wegkuratiert, bis nur noch harmlose Namen auf Straßenschildern übrig sind.

Wien sagt: Wir schätzen Sobieski. Und meint: Wir verstecken ihn. Polen sagt: Ihr seid ihm etwas schuldig. Und meint: Ihr seid euch selbst etwas schuldig. Denn wer den eigenen Sockel leer lässt, steht irgendwann selbst darauf – als Denkmal einer Epoche, die so sehr bemüht war, niemanden zu kränken, dass sie vergaß, wofür sie überhaupt stehen sollte.

Und während der Sockel am Kahlenberg weiter schweigt, übt Wien vielleicht schon die nächste große Disziplin: das Erinnern ohne Inhalt, das Gedenken ohne Gegenstand, die Geschichte ohne Geschichte. Ein Wien, das sich selbst bewahrt, indem es sich selbst entkernt. Ein Wien, das die Vergangenheit nicht mehr ablehnt, sondern sterilisiert. Und das ist, wenn man es genau nimmt, die modernste Form von Eroberung: nicht mit Kanonen, sondern mit Angst. Nicht von außen, sondern von innen.

Neutralität, die man halt so mitnimmt wie ein Gratis-Kaffee am Bahnhof

Österreich liebt seine Neutralität wie andere Menschen ihre Jogginghose: Man trägt sie mit einer Mischung aus Stolz und Bequemlichkeit, erzählt allen, wie sehr man sie schätzt, und merkt nicht einmal, wie lächerlich es wirkt, wenn man damit geschniegelt auf einer Hochzeit auftaucht. Neutralität ist bei uns keine politische Haltung, sondern ein Heimatgefühl, eine warme Decke über der Geschichte, unter der es sich herrlich schläfrig murmeln lässt: Wir sind ja eh aus allem raus. Und während man sich so rauswähnt, rollt – ganz zufällig, ganz unspektakulär, ganz „rein administrativ“ – ein Militärtransport nach dem anderen durch das Land, als wären Panzer, Munition und Logistik nur eine etwas härtere Form von Möbelzustellung. Fast 5.000 Militärtransporte ausländischer Streitkräfte in einem Jahr – das ist keine Randnotiz, das ist ein Rhythmus. Das ist nicht „gelegentlich“, das ist ein Verkehrskonzept. Das ist eine Art Autobahn-Abonnement für die geopolitische Realität, bei dem man sich einbildet, man hätte nur die Raststation gepachtet, nicht die Route freigegeben.

Und natürlich ist das alles ganz legal. Das ist das Schöne an unserer Zeit: Der moralische Kompass ist nicht mehr dafür da, um den Weg zu finden, sondern um im Kreis zu zeigen, wie sehr man sich doch orientiert. Wenn die Regierung sagt, das sei „Teil internationaler Zusammenarbeit“, dann meint sie damit: Wir lassen Dinge zu, die wir früher nicht hätten zugeben wollen, aber bitte ohne das unangenehme Gefühl, die eigene Legende beschädigen zu müssen. Internationale Zusammenarbeit ist in diesem Sinn eine Art sprachliches Schmiermittel: Es macht alles gleitfähiger, lautloser, unauffälliger. Die Neutralität bleibt dabei im Schaufenster stehen – geschniegelt, geschniegelt, geschniegelt –, während hinten im Lager die Realität mit Stahlkappenstiefeln herumtrampelt. Und wer dann fragt, ob 5.000 Militärtransporte nicht vielleicht ein bisschen viel „Neutralität“ seien, bekommt diesen Blick: den österreichischen Blick des verletzten Anstands. Als hätte man gerade behauptet, die Sachertorte sei nur ein überteuertes Schokobrot.

Das Land als Durchzugsgebiet: geopolitische Gastronomie mit Tankstellencharme

Was ist Österreich heute im großen Ganzen? Ein neutrales Alpenidyll, das sich freundlich zwischen Ost und West stellt wie ein höflicher Gastgeber, der zwei streitende Gäste bittet, doch bitte im Vorzimmer nicht zu schreien? Oder eher ein Transitkorridor, ein logistischer Flur, eine Art geopolitisches Stiegenhaus, in dem ständig jemand mit schwerem Gepäck an einem vorbeidrängt, während man entschuldigend lächelt und sagt: „Passt scho, i steh eh nur da“? Fast 5.000 Militärtransporte – das klingt nicht nach „Gastgeber“, das klingt nach „Abfertigung“. Nach einem Betrieb. Nach einer routinierten Infrastruktur, die nicht zufällig existiert, sondern weil sie gebraucht wird. Neutralität als Standortvorteil: Das ist die österreichische Spezialität. Wir sind nicht Partei, wir sind Service.

Das ist ja auch irgendwie charmant: Österreich als Dienstleister der Weltpolitik. Wir liefern nicht unbedingt die Entscheidung, aber wir liefern die Durchfahrt. Wir sind nicht unbedingt die Hand, die die Waffe hält – aber wir sind der Korridor, durch den sie kommt. Und genau darin liegt dieser schleichende Dammbruch, der so typisch österreichisch ist, dass man fast stolz darauf sein könnte: Er passiert ohne Knall, ohne Debatte, ohne dramatische Szene im Parlament. Kein politischer Moment, kein Gewissensbeben, kein „Jetzt müssen wir uns entscheiden“. Stattdessen: Formulare, Zuständigkeiten, Durchführungsverordnungen, Genehmigungen, ein bisschen Lärmschutz vielleicht, und am Ende rollt die Realität einfach durch. Österreich ist das Land, in dem selbst die Erosion geschniegelt abläuft, geschniegelt mit Unterschrift und Stempel.

Man könnte das als pragmatisch verkaufen. Man könnte sagen: Was sollen wir denn tun? Die Welt ist gefährlich, die Bündnisse sind komplex, wir sind eingebunden, wir sind verantwortlich. Und ja, natürlich ist die Welt gefährlich, natürlich gibt es Kooperation, natürlich ist Neutralität nicht dasselbe wie Isolation. Aber genau das ist der Punkt: Zwischen kluger Kooperation und schleichender Selbstaufgabe liegt eine Grenze, und die verschwimmt nicht einfach aus Versehen. Sie verschwimmt, weil es bequem ist. Weil Neutralität als Mythos zwar wunderbar klingt, aber Neutralität als tatsächliche politische Praxis unbequem wäre. Sie würde Konsequenzen verlangen. Sie würde Widerspruch erzeugen. Sie würde vielleicht sogar bedeuten, dass man einmal „Nein“ sagt – und Österreich sagt ungern „Nein“, weil „Nein“ so unfreundlich ist. Wir bevorzugen das „Ja, aber“ oder das „Schau ma mal“. Und wenn man lang genug „Schau ma mal“ sagt, hat man irgendwann schon längst alles zugelassen.

Die Kunst der offiziellen Beruhigung: Wenn Worte wie Wattebäusche fallen

Die Regierung betrachtet das als internationale Zusammenarbeit. Natürlich tut sie das. Regierungen betrachten die meisten Dinge gern als etwas, das klingt, als wäre es gut, vernünftig und unvermeidlich. Wenn morgen ein Militärflugzeug am Stephansplatz parkt, wird man vermutlich sagen, es handle sich um eine „temporäre sicherheitspolitische Maßnahme im Rahmen multilateraler Verpflichtungen“. Der Witz ist: Die Sprache ist längst nicht mehr Beschreibung, sie ist Beruhigung. Sie ist ein Beruhigungstee aus Begriffen wie „Partner“, „Abstimmung“, „Verantwortung“, „Solidarität“, „Stabilität“. Diese Wörter sind so weich, dass sie jede Kante wegbügeln. Und während der Bürger noch den letzten Schluck „Solidarität“ schlürft, ist die Neutralität längst in eine Art symbolisches Bühnenbild umgewandelt worden – hübsch anzusehen, gut für Sonntagsreden, aber völlig ungeeignet, um tatsächliche politische Entscheidungen zu tragen.

„Internationale Zusammenarbeit“ ist dabei der Joker. Es ist die Universalformel, mit der man alles rechtfertigen kann, ohne sich auf etwas Konkretes festnageln zu lassen. Zusammenarbeit mit wem? Wofür? Unter welchen Bedingungen? Mit welchen Konsequenzen? Welche Transporte? Welche Waffen? Welche Truppen? Welche strategische Bedeutung? Welche Risiken? Welche Gegenleistungen? Wo ist die demokratische Debatte, die diese Fragen nicht als störendes Gemurmel behandelt, sondern als Pflichtübung in einer Republik, die sich angeblich ernst nimmt? Aber nein, wir sind lieber das Land, in dem man die großen Fragen so stellt wie Wetterfragen: „Naja, is halt so.“ Und in diesem „is halt so“ versinkt dann alles – Verantwortung, Prinzipien, Grenzziehungen.

Die Neutralität wird zur Pose. Und Posen sind in Österreich eine Hochkultur. Wir können uns gleichzeitig moralisch erhaben und praktisch opportunistisch fühlen – das ist eine Meisterleistung, fast schon Kunst. Wir können sagen: „Wir sind neutral“, und zugleich mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks die Durchfahrt organisieren. Neutralität als Etikett, Realpolitik als Inhalt. Man hängt das Schild „Vegetarisch“ an die Speisekarte und serviert dann halt das Schnitzel – aber in dünneren Scheiben, damit niemand so genau hinschaut.

Der schleichende Dammbruch: eine Katastrophe im Zeitlupentempo mit freundlichem Servicepersonal

Ein Dammbruch ist normalerweise spektakulär. Wasser, Lärm, Chaos, Dramatik. In Österreich ist der Dammbruch eine Verwaltungsreform. Er kommt nicht mit einem Knall, sondern mit einem PDF. Er hat keinen Sturm, sondern eine Pressenotiz. Und er ist so sanft, so kontrolliert, so „vernünftig“, dass man ihn erst bemerkt, wenn man schon knietief in der neuen Realität steht und sich fragt, seit wann eigentlich alles so feucht geworden ist.

Fast 5.000 Militärtransporte sind kein Einzelfall, keine Anomalie, kein „Ausreißer“. Das ist ein System. Das ist Normalisierung. Und Normalisierung ist das gefährlichste aller politischen Werkzeuge, weil sie so unsichtbar ist. Sie arbeitet nicht mit Gewalt, sondern mit Gewöhnung. Am Anfang ist es ein Ausnahmefall. Dann eine notwendige Anpassung. Dann eine Routine. Und irgendwann ist es so selbstverständlich, dass jeder, der es problematisiert, wirkt wie ein hysterischer Traditionalist, der sich an etwas klammert, das „nicht mehr zeitgemäß“ sei. Neutralität? Ach komm. Das ist doch nur ein historisches Relikt, ein sentimentaler Exportartikel, ein bisschen Folklore, so wie Tracht, nur ohne die schönen Knöpfe.

Man muss sich das einmal vorstellen: 5.000 Transporte – das sind im Schnitt mehr als ein Dutzend pro Tag. Natürlich, nicht jeder Tag ist gleich, natürlich gibt es Häufungen, natürlich ist Statistik nicht gleich Gefühl. Aber die Größenordnung ist eine politische Aussage. Und die Aussage lautet: Österreich ist nicht draußen. Österreich ist mittendrin, nur ohne es sich einzugestehen. Man könnte sagen: Wir haben uns eine Neutralität gebaut, die so flexibel ist, dass sie praktisch jede Form annehmen kann – sogar die Form eines NATO-LKW-Konvois.

Und jetzt kommt der zynische Punkt: Das ist nicht einmal zwingend böse gemeint. Es ist einfach österreichisch. Es ist die Logik eines Landes, das gelernt hat, dass man am besten überlebt, wenn man möglichst selten klare Kanten zeigt. Neutralität war einmal eine Strategie. Heute ist sie ein Markenname. Und Markennamen sind dafür da, ein Gefühl zu verkaufen, nicht eine Verpflichtung einzuhalten.

Neutralität als Selbstbild: das nationale Beruhigungsmärchen

Österreichs Neutralität ist weniger ein juristischer Status als eine psychologische Stütze. Sie erlaubt es uns, die Welt so zu betrachten, als wäre sie ein Theaterstück, bei dem wir zufällig im Publikum sitzen – ein bisschen betroffen, ein bisschen interessiert, aber grundsätzlich unbeteiligt. Und wenn dann die Militärtransporte über die Bühne rollen, dann sagen wir: „Das ist doch nur die Kulisse.“ Dabei sind wir längst Teil der Inszenierung, nur spielen wir eine Nebenrolle: die der diskreten, zuverlässigen Durchgangsstation.

Das Selbstbild der Neutralität erfüllt mehrere Zwecke. Es macht uns moralisch komfortabel. Es erlaubt uns, bei Konflikten mitfühlend zu sein, ohne uns schmutzig zu machen. Es gibt uns eine Identität, die größer ist als unsere tatsächliche politische Schlagkraft. Neutralität ist unsere Art, bedeutend zu sein, ohne entscheiden zu müssen. Und genau deswegen ist es so schwer, darüber ehrlich zu reden. Denn wer die Neutralität kritisiert, kratzt nicht an einer politischen Doktrin, sondern an einem nationalen Kuscheltier.

Und wehe dem, der es tut. Dann kommt der Reflex: Empörung, Abwehr, dieses typische österreichische „Na geh“, als wäre Kritik an Neutralität eine Art Majestätsbeleidigung. Dabei ist es geradezu grotesk, wie selektiv dieses Neutralitätsverständnis geworden ist. Neutralität wird beschworen, wenn es darum geht, nicht zu viel zu riskieren. Sie wird relativiert, wenn es darum geht, mitzumachen. Sie wird gefeiert, wenn man sich gut fühlen will. Und sie wird vergessen, wenn sie unbequem wird. Das ist keine Neutralität. Das ist ein Multifunktionsbegriff.

Wenn Kooperation zur Ausrede wird: Moral als Nebensache der Logistik

Natürlich kann man argumentieren: Militärtransporte bedeuten nicht automatisch Kriegsbeteiligung. Ein Transit ist kein Angriff. Ein Durchmarsch ist nicht dasselbe wie ein Bündnis. Das stimmt formal. Aber genau das ist die Falle der modernen Politik: Man kann sich in Formalitäten so lange einrichten, bis man glaubt, das Gewissen sei eine juristische Kategorie. Und dann wird die moralische Frage zur technischen Frage: War alles genehmigt? Wurden die Regeln eingehalten? Gab es diplomatische Absprachen? Und wenn ja, dann ist alles gut – so wie ein Bauprojekt „in Ordnung“ ist, wenn es einen Bescheid gibt, auch wenn es die halbe Stadt verschandelt.

Kooperation ist nicht per se falsch. Aber Kooperation ohne Transparenz, ohne Debatte, ohne klare Grenzen ist keine Kooperation, sondern Anpassung. Und Anpassung ist in Österreich eine Art zweite Staatsreligion. Wir passen uns an, wir sind flexibel, wir sind „pragmatisch“. Das klingt immer so vernünftig – bis man merkt, dass Pragmatismus oft nur ein anderes Wort für Prinzipienlosigkeit ist, wenn er nicht von einem klaren Wertefundament getragen wird.

Und hier stellt sich die zentrale Frage: Was bedeutet Neutralität noch, wenn sie faktisch zu einem Durchfahrtsrecht für militärische Infrastruktur anderer wird? Ist Neutralität dann nur noch das Recht, sich selbst dabei zuzusehen, wie man die Neutralität abbaut? Ein Museum, in dem man die eigene Haltung ausstellt, während draußen die Realität längst neue Wege fährt – durch unser Land, über unsere Straßen, unter unseren Brücken, durch unsere Täler?

Österreich, das Land der guten Ausreden: geopolitische Unschuld als Exportgut

Wir sind Weltmeister im Unschuldsmarketing. Wir verkaufen uns gern als Ort der Vermittlung, des Dialogs, des Friedens. Wien als Konferenzstadt, als diplomatische Bühne, als neutraler Boden. Und ja, es stimmt: Diplomatie ist wichtig. Neutralität kann ein Gewinn sein, wenn sie ernst genommen wird. Aber das Problem ist: Wir wollen den Glanz der Neutralität, ohne die Mühen der Neutralität. Wir wollen die internationale Aura, aber nicht die internationale Reibung. Wir wollen als Friedensnation gelten, aber gleichzeitig die Vorteile der Einbindung genießen. Wir wollen moralisch hoch stehen, aber bitte auf einem Podest, das von anderen gezimmert wird.

Es ist fast schon tragikomisch: Wir sind neutral wie ein Schiedsrichter, der nicht pfeift, aber die Kabine einer Mannschaft putzt. Wir sind neutral wie ein Kellner, der behauptet, er sei nicht Teil des Streits, während er einem Gast ständig das Messer nachschärft. Und wenn man das anspricht, kommt die große österreichische Empfindlichkeit: Wie kann man nur! Wir sind doch so brav, so ordentlich, so friedlich. Ja. Und genau deshalb sind wir so nützlich. Die Welt liebt Länder, die brav sind – weil sie sich gut verwenden lassen.

Der schleichende Dammbruch ist also nicht nur eine Frage von Zahlen, sondern von Haltung. 5.000 Transporte sind ein Symbol dafür, dass Neutralität nicht mehr als Grenze verstanden wird, sondern als rhetorische Dekoration. Man kann nicht gleichzeitig stolz auf Neutralität sein und sie in der Praxis behandeln wie eine nostalgische Briefmarke. Entweder ist sie ein Prinzip, das Konsequenzen hat – oder sie ist eine Geschichte, die man sich erzählt, damit man nachts besser schläft.

Die Pointe, die keine sein sollte: Neutralität als Kabarettprogramm

Am Ende bleibt dieses typisch österreichische Gefühl: ein bisschen Tragik, ein bisschen Komik, ein bisschen Selbstbetrug – und immer diese großartige Fähigkeit, alles mit einem Augenzwinkern zu ertragen, selbst wenn es eigentlich ein Grund wäre, ernst zu werden. Österreich ist ein Land, das politische Entwicklungen gern in kabarettistischem Tonfall verarbeitet, weil Ernsthaftigkeit so unerquicklich wirkt. Und so könnte man die 5.000 Militärtransporte auch als neues Nationalstück verstehen: Die Neutralität fährt durch, aber keiner weiß, wohin.

Vielleicht ist das der Kern der Sache: Wir haben aus Neutralität ein Bühnenbild gemacht. Es steht da, es sieht gut aus, es gehört irgendwie dazu. Und hinter den Kulissen wird längst anders gespielt. Die Regierung nennt es internationale Zusammenarbeit, und wahrscheinlich glaubt sie sogar, das sei eine sachliche Beschreibung. Aber es ist vor allem eine Beruhigung. Denn wenn man es beim Namen nennen würde, müsste man darüber reden, was man eigentlich will: Neutralität als ernsthafte Verpflichtung – oder Neutralität als sentimentales Accessoire, das man am Revers trägt, während die Militärtransporte vorbeirauschen wie ein ständiges, metallisches Erinnern daran, dass Geschichte nicht fragt, ob man gerade Zeit für Prinzipien hat.

Und vielleicht ist das die zynischste Erkenntnis: Der Dammbruch ist nicht einmal ein Skandal, weil er keiner sein will. Er ist ein Verwaltungsakt mit Patriotismusflair. Eine Normalität mit Alpenpanorama. Ein „Passt schon“ mit schwerem Gerät. Und das ist so österreichisch, dass man fast lachen muss – wenn es nicht so unerquicklich wäre, dass einem das Lachen manchmal im Hals stecken bleibt.