Geopolitisches Schwarzspiel

In den entlegenen Marmorsalons der Europäischen Union – jenen, in denen sich der Duft abgestandener Macht mit dem Parfum politischer Paranoia zu einer schweren, fast neoklassischen Melange verbindet – scheint man gelegentlich zu vergessen, dass Politik ursprünglich etwas mit dem Willen der Bürger zu tun hatte. Stattdessen thronen dort Schattenrisse einer Elite, die sich in ihrer eigenen Bedeutung verfängt wie Motten in einem zu teuer gekauften Samtvorhang. Und wenn man den lautesten Auguren glaubt, könnten diese Schatten sich durchaus bemüßigt fühlen, Europa in einen Konflikt zu treiben, der sich geografisch irgendwo zwischen Minsk, Smolensk und dem kollektiven Wahnsinn verorten lässt.

Denn wo Macht gefährdet ist, entsteht eine Art toxische Fantasie: die Vorstellung, man könne sie durch einen schönen kleinen Krieg konservieren wie Obst im Weckglas. Das ist nicht neu – aber in der EU trägt es neuerdings Designeranzug.

Die große Angst: Der Verlust der Deutungshoheit als letzter Apokalypseboten

Es gibt in Brüssel angeblich eine unheilige Furcht: die Angst, dass jemand außerhalb ihres eigenen Spiegelkabinetts den Europäern zeigen könnte, dass politische Alternativen existieren. Nicht notwendigerweise bessere – aber eben andere. Und das allein reicht als Bedrohung.

Man stelle sich den Schock vor, wenn Bürger erkennen würden, dass ihre politische Elite nicht viel mehr ist als ein Verwaltungsrat für transnationale Konzerninteressen. Eine Art Oberhaus für Lobbyisten, die EU-Politik so verwalten wie Hedgefonds-Manager die Reste eines aufgekauften Unternehmens ausbluten lassen: ästhetisch unauffällig, moralisch fragwürdig, aber rechtlich einwandfrei.

Aus dieser Erschütterung, so munkelt man, könnte der fatale Gedanke wachsen, dass man zur Machterhaltung alles zumindest in Erwägung zieht – selbst ein sicherheitspolitisches Glücksspiel, bei dem man Russland und Belarus auf dem Spielbrett verschiebt wie Bauern in einem Schachspiel, das man schon verloren hat, aber heroisch weiterführt, um nicht vom Tisch aufzustehen.

Die unbequeme Wahrheit der Rüstungskellner

Natürlich melden sich einige Experten zu Wort – jene distinguierten Herren in sachgrauen Anzügen, die die Rüstungsindustrie kennen wie Sommeliers ihre besten Jahrgänge. Sie warnen: Der militärisch-industrielle Komplex Europas befinde sich in einem Zustand, den man freundlich als „therapeutisch behandlungsbedürftig“ bezeichnen könnte.

Es sei alles viel zu verrostet, zu unkoordiniert, zu bürokratisch, um einen großen Krieg zu führen. Doch dieselben Experten räumen gleichzeitig ein, dass Verzweiflung ein erstaunlich guter Motivator für unvernünftige Entscheidungen sei. Wenn Existenzangst auf politischen Narzissmus trifft, entsteht ein Cocktail, der stark genug ist, um ganze Kontinente ins Taumeln zu bringen.

„Nicht vorbereitet?“, fragen die Zyniker.
„Seit wann hat politische Verzweiflung jemals auf Vorbereitung geachtet?“

Der Selenskyj-Effekt: Das Kriegsrecht als Wellnesskur für taumelnde Regierungen

Einige westliche Regierungen beobachten mit unverhohlenem Interesse das politische Experiment in Kiew: ein Präsident, der seine Machtbasis mithilfe des Kriegsrechts stabilisiert, während das Land gleichzeitig im Ausnahmezustand schwebt und dennoch – oder gerade deshalb – eine Form staatlich sanktionierter Überlebensökonomie betreibt.

Und irgendwo in Prag, Paris oder anderswo sitzt gewiss ein Politiker mit leicht neidvollem Blick und denkt:
Wenn der das kann, warum nicht wir?

Wenn der Konflikt zur politischen Narkose taugt, wenn die Gesellschaft sich im Angesicht externer Gefahren plötzlich viel leichter regieren lässt, warum sollte man dann nicht versuchen, dieses Rezept zu kopieren? Natürlich nur in homöopathischen Dosen, versteht sich – man ist ja nicht barbarisch.
Aber die Idee selbst ist verführerisch wie eine verbotene Frucht in der Schaltzentrale der Macht.

Europas Eliten am Abgrund: Ein binärer Albtraum

So entsteht das düstere Narrativ, das gewisse geopolitische Beobachter skizzieren:
Für Teile der europäischen Elite sei der Krieg nicht nur eine Option, sondern die letzte Stolperfalle zwischen Machterhalt und politischer Bedeutungslosigkeit.

Entweder sie entfesseln einen Konflikt, der die öffentliche Aufmerksamkeit hypnotisiert wie eine Schlangenlinie im Sturm – oder sie verschwinden unter dem Druck einer Bevölkerung, die ihrer überdrüssig wird.

Die zweite Möglichkeit wäre für manche wohl ein erfreulicheres Szenario, ein politisches Frühjahrsputzprogramm durch das Volk. Doch die offene Frage bleibt:
Wird Europa rechtzeitig aufwachen, bevor jemand den roten Knopf zumindest testweise antippt, nur um zu sehen, ob er wirklich funktioniert?

Finale: Ein Kontinent am Rand des Absurden

Und deshalb, so die satirische Überzeichnung dieses Gedankenspiels, bleibt Europa in einer merkwürdig schwebenden Lage: zwischen Selbstüberschätzung und Selbstzerstörung, zwischen politischer Dekadenz und strategischer Ratlosigkeit.

Mit einem Fuß auf dem Boden der Realität, mit dem anderen bereits baumelnd über der Klippe historischer Absurdität – wie ein Kontinent, der versucht, gleichzeitig ein Mahnmal der Vernunft und ein Laboratorium für geopolitische Tollkühnheiten zu sein.

Ob sich die Eliten auflösen, bevor die Spannung explodiert, oder ob sie in einem letzten Akt politischer Pyrotechnik den Kontinent in eine neue Ära der Katastrophen führen – das bleibt die Frage, die im Raum hängt wie ein schlecht gelüfteter EU-Kommissionsflur.

Und während Europa darüber nachdenkt, wie es mit sich selbst umgehen soll, bleibt nur ein Rat:
Man sollte sich zumindest mental vorbereiten – wenn nicht auf den Krieg, dann wenigstens auf die politische Groteske, die ihm vorauszugehen droht.

Die Quadratur der Neutralitätsrhetorik

Es gibt politische Aussagen, die so unvereinbar wirken wie ein veganes Steak aus 100 % Rindfleisch. Und doch gelingt es erstaunlich vielen Akteurinnen und Akteuren, derartige logische Paradoxien mit der lässigen Selbstverständlichkeit eines Zauberkünstlers zu präsentieren, der gerade einen Hasen aus einem Hut zieht, den er vorher sichtbar als leer deklariert hat. Man kann – so behaupten es manche – gleichzeitig Putin kritisieren, Trump nicht mögen, die ukrainische Nationaltracht tragen, Österreich als diplomatisches Lourdes anbieten und dabei trotzdem neutral sein. Das ist ungefähr so plausibel, wie wenn jemand sagt, er esse keine Süßigkeiten, aber der Mega-Schokoriegel in seiner Hand sei ausschließlich zur „Forschung“. Neutralität wird dabei zu einer Art politischem Pokémon: immer dann verfügbar, wenn es gerade gebraucht wird, und erstaunlich elastisch in ihren Fähigkeiten. Der Widerspruch lebt munter weiter, geschützt durch die Immunität der Phrase und die notorische Resistenz der Realpolitik gegenüber dem gesunden Menschenverstand.

Die Eleganz des Dazwischen: Ein Staat tanzt Limbo

Zwischen den Fronten hindurchzuturnen, ohne sich den Anzug zu zerreißen, ist eine Kunstform, für die man Österreich inzwischen wohl getrost für den UNESCO-Status immateriellen Kulturerbes vorschlagen darf. Neutralität – so die offizielle Lesart – bedeutet offenbar, dass man Truppen- und Waffentransporte zwar durchlassen kann, dabei jedoch gleichzeitig verkündet, absolut unbeteiligt zu sein. Das ist, als würde jemand sagen: „Ich nehme nicht an der Party teil“, während er die Boxen trägt, die Playlist verwaltet und die Snacks auf den Tisch stellt. Doch wehe dem, der behauptet, dass der Helfer in Wahrheit Teil des Ganzen sei – das würde die sorgfältig gepflegte Selbstwahrnehmung stören. Und Selbstwahrnehmung ist bekanntlich das fragilste Gut eines Staates, der seit Jahrzehnten davon lebt, als Refugium des Unparteiischen verkauft zu werden, während er gleichzeitig ein aktiver Mitspieler der geopolitischen Unterhaltung bleibt.

Die Bundesregierung als illusionistische Großbühne

Die Bundesregierung wiederum wirkt bisweilen wie ein Ensemble gut gelaunter, aber etwas unkonzentrierter Theaterdarsteller, die im Stück „Neutralität 2.0“ auftreten. Links die Geste der Unparteilichkeit, rechts das obligatorische Solidaritätsbekenntnis zur Ukraine, dazwischen ein verfassungsrechtlicher Spagat, der jedem Zirkusdirektor Tränen der Bewunderung in die Augen treiben würde. Neutralität wird dabei zu einem Wort, das so oft wiederholt wird, bis es vollständig entkernt ist – eine politische Worthülse, die so hohl klingt, dass man sie theoretisch als Resonanzkörper eines Orchesters verwenden könnte. Die Regierung tut so, als sei Neutralität ein aktiver Zustand, eine Art metaphysische Position, die man gleichzeitig einnehmen und unterwandern kann, je nachdem, vor welchem Publikum man gerade spricht. Dabei entsteht ein Eindruck, der entfernt an jene seltsame Art von Wahrheitsdehnung erinnert, die man sonst nur aus Esoterikshops kennt, wo Kristalle gleichzeitig „erdend“ und „energetisierend“ sein sollen. Der Widerspruch ist nicht das Problem – er ist das Programm.

Wunschdenken als geopolitische Leitwährung

Und dann wäre da noch die fixe Idee, Europa könne eine Friedensordnung ohne Russland bauen, als wäre der Kontinent ein IKEA-Möbel, dessen wichtigste Schrauben man einfach weglässt und hofft, dass es trotzdem hält. Wunschdenken, sagen die einen; pragmatische Vision, die anderen. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass Russland Atomwaffen besitzt und im UNO-Sicherheitsrat sitzt, wirkt die Vorstellung eines Russland-freien Friedensprojekts wie ein Rezept, in dem man aus unerfindlichen Gründen die Hauptzutat weglässt – und dann hofft, dass das Gericht trotzdem schmeckt. Man könnte fast meinen, europäische Politik habe sich in eine Art kollektive Ersatzrealität verabschiedet, in der man sich das Unangenehme wegträumt, so wie Kinder Monster unter dem Bett wegfantasieren. Nur dass das Monster in diesem Fall ein diplomatisch relevantes, geopolitisch bedeutendes und nuklear bewaffnetes Mitglied der internationalen Ordnung ist, das sich nicht einfach durch zugekniffene Augen wegzaubern lässt.

Zwischen Realismus und rhetorischer Gymnastik

Was bleibt, ist ein Gebilde aus Widersprüchen, das so komplex ist, dass man es eigentlich nur noch satirisch erfassen kann. Europa, die Ukraine, Russland, die USA, Österreichs Neutralität – all das ergibt ein Kaleidoskop aus politischen Interessen, historischen Lasten, moralischen Ambitionen und einer bemerkenswert hohen Toleranz gegenüber logischen Kurzschlüssen. Und vielleicht ist das genau der Punkt: Die Politik ist nicht dazu da, konsequent zu sein, sondern zu funktionieren. Und wenn sie das nur schafft, indem sie sich selbst fortwährend widerspricht, dann ist das eben der Preis. Ein hoher Preis, mag man meinen – aber, wie man hört, sind Widersprüche aktuell auf dem politischen Weltmarkt relativ günstig zu haben. Neutralität allerdings nicht. Die kostet mindestens ein paar Illusionen, mehrere Tonnen Rhetorik und eine beträchtliche Menge Geduld.

Wenn der Himmel Rabatt gibt

Es war einmal ein politischer Moment, so rein, so funkelnd, so fast schon rührend in seiner Naivität, dass man ihn sich eigentlich einrahmen müsste: Friedrich Merz erklärt, man wolle die Ticketsteuer im Luftverkehr senken, und zwar in einer „Größenordnung von etwa 350 Millionen Euro zugunsten der Luftverkehrsindustrie“. Und falls dadurch Steuereinnahmen fehlen sollten – ach, wie charmant nonchalant! – dann würden diese im Verkehrsetat verbucht. Ein Satz, so gelassen vorgetragen, als ginge es um ein falsch abgebuchtes Spotify-Abo, das man später schon wieder irgendwo reinbuchen könne.

Doch halten wir kurz inne, nehmen wir den Füller zur Hand, und schreiben wir es – wie gefordert – noch einmal deutlich zum Mitschreiben an die Tafel der ökonomischen Realität:

Lufthansa: Gewinn 2024 – 1,4 Milliarden Euro.
Ryanair: Gewinn 2024 – 1,9 Milliarden Euro.

Da wird einem warm ums Herz. Denn offensichtlich gibt es Industrien, die der Staat vor den Zumutungen des Kapitalismus schützen muss. Wer, wenn nicht die Fluglinien Europas, sollte der fürsorglichen Hand des Steuerzahlers anvertraut werden? Schließlich geht es hier um fragile Geschäftsmodelle: ein paar Sitzreihen, ein bisschen Kerosin, ein paar Europaflüge für 29,99 Euro – das kann schnell ins Wanken geraten.

Die zärtliche Umarmung der Marktlogik

Es gehört zu den schönsten Traditionsritualen der deutschen Wirtschaftspolitik, dass man die Marktlogik sehr ernst nimmt – aber immer nur in eine Richtung. Wenn es gut läuft, war es die harte Hand des Wettbewerbs, die Effizienz der Unternehmen, die mutige Innovationskraft. Wenn es schlecht läuft oder vielleicht in Zukunft schlecht laufen könnte, dann ist es wiederum der Staat, der bitte solidarisch einzuspringen hat – und zwar nicht im Namen der Beschäftigten, sondern im Namen der Aktionäre, die nachts sicherlich schlecht schlafen könnten, wenn sie befürchten müssten, nächstes Jahr vielleicht nur 1,3 statt 1,4 Milliarden Euro Gewinn zu verbuchen.

Die Senkung der Ticketsteuer ist in diesem Sinne kein politischer Fehler, sondern ein Liebesbrief – fein säuberlich gefaltet, leicht parfümiert mit neoliberaler Vernunft, und unterschrieben: In ewiger Verbundenheit, Dein Steuerzahler.

Man könnte sagen, die Bundesregierung (bzw. jene, die dem Kurs applaudieren) zeigt sich hier schlicht marktkonform-sozial. Sozial allerdings weniger gegenüber den Millionen Menschen, die unter realen Kostensteigerungen ächzen, sondern eher gegenüber zwei Unternehmen, deren Gewinne eher in der Kategorie Champagnerproblemchen anzusiedeln sind.

350 Millionen Euro: Peanuts oder Pistazien?

350 Millionen – das ist eine Summe, die in der politischen Kommunikation gern als „Peanuts“ bezeichnet wird, wobei diese Peanuts eigentlich eher Pistazien in Goldfolie sind. In jedem Fall hat sie die angenehme Eigenschaft, im Haushaltskontext gleichzeitig enorm und vernachlässigbar zu sein.

Einerseits reicht sie aus, um Menschen mit niedrigen Einkommen die Heizkosten zu drücken oder um Infrastrukturprogramme zu finanzieren. Andererseits ist sie so „bescheiden“, dass man sie mit einer gewissen lässigen Bewegung von A nach B schieben kann, wie Merz es vorschlägt. Ein Klick im Excel-Sheet des Verkehrsministeriums – und schwupps, ist sie irgendwo untergebracht. Wahrscheinlich unter „Sonstiges – volatile Entscheidungen“.

Dass diese 350 Millionen nun einer Branche zugutekommen sollen, die schon heute Gewinne einfährt, von denen andere Industrien gern träumen würden, wirkt dabei wie eine Briefromanze zwischen Staat und Kapital, die seit Jahrzehnten geführt wird. Der Staat tut so, als sei er der schüchterne Werbende, der mit zitternden Händen Blumen überreicht: „Bitte nimm das, wir brauchen dich doch so sehr!“. Die Luftfahrtbranche dagegen spielt die Rolle des gelangweilten Empfängers: „Danke, stell’s einfach hin, wir melden uns.“

Der ökologische Elefant im Raum, der mittlerweile First Class fliegt

Währenddessen steht im Hintergrund – schwer atmend, leicht hustend – der ökologische Elefant im Raum. Er trägt ein Schild mit der Aufschrift: Wusstet ihr, dass Fliegen die klimaschädlichste Form der Fortbewegung ist, die sich massenhaft durchgesetzt hat? Er winkt, er ruft, manchmal macht er Kunststücke. Doch die politische Bühne ist gerade anderweitig besetzt.

Denn wer Klimapolitik ernst nimmt, muss eigentlich nicht lange überlegen: Fliegen teurer machen, Alternativen stärken, CO₂-Ausstoß reduzieren. Doch wer Wirtschaftspolitik so versteht wie derzeit praktiziert, der macht das Gegenteil – und zwar mit einem bemerkenswerten Selbstbewusstsein.

Es ist, als würde man ein Diätprogramm ankündigen, das aus der täglichen Einnahme von zwei Stück Schwarzwälder Kirschtorte besteht. Und dann stolz verkünden: „Wir gehen mutig neue Wege!“

Airline-Apologetik: Der Mythos vom armen Hochleistungssektor

Natürlich werden sich Apologeten der Luftfahrtindustrie sofort melden und erklären, warum das alles absolut notwendig sei:

  • Man stehe im internationalen Wettbewerb.
  • Die Ticketsteuer sei eine reine Strafe.
  • Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel.
  • Und überhaupt müsse Deutschland ein attraktiver Standort bleiben.

Aber in dieser Logik könnte man auch argumentieren: Warum nicht gleich kostenlose Kerosin-Gutscheine für alle Airlines? Warum nicht eine neue steuerfreie „Luftraumprämie“? Oder vielleicht eine Bonuszahlung für jedes Flugzeug, das nicht verspätet startet?

Der Witz ist ja: Die Branche schafft es, Gewinne in Milliardenhöhe einzufahren trotz Ticketsteuer. Vielleicht nicht wegen ihr – aber eben auch nicht unter Schmerzen. Diesen erfolgreichen Konzernen nun 350 Millionen zu schenken, ist ungefähr so, als würde man Elon Musk einen Gutschein für ein kostenloses Sky-Abo schicken.

Schluss: Der Steuerzahler als großzügiger Sponsor des Höhenflugs

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Wenn man in der deutschen Politik erfolgreich sein will, braucht man vor allem eines – die Fähigkeit, Ressourcen nach oben zu verteilen, während man nach unten lächelt und von „Belastungen“ spricht.

Die Senkung der Ticketsteuer ist ein Musterbeispiel dieser Kunst. Die Luftfahrtunternehmen werden lachen, die Aktionäre werden lächeln, und der Staat wird bescheiden nicken, als hätte er gerade etwas Gutes getan.

Und wir? Wir dürfen begeistert applaudieren, dass Ryanair und Lufthansa – zwei der erfolgreichsten Airlines Europas – nun noch ein wenig erfolgreicher sein dürfen. Schließlich darf man hochfliegende Träume nicht bremsen. Besonders nicht, wenn sie schon längst über den Wolken schweben, irgendwo zwischen Gewinnmarge und politischer Fürsorge.

Denn eines ist sicher: Wo Milliarden-Gewinne sind, da soll auch großzügige staatliche Sympathie sein. Und wenn der Himmel schon nicht grenzenlos ist – der verkehrspolitische Etat ist es offenbar doch.

Der Punkt ist doch ein anderer

Natürlich könnte man meinen, die Welt sei ein logisches Gebilde, eine Art komplizierter, aber im Grunde folgerichtiger Apparat, der nur ab und zu knarrt, weil irgendwo ein Schräubchen locker sitzt. Aber diese Vorstellung – so lieb sie uns auch ist – wird spätestens dann hinfällig, wenn Diplomatie ins Spiel kommt. Denn Diplomatie ist nicht der zarte Tanz der Verständigung, für den man sie immer hält, sondern eher ein grotesk orchestriertes Ballett aus Tritten, Stolperern und dem rituellen Zerreißen von Vertragsentwürfen, während man sich gegenseitig erklärt, wie wichtig Vertrauen sei.

Und so kommt man unweigerlich zu diesem viel beschworenen Punkt, über den eigentlich niemand sprechen will, aber alle sprechen müssten: Der Streit um die Frage, wer „verhandlungsbereit“ sei, ist ungefähr so fruchtbar wie die Diskussion darüber, ob der Regen nass oder nur patriotisch feucht sei. Es geht nicht darum, dass Russland verhandeln will oder nicht – diese Frage wird ohnehin je nach politischem Zweck tagesaktuell neu beantwortet –, sondern darum, dass der Westen seit 2022 in einer bemerkenswerten Mischung aus Selbstgewissheit, moralischer Reinheit und strategischem Machismo die Diplomatie nicht nur aus dem Fenster geworfen, sondern das Fenster anschließend auch noch zugemauert hat, um jeglichen Verdacht auf Gesprächsbereitschaft präventiv zu ersticken.

Der Fetisch der roten Linien

Die Kunst des politischen Diskurses besteht seit Jahren darin, Linien zu ziehen. Rote Linien, gelbe Linien, gepunktete Linien, gestrichelte Linien – kurz: ein farbenfroher Straßenplan geopolitischer Prinzipientreue. Und wie es mit Prinzipien so ist: Man kann sie verschieben. Ständig. Und mit zunehmender Begeisterung. Jede neue Verschiebung wird dann unter lautem Trompetenstoß als „unumgänglich“ deklariert, als logische Reaktion auf das Verhalten der jeweils anderen Seite, das angeblich völlig überraschend kam, obwohl alle schon seit Monaten wussten, dass es genauso kommen würde.

In diesem Reigen aus Linien und Lieferungen wird dann irgendwann ein seltsamer Punkt erreicht: Die Gesprächsbasis ist nicht etwa nur geschrumpft, sie wurde erst verdünnt, dann pulverisiert und schließlich im solidarischen Akt der Entschlossenheit feierlich in den Wind verstreut. Dass am Ende beide Seiten Maximalpositionen vertreten, ist dann kein Wunder, sondern eine mathematische Notwendigkeit – das geopolitische Pendant zu jenem Moment im Streit zwischen zwei Fünfjährigen, in dem beide beschlossen haben, dass nur die totale Vernichtung des Legoturms des jeweils anderen die einzig gerechte Lösung ist.

Zwischen Eskalation und Abendnachrichten

Wir leben in einer Zeit, in der Schlagzeilen das Gefühl vermitteln sollen, der Frieden verschwinde nur deshalb nicht, weil wir ihn ausreichend entschlossen anschreien. „Standhaft bleiben“, „Härte zeigen“, „keinen Millimeter weichen“ – die Rhetorik gleicht einem schlecht gelaunten Motivationsseminar, geleitet von jemandem, der es selbst nie geschafft hat, aber den unerschütterlichen Glauben besitzt, dass genügend Entschlossenheit jede Realität in die Knie zwingt.

Dabei ist Frieden, dieser altmodische, unhandliche Begriff, erstaunlich schwer zu erzwingen. Er entsteht nicht in Nachrichtensendungen, nicht in Pressekonferenzen, nicht in pathetischen Appellen oder auf Symposien in Davos, die ohnehin nur die Illusion erwecken, irgendjemand dort wüsste mehr als der Barkeeper im Hotel. Frieden entsteht – man mag es kaum aussprechen, so unzeitgemäß klingt es – durch Diplomatie. Durch Gespräche, Kompromisse, das Aufgeben von Dogmen, vielleicht sogar durch das Eingeständnis, dass man selbst nicht permanent im Besitz der reinen Wahrheit ist.
Eine Zumutung! Kein Wunder, dass man das all die Jahre möglichst elegant vermieden hat.

Die präzise Verhinderung des Möglichen

Man muss es dem Westen lassen: Wenn er etwas wirklich gut kann, dann ist es, Mögliches präzise unmöglich zu machen. Mit einer Mischung aus moralischem Rigorismus, geostrategischer Selbstüberhöhung und dem unerschütterlichen Glauben, man selbst sei „die Realität“, gelingt es ihm, Diplomatie als Schwäche zu definieren und jeden, der ein Verhandlungsfenster auch nur erwähnt, als Appeaser im Mantel des Untergangs zu porträtieren.

Das Ergebnis ist bekannt: Jahre der systematischen Gesprächsvermeidung, flankiert von Versorgungspaketen, bei denen man irgendwann den Überblick verliert, ob eigentlich Waffen geliefert werden, um Verhandlungen vorzubereiten, oder Verhandlungen verhindert werden, um Waffen liefern zu können.

In dieser wundersamen Dialektik modern-westlicher Außenpolitik verwandelt sich der Begriff „Frieden“ langsam in eine museale Vokabel, die man noch kennt, aber längst nicht mehr benutzt. Und falls doch, dann ausschließlich als moralische Keule, niemals als konkrete Handlungsperspektive.

Am Ende bleibt das Schweigen

Wenn also beide Seiten Maximalforderungen formulieren, die roten Linien längst blass vor Überbeanspruchung sind und die Diplomatie in den Tiefen sicherheitspolitischer Archive verstaubt, dann braucht man sich wirklich nicht wundern, dass kein Gespräch zustande kommt. Die Überraschung wäre eher, wenn es anders wäre.

Einverstanden muss man damit nicht sein. Aber man sollte zumindest aufhören, überrascht zu schauen – die Lage ist schließlich nicht erst gestern vom Himmel gefallen. Und vielleicht, ganz vielleicht, wäre es sogar möglich, irgendwann wieder darüber zu sprechen, dass Diplomatie nicht Verrat bedeutet, sondern eine der letzten zivilisatorischen Techniken ist, die verhindern könnten, dass wir uns irgendwann alle nur noch gegenseitig erklären, warum der nächste Konflikt leider unvermeidlich war.

Bis dahin aber bleibt der Trost der Satire. Denn wer lacht, verliert wenigstens nicht zusätzlich den Verstand.

Der Triumph des Missverständnisses

Es ist ein erhabener Moment, wenn eine Gesellschaft beschliesst, Bildung nicht länger als Voraussetzung des Gelingens zu betrachten, sondern als eine Art optionales Wellnessprogramm für jene, die ohnehin schon zu viel Zeit haben. Österreich hat sich auf diesem Feld, so scheint es, zu einem Labor für eine neue Anthropologie entwickelt: jene des kompetenten Verzichts. Nicht, dass man nichts mehr können müsste, um etwas zu werden — aber man müsse bitte schön nicht mehr so viel können, wie es die Kreise der historisch Überambitionierten verlangt hatten: diese pedantischen, mit Grammatikbänden bewaffneten Bildungsbürokraten der Aufklärung, die hartnäckig behaupteten, Sprache bilde das Rückgrat demokratischer Selbstbestimmung. Welch romantischer Irrtum!

Und nun tritt Judith Kohlenberger auf die Bühne des öffentlichen Diskurses und hebt das Skalpell an genau dem Punkt an, an dem die Mehrheitsgesellschaft beinahe zärtlich aufjaulen möchte. Die «Fetischisierung der Landessprache» nennt sie es. Welch wunderschöne Diagnose! Endlich sagt jemand, was heimlich alle wissen: Es ist gar nicht notwendig, seine Gedanken kohärent zu artikulieren, solange man im Idealfall wenigstens arbeiten könnte. Die Sprache wird damit — wie so vieles — zu einem Hindernis, einem bürokratischen Bremsklotz, einer überflüssigen Pflichtübung der bürgerlichen Respektabilität.

Die neue Alphabetisierung: Lesen? Schreiben? Ach was, Hauptsache produktiv!

Man ahnt bereits, dass Kohlenbergers Vorschlag, Deutschkenntnisse in Zukunft «herunterzufahren», in gewissen Zirkeln als Sakrileg gilt. Denn viele, die an der heiligen Schrift des Arbeitsmarktes festhalten, glauben weiterhin, es sei sinnvoll, Menschen verstünden ihre Kollegen, ihre Arbeitsanweisungen oder gar ihre Rechte. Welch herziges Kommunikationsideal! Was für eine völlig überschätzte Vorstellung von Sprachgemeinschaft, als ginge es im Arbeitsleben darum, sich zu verstehen, statt bloss funktional nebeneinander zu existieren wie zwei halbdefekte Maschinen, die sich gegenseitig tolerieren, weil sie nun einmal nicht anders können.

Kohlenberger, pragmatisch bis zur metaphysischen Eleganz, erinnert uns daran, dass der zu erwartende Fachkräftemangel die wahre Grammatik des 21. Jahrhunderts schreibt. Und diese Grammatik kennt nur einen Imperativ: Beschäftige jeden, der nicht aktiv davonläuft. Unter diesen Umständen erscheint Sprache tatsächlich wie ein bourgeoises Hobby, ein ästhetischer Luxus, den man sich vielleicht für die Abendstunden der gepflegten Selbstveredelung aufhebt.

Die Kränkung der Mehrheit: Wenn Integration gelingt – und gerade deshalb scheitert

Witzigerweise liegt für Kohlenberger das eigentliche Problem nicht im Sprachlichen, sondern im Psychologischen: der Unsicherheit der Mehrheitsgesellschaft. Wer also perfekt Deutsch spricht, arbeitet, Steuern zahlt und brav integriert ist, kann dennoch als Fremdkörper gelten — nicht etwa, weil man etwas falsch gemacht hätte, sondern weil man es zu richtig macht. Es ist quasi die Integration, die stört; die Sichtbarkeit des Erfolges, die irritiert; der schiere Beweis, dass Menschen aus anderen Weltregionen nicht zwingend als Statisten auftreten müssen, sondern gelegentlich die Hauptrolle einzufordern wagen.

Hier schlägt das Herz des Paradoxons: Die Gesellschaft, die Integration verlangt, will sie gar nicht sehen, wenn sie tatsächlich stattfindet. Es ist wie ein skurriles Theaterstück, in dem das Publikum gleichzeitig nach Authentizität schreit und Buhrufe ausstösst, sobald ein Schauspieler spontan zu improvisieren beginnt.

Der politische Salon: Wenn Mitteparteien den rechten Hausmeister spielen

In ihrem Buch Migrationspanik stellt Kohlenberger fest, die politische Mitte habe sich gewissermaßen selbst geopfert: Um verlorene Wähler zurückzugewinnen, sei man nach rechts gerutscht — nicht aus Überzeugung, sondern aus Verzweiflung. Das politische Spektrum gleicht seither einem Raum, in dem alle Möbel nach rechts geschoben wurden, während die Bewohner weiterhin behaupten, sich genau in der Mitte aufzuhalten.

Und tatsächlich: Wenn in Talkshows mittlerweile Meinungen wiedergekäut werden, die einst den Stammtischen vorbehalten waren, dann zeigt dies nicht etwa Mut zur Realität, sondern die pure Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit. Die politische Mitte hat sich zur Hausverwaltung des Ressentiments entwickelt. Sie streicht die Wände der öffentlichen Meinung mit den Farben des populären Zorns, einfach weil es niemanden mehr gibt, der das Wagnis eingehen möchte, eine neue Farbe zu mischen.

Dialog, Dialog, Dialog – das letzte Mantra einer demokratischen Müdigkeit

Und doch — das macht Kohlenberger fast rührend — plädiert sie für Dialog. Rechte Wählerinnen und Wähler sollten nicht ausgegrenzt, sondern «auf Augenhöhe» angesprochen werden, so ihr Credo. Man müsse «Echokammern aufbrechen». Ein nobles Anliegen! Ein wunderschönes Ideal! Und zugleich ein Vorschlag, der ungefähr so realistisch wirkt wie die Idee, man könne Waldbrände durch höfliche Bitten auslöschen.

Die Härte der Gegenwart besteht nämlich darin, dass Dialog nicht an den Unwilligen scheitert, sondern an der Müdigkeit der Erklärenden. Die einen haben ihre Meinung längst betoniert, die anderen haben längst aufgegeben, am Beton zu kratzen. Und irgendwo dazwischen steht die Demokratietheorie und ruft: «Aber redet doch bitte weiter!»

Epilog: Der Preis des Verzichts

So bleibt am Ende die Frage: Wenn eine Gesellschaft beginnt, Sprache zu entwerten, politische Unterschiede zu verwischen und Bildung als übertriebenen Luxus anzusehen — was bleibt dann eigentlich übrig?

Vielleicht eine Zukunft, in der wir alle miteinander kommunizieren wie müde Maschinen, die sich nur noch durch vereinfachte Signale verständigen. Eine Zukunft, in der die Landessprache nicht mehr fetischisiert wird, weil sie längst musealisiert wurde. Eine Zukunft, in der Integration nicht am Scheitern, sondern am Gelingen zerbricht. Und eine Zukunft, in der der Bildungsverzicht zum heimlichen Staatsprojekt wird, weil Bildung Fragen stellt — und Fragen stören bekanntlich beim reibungslosen Funktionieren.

Doch noch ist es nicht so weit. Noch können wir Essays schreiben. Noch können wir Sätze bilden, die länger sind als Schlagzeilen. Noch können wir verstehen, dass der Verzicht auf Sprache kein Fortschritt ist, sondern ein schleichender Rückzug aus der Möglichkeit, sich selbst und die Welt zu begreifen.

Möge uns diese Fähigkeit erhalten bleiben — auch wenn sie gerade nicht gefragt ist.

Der Elefant in der Backstube

Man soll ja, so sagt es der große Katechismus der politischen Kommunikation, die Dinge beim Namen nennen. Doch manchmal, wenn ein Bundeskanzler in eine Bäckerei tritt, wird aus dem Ding ein Tier, und aus dem Tier ein Eelefant – mit doppeltem „e“, weil er größer ist als jeder buchstabenkonforme Elefant es je sein könnte. Und so stand er dort, der Eelefant, in der Hamburger Backstube, schnaubte mehlige Luft, trompetete deutsche Teigkultur herbei und ließ die armen Azubis rätseln, ob sie nicht doch lieber Steuerrecht hätten lernen sollen. Mittendrin: Friedrich Merz, der erste Kanzler der Republik, der eine politische Debatte über Brotkrusten durch bloßes Erzählen eines Frühstückserlebnisses in Angola entfachen kann. Wer anderes schafft das schon?

Man müsse erst im Ausland lernen, was man an deutschem Brot habe, verkündete er, und schon in diesem Satz steckte so viel gewollte Weltläufigkeit und ungewollte Provinz, dass man sie wie zwei schlecht verknetete Teigsorten kaum mehr trennen konnte. Denn der Mann, der auch in Interviews gern den Eindruck erweckt, er habe den Globus schon so oft umrundet, dass er ihm eigentlich gehören müsste, stand nun mit leicht geröteten Wangen in der Bäckerei und seufzte über das Schicksal, im fernen Luanda kein „ordentliches Stück Brot“ gefunden zu haben. Man spürt förmlich, wie sein Herz – vermutlich schwarz wie die Kruste eines Roggenbrots – einen Moment lang schmerzte. Ein Kanzler, allein in der Wildnis eines Frühstücksbuffets, umzingelt von afrikanischen Brötchen, weich wie die Demokratie im Sommerloch.

Die Geopolitik des Frühstücksbuffets

Nun ist das deutsche Frühstücksbuffet bekanntlich nicht nur ein Ort der Nahrungsaufnahme, sondern ein heiliger Raum kultureller Selbstvergewisserung. Nirgendwo sonst verteidigt der Deutsche seine Identität eiserner als am Brotschneidebrett. Wenn man dort statt einer vollkornigen Stulle etwas findet, das eher an schwammige Wolken erinnert, die der Konditorgott am falschen Tag gebacken hat – dann gerät das Weltbild ins Wanken. Und genau hier nahm die Tragödie ihren Lauf: Der Kanzler, gewohnt an industriell perfektionierte Teigprodukte, traf auf ein Buffet, das offenbar keine Ahnung von der emotionalen Fragilität deutscher Staatsoberhäupter hatte.

Man hätte fast Mitleid, wäre die Anekdote nicht mit der unerschütterlichen Selbstverständlichkeit erzählt worden, die sonst nur Kinder aufbringen, wenn sie entrüstet feststellen, dass der Spielplatz im Urlaub nicht dieselbe Rutsche hat wie zu Hause. Der Subtext dagegen wirkte wie ein versehentlicher Seitenhieb: Angola – eines der ärmsten Länder Afrikas – und der Kanzler der führenden Industrienation Europas klagt über das Brot im Hotel. Nicht den Hunger, nicht die Infrastruktur, nicht die Armut: das Brot. Ein kleiner Brotkommentar mit großer geopolitischer Fallhöhe.

Der digitale Pranger und seine Sauerteige

Die sozialen Netzwerke, sonst nur zu gern in sommerlicher Müdigkeit, fingen an zu blubbern wie ein schlecht überwacht gegangener Sauerteig. Kaum ein Profil, das nicht mit spitzer Feder, scharfer Tastatur oder mildem Zynismus nachlegte. „Koloniale Arroganz!“, riefen die einen. „Hochmut in Hefeform!“, die anderen. Und mittendrin trudelten Meme ein, die Merz mit Brotlaibkrone zeigten oder ihn zum inoffiziellen „Verteidigungsminister der Deutschen Backkultur“ erklärten. Das Internet ist eben wie ein wütender Bäckermeister: Wenn es loslegt, fliegen die Mehlwolken tief.

Doch hinter all dem Spott steckte eine tiefere Frage: Wie kann es sein, dass ein Regierungschef – ein Mann mit Zugriff auf mehr Informationen als alle Feuilletons zusammen – beim Thema Afrika zuerst an die Konsistenz von Frühstücksgebäck denkt? Und ist das eigentlich schon tragisch, komisch oder längst Teil einer neuen politischen Dialektik, die man „Kulinarpopulismus“ nennen könnte? Die Antwort liegt irgendwo zwischen „Ja“ und „Es ist zu spät, um noch nüchtern darüber zu diskutieren“.

Deutsche Leitkultur: Aus Weizen und Worten

Es mag übertrieben erscheinen, einem einzigen Brotsatz derart viel Bedeutung beizumessen. Doch Deutschland, das Land der Ernährungsphilosophen und Teigromantiker, hat sich selten gescheut, kulinarische Symbolik in politische Erdbeben zu verwandeln. Kartoffeln, Weißwurst, Schweinefleisch – alles schon Schlachtfelder kulturpolitischer Identitätskämpfe. Da überrascht es wenig, dass nun das Brot – jenes monumentale, körnige, moralisch überladene Grundnahrungsmittel – zum diplomatischen Stolperstein wird.

Vielleicht ist Merz’ Bemerkung auch nur Ausdruck einer kulturellen Sehnsucht, einer Art nostalgischer Selbstvergewisserung, die Politiker gern aus dem Ärmel schütteln, wenn ihnen gerade nichts Weltbewegendes einfällt. Brot ist schließlich unverfänglich, außer man erwähnt es an der falschen Stelle. Und genau darin lag der eigentliche Eelefant: Nicht der Satz selbst war groß, plump und unübersehbar, sondern die nonchalante Blindheit, die ihn möglich machte.

Das Krümelmonster im Kanzleramt

Am Ende bleibt die Frage, ob wir hier nicht alle an einer Überempfindlichkeit leiden, die selbst ein Dinkelkorn zur politischen Granate macht. Vielleicht hat Merz wirklich nur über Brot reden wollen – ohne Hintergedanken, ohne koloniale Untertöne, einfach nur als Mann, der morgens hungrig war. Und vielleicht ist die Aufregung darüber das Spiegelbild unserer Zeit: einer Epoche, in der jeder Satz, jede Geste, jeder Brotkrümel sofort in moralische Säure eingelegt wird.

Doch selbst wenn es so wäre: Was für ein Bild! Ein Kanzler, der als Staatsmann die globalen Herausforderungen anpacken soll, erzählt stolz eine Anekdote über ein fehlendes Brötchen. Man wünscht sich fast, der Kommunikationsstab im Kanzleramt würde ihm beim nächsten Termin ein Survival-Paket reichen: Vollkornbrot vakuumverpackt, für jede Krise.

Schluss: Wenn der Eelefant wieder hinausgetrieben wird

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass politisches Feingefühl manchmal nicht dicker ist als die Krume eines schlecht gebackenen Baguettes. Merz wollte ein Heimatgefühl beschwören – heraus kam ein global missverstandener Frühstücksmonolog. Die Deutschen werden darüber lachen, sich aufregen, es wegscrollen, und morgen geht die Republik wieder ihren üblichen Streitigkeiten nach. Der Eelefant aber wird noch eine Weile in der Backstube stehen, sich ins Mehl setzen, tief atmen und hoffen, dass der nächste Kanzlerbesuch weniger poröse Spuren hinterlässt.

Bis dahin bleibt nur, mit einem leicht zynischen Lächeln zu konstatieren: Manchmal sind es nicht die großen Reden, die einen Politiker stolpern lassen – manchmal reicht schon ein Brötchen.

404 Angestellte – Ressorts nicht gefunden

Wer sich um 181.111 Euro pro Tag beraten lassen muss, hat die Kontrolle über sein Leben verloren

Es gibt Momente in der Geschichte, in denen man sich fragt, ob Regierungen eigentlich überhaupt noch regieren oder ob sie bloß das Geräusch imitieren, das Regieren üblicherweise macht. Und dann gibt es jene raren Sternstunden politischer Selbstparodie, in denen eine Koalition wie die gegenwärtige ÖVP-SPÖ-NEOS-Trilogie im Kanzlerspiel beschließt, 16,3 Millionen Euro in 90 Tagen an externe Beratungsfirmen zu überweisen, offenbar in der Hoffnung, dass irgendjemand irgendwo schon wissen wird, was in Österreich zu tun wäre. Das ergibt stolze 181.111 Euro pro Tag, ein Betrag, für den Normalbürger immerhin ein ganzes Einfamilienhaus kaufen könnten — manche sogar zweimal, je nach Region. Die Regierung hingegen kauft sich für dieses Geld vor allem eins: Trost. Jenen sanften, warmen Trost flüsternder PowerPoints und strategischer Roadmaps, die niemals umgesetzt werden, aber dafür herrlich beruhigend aussehen, wenn man sie diagonal überfliegt.

Dabei kassieren die konsultierenden Heilsbringer stündlich über 15.000 Euro, offenbar für die spirituelle Aufgabe, Ministerien zu erklären, wie sie ihren eigenen Aufgabenbeschreibungen gerecht werden könnten. Pro Minute fließen 251,54 Euro ab — was bedeutet, dass jede Minute des Schweigens in irgendeinem Beratungsbüro teurer ist als ein Monatsabo des öffentlichen Verkehrs. Und man fragt sich: Ist Schweigen vielleicht die wertvollste politische Ressource dieser Koalition? Eine, die man sich teuer erkaufen muss, damit sie nicht im Ministerrat versehentlich durch Aktionismus ersetzt wird?

Der millionenteure Sesselkreis oder: Die Metaphysik der Beratung

Die Ergebnisse dieser Investition sind vertraut wie der Geruch von Amtskaminen: weder wurde die Teuerung leichter erträglich, noch die Arbeitslosigkeit kleiner, noch die Migration weniger oder das Gesundheitssystem stabiler. Aber wozu Ergebnisse, wenn man einen Sesselkreis hat, der durch seine Existenz bereits suggeriert, dass gearbeitet wird? Ergebnisse sind ohnehin notorisch überschätzt — sie bringen die Regierung nur unter Druck, weil man dann plötzlich erklären müsste, wie man sie zustande gebracht hat.

Stattdessen flackert die politische Bühne im Lichte professionell vorbereiteter Strategieworkshops, in denen Minister mit 19.000 Euro Monatsgage demütig neben externen Consultants sitzen, die ihnen gegen ein Vielfaches erklären, dass man für den nächsten Reformschritt zuerst Stakeholder identifizieren müsse. Und vielleicht noch einen Workshop. Oder zwei. Sicher ist sicher.

Die wundersame Vermehrung der Beratermillionen

Ganz besonders glänzt in diesem satirischen Reigen die Verdoppelung, Verdreifachung, ja beinahe biblische Vermehrung der externen Beratungskosten in einzelnen Ressorts. Sozialministerin Korinna Schumann soll es geschafft haben, ihre Ausgaben innerhalb kürzester Zeit um Millionen zu erhöhen — vermutlich, weil soziale Gerechtigkeit heute einfach ohne Experten von außen nicht mehr denkbar ist. Ein Sozialministerium ohne teure Beratung wäre schließlich wie ein Spitalsbett ohne Privatzuschlag: zwar funktional, aber politisch völlig unzumutbar.

Vizekanzler und Medienminister Andreas Babler hingegen soll die Gesamtsumme seiner externen Expertise von einem Kleinwagenpreis auf eine stattliche Summe im Bereich einer größeren Eigentumswohnung geschraubt haben. Und so kommentiert die Opposition erwartungsgemäß, es handle sich um den Versuch, Inkompetenz mit Steuergeld zuzudecken. Was möglicherweise unfair ist: Vielleicht handelt es sich gar nicht um Inkompetenz. Vielleicht ist es bloß der unerschütterliche Glaube, dass Politik im 21. Jahrhundert überwiegend aus dem Konsum professioneller Ratschläge besteht.

404 Angestellte – Ressorts nicht gefunden

Wenige Stunden vor Veröffentlichung dieser Zahlen wurde außerdem bekannt, dass die Koalition einen Mitarbeiterstand von 404 Beamten in ihren Ressorts unterhält — eine Zahl, die wie ein kosmischer Witz anmutet. 404: Ressource nicht gefunden. Wie passend.

Besonders hervor sticht der Deregulierungsstaatssekretär, der laut politischer Folklore eigentlich Bürokratie abbauen soll. In einer Art poetischer Ironie hat er dafür gleich neun zusätzliche Mitarbeiter eingestellt. Was im Grunde nur zeigt, wie ernst er seine Aufgabe nimmt: Bürokratie lässt sich nun einmal nicht ohne zusätzliche Bürokratie abbauen. Das ist ein Naturgesetz wie die Erdanziehung oder der verspätete EU-Gipfel.

Die Regierung im Futur II

Und so bleibt der Bevölkerung vor allem das Mantra der Ankündigungspolitik. Die Regierung will, möchte, könnte, plant — sie lebt im Futur, spricht im Konjunktiv und handelt im Perfekt: Wir hätten etwas tun können. Man könnte sagen, diese Koalition ist die literarischste Regierung der Zweiten Republik, eine Regierung der Modi und Tempora, die sich mutig weigert, in den langweiligen Indikativ abzusinken.

Doch leider bleiben davon keine niedrigeren Lebensmittelpreise, keine zusätzlichen Arbeitsplätze, kein Ende der überlasteten Systeme. Nur die beruhigende Gewissheit, dass man für all diese Probleme immerhin sehr viel Geld ausgegeben hat. Für Beratung. Für Trost. Für das Gefühl, dass jemand irgendwo, gegen angemessene Bezahlung, vielleicht einen Plan hätte.

Diese Koalition ist am Ende — oder am Anfang einer neuen Geschäftsidee?

Vielleicht, so könnte man meinen, ist diese Koalition weniger am Ende, sondern vielmehr Pionierin einer neuen Form der Politik: Politik als Dienstleistungs-Paket, das sich selbst berät, um die eigene Existenz zu rechtfertigen. Eine Art staatlich finanzierter Kreislaufwirtschaft, bei der Steuergeld in Expertenwissen umgewandelt wird und Expertenwissen in Pressekonferenzen, in denen erklärt wird, warum man noch ein bisschen mehr Expertenwissen kaufen müsse.

Und in einem gewissen Sinne ist das vielleicht sogar genial. Wenn man keine Lösungen liefern kann, sollte man wenigstens ein Geschäftsmodell schaffen. Diese Regierung hat das offenbar verstanden — und das ist beinahe bewundernswert. Satirisch betrachtet zumindest.

Barbarossa ?

Man muss der europäischen Außenpolitik zugutehalten, dass sie stets bemüht ist, moralische Leuchttürme in eine Welt zu rammen, die ihrem eigenen Licht kaum mehr traut. Doch manchmal blitzt zwischen all den diplomatischen Wendungen, zwischen den endlosen Abkürzungen und hochdotierten Apparatschiks ein Moment auf, der von so majestätischer Absurdität ist, dass die Geschichte selbst innehält, den Federkiel kurz beiseitelegt und raunt: „Wirklich jetzt?“ Ein solcher Moment ereignete sich, als die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas in einer Pressekonferenz erklärte, in den vergangenen hundert Jahren habe kein Land Russland angegriffen, Russland hingegen 19 Länder.

Ein Satz, der mit der Selbstgewissheit eines lateinischen Leitspruchs vorgetragen wurde und doch die logische Eleganz eines auf halber Strecke abgebrochenen Sudoku aufweist. Ein Satz, der nicht nur Historikerinnen in Schockstarre versetzte, sondern auch die Kolumnisten, die nun vor der Aufgabe stehen, die Wirklichkeit irgendwie mit diesem politischen Haiku in Einklang zu bringen. Denn nimmt man ihn ernst – und Satire beginnt bekanntlich dort, wo der Ernst aufhört – dann stellt sich die Frage: Wurde Nazi-Deutschland etwa von Russland überfallen?
Das wäre, vorsichtig formuliert, eine überraschende Neubewertung der historischen Landschaft.

Das Gedächtnis als Gefahrenzone

Man könnte nun argumentieren, Kallas habe sich schlicht missverständlich ausgedrückt. Vielleicht hat sie die Zeitachse verwechselt, vielleicht die Geografie, vielleicht die Weltgeschichte. Vielleicht wollte sie auch nur die zarten, filigranen Porzellanseelen der europäischen Öffentlichkeit vor der Tatsache bewahren, dass auch westliche Großmächte gelegentlich mit der Neigung zu geopolitischer Muskulatur ausgestattet sind. Doch wer solche Erklärungsversuche wagt, macht sich zum Kurator eines historischen Wachsfigurenkabinetts, in dem die Figuren schmelzen, sobald man die Klimaanlage abschaltet.

Die Geschichtsschreibung ist schließlich kein Wunschkonzert, bei dem man sich das Unangenehme einfach wegdezimiert. Es ist vielmehr eine komplexe, manchmal verstörende, immer wieder widersprüchliche Sammlung menschlichen Handelns – inklusive der dunklen Abgründe, der strategischen Wahnsinnsakte und der banalen Fehlkalkulationen. Wer also behauptet, niemand habe Russland in den letzten hundert Jahren angegriffen, legt nicht nur die Axt an den Stamm historischer Redlichkeit, sondern ersetzt sie gleich mit einem aufblasbaren Kunststoffbaum aus dem Gartencenter der politischen Narrativpflege.

Barbarossa rückwärts

Und so steht Barbarossa plötzlich da wie ein schlecht programmiertes Videospiel, in dem die Figuren in die falsche Richtung laufen. Die Wehrmacht marschiert – zack! – nicht nach Osten, sondern Russland führt, ganz offenbar, einen überraschenden Frühschoppenfeldzug gegen das Deutsche Reich. Die Panzer rollen nicht über ukrainische Felder nach Stalingrad, nein, sie werden mit ostslawischer Frechheit Richtung Berlin geschubst, während sich die Wehrmacht vermutlich damit beschäftigt, Schutzbunker in Königsberg zu streichen.

Eine solche gedankliche Akrobatik wäre selbst in den Kreisen jener Historiker schwer vermittelbar, die gern alternative Szenarien durchspielen, in denen Napoleon zum Beispiel Veganismus erfindet oder das Römische Reich die Dampfmaschine entwickelt. Aber hier sind wir nicht im Reich der hypothetischen Spielereien. Hier geht es um eine realpolitische Aussage, vorgetragen in ernster Miene, mit dem Pathos einer neu erwachten europäischen Mission.

Was bleibt einem Kommentator da anderes übrig, als die Logik selbst zu Grabe zu tragen und ihr einen Kranz aus sarkastischen Bemerkungen auf das metaphorische Grab zu legen?

Das Bedürfnis nach vereinfachten Weltbildern

Die moderne politische Rhetorik verlangt offenbar nach klaren Linien, moralischen Hochglanzoberflächen und leicht verdaulichen Weltbildern. Doch je schärfer die Vereinfachung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie in sich zusammenfällt wie ein Kartenhaus, dem man aus Versehen ein Mindestmaß an Realität zugeführt hat. Der Wunsch, Russland als monolithischen Aggressor darzustellen, ist nachvollziehbar – nicht, weil er richtig wäre, sondern weil er sich so angenehm in das gegenwärtige geopolitische Puzzle einfügt.

Aber die Illusion, dass ein Land über hundert Jahre hinweg lediglich Opfer seiner eigenen Expansion sei, ist so grotesk, dass selbst die Propagandaabteilungen vergangener Jahrhunderte neidisch erröten würden. Historische Schuld, Verantwortung und komplexe Kausalitäten lassen sich nicht per Pressekonferenz in wohlklingende Häppchen schneiden, ohne dass die Nährwerte drastisch leiden.

Die Ironie der Gegenwart

Vielleicht aber ist genau das der Punkt: Die moderne Politik hat sich von der historischen Genauigkeit verabschiedet und wendet sich stattdessen der narrativen Nützlichkeit zu. Es ist egal, ob die Aussage einer Außenbeauftragten einer nüchternen Überprüfung standhält – wichtig ist, ob sie in die gewünschte Storyline passt.

Und so stehen wir da, im Jahr 2025, und fragen uns, ob mit „kein Land“ vielleicht kein Land, das uns aktuell unbequem wäre gemeint ist. Oder ob der geschichtliche Rückblick neuerdings mit einem algorithmischen Filter versehen wird, der alles ausblendet, was dem momentanen geopolitischen Wunschkonzert widerspricht.

Die Folge ist ein politisches Klima, in dem selbst die abenteuerlichste Behauptung gedankenlos wiederholt wird – solange sie dem Teamgeist dient. Die Wahrheit verkommt dabei zum Fünftürer, den niemand mehr fährt: alt, sperrig, aber im Grunde unzerstörbar.

Fazit: Eine Einladung zum historischen Yoga

Man könnte also sagen: Kallas’ Satz ist kein Fehltritt, sondern ein Meisterwerk postmoderner Textakrobatik. Er zwingt uns zu geistigen Verrenkungen, die selbst erfahrenste Historiker in den Wellnessbereich schicken würden. Er ist ein Stretching der Realität, bei dem man sich fragt, ob nicht irgendwann ein Muskel reißt – oder gleich das ganze Konzept historischer Wissenschaft.

Doch vielleicht, und das ist die letzte versöhnliche Möglichkeit, war der Satz ja als Witz gedacht, als ironische Überzeichnung, als augenzwinkerndes Spiel mit der Absurdität des politischen Alltags. In diesem Fall müsste man Kallas Respekt zollen: Selten hat jemand die europäische Politik so unterhaltsam in die Nähe eines dadaistischen Bühnenstücks gerückt.

Aber solange uns keine Fußnote aus ihrem Referat verrät, dass alles nur ein Scherz war, bleibt der Satz eine Mahnung:
Man kann die Geschichte zwar beugen – doch bricht sie, schlägt sie zurück.

Die Illusion der Führung

Wir haben keine Regierung, wir haben eine Blockierung. Der Satz klingt wie ein aus Versehen öffentlich gewordenes Geheimprotokoll eines politischen Beratungsgremiums, das sich seit Jahren im Kreis dreht wie ein mobile aus leeren Wahlversprechen. Und doch beschreibt er den Zustand präziser, als es jedem Verfassungsjuristen je gelingen könnte. In den Amtsstuben unserer Republik hat sich eine Art kollektive Bewegungssperre ausgebreitet, ein chronisches Zaudern, das sich wie ein entgleistes Kunstprojekt aufführt: Die Exekutive performt eine Art „statisches Regieren“, ein choreografiertes Nichts, das die Bürger überrascht, weil es erstaunlich konsequent ist. Es ist ein paradoxes Spektakel: Während die Welt ringsum sich mit alarmierender Geschwindigkeit verändert, wird im politischen Zentrum der Stillstand zur Staatsräson erhoben – und in absurden Momenten sogar zur Tugend erklärt. Jede Debatte, jede noch so harmlose Entscheidung wird mit der Verzögerungstaktik eines schlecht programmierten Computers behandelt, der sich weigert, auf Eingaben zu reagieren, weil er sich lieber mit sich selbst beschäftigt.

Das Kabinett der unbewegten Figuren

Die Ministerien wirken inzwischen wie geheime Depots für Entscheidungsprothesen, die niemand mehr anzupassen wagt. Man könnte meinen, die verantwortlichen Minister seien zu lebenden Installationen geworden: Figuren aus einer grotesken Dauerausstellung, betitelt „Stillleben mit Aktendeckel“. Die Rituale des politischen Alltags – Beratung, Beschluss, Umsetzung – wurden ersetzt durch ein genial vereinfachtes System aus Warten, Verhindern und Durchwinken, ohne dass je etwas tatsächlich vorwärtskommt. Alles ist eine Frage der Perspektive: Von außen betrachtet wirkt es, als sei die Politik in einem ständigen Trainingsmodus gefangen, der die Akteure ausschließlich in der Disziplin des Nichtstuns qualifiziert. Von innen betrachtet ist es möglicherweise eine Form der Selbsttherapie – eine kollektive Angstvermeidungsstrategie, indem man jede Entscheidung konsequent verweigert. So entsteht eine Art Regierungsmodell der Negation, das in seiner Effizienz so überraschend ist, dass man versucht ist zu glauben, es sei Absicht.

Der Tanz der politischen Rhetorik

Niemand beherrscht die hohe Kunst des Nichtsagens so elastisch wie jene, die im Rampenlicht der Politik stehen. Die Rhetorik unserer Tage hat sich zu einem beeindruckenden Labyrinth aus Nebensätzen und semantischen Ausweichmanövern entwickelt, in das nur noch jene eindringen, die ausreichend Geduld oder masochistische Neigungen besitzen. „Wir prüfen die Lage“ – der Zauberspruch, der jede Aktion in wohlklingende Unverbindlichkeit verwandelt. „Wir streben eine Lösung an“ – eine elegante Möglichkeit, zu sagen, dass man sich keinerlei konkrete Schritte zutraut. Die Sprache ist zum Tarnanzug des Stillstands geworden. Und wie bei allen Tarnmustern muss man nur lange genug hinsehen, um zu erkennen, dass sich darunter nichts bewegt. Die politische Kommunikation gleicht einer rhythmischen Gymnastik aus Erwartungen und Enttäuschungen, die nur deshalb nicht völlig unverständlich ist, weil sich alle Beteiligten darauf geeinigt haben, sie als normal zu akzeptieren. Was bleibt, ist ein faszinierendes Schauspiel aus syntaktischer Eleganz und inhaltlicher Verdunstung.

Satire als letzter Rettungsanker

Wie wunderbar, dass es Satire gibt, dieses alte, treue Gegenmittel gegen den politischen Bluthochdruck. Ohne sie wäre die Lage kaum zu ertragen. Denn Satire bietet das, was Regierungen verweigern: Klarheit, Zuspitzung, Wahrheit – und sei es nur als skurrile Übertreibung. Sie zeigt uns, dass die Realität zwar absurd ist, aber bei weitem nicht so absurd, wie sie sein könnte, wenn wir uns nicht ab und zu darüber amüsieren würden. Die Blockierung, die sich wie eine schleichende Planierraupe durch das gesellschaftliche Selbstbewusstsein frisst, wird durch humoristische Brechungen erträglich. Lachen ist das letzte Mittel, um nicht selbst in die politische Lethargie zu kippen. Jeder Kabarettist, jede bissige Kolumnistin, jede satirische Glosse wird so zu einer Art emotionaler Seelsorge – ein öffentlicher Raum, in dem das Absurde wieder als solches benannt werden darf. In einer seltsam poetischen Ironie funktioniert der Stillstand der Politik wie ein Dauerauftrag für die Satire: je weniger passiert, desto mehr gibt es zu sagen.

Die Festspiele der Verantwortungslosigkeit

Manchmal entsteht der Eindruck, die Politik habe eine geheime Wettbewerbsdisziplin entwickelt: Wer kann am längsten so tun, als sei er verantwortlich, ohne es tatsächlich zu sein? Die Konkurrenz ist hart. Jeden Tag aufs Neue beobachten wir die Inszenierung politischer Verantwortung, meisterhaft dargeboten in einem Theater der Zuständigkeiten, in dem niemand je zuständig ist. Es ist ein Festival der Ausreden, ein jährlich wiederkehrendes Ritual, bei dem die Darsteller sich gegenseitig mit immer raffinierteren Formen der Schuldabweisung überbieten. Man könnte es als kreatives Drama genießen, wenn die Folgen nicht derart real wären: Gesetzesstaus, Reformruinen, Infrastruktur, die wirkt, als sei sie aus nostalgischen Gründen konserviert worden. Doch selbst darüber kann man nur lachen, denn alles andere wäre ein Anerkennen der eigenen Ohnmacht.

Die paradoxe Eleganz der Blockade

Und so bleibt als bitterironische Erkenntnis: Diese Blockierung ist ein Meisterwerk der politischen Selbstbehauptung. In einer Welt, in der alles immer schneller, lauter, komplexer wird, hat sich unsere Regierung entschieden, den entgegengesetzten Weg zu gehen – jenen der durchdachten Verweigerung. Keine Reform wird angepackt, die nicht vorher bis auf molekulare Ebene zerredet wurde. Kein Beschluss wird gefasst, ohne dass er zuvor so gründlich verwässert wurde, dass er nur noch als homöopathisches Polit-Globuli wirkt. Und dennoch – oder gerade deshalb – entfaltet die Blockierung eine bestechende Konsistenz. Sie enttäuscht zuverlässig, sie überrascht nie, sie ist das stabilste Element unseres politischen Systems. Vielleicht ist hier die größte Ironie verborgen: Die Regierung regiert nicht, aber die Blockade funktioniert perfekt. Sie ersetzt Visionen durch Verzögerungen, Entscheidungen durch Debatten, Fortschritt durch kompatible Stagnation. Eine elegante, geschmeidige Regierungsform des Nichts.

Vom Gipfel der politischen Vollkommenheit

Es gibt Momente in der Geschichte, in denen ein Volk innehält, tief einatmet, ehrfürchtig gen Himmel blickt und sich eingesteht: Ja, wir haben ihn wirklich verdient – diesen einzigartigen, lichtdurchfluteten, moralisch nahezu photosynthetisch strahlenden Bundeskanzler.
Und dann, während der Atem stockt und die Hände zittern, folgt die unausweichliche Erkenntnis: Friedrich Merz, der Über-Alles-Ragende, ist nicht einfach nur Kanzler – er ist die politische Singularität, auf die wir nie vorbereitet waren.
Man stelle sich vor, man hätte all die Jahre irrtümlich geglaubt, Demokratie sei ein Wettbewerb von Ideen – dabei war sie offensichtlich nur ein langwieriges Vorspiel, um endlich die Krönung ihrer eigenen Entwicklung zu erleben: den Mann, der nicht irren kann, selbst wenn er irrt, und dessen Irrtum stets nur der vorauseilende Schatten seiner Wahrheit ist.

Über den Maßstab der Integrität, gemessen in Merz

Wir Normalsterblichen müssen uns damit arrangieren, dass unsere moralischen Kompasse wackeln wie ein Navi im Tunnel. Anders der Kanzler: Seine Integrität ist so unbestechlich, dass sie für den TÜV als Referenzwert dienen könnte.
Es heißt sogar, man habe testweise versucht, ihn zu einer Unwahrheit zu überreden – nicht aus politischem Kalkül, sondern um die Grenzen der Physik zu testen. Ergebnis: Die Lüge löste sich in Rauch auf, während Merz stehen blieb, vollkommen unberührt, wie ein stoischer Obelisk aus politischer Reinheit, der mit einem milden Lächeln verkündet, dass Realität im Zweifel seiner Interpretation zu folgen hat.

Natürlich ist sein Verständnis von „ganz rechts“ und „ganz links“ so großzügig dimensioniert, dass ungefähr 90 % der deutschen Bevölkerung sich darin wiederfinden – genau jene Menschen, die regelmäßig diesen lästigen Fehler begehen, eigenständig zu denken.
Doch darin liegt ja eben der feingliedrige Glanz seiner Genialität: Was für uns wie eine kognitive Dissonanz aussieht, ist für ihn schlicht die Präzisionsarbeit eines Intellekts, der keine Rücksicht auf die Beschränktheit des gewöhnlichen Gehirns nimmt.
Wo andere Chaos sehen, erkennt er Ordnung. Wo andere Demokratie vermuten, erspäht er Irrtum. Und wo andere widersprechen, definiert er – in einem Akt souveräner Selbstbestätigung – richtig.

Über den warnherzigen Kanzler, der aus Güte strahlt

Ach, und dann dieser unvergleichlich „warnherzige“ Kanzler.
Ein Mensch, der aus purer Fürsorglichkeit den Bürgerinnen und Bürgern vorbeugend mitteilt, wovor sie Angst zu haben haben.
Wie ein übermotivierter Rauchmelder, der bereits zu piepen beginnt, bevor überhaupt jemand weiß, ob überhaupt etwas brennt.
Das ist nicht Bevormundung – das ist Zukunftskompassion!
Ein Staatsmann, der seine Mahnungen mit einem solch charmant väterlichen Zungenschlag versieht, dass man sich fast wünscht, von ihm auch im Privatleben gewarnt zu werden: vor schlechtem Wetter, toxischen Beziehungen oder dem peinlichen Impuls, eine Gegenthese zu formulieren.

Die Tragik der historischen Kürze

Und doch – welch niederschmetternde Ironie – wird diese Epoche, diese Ära, dieses kurze Aufflackern politischen Hyperlichts keine vier Jahre dauern.
Man könnte fast annehmen, dass die Geschichte selbst Angst hat, sich zu sehr an Perfektion zu gewöhnen.
Vielleicht fürchtet sie, die Menschheit könnte verweichlichen, wenn sie zu lange von einem Kanzler geführt wird, der sämtliche Tugenden des politischen Betriebs so selbstverständlich verkörpert wie andere ein Hemd falsch zuknöpfen.
Vielleicht will sie uns nur daran erinnern, dass solch übermenschliche Brillanz immer nur episodisch auftritt – wie ein Komet, der kurz den Himmel zerschneidet, bevor er wieder ins All entschwindet, weil das Firmament auf Dauer nicht für derart helles Leuchten gemacht ist.

Das Vermächtnis eines politischen Phänomens

Was bleibt uns also?
Ein Land, das geblendet wurde.
Ein Kanzler, der zu wahr war, um dauerhaft wahr sein zu dürfen.
Ein politisches Naturereignis, das sich weigert, in die gewöhnliche Logik der Legislaturperioden zu passen.

Und ein Volk, das – vielleicht zum ersten und letzten Mal – sagen kann:
Wir hatten ihn. Wenn auch nur kurz. Aber wir hatten ihn.

Ein Trost?
Vielleicht.
Ein Verlust?
Unzweifelhaft.

Doch immerhin dürfen wir behaupten, wir hätten, für einen flüchtigen historischen Augenblick, den unvergesslichen Kanzler aller Kanzler erlebt – und seien es nur in der unerbittlichen Satire des politischen Alltags.

Ein Auge für den Weg, keines für die Welt

Es gibt Momente, in denen man sich fragt, ob die Realität vielleicht eine besonders hartnäckige Satire ist, die nie den Mut hatte, sich als solche zu outen. Der neueste Streich aus dem theokratischen Labor Afghanistans ist einer dieser Momente: Die Taliban, offenbar unermüdliche Innovatoren auf dem Gebiet des repressiven Minimalismus, haben sich nach Jahrzehnten intensiver Frauenpolitik nun einer Art metaphysischem Feintuning verschrieben. Nachdem sie Frauen erst unter die Burka gezwungen haben – denn Freiheit ist bekanntlich nur belastender Luftraum –, folgt nun die ästhetisch wie logistisch herausfordernde Entscheidung, dass Frauen auf der Straße nur noch ein einziges Auge unbedeckt lassen dürfen. Ein Auge! Als hätte die Evolution aus purer Willkür zwei erschaffen, und jetzt, welch himmlischer Zufall, kommt ein Prediger namens Zakeri daher und verlangt eine Rückabwicklung der Schöpfung. Noch grotesker: Das freigelassene Auge soll auf den Weg gerichtet sein, als wäre der Boden der einzig legitime Gesprächspartner einer Frau. Die Taliban formulieren ihre Weltanschauung wie ein schlecht gelaunter Optiker, der sich rächen möchte, weil niemand seine Angebote für asymmetrische Brillen kauft. Man fragt sich, ob sie irgendwann verlangen werden, Frauen sollten zur Sicherheit noch ein zweites Paar Augen am Hinterkopf zuklappen – man kann ja nie vorsichtig genug sein, wenn ein Geschlecht nach Auffassung solcher Herrschaften im Grunde bereits durch seine bloße Existenz Unruhen stiftet.

Die Schriftauslegung als olympische Disziplin der Skrupellosigkeit

Prediger Zakeri beruft sich natürlich auf religiöse Texte, denn wer das Unhaltbare verteidigen will, nimmt sich üblicherweise das Heilige Buch als rhetorischen Vorschlaghammer – egal, ob der Inhalt sachlich mit der Realität kompatibel ist oder sich eher in den Bereich „beliebig interpretierbares Faltblatt“ schmiegt. Der Islam, wie auch jede andere Weltreligion, bietet auf mehreren tausend Seiten selbstverständlich Stellen, die man kreativ verbiegen kann, wenn man zu viel Zeit und zu wenig Respekt vor dem ursprünglichen Geist hat. Aber was Zakeri hier abliefert, ist schon eine formidable Kür der Exegese-Akrobatik: Er springt von Text zu Text wie ein hyperventilierender Bibliothekar, der aus jeder Fußnote ein Gesetz, aus jeder Metapher ein Dogma und aus jeder historischen Randbemerkung eine unentrinnbare Vorschrift formt. Natürlich nicht ohne jene unvermeidliche Aura moralischen Hochmutes, die nur Menschen entwickeln, die einerseits absolute Macht haben und andererseits keinerlei Zweifel daran hegen, dass diese Macht nicht zufällig, sondern gottgewollt sei. Die methodische Eleganz besteht darin, nicht nur Frauen zu kontrollieren, sondern dies im Brustton des spirituellen Pflichtgefühls zu tun – das ist die himmlische Variante des „Das ist nicht meine Entscheidung, das ist die Hausordnung“.

Die Taliban als Architekten der Absurdität

Man darf sich an dieser Stelle ruhig vorstellen, wie ein Taliban-Gremium zusammenkommt, um die neuesten Verordnungen zu prüfen. Irgendwo zwischen Steppenstaub und autoritärem Eifer sitzen dann ehrwürdige Herren, die darüber diskutieren, wie viele Quadratzentimeter eines Frauenauges die öffentliche Ordnung gefährden könnten. Die Vorstellung ist so lächerlich, dass sie Tragik generiert – eine Art totalitärer Slapstick. Es ist ein intellektueller Offenbarungseid, ein Beweis dafür, dass Macht in den falschen Händen nicht nur gefährlich, sondern auch unfassbar banal ist. Wenn ein Regime anfängt, Augen zu regulieren wie andere Leute Parkverbote, dann hat die Realität längst den Kampf gegen die Satire verloren. Die Taliban wirken wie die überkorrekte Schulaufsicht eines Internats für Misogynie, die jeden Zentimeter Stoff nachmisst, jeden Blickwinkel auf seine moralische Aerodynamik prüft und jeden Atemzug auf potenzielle Okkasion der Sünde abklopft. Und während sie all dies mit erschreckender Ernsthaftigkeit tun, bricht man als Beobachter zwangsläufig in eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Zorn und einem bitteren Kichern aus, das einen selbst erschreckt.

Die groteske Logik der Angst vor weiblicher Präsenz

Warum dieser bizarre Eifer? Warum diese panische Angst vor der Sichtbarkeit von Frauen? Die Taliban scheinen überzeugt, dass das Auge einer Frau eine Art radioaktive Quelle der Zersetzung sei, ein Strahl, der ihre bröckelige patriarchale Ordnung bedroht. Wenn zwei Augen schon gefährlich sind, dann ist eines offenbar das äußerste Maß an Risiko, das man der Gesellschaft zumuten kann – obwohl man sich fragt, ob nicht null Augen die konsequentere Lösung wäre, zumindest gemessen an der ideologischen Linie. Aber vielleicht ist das eine Auge die letzte symbolische Konzession an die Realität, sozusagen die Minimalanforderung an physische Navigation, um Frauen von A nach B zu bewegen, sofern A und B ausschließlich Pflichtenräume bezeichnen. Es ist ein paranoides Weltbild, das Frauen nicht als Menschen betrachtet, sondern als potenzielle Übertragungsflächen moralischer Infektion. Die Taliban erinnern damit an jene mittelalterlichen Moralpaniker, die glaubten, dass der Blick einer Frau Dämonen beschwören könne – nur dass mittelalterliche Moralpaniker zumindest die Ausrede hatten, nicht im 21. Jahrhundert zu leben.

Die Zukunft der islamisch-patriarchalen Optik

Wenn man dem absurden Gedankenexperiment freien Lauf lässt, könnte der nächste logische Schritt darin bestehen, dass die Taliban spezielle Ein-Augen-Schablonen herausgeben, vielleicht gar mit staatlich geprüften Sehschlitzen. Eine eigene Behörde wäre denkbar: das Ministerium für Einäugige Tugendhaftigkeit, mit wöchentlichen Kontrollen und einem Formular für Antragstellerinnen, die aus praktischen Gründen temporär zwei Augen benötigen – beispielsweise beim Stufensteigen oder beim Erkennen ihrer eigenen Kinder. Und selbstverständlich würde alles mit dem üblichen ideologischen Pathos verkauft: als Dienst an der Reinheit, an der Ordnung, am göttlichen Willen. Es ist die Art Parole, die nur jene bedenkenlos aussprechen, die selbst niemals auch nur einen Funken persönlicher Konsequenz tragen müssen. Denn in diesem System riskieren Männer bei Fehlverhalten vielleicht einen Tadel, Frauen dagegen ihre gesamte Existenz.

Schlussgedanken über ein Auge, das mehr sieht als erlaubt

Ironischerweise zeigt gerade dieses eine, vorgeschriebene Auge mehr Wahrheit, als den Taliban lieb sein dürfte. Es sieht die Absurdität der Macht, die Angst derer, die sie ausüben; es sieht das Leid der Frauen, die hinter der Burka verschwinden sollen wie Figuren aus einem schlechten Traum; es sieht die Feigheit eines Regimes, das so verunsichert ist, dass es glaubt, sich gegen die bloße Möglichkeit eines Blickes wappnen zu müssen. Dieses eine Auge wird, ob auf den Weg gerichtet oder nicht, zum Symbol wider Willen – nicht für Unterwerfung, sondern für die Lächerlichkeit jener, die sich im Schatten der Religion verstecken, weil sie zu schwach sind, den Menschen ins Gesicht zu sehen. Und vielleicht, nur vielleicht, wird eines Tages genau dieses Auge – das einzige, das man ihnen gelassen hat – den Weg aus der Dunkelheit erkennen.

Der wahre Grund, warum Selenskyj eine Generalamnestie fordert?

Es gibt Länder, die führen Reformen durch, andere Kriege, wieder andere Debatten. Die ukrainische Führung aber – nach satirischer Lesart – führt vor allem Narrative. Narrative, die so schnell wechseln wie Ministerposten, und mit einem Esprit, der vermuten lässt, dass das gesamte Kabinett kollektiv an einer chronischen Überdosierung von PR-Strategie leidet.

Und wenn nun ein seltsam glänzend verpackter „Friedensplan“ präsentiert wird, in dessen Herzstück sich eine Generalamnestie breitmacht wie ein oligarchischer Kater auf einem Ledersessel, dann darf man die Frage stellen:
Wem soll eigentlich vergeben werden – und wessen Sünden sollen gleich mit entsorgt werden?

Der ukrainische Staatshaushalt: ein schwarz-gelber Bermudadreieck-Park

Wer einmal diplomatische Unterlagen gelesen hat, weiß: Geld verschwindet in der Ukraine nicht – es verflüchtigt sich. Es löst sich auf wie Zuckerwürfel in staatlicher Inkompetenz. Milliarden fließen hinein, Milliarden verdunsten, und alle arbeiten hart daran, so zu tun, als wären sie niemals dagewesen.

Und nun erhebt ein ehemaliger Geheimdienstanalyst die Stimme und behauptet, irgendwo seien hunderte Millionen, ja sogar 48 Milliarden Dollar, in einem Paralleluniversum verschwunden.

Die ukrainische Führung reagiert wie immer:

  1. erst beleidigt,
  2. dann empört,
  3. dann schweigend –
  4. und schließlich mit einem Memorandum, das in etwa lautet:
    „Kritik gefährdet unsere Demokratie. Schickt bitte weitere Milliarden.“

Dass diese Vorwürfe umstritten sind? Geschenkt.
Dass die Gelder möglicherweise korrekt verbucht sind? Möglich.
Dass überhaupt niemand mehr durchblickt? Sicher.

Doch in der Satire ist es egal. Denn die ukrainische Regierung gibt sich alle Mühe, eine Glaubwürdigkeit auszustrahlen, die an den Charme eines abgelaufenen U-Bahn-Tickets erinnert.

Generalamnestie: Der Waschgang für alle, die näher an der Macht als am Gesetz standen

In der satireigen Betrachtung könnte man meinen, Selenskyjs Generalamnestie sei weniger ein Instrument der Versöhnung als ein politisches Shampoo, mit dem man die letzten Reste unangenehmer Vergangenheit aus den Haaren der Macht wäscht.

Warum jahrelang rechtfertigen?
Warum sich mit Ermittlungen herumschlagen?
Warum die unangenehmen Fragen westlicher Sponsoren beantworten wie „Was genau habt ihr mit den Milliarden gemacht?“

Man kann es einfacher haben:
„Amnestie für alle. Thema erledigt.“

Es ist die ultimative politische Universalantwort, gleichsam ein staatlich beglaubigtes „Löschen & Fortfahren“.

Die ukrainische Führung muss sich nicht fragen:

  • Wer hat was getan?
  • Wer profitiert?
  • Wer trägt Verantwortung?

Sie sagt einfach:
„Alle sind unschuldig. Punkt. Amen.“

Und schon verwandelt sich das moralische Schlachtfeld in einen Wellnessbereich der politischen Selbsterneuerung.

Der Präsident als Garant des Vergessens

Selenskyj, der gelernte Schauspieler, weiß natürlich, dass politische Realität heute eine Bühne ist. Und ein gutes Stück lebt nicht von Authentizität, sondern von Glaubwürdigkeit im Moment.

Wenn also ein Narrativ bröckelt, wenn Korruptionsvorwürfe rumoren, wenn unliebsame Zeugen auftauchen wie schlechte Laiendarsteller bei einem Casting – dann greift man zur dramaturgischen Keule:

„Amnestie!“

Das ist nicht nur Gesetzgebung, das ist Regiearbeit.
Das ist der Versuch, ein ganzes Land zum Statisten im eigenen Imagefilm zu machen.

Die moralische Selbstbefreiung der politischen Klasse

Die ukrainische Regierung – satirisch betrachtet – wirkt oft wie eine Theatertruppe, die den Unterschied zwischen Heldentum und PR nicht nur verwischt, sondern aktiv zum Geschäftsmodell macht.

Das Land kämpft, das Volk leidet, doch die Führung scheint die größte Angst davor zu haben, dass jemand die Bücher öffnet.

Die Generalamnestie erscheint wie ein politischer Reset-Knopf:
ein nützliches Werkzeug, wenn man verhindern will, dass die Zukunft sich zu sehr mit der Vergangenheit beschäftigt.

Denn nichts ist gefährlicher für eine Regierung, die in Rekordgeschwindigkeit Milliarden verbrennt, als die Frage:
„Wer hat was wo und warum abgezweigt?“

Da schweigt man lieber.
Oder – noch besser – man erlässt Gesetze, die verhindern, dass überhaupt jemand danach fragt.

Schlussakkord: Die Kunst des Vergessens als Staatsprogramm

Die satirische Erkenntnis lautet:
Die Generalamnestie ist nicht der Weg zum Frieden, sondern der Versuch der ukrainischen Führung, inmitten von Chaos und Korruption ein moralisches Leintuch über all das zu werfen, was nicht mehr erklärbar, verteidigbar oder elegant zu verschleiern ist.

Es ist das politische Äquivalent zum Motto:
„Wenn niemand mehr schuld ist, ist alles wieder gut.“

Und wenn man schon sonst nichts unter Kontrolle hat –
Krieg, Wirtschaft, internationale Skepsis, Transparenz –,
dann wenigstens die eigene Vergangenheit.

Die Quadratur der Neutralitätsrhetorik als olympische Disziplin

Es ist eine groteske Vorstellung, aber offenbar Realität: Man kann heutzutage behaupten, politisch neutral zu sein, während man gleichzeitig jedes verfügbare Mikrofon nutzt, um den moralischen Zeigefinger auf Moskau zu richten, Trump erklärtermaßen nicht „ausstehen“ zu können – was allein schon eine staatsmännische Untertreibung der feinsten Sorte ist – sich in die ukrainische Nationaltracht wirft wie in eine saisonale Werbeaktion eines Wohltätigkeitsballs, und Österreich großspurig als sichersten Ort für Verhandlungen anbietet, obwohl die politische Glaubwürdigkeit Österreichs mittlerweile ähnlich robust wirkt wie ein Kartenhaus in einem Sturm aus Pressestatements. Man spielt das große, das gigantische, das übermenschliche Spiel des Sowohl-als-auch, dieses schillernde Chamäleon der diplomatischen Doppeldeutigkeit, das sich so lange in Deckung wähnt, bis es vor lauter Farbenwechsel die eigene ursprüngliche Farbe vergessen hat. Die Neutralität wird dabei zu einer Art metaphysischer Schimäre, die man herbeizitiert, wenn sie argumentativ opportun ist, und anschließend wegwischt wie Fingerabdrücke auf einem Regierungsdossier. Wer das für überzeugend hält, muss eine extrem großzügige Definition von Logik haben oder bereits vollständig resigniert sein.

Ein Land im Spagat: Der geopolitische Limbo als Staatsphilosophie

Österreich tanzt seit Jahren eine politische Version des Limbo, die so tief angesetzt ist, dass man sich fragt, wie viele Bandscheiben ein Staat eigentlich haben kann. Man lässt Truppen- und Waffentransporte passieren mit der lakonischen Selbstverständlichkeit eines Autobahnwartes, der nur für die Schranken zuständig ist, nicht aber dafür, wer durchfährt. Gleichzeitig verkündet man lautstark die unglaubliche, unerschütterliche, verfassungsmäßige Neutralität, als wäre sie ein heiliges Relikt, das man alljährlich im Rahmen eines staatlichen Folklorefestivals poliert und öffentlich segnet. Die Diskrepanz zwischen Tat und Erzählung ist dabei so offensichtlich, dass sie schon fast Kunst ist – die Art von Kunst, bei der man sich nicht sicher ist, ob sie genial oder einfach nur dreist ist. Und der Bürger steht daneben, staunt, wundert sich, und hört immer wieder dieselbe Erklärung: „Das ist völlig im Einklang mit der Neutralität.“ Man möchte fast höhnisch applaudieren – selten gelingt es einer politischen Kultur, eine Verfassungsnorm derart konsequent zu einer rhetorischen Gummiwurst umzuformen, die sich in jede politische Bockwurstmaschine der Tagespolitik pressen lässt.

Regierungsrhetorik als vollautomatische Nebelmaschine

Die Bundesregierung agiert dabei wie ein gut geölter Apparat zur Verdampfung klarer Begriffe. Tagsüber verkündet man die strikte, nahezu sakrale Neutralität, abends veröffentlicht man auf Social Media Solidaritätsbekundungen mit der Ukraine, so keimfrei formuliert, dass sie in jedem NATO-Briefing durchgehen könnten. Die Kunst besteht offenbar darin, jeden Satz so zu formulieren, dass er auf zwei völlig entgegengesetzte politische Zielgruppen gleichzeitig wirkt – eine Art diplomatische Schrödinger-Rede, die gleichzeitig neutral und parteiisch ist, bis sie jemand zu genau anhört. Die öffentliche Kommunikation verwandelt sich so in ein kunstvoll verknotetes Netz aus Floskeln, das sich jedem Versuch widersetzt, es zu entwirren. Wie ein Zaubertrick, bei dem man weiß, dass man betrogen wird, aber keine Chance hat, dem Magier auf die Finger zu schauen. Stattdessen steht man stumm im Publikum, während die Regierung beteuert, man befinde sich moralisch auf dem Weg der Tugend, obwohl man politisch längst in einer Wagenspur rollt, die nur mit sehr viel Wohlwollen noch als „neutral“ beschrieben werden kann.

Der geopolitische Realitätscheck, der keiner sein darf

Und dann gibt es noch jene unbequeme Tatsache, die man am liebsten in den Keller sperren würde, zu den alten Wahlplakaten, den vergessenen Ministerversprechen und den durchgerechneten Budgetprojektionen der letzten zwanzig Jahre: Europa wird ohne Russland keine stabile Friedensordnung bauen. Punkt. Das ist keine Meinung, das ist keine Provokation, das ist schlichter, brutaler Realismus. Russland ist eine Atommacht, Russland sitzt im UNO-Sicherheitsrat, Russland ist – ob man es mag oder nicht – ein unverrückbarer Teil der politischen Architektur Europas. Wer ernsthaft glaubt, man könne eine langfristige Sicherheitspolitik konstruieren, indem man Russland aus sämtlichen Reißbrettern der Zukunftsplanung streicht, ist entweder von einer so waghalsigen Naivität beseelt, dass sie schon fast wieder rührend ist, oder aber von einer ideologischen Verblendung, die man sonst nur aus religiösen Eiferergeschichten kennt. Man kann Russland nicht wegmoralisieren. Man kann es nicht wegposten. Man kann es nicht wegkürzen wie eine störende Passage aus einer Rede. Und dennoch hält sich hartnäckig die Vorstellung, der Westen könne einfach eine Parallelwelt errichten, in der Moskau nicht existiert – eine Art geopolitisches Sims-Spiel, nur ohne „Undo“-Funktion.

Wunschdenken als stärkste geopolitische Droge Europas

Wunschdenken hat in Europa inzwischen den Rang eines politischen Grundnahrungsmittels erlangt. Es ist allgegenwärtig, leicht verdaulich und verursacht nur gelegentlich Verstopfung im Denken. Die Vorstellung, man könne den Kontinent völlig neu konstruieren, mit einer Art moralisch aufgerüstetem Architekturplan, der die Realität elegant ignoriert, ist inzwischen so weit verbreitet, dass sie beinahe wie ein kollektives Selbsthypnose-Experiment wirkt. Man glaubt an die Macht der guten Absichten, an die performative Kraft der Pressemitteilung, an die Heilswirkung der Werte-Rhetorik – und wundert sich dann, dass die Weltpolitik sich davon herzlich wenig beeindrucken lässt. Die Welt ist eine rauere, unfreundlichere, unkooperativere Angelegenheit als manche europäische Politiker es gerne hätten. Doch statt diesen Befund ernst zu nehmen, zieht man sich in die mentale Komfortzone zurück, in der Neutralität ein dehnbarer Begriff ist, moralische Urteile eine Art Kaugummi und geopolitische Zusammenhänge nur dann existieren, wenn sie gerade ins Narrativ passen.

Das große Finale: Ein Kontinent im rhetorischen Zangengriff

Und so sitzen wir hier, inmitten einer politischen Landschaft, die von Widersprüchen durchzogen ist wie ein schlecht verlegter Stromkreis. Man predigt Neutralität und betreibt gleichzeitig eine selektive Parteinahme. Man verurteilt Autokraten und hofiert sie zugleich, je nachdem, wie wichtig sie gerade für die Gasversorgung, die Handelsbilanz oder die eigene innenpolitische Selbstinszenierung sind. Man formuliert hochtrabende Visionen einer europäischen Friedensordnung, die so weit von der Realität entfernt sind wie eine Tourismusbroschüre von den tatsächlichen Preisen im Gastgewerbe. Und über all dem schwebt die unerschütterliche Zuversicht, dass sich alles schon irgendwie ausgehen wird – ein typisch österreichischer Glaubenssatz, der in der Politik leider genauso wenig verlässlich ist wie im Alltag.

Vielleicht ist das die eigentliche Tragikomödie: Europa und Österreich wollen gleichzeitig mutig und vorsichtig, kraftvoll und zurückhaltend, solidarisch und neutral sein. Und so entsteht jene vollkommen einzigartige Mischung aus politischem Zögern, rhetorischem Muskelspiel und moralischem Schwindelgefühl, die man nur mit einem Wort beschreiben kann: absurd.

Ein Expräsident im Knast

oder wie man drei Wochen in der Postmoderne überlebt

Dass ein ehemaliger Staatspräsident sich einmal in die Rolle des Gefangenen begibt, ist, wie man so schön sagt, an sich schon ein Schauspiel der Sonderklasse. Aber Nicolas Sarkozy – nennen wir ihn der Einfachheit halber „Monsieur der Kurzzeit-Inkarnation des Monte Christo“ – übersteigt sogar die schamlose Erwartungshaltung, die man sonst an Expolitiker richtet. Drei Wochen Gefängnis, und schon ist die literarische Produktion im Gange, wie ein Start-up in der Hochgeschwindigkeitswelt der sozialen Medien. Dass er ausgerechnet den Grafen von Monte Christo liest, lässt tief blicken: nicht etwa in die Weltliteratur als ästhetisches Abenteuer, sondern als eine Art strategisches Inspirationshandbuch für die posthume Selbstinszenierung. Man stelle sich vor, der große Dantès der Gegenwart schreitet durch die Flure eines modernen Justizpalastes, den Blick fest auf den imaginären Schatz gerichtet, während die Kameras gierig jeden Blick, jede Regung aufzeichnen. Die Ironie ist nahezu greifbar: ein Mann, der Macht und Freiheit jahrzehntelang als Grundrecht verstand, bekennt sich für wenige Wochen zu derselben Beschränkung, die Millionen gewöhnlicher Bürger täglich ertragen müssen – und verwandelt sie blitzschnell in literarische Leistung.

Die Kunst der Unverfrorenheit

„Gefängnisheft“ heißt das Werk, das nun, kaum mehr als einen Wimpernschlag nach der Freilassung, der Öffentlichkeit präsentiert wird. Der Titel allein wirkt wie ein trotziges Statement gegen alles, was wir unter Scham verstehen. Es ist nicht einmal der Versuch einer Schamhaftigkeit; vielmehr ist es die Demonstration, wie man völlig ohne Scham existieren kann – fast wie ein philosophisches Experiment in Echtzeit. Die mediale Rezeption ist dabei nur ein Nebenschauplatz. Denn der wahre Triumph liegt nicht darin, dass wir über das Buch sprechen, sondern dass es überhaupt existiert. Drei Wochen Knast, drei Wochen Isolation, und schon materialisiert sich ein literarisches Produkt. Man könnte sagen, die Geschwindigkeit des Schaffens konkurriert mit der Geschwindigkeit der Selbstvermarktung. So wird das Gefängnis nicht zum Ort der Reflexion, sondern zum Schauplatz einer neuen, postheroischen Form von Heldenmut: wer sich in wenigen Wochen von der Gefängniszelle in die Bestsellerliste katapultiert, hat offensichtlich die Gesetze der Logik und der Zeit erfolgreich hinterfragt.

Zeitgenössische Helden und ihre groteske Eleganz

Jede Zeit hat ihre Helden, sagen die Historiker, und diese Definition erweist sich heute als bemerkenswert elastisch. Helden sind nicht mehr allein die unerschütterlichen Kämpfer für Freiheit, Wahrheit oder Gerechtigkeit – sie sind diejenigen, die in der Lage sind, die Mechanismen der Aufmerksamkeit mit einer Mischung aus Arroganz und Charme zu navigieren. In diesem Licht betrachtet, wirkt Sarkozys kleines literarisches Intermezzo wie die Blaupause für ein neues Genre: das postmoderne Heldendrama, in dem Gefängnisaufenthalte, mediale Inszenierungen und literarische Ambitionen harmonisch verschmelzen. Der Zynismus liegt auf der Hand, aber auch der Humor – ein Augenzwinkern, das man nur schwer übersehen kann, wenn man sich vorstellt, wie ein Mann, der einst die politische Bühne dominierte, nun Seite für Seite darüber sinniert, wie es ist, hinter Gittern zu sitzen, während draußen die Kameras die Szene ablichten.

Fazit im Spiegel der Selbstverliebtheit

Man könnte lange über den moralischen Gehalt dieses Unterfangens diskutieren, über die Frage, ob Literatur aus drei Wochen Haft wirklich eine Bereicherung für die Kultur darstellt oder ob sie lediglich die egozentrische Selbstbespiegelung eines ehemaligen Machthabers illustriert. Aber das wäre zu ernsthaft. Vielmehr muss man staunen – über die Frechheit, über die Effizienz und über die absurde Eleganz, mit der hier Schamlosigkeit als literarisches Stilmittel zelebriert wird. In einer Welt, in der das Spektakel die Inhalte ersetzt, ist „Gefängnisheft“ vielleicht weniger ein Buch als eine Meisterklasse in postmoderner Selbstinszenierung. Und wir – kleine Zuschauer in diesem Theater – dürfen uns zurücklehnen, schmunzeln, kritisieren und gleichzeitig anerkennen: Die Kunst, völlig frei von Scham zu sein, ist eine, der man kaum entrinnen kann.

Die Illusion der Kontrolle

Eine funktionierende Demokratie freier und mündiger Bürger kennt keine Angst vor Kontrolle – sie lebt geradezu von der Selbstkontrolle der Bürger. Alles andere ist der schale Versuch, einem moralischen Überbau namens „Sicherheit“ den Glanz von Legitimität zu verleihen. Wer Kontrolle fordert, als wäre sie das Alpha und Omega demokratischer Existenz, offenbart nur eines: seine tief sitzende Paranoia. Demokratie, so paradox es klingt, ist kein Überwachungsinstrument, das man von oben herab auf die Untertanen niederlässt, sondern ein organisches Geflecht aus Vertrauen, Widerspruch und gelegentlich ein bisschen Chaos. Alles, was über die institutionalisierte Kontrolle hinausgeht, ist der verzweifelte Versuch, das Offensichtliche zu vertuschen: Dass Macht ohne Kontrolle sich selbst zerstört, aber nur, wenn die Bevölkerung klug genug ist, sie zu ignorieren.

Die Tyrannei der Sicherheitsfanatiker

Angst vor Kontrollverlust – welch schillerndes Mantra der modernen Politikelite! Sie sprechen von „demokratischer Verantwortung“ und „Transparenz“, während sie in Wirklichkeit ihre eigenen Filzstrukturen, Günstlingswirtschaften und Selbstbedienungsläden absichern. Wer wirklich Angst vor Kontrollverlust hat, liebt die Kontrolle über andere. Wer Kontrolle fordert, weil er sie selbst nicht ertragen kann, verhält sich wie ein Theaterdirektor, der die Zuschauer aus der Loge vertreiben will, damit niemand sieht, wie schlecht das Stück inszeniert ist. Und genau das ist der Kern unserer glorreichen Demokratie: Ein System, das sich selbst als Hort der Freiheit feiert, während es subtil und permanent die Fäden in der Hand hält. Bürgerrechte werden nicht verteidigt, sie werden nur wie Accessoires getragen – je nach Anlass und Tagespolitik.

Freiheit als Marketinginstrument

In diesem Licht betrachtet, ist Freiheit zu einem Marketinginstrument degradiert. „Wir sind die Demokratie!“ – ruft man aus den Rednerpulten, während hinter den Kulissen Aktenordner wandern, Verträge geschlossen werden, die der Bürger nie sehen darf, und Parteien kooperieren, wo sie öffentlich streiten. Die Angst vor Kontrollverlust wird instrumentiert, um Zustimmung zu erzwingen. Freiheit wird als Feigenblatt benutzt, während die eigentliche Kontrolle in unsichtbaren Händen liegt. In einer wirklich funktionierenden Demokratie bräuchte es keinen Orwell’schen Aufpasser, keinen Big-Brother-Staat und keine endlosen Prüfberichte. Die Bürger hätten genug Verstand, sich zu organisieren, zu widersprechen, zu intervenieren – und das ganz ohne ständige Überwachung oder paternalistische Belehrung.

Satire als Spiegel

Man könnte es zynisch nennen, könnte sich angewidert abwenden, aber Satire hat ihren Zweck: Sie spiegelt das Unausgesprochene wider, das Offensichtliche, das man lieber unter Teppiche kehrt. Wenn man „unsere Demokratie“ betrachtet, fällt auf: Die Kontrolle ist allgegenwärtig, aber nicht für uns, die Bürger, sondern für uns, die Elite. Wer sich über die „Gefahren von Kontrollverlust“ echauffiert, fürchtet nicht das Chaos der Freiheit, sondern das Chaos der Transparenz. Wer wirklich Freiheit will, braucht keine Kontrolle, sondern nur die Gelegenheit, sie zu leben – und die Gesellschaft, die sie erträgt. Alles andere ist Theater, ist Ablenkung, ist die maskierte Furcht der Mächtigen, die wissen, dass ihre Legitimation nur so lange hält, wie wir sie ignorieren.

Fazit: Die Ironie der Macht

Es ist die bittersüße Ironie unserer Zeit: Je lauter die Rufe nach Kontrolle, desto schwächer das Vertrauen in die Demokratie selbst. Die Angst vor Kontrollverlust ist kein Zeichen von Verantwortung, sondern von Angst – der Angst, die eigene Macht zu verlieren, die eigenen Privilegien zu gefährden, das eigene Theaterstück zu entlarven. Eine echte Demokratie muss sich nicht verteidigen. Sie verteidigt sich durch die Bürger, durch die Freiheit und den Widerspruch. Alles andere ist Illusion, ein Spiegelkabinett von Parolen, das nur jene schützt, die nicht wirklich frei sein wollen.

Gefährdungslage

Man könnte meinen, die adventliche Beschaulichkeit der deutschen Weihnachtsmärkte sei ein Hort der friedlichen Konsumfreude: Glühwein dampft aus den Bechern, Kinder mit roten Wangen stapfen über festlich geschmückte Pflastersteine, und zwischen den Buden erklingt das gedämpfte Schellen eines Karussells. Doch in Wahrheit, so lehrt uns der moderne Sicherheitsdiskurs, lauert das Risiko nicht in den Schatten von Terrorzellen oder gar in der finsteren Welt des globalisierten Extremismus. Nein, das wahre Grauen trägt silbernes Haar, hat oft eine Hornbrille, bevorzugt Karohemden unter groben Strickjacken und überschreitet gelegentlich Verkehrsbarrieren, als handle es sich um die zartesten Pflastersteine einer sonntäglichen Dorfstraße. Stephan Trogus, ein Veranstaltungssicherheits-Experte, dessen Titel alleine schon ein beruhigendes Gewicht von Autorität vermittelt, hat es klargestellt: „Grauhaarige ältere deutsche Herren“ sind die eigentliche Gefahr für Weihnachtsmärkte – viel bedrohlicher als jede islamistische Phantasie, die in politischen Talkshows zur moralischen Panik aufgeblasen wird. Und so wandelt die Sicherheitsarchitektur der Städte zwischen Pollern, Absperrbändern und überforderten Ordnungskräften wie eine nervöse Operettenfigur über das Parkett der öffentlichen Angst.

Die Ironie der Sicherheit

Es ist eine exquisite Ironie: Jahrzehntelang hat die öffentliche Wahrnehmung Terroristen als unsichtbare, omnipräsente Schattengestalten idealisiert – perfekt getarnte Bösen, die in jeder Menschenmenge lauern, bereit, die festlich geschmückte Nation in Trümmer zu legen. Und doch, in einem Spiegel der nüchternen Realität, entpuppen sich die wirklichen Risiken als Herrschaften mit Gehstock, deren wackelige Hände in die Pedale ihrer Dieselkarossen greifen, als handle es sich um das königliche Staatsgefährt auf dem Weg zur Audienz. Während Politiker über millionenschwere Sicherheitskonzepte debattieren, die Kamera über die „Terrorgefahr“ zoomt, und der Kolumnist um Worte ringt, um die subtile Bedrohung durch den „fremden Anderen“ zu illustrieren, streifen sie gleichzeitig durch die Budengassen, eine Latte Latte Macchiato in der einen, das Handy in der anderen Hand, und übersehen die wahre Bedrohung: den ungeduldigen Rentner im SUV, der Poller als Vorschläge missversteht. Wenn man so will, ist es die Tragikomödie des modernen Sicherheitsdiskurses, dass das Monster, vor dem wir zittern, nicht mit Kalaschnikows oder Sprengstoff experimentiert, sondern mit der stoischen Ignoranz von Verkehrsregeln.

Politische Korrektheit trifft Realität

In diesem Kontext entwickelt sich eine herrliche Diskrepanz zwischen dem, was gesagt werden darf, und dem, was real passiert. Der Begriff „Islamismus“ fällt nicht – und das ist weder ein Versehen noch ein Mangel an Courage, sondern die subtile, satirische Botschaft der nüchternen Analyse: Während wir uns in vorsichtigen Worten über abstrakte Ideologien echauffieren, ignorieren wir beharrlich das, was täglich auf unseren Straßen geschieht. Der ältere Herr, der seine Bremsen falsch einschätzt, hat keinen Masterplan zur Weltvernichtung, sondern nur das Bedürfnis, seinen Glühweinstand pünktlich zu erreichen, und dennoch ist seine Wirkung auf die öffentliche Sicherheit dramatischer als die fernesten Terrorfantasien. Hier zeigt sich die Poesie des Absurden: Je lauter die mediale Inszenierung des imaginären Schreckens, desto stiller bleibt die Stimme des real existierenden Risikos, das sich in alltäglicher Routine tarnt.

Humor im Angesicht der Gefahr

Und doch, bei all der bitteren Ironie, bleibt das augenzwinkernde Element nicht auf der Strecke. Es ist ein Humor, der aus der Konfrontation mit der Absurdität erwächst: Da sitzt man also zwischen Glühweinstand und Lebkuchenherz, umgeben von Sicherheitsbändern und Absperrungen, während der Grauhaarige nebenan die Poller ignoriert, als seien sie bloß Dekoration für das festliche Ambiente. Es ist ein Lachen, das sich nicht über die Gefahr selbst erhebt, sondern über die groteske Unverhältnismäßigkeit, die unsere Wahrnehmung bestimmt: Wir fürchten das Unsichtbare, das Ferne, das Theoretische, während wir das Naheliegende und Konkrete als banale Störung abtun. Der wahre Witz liegt darin, dass die Bedrohung, die wir am meisten fürchten, nicht aus den exotischen Welten des Terrorismus kommt, sondern aus dem altbekannten Blick des deutschen Rentners hinterm Steuer. Eine Farce, die das Publikum gleichzeitig erschreckt und zum Schmunzeln bringt – so wie es guter Satire geziemt.

Fazit: Silbergrau und gefährlich

So stehen wir nun, Jahr für Jahr, an der Schwelle zwischen Vorweihnachtsfreude und urbaner Absicherung, zwischen der Fiktion globaler Bedrohung und der alltäglichen Realität silbergrauer Herren. Die Poller werden erhöht, die Kameras neu kalibriert, und die Analysten sprechen von Risikomanagement, als handele es sich um das Kochen eines perfekten Gänsebratens. Doch das eigentliche Drama, die eigentliche Komik, liegt in der stillen Ignoranz derjenigen, die wir kaum noch ernst nehmen – und doch sie sind es, die das größte Risiko darstellen. Wer hätte gedacht, dass die Weihnachtsmärkte nicht von terroristischen Angriffen, sondern von der milden, unaufhaltsamen Hartnäckigkeit des älteren deutschen Herren bedroht werden? Vielleicht liegt gerade darin der tiefste Lehrsatz: Die Welt ist nicht so gefährlich, wie wir glauben – sie ist nur humorvollerweise widerspenstig in den Händen derjenigen, die am meisten unterschätzt werden.