Hat die Linke hat ein Antisemitismusproblem?

Nein, sie hat kein Problem mit Antisemitismus.

Hat die Linke ein Antisemitismusproblem? Die Frage selbst verrät bereits eine fundamentale Fehlannahme, denn sie unterstellt, es handele sich um eine Störung, um einen Fremdkörper, um etwas, das man diagnostizieren, behandeln oder gar beseitigen müsste. Weit gefehlt. Die Linke hat kein Problem mit Antisemitismus – sie hat ihn vielmehr so gründlich assimiliert, so kunstvoll in den eigenen ideologischen Haushalt eingegliedert, dass er längst zur selbstverständlichen Grundausstattung gehört, vergleichbar dem moralischen Zeigefinger oder dem unerschütterlichen Glauben an die eigene Überlegenheit. Was Außenstehende als Problem wahrnehmen, erscheint den Eingeweihten als konsequente Haltung, als notwendige Konsequenz aus der Analyse von Imperialismus, Kolonialismus und kapitalistischer Unterdrückung. Der Jude, einst der ewige Sündenbock der Rechten, ist hier zum Symbol des Unterdrückers mutiert, zum Agenten eines Systems, das man bekämpft, und Israel zur Projektionsfläche aller Übel der Welt. Wer hier von einem Problem spricht, verkennt die Eleganz, mit der der alte Hass in den neuen Sprachgebrauch übersetzt wurde: aus „Juden raus“ wurde „From the river to the sea“, aus dem offenen Pogromruf die feinsinnige Kritik am Zionismus, aus dem Rassenhass die antirassistische Pflichtübung. Die Linke hat kein Antisemitismusproblem – sie hat den Antisemitismus zum Teil ihrer Identität gemacht und genießt die moralische Überlegenheit, die sich daraus speist

.Die kunstvolle Verleugnung als höchste Form der Bejahung

Wer genauer hinsieht, entdeckt in dieser Haltung eine fast schon bewundernswerte Konsequenz. Während andere politische Lager sich noch mit peinlichen Abgrenzungen und resoluten Verurteilungen abplagen, hat die Linke den Schritt zur totalen Integration vollzogen. Antisemitische Ausfälle auf Demonstrationen, die Verherrlichung von Terrororganisationen, die systematische Gleichsetzung israelischer Selbstverteidigung mit Genozid – all das wird nicht als Makel empfunden, sondern als Ausdruck authentischer Solidarität mit den Unterdrückten. Die Partei, die in Berlin soeben die Wahlen gewann und sich als parlamentarische Vertretung eben jener Straßenproteste versteht, die mit „Yallah-Intifada“-Rufen und israelischen Fahnenverbrennungen die Hauptstadt bereichern, sieht darin kein Problem, sondern eine Stärke. Wer den Antisemitismus problematisiert, wird selbst zum Problem erklärt: zum Agenten imperialistischer Interessen, zum Verteidiger kolonialer Strukturen, zum Verräter an der gerechten Sache. Die Ironie erreicht hier eine literarische Höhe, die kaum zu überbieten ist. Denn während man sich als antifaschistisch und weltoffen geriert, pflegt man einen Judenhass, der in seiner Unverfrorenheit den alten Mustern in nichts nachsteht – nur dass er diesmal im Gewand der Menschenrechte und der internationalen Solidarität daherkommt. Die Linke hat kein Problem mit Antisemitismus, weil sie den Antisemitismus längst nicht mehr als solchen erkennt. Er ist Teil des Programms, Teil der Identität, Teil jener moralischen Selbstgewissheit, die jede Kritik als rechten Angriff abtut.

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Der Triumph der selektiven Blindheit

Besonders erhellend wird diese Haltung, wenn man die selektive Blindheit betrachtet, mit der hier operiert wird. Gegen Rechtsextremismus und offenen Rassismus formiert man sich blitzschnell, mobilisiert die Straße, fordert Verbote und Beobachtungen durch den Verfassungsschutz. Doch sobald der Hass aus den eigenen Reihen kommt, aus den Milieus der Migranten und der wohlstandsverwahrlosten Akademikerkinder, die den Israelhass als Lifestyle pflegen, verstummt die Empörung und weicht dem verständnisvollen Nicken. Judenfeindlichkeit wird dann zur „Kritik an der israelischen Politik“ umetikettiert, die Auslöschungsfantasien zum legitimen Widerstand, die Terrorverherrlichung zur emotionalen Überreaktion der Opfer. Die Linke hat kein Antisemitismusproblem – sie hat ein Wahrnehmungsproblem, das so gründlich trainiert wurde, dass es bereits zur zweiten Natur geworden ist. In Berlin, wo die Partei als stärkste Kraft hervorging, und in den Universitätsaudits, wo israelische Dozenten und jüdische Studierende systematisch ausgegrenzt werden, zeigt sich diese Haltung in Reinkultur: Man hat den Antisemitismus nicht etwa überwunden, man hat ihn nur umbenannt und damit salonfähig gemacht. Wer hier noch von einem Problem spricht, offenbart lediglich, dass er die Regeln des neuen Diskurses nicht verstanden hat. Die Linke hat den Judenhass so geschickt in ihre Erzählung vom Kampf gegen Unterdrückung eingefügt, dass er nun als emanzipatorischer Akt erscheint – und wer das anzweifelt, steht selbst unter Verdacht.

Die selbstgerechte Gelassenheit der Unbelehrbaren

Am Ende enthüllt sich in dieser Haltung eine Form der Selbstgerechtigkeit, die beinahe schon humoristisch anmutet, wäre sie nicht so konsequent und so gefährlich. Die Linke hat kein Antisemitismusproblem, weil sie den Antisemitismus als notwendiges Übel im Kampf um eine bessere Welt akzeptiert hat – oder genauer: weil sie ihn gar nicht mehr als Übel empfindet. Er ist Teil jener größeren Erzählung, in der Israel der ewige Aggressor ist, die Juden die privilegierten Täter und der eigene Hass die moralische Pflicht. Während man sich als Hüter der Menschenwürde geriert, toleriert man die systematische Delegitimierung des jüdischen Staates und die Einschüchterung jüdischer Bürger im eigenen Land. Die Satire schreibt sich hier beinahe von selbst: Eine politische Strömung, die den Faschismus bekämpft und zugleich dessen Judenhass in modernisierter Form pflegt, die die Geschichte beschwört und gleichzeitig deren Lektionen ignoriert, die „Nie wieder“ skandiert und zugleich die Bedingungen für ein erneutes „Wieder“ schafft. Die Linke hat kein Problem mit Antisemitismus – und genau das ist das Problem. Denn wer den alten Hass so gründlich normalisiert hat, dass er nicht einmal mehr als solcher erkannt wird, der hat nicht nur die Moral, sondern auch den letzten Rest an intellektueller Redlichkeit preisgegeben. Und während draußen die Straßen von den alten Rufen in neuem Gewand widerhallen, bleibt die Linke bei ihrer ruhigen Gewissheit: Ein Problem? Keineswegs. Man hat den Antisemitismus endlich dorthin gebracht, wo er hingehört – mitten ins eigene Herz.