Der unsterbliche Trainer im ewigen Abstiegskampf

In der gnadenlosen Welt des Fußballs würde ein Trainer namens Fritze mit Ergebnissen wie jenen, die die CDU soeben in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin eingefahren hat, längst der Vergangenheit angehören. Ein historisches Ausscheiden aus dem Landesparlament hier, eine krachende Niederlage gegen die Linke dort – das wären in der Bundesliga die klassischen Signale für die berüchtigte Trainerentlassung am Montagmorgen, begleitet von den üblichen Phrasen über mangelnde Identifikation der Mannschaft, fehlende Antworten auf die Fragen des Gegners und die Notwendigkeit eines frischen Kurses. Doch in der erhabenen Sphäre der Bundespolitik gilt ein anderes Regelwerk: Hier darf der Trainer weiter agieren, die Pressekonferenz abhalten, die eigene Unfähigkeit diagnostizieren und zugleich verkünden, man werde nun intensiv beraten, wie man wieder zu alter Stärke zurückfinde. Fritze Merz, der Kanzler, der soeben zugegeben hat, die Bevölkerung nicht mehr zu erreichen und auf zu viele Fragen keine zufriedenstellenden Antworten mehr zu haben, genießt den Luxus einer Atempause, die keinem Fußballcoach jemals gewährt würde. Während draußen die Fans – vulgo: die Wähler – bereits in Scharen zu den radikalen Rivalen abwandern und die Tribünen der Mitte leerer werden, bleibt der Trainer auf der Bank sitzen, gestützt von einer Vereinsführung, die beteuert, man stehe hinter ihm, und von der tröstlichen Erkenntnis, dass ein geeigneter Nachfolger ohnehin noch nicht in Sicht sei.

Die Kunst, Niederlagen als historische Aufgabe zu verkaufen

Ein Fußballtrainer Fritze wäre mit diesen Ergebnissen längst Geschichte – und zwar nicht etwa, weil man ihm persönliche Fehler vorwürfe, sondern weil die Bilanz unerbittlich spricht. In Mecklenburg-Vorpommern flog die stolze Mannschaft erstmals aus dem Wettbewerb, in Berlin wurde sie von einem Gegner überholt, den man jahrelang als ideologischen Abschaum behandelt hatte. Doch statt der unvermeidlichen Konsequenz folgt die große Kraftanstrengung: Man müsse und werde wieder zusammenfinden, die Koalition arbeite weiter, es sei die historische Aufgabe, das Land fit für die Zukunft zu machen. Man habe schon gute Sachen erreicht, aber das reiche noch nicht. Stabilität und ein klarer Kurs seien wichtig, doch unzureichend. Grundsätzliche und langfristige Fragen stünden an, intensive Beratungen würden folgen. Eine Volkspartei sei man nur noch in Teilen – und genau diese Teile wolle man nun retten, als handle es sich um eine lädierte Abwehrkette, die mit ein paar taktischen Umstellungen wieder standfest werde. Die Ironie erreicht hier Höhen, die selbst den gewieftesten Stadionsprechern die Sprache verschlagen würden: Der Trainer gibt öffentlich zu, dass seine Strategien nicht mehr greifen, dass die Mannschaft den Anschluss verloren hat, und kündigt dennoch an, man werde den Kurs korrigieren, ohne die Bank zu verlassen. Internationale Beobachter sprechen bereits von düsterer Symbolkraft und einem äußerst unbeliebten Chef, der um sein Überleben kämpft; im Paralleluniversum der deutschen Politik hingegen wird die nächste Pressekonferenz vorbereitet, bei der man die Schande des Antisemitismus beklagt, während man selbst mit administrativer Geste Juden zu Ausländern erklärt und damit die moralische Glaubwürdigkeit weiter erodiert.

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Die Schande auf dem Platz und die Tränen auf der Bank

Besonders pikant wird die Szenerie, wenn der Trainer zum Schluss noch über die Zustände in der Hauptstadt spricht und den radikalen Antisemitismus geißelt, der dort teilweise mit Beifall begrüßt werde. Das verstöre ihn zutiefst, die Unsicherheit der Juden sei die schwerste Hypothek, was auf den Straßen passiere, sei eine Schande für Deutschland. Gesprochen von einem Mann, der soeben Juden zu Ausländern erklärt hat, entfalten diese Worte eine Zynismusdichte, die jeden Fußballfan vor Neid erblassen ließe. Denn während man auf dem Platz die eigenen Niederlagen kassiert und die Fans den Rivalen zulaufen, nimmt sich der Trainer die Freiheit, moralische Tränen zu vergießen – und übersieht geflissentlich, dass er selbst mit bürokratischer Kaltschnäuzigkeit jene Grenze neu gezogen hat, die den Boden für Ausgrenzung bereitet. Ein Fußballtrainer Fritze wäre mit diesen Ergebnissen längst Geschichte, doch hier darf er weiterregieren, gestützt von der Parteispitze, die von Rücktrittsforderungen nichts wissen will, und von der tröstlichen Tatsache, dass Wüst und Söder sich untereinander nicht besonders gut verstehen. Die Basis mag murren, erste Stimmen fordern den Abgang, weil der Mann weder Exekutive noch Kommunikation beherrsche – doch die Vereinsführung hält die Stellung, das Kabinett sei handlungsfähig, und man habe immerhin noch ein halbes Jahr Zeit, bevor die nächsten entscheidenden Spiele in Saarland, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Bremen und Niedersachsen anstehen.

Die Atempause des Unabsetzbaren

Was derzeit für den Verbleib des Trainers spricht, ist eben jene Atempause, in der er Vertrauen zurückgewinnen und das Reformpaket gegen innere Widerstände durchsetzen müsse. Daran werde man ihn messen. Sollte es schiefgehen, würde die Trainerfrage erneut gestellt – und dann möglicherweise anders beantwortet. In diesem Szenario entfaltet sich die ganze Tragikomödie der politischen Bundesliga: Ein Trainer, der zugibt, keine Antworten mehr zu haben, kündigt konkrete Vorschläge an, wie die Mannschaft wieder Volkspartei werde; eine Führung, die soeben die tiefste Demütigung ihrer Geschichte erlitten hat, versichert, hinter ihm zu stehen; und ein Chef, der den Antisemitismus als Schande geißelt, während er selbst Juden zu Ausländern erklärt und damit die eigene Entrüstung ad absurdum führt. Die Satire schreibt sich beinahe von selbst. Denn während man im Paralleluniversum intensiv berät und Kraftanstrengungen beschwört, erodiert draußen weiter jene Mitte, die man angeblich retten will, und die Glaubwürdigkeit eines Mannes, der mit der einen Hand Zugehörigkeit abspricht und mit der anderen Unsicherheit beklagt, zerfällt zu einem Lehrstück über die Kunst der politischen Selbstentlarvung. Ein Fußballtrainer Fritze wäre mit diesen Ergebnissen längst Geschichte – in der Politik hingegen darf er weiter auf der Bank sitzen, die nächste Niederlage abwarten und dem Publikum erklären, man werde nun endlich den Kurs korrigieren. Die Fans haben bereits abgestimmt, die Rivalen jubeln, und auf der Bank bleibt es still, bis auf das leise Murmeln der Selbstbeschwörungen und die feierliche Ankündigung, man sei noch lange nicht am Ende.