wenn nach dessen Lektüre andere Menschen gehasst werden?
Ein Buch, das sich selbst mit dem Nimbus des Heiligen umgibt, das Offenbarung, göttliche Stimme, letzte Wahrheit und unfehlbare Wegweisung zu sein beansprucht, gerät in einen unauflöslichen Widerspruch, sobald seine Lektüre nicht Erhebung, nicht Milde, nicht jene seltene und kostbare Fähigkeit bewirkt, im Fremden noch den Menschen zu erkennen, sondern Hass. Hass ist kein Nebeneffekt, den man der menschlichen Schwäche zuschreiben könnte; Hass ist in solchen Fällen das planmäßige Produkt einer Rhetorik, die das Eigene sakralisiert, indem sie das Andere dämonisiert. Die Heiligkeit, die hier verkündet wird, entpuppt sich als eine Lizenz zur Verachtung. Sie verwandelt den Leser nicht in einen weiseren, gerechteren oder barmherzigeren Menschen, sondern in jemanden, der fortan mit dem Gefühl herumläuft, im Besitz einer höheren Wahrheit zu sein, die ihn berechtigt, ganze Gruppen von Mitmenschen als irregeleitet, unrein, verworfen oder gar als Feinde Gottes zu betrachten. Welch erhabenes spirituelles Ergebnis: Nach Hunderten von Seiten erhabener Prosa, nach Gleichnissen, Geboten und Verheißungen sitzt der Leser da und empfindet plötzlich einen warmen, frommen Abscheu gegen diejenigen, die das Buch nicht gelesen, nicht verstanden oder – ungeheuerlicher noch – nicht für verbindlich gehalten haben.
Heiligkeit als moralische Umkehr
Heiligkeit, wenn das Wort überhaupt noch einen Sinn haben soll, der über bloße Machtansprüche hinausgeht, müsste den Blick weiten, nicht verengen. Sie müsste die Distanz zwischen dem eigenen Ich und dem anderen Menschen verringern, nicht vergrößern. Stattdessen vollzieht sich in manchen als heilig deklarierten Texten eine merkwürdige Umkehr: Je länger die Lektüre dauert, desto schärfer werden die Grenzen gezogen. Der Gläubige, der das Buch aufschlägt, mag noch mit einer gewissen Neugier oder sogar Demut beginnen; am Ende hat er gelernt, dass Barmherzigkeit eine innergemeindliche Angelegenheit ist und dass außerhalb der eigenen Glaubensgrenze die Welt aus Abtrünnigen, Ungläubigen, Götzendienern oder einfach nur aus solchen besteht, die das Pech hatten, in der falschen Tradition geboren zu sein. Die Sprache solcher Bücher ist oft von einer doppelten Moral durchzogen: Liebe, Nachsicht und Vergebung gelten dem eigenen Kreis, während dem Außenstehenden Drohungen, Geringschätzung oder die Aussicht auf ewige Strafe entgegengehalten werden. Der Leser, der diese Unterscheidung verinnerlicht, schließt das Buch nicht als geläuterter Mensch, sondern als jemand, der nun über ein theologisches Alibi für seinen Groll verfügt. Der Hass erscheint ihm nicht mehr als Laster, sondern als Pflicht, als Ausdruck von Treue gegenüber der offenbarten Wahrheit. Das ist keine Erhebung der Seele, das ist ihre Verengung auf den Radius der eigenen Gruppe.
Die fromme Produktion des Feindes
Besonders zynisch wirkt die Konstruktion, wenn das heilige Buch selbst den Feind erst erschafft, den es anschließend zu bekämpfen oder zumindest zu verachten gilt. Es genügt nicht, dass Menschen unterschiedlich glauben, leben oder zweifeln; das Buch liefert die Kategorien, mit denen diese Unterschiede in ontologische Minderwertigkeit übersetzt werden. Der Andersgläubige wird nicht einfach als jemand beschrieben, der eine andere Auffassung hat, sondern als jemand, dessen Existenz das göttliche Ordnungsschema stört. Aus der bloßen Tatsache der Abweichung wird eine moralische Anklage. Der Leser, der dieser Logik folgt, braucht fortan keine eigenen Gründe mehr für Ablehnung; das Buch hat sie ihm bereits fertig geliefert, versehen mit dem Siegel himmlischer Autorität. Man stelle sich das Bild vor: Ein Mensch, der zuvor vielleicht gleichgültig, neugierig oder sogar wohlwollend durch die Welt ging, legt das Buch aus der Hand und entdeckt plötzlich, dass ganze Völkerschaften, Bekenntnisse oder Lebensweisen unter ein Verdikt fallen, das älter und höher sein soll als jede irdische Erfahrung. Der Hass, der daraus erwächst, trägt den Anschein der Objektivität. Er fühlt sich nicht subjektiv an, sondern wie Gehorsam. Genau darin liegt die besondere Perfidie: Der Leser hasst nicht trotz der Heiligkeit des Buches, sondern ihretwegen. Die Heiligkeit dient als Reinigungsmittel, das den Schmutz des Ressentiments in lauter Tugend verwandelt.
Offenbarung und die Ökonomie des Abscheus
Es gibt eine merkwürdige Ökonomie in solchen Texten. Sie versprechen dem Leser Zugehörigkeit, Sinn und letztgültige Orientierung, verlangen dafür aber einen Preis: die Bereitschaft, andere aus diesem Sinn auszuschließen. Je umfassender der Heilsanspruch, desto umfassender muss auch die Gruppe derjenigen sein, die ihn nicht teilen und deshalb als defizitär gelten. Das Buch wird so zu einer Maschine, die Identität durch Abgrenzung erzeugt. Der Leser, der sich zuvor vielleicht unsicher fühlte, erhält nun Klarheit – eine Klarheit allerdings, die auf Kosten der Mitmenschlichkeit geht. Er weiß plötzlich, wer dazugehört und wer nicht, wer gerettet und wer verloren ist, wessen Leben Gewicht hat und wessen Leben allenfalls als Warnung oder Strafe dient. Diese Klarheit ist berauschend, weil sie Komplexität reduziert. Die Welt wird übersichtlich: hier die Erleuchteten, dort die Verblendeten. Dass diese Übersichtlichkeit mit einem Verlust an Empathie erkauft wird, erscheint dem Frommen nicht als Mangel, sondern als notwendiges Opfer auf dem Altar der Wahrheit. Satirisch betrachtet, leistet das heilige Buch hier eine Dienstleistung, die man sonst eher politischen Pamphleten oder Stammesepen zutraut: Es organisiert den Hass, gibt ihm Form, Sprache und vor allem ein gutes Gewissen.
Der Leser als Opfer seiner eigenen Erhebung
Am Ende sitzt der Leser da, innerlich aufgerichtet und zugleich verhärtet. Er hat Seiten um Seiten göttlicher Weisheit konsumiert und trägt nun eine Haltung in sich, die mit Weisheit wenig, mit Überheblichkeit jedoch viel gemein hat. Die Ironie ist kaum zu überbieten: Ein Text, der Demut predigen sollte, produziert Stolz; ein Text, der Liebe gebieten sollte, erzeugt Abneigung; ein Text, der das Heilige berühren wollte, berührt vor allem die niederen Instinkte der Abgrenzung. Der Hass, der nach der Lektüre aufsteigt, ist nicht etwa ein Versagen des Lesers, das man ihm individuell vorwerfen könnte; er ist die konsequente Anwendung dessen, was das Buch selbst angelegt hat. Wo immer ein heiliges Buch den Leser dazu bringt, andere Menschen nicht mehr als Träger derselben Würde, sondern als Träger eines Makels zu sehen, hat es seinen eigenen Anspruch verraten. Heiligkeit, die Hass hervorbringt, ist keine Heiligkeit, sondern eine besonders wirksame Form der Ideologie, die sich das Vokabular des Absoluten geliehen hat. Der Leser schließt das Buch, blickt in die Welt und entdeckt dort plötzlich Feinde, die vorher nur Menschen waren. Was für ein erbauliches Finale. Was für eine Offenbarung. Was für ein heiliges Buch.