Die perfide Präzision des Missgriffs
Friedrich M. besitzt das seltene Talent, in einem einzigen Satz gleich mehrere historische, begriffliche und moralische Seile zu kappen, ohne dass der Beifall im Saal darüber auch nur eine Sekunde lang stockt. Bei einer Wahlkampfveranstaltung der Berliner CDU im Konrad-Adenauer-Haus erklärte der Kanzler, Antisemitismus sei die „perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit“. Der Satz klingt auf den ersten, unaufmerksamen Hördurchgang nach Empörung, nach Entschlossenheit, nach jener staatsmännischen Geste, die Judenhass in die Nähe des Abscheulichsten rückt, das die politische Sprache der Gegenwart kennt. Bei genauerem Hinsehen entpuppt er sich als etwas ganz anderes: als eine kleine, fast beiläufige Operation der Ausgrenzung, verpackt in das Pathos der Solidarität. Wer den Judenhass als Spielart der Feindschaft gegen Ausländer definiert, erklärt die Angegriffenen implizit zu Fremden. Nicht zu Bürgern, nicht zu einem selbstverständlichen Teil der Gesellschaft, nicht zu Menschen, deren Zugehörigkeit keiner zusätzlichen Begründung bedarf, sondern zu einer Kategorie, die von außen kommt und gegen die sich eine Abwehr formieren kann. Die Perfidie liegt nicht nur im Inhalt des Hasses, den der Satz benennen will. Sie liegt in der Taxonomie, die der Satz selbst vornimmt.
Die Formulierung verrät weniger einen geheimen Plan als eine tief sitzende Unbeholfenheit, die sich für Klarheit hält. Antisemitismus ist keine Unterart von Fremdenfeindlichkeit, so wenig wie der Hass auf Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft eine Variante der Abneigung gegen Touristen, Saisonarbeiter oder Asylbewerber darstellt. Er besitzt eine eigene Genealogie, eine eigene Mythologie, eine eigene mörderische Konsequenz. Er hat in Deutschland nicht deshalb gewütet, weil Juden als Ausländer galten, sondern weil sie als innerer Feind konstruiert wurden: als Volk im Volk, als Zersetzer, als unsichtbare Macht, als das Andere, das schon immer da war und gerade deshalb vernichtet werden musste. Die Gleichsetzung mit Ausländerfeindlichkeit holt dieses Andere wieder ins Vokabular der Migration. Sie verschiebt den Skandal von der Mitte der Gesellschaft an den Rand der Staatsangehörigkeit. Sie macht aus einer historischen Katastrophe ein Integrationsproblem.
Zugehörigkeit als Gnadenakt
In dem Satz steckt die alte, nie ganz überwundene Vorstellung, jüdisches Leben in Deutschland sei etwas, das erklärt, geschützt, geduldet, verteidigt werden müsse, als sei es nicht einfach da. Die Republik nach 1945 hat sich bekanntlich die Formel auf die Fahnen geschrieben, dass Jüdinnen und Juden zu Deutschland gehören. Formeln dieser Art haben die Eigenschaft, umso lauter wiederholt zu werden, je unsicherer ihre Geltung im Alltag ist. Friedrich M. wiederholt sie nicht. Er ersetzt sie durch eine Hierarchie der Feindseligkeiten, in der der Jude als besonders unangenehmer Ausländer erscheint. Die Geste der Empörung bleibt, der Adressat der Zugehörigkeit verschwindet. Übrig bleibt ein Schutzversprechen an jemanden, den man zuvor begrifflich vor die Tür gesetzt hat.
Besonders pikant wird die Sache durch den unmittelbaren Kontext der Rede. Derselbe Auftritt reiht Ausländerkriminalität und Judenhass in einem Atemzug aneinander, als handle es sich um benachbarte Erscheinungen derselben städtischen Unordnung. Das Land, so die Botschaft, müsse sich wehren – gegen Kriminalität von außen und gegen Hass auf jene, die in derselben syntaktischen Bewegung ebenfalls als von außen kommend markiert werden. Die rhetorische Nachbarschaft ist kein Zufall. Sie erzeugt eine Atmosphäre, in der jüdische Sicherheit als Anhang zur Migrationsdebatte verhandelt wird. Wer so spricht, braucht den Juden nicht zu hassen. Es genügt, ihn falsch zu sortieren. Die Sortierung selbst ist bereits die Distanz.
Man könnte einwenden, hier werde überinterpretiert, was nur eine unglückliche Wortwahl gewesen sei. Gerade darin liegt der Witz der Angelegenheit. Die unglückliche Wortwahl ist bei diesem Redner keine Ausnahme, sondern die Methode. Friedrich M. gilt seit Jahren als jemand, dem die Sprache regelmäßig davonläuft, der meint, Schärfe zu liefern, und dabei Kategorien durcheinanderwirft, als seien Begriffe Schubladen, in die man alles stopfen kann, was gerade politisch nützlich erscheint. Die „perfideste Form“ klingt nach Steigerung, nach moralischer Klimax. Tatsächlich ist sie eine Verkleinerung. Sie macht aus einem Vernichtungswahn eine besonders gemeine Variante von Xenophobie. Das ist nicht nur begrifflich falsch. Es ist politisch bequem. Denn Ausländerfeindlichkeit lässt sich in Wahlkampfzeiten beklagen und zugleich bewirtschaften. Der importierte Hass, die parallelen Gesellschaften, die nicht integrierten Milieus – all das gehört zum festen Inventar einer Rhetorik, die Empörung über Judenhass mit einer Agenda der Abschottung verkoppelt. Der Satz fügt sich in dieses Inventar ein, auch wenn er sich als dessen Gegenteil präsentiert.
Erinnerung als Kulisse
Die Bundesrepublik hat sich angewöhnt, den Kampf gegen Antisemitismus als Staatsraison zu zelebrieren, während sie gleichzeitig immer wieder jene sprachlichen Routinen pflegt, die Juden als Sonderfall behandeln. Polizeischutz vor Synagogen gilt als Normalität, das Bekenntnis zu Israel als Prüfstein, das Gedenken als Pflichtübung. In dieses Ritual passt ein Kanzler, der im Konrad-Adenauer-Haus, also im Haus jener Partei, die sich als antitotalitäre Gründungsinstanz der zweiten deutschen Demokratie versteht, eine Formulierung wählt, die den Schutzbefohlenen wieder zum Fremden macht. Adenauer selbst hatte nach dem Krieg Wiedergutmachung und diplomatische Annäherung an Israel betrieben, nicht aus überschäumender Liebe, sondern aus Staatsräson und westlicher Notwendigkeit. Die Nachfolger haben daraus eine Art moralisches Inventarstück gemacht. Friedrich M. bedient das Inventarstück und unterläuft es zugleich. Der Beifall im Saal gilt der Empörung. Die Semantik bleibt unbeachtet. Genau so funktioniert politische Sprache, wenn sie nicht mehr denken, sondern nur noch wirken will.
Satirisch betrachtet, handelt es sich um ein Meisterstück unfreiwilliger Offenheit. Der Redner will den Juden beistehen und erklärt ihn zum Ausländer. Er will das Land wehrhaft machen und sortiert die Bedrohten in die Kategorie derer, gegen die Wehrhaftigkeit sich sonst richtet. Er will die Mitte markieren und reproduziert eine Grenze, die mitten durch die Staatsbürgerschaft verläuft. Dass ausgerechnet jemand, der sich als Bollwerk gegen rechts inszeniert, eine Formulierung wählt, die in ihrer Logik an ältere Ausschlussmuster erinnert, verleiht der Szene jene Qualität, die man früher als tragikomisch bezeichnet hätte. Tragisch, weil die Sache ernst ist. Komisch, weil der Ernst in der unbeholfenen Pose des Mahners stecken bleibt.
Die Grammatik der Distanz
Antisemitismus als Ausländerfeindlichkeit zu bezeichnen heißt, die lange, zähe Arbeit der Unterscheidung rückgängig zu machen. Es heißt, den spezifischen Wahn, der Juden weltweit und über Jahrhunderte hinweg getroffen hat, in das Schema von drinnen und draußen zu pressen. Es heißt, so zu tun, als ende das Problem dort, wo der Pass beginnt. Deutsche Juden, israelische Staatsbürger, Menschen mit jüdischer Familiengeschichte, die hier leben, arbeiten, wählen, Steuern zahlen – sie alle werden durch diese eine Wendung zu Objekten einer besonderen Gastfreundschaft. Gastfreundschaft aber kann man aufkündigen. Zugehörigkeit nicht, jedenfalls nicht, ohne den eigenen Verfassungsanspruch zu beschädigen.
Die Pointe der Geschichte besteht darin, dass der Satz vermutlich gar nicht als Affront gemeint war. Er war als Steigerung gedacht, als rhetorischer Höhepunkt einer Rede, die Migration, Sicherheit und moralische Entrüstung zu einem wählbaren Paket schnüren sollte. Genau das macht ihn so aufschlussreich. Der ungewollte Ausschluss ist der ehrlichere. Er zeigt, wie dünn die Schicht der Selbstverständlichkeit noch immer ist. Man kann Gedenkstätten besuchen, Synagogen eröffnen, Kampfansagen formulieren und dennoch in der entscheidenden Sekunde die alte Schablone hervorholen, in der der Jude der Andere bleibt. Nicht der Feind, Gott bewahre. Nur eben der Ausländer in der besonders perfiden Variante.
So entsteht das Porträt eines Politikers, der die richtigen Empfindungen zu haben glaubt und die falschen Wörter dafür findet. Ein Nazi ist Friedrich M. damit nicht. Der Titel dieser Betrachtung ist eine Übertreibung, eine polemische Zumutung, ein Spiegel, der verzerrt, um kenntlich zu machen. Kenntlich wird eine Haltung, die den Judenhass verurteilt, ohne die Juden als selbstverständlichen Teil des Gemeinwesens zu denken. Kenntlich wird eine Sprache, die Schutz gewährt und Distanz organisiert. Kenntlich wird die Behaglichkeit einer politischen Kultur, in der man Beifall für Sätze bekommt, die man bei nüchterner Betrachtung sofort wieder einsammeln müsste. Der Kopfschütteln, das solcher Rhetorik folgt, ist kein Zeichen übertriebener Empfindlichkeit. Es ist die einzig angemessene Reaktion auf eine Formulierung, die das, was sie zu bekämpfen vorgibt, begrifflich bereits vorbereitet hat: die Vorstellung, jüdisches Leben sei hierzulande etwas, das von woanders kommt.