Es gehört zu den unerquicklichsten Vergnügungen politischer Gegenwart, historische Figuren in die Schablonen heutiger Parteidisziplin zu pressen, als wären sie schlecht gelaunte Praktikanten in einem Apparat aus Pressestellen, Fraktionszwang und moralischer Buchführung, und doch lässt sich die Versuchung kaum unterdrücken, einmal probehalber den gedanklichen Zeitsprung zu wagen: Was geschähe wohl, träte Willy Brandt heute in eine Sitzung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ein, mit jenem mild-ironischen Blick, der schon damals mehr Zweifel als Gewissheit verriet, und mit jener Neigung zur offenen Debatte, die ihm innerparteilich regelmäßig als Schwäche ausgelegt wurde? Man darf annehmen, dass nicht etwa ehrfürchtige Stille einträte, sondern vielmehr ein diskreter, aber effizienter Alarmmechanismus: zu wenig „klare Kante“, zu viel Ambiguität, eine gefährliche Bereitschaft, Widersprüche auszuhalten – kurz: ein Sicherheitsrisiko für jede Form moderner, durchgetakteter Empörungspolitik. Schon der berühmte Satz „Mehr Demokratie wagen“ klänge heute weniger wie ein Aufbruch als wie ein Verdacht, ein codewortartiges Indiz für mangelnde Steuerungsbereitschaft, für das notorische Unvermögen, Diskursräume sauber zu schließen und moralische Grenzpfähle unumstößlich einzurammen.
Der Verdacht des Abweichlers
Denn die Ironie der Geschichte besteht darin, dass Brandts eigentliche Stärke – das Aushalten innerparteilicher Vielfalt, ja geradezu die Weigerung, die SPD in eine „stromlinienförmige“ Organisation zu verwandeln – in der Gegenwart leicht als Führungsschwäche etikettiert würde, als fahrlässige Einladung zur Unordnung in einer Zeit, die Ordnung mit Einigkeit und Einigkeit mit Lautstärke verwechselt. Damals schon wurde ihm von robusteren Parteifreunden vorgeworfen, zu nachsichtig zu sein, zu wenig autoritär, zu sehr Moderator statt Kommandeur; heute würde man daraus vermutlich eine elaborierte Diagnose basteln, die irgendwo zwischen „fehlender Durchsetzungsfähigkeit“ und „strukturellem Problemfall“ changiert. Die Partei, die sich einst als „Willens- und Aktionsgemeinschaft“ verstand, scheint in ihrer späteren Metamorphose bisweilen eher als moralische Sortieranlage zu fungieren, in der nicht das Argument zählt, sondern dessen korrekte Einordnung in ein vorab definiertes Raster der Zulässigkeit – ein Raster, das weniger an politischer Klugheit als an sozialer Temperatur orientiert ist.
Der falsche Patriot und der zu offene Internationalist
Hinzu käme ein weiterer, nicht ganz unerheblicher Makel: Brandts gelegentliche Anflüge von Patriotismus, jene heute fast schon exotisch wirkende Fähigkeit, nationale Interessen zu formulieren, ohne sofort in Verdacht zu geraten, die falschen Geister zu beschwören. Schon in den späten Jahren irritierten entsprechende Töne Teile der eigenen Partei; in der Gegenwart, in der politische Begriffe oft weniger definiert als moralisch aufgeladen werden, könnte daraus rasch ein Verfahren werden, eine Art inquisitorischer Reflex, der weniger fragt, was gemeint ist, als vielmehr, ob es überhaupt gemeint werden darf. Gleichzeitig war Brandt Internationalist genug, um sich mit globalen Fragen auseinanderzusetzen, Entwicklungspolitik zu denken und die Bundesrepublik in eine größere Ordnung einzubetten – eine Doppelbewegung, die heute, im Zeitalter der identitätspolitischen Verengung, fast schon verdächtig ausgewogen wirkt, weil sie sich der bequemen Eindeutigkeit entzieht.
Der Macher als Problemfall
Noch unerquicklichere Gedankenspiele ergeben sich beim Blick auf Helmut Schmidt, jenen hanseatisch-nüchternen Realisten, der mit der Geduld eines Buchhalters und der Entschlossenheit eines Offiziers Politik betrieb und damit ein Gegenbild zu Brandts visionärer Offenheit bildete. Schmidt, der „Macher“, der Verantwortungsethiker, der sich weniger um die Reinheit der Gesinnung als um die Konsequenzen des Handelns kümmerte, würde im heutigen Diskurs vermutlich eine erstaunliche Karriere als Problemfall hinlegen: zu viel Realitätssinn, zu wenig moralische Ornamentik, eine fast schon anstößige Bereitschaft, unbequeme Maßnahmen zu ergreifen und diese nicht einmal rhetorisch zu verkleiden. Seine Haltung zur Migration etwa – die Bundesrepublik sei kein Einwanderungsland und solle es auch nicht werden – würde heute vermutlich nicht als historisch bedingte Position gelesen, sondern als Anlass für eine rasche, öffentlichkeitswirksame Distanzierung, garniert mit dem unvermeidlichen Vokabular der Grenzziehung, das in seiner inflationären Verwendung längst jede präzise Bedeutung verloren hat.
Die Partei als Spiegelkabinett
So entsteht ein eigentümliches Spiegelkabinett: Die SPD, die sich historisch durch programmatische Wandlungsfähigkeit ausgezeichnet hat – vom Bruch mit dem Marxismus bis zur Agenda 2010 –, wirkt in ihrer Selbstbeschreibung weiterhin als Ort des Fortschritts, während sie gleichzeitig in ihren inneren Reflexen eine bemerkenswerte Intoleranz gegenüber genau jener Vieldeutigkeit entwickelt, die ihre großen Figuren einst ausgezeichnet hat. Brandt, der Diskursöffner, und Schmidt, der Realpolitiker, erscheinen in dieser Perspektive weniger als Ahnherren denn als Störfaktoren, als lebende Widerlegungen eines politischen Stils, der Komplexität nur noch als rhetorisches Ornament duldet, nicht aber als handlungsleitendes Prinzip.
Die leise Pointe der Geschichte
Die Pointe liegt freilich nicht in der billigen Feststellung, früher sei alles besser gewesen – ein Satz, der stets mehr über den Sprecher als über die Vergangenheit verrät –, sondern in der leisen, fast melancholischen Einsicht, dass politische Organisationen dazu neigen, ihre eigenen Ursprünge zu vergessen, sobald sie sich zu sehr mit ihrer Gegenwart identifizieren. In einer Partei, die aus der Spannung zwischen Vision und Realität, zwischen Brandt und Schmidt, ihre eigentliche Energie bezog, wirkt jede einseitige Selbstvergewisserung wie eine Verarmung, ein Verlust an intellektueller Beweglichkeit, der sich nicht durch noch so viele programmatische Papiere kompensieren lässt. Dass ausgerechnet jene Figuren, die einst das Rückgrat dieser Bewegung bildeten, heute als Abweichler erscheinen könnten, ist weniger ein Skandal als eine Diagnose – und vielleicht, bei allem Zynismus, auch ein leiser Hinweis darauf, dass politische Größe sich selten dort findet, wo sie am lautesten behauptet wird.