Die Liturgie der Begriffe

Es gehört zu den unerquicklich beständigen Eigenheiten der Gegenwart, dass der Diskurs, der sich so gern auf die Fahnen schreibt, wach, kritisch und beweglich zu sein, in Wahrheit eine eigentümliche Starrheit ausbildet, die weniger an lebendige Debatte erinnert als an eine Liturgie, deren Texte längst feststehen und deren Ablauf keiner weiteren Prüfung bedarf; man hört die immergleichen Formeln, in immergleichen Tonlagen, mit jener Mischung aus Ernst und Selbstgewissheit vorgetragen, die keinen Zweifel mehr kennt und daher auch keinen mehr zulässt, und während sich die Welt draußen in ihrer widersprüchlichen, unerquicklich komplexen Weise weiterdreht, wird drinnen mit bewundernswerter Ausdauer an einem Vokabular festgehalten, das einst scharf, präzise und historisch schwer beladen war, nun aber mit einer solchen Häufigkeit und Beiläufigkeit verwendet wird, dass es sich langsam in etwas verwandelt, das eher an eine Gebetsmühle erinnert als an ein Instrument der Erkenntnis; es ist, als hätte sich die Sprache selbst in eine Art Sicherheitszone zurückgezogen, in der jedes Wort zugleich Warnsignal und Beruhigungstablette ist.

Die sanfte Tyrannei der richtigen Worte

Man möchte fast von einer sanften Tyrannei sprechen, einer Herrschaft nicht der Gedanken, sondern der erlaubten Begriffe, die mit erstaunlicher Disziplin verwaltet werden; denn es ist ja keineswegs so, dass hier Chaos herrschte, im Gegenteil, die Ordnung ist geradezu vorbildlich, nur dass sie sich nicht an der Wirklichkeit orientiert, sondern an der Notwendigkeit, die eigene moralische Position jederzeit sichtbar zu halten, und so wird aus dem Gespräch eine Art Parade, in der jeder Satz geschniegelt und gebügelt antritt, geschniegelt vor allem deshalb, weil er sich auf jene wenigen Begriffe stützen kann, die inzwischen die Funktion von Abzeichen übernommen haben: Wer sie trägt, gehört dazu, wer sie meidet, gerät unter Verdacht; die Sprache wird zum Ausweis, das Argument zur Formalität, und irgendwo zwischen dem ersten und dem dritten Etikett verabschiedet sich leise das Interesse an dem, was eigentlich zur Debatte stand.

TIP:  NEIN, MÜSSEN WIR NICHT

Die Ökonomie der Empörung, revisited

Es wäre jedoch zu einfach, dies nur als Verfall zu beklagen, denn es handelt sich zugleich um ein höchst effizientes System, eine Ökonomie der Empörung, die mit minimalem Aufwand maximale Wirkung erzielt: Ein Wort genügt, und die Szenerie ist gesetzt, die Rollen verteilt, die Fronten geklärt; was früher mühsam erarbeitet werden musste – Kontext, Differenzierung, Abwägung –, erledigt heute das richtige Schlagwort in Sekundenbruchteilen, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Effizienz einen gewissen Reiz ausübt, schließlich ist sie bequem, entlastend, ja geradezu wohltuend in einer Welt, die ansonsten wenig Anlass zur Übersichtlichkeit bietet; dass dabei die Begriffe selbst langsam ausfransen, dass sie ihre Konturen verlieren und sich zu einer Art rhetorischem Nebel verdichten, wird in Kauf genommen oder gar nicht erst bemerkt, denn der Nebel hat ja auch seine Vorteile: Er verdeckt, was stören könnte.

Bölls leiser Spott

An dieser Stelle drängt sich, beinahe unaufdringlich, ein Ton ein, der entfernt an jenen milden, doch unbestechlichen Spott erinnert, mit dem Heinrich Böll einst die großen Gewissheiten seiner Zeit betrachtete; jener berühmte Satz über die Atheisten, die ihn langweilten, weil sie immer nur von Gott sprächen, war weniger eine Pointe als eine Diagnose, eine jener stillen Beobachtungen, die ihre Schärfe gerade daraus beziehen, dass sie nicht laut werden müssen, und in dieser Tradition ließe sich wohl auch die gegenwärtige Neigung betrachten, die Welt mit immer denselben Begriffen zu vermessen: nicht als Skandal, nicht als Katastrophe, sondern als eine Form von Redseligkeit, die sich in ihrem eigenen Echo verfängt; es ist das Reden über etwas, das durch die ständige Wiederholung zugleich vergrößert und entleert wird, ein Paradox, das Böll vermutlich mit einem leichten Kopfschütteln und einem noch leichteren Lächeln quittiert hätte.

Die Gemütlichkeit der Eindeutigkeit

Denn bei aller Schärfe, die diese Begriffe beanspruchen, verbreiten sie eine eigentümliche Gemütlichkeit, eine Wärme der Eindeutigkeit, in der es sich erstaunlich gut einrichten lässt; die Welt ist dann wieder überschaubar, die Guten und die Bösen ordentlich sortiert, und man kann sich, ohne größere Anstrengung, auf der richtigen Seite wissen, was bekanntlich ein nicht zu unterschätzender Komfort ist; dass diese Ordnung mitunter mehr über die Bedürfnisse derjenigen aussagt, die sie herstellen, als über die Realität, die sie zu beschreiben vorgibt, wird dabei höflich übergangen, denn Höflichkeit ist ohnehin eine der unterschätzten Tugenden dieses Diskurses: Man widerspricht sich selten frontal, man etikettiert einander vielmehr mit jener stillen Entschlossenheit, die keinen Widerspruch mehr nötig hat.

TIP:  Die Revolution und ihr Schattenkabinett der Vorurteile

Die Müdigkeit, die kein Ende kennt

Und so stellt sich eine Müdigkeit ein, die nicht laut klagt, sondern leise gähnt, eine Müdigkeit gegenüber dem Immergleichen, dem Vorhersehbaren, dem bereits Gedachten, das sich nur noch in neuen Variationen wiederholt; es ist die Müdigkeit eines Gesprächs, das längst aufgehört hat, eines zu sein, und sich stattdessen in eine Abfolge von Bestätigungen verwandelt hat, Bestätigungen dessen, was ohnehin schon feststeht; man hört zu, man nickt, man erkennt die Stichworte wieder, und irgendwo zwischen dem zweiten und dem fünften Etikett verliert sich das Interesse endgültig, nicht aus Trotz, sondern aus einer Art höflicher Resignation.

Ein leises, böllsches Schlusswort

Vielleicht liegt die eigentliche Ironie – und hier blitzt noch einmal jener böllsche Ton auf, der das Tragische nie ganz ohne das Komische lässt – darin, dass die Sprache, die einst dazu diente, die Welt zu öffnen, sie nun mit sanfter Beharrlichkeit wieder schließt; nicht mit Gewalt, nicht mit Verboten, sondern mit Wiederholung, mit Gewohnheit, mit jener unermüdlichen Lust am Immergleichen, die am Ende weniger über die Welt verrät als über das Bedürfnis, sie nicht allzu genau betrachten zu müssen; und so bleibt, jenseits aller Empörung und aller wohlmeinenden Diagnose, ein leiser Verdacht zurück: dass nicht das Falsche zu oft gesagt wird, sondern das Richtige zu selten – und dass beides, bei näherem Hinsehen, manchmal schwerer zu unterscheiden ist, als es die Liturgie der Begriffe vermuten lässt.