Es gehört zu den großen intellektuellen Leistungen der Gegenwart, das Unsichtbare sichtbar zu machen, das Alltägliche zu politisieren und das Banale in ein potenzielles Gefahrengebiet zu verwandeln, und selten zeigte sich diese Fähigkeit so eindrucksvoll wie in der deutschen Extremismusforschung, die mit detektivischer Hingabe jene feinen Risse im bürgerlichen Leben kartiert, durch die sich – so die Diagnose – das Rechte wie ein ungebetener botanischer Gast in die gepflegten Beete der Normalität einschleicht, nicht als lärmender Aufmarsch, sondern als Rhizom, als unterirdisches Geflecht aus Gewohnheiten, Vorlieben und Lebensstilen, das sich heimlich ausbreitet, während oben noch Kaffee gekocht, Wäsche gefaltet und gelegentlich ein Pfeil auf eine Dartscheibe geworfen wird, und so entsteht ein Bild der Gesellschaft, das weniger an ein politisches Gemeinwesen erinnert als an ein Biotop, in dem jede Handlung zugleich Symptom, jede Vorliebe ein Indikator und jede Freizeitbeschäftigung ein mögliches Einfallstor für ideologische Kontamination ist, wobei die eigentliche Pointe darin liegt, dass der Verdacht nicht mehr an klare Taten gebunden ist, sondern an Deutungen, an Atmosphären, an das, was man früher schlicht als Leben bezeichnet hätte.
Die pastoral dekorierte Gefahr
Besonders ergiebig zeigt sich dieses neue Erkenntnisinteresse im häuslichen Bereich, jenem Ort, der einst als Inbegriff des Privaten galt und nun als semantisches Minenfeld betreten wird, denn dort, wo eine Frau Kaffee trinkt, Brot backt und vielleicht sogar eine Schürze trägt, beginnt unter dem geschulten Blick der Analyse ein Bedeutungsüberschuss zu flimmern, der aus der Tätigkeit eine Botschaft, aus der Ästhetik eine Haltung und aus der Haltung eine potenzielle Ideologie formt, sodass ein pastellfarbenes Kleid plötzlich nicht mehr bloß ein Kleid ist, sondern ein semantischer Container für „extremen Konservatismus“, und der Staubsauger wird gleichsam zum Instrument einer symbolischen Reinheitsvorstellung, während der gedeckte Tisch eine stillschweigende Zustimmung zu historischen Ordnungsmodellen zu suggerieren scheint, und so entsteht eine Welt, in der das Brotbacken nicht mehr sättigt, sondern signalisiert, in der der Gottesdienst nicht mehr besucht, sondern gelesen wird wie ein verschlüsselter Text, und in der das größte Vergehen vielleicht darin besteht, dass nichts gesagt wird, weil gerade das Ungesagte als das eigentlich Beredte gilt, ein Zustand, der den hermeneutischen Ehrgeiz ins Unendliche treibt, bis schließlich selbst das Schweigen zu sprechen beginnt und die Wohnung nicht mehr aufgeräumt ist, sondern verdächtig ordentlich.
Der athletische Ernstfall
Nicht minder aufschlussreich ist der Blick auf den Sport, jenes vermeintlich harmlose Feld körperlicher Betätigung, das sich bei näherer Betrachtung als Trainingslager weltanschaulicher Dispositionen entpuppt, denn wer schwitzt, so die implizite Annahme, tut dies selten nur für sich, sondern immer auch für etwas Größeres, das sich im Muskeltonus, in der Disziplin und in der Wiederholung eingeschrieben hat, und so wird aus der Hantel ein Argument, aus dem Dauerlauf eine Haltung und aus der Dartscheibe ein mögliches Modell politischer Zielgerichtetheit, wobei die eigentliche Raffinesse der Analyse darin besteht, das Offensichtliche zu unterlaufen, indem sie das Zweckmäßige – etwa das Gewinnen eines Wettkampfs – als bloße Oberfläche entlarvt, hinter der sich die eigentliche Funktion verbirgt, nämlich die Vorbereitung auf etwas, das nie ganz benannt wird, aber stets mitschwingt, ein diffuser Ernstfall, der sich im Training bereits ankündigt, sodass selbst der Kneipenabend mit Dartspiel nicht mehr der Zerstreuung dient, sondern als Keimzelle sozialer Raumnahme erscheint, ein Begriff, der so vieldeutig ist, dass er alles und nichts umfasst, und gerade deshalb seine suggestive Kraft entfaltet, denn wer möchte schon bestreiten, dass Räume eingenommen werden, wenn Menschen sich darin aufhalten.
Der Reigen der Verdächtigen
Doch wenn es eine Disziplin gibt, die den Verdacht in seiner schönsten Form zur Aufführung bringt, dann ist es der Volkstanz, dieser scheinbar harmlose Reigen aus Schritten, Drehungen und tradierten Melodien, der sich unter dem analytischen Blick in ein Netzwerk verwandelt, in dem nicht nur Hände gereicht, sondern auch Kontakte geknüpft, nicht nur Figuren getanzt, sondern Beziehungen gestiftet werden, und so wird aus der geselligen Veranstaltung ein potenzieller Knotenpunkt, aus der gemeinsamen Bewegung eine geteilte Disposition und aus der Freude am Brauchtum ein mögliches Indiz für eine tiefere, vielleicht problematische Verwurzelung, wobei die eigentliche Ironie darin liegt, dass gerade das Verbindende, das Gemeinschaftliche, das Rhythmisierte als verdächtig erscheint, als ob Harmonie per se schon ein politisches Risiko darstellte, und so entsteht ein Bild, in dem der Kreis, der sich im Tanz schließt, nicht mehr nur eine ästhetische Form ist, sondern eine symbolische Grenzziehung, die interpretiert, vermessen und im Zweifel auch überschritten werden muss, zumindest im Diskurs.
Das Lexikon des Alltäglichen
Am Ende fügt sich all dies zu einem kuriosen Bestimmungsbuch des Alltags, in dem jede Tätigkeit einen Eintrag erhält und jede Vorliebe eine Fußnote, ein Werk, das weniger beschreibt als deutet, weniger erklärt als unterstellt und dabei doch mit einer Ernsthaftigkeit operiert, die jeden Zweifel an seiner eigenen Methode als naiv erscheinen lässt, und so bleibt der Eindruck einer Gesellschaft, die sich selbst mit wachsender Akribie beobachtet, bis sie im Spiegel ihrer Deutungen nicht mehr das erkennt, was sie ist, sondern das, was sie für möglich hält, und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieser Entwicklung, dass der Verdacht nicht mehr aus dem Außergewöhnlichen gespeist wird, sondern aus dem Gewöhnlichen, nicht aus der Abweichung, sondern aus der Übereinstimmung, sodass schließlich alles verdächtig wird, was einmal unverdächtig war, und nichts mehr ganz unschuldig erscheint, nicht einmal der Gedanke, dass ein Kaffee einfach nur ein Kaffee sein könnte.
Wenn eine andere Tonlage gewünscht ist – noch bissiger, nüchterner oder stärker wissenschaftlich getarnt – lässt sich das leicht zuspitzen oder umstellen.