Die schwimmende Probe aufs Exempel

In jenen ersten Augusttagen des Jahres 2026, als die spanische Exklave Ceuta, dieses winzige, von Mauern und Meer umzingelte Fragment europäischer Verwaltung auf afrikanischem Boden, unter der Last von Zehntausenden plötzlich angeschwemmter Körper ächzte, enthüllte sich einmal mehr die grandiose Komik der abendländischen Selbstauflösung. Was dort geschah, war keine Katastrophe im klassischen Sinne, sondern eine improvisierte Generalprobe für jenes apokalyptische Spektakel, das ein französischer Schriftsteller mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor in seinem düsteren Roman mit dem Titel „Heerlager der Heiligen“ so unnachsichtig und mit der kühlen Präzision eines Anatomikers vorgezeichnet hatte. Dort segelten die Massen in rostigen Schiffen heran, getrieben von Hunger und Hoffnung, und fanden eine Zivilisation vor, die sich in moralischer Selbstzerfleischung bereits halb aufgegeben hatte; hier, in Ceuta, kam die Invasion schwimmend, kletternd, stolpernd, angetrieben von Gerüchten in digitalen Kanälen und dem vorübergehenden Wegschauen einer benachbarten Macht, und stieß auf eine Stadt, deren Bewohner sich in ihren Häusern verbarrikadierten, während die Behörden zwischen humanitärem Pathos und panischer Überforderung hin- und herpendelten. Die Zahlen schwankten wie immer in solchen Fällen – fünfzig-, sechzig-, zweiundsiebzigtausend Ankömmlinge, die die Einwohnerzahl der Enklave vorübergehend mehr als verdoppelten –, doch die Szenerie war dieselbe: Strände übersät mit Schwimmringen und abgelegten Kleidungsstücken, überfüllte Auffanglager, die bereits vor dem Ansturm an ihrer Kapazität gescheitert waren, und die allgegenwärtige Frage, ob dies der Anfang vom Ende oder bloß eine besonders peinliche Episode im endlosen Theater der Grenzpolitik sei. Der Roman hatte prophezeit, dass die westliche Seele unter dem Gewicht der eigenen Schuldgefühle zusammenbrechen würde; in Ceuta brach vorerst nur die Logistik zusammen, und die meisten der Ankömmlinge kehrten, hungrig und enttäuscht, binnen Tagen wieder um, als sei der große Sturm nur ein sommerliches Gewitter gewesen, das den Boden nass, aber nicht umgepflügt zurücklässt.

Die Ironie der freiwilligen Rückkehr

Welch erhabener Zynismus liegt doch in jener Wendung, dass die große Masse der Eindringlinge – mehrheitlich junge Männer aus dem benachbarten Königreich, ergänzt um manchen aus entfernteren Regionen –, nachdem sie die Grenze überwunden und die Stadt in einen Zustand der Belagerung versetzt hatten, fast geschlossen den Rückweg antraten, sobald sich herausstellte, dass die verheißene Verheißung weder Essen noch Unterkunft noch die erhoffte Weiterreise aufs europäische Festland bereithielt. Der Roman hatte den Untergang als unaufhaltsamen Prozess geschildert, in dem die Verteidiger der Zivilisation vor lauter moralischer Lähmung die Waffen strecken und die Ankömmlinge triumphierend Besitz ergreifen; hier jedoch vollzog sich das Gegenteil: Die „Heiligen“ des Titels – ironisch so genannt, weil sie in den Augen der Weichherzigen als Opfer und Erlöser zugleich erscheinen – entdeckten, dass das gelobte Land vorerst nur aus überfüllten Straßen, abweisenden Blicken und der nüchternen Erkenntnis bestand, dass eine Stadt von achtzigtausend Seelen nicht plötzlich hundertfünfzigtausend ernähren kann. Die Behörden, die zuvor in einem Akt gerichtlicher Großzügigkeit entschieden hatten, dass schwimmende Ankömmlinge nicht mehr sofort zurückgeschoben werden dürften, sahen sich nun mit dem paradoxen Ergebnis konfrontiert, dass eben diese Großzügigkeit die Flut ausgelöst hatte und die Rückkehr der meisten dennoch wie von selbst erfolgte – nicht durch Gewalt, sondern durch die schlichte Abwesenheit von Verlockungen. Tausende Minderjährige blieben zurück, in Einrichtungen, die für ein paar Dutzend ausgelegt waren und nun unter der Last von Hunderten ächzten, und die Stadt und das Festland debattierten, ob man sie aufnehmen oder irgendwie weiterreichen solle, während die Leichen – wenigstens zweiundsiebzig, vielleicht mehr – aus dem Wasser gezogen wurden und an die Grenzen der Humanität erinnerten, die man so gerne überschreitet, solange sie abstrakt bleiben. Es war, als hätte die Wirklichkeit den Roman parodiert: Statt des finalen Zusammenbruchs gab es eine temporäre Überflutung, gefolgt von einer freiwilligen Ebbe, und die Zivilisation atmete erleichtert auf, ohne die tieferen Ursachen zu beheben, denn die Gerüchte in den sozialen Netzwerken, die marokkanische Zurückhaltung und die juristischen Feinheiten würden sich gewiss wiederholen, sobald die nächste Gelegenheit winkte.

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Das moralische Theater der Schuldbeflissenheit

Nichts illustriert die abendländische Neigung zur selbstzerstörerischen Pose besser als die Reaktionen, die auf den Ansturm folgten: Während die Einwohner Ceutas ihre Türen verriegelten und mitunter handgreiflich gegen die Eindringlinge vorgingen – was prompt als Ausbruch von Fremdenfeindlichkeit gebrandmarkt wurde –, hielten die großen moralischen Instanzen der kontinentalen Debatte an ihrem gewohnten Repertoire fest. Der Roman hatte jene Figuren gezeichnet, die in der Stunde der Not nicht die Mauern verstärken, sondern Reden über die historische Schuld und die Pflicht zur Aufnahme halten; in Ceuta und den Hauptstädten Europas wiederholte sich das Muster mit beinahe komischer Treue. Die einen erklärten den Vorfall zu einem „Angriff auf die territoriale Integrität“, andere warnten vor dem Anstieg populistischer Strömungen, und wieder andere entdeckten in den Bildern der schwimmenden Massen den Beweis für die Unhaltbarkeit der bestehenden Ordnung – nicht etwa, weil die Ordnung versagt hatte, sondern weil sie zu hart oder zu weich oder einfach zu europäisch war. Die Toten im Meer dienten als willkommene Projektionsfläche: Hier konnte man trauern, ohne handeln zu müssen, und die Verantwortung wurde mal den Schleppern, mal den Gerüchten, mal dem Nachbarland, mal dem eigenen Gerichtsurteil zugeschoben, niemals jedoch jener tieferen Dynamik, die der Roman so unerbittlich freigelegt hatte – der Dynamik einer Zivilisation, die den eigenen Untergang für den höchsten Akt der Tugend hält. Die Enklave, kleiner als mancher Flughafen, wurde zum Mikrokosmos dieses Widerspruchs: Überfordert von der Realität, erlöste man sich durch symbolische Gesten – Militärentsendung, Bojen im Wasser, Soforthilfepakete –, während die eigentliche Frage ungestellt blieb, ob eine Gesellschaft, die ihre Grenzen als moralische Zumutung empfindet, überhaupt noch den Willen besitzt, sie zu verteidigen. Der Zynismus der Geschichte lag darin, dass die meisten Ankömmlinge von selbst gingen, und die moralischen Virtuosen dies als Beweis für die Wirksamkeit ihrer Humanität feierten, anstatt zu erkennen, dass es die Abwesenheit von Anreizen war, die den Exodus auslöste.

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Die Prophezeiung als peinliche Wiederholung

Was den Roman so unerträglich und zugleich so faszinierend macht, ist seine Weigerung, die Ereignisse in das übliche Schema von Gut und Böse zu pressen; er zeigt eine Welt, in der die Ankömmlinge weder Helden noch Monster sind, sondern eine unaufhaltsame Naturgewalt, und die Verteidiger weder Bösewichte noch Retter, sondern Gefangene ihrer eigenen Empfindsamkeit. In Ceuta spielte sich dasselbe Drama in verkürzter, fast burlesker Form ab: Die Massen kamen, nicht weil ein geheimnisvoller Anführer sie rief, sondern weil digitale Gerüchte und ein juristisches Detail die Schleusen öffneten; die Stadt erlag nicht dem Ansturm, sondern dem Chaos der eigenen Unvorbereitetheit; und der Abzug der meisten erfolgte nicht durch heldenhaften Widerstand, sondern durch die ernüchternde Erfahrung, dass das Paradies vorerst aus nichts als Sand, Müll und Abweisung bestand. Die wenigen, die blieben – darunter jene Minderjährigen, deren Status sie vor der sofortigen Rückführung schützt und die nun in überfüllten Einrichtungen auf eine ungewisse Zukunft warten –, dienen als ständige Erinnerung an die Unvollständigkeit des Vorgangs. Man mag den Roman als paranoid oder rassistisch abtun – und tut es auch gerne –, doch die Ereignisse in der Enklave zwingen zu der unangenehmen Einsicht, dass seine Grundstruktur sich wiederholt, wann immer die Bedingungen günstig sind: Die Masse drängt, die Zivilisation zögert, die Moral predigt, und am Ende bleibt ein Rest, der die nächsten Debatten speist. Die peinliche Wahrheit ist, dass die Wirklichkeit den Roman nicht widerlegt, sondern ihn in kleinen, wiederholbaren Dosen nachspielt, jedes Mal mit demselben Ergebnis: vorübergehende Erleichterung, dauerhafte Verdrängung und die Gewissheit, dass die nächste Probe schon geplant wird, sei es am fünfzehnten August oder an irgendeinem anderen Datum, das in den Chats der Unzufriedenen kursiert. So wird aus der Prophezeiung keine Erfüllung, sondern eine endlose Serie von Voraufführungen, in denen das Publikum applaudiert, solange der Vorhang fällt, bevor der eigentliche Schlussakt beginnt.

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