Das Thermometer als Zeitmaschine

oder wie aus einer Kaltphase der neue Normalzustand wurde

Kaum ein Thema wird mit größerer moralischer Gravität, größerem missionarischen Eifer und größerer Neigung zur historischen Kurzsichtigkeit behandelt als das Klima. Die öffentliche Debatte gleicht inzwischen einem Theaterstück, in dem jeder Schauspieler seine Rolle kennt: Hier die Apokalyptiker, dort die Verharmloser, dazwischen eine Wissenschaft, die sich oft gegen beide Seiten gleichzeitig behaupten muss. Während die einen glauben, jeder heiße Sommertag sei bereits der Vorhof des Weltuntergangs, erklären die anderen jede Hitzewelle zum bloßen Wetterlaunen des Planeten. Beide Lager verbindet paradoxerweise dieselbe Leidenschaft: Geschichte wird nur so weit berücksichtigt, wie sie zur jeweiligen Erzählung passt. Der Planet hingegen zeigt sich von menschlichen Narrativen erstaunlich unbeeindruckt. Er führt sein geologisches Tagebuch seit viereinhalb Milliarden Jahren und scheint wenig Interesse daran zu haben, politische Leitartikel oder Fernsehdebatten zur Kenntnis zu nehmen.

Die erstaunlich kurze Erinnerung der Gegenwart

Die moderne Klimadiskussion leidet an einer bemerkenswerten Form kollektiver Gedächtnisschwäche. Alles beginnt scheinbar mit der Industrialisierung, höchstens noch mit dem Beginn systematischer Temperaturmessungen. Was davor geschah, verschwindet oft hinter einem Nebel aus Unkenntnis oder bewusster Vereinfachung. Dabei existiert eine Klimageschichte, die wesentlich länger und zugleich wesentlich spektakulärer ist als jede Schlagzeile des 21. Jahrhunderts.

Erdgeschichtlich betrachtet lebt die Menschheit in einer ausgesprochen kühlen Epoche. Das mag überraschen, weil jedes Grad Temperaturanstieg heute mit dramatischen Grafiken illustriert wird, doch über große Zeiträume hinweg waren weite Teile der Erde deutlich wärmer als heute. Selbst menschheitsgeschichtlich erscheint das gegenwärtige Klima keineswegs außergewöhnlich heiß. Europa erlebte seit dem Ende der letzten Eiszeit immer wieder Phasen, die über den heutigen Durchschnittstemperaturen lagen. Wälder wuchsen in Regionen, in denen später Gletscher entstanden, Baumgrenzen lagen höher, landwirtschaftliche Nutzung war in Gegenden möglich, die später wieder aufgegeben werden mussten.

Besonders aufschlussreich ist dabei der Blick auf das sogenannte Holozäne Klimaoptimum vor mehreren tausend Jahren. Damals herrschten in vielen Regionen Europas Temperaturen, die oberhalb der heutigen Mittelwerte lagen. Selbst die berühmte Gletschermumie Ötzi bewegte sich in einer Umwelt, deren Durchschnittstemperaturen vielerorts höher lagen als jene der Gegenwart. Die Alpen waren keineswegs die ewigen Eislandschaften, als die sie heute gern romantisiert werden. Gletscher dehnten sich aus und schrumpften immer wieder. Das Eis war niemals ein starres Monument, sondern ein äußerst lebendiger Akteur.

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Die Kleine Eiszeit als psychologischer Maßstab

Warum erscheint dann jeder heutige Temperaturanstieg sofort als historische Ausnahme? Die Antwort liegt weniger in der Geologie als in der Psychologie.

Das europäische Gedächtnis wurde entscheidend durch die sogenannte Kleine Eiszeit geprägt, die ungefähr vom 14. bis ins 19. Jahrhundert andauerte. Es war eine Periode außergewöhnlicher Kälte mit harten Wintern, Missernten, Hungerkrisen und zugefrorenen Flüssen. Die berühmten Gemälde holländischer Meister mit Schlittschuhläufern auf vereisten Kanälen zeigen keineswegs den Normalzustand Europas, sondern eine klimatische Ausnahmephase.

Genau in dieser ungewöhnlich kalten Zeit begann die systematische meteorologische Messung der Temperaturen. Das hat Folgen bis heute. Die oft zitierte Formulierung „seit Beginn der Messungen“ besitzt zweifellos ihren wissenschaftlichen Wert, doch sie wird in der öffentlichen Debatte häufig so verwendet, als markiere sie den Beginn der gesamten Klimageschichte. Tatsächlich beginnt die Messreihe jedoch ausgerechnet in einer außergewöhnlich kalten Phase. Wer ausschließlich von dort aus misst, startet gewissermaßen am Boden eines Tales und wundert sich anschließend, dass jeder Schritt bergauf führt.

Das ist ungefähr so, als würde ein Börsenanalyst seine langfristige Prognose unmittelbar nach einem Börsencrash beginnen und anschließend jeden Aufschwung zur beispiellosen Sensation erklären. Technisch korrekt wäre das durchaus. Historisch vollständig hingegen nicht.

Zwischen Alarmismus und Verharmlosung

An dieser Stelle verlassen viele Debatten den Boden wissenschaftlicher Nüchternheit und beginnen ihre jeweilige Lieblingsgeschichte zu erzählen. Die einen präsentieren jede frühere Warmphase als endgültigen Beweis dafür, dass der heutige Klimawandel harmlos sei. Die anderen vermeiden historische Vergleiche fast vollständig, weil sie die gewünschte Dramatik relativieren könnten. Beide Positionen greifen zu kurz.

Ja, der Planet war früher häufig wärmer.

Ja, Europa kannte Temperaturen oberhalb heutiger Werte.

Ja, Gletscher kamen und gingen lange bevor Menschen Kohlekraftwerke errichteten.

Doch daraus folgt keineswegs automatisch, dass der gegenwärtige Klimawandel bedeutungslos wäre. Geschichte erklärt Entwicklungen. Sie entschuldigt sie nicht.

Der eigentliche Unterschied heißt Geschwindigkeit

Die eigentliche Besonderheit der heutigen Entwicklung liegt nicht allein in der absoluten Temperatur, sondern in ihrer Dynamik.

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Zum Ende der letzten besonders warmen Phase des Holozäns befand sich deutlich weniger Kohlendioxid in der Atmosphäre als heute. Gegenwärtig liegt die CO₂-Konzentration ungefähr ein Viertel über jenem damaligen Niveau. Das ist kein nebensächliches Detail, sondern ein fundamentaler Unterschied. Kohlendioxid wirkt als Treibhausgas und beeinflusst den Strahlungshaushalt der Erde. Dass natürliche Faktoren das Klima verändern können, steht außer Frage. Ebenso wenig steht jedoch infrage, dass zusätzliche Treibhausgase den Erwärmungseffekt verstärken.

Selbst ohne menschliches Zutun würden sich langfristig klimatische Veränderungen ergeben. Das Klima war niemals statisch und wird es auch künftig nicht sein. Der entscheidende Punkt besteht jedoch darin, dass der Mensch diese Prozesse erheblich beschleunigt. Wo natürliche Veränderungen sich früher über Jahrtausende oder Jahrhunderte erstreckten, werden heute Entwicklungen innerhalb weniger Generationen sichtbar. Für die Evolution eines Waldes mag ein Jahrtausend eine akzeptable Anpassungszeit sein. Für moderne Städte, Landwirtschaft, Infrastruktur und Milliarden Menschen stellt dieselbe Veränderung innerhalb eines Jahrhunderts eine völlig andere Herausforderung dar.

Das Klima kennt keine Ideologien

Gerade deshalb wirkt die gegenwärtige politische Diskussion gelegentlich wie ein groteskes Schauspiel. Manche Aktivisten sprechen über das Klima, als sei es eine moralische Instanz, die gutes Verhalten mit angenehmen Temperaturen belohnt und schlechtes Verhalten mit Hitzewellen bestraft. Andere wiederum behandeln jede wissenschaftliche Erkenntnis wie einen Angriff auf den eigenen Lebensstil und reagieren auf Klimamodelle ungefähr so allergisch wie Vampire auf Sonnenlicht.

Das Klima selbst bleibt von all dem unbeeindruckt. Es kennt weder Parteitage noch Wahlkämpfe, weder Ideologien noch Talkshows. Es interessiert sich weder für Hashtags noch für Demonstrationen, weder für Empörung noch für Trotz. Es folgt physikalischen Gesetzen, die sich durch parlamentarische Mehrheiten ebenso wenig beeindrucken lassen wie durch Kommentare in sozialen Netzwerken.

Vielleicht liegt genau darin die größte Kränkung des modernen Menschen. Seit Jahrhunderten wächst die Überzeugung, Mittelpunkt aller Entwicklungen zu sein. Nun zeigt ausgerechnet die Atmosphäre eine gewisse Unhöflichkeit und besteht darauf, sich weiterhin nach Thermodynamik statt nach Parteiprogrammen zu richten.

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Die unbequeme Kunst des gleichzeitigen Denkens

Die anspruchsvollste Position ist selten die lauteste. Sie verlangt, zwei Gedanken gleichzeitig auszuhalten.

Erstens: Die Erde war in ihrer langen Geschichte oft wärmer als heute. Auch Europa kannte ausgeprägte natürliche Warmphasen. Die Kleine Eiszeit verzerrt bis heute die menschliche Wahrnehmung dessen, was klimatisch eigentlich normal ist. Der Hinweis auf Rekorde „seit Beginn der Messungen“ sollte deshalb stets im historischen Kontext einer außergewöhnlich kalten Ausgangsphase verstanden werden.

Zweitens: Genau diese Erkenntnis entkräftet nicht die Rolle des Menschen beim heutigen Klimawandel. Die gegenwärtige Konzentration von Kohlendioxid liegt deutlich über jener früherer Warmzeiten des Holozäns. Dadurch verstärkt und beschleunigt der Mensch Prozesse, die in der Natur zwar grundsätzlich vorkommen, unter natürlichen Bedingungen jedoch meist wesentlich langsamer ablaufen.

Satire lebt davon, Widersprüche sichtbar zu machen. Die größte Ironie der Klimadebatte besteht vielleicht darin, dass ausgerechnet jene Epoche, die sich permanent auf die Wissenschaft beruft, häufig Schwierigkeiten hat, ihre historische Tiefe auszuhalten. Der Planet besitzt ein Gedächtnis von Milliarden Jahren. Die politische Debatte dagegen scheint oft schon nach der letzten Legislaturperiode unter akutem Gedächtnisverlust zu leiden. Zwischen diesen beiden Zeithorizonten liegt der Raum, in dem nüchterne Wissenschaft ihren Platz finden müsste – frei von hysterischer Endzeitliturgie ebenso wie von bequemem Achselzucken. Denn weder Panik ersetzt Physik noch Nostalgie die Atmosphäre.