Das Gespenst der Stille

Es gibt politische Niederlagen, die laut sind. Sie enden in Rücktritten, Machtkämpfen, Krisensitzungen und hektischen Pressekonferenzen, in denen jeder Beteiligte versichert, alles sei unter Kontrolle, während bereits die ersten Möbel aus den Parteizentralen getragen werden. Und dann gibt es jene viel gefährlichere Form des Niedergangs, die sich beinahe lautlos vollzieht. Kein Aufschrei. Kein Aufstand. Keine Rebellion. Nur eine eigentümliche Stille, die sich wie Staub auf eine Organisation legt, deren Mitglieder offenbar aufgehört haben, an die Möglichkeit einer Veränderung zu glauben. Gerade diese Stille ist das eigentliche Alarmzeichen. Denn solange noch gestritten wird, lebt wenigstens der Wille, um eine Richtung zu kämpfen. Erst wenn selbst die Empörung ihre Koffer gepackt hat, beginnt jener Zustand, den Historiker gerne mit Begriffen wie Versteinerung, Erstarrung oder Selbstauflösung beschreiben. Die Satire könnte behaupten, politische Organisationen sterben nicht an ihren Gegnern, sondern an der Abwesenheit innerer Widersprüche. Nicht der Lärm kündigt das Ende an, sondern das Schweigen.

Die Kunst, den Niedergang zu verwalten

In dieser Lesart erscheint die Sozialdemokratie weniger als kämpferische Volkspartei denn als Verwaltungsapparat ihres eigenen Bedeutungsverlustes. Schlechte Umfragen lösen kaum noch erkennbare Reflexe aus. Selbst Werte, die früher Panik ausgelöst hätten, werden mit jener Gelassenheit aufgenommen, die normalerweise nur langjährigen Museumswärtern eigen ist, deren Exponate langsam zerfallen. Besonders bemerkenswert erscheint dabei die Figur des Parteivorsitzenden. Andreas Babler wirkt in dieser satirischen Betrachtung nicht als Ursache sämtlicher Probleme, sondern vielmehr als deren sichtbar gewordenes Symptom. Eine Organisation bringt stets jene Führung hervor, die ihrem inneren Zustand entspricht. Wer lediglich auf eine einzelne Person zeigt, unterschätzt die eigentliche Tragweite der Entwicklung. Der Vorsitzende ist dann nicht der Lokführer, sondern lediglich der letzte Fahrgast, der bemerkt, dass der Zug längst ohne Schienen unterwegs ist.

Die verschwundene Partei

Volksparteien lebten einst von einer bemerkenswerten Eigenschaft: Sie besaßen überall Persönlichkeiten mit eigenem politischen Gewicht. Landesorganisationen entwickelten eigene Profile, Bürgermeister widersprachen Bundesfunktionären, Gewerkschaften übten Druck aus, und die Parteibasis verstand sich gelegentlich tatsächlich als Basis statt als Publikum. Genau diese Mechanismen scheinen in der satirischen Überzeichnung verschwunden zu sein. Wo niemand mehr widerspricht, existiert möglicherweise keine bemerkenswerte Geschlossenheit, sondern lediglich das Fehlen politischer Energie. Eine Partei kann erstaunlich geschlossen auftreten, wenn niemand mehr ausreichend Hoffnung besitzt, einen Richtungsstreit überhaupt noch beginnen zu wollen. Das Ergebnis gleicht weniger einer lebendigen Bewegung als einem prachtvollen Theatergebäude, dessen Fassade sorgfältig restauriert wurde, obwohl im Inneren längst keine Schauspieler mehr auftreten.

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Der schweigende Koloss

Ein ähnliches Bild entsteht in dieser polemischen Betrachtung beim Österreichischen Gewerkschaftsbund. Auch dort erscheint der eigentliche Konflikt weniger auf den Bühnen offizieller Beschlüsse stattzufinden als im lautlosen Rückzug vieler Mitglieder. Satirisch zugespitzt könnte behauptet werden, dass manche Funktionäre noch immer leidenschaftlich Debatten führen, während sich ein erheblicher Teil ihrer früheren Anhängerschaft bereits innerlich verabschiedet hat. Organisationen besitzen eine erstaunliche Fähigkeit, ihren eigenen Bedeutungsverlust zu übersehen. Sitzungen werden abgehalten, Resolutionen beschlossen, Broschüren gedruckt und Arbeitskreise gegründet, während sich außerhalb der Sitzungsräume längst andere politische Loyalitäten entwickeln. Die eigentliche Katastrophe besteht dabei nicht darin, dass Mitglieder anderer Parteien zuneigen könnten. Demokratie lebt schließlich vom politischen Wettbewerb. Tragisch wäre vielmehr die Vorstellung, dass die Führung den Kontakt zu erheblichen Teilen ihrer eigenen Basis verloren hätte und diesen Verlust kaum noch bemerkt.

Kolosse auf tönernen Beinen

Geschichte besitzt einen eigentümlichen Sinn für Ironie. Große Institutionen wirken häufig gerade dann unerschütterlich, wenn ihre innere Stabilität bereits zerbröselt. Von außen beeindrucken Größe, Tradition und organisatorische Infrastruktur. Im Inneren aber genügen manchmal wenige Erschütterungen, um jahrzehntelang gewachsene Konstruktionen überraschend rasch zusammenfallen zu lassen. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang an das berühmte Wort erinnert, wonach nichts so dauerhaft erscheine wie ein System kurz vor seinem Zusammenbruch. Auch die DDR galt vielen Beobachtern lange als stabil, bis sich zeigte, dass gewaltige Apparate nicht zwangsläufig über gewaltige Überzeugungskraft verfügen. Natürlich besitzt jeder historische Vergleich seine Grenzen. Doch als satirisches Bild entfaltet er eine eigentümliche Kraft: Nicht der äußere Druck allein lässt ein Gebäude einstürzen, sondern die Tatsache, dass seine tragenden Balken längst morsch geworden sind.

Die Umfrage als Diagnose

Politische Umfragen sind Momentaufnahmen, keine Orakel. Dennoch entfalten sie gelegentlich symbolische Wirkung. Wenn Kommentatoren darauf verweisen, dass Andreas Babler in einzelnen Erhebungen oder Rohdaten nur noch geringe persönliche Zustimmung erreiche und selbst innerhalb der eigenen Wählerschaft keine überwältigende Rückendeckung mehr genieße, dann geht es weniger um einzelne Prozentpunkte als um deren politische Botschaft. Zahlen werden in solchen Momenten zu Fieberthermometern einer Partei, deren Kreislauf sichtbar schwächer wird. Der eigentliche Skandal wäre dabei nicht ein schlechter Wert, sondern die Vorstellung, dass selbst außergewöhnlich schlechte Werte kaum noch erkennbare innerparteiliche Konsequenzen auslösen. Wo früher Personaldebatten tobten, herrscht heute beinahe klösterliche Kontemplation. Das Schweigen übernimmt die Funktion des Krisenmanagements.

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Der Triumph der ideologischen Blase

Jede politische Bewegung läuft Gefahr, irgendwann nicht mehr mit der gesellschaftlichen Realität zu diskutieren, sondern nur noch mit ihrem eigenen Spiegelbild. Die Sprache wird akademischer, die Begriffe moralischer, die Selbstgewissheit größer und die Distanz zum politischen Alltag vieler Menschen entsprechend tiefer. Kritik wird dann nicht mehr als Warnsignal verstanden, sondern als weiterer Beweis für die eigene moralische Überlegenheit. Der britische Schriftsteller George Orwell bemerkte einst, dass manche Ideen so absurd seien, dass nur Intellektuelle an sie glauben könnten. Ob dieses Diktum zutrifft, mag dahingestellt bleiben. Die satirische Pointe besteht vielmehr darin, dass Organisationen gelegentlich beginnen, Wahlniederlagen als Missverständnisse der Bevölkerung zu interpretieren, anstatt als mögliche Missverständnisse der eigenen Politik.

Das Gespenst ohne Schatten

Am Ende bleibt das Bild einer politischen Erscheinung, die äußerlich noch vorhanden ist, deren Konturen jedoch zunehmend verschwimmen. Ein Gespenst besitzt bekanntlich die merkwürdige Eigenschaft, sichtbar und zugleich substanzlos zu sein. Es bewegt sich durch vertraute Räume, ohne noch wirklich Einfluss auf sie auszuüben. In dieser satirischen Überzeichnung erscheint eine Partei, die einst gesellschaftliche Mehrheiten organisierte, heute wie eine Erinnerung an sich selbst. Nicht dramatisch untergehend, sondern langsam verblassend. Nicht durch den entscheidenden Schlag eines Gegners, sondern durch die stille Erosion ihrer eigenen politischen Lebenskraft. Vielleicht besteht gerade darin die größte Ironie der Geschichte: Revolutionen kündigen sich oft laut an, politische Auflösungserscheinungen dagegen flüstern. Und manchmal ist das Flüstern bereits das lauteste Geräusch, das von einer einst mächtigen Organisation noch ausgeht.