Die Ästhetik der Selbstverachtung

Es gibt Epochen, die Kathedralen bauen, und es gibt Epochen, die zunächst Schilder davor aufstellen, auf denen erklärt wird, weshalb Kathedralen eigentlich problematisch seien. Nicht weil sie einstürzen. Nicht weil sie hässlich wären. Sondern weil Schönheit neuerdings unter Generalverdacht steht. Das Schöne gilt als Herrschaftsinstrument, das Wahre als Konstruktion, das Gute als versteckte Machtausübung. Das Mittelmaß hingegen genießt beinahe Verfassungsrang, sofern es nur mit der richtigen moralischen Etikette auftritt. Die Gegenwart scheint einen eigentümlichen Kult entwickelt zu haben, der alles verehrt, was unvollkommen, gebrochen und dekonstruiert ist, während alles Dauerhafte, Gewachsene und Bewunderungswürdige zunächst durch den ideologischen Fleischwolf gedreht werden muss. Einst fragte die Kultur nach dem Höheren. Heute genügt es, das Vorhandene verdächtig zu machen. Der Abriss ersetzt den Entwurf. Die Anklage ersetzt das Argument. Und wer am lautesten erklärt, weshalb alles Vorangegangene unerquicklich gewesen sei, erhält das Gütesiegel intellektueller Fortschrittlichkeit.

Die Revolution im Seminarraum

Politische Revolutionen scheitern häufig an der Wirklichkeit. Kulturrevolutionen dagegen haben den Vorteil, dass sie ihre Niederlagen einfach umdefinieren können. Wo Fabrikarbeiter sich nicht erhoben, sollten eben Professoren, Redakteure, Kulturfunktionäre und Lehrplankommissionen übernehmen. Aus der Barrikade wurde das Seminar, aus dem Straßenkampf die Fußnote, aus dem Manifest die Sprachregelung. Dass dabei Überlegungen von Denkern wie Georg Lukács und Antonio Gramsci später von verschiedenen Strömungen aufgegriffen und weiterentwickelt wurden, gehört zur Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts. Nicht mehr die Fabrik sollte das Zentrum der Veränderung sein, sondern das Bewusstsein. Wer Begriffe besetzt, benötigt irgendwann keine Bajonette mehr. Es genügt ein Glossar.

Die eigentliche Meisterleistung besteht darin, Menschen davon zu überzeugen, dass sie ihre eigenen Fundamente als Unterdrückung empfinden sollen. Kein Imperium der Weltgeschichte hat jemals eine derart elegante Methode entwickelt. Rom brauchte Legionen. Napoleon brauchte Kanonen. Die moderne Kulturrevolution benötigt lediglich Ausschüsse für inklusive Sprache und den unerschütterlichen Glauben, dass jedes Wörterbuch eine politische Kampfzone sei.

Die große Umschreibung der Geschichte

Geschichte war einmal die Erzählung dessen, was geschah. Heute entwickelt sie sich stellenweise zur Erzählung dessen, wofür sich Nachgeborene gefälligst zu schämen haben. Aus Jahrhunderten entsteht ein moralisches Schnellgericht, dessen Urteil bereits vor Beginn der Verhandlung feststeht. Europa erscheint nicht mehr als jener Kontinent, auf dem Universitäten entstanden, Naturwissenschaft systematisiert, das moderne Verfassungsdenken entwickelt, Symphonien komponiert, Brücken gebaut, Krankheiten erforscht und Maschinen erfunden wurden. Nein, all dies wird zur unbedeutenden Randnotiz eines gigantischen Schuldkontos erklärt. Es wirkt bisweilen, als habe der Kontinent versehentlich zwischen zwei Verbrechen gelegentlich das Penicillin entdeckt, die Differentialrechnung entwickelt, die Dampfmaschine konstruiert und einige Opernhäuser errichtet.

TIP:  Europa am rechten Rand

Welch erstaunliche historische Ökonomie. Jahrtausende kultureller, wissenschaftlicher und technischer Leistungen werden auf wenige Seiten zusammengestrichen, damit ausreichend Raum bleibt für das Bußkapitel. Der Dom wird zum Tatort, die Bibliothek zum Unterdrückungsapparat, die Universität zum Machtinstrument, der Ingenieur zum Komplizen, der Dichter zum Verdächtigen. Irgendwann dürfte vermutlich sogar das Rad als Symbol kolonialer Fortbewegungsprivilegien neu bewertet werden.

Der Triumph des moralischen Buchhalters

Früher fragte man, ob etwas wahr sei. Heute genügt die Frage, ob es jemanden beleidigen könnte. Wahrheit besitzt den Nachteil, dass sie unabhängig von Mehrheiten existiert. Moralische Empörung hingegen lässt sich beliebig produzieren. Sie ist das Inflationsgeld der öffentlichen Debatte. Je häufiger sie gedruckt wird, desto wertloser wird sie, doch desto lauter raschelt sie.

Die neue Orthodoxie benötigt keine Inquisition. Sie verfügt über etwas weitaus Effizienteres: soziale Ächtung durch moralische Etiketten. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern einsortiert. Das Urteil ersetzt die Argumentation. Der Charakter ersetzt den Beweis. Nicht die These wird geprüft, sondern der Sprecher. Es ist eine bemerkenswerte Rationalisierung des Denkens: Wer den Menschen diskreditiert, spart sich die Mühe, den Gedanken zu entkräften.

Schönheit als Verdachtsmoment

Es ist erstaunlich, mit welchem Misstrauen inzwischen auf alles reagiert wird, was Harmonie ausstrahlt. Die klassische Architektur sei autoritär. Die abendländische Malerei reproduziere Machtverhältnisse. Die große Literatur transportiere problematische Narrative. Die Musik alter Meister sei Ausdruck gesellschaftlicher Dominanz. Das Schöne hat aufgehört, schön zu sein. Es muss sich zunächst entschuldigen.

Dabei besitzt Schönheit eine höchst unangenehme Eigenschaft: Sie verweigert sich der Ideologie. Eine gotische Kathedrale fragt nicht nach Parteibüchern. Eine Sonate kennt keine Quotenvorgaben. Ein Fresko beantragt keine moralische Betriebserlaubnis. Schönheit bleibt eigensinnig. Vielleicht liegt genau darin ihre eigentliche Provokation.

Die Religion der permanenten Reue

Jede Religion kennt ihre Liturgie. Die neue säkulare Moral ebenfalls. Sie verlangt regelmäßige Bekenntnisse historischer Schuld, öffentliche Selbstkritik und eine nie endende Bußübung. Erlösung bleibt allerdings ausgeschlossen. Wer sich entschuldigt, beweist lediglich, dass weiterer Anlass zur Entschuldigung besteht. Schuld wird nicht überwunden, sondern verwaltet. Reue wird zum Dauerabonnement.

TIP:  Die Uhr der Anderen und die Sanduhr Europas

Es entsteht eine eigentümliche Zivilisation, die ihre Vergangenheit mit einer Hingabe verurteilt, die sie fremden Kulturen niemals zumuten würde. Die Maßstäbe werden elastisch verteilt. Das Eigene wird mit der Lupe betrachtet, das Fremde mit dem Weichzeichner. Diese Asymmetrie verkauft sich als Sensibilität und endet nicht selten in intellektueller Schieflage.

Die Komödie des Fortschritts

Der Fortschritt präsentiert sich heute bisweilen wie ein Hausmeister, der stolz verkündet, sämtliche tragenden Wände entfernt zu haben, weil sie an alte Baupläne erinnerten. Dass anschließend das Dach nachgibt, wird selbstverständlich dem Klima zugeschrieben.

Man erklärt Identität für gefährlich und wundert sich über Orientierungslosigkeit. Man erklärt Tradition für überholt und beklagt den Verlust gesellschaftlichen Zusammenhalts. Man erklärt Autorität für repressiv und staunt über den Mangel an Verantwortung. Man erklärt Leistung für problematisch und fragt anschließend, weshalb Exzellenz seltener wird. Die Satire schreibt sich selbst; der Schriftsteller muss ihr kaum noch nachhelfen.

Der Luxus der Verachtung

Nur eine wohlhabende Zivilisation kann es sich leisten, ihre eigenen Fundamente mit solcher Ausdauer zu verachten. Wer in Trümmern lebt, entdeckt den Wert tragender Mauern sehr rasch. Wer jedoch jahrzehntelang auf dem Kapital vergangener Generationen sitzt, hält das Fundament irgendwann für überflüssig. Es trägt ja scheinbar von allein.

Vielleicht ist dies die eigentliche Ironie der Gegenwart. Eine Kultur, deren wissenschaftliche, technische, philosophische und künstlerische Leistungen den modernen Wohlstand entscheidend mitgeprägt haben, wird ausgerechnet von jenen am schärfsten verurteilt, die täglich von eben diesem Erbe leben. Sie verachten die Leiter, auf der sie stehen, und halten das Gleichgewicht für eine persönliche Tugend.

Der zivilisatorische Niedergang beginnt selten mit Kanonendonner. Er beginnt leise, im Hörsaal, im Feuilleton, in Leitfäden, Lehrplänen und Sprachkatalogen. Er beginnt in dem Augenblick, in dem eine Kultur aufhört, zwischen berechtigter Selbstkritik und selbstgenügsamer Selbstverachtung zu unterscheiden. Von dort ist der Weg nicht weit zu einer Gesellschaft, die ihre Geschichte nicht mehr verstehen, sondern nur noch bereuen will. Und eine Zivilisation, die das Bewundern verlernt, wird eines Tages feststellen, dass sie auch das Hervorbringen verlernt hat.