Die Geschichte besitzt eine eigentümliche Angewohnheit: Sie spricht laut genug, um gehört zu werden, aber selten laut genug, um gegen Ideologien anzukommen. Besonders dann nicht, wenn ihre Botschaft unbequem ist. So gehört die Rettung der jemenitischen Juden in den Jahren 1948 und 1949 zu jenen historischen Ereignissen, die eigentlich in jedem Lehrbuch stehen müssten, deren Erwähnung jedoch oft nur als Randnotiz erfolgt – eingeklemmt zwischen den großen Erzählungen der Nachkriegszeit, übersehen von Kommentatoren, die sich lieber mit den Moden der Gegenwart beschäftigen als mit den Realitäten der Vergangenheit.
Dabei handelt es sich nicht um irgendeine Episode, sondern um eines der bemerkenswertesten Rettungsunternehmen des 20. Jahrhunderts. Während die Welt noch die Trümmer des Zweiten Weltkriegs betrachtete und die Vereinten Nationen ihre ersten Gehversuche unternahmen, wurden im Jemen Zehntausende Menschen allein deshalb verfolgt, entrechtet und bedroht, weil sie Juden waren. Nicht seit einigen Jahren. Nicht seit einigen Jahrzehnten. Sondern seit Jahrhunderten.
Die Romantik der Unterdrückung
Eine der sonderbarsten Erscheinungen moderner Geschichtsbetrachtung besteht darin, dass manche Intellektuelle die Vergangenheit mit einem Weichzeichner betrachten, der jede Grausamkeit verschwinden lässt, sofern sie nur weit genug zurückliegt. Plötzlich erscheinen vormoderne Gesellschaften als Orte harmonischer Vielfalt, als multikulturelle Paradiese, in denen alle friedlich nebeneinander lebten und lediglich gelegentlich kleinere Missverständnisse auftraten – vermutlich über die korrekte Zubereitung von Tee.
Die Wirklichkeit war weniger poetisch.
Die jüdische Bevölkerung des Jemen lebte jahrhundertelang unter dem Status der Dhimmis. Dieses Wort wird gelegentlich mit einer Ehrfurcht ausgesprochen, als handle es sich um eine frühe Form europäischer Menschenrechtskonventionen. Tatsächlich bezeichnete es eine rechtliche Unterordnung, die Juden zu Bürgern zweiter Klasse machte. Sie durften existieren, aber nicht gleichberechtigt. Sie durften leben, aber nicht frei sein. Sie durften arbeiten, aber nicht dieselben Rechte beanspruchen wie ihre muslimischen Nachbarn.
Das berühmte Mawza-Exil von 1679 gehört zu den düstersten Kapiteln dieser Geschichte. Tausende Juden wurden deportiert, viele starben unterwegs oder an den Folgen der Vertreibung. Hinzu kamen Sondersteuern, diskriminierende Vorschriften, wiederkehrende Pogrome und der sogenannte Waisenerlass, nach dem jüdische Waisenkinder zwangsweise zum Islam bekehrt werden konnten. Bereits diese Regelung allein genügt, um jede romantische Vorstellung von einer idyllischen Koexistenz in ihre Bestandteile zu zerlegen.
Man stelle sich die Empörung vor, würde heute irgendwo auf der Welt ein Gesetz existieren, das Kindern nach dem Tod ihrer Eltern automatisch eine andere Religion aufzwingt. Internationale Konferenzen würden einberufen. Resolutionen würden verabschiedet. Experten würden von einem historischen Skandal sprechen. Im Jemen geschah genau dies über lange Zeiträume hinweg. Doch historische Verbrechen gewinnen offenbar nicht immer dieselbe Aufmerksamkeit. Manche Opfer verfügen über ein ausgezeichnetes Marketing. Andere lediglich über Gräber.
Als die Welt zusah und Israel handelte
Als 1948 der Staat Israel gegründet wurde, verschlechterte sich die Lage der Juden im Jemen dramatisch. Antisemitische Ausschreitungen, Übergriffe und Gewaltwellen machten deutlich, dass die ohnehin prekäre Existenz vieler Gemeinden endgültig an ihr Ende gekommen war.
Hier beginnt jene Geschichte, die eigentlich Stoff für Epen, Filme und Denkmäler liefern müsste.
Israel, selbst kaum geboren, wirtschaftlich ausgezehrt und militärisch bedroht, organisierte eine Luftbrücke von historischem Ausmaß. Unter dem Namen „Operation Magic Carpet“, im Hebräischen oft als „Auf den Schwingen von Adlern“ bezeichnet, wurden zwischen 1949 und 1950 nahezu sämtliche jemenitischen Juden ausgeflogen.
Fast fünfzigtausend Menschen.
Nicht fünfzigtausend Touristen mit Rollkoffern und Online-Check-in.
Nicht fünfzigtausend Menschen, die zwischen mehreren Reisemöglichkeiten wählen konnten.
Sondern fünfzigtausend Menschen, deren gesamtes bisheriges Leben in wenigen Bündeln verstaut war und deren Zukunft ausschließlich von der Hoffnung abhing, dass die Flugzeuge tatsächlich landen würden.
Viele hatten niemals zuvor ein Automobil gesehen. Noch weniger ein Flugzeug. Dennoch stiegen sie ein. In Maschinen, die bis an die Grenzen ihrer Kapazität gefüllt wurden. In einigen Berichten ist von mehr als fünfhundert Passagieren pro Flug die Rede. Für die Beteiligten muss dies wie ein Wunder erschienen sein.
Für Historiker war es Organisation.
Für Politiker war es Logistik.
Für die Betroffenen war es Erlösung.
Die bemerkenswerte Undankbarkeit der Gegenwart
Der moderne Westen besitzt eine erstaunliche Fähigkeit, erfolgreiche Rettungsgeschichten zu ignorieren, sobald sie nicht in aktuelle politische Narrative passen.
Man hört viel über Flüchtlingsbewegungen.
Man hört viel über Vertreibung.
Man hört viel über Heimatverlust.
All dies sind wichtige Themen.
Doch erstaunlich selten wird erwähnt, dass fast eine Million Juden im Verlauf des 20. Jahrhunderts aus arabischen Ländern vertrieben wurden oder fliehen mussten. Der Exodus der jemenitischen Juden war Teil dieser gewaltigen historischen Bewegung.
Vielleicht liegt das Problem darin, dass die Geschichte kein bequemes Schwarz-Weiß-Gemälde liefert. Die Opfer entsprechen nicht den Erwartungen mancher Aktivisten. Die Täter passen nicht zu den bevorzugten Kategorien politischer Schuldzuweisung. Und die Rettung wurde ausgerechnet von Israel durchgeführt, jenem Staat, der für manche Kommentatoren offenbar selbst dann schuldig wäre, wenn er einen Waldbrand löscht.
So entsteht ein merkwürdiger Zustand kollektiver Amnesie.
Die Verfolgung verschwindet.
Die Pogrome verschwinden.
Die Entrechtung verschwindet.
Die Rettung verschwindet ebenfalls.
Übrig bleibt eine selektive Erinnerung, die weniger mit Geschichte als mit ideologischer Innenarchitektur zu tun hat.
Von Flüchtlingen zu Staatsbürgern
Besonders unerquicklich für gewisse Weltbilder ist die Tatsache, dass die Geschichte nach der Ankunft in Israel nicht mit Elend und Daueropferstatus endete.
Die Nachkommen der jemenitischen Juden wurden Ärzte, Offiziere, Wissenschaftler, Künstler, Unternehmer, Rabbiner, Richter und Politiker.
Natürlich verlief dieser Weg nicht konfliktfrei. Natürlich gab es soziale Spannungen, wirtschaftliche Schwierigkeiten und Integrationsprobleme. Wer etwas anderes behauptet, verwechselt Geschichtsschreibung mit Märchenliteratur.
Doch das entscheidende Ergebnis bleibt bestehen.
Aus einer bedrohten Minderheit wurde eine freie Bürgerschaft.
Aus rechtlich Untergeordneten wurden Gleichberechtigte.
Aus Menschen, deren Kinder zwangsweise hätten konvertiert werden können, wurden Bürger eines Staates, in dem ihre Religion geschützt war.
Innerhalb einer Generation.
Die Geschwindigkeit dieses Wandels ist historisch nahezu beispiellos.
Die eigentliche Lehre
Die wichtigste Lehre dieser Geschichte liegt nicht in militärischer Stärke oder logistischer Meisterleistung. Sie liegt in einer Erkenntnis, die nach Auschwitz und nach den Jahrhunderten jüdischer Verfolgung fast banal erscheint und dennoch immer wieder vergessen wird.
Keine Gemeinschaft sollte gezwungen sein, ihre Sicherheit ausschließlich vom Wohlwollen anderer abhängig zu machen.
Der französische Philosoph Raymond Aron bemerkte einst, dass Staaten nicht gegründet werden, weil Menschen Engel seien, sondern weil Menschen keine Engel seien. Kaum eine Geschichte illustriert diese Einsicht besser als jene der jemenitischen Juden.
Jahrhundertelang waren sie abhängig von Herrschern, deren Toleranz jederzeit widerrufen werden konnte.
Dann entstand ein Staat, der sie aufnehmen konnte.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Zuständen bedeutete für Zehntausende Menschen den Unterschied zwischen Unsicherheit und Schutz, zwischen Angst und Zukunft.
Das lange Gedächtnis der Adler
Die Flugzeuge der Operation Teppich aus Rosen sind längst Museumsstücke geworden. Die Kinder und Enkel jener Passagiere leben heute in einem Israel, das in vielen Bereichen moderner, stärker und erfolgreicher ist, als es sich die Ausgeflogenen damals hätten vorstellen können.
Doch die eigentliche Bedeutung der Operation liegt tiefer.
Sie erinnert daran, dass Geschichte nicht nur aus Kriegen und Verträgen besteht, sondern auch aus Rettungen.
Sie erinnert daran, dass Minderheiten nicht nur diskriminiert, sondern manchmal auch gerettet werden.
Und sie erinnert daran, dass die Existenz Israels für Millionen Juden nicht primär ein abstraktes geopolitisches Konzept darstellt, sondern die Antwort auf eine sehr konkrete historische Frage:
Was geschieht, wenn Verfolgung wiederkehrt?
Die jemenitischen Juden kennen die Antwort.
Sie stiegen in die Flugzeuge.
Und die Flugzeuge kamen.