Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen! Wieder mal.

Es gibt Nationen, die exportieren Autos. Andere exportieren Popkultur, Technologie, militärische Macht oder wenigstens die Fähigkeit, schlechte Fast-Food-Ketten auf jedem Kontinent zu platzieren. Und dann gibt es Deutschland. Deutschland exportiert seit geraumer Zeit etwas weit Kostbareres: Gewissheiten. Früher gingen Maschinen in die Welt hinaus, Ingenieurskunst, Chemieprodukte, Automobile, deren Türen mit jenem satten Geräusch zufielen, das den Eindruck vermittelte, hier sei wenigstens die Schwerkraft noch ordentlich organisiert. Heute verschifft sich etwas Unsichtbareres über die Grenzen: Haltungen, Weltentwürfe, moralische Gebrauchsanweisungen und die stille, aber keineswegs schüchterne Vermutung, dass sich planetarische Probleme womöglich am besten dadurch lösen ließen, dass die Menschheit einmal aufmerksam nach Deutschland blickt und endlich anfängt mitzuschreiben.

„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Ein Satz, den der Dichter Emanuel Geibel im 19. Jahrhundert formulierte und der inzwischen einen historischen Ruf besitzt wie ein wiederentdeckter Sprengkörper im Kellerfundament: Niemand freut sich wirklich über seinen Anblick, alle treten instinktiv zwei Schritte zurück, und irgendein Spezialist muss verständigt werden. Vernünftigerweise hätte die Geschichte diesen Satz längst in ein versiegeltes Archiv sperren sollen, irgendwo zwischen anderen Großideen, deren Halbwertszeit erstaunlich kurz und deren Kollateralschäden erstaunlich lang waren. Doch manche Gedanken besitzen die Unsterblichkeit von Kakerlaken und den Charme eines Staubsaugervertreters. Sie verschwinden nie wirklich. Sie wechseln nur die Kleidung.

Heute trägt die alte Idee kein Pickelhaubenpathos mehr. Sie erscheint nicht mehr mit Donnerstimme und imperialem Schnurrbart. Nein. Sie kommt als Konferenzteilnehmer. Sie trägt Stofftasche, Namensschild und klimaneutral produziertes Lächeln. Sie spricht in Begriffen wie „Transformation“, „Verantwortung“, „globale Vorbildfunktion“ und – ein deutscher Klassiker – „alternativlos“. Früher marschierte die Sendungsidee. Heute moderiert sie Podiumsdiskussionen. Früher wollte man führen. Heute möchte man sensibilisieren. Der Unterschied klingt erheblich, besitzt aber gelegentlich die Tiefe einer neuen Tapete über altem Mauerwerk.

Der planetarische Erziehungsauftrag

Die Ausgangslage entfaltet dabei einen ganz eigenen mathematischen Humor. Ein Land mit ungefähr einem Prozent der Weltbevölkerung und weniger als zwei Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen tritt auf die Bühne der Weltpolitik mit der Entschlossenheit eines Mannes, der im Stadion eine halbe Brezel verkauft hat und nun die Spielregeln des internationalen Fußballs reformieren möchte. Nicht diskutieren. Nicht anregen. Erklären. Die Menschheit möge bitte kurz Platz nehmen; Deutschland habe etwas vorbereitet.

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Und Deutschland bereitete vor. Die Energiewende! Ein Wort von jener majestätischen deutschen Spracharchitektur, die klingt, als hätte ein Verwaltungsgericht einen Mythos verfasst. Wende. Das riecht nach Geschichte, nach Epochenbruch, nach großem gesellschaftlichem Aufbruch. Also sprintete das Land los. Windräder! Solardächer! Abschaltungen! Umbau! Dekarbonisierung! Der Startschuss fiel, und Deutschland stürmte mit bewundernswerter Entschlossenheit nach vorne – nur um irgendwann festzustellen, dass hinter ihm eine eigentümliche Leere entstanden war.

Denn der Rest der Welt tat etwas geradezu Unverschämtes: Er blieb stehen. Oder schlimmer: Er lief in eine andere Richtung.

China baute Kohlekraftwerke. Indien industrialisierte sich. Entwicklungsländer äußerten die erstaunliche Auffassung, Elektrizität sei unter Umständen keine bourgeoise Marotte, sondern vielleicht eine Voraussetzung zivilisatorischer Stabilität. Staaten beschäftigten sich mit Wachstum, Infrastruktur und Energieversorgung. Mit anderen Worten: Die Welt zeigte einen erschreckenden Mangel an deutscher Seminarraumdisziplin.

Man nickte höflich in internationalen Gipfeln. Man formulierte gemeinsame Absichtserklärungen in liebevoll geschliffener Diplomatensprache. Dann kehrte jeder nach Hause zurück und tat Dinge, die Regierungen seit Jahrtausenden tun: Interessen verfolgen.

Es war eine geradezu skandalöse Undankbarkeit.

Die Welt als störrischer Schüler

Vielleicht liegt hierin die eigentliche Tragikomödie: Die Welt benimmt sich nicht wie der vorgesehene Schüler. Sie hört nicht richtig zu. Sie macht die Hausaufgaben nicht. Sie zeigt eine erschütternde Resistenz gegen den pädagogischen Impuls Mitteleuropas.

Denn Deutschland liebt Erziehung. Nicht notwendigerweise Kindererziehung – die ist chaotisch und voller Marmeladenfinger –, sondern moralische Erziehung. Die Vorstellung, dass komplexe Probleme durch ausreichende Einsicht, korrekte Haltung und sauber formulierte Leitlinien lösbar seien, besitzt hier eine fast religiöse Kraft.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche bemerkte einst: „Der deutsche Geist ist meine schlechte Luft.“ Man muss Nietzsche nicht in allem folgen; er war nicht unbedingt als ausgeglichener Familienmensch bekannt. Doch manchmal entwickelte er eine beinahe boshaft präzise Beobachtungsgabe. Denn der deutsche Geist besitzt eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er glaubt selten einfach etwas. Er organisiert es. Er systematisiert es. Er erstellt Unterpunkte.

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Und sobald Unterpunkte existieren, entsteht zwangsläufig der Verdacht, die Welt möge sich bitte ebenfalls daran halten.

Der Rest des Planeten reagiert auf solche Ambitionen allerdings oft mit der Aufmerksamkeit, die Erwachsene aufbringen, wenn ein Kind voller Ernst erklärt, es werde später Vulkanzüchter oder Dinosaurierpilot. Man hört höflich zu. Man lächelt freundlich. Man sagt: „Sehr interessant.“ Dann geht man wieder arbeiten.

Denn China plant keine Industriepolitik entlang deutscher Talkshowdebatten. Indien fragt nicht vor jedem Kraftwerksbau in Berliner Diskussionsrunden nach moralischer Freigabe. Afrikanische Staaten orientieren sich erstaunlicherweise selten an innenpolitischen Stimmungen zwischen Freiburg und Flensburg.

Die Welt besitzt die irritierende Angewohnheit, eigene Prioritäten zu entwickeln.

Die Bürokratisierung der Apokalypse

Hier beginnt die deutsche Spezialdisziplin. Denn Deutschland verfügt über eine nahezu metaphysische Überzeugung: Jedes Problem lasse sich durch hinreichende Verwaltung besiegen.

Max Weber beschrieb die Bürokratie einst als Triumph rationaler Ordnung. Vielleicht ahnte selbst Weber nicht, welche fast poetischen Höhen diese Leidenschaft einmal erreichen würde. Denn inzwischen entsteht gelegentlich der Eindruck, globale Prozesse seien im Grunde Formulare mit sehr komplizierten Anlagen.

Die Menschheit steht vor gigantischen Umbrüchen: Energiebedarf, Ressourcenfragen, geopolitische Machtverschiebungen, technologische Revolutionen. Und irgendwo sitzt zuverlässig jemand, der überzeugt ist, dass zunächst einmal die Richtlinien aktualisiert werden müssten.

Es besitzt etwas Rührendes.

Es ist ungefähr so, als würde auf der Titanic kurz nach der Kollision eine Arbeitsgruppe zur Verbesserung zukünftiger Eisbergkommunikation gegründet.

Der deutsche Geist vertraut auf Verfahren mit einer Liebe, die fast romantische Züge trägt. Irgendwo lebt die Hoffnung, ausreichend Papier könne die Realität zähmen. Man müsse nur den richtigen Ausschuss gründen.

Die Welt hingegen bleibt eine bedauerlich unkooperative Angelegenheit. Sie ist laut, widersprüchlich, unordentlich und reagiert auf administrative Eleganz ungefähr so beeindruckt wie ein Gewitter auf Steuerrecht.

Der moralische Exportweltmeister

Vielleicht war es unvermeidlich. Früher exportierte Deutschland Autos. Irgendwann exportierte es Haltungen.

Und Haltungen besitzen einen unschlagbaren Vorteil: Sie müssen nicht fahren.

Ein Motor muss funktionieren. Eine Brücke darf nicht einstürzen. Eine Maschine muss produzieren. Aber moralische Konzepte schweben in angenehmer Schwerelosigkeit durch die Weltgeschichte. Sie leben in jener Höhe, in der Luftwiderstand und Realität deutlich schwächer werden.

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François de La Rochefoucauld schrieb: „Die Heuchelei ist die Huldigung, welche das Laster der Tugend darbringt.“

Ein grausamer Satz. Und leider einer von jener Sorte Sätze, die sich gelegentlich wie ungebetene Gäste an aktuellen Debatten festklammern.

Denn die moderne Form des „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ erscheint nicht als Arroganz. Sie erscheint als Verantwortung. Nicht als Befehl. Als Fürsorge. Nicht als Überlegenheitsgefühl. Als moralische Verpflichtung.

Und genau darin liegt ihre Raffinesse.

Denn nichts wirkt überzeugter als ein Mensch, der nicht glaubt, Recht zu haben, sondern glaubt, gar nicht anders zu können.

Der leise brummende Kühlschrank der Geschichte

Die eigentliche Komik bleibt jedoch der Schlussakkord. Immer wieder steht Deutschland etwas irritiert am Rand der Weltbühne und blickt auf den Planeten wie ein Lehrer auf eine Klasse, die trotz mehrfacher Hinweise weiterhin Papierflieger baut.

Warum hört niemand?
Warum folgt niemand?
Warum bleibt die Welt so eigensinnig?

Die Antwort könnte banaler kaum sein: Acht Milliarden Menschen warten nicht auf den Einsatz aus Mitteleuropa.

Die Welt ist kein Seminarraum. Kein Arbeitskreis. Kein pädagogisches Projekt. Sie ist ein chaotischer Jahrmarkt aus Interessen, Macht, Widersprüchen und Eigenwilligkeiten. Sie war es immer.

Und vielleicht erzählt die Geschichte ihre boshaftesten Witze genau in jenen Augenblicken, in denen Nationen beginnen, sich nicht bloß als Teil der Welt zu betrachten, sondern als ihr Gewissen.

„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“

Der Satz klingt heute sanfter. Nachhaltiger. Verwaltungsfreundlicher. Klimakompatibler.

Aber manche Dinge verändern sich weniger, als ihre Besitzer glauben.

Manche Ideen sind wie Kühlschränke aus dem Jahr 1978: groß, schwer, erstaunlich energieintensiv und voller merkwürdiger Geräusche. Sie brummen leiser als früher. Sie tragen ein neues Etikett.

Aber sie stehen immer noch im Keller der Geschichte und verbreiten hartnäckig den Eindruck, sie seien eigentlich ihrer Zeit weit voraus.