Die Akademie der Intoleranz

Es gibt Institutionen, die sich selbst für Leuchttürme halten und in Wahrheit Nebelmaschinen geworden sind. Die moderne Universität gehört zunehmend in diese Kategorie. Einst stellte sie sich als Werkstatt des Zweifels vor: ein Ort, an dem Ideen gegeneinanderprallen, Überzeugungen zerschlagen und Gewissheiten mit akademischer Grausamkeit filetiert werden sollten. Der Campus war einmal das Labor der Unsicherheit. Heute gleicht er bisweilen eher einer Mischung aus therapeutischer Schutzzone, moralischer Tribüne und ideologischem Reinraum. Ausgerechnet dort, wo sich einst Menschen freiwillig in intellektuelle Gefahrenzonen begaben, um sich an den Zumutungen des Denkens zu schärfen, wurde vielerorts eine Kultur installiert, die Gefahr vor allem in Sätzen entdeckt.

Und wie immer in der Geschichte beginnt geistige Erstarrung mit den besten Absichten. Die Geschichte aller Dogmen ist die Geschichte guter Motive, die irgendwann beschlossen haben, auf Widerspruch zu verzichten. Das gilt für Religionen, Revolutionen und selbstverständlich auch für die neue Erlösungslehre westlicher Eliten: Diversität, Inklusion, Sensibilität, Sichtbarkeit – eine Liturgie aus Begriffen, die ursprünglich einmal pragmatische Ziele hatten und später dieselbe Schicksalskurve nahmen wie fast jede große Idee: zunächst humanistisch, dann moralisch, dann administrativ und am Ende inquisitorisch.

Man kann kaum behaupten, die Woke-Kultur sei aus dem Nichts entstanden. Die Vergangenheit war voller Diskriminierung, voller Blindheiten, voller tatsächlicher Ungerechtigkeiten. Niemand musste lange suchen, um Rassismus, Sexismus oder soziale Ausschlüsse zu finden; die Archive sind voll davon. Doch politische Bewegungen besitzen eine eigentümliche Dynamik: Sie neigen dazu, nach gewonnener Schlacht weiterzukämpfen, weil Armeen ohne Feinde eine unangenehme Tendenz zur Sinnkrise entwickeln.

Und so begann die bemerkenswerte Verwandlung. Aus Gleichberechtigung wurde Gleichgesinnung. Aus Sensibilität wurde Überempfindlichkeit. Aus Aufmerksamkeit wurde Überwachung.

Die Hochschule als moralische Wellnessoase

George Orwell schrieb einst: „Freiheit ist das Recht, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ Eine Universität hätte diesen Satz eigentlich über jedes Eingangstor meißeln müssen. Stattdessen entstand vielerorts eine Umgebung, in der Meinungsfreiheit zunehmend wie ein potenzielles Sicherheitsrisiko behandelt wurde. Nicht physische Sicherheit selbstverständlich. Das wäre zu gewöhnlich gewesen. Gemeint war die Sicherheit vor Kränkung, Irritation und psychischem Unbehagen.

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Eine der erstaunlichsten Erfindungen moderner Campuskultur besteht darin, den Zustand des Sich-Beleidigt-Fühlens in eine Art objektive Erkenntniskategorie verwandelt zu haben. Früher galt das Gefühl als subjektive Regung. Heute besitzt es bisweilen den Rang eines naturwissenschaftlichen Beweises. Wer sich diskriminiert fühlt, ist diskriminiert. Wer sich verletzt fühlt, wurde verletzt. Der Unterschied zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit wurde ungefähr so elegant entsorgt wie einst Marx die Bourgeoisie entsorgen wollte.

Der Philosoph Karl Popper formulierte das berühmte „Paradoxon der Toleranz“: Unbegrenzte Toleranz führe irgendwann zur Abschaffung der Toleranz selbst. Ein Satz, den zahllose Menschen gern zitieren, ohne zu bemerken, dass sie selbst sein Anschauungsmaterial geworden sind.

Denn kaum etwas entwickelte in den vergangenen Jahren eine größere Intoleranz gegenüber Dissens als jene Milieus, die sich permanent auf Offenheit beriefen. Da wurden Professoren bedrängt, ausgeladen oder öffentlich vorgeführt, weil sie biologischen Geschlechtern eine gewisse Realität zuschrieben oder Klassiker unterrichteten, die den Makel besaßen, tot, männlich und aus Europa zu stammen.

Platon und Aristoteles mussten plötzlich so behandelt werden, als wären sie eine Kombination aus toxischem Sondermüll und kolonialem Raubgut.

Man konnte beinahe Mitleid mit den alten Griechen bekommen. Zweieinhalbtausend Jahre tot – und immer noch unter Generalverdacht.

Die seltsame Karriere des Donald Trump zum unfreiwilligen Kulturkritiker

Nun betritt Donald Trump die Bühne, und die Komödie nimmt ihren unvermeidlichen Verlauf.

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Gegenwart, dass gelegentlich gerade jene Personen richtige Diagnosen stellen, denen man freiwillig nicht einmal die Zimmerpflanzen anvertrauen würde. Trump ist in Fragen intellektueller Feinmechanik ungefähr das, was ein Presslufthammer für die Uhrmacherei bedeutet. Aber auch ein Presslufthammer trifft gelegentlich eine tragende Wand.

Denn seine Kritik an amerikanischen Universitäten zielte auf etwas Reales. Viele Hochschulen hatten sich tatsächlich in bemerkenswerter Geschwindigkeit von Orten offener Debatte in Zentren ideologischer Selbstvergewisserung verwandelt.

Natürlich erfolgte Trumps Intervention nicht aus philosophischer Sorge um John Stuart Mill oder den Zustand der deliberativen Demokratie. Trump verteidigt Meinungsfreiheit oft ungefähr so konsequent wie ein Brandstifter Brandschutzrichtlinien. Seine Motive lagen eher in politischer Rache, Machtinstinkt und kultureller Feindmarkierung.

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Nur widerlegt ein fragwürdiger Bote nicht automatisch die Botschaft.

Hier beginnt das Lieblingsspiel gebildeter Milieus: „shooting the messenger“. Die Person wird zerlegt, damit das Argument nicht untersucht werden muss.

Trump ist vulgär.
Trump ist narzisstisch.
Trump ist maßlos
Möglicherweise alles richtig.

Nur folgt daraus nicht automatisch, dass Universitäten keine Probleme hätten.

Es ist eine intellektuelle Unsitte ersten Ranges, Einwände nach ihrem Absender statt nach ihrem Inhalt zu bewerten. Nach dieser Methode hätte Galileo schlechte Karten gehabt und Sokrates wäre vermutlich wegen problematischer Tonalität exmatrikuliert worden.

Yale entdeckt das Unfassbare: Menschen mögen Denkfreiheit

Besonders komisch wurde die Angelegenheit, als ausgerechnet Yale einen selbstkritischen Bericht veröffentlichte. Dort stellte man mit fast anthropologischer Verwunderung fest, dass sich Studenten zunehmend nicht trauten, ihre Meinungen offen zu äußern.

Die Überraschung wirkte ungefähr so, als würde ein Architekt fassungslos feststellen, dass Mauern die Sicht behindern.

Über Jahre hatte sich eine Kultur entwickelt, in der politische Homogenität beinahe als Qualitätsmerkmal erschien. Das Ergebnis: konservative Positionen verschwanden vielerorts nicht deshalb, weil sie widerlegt worden wären, sondern weil sie sozial kostspielig wurden.

Natürlich war die Professorenschaft nie vollständig repräsentativ. Akademische Berufe zogen stets eher linksliberale Charaktere an. Das Problem beginnt nicht mit Schieflagen.

Es beginnt dort, wo Schieflagen zur Monokultur werden.

Denn Menschen mit ähnlichen Überzeugungen entwickeln dieselbe Eigenart wie Menschen auf Familientreffen: Irgendwann erzählt jeder dieselben Geschichten, lacht an denselben Stellen und hält Wiederholungen für Erkenntnisgewinn.

Ideologische Reinräume besitzen einen Nachteil: Sie produzieren Sauerstoffmangel.

Die Republik der Haltungsbesitzer

Noch interessanter wird die Angelegenheit außerhalb der Universitäten. Denn Hochschulen produzieren nicht nur Absolventen. Sie produzieren Journalisten, Verwaltungsbeamte, Politiker, Stiftungsfunktionäre und Kulturmanager – kurz: jene Schicht professioneller Deutungsbeauftragter, die anschließend erklärt, was gedacht werden darf und warum die Bevölkerung leider wieder einmal pädagogischen Nachholbedarf besitzt.

Die moderne Gesellschaft entwickelte daraus eine bemerkenswerte Kaste: den Haltungsbesitzer.

Der Haltungsbesitzer erkennt sich daran, dass seine Ansichten niemals bloße Meinungen darstellen. Es handelt sich stets um moralische Endprodukte. Diskussionen erscheinen daher unnötig. Debatten wirken unerquicklich. Widerspruch gilt als Vorstufe des gesellschaftlichen Verfalls.

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Wer anderer Ansicht ist, irrt nicht einfach.

Er gefährdet.
Er delegitimiert.
Er sendet Signale.
Er schafft Räume.

Die deutsche Sprache wurde in den vergangenen Jahren um ein ganzes Arsenal nebulöser Verdachtsvokabeln bereichert, die ungefähr denselben Zweck erfüllen wie mittelalterliche Hexenproben: nicht prüfen, sondern markieren.

Die Tragödie der Gebildeten

Besonders tragisch bleibt dabei ein anderer Befund: Bildung macht offenbar nicht automatisch toleranter.

Das ist unerquicklich, denn jahrhundertelang existierte die romantische Vorstellung, mehr Wissen führe fast automatisch zu mehr Offenheit. Tatsächlich scheint Bildung oft lediglich elegantere Formen des Hochmuts hervorzubringen.

Der einfache Fanatiker brüllt.
Der akademische Fanatiker veranstaltet Panels.
Der einfache Besserwisser schreibt Leserbriefe.
Der akademische Besserwisser formuliert Positionspapiere.
Der Unterschied liegt selten im Prinzip. Nur im Vokabular.

Nietzsche bemerkte einmal: „Der Fanatismus ist die einzige Willensstärke, zu der auch die Schwachen gebracht werden können.“

Man könnte hinzufügen: Universitäten entwickeln gelegentlich ein erstaunliches Talent, Schwärmer in Experten und Gewissheiten in Curricula zu verwandeln.

Das Recht auf das Unbequeme

Bereits 1974 formulierte eine Yale-Kommission unter Leitung des Historikers C. Vann Woodward einen bemerkenswerten Satz. Universitäten müssten das Recht verteidigen, „das Undenkbare zu denken, das Unaussprechliche zu diskutieren und das Unbestreitbare herauszufordern“.

Genau darin liegt ihr eigentlicher Auftrag.
Nicht Zustimmung organisieren.
Nicht seelische Komfortzonen verwalten.
Nicht moralische Einheitsfronten errichten.
Sondern Reibung erzeugen.

Denn Denken beginnt dort, wo Gewissheiten unangenehm werden.

Und vielleicht besteht die größte Ironie dieser Epoche darin, dass ausgerechnet jene Institutionen, die einst gegen Dogmen gegründet wurden, zunehmend selbst welche produzieren.

Akademien der Freiheit verwandelten sich stellenweise in Akademien der Intoleranz.

Und wie immer bei geschlossenen Glaubenssystemen hält man sich dort für außergewöhnlich offen. Das gehört beinahe zwingend zum Genre.

Schließlich hielt sich auch niemand jemals freiwillig für den Hohepriester einer Orthodoxie.

Alle hielten sich immer nur für die Guten. Genau dort beginnen die wirklich interessanten Probleme.