Das Theater der Wahrheiten und die Industrie der Gewissheiten

Die Narrative der akademischen Welt und der Medien

Es gibt Konflikte, die sich über Grenzen erstrecken. Es gibt Konflikte, die Kontinente erschüttern. Und es gibt den israelisch-arabischen Konflikt – jenes eigentümliche historische Dauergewitter, das sich längst aus den engen geographischen Koordinaten des Nahen Ostens gelöst hat und zu einer globalen Projektionsfläche geworden ist: moralischer Spiegel, politischer Altar, intellektuelle Kampfarena, psychologisches Ersatztheater und publizistischer Jahrmarkt zugleich. Kaum ein anderer Konflikt hat es geschafft, sich so vollständig in das Weltbewusstsein einzuschreiben. Er wird nicht bloß beobachtet, er wird bewohnt. Millionen Menschen führen ihn täglich in Cafés, Universitäten, Redaktionsstuben und digitalen Echokammern weiter, oft ohne jemals die Region betreten zu haben. Der eigentliche Krieg verläuft längst nicht nur entlang von Grenzen und Frontlinien, sondern entlang von Begriffen, Deutungen und moralischen Etiketten. Es ist ein Krieg um Wörter geworden – und wie jeder Krieg um Wörter wird er mit außerordentlicher Rücksichtslosigkeit geführt.

Bemerkenswert ist dabei weniger, dass gelogen wird. Menschen haben seit jeher gelogen. Imperien entstanden durch Lügen, Revolutionen wurden mit Lügen begonnen, Staaten verteidigten sich mit Lügen, und die Geschichte selbst ist gelegentlich nichts anderes als eine Sammlung erfolgreich gewordener Erzählungen. Neu ist das Ausmaß. Neu ist die ästhetische Perfektionierung. Neu ist jene fast industrielle Produktion moralisch einwandfreier Gewissheiten. Die Unwahrheit hat im israelisch-arabischen Konflikt eine Größe angenommen, die etwas Monumentales besitzt. Sie tritt nicht mehr in schäbigen Kleidern auf. Sie kommt nicht mehr mit krummen Rücken und nervösem Blick. Sie erscheint als akademische Studie, als Leitartikel, als Dokumentation, als Menschenrechtsbericht, als moralisch aufgeladene Podiumsdiskussion unter gedämpftem Licht und ernsten Gesichtern.

Früher musste eine Lüge wenigstens noch rot werden. Heute trägt sie Fußnoten.

Die Universität als Kathedrale der selektiven Empörung

Die akademische Welt liebt die Komplexität. Zumindest behauptet sie das. In Wirklichkeit liebt sie oft weit mehr die elegante Vereinfachung unter komplizierten Begriffen. Denn es existiert eine intellektuelle Versuchung, die unwiderstehlich erscheint: die Welt in ein System aus Unterdrückern und Unterdrückten zu verwandeln. Eine Weltkarte moralischer Rollenverteilung, auf der jeder Mensch, jede Nation und jede Geschichte in klare Kategorien einsortiert werden kann. Die historische Wirklichkeit ist allerdings von einer störenden Unhöflichkeit. Sie weigert sich hartnäckig, sich den theoretischen Modellen zu unterwerfen.

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Der israelisch-arabische Konflikt stellt deshalb eine Zumutung dar. Denn hier kollidieren historische Traumata mit nationalen Ansprüchen, Vertreibung mit Vertreibung, Gewalt mit Gewalt und Erinnerung mit Erinnerung. Ein Konflikt, in dem mehrere Wahrheiten nebeneinander existieren können, ist für ideologische Architekten ungefähr so erfreulich wie ein Sturm für Kartenhäuser.

Und deshalb geschieht etwas Seltsames. Ein Teil der akademischen Welt beginnt, den Konflikt nicht mehr zu untersuchen, sondern umzuschreiben. Israel erscheint als Kolonialprojekt; die Palästinenser werden zur reinen Chiffre universeller Opfererzählungen. Komplexität wird reduziert auf ein leicht verständliches Theaterstück mit klar verteilten Rollen.

Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre bemerkte einst: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Man könnte ergänzen: Die Universität machte daraus gelegentlich eine Vorlesungsreihe.

Die Medien und die Kunst des moralischen Zoomobjektivs

Medien wiederum leben nicht von Ausgewogenheit. Sie leben von Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit entsteht selten durch komplizierte historische Einordnungen oder widersprüchliche Kausalitäten. Aufmerksamkeit verlangt Dramatik, Personalisierung und moralische Klarheit. Ein komplexes Dossier über regionale Machtstrukturen konkurriert nun einmal schlecht mit einem Bild verletzter Kinder oder brennender Häuser.

Das bedeutet nicht, dass Bilder lügen. Bilder lügen selten. Sie verschweigen lediglich sehr effizient.

Denn die Kamera zeigt den Moment, aber kaum die Geschichte. Sie zeigt den Einschlag, aber selten den vorausgehenden Abschuss. Sie zeigt Tränen, aber nicht deren Herkunft. Und weil die Öffentlichkeit zunehmend in Bildern denkt, entsteht eine neue Art politischer Wahrnehmung: das Zeitalter des moralischen Augenblicks.

Der Schriftsteller George Orwell schrieb: „Journalismus besteht darin, etwas zu veröffentlichen, das andere nicht veröffentlicht sehen wollen.“ Heute scheint Journalismus gelegentlich darin zu bestehen, etwas zu veröffentlichen, das perfekt in bereits bestehende Erwartungen passt.

Die eigentliche Meisterleistung moderner Medien liegt nämlich nicht darin, Menschen zu informieren. Sie besteht darin, ihnen das angenehme Gefühl zu vermitteln, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Der Zuschauer wird nicht aufgefordert zu verstehen; er soll empfinden. Empörung wird zum publizistischen Rohstoff.

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Und Empörung besitzt einen Vorteil: Sie denkt nicht nach.

Die große historische Umkehrung

Zu den erstaunlichsten Entwicklungen gehört die Umkehrung historischer Wahrnehmungen. Israel erscheint inzwischen in Teilen westlicher Diskurse als globaler Haupttäter. Aus einem Land, das jahrzehntelang als bedrohte Demokratie wahrgenommen wurde, wurde in vielen Erzählungen eine Art metaphysischer Ursprung internationalen Unrechts.

Die grotesken Vergleiche erreichten dabei Höhen, die beinahe satirische Qualitäten besitzen. Fast die Hälfte europäischer Befragter glaubt zeitweise, Israel behandle Palästinenser wie die Nationalsozialisten Juden behandelten. Hier endet nicht nur historische Präzision. Hier beginnt eine Form moralischer Halluzination.

Man stelle sich die Absurdität vor: Die Geschichte des industriellen Massenmordes wird zum politischen Universalwerkzeug. Auschwitz wird aus seiner historischen Singularität herausgelöst und in den Werkzeugkasten tagespolitischer Rhetorik gelegt.

Die Inflation moralischer Begriffe folgt dabei einem einfachen Gesetz: Je häufiger alles „faschistisch“, „genozidal“ oder „apartheidartig“ genannt wird, desto weniger Bedeutung besitzen diese Begriffe am Ende.

Es ist die sprachliche Version einer Zentralbank, die ununterbrochen Geld druckt.

Der Aktivismus und die Romantik des einfachen Feindbildes

Es existiert eine eigentümliche Romantik politischer Bewegungen. Sie suchen Helden. Sie suchen Unterdrückte. Und vor allem suchen sie Schurken. Denn ohne Schurken fehlt jeder Dramaturgie das Zentrum.

Extremistische Aktivisten verstehen dies ausgezeichnet. Ihre Stärke liegt nicht in militärischer Überlegenheit, sondern in narrativer Disziplin. Geschichten funktionieren besser als Fakten. Symbole wirken stärker als Statistiken.

Der israelisch-arabische Konflikt wurde daher nicht nur zum Gegenstand politischer Mobilisierung, sondern zum moralischen Lifestyleprodukt. Demonstrationen produzieren Bilder; Hashtags erzeugen Zugehörigkeit; politische Positionen werden zu Identitätsmarkern.

Es entsteht eine eigentümliche Kultur der sekundären Beteiligung: Menschen tauschen historische Kenntnisse gegen moralische Eindeutigkeit und fühlen sich dabei wie Teilnehmer eines globalen Befreiungsromans.

Der Konflikt verwandelt sich in eine Bühne, auf der jeder auftreten möchte, vorzugsweise in der Rolle des tugendhaften Widerständlers.

Dass reale Menschen unter realen Raketen sterben, wirkt dabei gelegentlich wie eine bedauerliche Störung des symbolischen Programms.

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Über den Frieden und die unbequeme Last der Wirklichkeit

Dabei liegt die größte Ironie in einer bitteren Tatsache: Viele Menschen handeln tatsächlich aus ehrlichem Mitgefühl. Sie wünschen Frieden. Sie wünschen Gerechtigkeit. Sie wünschen Versöhnung.

Und gerade deshalb tragen manche unfreiwillig zur Verlängerung des Konflikts bei.

Denn Frieden beginnt nicht mit Illusionen. Frieden beginnt mit der Anerkennung von Wirklichkeit – selbst dann, wenn sie hässlich, widersprüchlich und unerquicklich ist.

Israel ist nicht frei von Fehlern. Kein Staat ist das. Kritik an Regierungen, Armeen und politischen Entscheidungen ist legitim und notwendig. Aber Kritik verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie sich in ein geschlossenes System moralischer Vorentscheidungen verwandelt.

Wer bereits vor Beginn jeder Untersuchung weiß, wer Täter und wer Opfer ist, betreibt keine Analyse mehr. Es handelt sich dann lediglich um eine moderne Form theologischer Gewissheit.

Und vielleicht besteht die eigentliche Tragödie des israelisch-arabischen Konflikts nicht allein in Gewalt oder Krieg. Vielleicht liegt sie darin, dass ein Konflikt zwischen Menschen sich in den Köpfen vieler längst in einen Konflikt zwischen Mythen verwandelt hat.

Die Wirklichkeit allerdings besitzt eine unangenehme Eigenschaft: Sie kehrt zurück. Immer. Geduldig. Hartnäckig.

Und sie interessiert sich bemerkenswert wenig für akademische Moden.