Die große Geräuschlosigkeit der Moralmaschinen

Es gehört zu den unerquicklichsten Eigenheiten der westlichen Gegenwart, dass jedes Verbrechen zunächst auf seine ideologische Verwertbarkeit geprüft wird, bevor Mitgefühl genehmigt wird. Kaum detoniert irgendwo eine Rakete, kaum fällt irgendwo ein Schuss, kaum wird irgendwo ein Körper geschändet, tritt augenblicklich das internationale Kommentariat zusammen wie ein schlecht gelaunter Ethikbetrieb auf Betriebsausflug: NGOs formulieren Stellungnahmen in jener sterilen Sprache moralischer Buchhaltung, Universitäten veranstalten „Teach-ins“, Aktivisten entrollen Banner, und irgendwo erklärt zuverlässig ein Kulturwissenschaftler mit Brille von der Größe einer Satellitenschüssel, Gewalt müsse „kontextualisiert“ werden. Doch dann kam der 7. Oktober — und plötzlich stockte die Maschine. Nicht weil die Fakten unklar gewesen wären. Nicht weil die Bilder fehlten. Sondern weil die Opfer Juden waren und die Täter sich erfolgreich als revolutionäre Ikonen des globalen Widerstands vermarktet hatten.

Das neue, dreihundert Seiten umfassende Gutachten der Civil Commission legt nun mit einer Präzision offen, die beinahe unerträglich wirkt, was viele längst ahnten und manche mit grotesker Verbissenheit zu leugnen versuchten: Die sexualisierte Gewalt war kein chaotischer Nebeneffekt des Massakers. Sie war Methode. Bestandteil. Botschaft. Terror in seiner archaischsten und zugleich modernsten Form. Vierhundertdreißig Interviews. Mehr als zehntausend Fotos und Videos. Dreizehn dokumentierte Formen sexualisierter Gewalt. Vergewaltigungen. Gruppenvergewaltigungen. Verstümmelungen. Sexualisierte Folter. Erniedrigung. Schändung der Körper selbst nach dem Tod. Und das alles nicht im Schatten des Geschehens, sondern als Teil der Inszenierung. Die Täter filmten ihre Verbrechen mit jener kalten Selbstverständlichkeit, mit der andere Menschen ihren Cappuccino fotografieren. Sie verbreiteten die Aufnahmen, verschickten sie, feierten sie. Das Verbrechen wurde Content. Die Barbarei erhielt ein digitales Marketingkonzept.

Es ist schwer, die ganze Obszönität dieser Gleichzeitigkeit zu erfassen: Auf der einen Seite Menschen, die Frauen misshandeln, verstümmeln, demütigen und ermorden. Auf der anderen Seite eine globale Öffentlichkeit, die vor allem damit beschäftigt war, Formulierungen zu finden, die bloß nicht zu eindeutig klingen. „Komplexe Lage.“ „Historischer Kontext.“ „Eskalationsspirale.“ Worte wie Wattebäusche, geworfen auf blutende Körper. Während bei jedem anderen Konflikt die Vokabel „Kriegsverbrechen“ bereits fällt, sobald ein Soldat schief hustet, entstand hier ein monatelanges Schauspiel des Ausweichens, Relativierens und Vernebelns. Ausgerechnet jene Milieus, die sonst jede Mikroaggression in ein halbstündiges Seminar verwandeln, entdeckten plötzlich die Vorzüge epistemischer Vorsicht. Die internationale Empörung, sonst schneller verfügbar als ein Lieferdienst für vegane Bowls, erlitt einen bemerkenswerten Systemausfall.

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Natürlich hatte dieses Schweigen Gründe. Nicht ausgesprochen, aber deutlich sichtbar. Der 7. Oktober zerstörte nämlich eine liebgewonnene Erzählung. Die Vorstellung vom romantischen Widerstandskämpfer mit Kufiya und moralischer Lizenz. Das Bild des „antikolonialen Befreiungskampfes“, in dem Gewalt zwar bedauerlich, aber irgendwie verständlich erscheint. Die Wirklichkeit jedoch zeigte keine revolutionären Freiheitshelden, sondern Männer, die lachend Leichen schändeten. Männer, die sexuelle Gewalt nicht als Exzess einzelner Psychopathen nutzten, sondern als bewusstes Mittel kollektiver Einschüchterung. Und plötzlich entstand ein Problem für all jene westlichen Milieus, die seit Jahren jede Form radikaler Gewalt mit der Geduld eines Soziologieseminars erklären: Was tun, wenn die Unterdrückten sich nicht wie Figuren aus einem postkolonialen Essay benehmen, sondern wie Sadisten?

An diesem Punkt begann die große gymnastische Übung der Relativierung. Manche behaupteten, die Berichte seien „unzureichend verifiziert“. Andere verlangten einen „höheren Beweisstandard“, als ginge es um einen schlecht belegten Spesenzettel im Verwaltungsrecht. Wieder andere wechselten direkt in jene moralische Akrobatik, die inzwischen zum Standardrepertoire des ideologischen Zeitalters gehört: Ja, schrecklich sei das alles natürlich, aber man müsse eben „die Ursachen“ betrachten. Als wäre irgendwo jemals eine Frau weniger vergewaltigt worden, weil ein Aktivist den geopolitischen Hintergrund erläuterte. Der französische Philosoph Pascal Bruckner bemerkte einmal, der Westen habe eine seltsame Leidenschaft entwickelt, Verbrechen umso milder zu beurteilen, je exotischer ihre Täter erscheinen. Genau diese Haltung waberte durch die Debatten wie schweres Parfüm in einem schlecht belüfteten Theaterfoyer.

Und so entstand jene absurde Situation, in der Menschen, die sonst jede sprachliche Unachtsamkeit als strukturelle Gewalt klassifizieren, plötzlich erstaunliche Toleranz gegenüber tatsächlicher Gewalt entwickelten — solange sie nur unter den richtigen Parolen stattfand. Der Ruf nach der „Globalen Intifada“ wurde auf westlichen Straßen skandiert wie eine Mischung aus Festival-Slogan und moralischem Lifestyle-Accessoire. Junge Menschen mit sorgsam kuratierten Instagram-Biografien posierten unter Fahnen einer Bewegung, deren praktische Konsequenz am 7. Oktober sichtbar geworden war: Mord, Folter, sexuelle Gewalt, Entmenschlichung. Doch die Romantik des Widerstands ist ein zähes Sedativum. Sie erlaubt es, sogar die monströsesten Taten noch als Ausdruck verständlicher Wut zu betrachten.

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Dabei war gerade die sexualisierte Gewalt von erschütternder Symbolik. Sie zielte nicht nur auf einzelne Opfer. Sie zielte auf Familien, Gemeinschaften, Identität, Erinnerung. Sexualisierte Gewalt in Kriegen ist niemals bloß individuell; sie ist immer Botschaft. Sie sagt: Niemand ist sicher. Niemand behält Würde. Niemand behält Kontrolle über den eigenen Körper. Genau deshalb ist die Dokumentation der Civil Commission so bedeutsam. Sie entreißt das Geschehen jener grauen Nebelzone des „Vielleicht“, in die so viele Kommentatoren die Ereignisse schieben wollten. Sie zwingt dazu, die Wirklichkeit auszuhalten, statt sie in ideologischen Beruhigungsformeln aufzulösen.

Doch genau das fällt schwer in einer Epoche, die Wirklichkeit nur noch akzeptiert, wenn sie ins eigene Weltbild passt. Der moderne Aktivismus besitzt schließlich eine bemerkenswerte Fähigkeit: Er verwandelt moralische Kategorien in Stammeszeichen. Opferstatus wird nicht mehr durch Leid bestimmt, sondern durch politische Einordnung. Manche Tote sind wertvoller als andere. Manche Traumata sichtbarer. Manche Frauen glaubwürdiger. „Believe women“ galt plötzlich nur noch eingeschränkt, versehen mit geopolitischen Fußnoten. Eine zynischere Entlarvung identitätspolitischer Moral hätte sich kaum inszenieren lassen.

Die Literatur des 20. Jahrhunderts kannte solche Mechanismen bereits. George Orwell schrieb, manche Ideen seien so absurd, dass nur Intellektuelle an sie glauben könnten. Tatsächlich erforderte es eine beachtliche intellektuelle Verrenkung, um angesichts der dokumentierten Grausamkeiten weiterhin von „Widerstandsromantik“ zu sprechen. Doch Ideologien funktionieren nicht trotz ihrer Blindheit, sondern wegen ihr. Sie schaffen Gemeinschaft durch selektive Wahrnehmung. Sie erlauben das angenehme Gefühl moralischer Überlegenheit, ohne die Zumutung echter Konsequenz. Und deshalb konnte man auf Demonstrationen erleben, wie Menschen gleichzeitig feministische Parolen skandierten und Bewegungen verharmlosten, deren Kämpfer Frauenkörper als Schlachtfeld benutzen.

Das vielleicht Verstörendste an alldem ist jedoch die Geschwindigkeit, mit der die Opfer selbst unter Verdacht gerieten. Nicht die Täter mussten sich erklären, sondern die Überlebenden. Nicht die Vergewaltiger standen im Fokus des Zweifels, sondern jene, die über die Verbrechen berichteten. Das ist die letzte Perversion ideologischer Debatten: Das Opfer erhält zusätzlich die Aufgabe, seine eigene Glaubwürdigkeit zu verteidigen. Und so wiederholt sich im digitalen Zeitalter ein uraltes Muster. Erst kommt die Gewalt. Dann kommt das Schweigen. Danach folgt die Relativierung. Schließlich die Ermüdung. Und irgendwann bleibt nur noch ein Archiv des Grauens, durch das Historiker blättern, während die Gegenwart längst zum nächsten moralischen Trend weitergezogen ist.

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Gerade deshalb ist die Veröffentlichung dieses Berichts von solcher Bedeutung. Nicht als propagandistische Waffe, sondern als Dokumentation gegen das Vergessen. Gegen jene bequem gewordene Gleichgültigkeit, die sich heute gern als differenzierte Analyse tarnt. Es geht nicht darum, politische Debatten zu verbieten oder komplexe Konflikte zu simplifizieren. Es geht darum, eine minimale zivilisatorische Grenze zu verteidigen: die Fähigkeit, Grauen als Grauen zu benennen, auch wenn die Täter ideologisch nützlich erscheinen.

Denn jede Gesellschaft zeigt ihren moralischen Zustand weniger daran, wen sie verteidigt, als daran, bei wem sie bereit ist wegzusehen. Und vielleicht liegt genau darin die bitterste Erkenntnis dieses Berichts: Nicht nur die Täter des 7. Oktober offenbaren eine Krise der Menschlichkeit. Sondern auch jene Teile der Weltöffentlichkeit, die monatelang lieber schwiegen, relativierten oder wegdebattierten, weil die Wirklichkeit nicht in ihre politische Ästhetik passte. Das Verbrechen war monströs. Das Schweigen darüber war es auf seine eigene Weise ebenso.