Die große Umbenennung als Heilsversprechen

Es gehört zu den eigentümlichsten Fortschrittsgesten der Gegenwart, dass man das Unangenehme nicht mehr beseitigt, sondern es mit einer so freundlichen Vokabel versieht, dass es fortan kaum noch als solches wahrgenommen wird. Wo einst klinische Nüchternheit herrschte – Diagnose, Symptom, Therapie –, blüht heute eine semantische Blumenwiese, auf der alles in den Farben der „Neurodiversität“ schillert. Der Begriff klingt wie ein Wellnessprogramm für das Gehirn, eine Art mentaler Spa-Aufenthalt, bei dem jede neuronale Eigenheit als wohltuende Variation begrüßt wird. Dass sich hinter manchen dieser „Variationen“ Zustände verbergen, die früher mit gutem Grund als behandlungsbedürftig galten, wirkt in dieser neuen Rhetorik fast wie ein peinlicher Anachronismus.

So verwandelt sich das, was einmal „manisch-depressives Irresein“ hieß, über den Umweg der „bipolaren Störung“ in eine Art temperamentvolle Laune des neuronalen Universums. Autismus wird zur besonderen Form der Wahrnehmung, ADHS zur kreativen Energiequelle, und irgendwo zwischen Dyskalkulie und Tourette beginnt die große Erzählung von der Vielfalt, die angeblich alles trägt und nichts mehr wiegt. Es ist ein sprachlicher Taschenspielertrick von beeindruckender Eleganz: Das Problem bleibt, aber das Unbehagen verschwindet – zumindest auf dem Papier.

Die neue Priesterschaft der Vielfalt

Die Hohepriester dieser Bewegung sprechen mit der sanften Autorität jener, die sich auf der richtigen Seite der Geschichte wähnen. Sie verkünden, dass Unterschiede nicht nur hinzunehmen, sondern zu feiern seien, dass das Gehirn kein Fehler machen könne, sondern lediglich Varianten hervorbringe. In dieser Logik wird jede Grenzziehung zwischen gesund und krank zur moralischen Verfehlung, zur unzulässigen Vereinfachung einer angeblich unendlichen Komplexität.

Dabei entfaltet sich eine bemerkenswerte Dialektik: Je radikaler die Ablehnung klassischer Kategorien, desto stärker die normative Kraft des neuen Begriffs. „Neurodivers“ ist nicht einfach eine Beschreibung, sondern ein Prädikat, ein Gütesiegel fast, das signalisiert, dass hier jemand nicht defizitär, sondern besonders ist. Und wer wollte sich schon freiwillig auf die Seite des Defizits schlagen, wenn doch die Aufwertung so verlockend nahe liegt? Selbstbeschreibung wird zur Selbstveredelung, Diagnose zur Identität, und das Ganze erhält einen Anstrich von Emanzipation, der jeden Einwand verdächtig erscheinen lässt.

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Cherrypicking mit Heiligenschein

Die Ikonen dieser Bewegung sind sorgfältig gewählt. Erfolgreiche Wissenschaftler, brillante Außenseiter, engagierte Aktivisten – sie alle dienen als Beleg dafür, dass Abweichung nicht nur kompatibel mit Erfolg ist, sondern diesen geradezu hervorbringt. Besonders gern zitiert wird Greta Thunberg, deren Selbstbeschreibung ihres Asperger-Autismus als „Superkraft“ längst zum geflügelten Wort geworden ist. Der Subtext ist klar: Was früher als Einschränkung galt, erweist sich bei näherem Hinsehen als Vorteil, als evolutionärer Joker im Spiel der Moderne.

Weniger prominent sind jene, bei denen sich die vermeintliche Superkraft eher als schwer zu tragende Last erweist. Diejenigen, die nicht durch außergewöhnliche Leistungen glänzen, sondern mit den alltäglichen Anforderungen ringen, die in keinem TED-Talk vorkommen und keine Dokumentation zieren. Sie stören das Narrativ, und so werden sie diskret an den Rand gedrängt, wo sie das große Fest der Vielfalt nicht allzu sehr irritieren. Es ist eine Form der Auswahl, die weniger durch Bosheit als durch Bequemlichkeit motiviert ist – und gerade deshalb so wirksam.

Gelebte Neurodiversität als Zumutungsästhetik

Konsequent zu Ende gedacht, führt die Ideologie der Neurodiversität zu einer bemerkenswerten Umkehr der Anpassungslogik. Nicht mehr der Einzelne bemüht sich, innerhalb seiner Möglichkeiten funktionsfähig zu bleiben, sondern die Umwelt hat sich gefälligst auf jede Form der Abweichung einzustellen. Der stundenlange, stockende Vortrag wird zur performativen Demonstration von Vielfalt, die mangelnde Konzentration im Arbeitsprozess zur Einladung an das Umfeld, flexibler zu werden, und impulsive Verhaltensweisen avancieren zur Herausforderung für die Geduld der Mitmenschen.

Die Fähigkeit, all dies nicht nur zu ertragen, sondern mit wohlwollender Anerkennung zu begleiten, wird zum moralischen Maßstab erhoben. Wer sich daran stört, hat offenbar noch nicht verstanden, wie fortschrittlich die neue Ordnung ist. Die Zumutung erhält eine ästhetische Weihe: Sie ist nicht mehr bloß lästig, sondern Ausdruck einer höheren, inklusiven Vernunft. Dass dabei praktische Abläufe ins Stocken geraten, Termine platzen und Nerven strapaziert werden, gehört zum Preis der moralischen Erhabenheit.

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Die stille Ekstase der Kassen

Und dann tritt, beinahe rührend enthusiastisch, die institutionelle Seite auf den Plan – allen voran die AOK, die den Begriff der Neurodiversität mit einer Freude umarmt, die man sonst eher aus Werbekampagnen für besonders bekömmliche Joghurts kennt. Endlich, so scheint es, eröffnet sich ein Horizont, in dem nicht mehr jede Abweichung automatisch einen Leistungsanspruch generiert. Wenn Unterschiede „natürlich“ sind, wenn sie nicht besser oder schlechter, sondern lediglich anders sind, dann verliert die Frage nach der Behandlungsbedürftigkeit ihre alte Dringlichkeit.

Man stelle sich die interne Erleichterung vor: Sitzungen, in denen man sich nicht mehr mit der drögen Frage auseinandersetzen muss, ob eine bestimmte Symptomatik nun therapiebedürftig ist, sondern stattdessen die Vielfalt des menschlichen Gehirns würdigt. Der Sachbearbeiter als Diversity-Beauftragter des Nervensystems, die Ablehnung als Akt der Anerkennung. „Keine Leistung notwendig – herzlichen Glückwunsch zur individuellen Ausprägung!“ Es ist eine Pointe, die so trocken ist, dass sie beinahe wieder genial wirkt.

Natürlich wird all dies begleitet von wohlformulierten Erklärungen, die betonen, dass Unterstützung weiterhin wichtig sei, dass Inklusion gefördert werden müsse, dass niemand allein gelassen werde. Doch zwischen den Zeilen klingt eine leise, kaum verhüllte Erleichterung mit: Wenn weniger krank ist, gibt es weniger zu behandeln. Und wenn weniger zu behandeln ist, dann – nun ja – rechnet sich die Vielfalt plötzlich auch betriebswirtschaftlich.

Das Verschwinden hinter der Freundlichkeit

Am Ende bleibt ein eigentümlicher Nachgeschmack. Die Welt ist freundlicher geworden, zumindest sprachlich. Niemand ist mehr defizitär, alle sind besonders; niemand leidet, alle erleben ihre individuelle Variante des Menschseins. Doch gerade diese allumfassende Freundlichkeit hat etwas Unnachgiebiges. Sie duldet keinen Widerspruch, keinen Hinweis darauf, dass hinter der glänzenden Oberfläche weiterhin Schmerz, Überforderung und echte Not existieren.

Denn wer darauf beharrt, dass bestimmte Zustände nicht nur anders, sondern tatsächlich belastend sind, riskiert, als rückständig zu gelten, als jemand, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. So verschwindet das Leiden nicht, es wird lediglich umetikettiert und in ein Narrativ eingebettet, das es seiner Dringlichkeit beraubt. Die gute Nachricht lautet dann, mit einem Lächeln vorgetragen: Niemand ist mehr krank. Die weniger gute, die sich nur noch leise vernehmen lässt: Manche wären es vielleicht gern, wenn es ihnen dafür Hilfe verschaffen würde.