Das große Wegwerfen als Staatskunst

Es gibt Verschwendungen, die geschehen heimlich, diskret, fast schamhaft – und dann gibt es jene, die in palettenweiser Monumentalität auftreten und sich mit der Würde staatlicher Planung umgeben. Mehr als 26 Millionen Corona-Impfdosen im Müll: Das ist keine Panne, das ist eine Ästhetik. Eine Installation aus Glas, Kunststoff und politischer Selbstrechtfertigung. „Vorsorge“, wird dazu gesagt, ein Wort, das in seiner Sanftheit so gar nicht zum Klang der Müllpressen passen will. Und doch: Hier wurde nicht einfach weggeworfen, hier wurde systematisch überbestellt, administrativ gelagert und schließlich hygienisch entsorgt – eine bürokratisch vollendete Form der Verschwendung, geschniegelt bis zur letzten Ampulle.

Die Religion des „Lieber zu viel“

Die Pandemie war nicht nur ein medizinisches Ereignis, sondern auch eine spirituelle Prüfung, und ihre Staatsreligion lautete: „Lieber zu viel als zu wenig.“ Ein Glaubenssatz, der jede Kritik im Keim erstickt, weil er moralisch unangreifbar erscheint – wer wollte schon das Risiko tragen, zu wenig zu haben? Also bestellte Österreich, als gäbe es kein Morgen, und stellte damit sicher, dass es ein sehr teures Gestern geben würde. 70 Millionen Dosen, 1,2 Milliarden Euro – Zahlen, die nicht beeindrucken, sondern betäuben. Die Logik dahinter ist so schlicht wie genial: Wenn die Zukunft ungewiss ist, kauft man sie einfach in Übergröße. Dass diese Zukunft ein Verfallsdatum hat, wird später als Detail behandelt.

„Man konnte das nicht vorhersehen“, heißt es dann, dieser universelle Satz der politischen Unschuld, der alles erklärt und zugleich jede Verantwortung verdampfen lässt. Als wäre Planung ein Glücksspiel und nicht der eigentliche Zweck von Planung.

Müllhalde der guten Absichten

26,6 Millionen Dosen entsorgt – das ist keine Zahl, das ist ein moralischer Geräuschpegel. Jede einzelne Ampulle ein kleines Versprechen, das nie eingelöst wurde, weil es schlicht zu viele davon gab. Und irgendwo zwischen Kühllager und Müllverbrennung verwandelt sich Vorsicht in Absurdität. Die moderne Gesellschaft, die sich gern als nachhaltig und rational inszeniert, produziert hier ihr eigenes Gegenbild: Hochtechnologie, die im Container endet.

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„Abgelaufen“ – ein Wort, das sonst für Milchprodukte reserviert ist, wird plötzlich zur politischen Diagnose. Die Haltbarkeit der Entscheidungen war kürzer als die Haltbarkeit der Impfstoffe, und am Ende lief beides gleichzeitig aus: die Dosen und die Geduld, solche Zahlen noch ernsthaft als bloße „Folge der Umstände“ zu verkaufen.

Politische Empörung als Ritual

Natürlich meldet sich die Opposition. Die FPÖ entdeckt das „Milliardengrab“, ein Begriff, der so zuverlässig aus der Schublade gezogen wird, dass man sich fragt, ob er dort schon vorsorglich bestellt wurde. Harald Schuh spricht von fehlendem „wirtschaftlichen Hausverstand“ – eine Diagnose, die so treffend klingt, dass sie fast verdächtig ist, weil sie immer passt, egal wann sie gestellt wird.

Auf der anderen Seite steht das Ministerium unter Korinna Schumann und erklärt mit der Gelassenheit nachträglicher Vernunft, dass die Lage damals eben unklar gewesen sei. „Es war notwendig“, lautet die Verteidigung, und man spürt, wie dieses „notwendig“ sich wie ein Schutzschild vor jede Zahl schiebt. Notwendig ist hier nicht mehr das Handeln, sondern die Rechtfertigung.

Die Mathematik der Ausreden

21,9 Millionen verimpfte Dosen. 61,8 Millionen geliefert. 26,6 Millionen entsorgt. 9,7 Millionen gespendet. 2,1 Millionen verschwunden, als hätten sie beschlossen, sich dem Diskurs zu entziehen. Es ist eine Bilanz, die weniger nach Buchhaltung klingt als nach absurdem Theater. Zahlen, die sich nicht addieren, sondern gegenseitig kommentieren.

Die Spenden werden gern als humanitäre Geste präsentiert, was sie zweifellos auch sind – nur dass sie hier den Beigeschmack einer nachträglichen Sinnstiftung tragen. Erst zu viel bestellen, dann großzügig verteilen: ein Kreislauf, der moralisch glänzt und ökonomisch knirscht. Die fehlenden 2,1 Millionen hingegen wirken wie ein literarischer Scherz der Realität, eine Pointe, die sich jeder Kontrolle entzieht: selbst der Müll ist hier nicht mehr vollständig dokumentiert.

Die Gegenwart als Desinteresse

Und während die Vergangenheit noch in Zahlen nachhallt, hat die Gegenwart längst das Interesse verloren. 5.500 Impfungen im laufenden Jahr – eine Zahl, die so klein ist, dass sie fast diskret wirkt, als wolle sie sich für die früheren Exzesse entschuldigen. Die große Impfkampagne ist zur Randnotiz geworden, die Lagerbestände zu Relikten einer Zeit, in der Angst noch als politischer Rohstoff diente.

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„Keine Abnahmeverpflichtungen mehr“, heißt es nun erleichtert. Man könnte fast glauben, dies sei der eigentliche Erfolg: nicht die Bewältigung der Pandemie, sondern das Ende der Verpflichtung, weiter falsch liegen zu müssen.

Die Pointe, die keiner erzählen will

Am Ende bleibt eine unangenehme Einsicht: Die Verschwendung war kein Unfall, sondern ein Systemfehler mit Ansage. Nicht, weil zu viel getan wurde, sondern weil jede Maßnahme immunisiert wurde gegen Kritik – durch Moral, durch Dringlichkeit, durch das ewige „Was wäre gewesen, wenn“. Eine perfekte Konstruktion, in der Fehler erst im Nachhinein sichtbar werden dürfen, wenn sie keine Konsequenzen mehr haben.

„Es war alternativlos“, lautet die letzte Zuflucht, dieser große Schlussakkord politischer Selbstentlastung. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Katastrophe: nicht die Millionen im Müll, sondern die Gewissheit, dass sie beim nächsten Mal wieder dort landen könnten – nur diesmal noch besser begründet, noch sauberer verwaltet, noch eleganter entsorgt.

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