Der 3° geneigte Sozialdemokrat

Es gibt Städte, die wachsen organisch, wie Bäume, und es gibt Städte, die werden erzogen, geschniegelt, gebändigt, mit Namen versehen wie mit Etiketten auf Einmachgläsern. Wien gehört, zumindest in den Selbstbeschreibungen des sogenannten Roten Wien, zur zweiten Kategorie: eine Stadt als moralisches Lehrstück, als sozialdemokratisches Diorama, als Freiluftseminar in angewandter Fortschrittlichkeit. Hier ist kein Platz zufällig benannt, keine Statue arglos geneigt; alles ist Botschaft, alles ist pädagogische Maßnahme am Subjekt Bürger. Und wenn die Sozialdemokratie – allen voran die SPÖ – etwas liebt, dann ist es die steinerne, bronzene, marmorne Manifestation der eigenen historischen Verdienste. Der Platz wird zur Predigt, die Statue zur Fußnote des Parteiprogramms, und wer darüber stolpert, soll bitteschön Haltung annehmen.

Doch wehe, die Geschichte ist kein braves Haustier, sondern ein störrischer Ochse, der sich nicht an die Leine der nachträglichen Moral nehmen lässt. Dann beginnt das große Umbenennen, Relativieren, Kontexualisieren – jene Disziplin, in der man in Wien mindestens so viel Erfahrung hat wie im Heurigen-Trinken. Plätze werden zu Diskursräumen, Statuen zu Problemfällen, und die bronzenen Helden von gestern stehen plötzlich schief im Wind der Gegenwart, als hätten sie selbst ein schlechtes Gewissen entwickelt.

Julius Tandler und die Fürsorge als Staatsreligion

Nehmen wir Julius Tandler, Stadtrat für Wohlfahrtswesen im Roten Wien, jenen Mann, dessen Name heute noch über Straßen und Einrichtungen weht wie ein Banner der sozialdemokratischen Frühzeit. Tandler war kein Nebenfigurist, kein Hinterbänkler der Geschichte, sondern ein Architekt jenes sozialpolitischen Großprojekts, das die SPÖ bis heute wie einen Stammbaum mit Stolz vor sich herträgt. Eheberatungsstellen, Säuglingsfürsorge, Gesundheitsprogramme – das alles klingt, aus der komfortablen Distanz eines wohldurchwärmten 21. Jahrhunderts, nach vernünftiger, ja humaner Politik.

Doch Tandler sprach auch eine andere Sprache, die Sprache der „Volksgesundheit“, der „Sozialhygiene“, jener Terminologie, die in der Zwischenkriegszeit in vielen politischen Lagern kursierte wie ein modischer Gedanke, den man nicht ausreichend auf seine Abgründe überprüfte. Er war überzeugt, der Staat habe nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, die biologische Qualität seiner Bevölkerung zu heben. Wer heute bei solchen Formulierungen unruhig auf dem Stuhl rutscht, tut gut daran, sich daran zu erinnern, dass „Eugenik“ damals nicht automatisch mit dem späteren nationalsozialistischen Rassenwahn gleichgesetzt wurde. Und dennoch: Das Vokabular war da, die Denkfiguren waren da, die Vorstellung, Fortpflanzung könne und solle politisch reguliert werden, war da.

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Die SPÖ verweist mit berechtigtem Nachdruck darauf, dass Tandlers Ansatz sozialhygienisch, nicht rassenbiologisch motiviert gewesen sei. Er wollte Armut bekämpfen, Krankheiten eindämmen, Lebensbedingungen verbessern. Das ist keine Kleinigkeit, sondern eine historische Leistung. Aber zwischen dem aufrichtigen Wunsch nach Verbesserung und dem technokratischen Drang zur Optimierung verläuft eine feine, manchmal unsichtbare Linie. Wer „Volksgesundheit“ sagt, sagt eben auch „Volk“ – und damit ein Kollektiv, das normiert, vermessen, bewertet wird.

Der Fortschritt und sein Schatten

Die Zwischenkriegszeit war eine Epoche, in der Fortschritt wie eine Droge konsumiert wurde: Elektrifizierung, Wohnbau, Hygiene, Rationalisierung. Alles sollte besser, sauberer, effizienter werden. Das Rote Wien war ein Laboratorium dieser Vision, und Tandler einer seiner leitenden Chemiker. Doch jedes Labor birgt das Risiko, dass das Experiment außer Kontrolle gerät – oder dass seine Grundannahmen selbst fragwürdig sind.

Die historische Forschung diskutiert heute durchaus, inwiefern eugenische Konzepte, auch jene aus sozialdemokratischen Kontexten, intellektuelle Vorarbeiten für später radikalere Maßnahmen geleistet haben könnten. Das ist kein moralischer Schnellschuss, sondern eine nüchterne Frage: Wie durchlässig waren die Diskurse? Wie kompatibel waren Begriffe und Denkmuster? Man muss Tandler nicht zum verkappten Vorläufer des Nationalsozialismus stilisieren, um dennoch festzustellen, dass die Idee, der Staat solle die Fortpflanzung bestimmter Gruppen verhindern, eine autoritäre Versuchung in sich trägt, die mit liberalen Idealen schwer vereinbar ist.

Hier beginnt die satirische Tragikomödie der Platzbenennungen: Man ehrt den Sozialreformer und steht zugleich ratlos vor dem Eugeniker. Man möchte die Säuglingsfürsorge feiern und die Zwangsvorstellungen diskret im Archiv verstauben lassen. Aber Bronze ist ein störrisches Material; sie differenziert nicht. Eine Statue mit erhobenem Haupt kennt keine Fußnoten.

Die SPÖ und das Gedächtnismanagement

Die SPÖ, als Erbin des Roten Wien, betreibt Gedächtnismanagement auf hohem Niveau. Sie weiß um die Ambivalenzen, sie kennt die Debatten, sie veranstaltet Symposien, Diskussionsrunden, Gedenktafeln mit erklärendem Zusatztext. Man ist aufgeklärt genug, um die Schattenseiten nicht zu leugnen, aber traditionsbewusst genug, um die Lichtseiten nicht preiszugeben. Das Ergebnis ist eine Art historischer Balanceakt: Tandler als Kind seiner Zeit, als Reformer mit problematischen Begriffen, als Humanist mit biopolitischem Ehrgeiz.

TIP:  Ein Lächeln für die Knechtschaft

Doch Satire darf fragen, ob diese Balance nicht manchmal eher einem Spagat gleicht, bei dem man hofft, das Publikum möge vor allem auf die elegante Pose achten und weniger auf das schmerzhafte Zerren in den Leisten der Geschichte. Denn wenn man die Maßstäbe der Gegenwart an die Vergangenheit anlegt, geraten viele Helden ins Wanken. Und wenn man umgekehrt die Maßstäbe der Vergangenheit zur Entschuldigung der Gegenwart bemüht, wird es ebenfalls unerquicklich.

Plätze, so scheint es, sind weniger Orte der Erinnerung als Bühnen politischer Selbstvergewisserung. Wer einen Namen verleiht, setzt ein Zeichen. Wer ihn beibehält, ebenfalls. Und wer ihn entfernt, setzt das lauteste Zeichen von allen.

Die geneigte Statue als Metapher

Vielleicht bräuchte Wien mehr geneigte Statuen. Figuren, die ein wenig aus dem Lot geraten sind, sichtbar schief, als Zeichen dafür, dass Geschichte nie ganz gerade steht. Eine Tandler-Statue, leicht geneigt, mit einer erklärenden Tafel, die nicht nur seine Verdienste, sondern auch seine problematischen Positionen benennt – das wäre ehrlicher als entweder die unkritische Verehrung oder die moralische Abrissbirne.

Denn das eigentliche Problem ist nicht, dass historische Persönlichkeiten ambivalent waren. Das Problem ist die Sehnsucht nach makellosen Ahnen, nach einer Traditionslinie ohne Flecken. Die SPÖ ist damit nicht allein; jede Partei, jede Bewegung pflegt ihr Pantheon. Aber gerade eine politische Kraft, die sich Aufklärung, Solidarität und Emanzipation auf die Fahnen schreibt, müsste den Mut haben, auch die eigenen Ikonen als widersprüchliche Menschen zu zeigen – als Produkte ihrer Zeit und zugleich als Akteure mit Verantwortung.

Satire darf hier lächeln und zugleich stechen: Wie bequem ist es doch, sich auf die großen Sozialreformen zu berufen, während man die biopolitischen Untertöne als bedauerliche Nebengeräusche abtut. Wie tröstlich ist es, den Begriff „Eugenik“ historisch zu relativieren, ohne die grundsätzliche Frage zu stellen, wie viel staatliche Fürsorge in Bevormundung umschlagen darf.

Schluss mit Sockel oder Sockel mit Fragezeichen

Am Ende bleibt die Frage, was wir von unseren Plätzen und Statuen erwarten. Sollen sie moralische Leuchttürme sein, an denen wir uns orientieren, oder historische Dokumente, die uns zum Denken zwingen? Julius Tandler war zweifellos ein prägender Sozialpolitiker, ein Architekt des Roten Wien, ein Mann mit visionärem Anspruch. Er war zugleich ein Vertreter einer Denkschule, die aus heutiger Sicht irritiert, ja befremdet.

TIP:  Eine total, total verrückte Welt

Vielleicht ist es an der Zeit, den Sockel nicht abzuschaffen, sondern mit einem Fragezeichen zu versehen. Nicht um die Vergangenheit zu verurteilen, sondern um sie ernst zu nehmen – in ihrer Größe wie in ihrer Begrenztheit. Eine erwachsene politische Kultur, auch und gerade in der SPÖ, müsste diese Ambivalenz aushalten können, ohne in reflexhafte Verteidigung oder demonstrative Distanzierung zu verfallen.

Denn Geschichte ist kein Parteitag, auf dem man per Mehrheitsbeschluss die problematischen Passagen streicht. Sie ist ein widersprüchliches Manuskript, voll grandioser Kapitel und peinlicher Randnotizen. Wer sie in Bronze gießt, sollte wissen, dass Bronze zwar glänzt, aber nicht vergisst.

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