Prolog über die intime Bekanntschaft mit dem Irrtum

Ein Experte, so heißt es, sei jemand, der alle Fehler gemacht hat, die man in einem sehr engen Fachgebiet machen kann, und schon in dieser Definition schwingt die zärtliche Bosheit einer Welt mit, die sich ihre Autoritäten gern als unfehlbare Leuchttürme vorstellt, während sie in Wahrheit nichts anderes sind als wettergegerbte Wracks, die nur deshalb noch stehen, weil sie so oft auf Grund gelaufen sind, dass sie irgendwann gelernt haben, die Untiefen mit Vornamen zu begrüßen; der Experte ist kein Halbgott im weißen Kittel, kein Hohepriester mit Laserpointer, sondern ein Mensch, der so oft gescheitert ist, dass das Scheitern vor ihm salutiert, und wenn wir ihm zuhören, dann nicht, weil er vom Olymp herabgestiegen wäre, sondern weil er jede Falltür im Keller bereits persönlich getestet hat, mit Stirn, Knie und beruflicher Reputation, und man könnte fast sagen, dass Expertise die ästhetisch veredelte Form der Blamage ist, jene rare Alchemie, bei der aus der Asche verbrannter Gewissheiten ein halbwegs brauchbares Handbuch entsteht, das in nüchternem Tonfall erklärt, warum man genau dort bitte nicht noch einmal hintreten möge.

Die Pädagogik des Desasters

Der Weg zur Expertise ist kein Triumphmarsch, sondern eine Prozession der Fehltritte, eine liturgische Abfolge kleiner Katastrophen, die man, wenn man jung ist, noch mit dem Pathos des Weltuntergangs erlebt, um später festzustellen, dass der Weltuntergang erstaunlich oft stattfindet und dennoch selten nachhaltig Eindruck hinterlässt; der Anfänger glaubt, Fehler seien Ausrutscher, der Experte weiß, sie sind das eigentliche Gelände, und während der Laie noch fieberhaft bemüht ist, makellos zu erscheinen, sammelt der Experte seine Irrtümer wie Briefmarken, sorgfältig katalogisiert, mit Randnotizen versehen, vielleicht sogar mit einem gewissen Stolz, denn jeder Fehler markiert eine Grenze, die einmal überschritten wurde, eine Hypothese, die sich als töricht erwies, ein Experiment, das in Rauch aufging, und gerade in dieser dichten Sedimentschicht gescheiterter Versuche entsteht jene merkwürdige Gelassenheit, die wir dann bewundernd Kompetenz nennen, obwohl sie im Kern nichts anderes ist als die Einsicht, dass man die meisten Abgründe nur deshalb erkennt, weil man schon einmal in ihnen gelegen hat.

TIP:  Sparen gegen den "kleinen Mann"

Die Illusion der Unfehlbarkeit

Wie unerquicklich ist dagegen die Sehnsucht der Öffentlichkeit nach makellosen Experten, nach Orakeln ohne Fehl und Tadel, nach Stimmen, die mit der Autorität göttlicher Fußnoten sprechen, als sei Wissen eine kristalline Substanz, die man unbefleckt aus dem Steinbruch der Wahrheit schlagen könne; in Wahrheit jedoch ist jedes Fachgebiet ein morastiges Gelände aus Annahmen, Modellen und vorläufigen Sicherheiten, und wer dort noch nie versunken ist, hat entweder nie ernsthaft gearbeitet oder bewegt sich so vorsichtig, dass er nie etwas Relevantes berührt, denn Fortschritt ist nichts für Reinlichkeitsfanatiker, sondern für jene, die bereit sind, sich die Hände schmutzig zu machen, und wenn wir den Experten also fragen, warum er so ruhig bleibt, während andere in Panik geraten, dann vielleicht deshalb, weil er die Panik schon kennt, sie mehrfach durchlebt und archiviert hat, während der Laie sie noch für ein einmaliges Drama hält; der Experte weiß, dass Irrtum kein Skandal, sondern Betriebszustand ist, und gerade diese entzaubernde Erkenntnis macht ihn verdächtig in einer Kultur, die lieber an die heroische Geste glaubt als an die mühselige Korrektur.

Der enge Horizont des Spezialisten

Freilich ist die Definition nicht ohne Tücke, denn das „sehr enge Fachgebiet“ ist keine Nebensächlichkeit, sondern der ironische Kern der Sache: Der Experte weiß alles über fast nichts, und dieses fast nichts verteidigt er mit einer Inbrunst, als hinge das Schicksal der Zivilisation daran, ob nun Schraube A mit Drehmoment B oder doch besser mit Drehmoment C angezogen werden solle; außerhalb dieses sorgsam umhegten Terrains jedoch kann er sich mit derselben Anmut verirren wie jeder andere, was ihn nicht daran hindert, gelegentlich dennoch zu sprechen, denn wer jahrelang in einem Mikrokosmos aus Differenzierungen gelebt hat, dem erscheint die Welt insgesamt als eine Frage hinreichend präziser Terminologie, und so begegnen wir jenem liebenswerten Typus, der in seinem Spezialgebiet jede Nuance erkennt, während er im restlichen Universum mit der Grazie eines Elefanten im Porzellanladen operiert, und man könnte zynisch sagen, dass die Gesellschaft genau das erwartet: höchste Präzision im Detail, gepaart mit einer charmanten Blindheit fürs Ganze, damit das System reibungslos weiterlaufen kann.

TIP:  Go Woke, Go Broke

Die Ökonomie des Irrtums

Doch vielleicht ist die polemische Pointe eine andere: Expertise ist eine Investition in Irrtum, eine langfristige Kapitalanlage in Fehlschläge, deren Rendite erst spät, oft schmerzhaft spät sichtbar wird, und wer glaubt, er könne diesen Prozess abkürzen, indem er nur die Erfolge studiert, der gleicht einem Touristen, der das Gebirge vom Postkartenständer aus verstehen möchte; der Experte hingegen kennt jede Gerölllawine, jeden Wetterumschwung, jeden Moment, in dem die Theorie so elegant war, dass sie unmöglich wahr sein konnte, und gerade diese intime Vertrautheit mit dem Scheitern verleiht ihm jene vorsichtige Sprache, die so unerquicklich klingt in einer Welt der schnellen Urteile, denn der Experte sagt selten „immer“ und noch seltener „nie“, er sagt „unter bestimmten Bedingungen“, „mit hoher Wahrscheinlichkeit“, „nach heutigem Stand“, und während das Publikum gähnt, weil es nach klaren Parolen verlangt, verteidigt er tapfer die Grauzonen, wissend, dass die Wirklichkeit dort wohnt, wo die Schlagzeile nicht hinkommt.

Epilog über die Würde des Fehlers

Am Ende bleibt vielleicht die tröstliche Erkenntnis, dass Expertise keine Eigenschaft ist, die vom Himmel fällt, sondern eine Biografie, geschrieben in durchgestrichenen Sätzen, korrigierten Diagrammen und leise geflüsterten „Das war ein Irrtum“, und wenn wir also dem Experten begegnen, sollten wir weniger Ehrfurcht vor seiner vermeintlichen Unfehlbarkeit haben als Respekt vor seiner Ausdauer im Irren, vor der Sturheit, mit der er immer wieder aufgestanden ist, um den nächsten Fehler ein wenig klüger zu begehen als den vorherigen; denn vielleicht liegt in dieser Definition, so spöttisch sie klingt, eine tiefe Humanität, die uns daran erinnert, dass Wissen kein Monument ist, sondern ein Prozess, kein makelloser Tempel, sondern eine Baustelle mit erstaunlich guter Dokumentation der Einstürze, und wer alle Fehler eines engen Fachgebiets gemacht hat, der hat zumindest eines bewiesen: dass er lange genug geblieben ist, um aus ihnen etwas zu lernen, was in einer Zeit der schnellen Meinungen und noch schnelleren Empörungen beinahe schon als revolutionärer Akt gelten darf.

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