Es ist wieder Sonntag gewesen in Ibbenbüren, und während anderswo Kirchenglocken läuten, lässt man hier 600 Kilogramm Sprengstoff sprechen. Ein Knall, eine Staubwolke, ein Raunen – und 840 Megawatt steuerbare Leistung verabschieden sich in jene Sphäre, in der bereits Vernunft, Maß und energiepolitische Demut lagern. Der Schornstein des Steinkohlekraftwerks fällt, das Kesselhaus knickt ein, der Kühlturm kollabiert mit der Eleganz eines spätantiken Säulenordens, und irgendwo spielt flotte Musik im Imagevideo der Abrissfirma. Man klatscht. Man jubelt. Man fühlt sich moralisch gereinigt. Die Bild frohlockt vom Ende eines „prägenden Kapitels der Energiegeschichte“, die Tagesschau ruft: „Wieder ein Kohlekraftwerk weniger!“ – als zähle man abgeschossene Tontauben beim Jahrmarkt der Tugendhaften. Und über allem schwebt das feine literarische Parfum von William Shakespeare, der in Hamlet trocken bemerkte: „Though this be madness, yet there is method in’t.“ Wahnsinn mit Methode – selten war ein Zitat so bemüht und zugleich so passend.
Der Strom kommt aus der Steckdose, nicht wahr
840 Megawatt sind fort. Nicht symbolisch. Nicht metaphorisch. Sondern physikalisch. Sie standen bereit, wenn der Wind schlief, die Sonne unterging und der Novembernebel sich wie eine energetische Leichendecke über das Land legte. Steuerbar, regelbar, verfügbar. Nun sind sie Geschichte – und Geschichte produziert bekanntlich keinen Strom. Für ihren Ersatz benötigt man onshore rund 392 Windräder der 6-MW-Klasse, bei einer Verfügbarkeit von 18 Prozent. Eine hübsche Zahl, diese 18 Prozent: Sie klingt nach Abiturdurchschnitt in Leistungskurs Poesie, ist aber leider die Grundlage einer Industrienation. Vier Milliarden Euro Investitionskosten, etwa 300 Millionen Euro jährlich für Betrieb, EEG, Netzanbindung und Back-up. In zwanzig Jahren summiert sich das auf ungefähr neun Milliarden Euro. Neun Milliarden für die Ersetzung einer Anlage, die man mit einem einzigen Knopfdruck pulverisierte. Sprengstoff ist billig. Ersatz ist es nicht.
Natürlich ist Geld nur eine Zahl, sagen jene, die es nicht verdienen müssen. Doch die Kilowattstunde kennt keine Moral, nur einen Preis. Und der liegt für die Industrie hierzulande bei etwa 18 Cent. Das ist ungefähr doppelt so viel wie in anderen Weltgegenden, die ebenfalls Strom benötigen – allerdings ohne die pädagogische Absicht, sich selbst zu erziehen.
Die Welt dreht sich weiter, auch ohne deutsches Sendungsbewusstsein
Während man in Deutschland die Kühltürme wie Sündenböcke exekutiert, arbeitet man in China an einer etwas prosaischeren Aufgabe: der Sicherstellung von Netzstabilität für 1,4 Milliarden Menschen und eine exportorientierte Industrie. 2025 gingen dort rund 85 Gigawatt neue Kohlekraft ans Netz – das entspricht über hundert Kraftwerken der Ibbenbürener Größenordnung. In einem Jahr. Die chinesische Industrie zahlt etwa 9 Cent pro Kilowattstunde. Moral ist wichtig, Wettbewerbsfähigkeit offenbar auch.
In India wurden in den ersten zehn Monaten des Finanzjahres 2025/26 rund 8,8 Gigawatt thermische Kapazität neu in Betrieb genommen, fast ausschließlich Kohle. Zehnmal Ibbenbüren, könnte man sagen. Die Kilowattstunde für die Industrie kostet dort etwa 10 Cent. Wirtschaftswachstum hat die unangenehme Eigenschaft, Energie zu benötigen – und zwar verlässlich, nicht poetisch.
Und in den USA? Dort hat man 2025/26 geplante Stilllegungen von über 17 Gigawatt Kohlekapazität gestoppt oder verschoben. Per Exekutivverordnung, per Notfallanordnung des United States Department of Energy. Man modernisiert für rund 525 Millionen Dollar bestehende Anlagen, um sie als „zuverlässige Grundlast“ im Netz zu halten. Die Industrie zahlt etwa 8 Cent pro Kilowattstunde. Offenbar gilt dort noch die altmodische Idee, dass Strom zuerst zuverlässig und bezahlbar sein sollte – und erst danach ideologisch einwandfrei.
Das Weltklima kennt keine Passkontrolle
Die deutsche Energiewende wird mit der Rettung des Weltklimas begründet. Ein hehres Ziel, zweifellos. Doch das Weltklima ist ein unhöflicher Geselle: Es unterscheidet nicht zwischen deutschem und chinesischem CO₂. Es fragt nicht nach Parteibuch, Moralbonus oder medialem Applaus. Wenn Deutschland sämtliche Kohlekraftwerke abschaltet, spart die Welt maximal rund 0,5 Prozent der globalen CO₂-Emissionen ein. Rechnet man die geplanten LNG-betriebenen Back-up-Gaskraftwerke hinzu, schrumpft der Effekt auf 0,2 bis 0,4 Prozent. Hinter dem Komma, dort, wo politische Träume statistisch verdampfen.
Man könnte nun argumentieren, Vorbild sein sei wichtiger als Wirkung. Doch Vorbilder, die sich ökonomisch ruinieren, wirken weniger inspirierend als abschreckend. Ein Land, das seine steuerbare Energieversorgung sprengt, während LNG-Terminals vom Eis befreit werden müssen, weil die Erderwärmung gerade eine Kaffeepause eingelegt hat, sendet kein Signal der Stärke. Es sendet das Bild eines wohlmeinenden Selbstversuchs mit ungewissem Ausgang.
Wohlstand ist keine erneuerbare Ressource
Deutschland liegt beim Industriestrompreis zwei- bis dreimal über den USA und deutlich über China. Energieintensive Branchen reagieren darauf nicht mit Gedichten, sondern mit Standortverlagerungen. Aluminium schmilzt nicht aus Idealismus, Chemie produziert nicht aus Gesinnung, Stahl kocht nicht aus Überzeugung. Sie alle folgen der simplen Gleichung aus Kosten und Nutzen. Verlässt die Industrie das Land, verlässt mit ihr Wertschöpfung, Steueraufkommen, Beschäftigung – kurz: Wohlstand. Er ist dann nicht weg, er ist nur woanders. Vielleicht dort, wo man Kraftwerke nicht sprengt, sondern wartet.
Es bleibt die Frage, ob der energiepolitische Suizid – ein hartes Wort, gewiss, doch manchmal verlangt die Realität nach drastischer Terminologie – irgendjemandem nützt. Dem Weltklima kaum messbar. Der heimischen Industrie ganz sicher nicht. Dem Steuerzahler ebenso wenig. Vielleicht nützt er dem moralischen Selbstgefühl, jener warmen, flauschigen Gewissheit, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, auch wenn diese Geschichte gerade in Shenzhen, Mumbai oder Houston geschrieben wird.
Und so applaudiert man dem nächsten fallenden Schornstein, als sei er ein Drachen aus einem Märchenbuch. Man hört die Explosion, sieht die Staubwolke, fühlt sich einen Moment lang heroisch. Dann geht das Licht aus – nicht sofort, nicht dramatisch, sondern schleichend, in Form steigender Preise, schwindender Wettbewerbsfähigkeit und wachsender Abhängigkeiten. Doch auch das lässt sich mit flotter Musik unterlegen.
Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode. Nur fragt sich, wessen Methode es ist – und wer am Ende die Rechnung bezahlt.