Der Klang der Verdrängung

Salzburg, jene barocke Postkartenidylle zwischen Mozartkugeln und Festspielpathos, leistet sich eine Debatte, die klingt wie ein schiefer Akkord im großen Selbstverständigungsorchester der Republik: Soll der zentrale Karajan-Platz umbenannt werden? Also jener Platz, benannt nach Herbert von Karajan, dem Maestro mit dem silbernen Haar, der geschlossenen Augenpartitur und der auffallend offenen Parteikarte? Die Forderung wächst, der Widerstand ebenso. Und Bürgermeister Bernhard Auinger von der SPÖ beschwichtigt, eine Umbenennung stehe „nicht auf der Tagesordnung“. Man kennt diese Tagesordnungen: Sie sind wie Dachböden der Republik – vollgestellt mit unbequemen Dingen, die man irgendwann, gewiss, bestimmt, vielleicht, bei Gelegenheit sichten wird.

Just in dieses diskrete Rascheln der Verdrängung hinein erscheint ein Buch mit dem versöhnlichen Titel „Genie und Gewissen – Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“, verfasst von Michael Wolffsohn. Ein Titel wie ein doppelter Espresso für das liberalkonservative Feuilleton: stark, wachmachend, und doch angenehm entkoffeiniert. Die Die Presse beeilt sich am 17. Februar zu titeln: „Karajan, der Nazi? Neues Buch räumt mit diesem Mythos auf“. Ein Mythos! Als hätte man die NSDAP mit einem Fabelwesen verwechselt. Immerhin erwähnt das Blatt beiläufig, das Werk sei im Auftrag der Salzburger Karajan-Gesellschaft entstanden. Eingeordnet wird das nicht weiter. Man würde ja auch nicht bei einer Autobiografie anmerken, dass sie vom Protagonisten selbst autorisiert wurde – das stört nur die Dramaturgie der Reinwaschung.

Der frühe Parteigänger

Sehen wir also, mit dem trockenen Blick der historischen Nüchternheit, auf die Fakten. Karajan trat im April 1933 der NSDAP in Österreich bei. April 1933 – das war kein laues Nachsaison-Semester in politischer Unschuld. Das war der Moment, in dem sich der braune Horizont bereits deutlich abzeichnete. Opportunisten hätten sich in Österreich damals eher bei den austrofaschistischen Christlichsozialen angedient, den Vorläufern der heutigen ÖVP, die das Land regierten. Doch zu den Nazis gingen zu diesem Zeitpunkt vor allem die Überzeugten. Die, die nicht nur Karriere, sondern auch Weltanschauung wollten.

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Kurz darauf übersiedelte Karajan ins nationalsozialistische Deutschland – freiwillig, wohlgemerkt – und trat dort der NSDAP ein zweites Mal bei. Eine Parteimitgliedschaft als musikalisches Doppelkonzert. Während andere Menschen vor den Nazis flohen, während politische Gegner in frühen Konzentrationslagern misshandelt und ermordet wurden, während jüdische Künstlerinnen und Künstler Berufsverbote erhielten und ins Exil gingen, packte Karajan seine Partituren und ging dorthin, wo die Macht gerade neu orchestriert wurde. Das ist kein Betriebsunfall der Biografie. Das ist eine Entscheidung.

Im NS-Staat machte er Karriere. Er dirigierte bei einschlägigen Veranstaltungen, wurde gefördert, protegiert, ausgezeichnet. Am 20. April 1939 – ein Datum mit symbolischer Feinfühligkeit – verlieh ihm Adolf Hitler den Ehrentitel „Staatskapellmeister“. Und Karajan landete auf der sogenannten „Gottbegnadeten-Liste“, jener exklusiven Sammlung von Künstlern, die als systemrelevant galten und deshalb nicht zum Wehrdienst mussten. Während andere an der Front starben oder in Lagern ermordet wurden, dirigierte Karajan im Schutzraum des Regimes. Wenn das ein Mythos sein soll, dann ist er erstaunlich gut dokumentiert.

Milieu, Selbstbild, Nachkriegsamnesie

Der Historiker Oliver Rathkolb weist auf weitere Facetten hin, die das Bild nicht gerade pastellfarbener machen. Karajan bewegte sich früh in deutschnationalen Kreisen, war Mitglied der Schüler-Burschenschaft Rugia Salzburg, einer „pflichtschlagenden“ Verbindung mit Arierparagraph. An der Universität Wien bezeichnete er sich selbst als „Deutsch-Arisch“. Das sind keine Jugendsünden im Sinne einer falsch gewählten Krawattenfarbe. Das sind bewusste Selbstverortungen in einem ideologischen Koordinatensystem.

Und nach 1945? Keine große Abrechnung, keine späte Reue, kein öffentliches Ringen mit der eigenen Vergangenheit. Österreich hatte ohnehin eine andere Partitur parat: die vom „ersten Opfer“. Eine Staatsdoktrin, die so hartnäckig war wie eine schlecht gestimmte Orgel. Man erklärte sich kollektiv zum Überfallenen und vergaß diskret, dass es im deutschsprachigen Österreich ähnlich viele begeisterte Nationalsozialisten gegeben hatte wie im deutschsprachigen Deutschland. Die Täter saßen plötzlich im Parkett und applaudierten sich selbst zur moralischen Entlastung.

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Für Karajan erwies sich diese Lebenslüge als außerordentlich karrierefördernd. Er wurde künstlerischer Leiter der Wiener Staatsoper und der Salzburger Festspiele. Er dirigierte die Welt in Ekstase, während die Vergangenheit wie ein schlecht archiviertes Notenblatt im Keller verschwand. Konsequenzen für seine NS-Propaganda? Keine nennenswerten. Er starb 1989 als global gefeierter Maestro.

Das Genie als Generalabsolution

Nun also das neue Buch, das – wie es scheint – weniger eine historische Analyse als eine rhetorische Politur liefern möchte. Das Genie soll gegen das Gewissen aufgerechnet werden, als handle es sich um Soll und Haben in einer moralischen Buchhaltung. Doch selbst wenn man Karajans musikalische Brillanz anerkennt – was unstrittig ist –, bleibt die Frage: Seit wann hebt Virtuosität politische Verantwortung auf? Ist die perfekte Interpretation einer Beethoven-Symphonie eine Art ästhetischer Ablasshandel?

Die Verteidiger argumentieren gern mit dem Zeitgeist, mit Anpassungsdruck, mit Karrierelogik. Doch Anpassung ist nicht gleich Begeisterung, Opportunismus nicht gleich frühe Parteimitgliedschaft 1933. Und selbst wenn man alle biografischen Grautöne wohlwollend mischt – am Ende bleibt die Tatsache, dass eine Platzbenennung eine Ehrung ist. Sie ist kein musikwissenschaftliches Seminar, kein Diskussionsforum, kein „Ja, aber“. Sie ist ein öffentliches Denkmal im Kleinformat.

Plätze sind keine Fußnoten

Ein Platz im Zentrum einer Stadt ist keine Fußnote der Geschichte. Er ist eine Auszeichnung aus Stein. Er sagt: Diese Person steht für uns. Für unsere Werte. Für das, was wir erinnern wollen. Wer einen Platz nach jemandem benennt, erhebt ihn symbolisch in den Rang eines Vorbilds. Und genau hier liegt der neuralgische Punkt: Kann – oder will – eine demokratische Gesellschaft jemanden ehren, der sich früh und freiwillig in den Dienst eines verbrecherischen Regimes stellte?

Es gäbe Alternativen im Überfluss. Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer, Opfer des Faschismus, Menschen, die Zivilcourage bewiesen. Man könnte Plätze nach dem 8. Mai benennen, dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Man könnte die Erinnerung aktiv gestalten, statt sie defensiv zu verwalten. Doch stattdessen klammert man sich an den Maestro, als sei die Stadt ohne ihn klanglos.

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Jetzt, nicht irgendwann

Die Forderung nach Umbenennung ist kein Bildersturm, kein Angriff auf die Musik, keine Auslöschung der Geschichte. Niemand verbietet Karajans Aufnahmen, niemand radiert ihn aus den Lexika. Es geht nicht um Zensur, sondern um Symbolik. Um die schlichte Feststellung, dass künstlerische Größe keine moralische Immunität verleiht.

Der Karajan-Platz in Salzburg, der Platz neben der Wiener Staatsoper, all die Straßen und Säle, die seinen Namen tragen – sie sind Ehrungen. Und Ehrungen sind Entscheidungen. Man kann sie treffen. Man kann sie revidieren. Und manchmal muss man es. Nicht aus Lust an der Empörung, sondern aus Respekt vor den Opfern eines Regimes, dem Karajan nicht widerstand, sondern in dem er aufstieg.

Salzburg steht also vor einer Frage, die größer ist als ein Straßenschild. Sie lautet: Wie viel Verdrängung passt in eine Festspielstadt? Die Antwort sollte nicht auf die nächste Tagesordnung vertagt werden. Manche Dissonanzen verlangen nach sofortiger Auflösung. Und manchmal ist der radikalste Akt der kulturellen Selbstachtung ganz banal: ein neues Schild.

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