Explosionen unter Wasser, Explosionen im Narrativ

Es gibt Ereignisse, die Geschichte schreiben, und es gibt Ereignisse, die Geschichte unter Wasser sprengen. Die Zerstörung von drei der vier Stränge von Nord Stream AG im September 2022 gehört zweifellos in die zweite Kategorie: ein Akt mit der Ästhetik eines Techno-Thrillers, der politischen Gravitas eines NATO-Gipfels und der semantischen Nebelmaschine eines Ministeriums für strategische Ambiguität. Seismografen zuckten, Gasblasen stiegen auf, Talkshows explodierten sekundengenau mit. Und irgendwo zwischen Bornholm und Berlin begann das große narrative Unterwasserballett: Wer war’s? Cui bono? Und vor allem: Wer wusste was – und wann?

Während sich über der Ostsee ein tausend Meter breiter Teppich aus Methan entfaltete, entfaltete sich unter der Oberfläche der öffentlichen Debatte ein mindestens ebenso flüchtiges Gas: das Gerücht. Die offizielle deutsche Lesart rekonstruierte mit kriminalistischer Akribie eine Operation, die wie ein Drehbuch für „Ocean’s Eleven – Baltische Ausgabe“ klang: eine gecharterte Segeljacht namens „Andromeda“, sechs Männer, eine Frau, Tauchgänge bis 80 Meter, militärischer Sprengstoff, präzise Zündung. Ein Kommando, angeblich ukrainisch. Staatlich gesteuert, „hochwahrscheinlich“, wie der Bundesgerichtshof in einem Haftbeschluss formulierte. Hohe Wahrscheinlichkeit ist die Poesieform der Justiz: Sie reimt auf Indiz.

Kiew, Podil, und die Kunst des wohlwollenden Zuhörens

Nun aber kommt die neueste Volte im transatlantischen Drama: Recherchen von Der Spiegel legen nahe, Vertreter der Central Intelligence Agency seien bereits im Frühjahr 2022 in Kiew, im Stadtteil Podil, über Sabotagepläne informiert worden – und hätten sich „wohlwollend“ gezeigt. Wohlwollend! Ein Wort wie ein diplomatisches Kopfkissen: weich, anschmiegsam, und doch geeignet, jemanden diskret zu ersticken.

Man stelle sich die Szene vor: Spezialisten für verdeckte Operationen präsentieren ihre Idee, die größte Energieverbindung Europas in Schutt und Blasen zu legen. Die amerikanischen Gäste hören zu. Nicken vielleicht. Fragen nach „technischen Details“. Und irgendjemand will gehört haben: „Das passt.“ Beim zweiten Treffen gar: „Macht es.“ Drei Silben, die, wenn sie denn gefallen wären, die Geschichte der transatlantischen Beziehungen in den Modus des passiven Imperativs versetzen würden.

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Washington dementiert, selbstverständlich. „Komplett und völlig falsch.“ Man kennt diese Formeln; sie sind das Haarspray der Außenpolitik: Sie fixieren die Frisur der Glaubwürdigkeit, selbst wenn der Sturm längst durchgezogen ist. Die Wahrheit liegt, wie so oft, nicht im Dementi und nicht in der Enthüllung, sondern in der schmalen, salzigen Zone dazwischen – dort, wo Geheimdienste operieren, also per Definition im Halbschatten.

Der Drahtzieher und die alte Schule der Kooperation

Im Zentrum der Vorwürfe steht Roman Tscherwinsky, einst Mitglied einer Eliteeinheit des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU, angeblich mitaufgebaut von der CIA. Ein ehemaliger Mitstreiter wird zitiert: „Wir haben gemeinsam mit den Amerikanern gearbeitet.“ Man möchte hinzufügen: Willkommen im 21. Jahrhundert, in dem Kooperationen zwischen Diensten so selbstverständlich sind wie Cloud-Backups – nur mit mehr Sprengstoff.

Die Operation trug laut Berichten den Codenamen „Diameter“. Ein Name, der geometrische Nüchternheit suggeriert, während es faktisch um die Verkürzung der Distanz zwischen politischem Kalkül und physischer Zerstörung ging. Abgesegnet worden sei sie vom damaligen Armeechef Walerij Saluschnyj, nicht jedoch von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Auch das ist eine feine Ironie der Macht: In modernen Kriegen kann man Pipelines sprengen, ohne den Präsidenten zu informieren – aber wehe, man vergisst die Pressemitteilung.

Dass der niederländische Militärgeheimdienst MIVD die CIA gewarnt und diese wiederum den BND informiert haben soll, fügt dem Drama eine weitere Ebene hinzu: die der Warnung vor der Tat, die dann doch geschieht. Berlin reagierte skeptisch, heißt es; der Termin verstrich, nichts passierte. Operation verschoben. Man möchte fast sagen: Auch Sabotage kennt Lieferverzögerungen.

Berlin zwischen Moral, Methan und Machtarithmetik

Juristisch ist Deutschland zuständig, politisch ist Deutschland verstrickt, moralisch ist Deutschland verunsichert. Die Pipelines endeten bei Lubmin, sie waren ökonomisch relevant, strategisch umstritten, symbolisch toxisch. Seit Jahren galt Nord Stream vielen als energiepolitischer Sündenfall, als zu enge Umarmung Moskaus. Nun ist die Umarmung in Fetzen gesprengt – und mit ihr die bequeme Eindeutigkeit.

TIP:  Bitte um Kenntnisnahme:

Polens Premier Donald Tusk erklärte sinngemäß, das Problem sei nicht die Sprengung, sondern der Bau gewesen. Das ist der Satz eines Mannes, der in der Geschichte lieber den Architekten verklagt als den Brandstifter. Schweden und Dänemark stellten ihre Ermittlungen ein; das Interesse an vollständiger Aufklärung wirkt in Europa mitunter so flüchtig wie das Gas selbst. Aufklärung ist eine Tugend – solange sie keine Bündnisse belastet.

Und so steht Berlin zwischen Justiz und Geopolitik, zwischen der Loyalität zu einem angegriffenen Land und der Pflicht zur Rechtsstaatlichkeit. Sollte sich rechtssicher bestätigen, dass Kiew verantwortlich ist – mit oder ohne „wohlwollende“ Zuhörer aus Langley –, dann wird die Debatte über Waffenlieferungen, Solidarität und strategische Partnerschaften eine neue Schärfe gewinnen. Nicht moralisch rein, nicht politisch bequem, sondern unerquicklich komplex.

Die CIA in Bedrängnis – oder die Illusion der Unschuld

Die eigentliche Zumutung dieser Affäre liegt nicht in der Frage, ob die CIA etwas wusste. Geheimdienste wissen immer etwas; das ist ihr Geschäftsmodell. Die Zumutung liegt in der Diskrepanz zwischen öffentlicher Rhetorik und möglicher Hinterzimmer-Realität. Wenn man Verbündeten predigt, internationales Recht sei sakrosankt, und gleichzeitig in Besprechungsräumen über „technische Details“ einer Sabotage plaudert, dann gerät nicht nur eine Pipeline unter Druck, sondern das Fundament normativer Außenpolitik.

Natürlich ist es möglich, dass alles ganz anders war, dass Missverständnisse, Übertreibungen, interessengeleitete Leaks und journalistische Zuspitzungen hier ein Mosaik ergeben, das mehr Schatten als Substanz enthält. Ebenso möglich ist, dass die Wahrheit irgendwo zwischen Nicken und Nichtstun liegt – in jener Grauzone, in der „wohlwollend zuhören“ weder Befehl noch Verbot ist, sondern die diplomatische Kunst, Optionen offen zu halten.

Was bleibt, ist ein Bild von Europa als geopolitischem Schwimmbecken, in dem große Mächte ihre Bahnen ziehen und kleinere Staaten versuchen, nicht unterzugehen. Nord Stream war eine Energieverbindung; ihr Ende ist eine Metapher. Für Abhängigkeiten. Für Illusionen. Für das jähe Erwachen aus der Vorstellung, Wirtschaft und Sicherheit ließen sich sauber trennen.

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Und vielleicht ist die bitterste Pointe dieser Geschichte, dass sich am Ende alle auf eine Version einigen könnten, die politisch erträglich ist – nicht zwingend auf jene, die wahr ist. Denn Wahrheit ist in internationalen Beziehungen oft das erste Opfer. Die zweite ist die Pipeline.

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