oder Wie man sich eine Volkspartei kleinregiert
Österreich ist ein Land, in dem selbst das Scheitern Tradition hat. Man scheitert mit Haltung, mit Pressekonferenz, mit PowerPoint und – wenn es ganz unerquicklich wird – mit einer neuen „Strategie 2030“. Und so steht nun die Sozialdemokratie, angeführt von Andreas Babler, bei 17 Prozent. Siebzehn! Eine Zahl, die früher als Trinkgeld durchging, als Servicepauschale oder als akzeptabler Restbestand in der Parteikassa nach einem missglückten Sommerfest. Heute ist sie das Menetekel einer Bewegung, die einst antrat, die Republik zu prägen – und nun damit beschäftigt ist, ihre eigene Existenz statistisch zu verteidigen.
Die Lazarsfeld-Umfrage für oe24 (9. bis 17. Februar 2026, 2.000 Befragte) ist dabei weniger eine Erhebung als eine Obduktion. Das parlamentarische Ergebnis: 87 Mandate für die Koalition – fünf fehlen zur Mehrheit. Fünf Mandate, das ist in Wien ungefähr die Anzahl der Leute, die bei einer Parteiveranstaltung noch freiwillig klatschen. Die SPÖ fällt auf 17 Prozent, die ÖVP dümpelt bei 20, während die FPÖ mit 37 Prozent in Sphären vorstößt, die man früher nur in Geschichtsbüchern oder Albträumen verortete.
Und über all dem liegt das Geräusch der Teuerung, dieses monotone, nervtötende Grundrauschen, das jeden Einkauf zur existenziellen Reflexionsübung macht. Die Energiepreise bleiben hoch, die Lebensmittelpreise steigen weiter, und irgendwo zwischen Butterregal und Stromrechnung dämmert dem Durchschnittsbürger, dass er offenbar der einzige ist, der nicht von „Aufschwung“ spricht.
Kanzlerfrage als Casting-Show ohne Publikum
In der Kanzlerfrage erreicht Andreas Babler sieben Prozent. Sieben. Das ist weniger als die Fehlerquote bei einem durchschnittlichen Regierungsbeschluss. Er liegt damit hinter Leonore Gewessler und Beate Meinl-Reisinger (je acht Prozent) und weit entfernt von jeder Art von Euphorie. Man möchte ihm fast ein Trostpflaster schicken, vielleicht in Parteirot, mit der Aufschrift: „Es hätte schlimmer kommen können.“ Doch schlimmer geht immer, wie die Sozialdemokratie seit Herbst 2025 mit stoischer Konsequenz beweist.
Der Kanzler, Christian Stocker, kommt auf zwölf Prozent. Zwölf Prozent sind in Österreich mittlerweile so etwas wie der neue Realismus: nicht gut, nicht katastrophal, einfach nur unerquicklich. Es ist das politische Äquivalent zu lauwarmem Filterkaffee – man trinkt ihn, aber man erzählt später niemandem davon.
Und dann ist da noch Herbert Kickl, der mit dem Satz „Die Österreicher wollen Veränderung“ auskommt wie andere mit einem Schweizer Taschenmesser. Es ist ein Satz, der alles und nichts bedeutet, aber offenbar genügt, um 37 Prozent hinter sich zu versammeln. Veränderung – das ist in Zeiten permanenter Verschlechterung eine erstaunlich verkaufsstarke Vokabel.
Das Systemversagen als Dauerzustand
Man könnte sagen, es handle sich um ein „Sittenbild“. Doch das klingt zu museal, zu harmlos. Was wir erleben, ist ein System, das sich selbst genügt, während draußen die Preise klettern wie ambitionierte Alpinisten. 54 Prozent sind unzufrieden mit der Regierung. Das ist keine Stimmungsschwankung, das ist ein politisches Fieberthermometer kurz vor dem Kollaps.
Währenddessen fließt weiter Geld in die Ukraine – eine außenpolitische Entscheidung, die man moralisch verteidigen kann, die aber innenpolitisch wie eine Provokation wirkt, wenn gleichzeitig die eigene Bevölkerung das Gefühl hat, im Stich gelassen zu werden. Politik ist nicht nur Moral, sie ist auch Wahrnehmung. Und die Wahrnehmung lautet: Für alles ist Geld da, nur nicht für mich.
Die großen Reformen? Verschoben. Die spürbare Entlastung? Angekündigt. Die Lebensrealität? Teurer. Das berühmte „Follow the money“ führt nicht zu einer Entlastung der Haushalte, sondern zu einer Debatte über Prioritäten, die zunehmend toxisch wird. Und wenn dann noch die Bundesheer-Debatte als Ablenkungsmanöver daherkommt, wirkt das wie ein Zaubertrick, bei dem niemand mehr hinsieht, weil alle wissen, dass der Hase längst tot ist.
Der Parteitag als Schicksalsoperette
Kurz vor dem Parteitag der SPÖ ist die Babler-Krise akut. Man kann sich die Szenerie vorstellen: rote Fahnen, ernste Mienen, Phrasen von Geschlossenheit. Es wird beschworen, analysiert, vielleicht sogar ein bisschen selbstkritisch geraunt. Doch Selbstkritik ist in der Politik oft nur eine rhetorische Übung – wie Yoga für Funktionäre: Man fühlt sich beweglich, ohne sich wirklich zu verändern.
Zur Erinnerung: Pamela Rendi-Wagner erreichte im Juni 2022 immerhin 18 Prozent in der Kanzlerfrage. Heute wirken diese 18 Prozent wie eine goldene Ära, wie die Belle Époque der Sozialdemokratie. Damals war man unzufrieden, heute ist man nostalgisch.
Die Koalition insgesamt kommt nur noch auf 87 Mandate. 92 wären nötig. Fünf Mandate – das ist der Unterschied zwischen Regieren und Erklären, warum man nicht mehr regiert. Die Grüne stehen bei neun Prozent, die KPÖ knackt vier. Es ist ein zersplittertes Feld, in dem die Unzufriedenheit zur stärksten politischen Kraft avanciert.
München, Millionen und Monatsenden
Und während viele Familien nicht wissen, wie sie den Monat überstehen sollen, treffen sich Christian Stocker und Beate Meinl-Reisinger in München mit dem Multi-Millionär und Lobbyisten Alex Soros. Man kann das diplomatisch nennen, international, strategisch. Man kann es aber auch als Symbol lesen: oben die Vernetzung, unten die Verzweiflung.
Politik lebt vom Vertrauen. Vertrauen lebt von Glaubwürdigkeit. Und Glaubwürdigkeit stirbt leise, wenn zwischen „Jahr des Aufschwungs“ und der eigenen Stromrechnung eine unüberbrückbare Lücke klafft. Das Problem dieser Koalition ist nicht nur ihre Unbeliebtheit. Es ist ihr Wirklichkeitsverlust.
Am Ende bleibt das siebzehnprozentige Prinzip: Wenn man lange genug an den Menschen vorbeiregiert, schrumpft man auf die Größe seiner Ausreden. Und während man noch an neuen Narrativen feilt, haben andere längst das einfachste von allen gefunden: „So kann es nicht weitergehen.“
Das ist keine Ideologie. Das ist ein Gefühl. Und Gefühle wählen.