Der Hohepriester der Betroffenheit bittet zum Tribunal

Es gibt im europäischen Theaterbetrieb ja diese ganz besondere Spezies von Künstlern, die sich nicht mehr damit begnügen, Kunst zu machen, sondern gleich auch noch die moralische Weltordnung zu verwalten. Einer der prominentesten Vertreter dieser Gattung ist Milo Rau, jener Regisseur, der mit der Ernsthaftigkeit eines mittelalterlichen Inquisitors und der Selbstgewissheit eines Talkshow-Philosophen durch die Institutionen zieht und uns erklärt, was wir zu denken haben — oder besser: was wir zu fühlen haben. Denn Denken, das ist eine eher störende Angelegenheit, wenn es um die großen, pathetisch ausgeleuchteten Schauprozesse geht, in denen nicht Wahrheiten verhandelt werden, sondern Haltungen.

Der Schauprozess ist dabei keine Metapher, sondern Methode. Rau liebt Tribunale, reenactments, symbolische Gerichtsverfahren, moralische Bühnenverhandlungen. Das Publikum sitzt da wie eine Jury ohne Stimmrecht und darf erleben, wie die Welt endlich einmal ordentlich verhandelt wird — allerdings nicht mit dem Risiko eines offenen Ausgangs. Nein, das Urteil steht selbstverständlich fest, bevor der erste Scheinwerfer warmgelaufen ist. Ambivalenz wäre schließlich unerquicklich. Sie riecht zu sehr nach bürgerlicher Skepsis, nach Aufklärung, nach jener unerquicklich komplizierten Tradition, die Kunst einmal dazu anhielt, Fragen zu stellen statt Antworten zu inszenieren.

Was hier stattfindet, ist eine Art ästhetische Vorverurteilung mit anschließender kathartischer Selbstentlastung des Publikums: Man war dabei, man hat zugesehen, man hat betroffen genickt — und ist nun moralisch auf der sicheren Seite. Theater als Ablasshandel. Luther hätte seine helle Freude daran gehabt.

Haltung ist das neue Schwarz

Früher sprach man von Werten. Werte waren unbequem, weil sie Verpflichtungen erzeugten. Wer sich auf sie berief, musste im Zweifel erklären, warum er sie auch dann noch verteidigte, wenn es unerquicklich wurde. Haltung hingegen ist wunderbar elastisch. Haltung kann man zeigen, performen, kuratieren. Sie ist weniger ein inneres Gerüst als ein gut beleuchtetes Schaufenster.

In der spätmodernen Kulturszene gilt Haltung als die elegante Lösung für ein uraltes Problem: Wie kann man moralisch erscheinen, ohne sich in die Niederungen konkreter Verantwortung zu begeben? Haltung ist gewissermaßen das Instagram-Filterset der Ethik — ein wenig Kontrast hier, etwas Empörung dort, fertig ist das Bild.

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Rau beherrscht diese Ästhetik virtuos. Seine Arbeiten wirken oft wie moralische Großinstallationen, in denen das Publikum eingeladen wird, sich selbst als guten Menschen zu betrachten. Und wer wollte das nicht? Es gibt kaum ein stärkeres Rauschmittel als das Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen — vor allem, wenn diese Seite mit Fördergeldern gepolstert und feuilletonistisch abgesichert ist.

Doch je lauter die Haltung verkündet wird, desto leiser wird bisweilen die Frage nach den zugrunde liegenden Werten. Denn Werte haben die unangenehme Eigenschaft, universell sein zu wollen. Haltung hingegen darf selektiv sein. Sie darf sich ihre Konflikte aussuchen wie ein Streamingdienst seine Serien.

Der Schauprozess als Wellnessprogramm für das Gewissen

Man stelle sich das Setting vor: reale Opfer, reale Gewalt, reale historische Katastrophen — und mittendrin ein Theaterabend, der verspricht, endlich hinzusehen. Das klingt zunächst ehrenwert. Und doch haftet diesen Unternehmungen gelegentlich etwas Kurioses an, etwas, das man nur mit größter Höflichkeit nicht als moralischen Eventtourismus bezeichnen würde.

Denn wer reist hier eigentlich wohin? Ist es wirklich die Kunst, die sich mutig ins Herz der Finsternis begibt? Oder ist es nicht vielmehr die Finsternis, die sorgfältig inszeniert wird, damit das Publikum sie aus sicherer Distanz betrachten kann — klimatisiert, bestuhlt und dramaturgisch strukturiert?

Der Schauprozess ist dabei ein besonders komfortables Format. Er vermittelt den Eindruck von Rationalität, von Aufklärung, von rechtsstaatlicher Ordnung. Doch anders als im echten Gericht geht es nicht um Zweifel, Beweislast oder Verteidigung. Es geht um Evidenzgefühl. Um jene warme Gewissheit, dass hier endlich ausgesprochen wird, was ohnehin alle Anständigen schon immer wussten.

So verwandelt sich das Theater in eine Art moralisches Spa. Man betritt es mit den Verspannungen des schlechten Weltgewissens und verlässt es angenehm durchblutet. Draußen wartet dann wieder die komplexe Realität — aber keine Sorge, für heute hat man genug getan.

Die paradoxe Lust an der Wirklichkeit

Raus Markenzeichen ist bekanntlich das Spiel mit der Realität: echte Menschen, echte Geschichten, echte Traumata. Authentizität ist die harte Währung dieses Theaters. Und doch entsteht gerade daraus eine merkwürdige Künstlichkeit. Denn nichts wirkt inszenierter als das demonstrativ Nicht-Inszenierte.

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Es ist ein bisschen wie bei diesen Restaurants, die unbedingt zeigen müssen, dass hier alles „ehrlich“ ist — rustikale Holztische, Kreidetafeln, absichtlich schief geschriebene Tagesgerichte. Je stärker die Echtheit betont wird, desto deutlicher spürt man die Hand des Kurators.

Man könnte nun boshaft fragen, ob das Leid anderer hier nicht gelegentlich zum Rohstoff einer ästhetischen Wertschöpfungskette wird. Aber das wäre natürlich unerquicklich, und außerdem würde es die Stimmung verderben. Stattdessen spricht man lieber von Sichtbarmachung.

Sichtbar wird allerdings vor allem eines: das unerschütterliche Vertrauen der Kulturszene in ihre eigene moralische Kompetenz.

Das Publikum als Mitangeklagter — aber bitte folgenlos

Ein besonders eleganter Trick besteht darin, das Publikum gleich mit auf die Anklagebank zu setzen. Ihr seid Teil des Problems, raunt die Inszenierung, und das Publikum erschrickt wohlig. Schuld ohne Konsequenz ist schließlich die angenehmste Form der Schuld.

Man fühlt sich ertappt, aber nicht gefährdet. Kritisiert, aber nicht gemeint. Es ist die theatrale Variante eines rhetorischen „Wir alle“. Ein inklusiver Vorwurf, der niemandem konkret wehtut.

So entsteht ein seltsames Gleichgewicht: maximale moralische Dramatik bei minimalem persönlichem Risiko. Man könnte fast meinen, hier werde eine Form der Verantwortung simuliert — mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks.

Die große Sehnsucht nach Eindeutigkeit

Vielleicht erklärt sich der Erfolg solcher Formate aus einer tieferen kulturellen Müdigkeit. Ambiguität ist anstrengend. Zweifel machen keine gute Presse. Wer heute klare Urteile liefert, wirkt entschlossen — und Entschlossenheit verkauft sich hervorragend.

Der Schauprozess ist deshalb auch ein Symptom unserer Zeit: eine Epoche, die einerseits permanent von Komplexität spricht, andererseits aber nach moralischen Schnellgerichten verlangt. Differenzierung dauert zu lange; Empörung hat das bessere Timing.

Rau ist in diesem Sinne weniger ein Sonderfall als ein perfekter Seismograph. Seine Arbeiten zeigen nicht nur die moralischen Fantasien des Theaterbetriebs — sie bedienen sie auch mit bewundernswerter Präzision.

Ironie der Geschichte: Das Theater wird wieder pädagogisch

Wie stolz war das moderne Theater einst darauf, kein Lehrtheater mehr zu sein! Keine Botschaften, keine erhobenen Zeigefinger, keine moralischen Gebrauchsanweisungen. Und nun? Nun sitzt er wieder da, der Zeigefinger — allerdings trägt er heute Designerbrille und spricht in diskursfähigen Nebensätzen.

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Man könnte sagen: Die Pädagogik ist zurück, aber sie hat einen Dramaturgen engagiert.

Das eigentlich Komische — oder Tragikomische — ist dabei, dass diese Form des Theaters sich gern als radikal versteht. Dabei ist sie zutiefst beruhigend. Sie bestätigt die moralischen Selbstbilder ihres Publikums, statt sie ernsthaft zu gefährden.

Radikal wäre vielleicht ein Theater, das uns in unseren Gewissheiten erschüttert. Doch Gewissheiten sind nun einmal das Premiumprodukt der Haltungskultur.

Schluss ohne Urteil — selbstverständlich

Und so bleibt am Ende die Frage, ob der Schauprozess nicht vor allem ein Spiegel ist. Weniger ein Tribunal über die Welt als ein Porträt jener Milieus, die sich danach sehnen, gleichzeitig erschüttert und bestätigt zu werden.

Milo Rau hat diese Sehnsucht verstanden wie kaum ein anderer. Ob man das bewundern oder fürchten soll, hängt vermutlich davon ab, wie sehr man selbst an die reinigende Kraft der inszenierten Empörung glaubt.

Vielleicht wird man in einigen Jahrzehnten auf diese Epoche zurückblicken und sagen: Sie wollten das Gute — aber bitte in Abendlänge, mit Pause, und möglichst ohne die Zumutung echter Unsicherheit.

Bis dahin aber gilt: Der nächste Schauprozess beginnt in wenigen Minuten. Das Urteil steht bereit. Das Publikum auch.

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