Die inflationäre Apokalypse

Es gehört zu den zuverlässigsten Naturgesetzen der spätmodernen Debattenkultur, dass irgendwann jemand aufspringt, metaphorisch die Sirene betätigt und „Nazi!“ ruft – ein semantischer Feueralarm, der allerdings nicht mehr wegen eines tatsächlichen Brandes ausgelöst wird, sondern weil jemand im Treppenhaus eine Zigarette gedacht hat. Der Nazi-Vergleich ist heute das rhetorische Äquivalent eines Vorschlaghammers, geführt von Menschen, die weder wissen, wie ein Uhrwerk funktioniert, noch die Geduld hätten, es auseinanderzunehmen. Historische Bildung ist dabei ungefähr so willkommen wie ein Taschenrechner auf einem Esoterik-Kongress: Sie würde nur stören.

Denn wer ernsthaft Vergleiche zieht, müsste zunächst Unterschiede erkennen können. Er müsste wissen, dass Geschichte kein Baukasten ist, aus dem man sich bei Bedarf die schlimmstmögliche Analogie greift, um den politischen Gegner moralisch zu atomisieren. Doch Differenzierung ist anstrengend, sie verlangt Denken, und Denken wiederum produziert gelegentlich Zweifel – eine Tugend, die in moralisch überhitzten Zeiten ungefähr so populär ist wie ein Regenschirm auf einer Sonnenanbeter-Konferenz.

Moralische Selbstüberhöhung als Volkssport

Der Nazi-Vergleich erfüllt nämlich eine höchst komfortable Funktion: Er macht den Sprecher automatisch zum Helden seiner eigenen Erzählung. Wer einen Nazi entdeckt – oder besser noch: erfindet – darf sich ohne weitere Qualifikation in die Pose des Widerständlers werfen. Keine Flugblätter im Mantel, kein Risiko, keine Gestapo, nicht einmal kalte Füße. Ein Tweet genügt. Oder ein empörter Kommentar, verfasst zwischen Cappuccino und Pilates.

So entsteht eine moralische Ökonomie, in der der Einsatz minimal und die Rendite maximal ist. Man braucht weder Argumente noch empirische Belege, nur den Mut zur maßlosen Übertreibung. Der Diskurs wird dadurch nicht etwa geschärft, sondern verdampft. Denn mit Nazis diskutiert man bekanntlich nicht – mit Nazis kämpft man. Und da der Gegner soeben zum Nazi erklärt wurde, hat sich die Mühe eines Arguments bereits erledigt. Praktisch, nicht wahr?

Die diskursive Guillotine

In Wahrheit ist der Nazi-Vergleich selten ein Beitrag zur Debatte; er ist deren Hinrichtung. Wer ihn benutzt, signalisiert nicht „Lass uns reden“, sondern „Du bist erledigt.“ Es ist die sprachliche Guillotine der Gegenwart: ein sauberer Schnitt, begleitet vom Applaus jener, die sich schon immer gewünscht haben, dass komplexe Fragen endlich so simpel werden wie ein Daumen hoch oder runter.

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Dabei wird gern übersehen, dass diese Strategie weniger über den Beschuldigten aussagt als über den Beschuldigenden. Wer jeden politischen Dissens zur Vorstufe der Barbarei erklärt, offenbart vor allem eine bemerkenswerte Fragilität. Offenbar ist die eigene Position so empfindlich, dass schon die bloße Existenz eines Gegenarguments als existenzielle Bedrohung erlebt wird. Der Nazi-Vergleich ist dann kein Zeichen moralischer Stärke, sondern eine Art rhetorischer Panikattacke.

Links, rechts, liberal – und das Märchen von der eingebauten Tugend

Besonders reizvoll ist in diesem Zusammenhang die verbreitete Annahme, politische Selbstverortung komme mit einem automatischen Heiligenschein. Links gilt manchen als moralische Lebensversicherung, rechts anderen als Bastion der Vernunft, liberal wiederum als intellektuelle Business-Class. Doch politische Etiketten sind keine Charakterzeugnisse. Sie sind, bestenfalls, grobe Landkarten – und selbst diese sind häufig veraltet.

Die Vorstellung, eine bestimmte ideologische Richtung sei per Definition „besser“, gehört in die gleiche Kategorie wie der Glaube, dass Bio-Kekse keine Kalorien haben. Jede politische Strömung produziert kluge Köpfe und bornierte Eiferer, Freiheitsfreunde und Kontrollenthusiasten. Wer das leugnet, verwechselt Politik mit einer Kinderbuchwelt, in der die Guten weiße Hüte tragen und die Bösen praktischerweise düster dreinblicken.

Die Zumutung der Freiheit

Eine freie Gesellschaft ist allerdings kein Wellnessbereich für geistige Komfortzonen. Sie ist laut, widersprüchlich und manchmal unerquicklich. Menschen sagen Dinge, die man falsch findet. Sie wählen Parteien, die man unerquicklich findet. Sie denken Gedanken, bei denen man sich wünscht, sie hätten stattdessen ein Sudoku gelöst. Kurz: Freiheit bedeutet, die Existenz von Meinungen zu ertragen, die einem gegen den Strich gehen.

Wer das nicht aushält, hat selten ein spezifisches Problem mit Extremisten; er hat ein grundsätzliches Problem mit Freiheit selbst. Denn Meinungsfreiheit ist kein exklusives Clubgut für Ansichten, die wir persönlich charmant finden. Sie ist gerade für jene gedacht, bei denen wir innerlich seufzen. Eine Demokratie, die nur konsensfähige Meinungen zulässt, ist ungefähr so demokratisch wie ein Schachspiel, bei dem beide Seiten nur weiße Figuren haben dürfen.

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Die narzisstische Versuchung der Empörung

Empörung ist zudem ein berauschendes Gefühl. Sie verleiht Größe, wo vorher vielleicht nur Mittelmaß war. Der Nazi-Vergleich wirkt hier wie ein rhetorischer Espresso: plötzlich wach, plötzlich wichtig, plötzlich Teil eines dramatischen Kampfes zwischen Gut und Böse. Dass man dabei womöglich triviale Konflikte in historische Endschlachten verwandelt, wird als Kollateralschaden verbucht.

Doch diese Dauerdramatisierung hat ihren Preis. Wenn alles „wie damals“ ist, verliert das tatsächliche Damals seine Schärfe. Die historische Katastrophe wird zur Metapher degradiert, zum inflationären Vergleichswert, zur moralischen Rabattmarke. Man könnte fast sagen: Wer überall Nazis sieht, betreibt eine Form der Erinnerungskultur, die sich selbst entkernt.

Plädoyer für die unaufgeregte Streitbarkeit

Vielleicht wäre es an der Zeit, sich wieder an eine altmodische Praxis zu erinnern: argumentieren. Das bedeutet nicht, jede Position gutzuheißen, sondern sie ernst genug zu nehmen, um sie zu widerlegen, statt sie reflexhaft zu dämonisieren. Streit ist kein Betriebsunfall der Demokratie; er ist ihr Motor. Allerdings ein Motor, der nur läuft, wenn man nicht bei jedem Zündfunken die Apokalypse ausruft.

Gelassenheit wäre ebenfalls hilfreich – jene unterschätzte Tugend, die es erlaubt, Widerspruch auszuhalten, ohne sofort nach der moralischen Kavallerie zu rufen. Eine Gesellschaft, die Differenz erträgt, ist robuster als eine, die sie pathologisiert. Und wer weiß: Vielleicht entdeckt man im Argument des anderen nicht die Wiederkehr der Finsternis, sondern schlicht einen Mitbürger mit anderer Perspektive. Weniger dramatisch, gewiss. Aber deutlich erwachsener.

Schluss ohne Weltuntergang

Am Ende könnte man den Nazi-Vergleich als das betrachten, was er in den meisten Fällen ist: ein intellektuelles Abkürzungsmanöver, bequem, wirkungsvoll und unerquicklich. Er ersetzt Denken durch Alarmismus und Diskussion durch Ausschluss. Wer ihn inflationär nutzt, gewinnt vielleicht kurzfristig moralische Punkte – verliert aber langfristig die Fähigkeit zum Gespräch.

Und ohne Gespräch keine Demokratie. Nur ein Chor der Selbstgewissen, der einander bestätigt, während draußen die Wirklichkeit kompliziert bleibt. Vielleicht sollten wir also seltener nach der historischen Keule greifen und stattdessen etwas riskanteres versuchen: zuhören, widersprechen, nachfragen, präzisieren. Es klingt unspektakulär, fast langweilig. Aber verglichen mit der permanenten rhetorischen Endzeitstimmung hat Langeweile einen unschlagbaren Vorteil: Sie ist erstaunlich kompatibel mit Freiheit.

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