Die Ausgrabung der Gegenwart

oder Wie man ein Imperium bequem im Sitzen verspielt

Passend warnte Bertolt Brecht: „Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“ Nun wäre es natürlich geschmacklos — und wir sind hier schließlich kultivierte Menschen mit Feuilleton-Abo und Espressomaschine — sofort zu fragen, ob unsere Gegenwart vielleicht schon mit erstaunlicher Zielstrebigkeit am dritten Krieg arbeitet. Stattdessen tun wir, was aufgeklärte Gesellschaften immer tun, wenn eine Warnung literarisch daherkommt: Wir rahmen sie ein, zitieren sie auf Podien, nicken bedeutungsvoll und gehen anschließend dazu über, exakt das zu tun, wovor gewarnt wurde.

Karthago, dieses einstige Handelsgenie mit Hang zur maritimen Selbstüberschätzung, ist heute weniger eine archäologische Stätte als eine Metapher mit erschreckender Konjunktur. Denn was ist ein Imperium anderes als eine kollektive Wahnvorstellung, gut finanziert und von Menschen verwaltet, die PowerPoint für eine Form strategischer Tiefenschärfe halten? Imperien sterben selten an einem spektakulären Ereignis; sie sterben an Sitzungen. An Arbeitsgruppen. An dem beruhigenden Gefühl, dass man alles im Griff habe, solange die Tabellen noch farblich codiert sind.

Der erste Krieg oder Die Kunst, sich unverwundbar zu fühlen

Der erste Krieg eines Imperiums ist fast immer ein PR-Erfolg. Man entdeckt plötzlich Werte, die verteidigt werden müssen, Märkte, die erschlossen gehören, oder Gegner, die sich verdächtig weigern, unterlegen zu sein. Danach tritt man vor die Bevölkerung, erklärt das Ganze zu einer notwendigen Maßnahme und verteilt patriotisch gefärbte Narrative wie Bonbons auf einem Kindergeburtstag der Geschichte.

Und tatsächlich: Nach dem ersten Krieg ist man noch mächtig. Die Wirtschaft brummt, die Kommentatoren sprechen von „neuer Verantwortung“, und irgendwo schreibt ein Thinktank-Papier mit der Ernsthaftigkeit eines Horoskops, dass Stabilität nun dauerhaft gesichert sei. Wer jetzt auf strukturelle Risiken hinweist, gilt als Stimmungskiller — eine gesellschaftliche Rolle, die ungefähr so beliebt ist wie jemand, der bei einer Hochzeit die Scheidungsstatistik vorträgt.

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Es ist ohnehin eine bemerkenswerte Eigenheit moderner Gesellschaften, dass sie Risiko mit Wahrscheinlichkeit verwechseln. Solange der Zusammenbruch nicht auf Dienstag, 14:30 Uhr terminiert ist, gilt er als theoretisch. Und Theorie, das wissen wir seit der Schule, ist etwas, das man höflich ignoriert, solange es nicht prüfungsrelevant wird.

Der zweite Krieg oder Die Gemütlichkeit der fortgeschrittenen Selbsttäuschung

Nach dem zweiten Krieg ist ein Imperium noch bewohnbar — was eine wunderbar niedrige Messlatte darstellt. „Bewohnbar“ ist ja kein Wort, das Begeisterung auslöst. Niemand verlässt eine Theateraufführung und ruft: „Großartig! Der Saal war bewohnbar!“

Doch genau hier beginnt die hohe Kunst der Selbstberuhigung. Man hat Verluste erlitten, selbstverständlich, aber man nennt sie „Herausforderungen“. Die Infrastruktur ächzt, doch das wird als „Transformationsphase“ verkauft. Öffentliche Debatten wirken zunehmend wie Therapiesitzungen mit Mikrofon: Alle sprechen über Resilienz, niemand über Ursachen.

Die politische Klasse — ein Begriff, der stets nach Internat und latentem Hausmeistertonfall klingt — entdeckt in dieser Phase ihre besondere Begabung zur semantischen Gymnastik. Niederlagen werden zu Lernkurven, Rückschritte zu Anpassungen, und strategische Fehler zu „komplexen Lageentwicklungen“. Sprache ist schließlich das letzte Bollwerk gegen die Realität; solange man sie verbiegt, wirkt auch der Abgrund wie eine bloße Bodenwelle.

Parallel dazu wächst die Bevölkerung in eine merkwürdige Doppelrolle hinein: Sie ist gleichzeitig alarmiert und erstaunlich gelassen. Man sorgt sich beim Abendessen um die Weltlage und bestellt danach noch Dessert. Der Mensch ist eben ein Meister darin, Katastrophen emotional zu vertagen — vermutlich eine evolutionäre Notwendigkeit, denn wer permanent die Apokalypse ernst nähme, käme ja zu gar nichts mehr, nicht einmal zum Serienfinale.

Der dritte Krieg oder Die Eleganz des Verschwindens

Und dann, so Brecht, ist es nicht mehr auffindbar. Kein dramatischer Vorhang, kein orchestraler Schlussakkord — eher ein administratives Verblassen. Imperien verschwinden nicht; sie werden archiviert. Irgendwann spricht man von ihnen im Perfekt, was grammatikalisch unspektakulär wirkt, historisch aber einem Totenschein gleichkommt.

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Das eigentlich Faszinierende ist jedoch, dass kein Imperium sich je für sterblich hielt. Sterblich sind immer nur die anderen, die Rückständigen, die historisch Unterlegenen. Man selbst dagegen befindet sich selbstverständlich auf der Endstufe der Zivilisation — eine Annahme, die so verführerisch ist, dass sie noch jede Epoche zuverlässig in Schwierigkeiten gebracht hat.

Vielleicht liegt die größte Ironie darin, dass Fortschritt und Hybris sich äußerlich so ähnlich sehen. Beide sprechen von Zukunft, beide lieben große Pläne, beide dulden ungern Widerspruch. Erst im Rückspiegel erkennt man, ob man eine Brücke gebaut oder lediglich eleganter auf den Abgrund zugesteuert ist.

Die Gegenwart als Baustelle mit Untergangsgarantie

Nun wäre es unerquicklich, allzu plump Parallelen zur Gegenwart zu ziehen. Schließlich leben wir in aufgeklärten Zeiten mit Datenanalyse, Frühwarnsystemen und Podcasts. Was könnte da schon schiefgehen? Zugegeben, die Welt wirkt gelegentlich wie ein überdrehter Maschinenraum, in dem sämtliche Warnlampen gleichzeitig blinken, während eine Gruppe sehr ernst dreinblickender Menschen darüber diskutiert, ob das Blinken vielleicht kulturell missverstanden werden könnte.

Unsere Epoche besitzt ohnehin ein beneidenswertes Talent zur Normalisierung des Ausnahmezustands. Krisen werden in Kalender integriert wie Yoga-Termine. Kaum hat man sich an eine gewöhnt, steht schon die nächste bereit — ein Abo-Modell der Geschichte, jederzeit kündbar, aber leider nur theoretisch.

Dabei wäre die Lektion aus Karthago gar nicht besonders kompliziert: Macht schützt nicht vor Selbstüberschätzung, Wohlstand nicht vor Erosion, und Intelligenz schon gar nicht vor kollektiver Torheit. Im Gegenteil — je klüger eine Gesellschaft sich hält, desto raffinierter werden oft ihre Rechtfertigungen.

Fußnoten der Zukunft

Man stelle sich vor, zukünftige Historiker blättern durch unsere Zeit wie durch ein leicht chaotisches Kochbuch. „Interessant“, werden sie murmeln, „sie hatten alle Zutaten für Stabilität — und entschieden sich dennoch für das Experiment.“ Vielleicht wird man uns bewundern für unsere Innovationsfreude und gleichzeitig den Kopf schütteln über unsere Beharrlichkeit, offensichtliche Risiken als Diskussionsgrundlage statt als Handlungsaufforderung zu behandeln.

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Doch bevor wir uns zu sehr in kulturpessimistischer Schwermut gefallen — eine Disziplin, die im deutschsprachigen Raum ungefähr so beliebt ist wie gutes Brot — lohnt ein letzter, augenzwinkernder Gedanke: Die Geschichte ist kein Schicksal, sondern ein Angebot. Imperien müssen nicht verschwinden. Aber sie benötigen dafür eine Tugend, die erstaunlich selten ist: die Fähigkeit zur selbstkritischen Nüchternheit, bevor der dritte Krieg zur Metapher wird.

Bis dahin jedoch bleibt uns der Trost, dass jede Epoche überzeugt ist, klüger zu sein als alle vorherigen — ein Irrtum von so rührender Beständigkeit, dass er fast schon wieder Hoffnung macht. Denn solange wir noch über Warnungen lachen können, haben wir zumindest eines bewiesen: Auffindbar sind wir noch.

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