Es gehört zu den liebenswürdigsten Marotten der Moderne, sich selbst für den Höhepunkt der Aufklärung zu halten, während man zugleich Begriffe neu etikettiert, als wären sie Einmachgläser aus der Vorratskammer der Geschichte. „Tertium non datur“ – ein Drittes gibt es nicht –, dieser alte logische Grundsatz aus der aristotelischen Werkzeugkiste, war über Jahrtausende hinweg so selbstverständlich wie die Schwerkraft: Entweder–oder, ja–nein, wahr–falsch, männlich–weiblich. Und nun stehen wir da, geschniegelt und moralisch geschniegelt noch einmal, und erklären mit ernster Miene, dass die Realität bitte etwas flexibler sein möge, weil sie unseren gesellschaftspolitischen Seminaren nicht mehr ganz folgt. Es ist, als würde man dem Thermometer vorwerfen, es sei temperaturfeindlich.
Der Anthropologe, so wird gern betont, kann nach Jahrhunderten am Skelett das biologische Geschlecht feststellen – Beckenwinkel, Knochenstruktur, robuste oder grazile Merkmale. Was er nicht feststellen kann, ist das Innenleben eines Menschen: nicht seine Sehnsüchte, nicht seine Selbstdeutung, nicht die Geschichte seiner sozialen Zuschreibungen. Die Knochen schweigen, und sie tun das mit der stoischen Würde von Dingen, die nicht auf Talkshows eingeladen werden können. Aus dieser stillen Evidenz nun jedoch eine kulturpolitische Keule zu schnitzen oder umgekehrt die Biologie komplett zum musealen Relikt zu erklären, wäre gleichermaßen unerquicklich. Denn die Wissenschaft beschreibt, sie deklariert nicht die moralische Ordnung der Welt.
Die neue Metaphysik des Selbst
Die Forderung, international die „volle Anerkennung von Transfrauen als Frauen“ zu vertreten, wirkt auf den ersten Blick wie ein weiterer Schritt in jener großen historischen Bewegung, die Minderheiten sichtbar machen will. Und tatsächlich: Die Geschichte westlicher Gesellschaften lässt sich mit einiger Plausibilität als Abfolge verspäteter Höflichkeitsgesten lesen. Man entdeckt regelmäßig, dass bestimmte Menschen ebenfalls Menschen sind – eine Erkenntnis, die stets mit dem Pathos der moralischen Sensation verkündet wird, obwohl sie eigentlich banal sein sollte.
Doch jede Anerkennungspolitik erzeugt neue begriffliche Spannungen. Wenn der Schutzgrund „Geschlecht“ zunehmend von „Genderidentität“ überlagert wird, verschiebt sich der Fokus von etwas körperlich Beschreibbarem zu etwas subjektiv Erlebtem. Das Subjekt tritt gleichsam auf die Bühne und ruft: „Ich bin, was ich sage, dass ich bin!“ – worauf die Gesellschaft antworten muss: „Und wir sind, was wir anerkennen, dass du bist.“ Eine elegante Dialektik, gewiss, aber auch eine mit beträchtlichem Konfliktpotenzial. Denn subjektive Selbstdefinition ist, philosophisch betrachtet, ein Terrain ohne Grenzsteine. Wer hier Ordnung schaffen will, muss entweder sehr vorsichtig sein oder sehr autoritär – und beides gleichzeitig zu versuchen, ist die hohe Kunst moderner Bürokratie.
Frauenrechte zwischen Körper und Konstruktion
Hier beginnt die eigentliche Nervosität der Debatte. Wenn Frauenrechte historisch aus der materiellen Erfahrung weiblicher Körper hervorgegangen sind – Schwangerschaft, strukturelle Benachteiligung, geschlechtsspezifische Gewalt –, was geschieht dann, wenn „Frau“ primär als Identitätskategorie verstanden wird? Ist das eine Erweiterung des Schutzes oder eine begriffliche Verwässerung? Man könnte sagen: Es ist ein Paradigmenwechsel. Man könnte auch sagen: Es ist ein semantisches Erdbeben, bei dem die Möbel zwar noch stehen, aber niemand mehr genau weiß, ob der Boden tragfähig ist.
Die einen befürchten, dass hart erkämpfte Räume verschwimmen könnten, wenn Kategorien ausschließlich über Selbstdefinition geregelt werden. Die anderen halten dagegen, dass Rechte nie statisch waren und dass die Geschichte der Emanzipation gerade darin besteht, Ausschlüsse zu korrigieren. Zwischen diesen Positionen verläuft keine klare Frontlinie, sondern ein nervöses Flimmern aus Erfahrungen, Ängsten und normativen Überzeugungen. Wer behauptet, hier sei alles eindeutig, verwechselt moralische Entschlossenheit mit analytischer Klarheit.
Bürokratie als Ontologiemaschine
Bemerkenswert ist dabei die Rolle politischer Institutionen. Wenn supranationale Organisationen definitorische Fragen behandeln, geschieht etwas Kurioses: Ontologie wird zur Verwaltungssache. Formulare entscheiden plötzlich über metaphysische Fragen, und irgendwo sitzt ein Referent, der zwischen Absatz 3b und 4a darüber nachdenkt, was ein Mensch „ist“. Kafka hätte seine helle Freude daran gehabt. Man stelle sich vor: Der Landvermesser K. kämpft sich nicht mehr durch Schlossflure, sondern durch Richtlinien zur geschlechtlichen Selbstbestimmung.
Doch der Staat – oder die Staatengemeinschaft – kann sich nicht mit der Gelassenheit eines Philosophen zurücklehnen. Er muss Kategorien schaffen, weil Rechte ohne Kategorien nicht funktionieren. Gleichzeitig darf er die Wirklichkeit nicht so grob zuschneiden, dass Menschen darunter leiden. Das Ergebnis ist oft eine Sprache von geradezu barocker Vorsicht: inklusiv, differenziert, erklärungsbedürftig – und für viele Bürger ungefähr so leicht verständlich wie eine Bedienungsanleitung für ein Raumschiff.
Der Hunger nach Eindeutigkeit
Vielleicht liegt unter all dem ein tieferes, beinahe anthropologisches Bedürfnis: der Wunsch nach Klarheit. „Tertium non datur“ war nie nur ein logischer Satz; er war ein psychologischer Trost. Eine Welt mit zwei klaren Kategorien ist einfacher zu navigieren als eine mit fließenden Übergängen. Ambiguität strengt an. Sie verlangt Urteilskraft statt Reflex, Abwägung statt Parole.
Doch die Realität war schon immer weniger ordentlich, als unsere Begriffe glauben machen. Intersexuelle Menschen existieren. Geschlechterrollen haben sich historisch drastisch verändert. Selbst das, was wir für „natürlich“ halten, ist oft kulturell gerahmt. Die Pointe der Moderne könnte also darin bestehen, dass wir lernen müssen, mit Komplexität zu leben, ohne sie sofort entweder zu biologisieren oder vollständig zu subjektivieren.
Satire der Gewissheiten
Man könnte das Ganze auch mit einem leicht zynischen Lächeln betrachten: Während frühere Generationen sich über die richtige Gabel beim Fischgang stritten, debattieren wir über die Ontologie des Selbst. Fortschritt zeigt sich offenbar darin, dass unsere Streitfragen immer abstrakter werden. Vielleicht ist das sogar ein Luxusproblem – ein Zeichen dafür, dass wir genügend Stabilität besitzen, um uns mit Identitätsmetaphysik zu beschäftigen, statt mit der Frage, ob morgen Brot auf dem Tisch liegt.
Und doch sollte man sich vor intellektueller Überheblichkeit hüten. Wer ausschließlich auf Biologie pocht, riskiert, menschliche Erfahrung zu verkürzen. Wer ausschließlich auf Selbstdefinition setzt, läuft Gefahr, die Bedeutung materieller Realität zu unterschätzen. Zwischen Knochen und Bewusstsein, zwischen Körper und Narrativ, spannt sich ein Feld auf, das keine einfachen Lösungen erlaubt. „Tertium non datur“ klingt herrlich streng – aber die Gesellschaft ist kein Syllogismus.
Die Kunst des Sowohl als auch
Vielleicht braucht es eine neue Tugend: begriffliche Bescheidenheit. Die Fähigkeit, anzuerkennen, dass verschiedene Ebenen gleichzeitig wahr sein können – die biologische, die soziale, die psychologische, die rechtliche. Das klingt weniger heroisch als ein Paradigmenwechsel, ist aber vermutlich nachhaltiger. Denn Gesellschaften zerbrechen selten an zu viel Differenzierung; sie zerbrechen eher an der Weigerung, Differenz auszuhalten.
Am Ende bleibt uns womöglich nur eine etwas ironische Einsicht: Der Mensch ist ein Wesen, das Kategorien erfindet und sie anschließend überschreitet. Kaum haben wir zwei Schubladen gebaut, beginnt jemand, zwischen ihnen zu wohnen. Und statt uns darüber zu empören, könnten wir es als Erinnerung lesen, dass Wirklichkeit ein störrischer Gesprächspartner ist.
„Tertium non datur“? In der Logik mag das gelten. Im menschlichen Zusammenleben hingegen scheint sich immer wieder ein Drittes einzuschleichen – nennen wir es Ambivalenz, nennen wir es Freiheit, nennen wir es schlicht die Unberechenbarkeit des Menschen. Wer damit leben kann, hat vielleicht weniger Gewissheit. Aber sehr wahrscheinlich mehr Wirklichkeit.