und der Totschläger als Tabu
Es gehört zu den paradoxen Kunststücken unserer Zeit, dass Wörter gefährlicher geworden sind als Taten. Man kann Häuser anzünden, Frauen misshandeln, Kinder terrorisieren – das ist schlimm, gewiss, aber irgendwie handhabbar, ein Fall für Statistik, Psychologie, Prävention. Doch wehe, jemand greift zum falschen Vokabular. „Grooming Gangs“ etwa: ein Begriff, der nicht nur beschreibt, sondern sofort detoniert. Kaum ausgesprochen, geht ein Alarm los, der nicht den Tätern gilt, sondern dem Sprecher. Rassismus! Pauschalisierung! Rechte Hetze! Dabei ist der Begriff selbst weniger eine Behauptung über eine Religion als eine unbequeme Beobachtung über bestimmte Täterkonstellationen und institutionelles Wegsehen. Aber das Wort ist kontaminiert, also wird es verbannt. So wie man früher Bücher verbrannte, verbrennt man heute Begriffe – sauberer, geräuschloser, mit besserem Gewissen. Und während die Sprache entwaffnet wird, bleibt die Wirklichkeit bewaffnet bis an die Zähne.
Der moralische Spagat zwischen Empörung und Applaus
Noch schwindelerregender wird es, wenn man die Skala der Empörung betrachtet. Da gibt es Massenvergewaltigungen, die – je nach geopolitischem Kontext – entweder als das benannt werden, was sie sind: Kriegsverbrechen, oder aber in manchen Milieus als „islamistischer Widerstand“ relativiert, erklärt, in Einzelfällen sogar entschuldigt werden. Die moralische Gymnastik, die dafür nötig ist, verdient eigentlich olympisches Gold. Gewalt gegen Frauen ist absolut verwerflich – außer sie passt in das richtige Narrativ, dann wird sie kontextualisiert, historisiert, in Fußnoten aufgelöst. Wer dabei nicht mitturnt, sondern schlicht sagt: Vergewaltigung ist Vergewaltigung, egal von wem und mit welcher Fahne, gilt schnell als verdächtig. Verdächtig, nicht etwa unmenschlich brutal, sondern politisch unrein. Der Täter darf komplex sein, der Kritiker nicht.
Köln als Chiffre und die Angst vor dem Erinnern
In Deutschland – und sinngemäß auch anderswo im Westen – ist schon die bloße Erwähnung der Silvesternacht 2015 in Köln ein Akt des Widerstands, nicht gegen Täter, sondern gegen die Sprachpolizei. Köln ist längst weniger ein Ort als ein Symbol, eine Chiffre für das, was nicht mehr gesagt werden soll. Wer es dennoch ausspricht, riskiert das Etikett „antimuslimischer Rassismus“, als sei Erinnerung selbst eine Form von Hass. Man hat gelernt, dass Vergessen die moralischere Option ist. Die Opfer verschwinden im Nebel der guten Absichten, die Täter im Dunst der kulturellen Sensibilität. Und irgendwo dazwischen steht eine Gesellschaft, die sich einredet, dass Schweigen Heilung sei, obwohl es in Wahrheit nur die Wunde verdeckt.
Die Kunst der Diffamierung als Debattenersatz
Wer heute über alltägliche sexuelle Übergriffe, Vergewaltigungen oder die spürbaren Veränderungen im öffentlichen Raum spricht, muss nicht widerlegt werden – er wird etikettiert. Rechtsradikal, rechtspopulistisch, FPÖ-nah. Das Etikett ersetzt das Argument, wie Instantkaffee den echten Geschmack. Es ist eine erstaunlich effiziente Technik: Man delegitimiert den Sprecher, um sich nicht mit dem Gesagten befassen zu müssen. Politiker, Medien, Akademiker und Meinungsmacher beherrschen dieses Spiel meisterhaft und sind doch seine ersten Opfer. Denn die permanente Angst, „falsch verstanden“ zu werden, lähmt. Sie lähmt Redaktionen, die lieber ein Thema liegen lassen, als einen Shitstorm zu riskieren. Sie lähmt Wissenschaftler, die Daten vorsichtig phrasiert vergraben. Sie lähmt Bürger, die abends den Heimweg anders planen, aber tagsüber so tun, als sei nichts.
Die schleichende Normalisierung und das Lächeln dazu
Merkt ihr eigentlich nicht, wie sehr diese Einschüchterungsstrategie wirkt? Wie sie eine ganze Kultur dazu bringt, das Offensichtliche zu umtanzen, als wäre es ein Minenfeld? Seht ihr wirklich nicht, dass sich im Westen eine gefährliche Normalisierung eingestellt hat – nicht, weil „der Islam“ irgendetwas sei (solche Pauschalurteile sind selbst Ausdruck intellektueller Faulheit), sondern weil bestimmte Formen von Gewalt aus Angst vor dem falschen Framing nicht mehr konsequent benannt werden? Satirisch betrachtet könnte man sagen: Wir haben eine neue Etikette erfunden. Man lächelt entschuldigend, senkt die Stimme und sagt „Einzelfall“, während die Statistik leise hustet. Man zwinkert sich zu und nennt es „Herausforderung der Vielfalt“, während Frauen ihre Schlüssel zwischen die Finger klemmen. Es ist eine Vergewaltigungskultur nicht im plakativen, sondern im schleichenden Sinn: eine Kultur, die nicht durch Trommeln, sondern durch Wegsehen entsteht.
Ein Schluss ohne Pointe, aber mit Verantwortung
Das alles ließe sich als zynische Farce abtun, als Übertreibung, als satirische Zuspitzung – und ja, es ist zugespitzt. Aber Satire übertreibt nicht, sie schärft. Sie hält den Spiegel so nah vors Gesicht, dass man die Poren sieht. Wer diesen Spiegel zertrümmert, hat das Problem nicht gelöst, sondern nur sein eigenes Bild zerstört. Die Alternative zur Einschüchterung ist nicht Hetze, sondern Ehrlichkeit. Die Alternative zum Schweigen ist nicht Pauschalverdacht, sondern präzise Sprache und rechtsstaatliche Konsequenz. Und die Alternative zur moralischen Selbstzufriedenheit ist der unbequeme Mut, gleichzeitig gegen Rassismus und gegen sexuelle Gewalt aufzustehen – ohne Augenzwinkern vielleicht, aber mit klarem Blick.