„UNS SELBST“

Eine Pronomenkunde für Fortgeschrittene

Wenn Frank-Walter Steinmeier also sagt, der Einsatz für die Ukraine werde „UNS SELBST einiges abverlangen“, dann lohnt es sich, dieses kleine, unscheinbare Pronomen mit der Lupe zu betrachten. „Uns selbst“ – das klingt nach geteilter Last, nach gemeinsamer Anstrengung, nach frierenden Präsidenten in schlecht gedämmten Schlössern, nach Staatsoberhäuptern, die beim Bäcker nach dem Feierabendrabatt fragen. Doch wie so oft in der politischen Rhetorik ist das Pronomen ein Chamäleon: Es wechselt die Farbe je nach Blickwinkel. Aus der Nähe betrachtet meint „uns selbst“ nämlich erstaunlich selten den Sprecher. Es meint vielmehr jene amorphe Masse, die man früher „Volk“ nannte und heute lieber als statistische Größe behandelt – Sie und mich, die wir uns morgens fragen, ob die nächste Heizkostenabrechnung ein Dokument oder schon ein Kunstwerk des Absurden sein wird. „Uns selbst“ ist ein semantisches Sparschwein: Man greift hinein, wenn man moralische Größe demonstrieren will, und schüttelt es aus, wenn es um reale Konsequenzen geht.

Die Moralpredigt aus dem Warmen

Es ist ja nicht so, dass der Satz falsch wäre. Natürlich verlangt Solidarität Opfer. Natürlich kostet Haltung Geld. Doch es gibt einen feinen Unterschied zwischen einer moralischen Mahnung und einer Predigt aus dem beheizten Kanzelraum der Macht. Wenn Steinmeier von „abverlangen“ spricht, dann klingt das nach Gürtel-enger-schnallen, nach asketischer Disziplin, nach einem kollektiven Marsch durch das Tal der Entbehrungen. Nur marschiert nicht jeder mit demselben Schuhwerk. Während der eine barfuß über den Schotter der Inflation läuft, sitzt der andere im gepolsterten Fondwagen und erklärt, wie wichtig der Weg sei. Der moralische Zeigefinger wird dabei so kunstvoll erhoben, dass man fast vergisst, wohin die andere Hand greift – nämlich tief in den Staatshaushalt, der bekanntlich kein anonymes Wesen ist, sondern aus lauter kleinen Beiträgen besteht, die monatlich von Gehaltszetteln verschwinden.

Bellevue als Denkmal der Selbstgenügsamkeit

Nehmen wir das Schloss Bellevue. Ein Name wie aus einem Märchen, ein Ort, an dem man sich Staatsoberhauptsein offenbar nicht ohne frisch renovierte Stuckdecken vorstellen kann. Rund 500 Millionen Euro für die Renovierung – eine Summe, bei der selbst gestandene Bauunternehmer nervös lachen. Dazu eine Interims-Unterbringung für schlappe 100 Millionen Euro, denn der Präsident kann ja schlecht irgendwo unterkommen, wo die Tapete nicht die richtige historische Tiefe hat. Man stelle sich den durchschnittlichen Bürger vor, der seinem Vermieter erklärt, er müsse während der Badrenovierung leider für ein paar Monate ins Fünf-Sterne-Hotel ziehen – aus Gründen der Würde. Der Vermieter würde vermutlich die Polizei rufen oder zumindest einen Psychologen. Beim Bundespräsidenten hingegen nennt man das Staatsraison. „Uns selbst“ wird hier zu einer sehr exklusiven Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig versichert, dass solche Summen alternativlos seien, während draußen das Wort „Heizkostenzuschuss“ wie ein Almosen klingt.

TIP:  Sie werden mich kontrollieren

Einkommen, Ehrensold und die Kunst der Selbstlosigkeit

Natürlich soll niemand behaupten, der Bundespräsident arbeite umsonst. Doch die Ironie ist kaum zu übersehen: Ein Jahreseinkommen von über 350.000 Euro, dazu ab 2027 ein Ehrensold von über 280.000 Euro – das alles flankiert von der feierlichen Versicherung, man müsse jetzt alle zusammenstehen und verzichten. Verzicht ist eben eine Frage der Perspektive. Wer viel hat, kann sich großzügig im Verzicht üben, ohne es zu merken. Es ist wie bei Diäten: Wer mit vollem Kühlschrank hungert, hat immer noch die Wahl. Der Ehrensold schließlich ist die Krönung der politischen Poesie – eine Rente mit moralischem Heiligenschein, die sicherstellt, dass die Würde des Amtes auch im Ruhestand nicht unter das Niveau eines gut verdienenden Vorstandsvorsitzenden sinkt. Man könnte fast meinen, der wahre Einsatz für die Ukraine bestehe darin, die heimische Elite vor den Zumutungen zu schützen, die man dem Rest der Bevölkerung so eloquent erklärt.

Satire als letzte Form der Hygiene

Vielleicht ist es unfair, all das an einer Person festzumachen. Steinmeier ist schließlich ein Symbol, ein Stellvertreter für ein ganzes System, das gelernt hat, große Worte zu machen und kleine Rechnungen weiterzureichen. Doch gerade deshalb braucht es die Satire, dieses augenzwinkernde, manchmal zynische Instrument der geistigen Hygiene. Sie erinnert daran, dass Pronomen keine Unschuld besitzen und dass „wir“ oft eine Einladung ist, die Rechnung zu übernehmen. Wenn also das nächste Mal von „UNS SELBST“ die Rede ist, sollten wir höflich nachfragen: Wer genau ist gemeint? Der frierende Rentner? Die alleinerziehende Mutter? Oder das Schloss mit der frischen Fassade? Vielleicht liegt die wahre Solidarität nicht im feierlichen Appell, sondern in der Bereitschaft, die eigenen Privilegien wenigstens so sichtbar zu machen, dass man darüber lachen kann. Denn wer nicht über die Macht lacht, läuft Gefahr, sie ernst zu nehmen – und das wäre das Teuerste von allem.

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