Die Stadt der vielen Sprachen und der einen Verlegenheit

Wien, diese alte Dame mit Jugendstilfalte und Weltschmerzlächeln, rühmt sich gern ihrer historischen Mehrsprachigkeit: Hier klangen einst Tschechisch, Ungarisch, Jiddisch, Italienisch und das unverwüstliche Wienerische durcheinander wie Besteck in einer Kaffeehauslade. Heute klingt es anders, moderner, globalisierter, und doch steht über allem eine merkwürdige Stille, sobald die Statistik spricht: Wenn in manchen Wiener Bezirken sechzig bis siebzig Prozent der Kinder beim Schuleintritt kein Deutsch sprechen, dann ist das kein folkloristisches Detail, sondern ein gesellschaftlicher Trommelwirbel, der paradoxerweise kaum jemanden aus dem Mittagsschlaf reißt. Die Frage, die sich stellt, ist unerquicklich und daher ungeliebt: Wie wichtig ist Deutschlernen für manche Eltern eigentlich noch? Und gleich dahinter lauert die zweite, noch unangenehmere: Wie bequem haben wir es uns in der Annahme gemacht, dass es schon irgendwie gehen wird, selbst wenn es das offenkundig nicht tut?

Die sanfte Tyrannei der funktionierenden Parallelwelten

Parallelmilieus sind die moderne Form des urbanen Komforts. Sie bieten alles, was das Herz begehrt: Einkaufsmöglichkeiten in der vertrauten Sprache, soziale Anerkennung ohne mühsame Übersetzungsarbeit, Informationskanäle, die den Rest der Stadt wie eine entfernte Fernsehserie erscheinen lassen. In solchen funktionierenden Mikrokosmen wird Deutsch zu einer optionalen App, die man vielleicht irgendwann herunterlädt, wenn Speicherplatz übrig ist. Warum auch nicht, möchte man zynisch fragen, denn der Alltag funktioniert ja: Arzttermine werden über Cousins organisiert, Behördengänge über spezialisierte Dienstleister, die mehrsprachig den bürokratischen Dschungel roden, und die Schule? Nun, die Schule wird zu einem Ort, an dem man seine Kinder abliefert wie Pakete, in der Hoffnung, dass sie irgendwann lesbar zurückkommen. Das Problem dabei ist weniger böser Wille als eine stille Logik des Auskommens ohne Anschluss, die Integration zur lästigen Zusatzqualifikation degradiert.

Bildung als pädagogische Zaubershow

Die Schule wiederum steht da wie ein Zauberer ohne Hut, aus dem trotzdem Kaninchen springen sollen. Sie soll aus Kindern ohne ausreichende Deutschkenntnisse binnen weniger Jahre leistungsfähige, selbstbewusste Bildungsbürger machen, während sie gleichzeitig den Lehrplan einhält, soziale Konflikte moderiert und nebenbei das Versprechen der Chancengleichheit erneuert. Wer darauf hinweist, dass Sprache kein Beiwerk, sondern das tragende Gerüst von Bildung ist, gilt schnell als kulturpessimistisch oder schlimmer: als jemand, der den falschen Ton trifft. Dabei ist es eine simple, fast banale Wahrheit, dass ohne gemeinsame Sprache weder Mathematik noch Geschichte noch das berühmte kritische Denken wirklich Fuß fassen. Die Polemik liegt nicht darin, dies auszusprechen, sondern darin, so zu tun, als sei es eine Zumutung.

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Die Elternfrage, die keiner stellen will

Eltern lieben ihre Kinder, daran besteht kein Zweifel. Aber Liebe allein ersetzt keine Vokabeln. Wenn Deutschlernen in manchen Familien zur nachrangigen Option wird, dann nicht, weil Eltern ihre Kinder scheitern sehen wollen, sondern weil der unmittelbare Nutzen unsichtbar bleibt. In Milieus, in denen ökonomische und soziale Netzwerke auch ohne Deutsch funktionieren, erscheint die Sprache des Landes wie ein fernes Hobby, etwas für später, vielleicht für die zweite Generation, die dann wiederum vor denselben Klassenzimmern sitzt. Hier wird es satirisch bitter: Man investiert Zeit und Energie in alles Mögliche, von religiösen Ritualen bis zu digitalen Parallelöffentlichkeiten, aber die Sprache, die Bildung und Aufstieg erst ermöglicht, wird delegiert – an den Staat, an die Schule, an das diffuse „System“, das schon liefern möge.

Der Staat als höflicher Bittsteller

Und der Staat? Er tritt auf wie ein überfreundlicher Gastgeber, der seine Gäste nicht daran erinnern möchte, die Schuhe auszuziehen, um ja nicht unhöflich zu wirken. Sprachförderung wird angeboten, aber selten eingefordert, Verpflichtungen werden mit der Samthandschuh-Rhetorik der Freiwilligkeit umwickelt. Man könnte meinen, Deutsch sei ein Wellnessangebot: nett, wenn man es nutzt, aber niemand soll sich gezwungen fühlen. Die Ironie dabei ist kaum zu übersehen: Gerade jene Kinder, die am dringendsten klare Erwartungen bräuchten, werden in einer Wolke aus gut gemeinter Unverbindlichkeit großgezogen. Integration wird so zur Option unter vielen, nicht zur gemeinsamen Basis.

Satirischer Blick nach vorn oder die Kunst des gemeinsamen Satzbaus

Vielleicht liegt die Lösung nicht im moralischen Zeigefinger, sondern in einer radikal nüchternen Einsicht: Eine Gesellschaft braucht eine gemeinsame Sprache, um mehr zu sein als eine Ansammlung höflich ignorierter Nachbarschaften. Deutschlernen ist keine kulturelle Unterwerfung, sondern ein Werkzeug, und Werkzeuge sind nur dann ideologisch aufgeladen, wenn man sie nicht benutzt. Der augenzwinkernde Zynismus dieser Debatte besteht darin, dass alle Beteiligten so tun, als wüssten sie das nicht. Man lacht verlegen, man formuliert um, man verschiebt die Verantwortung – und wundert sich später über Bildungsstatistiken, die klingen wie schlechte Satire, aber leider keine sind. Wien könnte wieder zur Stadt der vielen Sprachen werden, doch dafür braucht es zuerst den Mut zur einen gemeinsamen: nicht als Ausgrenzung, sondern als Einladung, die endlich ernst gemeint ist.

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