Geschichte hat bekanntlich einen makabren Sinn für Ironie. Manchmal steckt sie in Schlachten, manchmal in Verträgen, manchmal aber auch einfach in Augenfarben. Nehmen wir etwa Mohammed Amin al-Husseini, geboren Ende des 19. Jahrhunderts in Jerusalem, mit – man glaubt es kaum – blauen Augen. Ja, blauen Augen. Jenen optischen Edelsteinen, die später in der rassistischen Mythologie Europas als eine Art Eintrittskarte in die angeblich höhere Menschheit galten. Hätte irgendein besonders pedantischer NS-Rassenkundler den jungen Husseini vermessen, hätte er womöglich kurz gezögert, bevor er ihn in die Kategorie „unerwünscht, aber nützlich“ einsortierte. Doch Geschichte ist selten so ordentlich, wie Ideologen sie gern hätten. Der spätere Großmufti von Jerusalem wurde zu einer Figur, die gleich mehrere ideologische Welten miteinander verband: arabischen Nationalismus, religiösen Traditionalismus, politischen Opportunismus und einen Antisemitismus, der so fanatisch war, dass er sogar im Berlin der 1940er Jahre offene Türen fand. Dass dieser Mann heute in manchen politischen Erzählungen eher als Randfigur oder gar als missverstandener Freiheitskämpfer auftaucht, gehört zu den bemerkenswerten literarischen Leistungen moderner Geschichtspolitik – irgendwo zwischen selektivem Gedächtnis und politischem Wunschdenken.
Eine Familie, die Jerusalem praktisch im Abonnement regierte
Husseini kam aus einer Familie, die man in Jerusalem damals ungefähr so leicht übersehen konnte wie den Stephansdom mitten in Wien. Dreizehn Mitglieder seines Clans hatten bereits das Amt des Bürgermeisters bekleidet – eine dynastische Dauerkarte auf die städtische Macht, lange bevor man von moderner Demokratie sprach. Die Husseinis gehörten zu den wohlhabenden Landbesitzern der Region, eine jener lokalen Elitenfamilien, die im späten Osmanischen Reich politische, religiöse und ökonomische Macht kunstvoll miteinander verknüpften. Ihre gesellschaftliche Stellung war so fest verankert, dass sie sich politische Überzeugungen gewissermaßen leisten konnten. Und eine dieser Überzeugungen bestand darin, Juden nicht besonders zu mögen – eine Haltung, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert leider kein Alleinstellungsmerkmal war. Mohammed Amin wuchs also in einem Milieu auf, in dem politischer Einfluss selbstverständlich war, religiöse Autorität ein Familienerbe darstellte und antisemitische Ressentiments ungefähr so selbstverständlich weitergegeben wurden wie Familienrezepte. Wer heute versucht, seine spätere politische Karriere zu verstehen, sollte diesen Hintergrund nicht unterschätzen: Husseini war kein rebellischer Außenseiter, sondern ein privilegierter Spross einer lokalen Elite, der die Macht bereits in die Wiege gelegt bekam.
Vom Panarabismus zum Nationalismus auf Bestellung
Wie viele politische Karrieren im Nahen Osten jener Zeit begann auch seine in einem ideologischen Gemischtwarenladen. Während des Ersten Weltkriegs kämpfte Husseini zunächst auf Seiten des Osmanischen Reiches – ein Detail, das später gerne vergessen wird, wenn man ihn ausschließlich als antikolonialen Kämpfer beschreibt. Politisch sympathisierte er zunächst mit dem Panarabismus, jener romantischen Idee, dass alle Araber in einem großen Reich vereint werden sollten. Diese Vision war damals ungefähr so populär wie später die Vorstellung eines vereinten Europas – nur mit deutlich weniger Bürokratie und deutlich mehr Revolutionsromantik. Doch Ideologien können erstaunlich flexibel sein, wenn politische Chancen winken. Als sich nach dem Krieg neue Machtkonstellationen abzeichneten, wandelte sich Husseinis Begeisterung für ein großes arabisches Reich allmählich in eine spezifisch palästinensische Agenda. Aus Panarabismus wurde palästinensischer Nationalismus – nicht unbedingt aus philosophischer Überzeugung, sondern eher aus der praktischen Einsicht, dass sich lokale Macht mit lokalen Parolen besser organisieren lässt.
Die Briten und ihr Talent für historische Fehlentscheidungen
1921 machten die britischen Mandatsbehörden einen jener Verwaltungsschritte, die in Geschichtsbüchern später gerne als „umstritten“ bezeichnet werden – ein höflicher Ausdruck für eine politische Fehlentscheidung mit Langzeitfolgen. Sie ernannten Mohammed Amin al-Husseini zum Großmufti von Jerusalem. Formal war das ein religiöses Amt, in der Praxis aber eine Position mit enormem politischem Einfluss. Der Großmufti war nicht nur religiöser Autoritätsträger, sondern auch Präsident des Obersten Islamischen Rates und damit Verwalter erheblicher finanzieller Ressourcen. Dass Husseini im Jahr zuvor an den Nabi-Musa-Unruhen beteiligt gewesen war – also gewaltsamen Ausschreitungen gegen Juden – hielt die britische Verwaltung nicht davon ab, ihn zu befördern. Koloniale Bürokratien haben manchmal eine erstaunliche Fähigkeit, Brandstifter zu Feuerwehrchefs zu ernennen, vermutlich in der Hoffnung, sie würden danach plötzlich ein Interesse am Löschen entwickeln. Husseini nutzte sein neues Amt allerdings weniger zur Deeskalation als zur politischen Mobilisierung. In den 1930er Jahren wurde er zur zentralen Figur der arabischen Aufstände gegen britische Mandatsmacht und jüdische Einwanderung, wobei seine Rhetorik zunehmend radikaler wurde und offen zu Gewalt aufrief.
Berlin ruft und der Mufti folgt
Als die britischen Behörden schließlich genug hatten und gegen ihn vorgingen, floh Husseini zunächst in den Libanon und später in den Irak. Dort bewegte er sich in einem Netzwerk arabischer Nationalisten, Militärs und politischer Abenteurer, die hofften, mit deutscher Unterstützung die britische Dominanz im Nahen Osten zu brechen. Hier begann eines der bizarreren Kapitel der politischen Weltgeschichte: die Allianz zwischen einem islamischen Geistlichen aus Jerusalem und dem nationalsozialistischen Regime in Berlin. 1941 reiste Husseini nach Europa, traf Benito Mussolini in Rom und schließlich Adolf Hitler in Berlin. Für die NS-Führung war er ein propagandistisches Geschenk: ein prominenter muslimischer Führer, der öffentlich den Kampf gegen Juden und Briten unterstützte. Für Husseini wiederum bot das Dritte Reich eine mächtige Bühne für seinen eigenen politischen Kampf. Dass Hitler Araber zuvor als „Halbaffen“ bezeichnet hatte, störte ihn erstaunlich wenig – Ideologen können sehr pragmatisch werden, wenn sich Interessen überschneiden.
Der Mufti im Schatten der SS
In Berlin entwickelte sich Husseini zu einer Art internationalem Antisemiten auf diplomatischer Mission. Er traf führende NS-Funktionäre, darunter Heinrich Himmler und Adolf Eichmann, besuchte Konzentrationslager und beteiligte sich an Propagandasendungen, die arabische Zuhörer zum Kampf gegen Juden aufrufen sollten. Besonders aktiv war er bei der Rekrutierung muslimischer SS-Verbände auf dem Balkan, etwa der berüchtigten Handschar-Division. Dort verband sich nationalsozialistische Ideologie mit lokalen Konflikten zu einer tödlichen Mischung. Der American Jewish Congress bezeichnete Husseini später als „Hitlers Vollstrecker“, eine Formulierung, die seine Rolle vielleicht nicht vollständig, aber durchaus treffend beschreibt. Historisch besonders makaber ist seine Intervention gegen Versuche, jüdische Flüchtlinge freizukaufen oder auszutauschen – etwa als Pläne diskutiert wurden, Tausende jüdische Kinder aus Europa zu retten. Husseini protestierte dagegen. Man könnte sagen, er war ein konsequenter Antisemit. Zyniker würden hinzufügen: erschreckend konsequent.
Der rechtzeitige Abgang eines politischen Überlebenskünstlers
Als sich 1944 und 1945 abzeichnete, dass das Tausendjährige Reich seine geplante Haltbarkeit nicht ganz erreichen würde, zeigte Husseini eine bemerkenswerte Fähigkeit zur politischen Schadensbegrenzung. Vermögen wurde in Sicherheit gebracht, Waffen in den Nahen Osten geschmuggelt, Kontakte gepflegt. Am Ende des Krieges gelang ihm die Flucht in die Schweiz, später nach Frankreich und schließlich nach Ägypten. Dort wurde er nicht etwa als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt, sondern von Teilen der arabischen Öffentlichkeit als antikolonialer Held gefeiert. Die Muslimbruderschaft stellte sich demonstrativ hinter ihn und drohte mit weltweiten Vergeltungsaktionen, sollte ihm etwas zustoßen. In der chaotischen Nachkriegswelt überwog für viele Regierungen offenbar die geopolitische Nützlichkeit über juristische Konsequenz.
Mentoren, Schüler und das lange Echo der Geschichte
In Kairo traf Husseini später eine junge Generation arabischer Aktivisten. Einer von ihnen war ein Student namens Yassir Arafat, entfernt mit dem Husseini-Clan verwandt und politisch beeindruckt vom alten Mufti. Husseini fungierte gewissermaßen als Mentor, vermittelte Kontakte und unterstützte Netzwerke, aus denen später Organisationen wie die PLO hervorgingen. Gleichzeitig beschäftigte er sich weiterhin mit ideologischer Propaganda. Der ehemalige NS-Propagandist Johann von Leers fand unter seiner Schirmherrschaft in Ägypten eine neue Karriere, konvertierte zum Islam und arbeitete an arabischen Übersetzungen von „Mein Kampf“ und den „Protokollen der Weisen von Zion“. So wanderten europäische antisemitische Verschwörungstheorien in neue politische Kontexte – eine Art ideologischer Exporthandel der unerquicklichsten Sorte.
Das Tuch, das zur Flagge wurde
Neben all dem politischen Drama gibt es noch eine fast folkloristische Episode: die Geschichte der Kufiya. Ursprünglich ein schlichtes Bauernkopftuch aus dem Irak, entwickelte sie sich unter Husseinis Einfluss zu einem politischen Symbol. Während der Aufstände der 1930er Jahre wurde sie gezielt als identitätsstiftendes Kleidungsstück propagiert, während andere Kopfbedeckungen wie der Fes zurückgedrängt wurden. Später machte Yassir Arafat das schwarz-weiße Muster weltweit bekannt, indem er es so drapierte, dass eine Ecke angeblich die Umrisse Palästinas darstellen sollte. Heute tragen Studenten in europäischen Universitätsstädten die Kufiya oft als politisches Statement – manchmal in solidarischer Empörung, manchmal in modischer Unwissenheit, manchmal mit einer historischen Ahnung, die ungefähr so präzise ist wie ein Wikipedia-Artikel, den man nur halb gelesen hat.
Epilog über Erfinder, Mythen und unbequeme Biografien
Mohammed Amin al-Husseini starb 1974 relativ friedlich in Beirut. Kein Tribunal, keine große historische Abrechnung, nur ein leiser Abgang eines Mannes, dessen politische Karriere mehrere Kontinente und Ideologien durchquerte. In manchen Darstellungen gilt er bis heute als Pionier des palästinensischen Nationalismus, in anderen als Kollaborateur des Nationalsozialismus. Wahrscheinlich war er beides – und noch einiges mehr: ein Machtpolitiker, ein Ideologe, ein Opportunist, ein Symbol und ein Problemfall für jede einfache Geschichtserzählung. Wer Geschichte liebt, weiß: Die interessantesten Figuren sind selten die moralisch sauberen. Und manchmal tragen sie, ausgerechnet, blaue Augen.