Die endgültige Verflüssigung des Grauens

Wenn der Holocaust zur rhetorischen Knetmasse wird

Was das Landgericht Berlin hier abliefert, ist keine bloße Fehlentscheidung, kein bedauerlicher Ausrutscher im juristischen Betrieb, sondern ein Akt geistiger Selbstentkernung, der seinesgleichen sucht. Der Holocaust, einst der moralische Nullpunkt deutscher Geschichte, wird in diesem Urteil nicht relativiert – nein, er wird verdünnt, vernebelt, semantisch aufgekocht, bis er als geschmacklose Brühe übrig bleibt, in der jede politische Erregung nach Belieben ihre Zutaten versenken darf. Dass eine Richterbank ernsthaft erklären kann, die Formel „Holocaust in Gaza“ sei keine Verharmlosung des Holocausts, ist nicht nur juristisch gewagt, sondern historisch obszön. Es ist, als würde man erklären, der Begriff „Sklaverei“ verliere nichts von seiner Bedeutung, wenn man ihn auf schlechte Arbeitsbedingungen im Homeoffice anwendet – ein Vergleich, der so grotesk ist, dass er eigentlich nur als Satire durchgehen dürfte. Doch hier ist er Teil der Rechtswirklichkeit.

Artikel 5 Grundgesetz als intellektuelle Nebelmaschine

Die Meinungsfreiheit wird in diesem Urteil behandelt wie eine sakrale Monstranz, hinter der man alles verstecken kann, was man nicht mehr begründen möchte. Artikel 5 GG, einst Bollwerk gegen autoritäre Zumutungen, wird hier zur Nebelmaschine, die jede begriffliche Unsauberkeit in verfassungsrechtlichen Dampf hüllt. Dass Meinungsfreiheit nicht schrankenlos ist, dass sie gerade dort endet, wo die Würde von Opfern historischer Verbrechen zur Verhandlungsmasse wird, scheint im Berliner Gerichtssaal als altmodische Petitesse gegolten zu haben. Stattdessen triumphiert eine Auslegung, nach der die subjektive Empörungsabsicht der Sprecherin schwerer wiegt als der objektive Bedeutungsgehalt ihrer Worte. Wer sich moralisch im Recht fühlt, darf offenbar sprachlich alles – ein Freibrief, der weniger an liberale Rechtsstaatlichkeit erinnert als an die Logik politischer Erregungskollektive.

Die semantische Gleichsetzung als moralisches Verbrechen zweiter Ordnung

Denn machen wir uns nichts vor: Der Holocaust ist nicht einfach „ein Völkermord unter anderen“, nicht bloß ein historischer Referenzpunkt im Werkzeugkasten politischer Metaphorik. Er war ein staatlich organisierter, industriell betriebener Vernichtungsprozess, getragen von einer eliminatorischen Ideologie, die keinen Ausweg, keine Kapitulation, kein Überleben vorsah. Wer diesen Begriff auf einen asymmetrischen Krieg überträgt, mag subjektiv Empörung artikulieren – objektiv aber begeht er eine Gleichsetzung, die das historische Verbrechen entkernt. Dass ein deutsches Gericht dies nicht erkennt oder nicht erkennen will, ist kein Ausdruck von Sensibilität, sondern von moralischer Abstumpfung. Die Relativierung liegt nicht darin, den Holocaust kleinzureden, sondern darin, ihn überall hineinzuschreiben, bis er nichts Besonderes mehr ist.

Die politische Schlagseite des juristischen Feingefühls

Besonders unerquicklich wird das Ganze dort, wo man die politische Asymmetrie nicht mehr übersehen kann. Dieselben juristischen Instanzen, die hier mit spitzen Fingern jede mögliche Einschränkung der Meinungsfreiheit vermeiden, reagieren erfahrungsgemäß allergisch, wenn NS-Analogien aus dem rechten Spektrum kommen. Dann ist die historische Verantwortung plötzlich glasklar, die Grenze des Sagbaren scharf gezogen, der Strafrahmen schnell zur Hand. Man denke an Verfahren wegen vergleichsweise banaler Schmähungen, Stichwort „Schwachkopf“, bei denen der Staat seine Autorität mit bemerkenswerter Entschlossenheit verteidigt hat. Dass ausgerechnet beim Holocaust-Vergleich eine derartige Großzügigkeit herrscht, legt den Verdacht nahe, dass hier weniger rechtsstaatliche Prinzipien wirken als politisch-moralische Sympathien.

Die infantile Logik der guten Absicht

Das Urteil folgt einer Logik, die man aus sozialen Netzwerken kennt, nicht aus Gerichtssälen: Wenn die Absicht gut ist, kann die Wirkung nicht schlecht sein. Die Aktivistin wollte auf ziviles Leid aufmerksam machen, also kann ihre Wortwahl nicht problematisch sein – so etwa die implizite Argumentation. Doch Rechtsprechung, die sich an Absichten statt an Bedeutungen orientiert, verabschiedet sich von jeder objektiven Norm. Dann zählt nicht mehr, was gesagt wird, sondern wer es sagt und wofür. Das ist keine liberale Offenheit, das ist Gesinnungsjurisprudenz mit humanitärem Anstrich.

Die Satire, die keine mehr ist

Man könnte über all das lachen, wenn es nicht so unerquicklich ernst wäre. Ein Gericht, das erklärt, „Holocaust in Gaza“ sei keine Holocaust-Verharmlosung, liefert Stoff für bitterste Satire, für eine Groteske über den postmodernen Umgang mit Geschichte. Doch der Witz verpufft angesichts der Konsequenzen: Der Holocaust wird zum rhetorischen Universaljoker, Meinungsfreiheit zum moralischen Freifahrtschein, und die historische Verantwortung Deutschlands zu einer optionalen Fußnote. Wer das kritisiert, gilt als humorlos, als autoritär, als Diskursverhinderer – ein bequemes Etikett für alle, die Präzision und Maß einfordern.

Schlussakkord in Moll: Der Rechtsstaat als Zauberlehrling

Dieses Urteil ist kein Triumph der Freiheit, sondern ein Dokument der Hilflosigkeit. Ein Rechtsstaat, der den Holocaust nicht mehr als begriffliche rote Linie verteidigt, sondern ihn in den freien Verkehr politischer Polemik entlässt, verhält sich wie der Zauberlehrling, der die Geister rief und nun nicht mehr loswird. Meinungsfreiheit ohne historisches Bewusstsein ist keine Tugend, sondern Fahrlässigkeit. Und ein Gericht, das diese Fahrlässigkeit adelt, trägt nicht zur Aufklärung bei, sondern zur endgültigen Banalisierung des größten Verbrechens der deutschen Geschichte. Das ist scharf zu kritisieren – nicht trotz, sondern gerade im Namen eines ernst gemeinten Liberalismus.

Antisemitismus unter Quarantäne

Das Labor mit den dicken Wänden

Antisemitismus ist in Österreich ein Forschungsgegenstand, der unter Quarantäne steht, geschniegelt, nummeriert, mit Latexhandschuhen angefasst und nach getaner Betrachtung wieder sorgfältig in den Tresor gesperrt wird. Er darf das Labor nicht verlassen, denn draußen könnte er ansteckend sein, oder schlimmer noch: erkenntlich. Dort draußen nämlich trägt er längst keine Springerstiefel mehr, sondern modische Zeichen internationaler Solidarität, die sich als moralische Tarnkappen erweisen. Einst war alles einfacher, als der Antisemit noch geschniegelt geschniegelt kam, mit klarer politischer Etikette und eindeutiger Frisur, eine Karikatur seiner selbst, die man ohne Umwege fotografieren, katalogisieren und verdammen konnte. Damals ließ sich das Böse mit Pfeilen versehen, und die Pfeile zeigten stets nach rechts, wo sie hingehörten, so glaubte man. Der Forschungsgegenstand war bequem, weil er bestätigte, was man ohnehin wusste, und die Forschung bestand im Wesentlichen aus dem wiederholten Nicken vor dem Spiegel.

Heute jedoch ist der Antisemitismus ein Chamäleon, das seine Farbe wechselt, sobald der moralische Zeigefinger gehoben wird. Und weil er sich nicht mehr an die vertrauten Codes hält, wird er kurzerhand umetikettiert, bis er wieder in das vertraute Raster passt. Man nennt ihn Antizionismus, Israelkritik, Kontext, Perspektive, ja sogar Empathie. Alles Wörter, die so klingen, als seien sie mit Bedacht gewählt, dabei sind sie oft nichts als das intellektuelle Äquivalent einer Tarnkappe, unter der man sich unsichtbar macht, während man weiter zielt. Die Labortüren bleiben geschlossen, denn draußen müsste man anerkennen, dass das Phänomen gewandert ist, dass es sich neue Allianzen gesucht hat, neue Vokabeln, neue Bühnen. Und das würde bedeuten, die eigenen Denkgewohnheiten zu hinterfragen, eine Tätigkeit, die in der heimischen Intelligenzia ungefähr so beliebt ist wie ein ungefilterter Blick auf die eigene Doppelmoral.

Der Gratisgestus der Gerechten

Es gibt in diesem Land einen Reflex, der so zuverlässig ist wie der Applaus nach der Nationalhymne: Geht es gegen Rechts, dann ist die Betroffenheit grenzenlos, die Empörung großzügig, der moralische Kredit unbegrenzt. Man weiß genau, wo man stehen muss, um gesehen zu werden, und noch genauer, welche Sätze man sagen muss, um nichts zu riskieren. Antisemitismus von rechts ist der Gratisgestus der Gerechten, ein moralischer Selbstbedienungsladen, in dem man sich bedienen kann, ohne je zur Kassa gebeten zu werden. Er ist der Prüfstein, den man mit verbundenen Augen besteht, weil der Weg dorthin ausgetreten ist wie ein alter Pilgerpfad. Die richtigen Schlagworte, die richtigen Feinde, die richtige Pose – alles sitzt, alles passt, alles ist vertraut.

Ganz anders wird es, sobald der Blick nach links schweift oder in religiöse Milieus, die man sich mühsam als Opferreservate eingerichtet hat. Dort wird plötzlich gestottert, relativiert, kontextualisiert, dort werden Schwänze mit der Geschwindigkeit einer V2-Rakete wieder eingezogen, als hätte man sich versehentlich zu weit aus dem moralischen Fenster gelehnt. Man spricht von Einzelfällen, von importierten Konflikten, von kulturellen Missverständnissen, von allem, nur nicht von dem, was es ist. Die Sprache wird weich wie Watte, die Sätze krümmen sich vor lauter Vorsicht, und am Ende bleibt nichts übrig als ein diffuses Unbehagen, das man schnell wieder wegmoderiert. Kritik an antisemitischen Ressentiments in diesen Kontexten gilt als Zumutung, als Verrat an der eigenen Haltung, als gefährliches Spiel mit falschen Freunden. Also lässt man es bleiben, schweigt, nickt, schaut weg und nennt das dann Verantwortung.

Gedenktage mit Ablaufdatum

Zweimal im Jahr allerdings wird der Tresor geöffnet, feierlich, unter Blitzlicht und Kranzniederlegung. Am 27. Jänner und am 9. November darf die Betroffenheitsrhetorik ausgepackt werden wie ein gut gebügelter Anzug, der sonst im Schrank hängt. Man spricht von Nie wieder, man mahnt, man erinnert, man zeigt sich tief bewegt. Die Worte sind groß, die Gesten würdevoll, und für einen kurzen Moment scheint es, als habe das Labor tatsächlich einen Ausgang gefunden. Doch kaum ist der Kranz verwelkt, kaum sind die Kameras abgebaut, fällt die Tür wieder ins Schloss. Die restlichen 363 Tage herrscht Funkstille, als wäre Antisemitismus ein saisonales Phänomen, das man zwischen zwei Gedenkterminen getrost ignorieren kann.

In dieser langen Zwischenzeit wird das alte Ressentiment durch das Dorf getrieben, neu verkleidet, neu benannt, oft begleitet von Applaus aus jenen Reihen, die sich selbst für immun halten. Israelkritik wird zur Projektionsfläche, Antizionismus zur moralischen Ausrede, und wer darauf hinweist, dass hier alte Muster in neuen Gewändern auftreten, gilt schnell als Spielverderber, als jemand, der den Diskurs vergiftet. Dabei ist es nicht der Hinweis, der vergiftet, sondern das Gift selbst, das man nicht benennen will. Die Ironie liegt darin, dass ausgerechnet jene, die sich als besonders wachsam verstehen, blind werden, sobald die Gefahr nicht mehr aus der erwarteten Richtung kommt. So bleibt der Antisemitismus im Labor, sauber beschriftet, gut erforscht und völlig wirkungslos bekämpft, während er draußen längst seine Runden dreht, ungestört, ungeniert und bestens angepasst an die moralischen Moden der Zeit.

Alles ist erlaubt und alles ist Haltung

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.“ (1 Korinther 6:12)

Man möchte diesen Satz heute an Kirchentüren nageln, nicht als Bibelzitat, sondern als Warnhinweis. Denn was sich unter kirchlicher Aufsicht ereignet, ist weniger ein geistlicher Prozess als ein fortgeschrittener Kontrollverlust im Namen der Moral. Alles ist erlaubt, solange es sich gut anfühlt. Alles ist erlaubt, solange es twittertauglich ist. Alles ist erlaubt, solange es das richtige Publikum empört und das falsche verjagt. Nichts soll Macht haben über mich, sagt Paulus. Doch über die Kirchen hat längst etwas Macht gewonnen: die Angst, nicht mehr geliebt zu werden von jenen, die sie nie geliebt haben, sondern nur benutzen. Zurückbleiben soll eine kleine Herde, aber nicht die der Glaubenden, sondern die der pädagogisch Formbaren, der Dauerempörten, der Aktivisten mit Bastelbiografie. Eine Kirche, die sich nicht mehr an Gott bindet, sondern an Diskurse, entdeckt plötzlich, wie angenehm es ist, geführt zu werden.

Das Linsengericht der Relevanz

Die christliche Botschaft wird verramscht, nicht aus Not, sondern aus Gier nach Relevanz. Für ein Linsengericht aus Applaus, Fördergeldern und wohlmeinenden Kommentaren aus der linken Echokammer verkauft man das Erbe von Jahrhunderten. Was einmal Zumutung war, ist jetzt Einladung zum Mitmachen. Was einmal Erlösung versprach, verspricht heute Bewusstseinsarbeit. Aus Glaubensgemeinschaft wird ein politischer Stuhlkreis mit Kerze in der Mitte und Betroffenheitsrunde am Ende. Die Kirche will niemandem mehr wehtun, also tut sie niemandem mehr gut. Sie ist kein Stein des Anstoßes mehr, sondern ein Wattebausch, hygienisch verpackt, allergenfrei, folgenlos. Wer hier stolpert, stolpert höchstens über ein falsch gegendertes Fürbittenformular. Das Schrumpfen hat begonnen, und es ist kein Schicksal, sondern eine selbstgewählte Askese an Sinn.

Die neue Dreifaltigkeit der Bedeutungslosigkeit

Es gibt keine konfessionellen Unterschiede mehr, nur noch organisatorische. Evangelisch oder katholisch ist egal, entscheidend ist, dass die neue Dreifaltigkeit intakt bleibt: Kirchensteuer, Staatsnähe und linkes Politisieren. Der Vater ist der Haushalt, der Sohn die Kampagne, der Geist die moralische Erregungslage der Woche. Man glaubt nicht mehr, man positioniert sich. Man hofft nicht mehr, man fordert. Dogmen gelten als unzumutbar, Haltungen als heilsnotwendig. Die Ökumene findet ihre Einheit nicht im Glauben, sondern im gemeinsamen Abstieg in die Irrelevanz, begleitet von wohlklingenden Absichtserklärungen und dem leisen Rascheln der Austrittserklärungen.

Magdeburg oder der Triumph der Feigheit

Im Bistum Magdeburg, finanziell ausgehöhlt und geistlich entkernt, wird diese Entwicklung zur Karikatur ihrer selbst. Ein Bischof namens Feige fordert seine Gemeinden auf, im Landtagswahlkampf Flagge zu zeigen. Nicht die Fahne des Glaubens, sondern die der politischen Parteinahme. Pfarrer, Diakone, Sekretariate und Ehrenamtliche werden zu Wahlkampfhelfern geweiht, das Kreuz zur Requisite einer Kampagne. Man beschwört den Kampf gegen die AfD, als sei das Evangelium ein Aktionspapier und die Sakristei ein Koordinationsbüro. Partner heißen Stiftungen, Verbände, Dachorganisationen. Die Kirche sucht ihre Katholizität nicht mehr im Universalen, sondern im Netzwerk der moralisch Zertifizierten. Wer nicht mitsingt, gilt als verdächtig. Wer fragt, als gefährlich. Wer glaubt, als rückständig.

Partei mit Sakramentensteuer

Hier wird Partei ergriffen, offen, selbstgerecht, finanziert aus Kirchensteuermitteln. Man nennt es Initiative, Haltung, Verantwortung. In Wahrheit ist es geistliche Zweckentfremdung mit moralischem Heiligenschein. Die Kanzel wird zum Podium, die Predigt zur Pressemitteilung. Nur ein bestimmtes Milieu fühlt sich hier noch zuhause, ein Milieu, das seine eigenen Überzeugungen im Kirchraum gespiegelt sehen will. Alle anderen dürfen zahlen oder gehen. Die Kirche wird zur exklusiven Selbsthilfegruppe der moralisch Überzeugten, mit Anwesenheitspflicht und Austrittsoption.

Klimakrise als neue Erbsünde

Zum Anti-Rechts-Kampf gesellt sich der Kampf gegen die Erderwärmung, das zweite große Sakrament der neuen Kirchenfrömmigkeit. Bei der evangelischen Arbeitsstelle midi fragt man ernsthaft nach Seelsorge in der Klimakrise. Mission heißt nun Angstbegleitung, Diakonie heißt Gefühlsmanagement. Zu sphärischen Klängen erklärt man auf sozialen Plattformen, Kirche müsse Seelsorge im Horizont der Klimakrise denken. Als sei das Klima eine metaphysische Instanz, als sei CO₂ der neue Teufel und der Verzicht das neue Heil. Klimaängste werden pädagogisch umarmt, weil Angst bindet und Infantilität mobilisiert. Wer sich fürchtet, glaubt leichter. Wer sich schuldig fühlt, bleibt fügsam. Kirchen, die einst Hoffnung predigten, verwalten nun Befindlichkeiten.

Die infantile Autorität der Geste

Die Personalisierung dieser Entwicklung liefert die Präses der evangelischen Synode, die mit jugendlicher Ernsthaftigkeit „Fairschenken statt Geschenk“ vorschlägt und ein buntes „Fairtrade“-Band in die Kamera hält. Es ist die Liturgie des Bastelraums, die Theologie des gut Gemeinten. Hier spricht keine geistliche Autorität, sondern eine moralische Influencerin, deren Botschaft in jedem NGO-Newsletter stehen könnte. Klimaschutzaktivismus und Anti-Rechts-Kampf, garniert mit pädagogischer Niedlichkeit, bilden die Ökumene der schrumpfenden Kirchen. Man bettelt um Austritte und nennt es Erneuerung. Wer nach Transzendenz sucht, findet To-do-Listen. Wer Erlösung sucht, bekommt Hinweise zum richtigen Konsum.

Decolonizing Christmas!

Und selbst das Weihnachtsfest, einst die Zumutung der Inkarnation, bleibt nicht verschont. „Decolonizing Christmas!“ ruft es nun aus den ideologischen Sakristeien, als müsse man das Kind in der Krippe zuerst von seiner Geschichte befreien, bevor man es anbeten darf. Weihnachten wird zum pädagogischen Projekt, zur moralischen Großbaustelle, zur Gelegenheit, Schuld umzuschichten und Traditionen zu problematisieren. Die Geburt Gottes wird zur Fußnote, Hauptsache, die Haltung stimmt. Reich beschenkt wird nur das linke Gemüt, das sich selbst feiert im Glanz seiner eigenen Korrektheit. Die kleine Herde bleibt zurück, zufrieden, selbstgerecht, geistlich ausgehungert, und wundert sich, warum niemand mehr kommt, um mitzufeiern.

SIE SCHEISSSEN AUF UNS

Vorbemerkung eines müden Beobachters

Es beginnt selten mit einem Knall, sondern fast immer mit einem Gähnen. Mit diesem speziellen, leicht schmerzhaften Gähnen, das sich einstellt, wenn man zum hundertsten Mal dieselben Phrasen hört, vorgetragen mit der Gravitas frisch polierter Marmorstatuen, deren größte Leistung darin besteht, unbeweglich zu bleiben und dabei den Eindruck tiefer Bedeutung zu simulieren. Politik, dieses angeblich lebendige Gespräch zwischen Regierenden und Regierten, ist so zu einer Art einseitigem Hörspiel verkommen: gut ausgeleuchtet, professionell eingesprochen, aber ohne Rückkanal. Das Publikum zahlt brav Eintritt, klatscht auf Kommando, darf aber weder den Saal verlassen noch Zwischenrufe wagen. Und während auf der Bühne von Werten, Verantwortung und Zukunft gesprochen wird, während mit ernster Miene Begriffe wie Solidarität, Sicherheit und Zusammenhalt dekliniert werden, sitzt man unten im Parkett und spürt dieses leise, aber hartnäckige Gefühl, dass die Eliten ganz einfach auf uns scheißen – nicht aus Bosheit, sondern aus jener routinierten Gleichgültigkeit, die entsteht, wenn man zu lange auf rotem Teppich unterwegs ist und vergessen hat, wie sich normaler Boden anfühlt.

Unsere Demokratie – ihr Besitzanspruch

„Unsere Demokratie“ – das klingt wie eine warme Decke an einem kalten Abend, wie etwas, das schützt und einschließt. Tatsächlich erinnert es eher an einen komplizierten Mietvertrag, bei dem man zwar regelmäßig zahlt, aber die Fußnoten nie zu Gesicht bekommt. Dieses „Unsere“ ist kein inklusives Pronomen, sondern ein Besitzanzeiger. Es markiert ein Revier. Demokratie wird zur Marke, zur Corporate Identity eines politischen Betriebs, der Macht nicht mehr als Leihgabe auf Zeit begreift, sondern als Erbmasse, verwaltet von einem immer gleichen Personal, das sich gegenseitig bestätigt, beruft und entschuldigt. Wer widerspricht, stört nicht etwa eine Debatte, sondern einen Prozess. Kritik gilt nicht als notwendiger Sauerstoff, sondern als Sand im Getriebe. Zweifel werden pathologisiert, Skepsis moralisch abgewertet, und plötzlich steht nicht mehr die Frage im Raum, ob eine Entscheidung gut oder schlecht ist, sondern ob sie „dem System schadet“. Augenzwinkernd – und doch bitterernst – ließe sich sagen: Es ist eine Demokratie, die so sehr geliebt wird, dass man sie vor den Demokraten schützen muss.

Repräsentation ohne Repräsentierte

Hinzu kommt ein strukturelles Missverständnis, das längst zur stillschweigenden Doktrin geworden ist: Repräsentation wird mit Ersetzung verwechselt. Wer gewählt wurde, glaubt nicht selten, die Gewählten seien fortan entbehrlich. Das Volk mutiert zur Kulisse, zur statistischen Größe, zum gelegentlich zu befragenden Stimmungsbarometer, dessen Ausschläge man zwar registriert, aber nicht ernst nimmt. Beteiligung reduziert sich auf ritualisierte Akte, Mitsprache auf sorgfältig moderierte Formate, deren Ergebnisse folgenlos bleiben. So entsteht eine Politik, die formal legitimiert ist, sich aber inhaltlich entkoppelt hat – eine Herrschaft der Verfahren über die Anliegen, der Prozesse über die Lebensrealitäten.

Schutz vor Hass und Hetze oder die Liebe zur Leine

Kaum ein Begriff ist derzeit so nützlich wie jener von „Hass und Hetze“. Er ist moralisch unangreifbar, emotional hoch aufgeladen und von einer Dehnbarkeit, um die ihn jeder Gummiproduzent beneiden würde. Wer wollte schon für Hetze sein? Also nickt man zustimmend, während hinter dem Vorhang neue Filter, neue Überwachungsinstrumente und neue Sprachregelungen installiert werden. Natürlich alles nur zum Schutz. Schutz wovor? Vor verletzenden Worten heißt es. Vor Radikalisierung. Vor Desinformation. Gemeint ist oft etwas anderes: Schutz vor Kontrollverlust, vor unberechenbaren Meinungen, vor der anarchischen Zumutung freier Rede. Der Zyniker könnte sagen: Man liebt den Bürger so sehr, dass man ihm vorsorglich den Maulkorb anlegt – aus Fürsorge, versteht sich. Und der eigentliche Witz liegt darin, dass man uns dabei ernsthaft versichert, diese Leine sei in Wahrheit ein Sicherheitsgurt, angelegt zu unserem eigenen Besten.

Wir haben doch eh‘ die Wahl – Essen oder Heizen

Wie großzügig diese neue Form der Freiheit doch ist: Man überlässt uns die Wahl zwischen Kalorien und Kilowattstunden, zwischen leerem Magen und kalten Fingern, und verkauft das als Ausdruck erwachsener Selbstverantwortung. Endlich dürfen wir mitentscheiden – nicht über politische Weichenstellungen, nicht über Prioritäten der Macht, sondern darüber, welches Grundbedürfnis wir diesen Monat opfern möchten. Essen oder heizen, fragt man uns mit dem Tonfall eines wohlmeinenden Pädagogen, der weiß, dass echte Reife sich im Verzicht zeigt. Wer friert, hat eben zu viel gegessen, wer hungert, zu viel geheizt. Dass beides früher einmal als zivilisatorischer Mindeststandard galt, wird als nostalgische Marotte abgetan. Mangel heißt jetzt Resilienz, Armut heißt Anpassungsfähigkeit, und Verzicht wird zur moralischen Auszeichnung für jene, die sich alles andere ohnehin nicht mehr leisten können. Es ist die perverse Eleganz eines Systems, das seine eigenen Zumutungen naturalisiert und den Betroffenen dafür auch noch Dankbarkeit abverlangt. Essen oder heizen – das ist keine Krise, das ist ein Konzept. Und während man uns einredet, dies sei der Preis für eine bessere Zukunft, wird im Warmen entschieden, dass wir ihn gefälligst zu zahlen haben.

Moral als Verwaltungsinstrument

Moral ist dabei weniger Kompass als Werkzeug. Sie dient nicht mehr primär der Orientierung, sondern der Disziplinierung. Wer auf der richtigen Seite steht, darf sprechen, wer Fragen stellt, steht schnell im Verdacht, auf der falschen zu stehen. Die Grenze zwischen Argument und Gesinnungsprüfung verschwimmt. So entsteht ein Klima, in dem nicht mehr zählt, was gesagt wird, sondern wer es sagt – und mit welcher Haltung. Moralische Empörung ersetzt Analyse, Etikettierung ersetzt Diskussion. Das Ergebnis ist eine öffentliche Debatte, die zwar laut ist, aber hohl klingt, weil sie sich ständig im Kreis der immergleichen Selbstbestätigungen dreht.

Alternativlos oder die Kunst des Schicksals

„Alternativlos“ ist kein Argument, sondern ein Zauberspruch. Er verwandelt politische Entscheidungen in Naturereignisse, vergleichbar mit Erdbeben oder Ebbe und Flut. Wer Alternativen fordert, gilt nicht als demokratischer Diskutant, sondern als Realitätsverweigerer, als jemand, der den Ernst der Lage nicht begriffen hat. Der Zug fährt bereits, heißt es, und wer noch fragt, wohin, wird mitleidig belächelt. Unabwendbarkeit wird zum neuen Normal, Verantwortung löst sich auf wie Zucker im heißen Tee: Niemand wollte es so, aber alle mussten es tun. Die Ironie dabei ist von jener bitteren Sorte, die im Hals kratzt: Je weniger Alternativen man zulässt, desto lauter beschwört man die Freiheit. Es ist die Freiheit, genau das zu wollen, was ohnehin beschlossen wurde – und sich dafür auch noch dankbar zu zeigen.

Vorbereitung als Dauerzustand

Wenn ständig von Vorbereitung die Rede ist, dann meint das längst nicht mehr Vorsorge im klassischen Sinne, sondern eine permanente geistige Mobilmachung. Man soll sich gewöhnen: an neue Bedrohungen, neue Opfer, neue Einschränkungen, die morgen schon selbstverständlich sein sollen. Ausnahmezustände werden normalisiert, Notmaßnahmen verstetigt. Krieg – ob real oder rhetorisch – wird nicht mehr ausschließlich als Katastrophe gedacht, sondern als Option, als Mittel zur Formung von Loyalität und innerer Geschlossenheit. Natürlich will niemand Krieg, beteuern jene, die ihn sprachlich täglich einüben, die Szenarien zeichnen, Feindbilder pflegen und Opferbereitschaft einfordern. Und während man uns erklärt, dass all dies zu unserem Schutz geschehe, drängt sich der Verdacht auf, dass es weniger um Sicherheit geht als um Disziplin. Ein Volk in ständiger Alarmbereitschaft stellt weniger Fragen, es funktioniert besser.

Fazit

Am Ende bleibt das diffuse, aber hartnäckige Gefühl, dass hier etwas Grundlegendes verrutscht ist – nicht mit einem großen Knall, sondern mit der leisen Beharrlichkeit administrativer Selbstgewissheit. Politik hat sich vom Aushandlungsraum zur Belehrungsanstalt verwandelt, Demokratie vom offenen Versprechen zur geschützten Marke, Freiheit zur korrekt ausgeführten Pflicht. Unter dem Deckmantel von Schutz, Verantwortung und Alternativlosigkeit wird Zumutung normalisiert, Kontrolle moralisch geadelt und Mangel als Charakterfrage umgedeutet. Die Bürger erscheinen dabei weniger als Souverän, denn als zu verwaltende Größe, deren Zustimmung man voraussetzt, deren Einwände man aber als Störgeräusch empfindet.

Doch gerade in dieser Schieflage liegt auch der Rest an Hoffnung: im Erkennen der Mechanismen, im Durchschauen der Phrasen, im hartnäckigen Beharren darauf, dass politische Entscheidungen keine Naturgesetze sind und soziale Verelendung kein pädagogisches Mittel. Das zynische Lachen, die Satire, der polemische Widerspruch sind keine Flucht, sondern letzte Formen der Selbstbehauptung. Wer noch lacht, glaubt nicht mehr alles. Und wer nicht mehr alles glaubt, ist gefährlicher, als jede noch so gut gemeinte Kontrollmaßnahme es je verhindern könnte.

Trotzdem scheißen sie auf uns.

Ein Gedenktag betritt die Bühne,

und stolpert über den roten Teppich

Welttag gegen Islamophobie. Schon das Wortgebirge wirkt wie eine frisch asphaltierte Umgehungsstraße für Denkfaulheit, breit genug für Ministerlimousinen, NGOs und Hashtag-Karawanen zugleich. Ein Tag, der uns alle, kollektiv und mit ernster Miene, an die Hand nehmen will, damit wir endlich fühlen, was wir ohnehin fühlen sollen. Echt jetzt? Der Kalender, dieses stoische Tier, das früher Erntezeiten, Heiligengedenktage und Mondphasen verwaltete, wird zum moralischen Beichtstuhl mit Stempelautomat. Heute bitte reumütig sein, morgen solidarisch, übermorgen achtsam – und zwischendurch die Kaffeemaschine entkalken. Der Welttag gegen Islamophobie betritt diese Bühne mit der Grazie eines Elefanten im Porzellanladen der Begriffe: gut gemeint, schwer bewaffnet mit Pathos, und mit jener unerschütterlichen Gewissheit, dass Benennung bereits Bekämpfung sei. Als hätte man mit der Etikettierung des Problems schon dessen Lösung eingepackt, Geschenkpapier inklusive.

Die Magie des Benennens und das bequeme Sofa der Empörung

Es ist eine alte Hoffnung des modernen Moralmanagements, dass Dinge verschwinden, wenn man sie richtig nennt. Rassismus, Sexismus, Klimakrise – die Worte sollen wie Salzsäulen wirken, die das Unheil erstarren lassen. Islamophobie nun also, eine Vokabel, die mit klinischer Kälte Angst diagnostiziert und zugleich politisch erhitzt wird. Phobie klingt nach Couch, nach Therapeutin, nach Atemübungen. Sie klingt nicht nach Debatte. Wer eine Phobie hat, diskutiert nicht, der wird behandelt. Das ist der elegante Trick: Kritik wird zur Pathologie umetikettiert, Zweifel zur Krankheit, Widerspruch zur Symptomatik. Und der Welttag ist das Gruppentherapie-Seminar, in dem alle nicken, weil Nicken als gesund gilt. Dass damit nicht selten das Sofa der Empörung bequemer wird als der Stuhl der Analyse, ist kein Kollateralschaden, sondern das Designprinzip.

Opfer, Täter und die pädagogische Choreografie des Guten

Die Dramaturgie ist so vertraut, dass man sie im Halbschlaf mitsummen könnte. Da sind die Opfer, klar umrissen und in der Mehrzahl unsichtbar, da sind die Täter, vage, aber stets präsent, und dazwischen die Erzieherinnen der Nationen, die mit sanfter Strenge erklären, was man heute fühlen darf. Der Welttag gegen Islamophobie verspricht Schutz, liefert aber oft Symbolik; er ruft zur Solidarität auf und landet nicht selten bei der moralischen Selbstvergewisserung jener, die ohnehin überzeugt sind. Man trägt das richtige Abzeichen, postet das richtige Quadrat, formuliert den richtigen Satz – und geht dann beruhigt zum Tagesgeschäft über. Die Welt ist wieder in Ordnung, zumindest für 24 Stunden. Dass reale Diskriminierung nicht durch Hashtags verschwindet, ist eine triviale Wahrheit, die erstaunlich hartnäckig ignoriert wird, wenn der Applaus laut genug ist.

Kritik, die sich verkleidet, und Glaube, der sich verwechselt fühlt

Es gibt einen neuralgischen Punkt, an dem die Satire bitter wird: Dort, wo berechtigte Kritik an religiösen Institutionen, Texten oder Machtansprüchen in denselben Topf geworfen wird wie blanker Hass auf Menschen. Der Welttag gegen Islamophobie behauptet, zu differenzieren, lebt aber von der Undifferenziertheit seines Schlagworts. Wer Fragen stellt, riskiert, als Phobiker etikettiert zu werden; wer pauschalisiert, findet sich paradoxerweise im Schatten der guten Absichten wieder. Der Diskurs verengt sich, nicht weil jemand böse wäre, sondern weil die Bühne so gebaut ist. Religion wird zur Identität erklärt, Identität zur Unantastbarkeit, Unantastbarkeit zum Diskussionsverbot. Am Ende steht eine eigentümliche Allianz aus Wohlmeinenden und Machtbewussten, die beide von der Stille profitieren.

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit und der moralische Feiertagsrabatt

Kein Welttag ohne Sponsoren der Aufmerksamkeit. Medien lieben Anlässe, Aktivismus liebt Kalender, Politik liebt Rituale. Der Welttag gegen Islamophobie ist ein Sonderangebot im Supermarkt der Tugenden: Heute zwei zum Preis von einem – Mitgefühl und Selbstlob. Morgen wieder Normalbetrieb. In dieser Ökonomie zählt nicht die Tiefe der Auseinandersetzung, sondern die Reichweite der Geste. Komplexität ist schlecht für Klicks, Ambivalenz schlecht für Slogans. Also wird vereinfacht, zugespitzt, poliert. Dass Islamophobie ein reales Problem ist, steht außer Frage; dass seine Bekämpfung mehr erfordert als einen Tag, scheint hingegen eine unbequeme Erkenntnis zu sein, die man lieber auf morgen verschiebt. Der Feiertagsrabatt erlaubt es, die Mühe der Dauerarbeit aufzuschieben.

Die Satire als Notwehr der Vernunft

Lachen ist hier keine Respektlosigkeit, sondern ein Überlebensreflex. Wenn Begriffe zu Bannflüchen werden und Tage zu Dogmen, bleibt der Ironie nur die Rolle der Feuerwehr. Sie löscht nicht das Feuer, aber sie verhindert, dass der Rauch die Sicht vollständig nimmt. Ein augenzwinkernder Blick entlarvt die Mechanik: den inflationären Gebrauch des Ernstes, die pädagogische Pose, die moralische Erpressung mit dem guten Zweck. Satire fragt: Wem nützt das? Wer spricht? Wer schweigt? Und sie erlaubt, gleichzeitig zwei Gedanken zu halten: dass Menschen wegen ihres Glaubens diskriminiert werden und geschützt werden müssen – und dass der Diskurs darüber nicht in Watte gepackt, sondern geschärft gehört.

Jenseits des Kalenders eine Zumutung namens Alltag

Was wäre, wenn man den Welttag gegen Islamophobie ernst nähme, im wörtlichen Sinne? Wenn man ihn als Startschuss verstünde, nicht als Schlussapplaus? Das würde bedeuten, mühsam zu unterscheiden, konsequent zu widersprechen, unbequem zu bleiben. Es würde bedeuten, Hass klar zu benennen und Kritik nicht zu dämonisieren; Betroffene zu hören, ohne sie zu instrumentalisieren; Macht zu kontrollieren, auch wenn sie sich in religiöse Gewänder hüllt. Vor allem aber würde es bedeuten, den Kalender zu entmachten und den Alltag zu belasten. Denn Gerechtigkeit ist kein Event, sondern eine Praxis. Sie braucht keinen Welttag, um wichtig zu sein – und sie leidet, wenn sie auf einen reduziert wird.

Schluss ohne Schlussstrich

Echt jetzt? Ja, echt jetzt. Der Welttag gegen Islamophobie ist zugleich notwendig und unerquicklich, sinnvoll gemeint und unerquicklich umgesetzt, ein Symptom unserer Zeit, die Probleme gern datiert, statt sie zu bearbeiten. Man kann ihn begehen, ohne ihm zu verfallen. Man kann Solidarität zeigen, ohne Denkverbote zu verhängen. Und man kann, bei aller Ernsthaftigkeit, das Lachen nicht verlieren – dieses kleine, widerständige Lachen, das daran erinnert, dass Moral ohne Humor zur Pose erstarrt. Der Kalender mag markieren, was wichtig ist. Verstehen müssen wir es selbst.

Die Zitierkunst als moralische Kurzstrecke

Es beginnt, wie so viele Debatten des digitalen Zeitalters beginnen: mit einem Satz, der glänzt wie eine frisch polierte Münze, handlich, wohlklingend, scheinbar eindeutig. „Wenn jemand eine Person tötet, ist es, als habe er die ganze Menschheit getötet.“ Ein Satz, der sich hervorragend für Profilbilder eignet, für Tweets, für den schnellen moralischen Triumph im Kommentarbereich. Der Satz ist kurz genug, um nicht nach Kontext zu riechen, und er ist pathetisch genug, um Widerspruch schon im Ansatz zu ersticken. Wer möchte schon gegen die Rettung der ganzen Menschheit argumentieren? Und doch liegt genau hier der Reiz dieser Zitierkunst: Sie lebt von der Verkürzung, vom absichtsvollen Weglassen, vom eleganten Übergehen all jener Fußnoten, die das schöne Plakat in ein kompliziertes Gemälde verwandeln würden. Ich saß also in dieser Online-Debatte, in der mir Vers 5:32 als endgültiger Beweis für den Frieden des Islam präsentiert wurde, versehen mit der großzügigen Zusicherung, man werde die Religion verlassen, sollte das Gegenteil bewiesen werden. Ein religiöses „Money-back-Garantie“-Angebot, das allein schon literarisch verdächtig klang.

Der Kontext als ungebetener Gast

Denn der Kontext ist der Partycrasher jeder frommen Wohlfühllektüre. Er kommt unangekündigt, stellt unbequeme Fragen und öffnet Türen, hinter denen Dinge liegen, die man lieber nicht sehen möchte. Der vollständige Vers 5:32 beginnt nicht mit einer universellen Liebeserklärung an die Menschheit, sondern mit einer juristischen Verordnung „für die Kinder Israels“. Schon dieser Einstieg macht aus der vermeintlichen Menschheitsmaxime eine historisch und theologisch verortete Anweisung. Und dann folgt die berühmte Einschränkung, dieses kleine „außer“, das in der religiösen Exegese ungefähr die Sprengkraft eines ganzen Arsenals besitzt: außer wegen Mordes oder wegen „Unheil im Land“. Ein Satzteil, so unscheinbar wie ein Nebensatz, aber so folgenreich wie ein Urteilsspruch. Der Vers endet zudem mit der nüchternen Feststellung, dass viele trotzdem weiter Exzesse begehen. Kein hymnischer Friedensgesang also, sondern eher ein resignierter Blick auf die Unbelehrbarkeit der Menschen. Der schöne Satz verliert plötzlich seine Unschuld und wirkt eher wie ein Paragraph mit Strafklausel.

Wenn Ausleger sprechen, schweigt der Universalismus

An dieser Stelle betreten die klassischen Ausleger die Bühne, jene Instanzen, die im innerislamischen Diskurs nicht als optionale Kommentatoren gelten, sondern als autoritative Stimmen. Ibn Kathir etwa zitiert Saʿid ibn Jubayr mit der bemerkenswerten Präzisierung, dass es hier um das Blut eines Muslims geht. Nicht abstrakt „der Mensch“, sondern konkret „der Muslim“. Tötest du ihn, tötest du sinnbildlich alle; schützt du ihn, schützt du alle. Mujahid ibn Jabr verschärft diese Lesart noch, indem er die Strafe für den absichtlichen Mord an einer gläubigen Seele mit derjenigen gleichsetzt, die fällig wäre, hätte man die gesamte Menschheit getötet. Der Universalismus schrumpft hier auf die Größe der Gemeinschaft zusammen, die als gläubig definiert ist. Der Rest der Menschheit wird nicht ausdrücklich verdammt, aber er verschwindet aus dem moralischen Fokus wie Statisten aus einem schlecht beleuchteten Bühnenbild.

Das dehnbare Wort Unheil

Besonders elastisch wird die Argumentation beim Wort „fasād“, jenem „Unheil“, das als legitimer Grund für das Töten genannt wird. Ibn Kathir erklärt dieses Unheil in anderen Versen als Unglauben und Ungehorsam gegenüber Allah. Unheil ist demnach nicht nur das klassische Verbrechen, sondern auch die falsche Überzeugung. Wer nicht gehorcht, stört die kosmische Ordnung. Frieden entsteht nicht durch Koexistenz unterschiedlicher Weltanschauungen, sondern durch Gehorsam. Diese Definition ist von einer beunruhigenden Logik: Sie verwandelt den inneren Zustand des Glaubens in eine äußere Bedrohung. Der Andersdenkende wird nicht deshalb problematisch, weil er etwas tut, sondern weil er etwas ist. Der Schritt von der Metaphysik zur Strafjustiz ist hier erstaunlich kurz.

Al-Jalalayn und die Klarheit der Grausamkeit

Der Tafsir al-Jalalayn, bekannt für seine prägnante Nüchternheit, bringt diese Logik mit fast brutaler Klarheit auf den Punkt. „Verderbnis im Land“ umfasst dort Unglauben, Unzucht, Überfall und dergleichen. Die Aufzählung ist bezeichnend, weil sie moralische, soziale und theologische Kategorien vermischt, als seien sie gleichartige Verbrechen. Die Rettung eines Lebens wird zwar erwähnt, doch auch hier bleibt der Fokus auf der Heiligkeit der eigenen Gemeinschaft. Was als Schutz der Menschheit verkauft wird, erweist sich als Schutz der Norm. Die vielzitierte Humanität des Verses ist nicht falsch, aber sie ist selektiv. Sie gilt innerhalb eines Rahmens, der bereits entschieden hat, wer vollwertiger Träger dieser Humanität ist.

Die Nachbarverse als Nachruf auf die Sanftmut

Wer nun immer noch hofft, Vers 5:32 sei ein Ausrutscher im ansonsten friedlichen Duktus, sollte einen Blick auf die unmittelbar folgenden Verse werfen. 5:33 und 5:34 lesen sich wie ein mittelalterlicher Strafenkatalog, der keinen Zweifel daran lässt, wie ernst „Krieg gegen Allah und seinen Gesandten“ genommen wird. Hinrichtung, Kreuzigung, das Abschneiden von Händen und Füßen – die Sprache ist drastisch, die Bilder sind nichts für empfindsame Gemüter. Ein Hadith bei Abu Dawud macht die Sache nicht milder, sondern präziser: Diese Strafen beziehen sich auf Polytheisten, und Reue vor der Festnahme hebt die Strafe nicht auf. Reue ist hier kein humanistisches Rettungsboot, sondern bestenfalls eine metaphysische Beruhigung vor der Vollstreckung.

Der Frieden als rhetorische Kulisse

An diesem Punkt wird die ironische Spannung unerträglich: Ausgerechnet dieser Vers 5:32, eingebettet in einen Kontext harter Sanktionen und exklusiver Moral, wird als Kronzeuge für die Friedfertigkeit des Islam herangezogen. Es ist, als würde man ein einzelnes freundliches Wort aus einem Drohbrief zitieren und es zur Charakterstudie des Absenders erklären. Der Frieden fungiert hier als rhetorische Kulisse, hinter der sich ein normatives System verbirgt, das Gewalt nicht nur kennt, sondern unter bestimmten Voraussetzungen heiligt. Das macht den Islam nicht einzigartig unter den Religionen, aber es entlarvt die intellektuelle Unredlichkeit jener, die mit einem halben Vers eine ganze Theologie verteidigen wollen.

Das augenzwinkernde Fazit einer ernsten Lektüre

Am Ende dieser Debatte blieb mein Gegenüber übrigens still. Nicht konvertiert, nicht ausgetreten, einfach offline. Vielleicht war das die friedlichste Lösung von allen. Der Vers 5:32 ist kein Beweis für eine per se friedliche Religion, sondern ein Beispiel dafür, wie komplex, widersprüchlich und gefährlich vereinfachbar heilige Texte sind. Wer ihn ohne Kontext zitiert, betreibt keine Theologie, sondern Marketing. Und Marketing, das wissen wir, lebt von schönen Versprechen und kleinen Buchstaben. Die kleinen Buchstaben stehen hier in den Tafsiren, in den Einschränkungen, in den Nachbarversen. Sie zu lesen, ist weniger bequem, aber ehrlicher. Und vielleicht ist genau diese Ehrlichkeit der einzige Frieden, den man aus solchen Texten wirklich gewinnen kann.

Die Kunst des großzügigen Mangels

Es ist eine eigentümliche Alchemie, die große Städte beherrschen: Aus wachsendem Mangel wird moralischer Reichtum destilliert, aus leeren Kassen eine umso vollere Haltung. Während im Alltag der Ton rauer wird, Gebühren steigen wie schlecht gelaunte Hefeteige und das Wort „Sparen“ sich in Gespräche fräst wie eine ungebetene Leitkultur, entfaltet sich parallel eine stille Operette der Großzügigkeit. Sie spielt nicht auf den Bühnen, sondern in Förderlisten, Tabellen und Berichten, deren nüchterne Zahlenkolonnen erst bei genauerem Hinsehen ihr komisches Potenzial offenbaren. Denn nichts ist satirischer als eine Stadt, die zugleich den Gürtel enger schnallt und mit weit ausholender Geste Geld verteilt – nicht aus Überfluss, sondern aus Überzeugung.

Förderlisten als moderne Lyrik

Wer sich durch die Förderberichte arbeitet, entdeckt rasch, dass es sich dabei weniger um Verwaltungsdokumente als um eine Art unfreiwillige Literatur handelt. Titel wie „Ich wollte Wien lieben, aber ich habe mich nicht getraut“ wirken wie Fragmente eines urbanen Seelenromans, zufällig mit 5.000 Euro dotiert. Die „Freunde des Pornografischen Films“ wiederum klingen nach einer verschollenen Avantgarde-Bewegung zwischen Kunstkino und VHS-Nostalgie und werden mit 15.000 Euro bedacht, vermutlich um die Erinnerung daran wachzuhalten, dass Provokation auch dann subventioniert werden kann, wenn sie niemand mehr so recht provoziert. Der Kulturverein Tuntenstraße läuft – im wahrsten Sinn – davon und erhält über 10.000 Euro für eine Laufveranstaltung, was die Frage aufwirft, ob hier sportliche Betätigung oder performativer Aktivismus gefördert wird, oder schlicht die Idee, dass Bewegung an sich bereits ein politisches Statement ist.

Verhältnisse, die sich nicht rechnen wollen

Besonders delikat wird die Angelegenheit dort, wo Zahlen in direkte Nachbarschaft geraten. 32.500 Euro für Feuerwehrjugend und Katastrophenhilfsdienst – ein Betrag, der fast rührend bescheiden wirkt, wenn man ihn neben die 79.000 Euro legt, die der Verein zur Förderung gendersensibler Bubenarbeit erhält. Man möchte hier nicht gegeneinander aufrechnen, wird aber geradezu eingeladen dazu, denn die Förderpraxis selbst betreibt dieses Rechnen ungeniert. Chinesische Pensionisten feiern mit 2.000 Euro, iranische Senioren ebenfalls – kleine Beträge, gewiss, aber symbolisch aufgeladen wie diplomatische Miniaturen. Es ist, als würde die Stadt sagen: Wir sehen euch alle, und wir geben euch allen ein bisschen, nur nicht unbedingt denen, die gerade mit Sirenen durch die Nacht fahren.

Die große Zahl und ihr kleiner Schrecken

937 Millionen Euro an Förderungen in einem Jahr – eine Zahl, die sich dem Vorstellungsvermögen entzieht und gerade deshalb beruhigend wirken soll. Mehr als 715.000 Empfänger, Vereine, Organisationen oder Einzelpersonen werden bedacht, als handele es sich um eine urbane Version der Speisung der Fünftausend, nur eben mit Excel-Tabellen statt Brotlaiben. In dieser schieren Masse löst sich jede einzelne Entscheidung auf, wird zur statistischen Fußnote, zum unvermeidlichen Kollateraleffekt einer Politik, die nicht mehr fragt, ob etwas sinnvoll ist, sondern nur noch, ob es förderfähig formuliert wurde. Die Verwaltung wird zur Maschine, die Anträge verdaut und Geld ausspuckt, während draußen die Debatte über Einsparungen tobt wie ein schlecht synchronisiertes Hörspiel.

Globales Engagement, lokal bezahlt

Am augenfälligsten wird die Absurdität dort, wo die Stadt geografisch weit ausholt. Eine Schulbäckerei im Kongo, Bienenzucht in Burkina Faso, Ausbildung inhaftierter Jugendlicher in Bhutan – Projekte, die zweifellos edel klingen und moralisch schwer angreifbar sind, gerade deshalb aber eine besondere Reibung erzeugen. Denn während daheim von Verzicht gesprochen wird, finanziert man andernorts Hoffnung, Ausbildung und Honig. 30.866,97 Euro für Bienenzucht, ein Betrag mit zwei Dezimalstellen, der suggeriert, hier sei bis auf den letzten Cent gerechnet worden, obwohl die Grundsatzfrage längst unter dem Tisch liegt: Warum hier, warum jetzt, warum ausgerechnet von einer Stadt, die sich gleichzeitig in Sparappellen übt? Die Antwort bleibt diffus, irgendwo zwischen internationaler Verantwortung, politischer Symbolik und dem tief sitzenden Wunsch, gut zu sein, selbst wenn man es sich eigentlich nicht leisten kann.

Moral als Haushaltsposition

Vielleicht liegt das eigentliche Problem nicht in den einzelnen Projekten, sondern in der Logik dahinter. Moral wird zur Haushaltsposition, Solidarität zur Budgetzeile, und das schlechte Gewissen gegenüber der Welt lässt sich offenbar leichter finanzieren als der gute Zustand der eigenen Infrastruktur. Die Schulbäckerei im Kongo backt Brot, während in Wien über Schließtage und Gebühren diskutiert wird; die Imkerinnen in Burkina Faso lernen ein Handwerk, das zuvor kaum existierte, während man sich fragt, welches Handwerk hierzulande demnächst aus Spargründen verschwindet. Die Ironie ist nicht böse, sie ist leise, fast höflich, und gerade deshalb so wirksam.

Der Charme des gut Gemeinten

Am Ende bleibt ein schaler, aber auch komischer Nachgeschmack. Denn all diese Förderungen sind gut gemeint, und nichts ist satirisch ergiebiger als das gut Gemeinte, wenn es sich von der Realität abkoppelt. Die Stadt wird zur großzügigen Tante, die selbst knapp bei Kasse ist, aber nicht aufhören kann, Geschenke zu verteilen, weil Großzügigkeit längst Teil ihrer Identität geworden ist. Und so entsteht ein Zustand, in dem das Sparen gepredigt wird wie eine Tugend, während das Verteilen praktiziert wird wie ein Reflex. Man kann darüber den Kopf schütteln oder müde lächeln – oder beides zugleich. Denn vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Dass sich eine Stadt in ihren Förderlisten selbst parodiert, ohne es zu merken, und damit unbeabsichtigt eines der besten satirischen Essays schreibt, die man derzeit lesen kann – nur eben verteilt auf hunderte Seiten Verwaltungsprosa.

Advent am Rand des Abgrunds

Es gibt Sätze, die klingen wie ein Kaminfeuer, und andere, die klingen wie ein Streichholz im Munitionslager. „Wir würden auch entsprechende russische Übergriffe und Angriffe erwidern“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie, selbst wenn er in einem Fernsehstudio mit gedämpftem Licht, seriöser Krawatte und der beruhigenden Kulisse des öffentlich-rechtlichen Abendprogramms ausgesprochen wird. Die eigentliche Pointe dieses vorweihnachtlichen Moments liegt nicht einmal in der martialischen Wortwahl, sondern in der erstaunlichen Selbstverständlichkeit, mit der hier eine militärische Eskalationslogik als fast schon haushaltsübliche Option präsentiert wird, so als ginge es um die Erhöhung der Parkgebühren oder die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten. Man reibt sich die Augen, nicht weil man den Satz nicht verstanden hätte, sondern weil man ihn zu gut versteht: als Einladung, das Undenkbare denkbar und das Unmögliche plausibel zu machen, wenigstens für die Dauer eines Interviewsegments.

Friedenstruppen im Konjunktiv

Die Idee einer multinationalen Friedenstruppe lebt traditionell vom Konjunktiv. Sie schwebt in diesem grammatikalischen Schwebezustand zwischen Hoffnung und Halluzination, getragen von der Annahme, dass es irgendwann etwas geben wird, das man befrieden kann. In diesem Fall jedoch wird der Konjunktiv resolut durch den Indikativ ersetzt: Wir würden, wir werden, wir erwidern. Der Frieden selbst bleibt dabei eine Art Staffage, ein Bühnenbild aus Pappe, hinter dem bereits die Pyrotechnik gezündet wird. Dass es weder einen Waffenstillstand noch eine von allen Seiten akzeptierte Nachkriegsordnung gibt, wirkt im Eifer des geopolitischen Gefechts beinahe nebensächlich. Die Friedenstruppe wird nicht als Resultat eines mühsamen Aushandelns gedacht, sondern als Projektionsfläche für Entschlossenheit, als Symbolpolitik mit Stahlhelm.

Mandate aus dem Wunschkonzert

Noch erstaunlicher als der martialische Ton ist die Leichtigkeit, mit der die Frage des Mandats übersprungen wird, als handle es sich um eine lästige Fußnote. Wer erteilt eigentlich das Recht, militärische Gewalt anzuwenden, wenn „Übergriffe erwidert“ werden sollen? Der Sicherheitsrat mit seinem notorischen Veto-Problem? Irgendeine europäische Konstruktion, die auf dem Papier eindrucksvoll, in der Praxis jedoch unverbindlich bleibt? Oder genügt am Ende der moralische Imperativ, der sich selbst legitimiert, weil er sich gut anhört? In dieser Logik wird das Mandat zur Formsache, zur nachgereichten Formalität, während die eigentliche Handlung bereits im Kopf vollzogen ist. Man malt sich aus, was man tun würde, und übersieht dabei, dass genau dieses Ausmalen der erste Schritt in eine Realität sein kann, die niemand ernsthaft betreten wollte.

Historische Gespenster im Tarnanzug

Es gibt Bilder, die man nicht beschwört, wenn man es vermeiden kann. Die Vorstellung bewaffneter deutscher Soldaten, die einen russischen Angriff „erwidern“, gehört zweifellos dazu. Sie ist kein nüchternes Planspiel, sondern ein historisches Echo mit Nachhall, ein Gespenst im Tarnanzug, das sich weigert, in den Archiven zu bleiben. Wer diese Assoziation leichtfertig in Kauf nimmt, beweist entweder eine bemerkenswerte Geschichtsvergessenheit oder einen Zynismus, der sich hinter dem Gestus der Stärke verbirgt. Beides ist unerquicklich, zumal es hier nicht um abstrakte Schachfiguren geht, sondern um reale Menschen, reale Waffen und reale Eskalationsstufen, die sich bekanntlich nicht an Drehbücher halten.

Die Arithmetik der Unmöglichkeit

Rechnet man die Idee nüchtern durch, ergibt sich eine Arithmetik der Unmöglichkeit. Wer macht mit, wer bleibt draußen, wer trägt welche Risiken? Wer entscheidet im Ernstfall, ob ein Vorfall noch als „Übergriff“ gilt oder bereits als casus belli? Und wer übernimmt die politische Verantwortung, wenn aus dem erwiderten Angriff eine Kettenreaktion wird? Diese Fragen sind unerquicklich, also werden sie im wohligen Warmlicht der Entschlossenheitsrhetorik lieber ignoriert. Stattdessen setzt man auf das suggestive Potenzial klarer Worte, die Stärke signalisieren sollen und dabei vor allem eines verraten: ein erstaunlich simples Verständnis von militärischer Logik, die glaubt, Abschreckung ließe sich durch Talkshow-Sätze herstellen.

Der Kanzler als Brandstifter wider Willen

Dass all dies ausgerechnet in der Adventszeit geschieht, verleiht dem Ganzen eine zusätzliche, fast schon literarische Ironie. Während andernorts vom Frieden gesungen wird, jongliert man hier mit Szenarien bewaffneter Auseinandersetzung, als seien sie unvermeidliche Begleiterscheinungen einer verantwortungsvollen Politik. Der Kanzler erscheint dabei weniger als kühler Stratege denn als Brandstifter wider Willen, der glaubt, mit dem Feuer spielen zu können, ohne sich die Finger zu verbrennen. Die Pose der Führungsstärke kippt ins Groteske, sobald klar wird, dass sie auf Voraussetzungen basiert, die es schlicht nicht gibt.

Möchtegern Merziavelli

Am Ende bleibt der Eindruck eines politischen Moments, der mehr über das Selbstbild seines Urhebers verrät als über realistische Optionen. Der große Staatsdenker, der glaubt, mit demonstrativer Härte Geschichte zu schreiben, gerät zur Karikatur eines Merziavelli, der die Kunst der Macht mit der Kunst der markigen Formulierung verwechselt. Satirisch betrachtet ist das beinahe komisch: eine Tragödie im Entwurf, vorgetragen mit dem Ernst eines Mannes, der nicht merkt, dass er gerade den Witz liefert. Tragisch ist es dort, wo diese Worte nicht als rhetorische Fingerübung verstanden werden, sondern als ernst gemeinte Ankündigung. Denn wer im Spiel mit dem Feuer vergisst, dass es sich um echtes Feuer handelt, sollte sich nicht wundern, wenn am Ende mehr brennt als nur die Kerzen auf dem Adventskranz.

Der große Sonnenkredit, der niemals fällig wird

Es begann einst als heitere Hymne der techno-optimistischen Frühökologie: „Die Sonne schickt uns keine Rechnung.“ Ein Satz wie ein Wellness-Mantra, für Balkonien und Zukunftskongresse gleichermaßen geeignet. Franz Alt, damals publizistischer Hohepriester wohlsortierter Empörung und später Wanderprediger der erneuerbaren Seligkeit, veredelte den Spruch zum Kulturgut. „Wind und Sonne stellen keine Rechnung“ – womit er allerdings unterschlug, dass der Postbote vielleicht nichts verlangt, am Ende aber doch irgendein Finanzminister mit strengem Blick und spitzen Fingern die Hand aufhält. Es war die Zeit, als man glaubte, der Himmel sei eine Art kosmisches All-Inclusive-Paket, das sich selbst reinigt, selbst amortisiert und selbstverständlich klimaneutral lächelt. Wer solchem Optimismus widersprach, galt als Ketzer der Zukunftsromantik. Dabei war schon damals klar: Wenn die Sonne keine Rechnung schickt, dann übernehmen das andere sehr gerne. Und sie schicken gleich eine ganze Serie — monatlich, jährlich, mit Zins, Tilgung und dem freundlichen Hinweis: „Bitte nicht knicken.“

Der Eisbecher der Wahrheit

Irgendwann, zwischen Wahlkampfplakaten und talkshowtauglichen Milde-Bekundungen, sprach ein Umweltminister den legendären Satz: Die Energiewende werde den Durchschnittsbürger „nicht mehr als eine Kugel Eis im Monat“ kosten. Ein charmantes Bild – das jedoch den fatalen Fehler hatte, metaphorisch zu treffend zu sein. Denn während sich die Eispreise im Laufe der Jahre exorbitant vervielfachten, erhielten die Bürger nicht etwa eine klimatisierte Gratisgondel dazu, sondern durften feststellen, wie ihre Stromrechnungen das Niveau ambitionierter Feinschmeckerrestaurants erreichten. Entweder ist die Inflation schuld, oder die Politik hat sich schlicht geirrt. Wobei „geirrt“ ein Wort so mild wie Vanille ist; realistischer wäre „sich in der Stratosphäre der Wunschvorstellungen festgefahren“, während unten auf der Erde der Stromzähler rotiert wie ein überdrehter Dervisch.

Dann ziehen Sie sich warm an

Wind- und Solaranlagen haben etwas von launischen Künstlern: Wenn sie liefern, liefern sie grandios – wenn sie nicht liefern, herrscht Schweigen im Saal. Der Wind verstummt ohne Vorwarnung wie ein beleidigter Opernstar, die Sonne verschwindet hinter Wolkenformationen, die aussehen, als hätten sie persönlich etwas gegen photovoltaische Ambitionen. In solchen Momenten empfehlen manche Politiker pragmatisch: Man müsse eben den Alltag flexibler gestalten. Warum nicht nachts kochen, wenn der Wind günstig steht? Warum nicht bügeln, wenn die Sonne kräftig lacht? Und wenn die Heizung streikt, könne man einfach „einen Pullover anziehen“. Ein Ratschlag, der zwar menschliche Wärme simuliert, aber keinerlei Industriebetrieb überzeugt, der seine Maschinen nicht an Wetterberichte delegieren möchte. Hochöfen sind nicht gut gelaunt, wenn sie spontan pausieren müssen, und Chemieanlagen haben es weniger mit Geduld als mit thermodynamischer Präzision. Während der Durchschnittshaushalt also mit Strickware experimentieren darf, bleibt der Industrie nur die Frage: Wer bezahlt uns den Stillstand – und wann?

Die romantische Idee der grundlastlosen Zukunft

Einst waren Kraftwerke verlässliche Genossen: Man konnte sie hochfahren, runterfahren, sogar abschalten, ohne dass sie sich beleidigt zurückzogen. Kohle, Gas, Kernkraft – sie boten Grundlast wie ein altmodischer Butler, der nie fragt, warum man mitten in der Nacht noch Tee möchte. Mit der neuen Energiearchitektur hingegen werden Backup-Kraftwerke zu einer Art ewiger Bereitschaftspolizei verdammt: Sie stehen herum, dürfen aber selten handeln – außer wenn Wind und Sonne gemeinsam siesta machen. Der Staat will nun zahlen, damit sie bloß jederzeit bereit sind, ohne dass sie etwas leisten müssen. Ein Geschäftsmodell, das sich anhört, als hätte Kafka einen Wirtschaftskrimi geschrieben. Und wie immer bei kafkaesken Arrangements entsteht ein Parallelsystem, das so teuer ist wie ein Palast, der nur dafür gebaut wurde, leer zu stehen, aber ständig beheizt und bewacht werden muss.

Der Markt im Korsett

Das EEG war einmal gedacht als Geburtshelfer für eine neue, grüne Industrie – ein freundlicher Anschub, ein sanftes „Los, du kannst das!“. Doch wie es mit gut gemeinten Hilfen oft ist, wurden sie nicht abgeschafft, als das Kind laufen konnte. Stattdessen verwandelte sich der Markt allmählich in ein Subventions-Diorama. Die Vorrang-Einspeisung tat ihr Übriges: In einem System, in dem politisch ausgewählte Technologien stets zuerst ans Netz dürfen, fühlt sich die Marktwirtschaft nicht wohl, sondern ähnlich wie ein Rennpferd, das plötzlich im Ponyhof antreten soll. Wenn nun noch ein Kapazitätsmarkt folgt, der den Betreibern Geld fürs bloße Bereithalten überweist, ist das Ende jeglichen Wettbewerbs endgültig erreicht. Man könnte fast meinen, die Politik habe ein Herz für ökonomische Kuschelzonen – solange jemand anderes dafür bezahlt.

Das große Rückgrat und seine Kosten

Der notwendige Netzausbau gleicht einem ehrgeizigen Infrastruktur-Epos, das mit dem klassischen Satz beginnt: „Das wird alles gar nicht so teuer.“ Danach folgen Kapitel um Kapitel, in denen jede neue Kostenschätzung die vorherige wie eine nostalgische Erinnerung erscheinen lässt. Was einst als überschaubar galt, mutierte binnen weniger Jahre zu einer finanziellen Himalaya-Expedition. Kupferpreise steigen, Lithium wird zum neuen Gold der Energiewende, und die geschätzten Gesamtkosten erreichen astronomische Höhen, die in ihrer Dimension nur noch von Raumfahrtprogrammen übertroffen werden. Der Bürger erfährt davon zumeist nebenbei – vielleicht beim Frühstück, zwischen Marmelade und Morgenzeitung –, dass wieder einmal eine dreistellige Milliardensumme hinzugekommen ist. Es hat ein bisschen den Charme eines Haushalts, in dem jedes Zimmer renoviert werden muss, aber der Handwerker nie fertig wird und stets lächelt: „Es wird großartig – aber leider teurer.“

Das Paradox des Überflusses

An wind- und sonnendurchfluteten Tagen geschieht das Absurde: Es gibt zu viel Strom. Dann wird er verschenkt, verschenkt unter der Voraussetzung, dass man dafür zahlt. Ein Geschäftsmodell, das in jedem anderen Lebensbereich als paraphysikalische Satire durchginge. Während Verbraucher hohe Preise schultern, fließen überschüssige Megawatt ins Ausland – fröhlich subventioniert, als wären sie diplomatische Gastgeschenke. Es ist ein Energiesystem, das sich in selten dagewesener Konsequenz selbst widerspricht: Zu wenig Strom ist teuer, zu viel Strom ist ebenfalls teuer. Man könnte fast von einem harmonischen Gleichgewicht der Unrentabilität sprechen.

Die große Rechnung der Zukunft

Ein rein auf Wind und Sonne basierendes System erfordert Flächen, Speicher, Netze, Reservekapazitäten – ein gigantisches Bauteilesammelsurium, dessen Preisetiketten nur ungern öffentlich ausgestellt werden. Die Berechnungen einiger Institutionen führen zu Zahlen, die selbst abgeklärte Haushaltspolitiker an ihrem Kaffee ersticken lassen. Gleichzeitig gibt es Technologien, etwa aus dem Bereich moderner Kernkraft, die mit deutlich geringeren Gesamtkosten auskämen – doch sie führen im öffentlichen Diskurs häufig ein Schattendasein, als wären sie gesellschaftlich geächtete Cousins, die man nicht zu Familienfeiern einlädt. Dabei wäre es gerade in Zeiten großer fiskalischer Herausforderungen sinnvoll, nüchtern zu fragen: Welche Technik liefert am verlässlichsten, günstigsten und saubersten? Und nicht: Welche Technik gefällt gerade den lautesten Akteuren?

Energiepolitik als Frage der Vernunft

Wenn Wirtschaft, Infrastruktur, demografische Entwicklung und öffentliche Haushalte in den kommenden Jahren unter Druck geraten, dann wird die Energiefrage zum ultimativen Belastungstest. Energiepolitik ist kein romantisches Hobby, kein naturpädagogischer Ausflug, sondern das Fundament von Produktivität, Wohlstand und gesellschaftlicher Stabilität. Unternehmer sprechen oft schlichter als Politiker: „Wir brauchen konkurrenzfähige Energiepreise.“ Dieser Satz klingt banal, ist aber in seiner Wahrheit so schwer, dass ganze Nationen daran scheitern oder gedeihen. Wenn ein Mittelständler den Strompreis nicht mehr tragen kann, hilft ihm kein moralisches Schulterklopfen – er braucht Energie zu einem Preis, der es ihm erlaubt, zu produzieren, zu investieren, zu wachsen.

Der Weg liegt bereit

Die Lösungen liegen keineswegs im Nebel, sondern klar sichtbar: Technologieoffenheit statt Dogma, Wettbewerb statt Subventionskarussell, Rationalität statt Wetterabhängigkeit. Eine Energiepolitik, die den Mut hat, alle Optionen zu prüfen, statt sich ideologisch zu binden, könnte enorme Kosten sparen und gleichzeitig für Versorgungssicherheit sorgen. Die Frage ist nicht, ob der Weg existiert – sondern ob man bereit ist, ihn zu gehen. Wer die Zukunft gestalten will, braucht keine Wohlfühlmetaphern mehr, keine Eiscreme-Vergleiche und keine himmelsblauen Versprechen. Er braucht die Bereitschaft, Kosten ehrlich zu benennen, Nutzen sauber abzuwägen und Entscheidungen nicht nach Applaus, sondern nach Vernunft zu treffen.

Augen auf bei der Berufswahl – manche sind eben gleicher

Man sagt ja, die Berufswahl sei eine der entscheidenden Weichenstellungen des Lebens. Doch wehe dem, der nur träumt, statt den Blick scharf zu richten auf die unsichtbaren Hierarchien, die wie unsichtbare Seile über die Köpfe der „normalen“ Arbeitenden gespannt sind. Es gibt Berufe, die im besten Fall Erfüllung schenken, im schlimmsten Fall eine stille Resignation, und dann gibt es jene, die das Konzept „Gleichheit“ aushebeln, noch ehe der erste Arbeitstag begonnen hat. Willkommen in der wunderbaren Welt der EU-Elite. Hier wird Karriere nicht durch Leistung, sondern durch die Kunst der systematischen Selbstbeweihräucherung bemessen, während außen herum Familien auf der Strecke bleiben und die meisten Bürger froh sein dürfen, wenn sie die Monatsmiete mit ihrem spärlichen Einkommen abdecken können. Ein feuchter Traum für die einen, bittere Realität für die anderen.

Die Unerträglichkeit der EU-Elite

Wenn man die Gehaltslisten der EU-Beamten studiert, schlägt man unweigerlich die Hände über dem Kopf zusammen – nicht aus Erstaunen, sondern aus einer Mischung aus Fassungslosigkeit und bitterem Zynismus. Acht (!) Gehaltserhöhungen seit 2022 – und das rückwirkend! Drei Prozent hier, 1,2 Prozent dort, insgesamt seit zwei Jahren satte 22,8 Prozent. Alles korrekt berechnet nach der heiligen Formel von Eurostat, die Lebenshaltungskosten in Brüssel und Luxemburg zur Messlatte der Gerechtigkeit erhebt. Ein Exempel der Abgehobenheit, wenn man bedenkt, dass auf den Straßen der Städte Pensionisten Flaschen sammeln und die junge Generation sich fragen muss, wie sie überhaupt eine Wohnung bezahlen soll. Es ist, als hätten sich die Verantwortlichen im EU-Palast bewusst eine Parallelwelt geschaffen, in der Geld keine Relevanz mehr hat, außer als Ausdruck der eigenen Überlegenheit.

Heizen ein – die moralische Heizung des Luxus

Während außen das normale Leben sich mühsam durch Stagnation und Inflation kämpft, heizen die Eurokraten ihre Taschen mit Gehaltssteigerungen auf. Ursula von der Leyen, deren Name in den Medien wie ein Synonym für Wohlstand und Machterhalt klingt, darf sich auf rund 1000 Euro mehr pro Monat freuen, während die Durchschnittsfamilie überlegt, ob das nächste Schulessen noch in den Budgetplan passt. Man könnte sagen, dass diese Art der finanziellen Selbstbeheizung ein feuchter Traum ist – für die einen. Für den Rest bleibt es der bittere Nachgeschmack der sozialen Ungleichheit. Und dennoch wird all dies mit dem Zwinkern der Bürokratie legitimiert: „Die Kaufkraft muss gewahrt bleiben.“ Nur dass diese Kaufkraft ausschließlich in den Fluren der EU-Paläste existiert.

Familien auf der Strecke

Es ist bemerkenswert, wie nüchterne Zahlen – 67.400 aktive EU-Bedienstete, 30.500 Pensionisten, steigende Bezüge – die leisen Tragödien ausblenden, die sich in Parallelwelten abspielen. Familien zerfallen, Eltern arbeiten zwei Jobs, Großeltern leben am Rande der Armut, während irgendwo in Brüssel die achte Gehaltserhöhung in weniger als drei Jahren beschlossen wird. Wer behauptet, dies sei fair, lebt in einer Blase, die durch Zahlen, Tabellen und den ständigen Bezug auf „Lebenshaltungskosten“ rationalisiert wird. Ironischerweise sind es gerade diese Bürokraten, die am lautesten von sozialer Verantwortung sprechen, während die Realität der Bürger wie eine graue Leinwand draußen vor der Tür auf sie wartet.

Fazit: Ein Theater der Gleichheit

Wer nun meint, dies sei ein Skandal, liegt nicht falsch, aber er versteht nur die halbe Pointe. Es ist ein Theaterstück, in dem die Rollen sorgfältig verteilt sind: die Elite, unantastbar, mit Gehältern, die selbst die kühnsten Träume übersteigen, und die Masse, die zusieht, applaudiert oder resigniert, je nachdem, wie viel Energie noch übrig ist. Und während die Beamten ihre Taschen füllen, bleibt die Frage: Wer wacht eigentlich über die, die draußen stehen, sammeln, schuften und hoffen? Ein groteskes Schauspiel, satirisch und bitter zugleich, bei dem die Bühne groß genug ist für glanzvolle Statisten und kleine tragische Helden gleichermaßen – nur dass die eine Gruppe längst im Rampenlicht steht, während die andere hinter den Kulissen verschwindet.

Die theologische Großmut des Begehrens

Man müsste meinen, dass ein jahrtausendealtes Buch, das zwischen Wüstensand, Nomadenpolitiken und einer beeindruckend unzuverlässigen Textüberlieferung entstand, kein sonderliches Interesse daran haben dürfte, körperliche Lust in all ihrer schillernden, queeren, schwitzenden Pracht zu feiern. Doch, Überraschung: Genau dort, inmitten von Prophetenzorn und Apokalypsefantasien, findet sich das Hohelied – ein poetisches Kleinod, das mit der dreisten Selbstverständlichkeit einer Weinrebe auf dem Rücken einer Sonne tanzt. Eine Frau, die sich nehmen lässt, was ihr Herz begehrt, ohne Fußnoten, ohne Entschuldigungsfloskeln, ohne moraltheologische Begleitmusik. Ein Text, der Theologen über Jahrhunderte traumatisiert hat, weil er so schamlos erotisch war, dass sie sich gezwungen sahen, ihn als Allegorie umzudeuten – nur, um nicht mit der peinlichen Möglichkeit konfrontiert zu werden, dass Gott vielleicht tatsächlich menschliche Lust erträgt. Und schlimmer noch: sie gut heißt.

In einer Welt, die bis heute gerne so tut, als sei das Heilige per se keusch, verstaubt und papierdünn, steht dieses Buch wie ein trotziger Beleg dafür, dass der menschliche Körper keine göttliche Panne ist. Wenn die Urgeschichte verkündet, alles sei „sehr gut“, dann meint sie nicht: „außer dem, was Spaß macht.“ Es ist vielleicht genau diese befreiende Selbstverständlichkeit, die bis heute manchen religiösen und moralischen Gatekeeper wütender macht als jedes theologische Argument.

Die Sünde der Sünden: Die Pathologisierung der Lust

Die eigentliche Tragödie beginnt erst, wenn aus Lust – dieser uralten, warmblütigen Triebfeder des Lebendigseins – ein moralisches Überwachungsprojekt wird. Es ist beinahe komisch, wie systematisch über Jahrhunderte hinweg ausgerechnet jene Stellen der Bibel missbraucht wurden, die Machtmissbrauch kritisieren, um neue Formen von Kontrolle zu legitimieren. Paulus wollte im Kontext römischer Dekadenz warnen? Großartig! Dann lässt sich daraus sicher ein Dogma gegen alles ableiten, was auch nur im Entferntesten nach freudvoller Körperlichkeit riecht. Dass es ihm um Ausbeutung, Hierarchie, Erniedrigung ging, und nicht um die Frage, wer wen konsensuell begehrt – geschenkt. Die Kirchengeschichte hat schließlich Übung in produktiver Fehlinterpretation.

Es ist die Ironie des Jahrhunderts, dass gerade jene Bibelstellen, die Würde schützen wollen, genutzt wurden, um Millionen Menschen diese Würde systematisch zu verweigern. Lust wurde zur Gefahr erklärt, nicht weil sie gefährlich wäre, sondern weil sie sich schwer kontrollieren lässt. Sie hat die schlechte Eigenschaft, Menschen lebendig zu machen. Lebendigkeit aber ist Gift für Systeme, die von Angst leben. Und es ist erstaunlich, wie zäh sich Angst hält, wenn sie einmal ein moralisches Etikett bekommen hat.

Der göttliche Körper: Ein Skandal mit Fleisch und Knochen

Man stelle sich die Gesichter der frühen Dogmatiker vor, als sie ernsthaft darüber diskutieren mussten, was es bedeutet, dass Gott Mensch wird – mit Schweißdrüsen, müden Augen, einem Magen, der knurrt. Körperlichkeit war plötzlich kein Mangel, sondern ein göttlicher Modus. „Der Logos wurde Fleisch“ – was für eine unverschämte Formulierung. Fleisch, nicht Idee. Berührbar, greifbar, sinnlich, verletzlich. Ein Gott, der sich anfassen lässt, ist ein Skandal für jede Form spirituellen Elitismus. Es ist schwer, Menschen einzureden, sie müssten sich für ihre Körper schämen, wenn selbst das Göttliche sich nicht zu schade ist, in einem zu wohnen.

Und dann der Heilige Geist: eine grammatikalisch queere Offenbarung. Sächlich im Griechischen, weiblich im Hebräischen, und in jeder Hinsicht unfügsam gegenüber dem Bedürfnis, metaphysische Geschlechtergrenzen zu ziehen. Die frühe Gemeinde war ein Experiment der Zugehörigkeit jenseits der Norm – nicht, weil sie besonders progressiv sein wollte, sondern weil der Geist sie dazu zwang. Wer das ernst nimmt, kann Tradition nicht gleichzeitig als Bollwerk gegen Vielfalt missbrauchen.

Ein Ethos der Lust: Befreiung statt Befehl

Vielleicht ist es an der Zeit, die Frage „Ist es erlaubt?“ endgültig in den theologischen Recyclingcontainer zu werfen, in dem sie längst verrottet. Die Bibel selbst macht klar: Der eigentliche Maßstab ist das Gute. Das, was heilt. Das, was niemanden zum Objekt degradiert. Lust ist weder Segen noch Fluch – sie ist eine Kraft. Und wie jede Kraft kann sie zerstören oder befreien, je nachdem, ob sie in Machtgefälle gebannt oder in Gleichwürdigkeit gelebt wird.

Ein queer-feministisches Ethos der Lust ist kein hedonistisches Freifahrtszeichen, wie seine Gegner gerne suggerieren, sondern eine Ethik der Verantwortlichkeit. Es ist der Versuch, Lust aus den Fängen von Scham und Kontrolle zu befreien und sie dort zu verankern, wo sie hingehört: in der Würde, der Freiheit, der Zärtlichkeit.

Vision einer befreiten Gemeinschaft

Es ist fast schon zynisch-komisch, wie oft religiöse Gemeinschaften Angst vor der Freiheit haben, obwohl die Bibel ihre heiligste Botschaft daraus formt. „Zur Freiheit hat Christus befreit“ – ein Satz, der eigentlich das Ende jeder moralischen Gängelung bedeutet. Und doch wird er regelmäßig in sein Gegenteil verkehrt. Man stelle sich jedoch eine Gemeinschaft vor, die diesen Satz ernst nimmt. Eine Gemeinschaft, die nicht fragt, ob Menschen normgerecht lieben, sondern ob sie im Lieben heil werden. Eine, die nicht Gesichter sortiert, Identitäten katalogisiert oder Begehren klassifiziert, sondern die Vielfalt feiert wie eine liturgische Farbe des Lebens.

Eine Kirche – oder irgendeine Form von Gemeinschaft – die Hohelied, Inkarnation und Pfingsten nicht als Textbausteine betrachtet, sondern als radikal-inspirierende Modelle: Lust, die nicht beschämt wird. Körper, die nicht diszipliniert werden. Freiheit, die sich nicht entschuldigt.

Schluss: Die ehrliche Lust und der unehrliche Moralismus

Vielleicht ist die größte theologische Wahrheit, die wir der Lust entreißen können, genau dies: Sie braucht keine Rechtfertigung. Es ist der Moralismus, der sich ständig rechtfertigen muss – mit Verboten, Dogmen, Grenzzäunen, Angst. Lust ist einfach da. Warm, lebendig, unumstößlich. Ein göttliches Geschenk, das sich nicht einpacken, etikettieren oder katechetisch regulieren lässt.

Wenn Liebe furchtlos wird, Lust würdevoll bleibt und Vielfalt als Segen strahlt, dann entsteht etwas, das der Bibel näher kommt als alle moralischen Anweisungen dieser Welt. Vielleicht ist es genau dann, in diesen Momenten des unverschämten Lebens, dass das Heilige am greifbarsten wird.

Amen – oder wie manche sagen: So sei es, so werde es, so lebe es.

Vier Namen wie Kontinente

Es gibt Namen, die klingen wie Verse eines vergessenen Epos, und dann gibt es jene, die sich bereits beim ersten Lesen wie das Inhaltsverzeichnis eines überlangen Amtsblattes anfühlen. Joachim-Friedrich Martin Josef Merz, Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron, Sir Keir Rodney Starmer und Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj – vier Namen, die beim Aussprechen den Atem verkürzen, beim Erinnern das Gedächtnis strapazieren und in politischen Gesprächen wirken wie eine unbeabsichtigte Zungenakrobatik für Fortgeschrittene. Man könnte sagen: vier lange Namen, vier lange Gesichter; doch das wäre zu einfach. In Wahrheit sind sie eine Art literarische Koalition – nicht die legendäre Allianz der Willigen, sondern eher jene der Unfreiwilligen: ein Quartett, das weniger wie eine politische Formation als vielmehr wie eine improvisierte Schicksalsgemeinschaft in einem interkontinentalen Wartezimmer wirkt, in dem niemand zugeben will, dass er längst die falsche Nummer gezogen hat.

Die Looser-Koalition, oder: Wie man regiert, ohne dass jemand es wollte

Es gibt politische Siege, die sich wie Niederlagen anfühlen, und politische Niederlagen, die sich wie schlecht gealterte Kabarettpointen anhören. Die Looser-Koalition, wie man dieses internationale Ensemble nennen könnte, hat sich keines davon ausgesucht – und steht doch mitten darin. Man stelle sich ein Tischtennisturnier vor, bei dem jeder Spieler glaubt, das Turnier gewonnen zu haben, obwohl längst keiner den Ball trifft. Macron schafft es, mit der Eleganz eines Pariser Theaterintendanten durchs politische Chaos zu schreiten, stets so, als würde er jederzeit ein Zitat von Molière zur Hand haben – nur dass das Publikum zunehmend aus der Tür strömt. Starmer hingegen wirkt wie ein hochsymmetrisch konstruiertes Paradox: Ein Mann, der sich dem Pragmatismus verschrieben hat, aber so pragmatisch ist, dass er gelegentlich vergisst, wofür er eigentlich pragmatisch sein wollte. Merz wiederum – die Gravitation bürgerlicher Strenge, zur politischen Figur geronnen – versucht tapfer, den Eindruck zu erwecken, er habe die Realität fest im Griff, obwohl diese ihm längst wie ein besonders widerspenstiges Haushuhn entwischt ist und gackernd im Garten herumrennt. Und Selenskyj? Er spielt die Rolle, die er einst geschrieben bekam, weiter – allerdings befindet sich der Drehbuchautor seit geraumer Zeit im unbezahlten Urlaub, und der Abspann seiner Amtszeit wäre eigentlich schon vor zwei Jahren gelaufen, hätte nicht die Geschichte einen eigenwilligen Sinn für Improvisation entwickelt.

Politische Mandate, die wie überfällige Bibliotheksbücher wirken

Es ist ein eigentümlicher Anblick: Die einen regieren ohne Mehrheit, der andere ohne gültiges Mandat. Jeder von ihnen hält etwas in der Hand, das offiziell Macht heißen soll, sich aber anfühlt wie ein ausgeliehener Schirm, den man längst hätte zurückgeben müssen. Stattdessen wird er weitergereicht, nur damit niemand bemerken möge, wie löchrig das Dach längst geworden ist. Die drei europäischen Musketiere – Merz, Macron, Starmer – posieren in ihren jeweiligen politischen Bühnenbildern gerne so, als wären sie noch jene graziösen Hauptdarsteller, die mit mutigem Blick das Publikum bannen. Und doch scheint es manchmal, als würden sie nur noch für die Souffleuse spielen, die ihnen unbeirrt jene Zeilen zuflüstert, die das Publikum schon lange nicht mehr hören will. Selenskyj hingegen sitzt auf einem Stuhl, der eigentlich ersetzt werden müsste, aber noch lange nicht wackelt, weil die Umstände verhindern, dass überhaupt jemand Zeit fände, zwischen Bombenalarm und internationalem Pressetermin nach dem passenden Werkzeug zu suchen.

Weltpolitik als großes Improvisationstheater

Man könnte meinen, Weltpolitik sei ein straff organisiertes Konzert, ein präzise dirigiertes Zusammenspiel von Interessen, Strategien und historischen Notwendigkeiten. Doch in den Händen dieser vier Herren ähnelt sie eher einer jazzigen Jam-Session, bei der jeder glaubt, gerade ein Solo zu spielen, obwohl das Publikum eigentlich nur auf den Moment wartet, in dem endlich wieder jemand den Takt findet. Macron moduliert sein Falsett der Grande Nation so kunstvoll, dass selbst der schiefste Ton noch in eleganter Arroganz schillert. Merz hingegen lässt jeden Satz so klingen, als sei er mit chirurgischer Präzision aus einem Lehrbuch für unverrückbare Gewissheiten geschnitten. Starmer wiederum murmelt so nüchterne Analysen, dass selbst nüchterne Analysen sich neben ihm opulent vorkommen. Selenskyj schließlich schlägt die Trommel der moralischen Dringlichkeit mit einer Intensität, die man bewundern muss – allerdings weiß niemand mehr genau, ob das Publikum gerade die Melodie hört oder nur den Lärm der Umstände.

Eine Allianz des Dauerernsten – aber mit komischem Timing

Die eigentliche Ironie dieser Koalition der Unfreiwilligen liegt nicht in ihrer politischen Lage, sondern in ihrer Mimik. Vier Gesichter, die permanent wirken, als wäre die Welt eine permanente Zumutung – und dennoch besitzen sie eine Art unfreiwillige Komik. Selenskyjs angespannte Entschlossenheit hat etwas Tragikomisches, als würde er versuchen, gleichzeitig Hamlet und den tragischen Clown eines Schwarzweißfilms zu spielen. Macrons aristokratische Überheblichkeit gleicht einer französischen Version von „Ich bin nicht überfordert, ihr seid nur ungehobelt“. Starmer trägt die stolze Maske des Mannes, der viel zu lange Polizist, Anwalt und Oppositionsführer war, um noch an spontane Lebensfreude zu glauben. Und Merz – nun ja, Merz wirkt, als würde er seit Jahrzehnten gegen ein unsichtbares Unrecht ankämpfen, das niemand sonst erkennen kann, weil es vielleicht gar keines ist.

Epilog: Eine Koalition, die es nie geben wird – und doch immer existiert

Diese vier Männer werden niemals gemeinsam an einem Tisch sitzen, um eine Regierung zu bilden. Sie sind kein Bündnis, keine Achse, keine Verschwörung – sie sind eher die zufällige Konstellation einer historischen Zwischenphase, in der Macht und Legitimation wie zwei schlecht gelaunte Brüder an unterschiedlichen Orten übernachten und nur gelegentlich daran erinnert werden, dass sie eigentlich zusammengehören. Die Looser-Koalition existiert nur als Bild, als ein grotesk-satirischer Aggregatzustand, der die internationale Politik wie eine besonders absurde Theateraufführung erscheinen lässt. Und vielleicht – nur vielleicht – zeigt sie uns, dass die Welt nicht von den Mächtigen regiert wird, sondern von jenen, die trotz fehlender Mehrheit oder überfälliger Wahl schlicht weitermachen müssen, weil die Geschichte keinen Pausenknopf kennt.

Eine Koalition also, die niemand gewählt hat, die niemand führen will, die aber dennoch jeden Tag weiter existiert – eine tragikomische, literarisch schwer zu überbietende Paradoxie, die sich nur mit einem Wort beschreiben lässt: unvermeidlich.

Der digitale Blick durch den Briefschlitz

Man stelle sich vor, ein gelbes Fahrzeug rollt durch die Hallen eines Logistikimperiums, in dem Pakete wie verschämte Postgeheimnisse zwischen metallenen Containern schlummern. Der Duft von Tinte, Karton und ambitionierter Bürokratie hängt in der Luft, während irgendwo zwischen Förderbändern und Scannerpiepen die feinen Rädchen der modernen Datenökonomie mahlen. Inmitten dieser sorgfältig orchestrierten Effizienz hat die Post, dieses national-vertraute Vehikel der Korrespondenz, sich auf das Abenteuer der politischen Psychographie eingelassen: Sie berechnete, mit welcher Wahrscheinlichkeit Herr und Frau Durchschnitt sich von bestimmten Parteiprogrammen angezogen fühlen. Nicht durch öffentliche Debatten, nicht durch Wahlkampfreden, sondern durch die nüchterne Mathematik der statistischen Wahrscheinlichkeit. Ein Schritt, so subtil wie ein Elefant im Porzellanladen, aber dafür mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks – und mit der Raffinesse eines Taschenspielertricks. Die Post wusste plötzlich mehr über unsere politischen Vorlieben, als wir selbst manchmal am Frühstückstisch zugeben wollten.

Vom Briefkasten zum Verfassungsgerichtshof

Es klingt fast wie eine Komödie: Ein Unternehmen, das sich jahrzehntelang damit beschäftigt hat, Briefe, Pakete und gelegentlich auch verlorene Rechnungen zuzustellen, findet sich nun auf den Stufen eines Gerichtshofs wieder, um sich gegen die Zahlung von 16 Millionen Euro zu wehren. Nicht, weil es sich um eine bankrotte Marionette handelt, die ihre Pflicht verweigert, sondern weil sie argumentiert, dass das Strafverfahren einen „verfassungswidrigen Mangel“ aufweise – eine Art von Logik, die nur jene entwickeln können, die ihr Leben lang Pakete sortiert, und dabei die Welt als ein gigantisches Raster aus Adressen und Wahrscheinlichkeiten betrachten. Dass die beteiligten Mitarbeiter nicht als Beschuldigte, sondern als Zeugen aussagen mussten, wird als „Schlechterstellung“ empfunden, was den ironischen Reiz des Ganzen noch steigert: Die Verantwortung wird kollektiv geschoben, während die individuelle Schuld ins Virtuelle aufgelöst wird. Man könnte fast meinen, dass die Post hier nicht nur Daten, sondern auch den gesunden Menschenverstand ihrer Kunden verarbeitet hat.

Die subtile Diktatur der Daten

Die ganze Angelegenheit offenbart das zutiefst paradoxe Verhältnis moderner Gesellschaften zu ihren eigenen Informationen. Wir geben Daten hin wie Bonbons an Kinder, empfangen dafür personalisierte Werbung und das beruhigende Gefühl, dass jemand irgendwo unsere Interessen kennt – und trotzdem empören wir uns, wenn diese Kenntnis auch einmal zur Kenntnis genommen wird. Die Post ist dabei weniger der Bösewicht als die reine Abstraktion unserer eigenen Bereitschaft, Privatsphäre gegen Bequemlichkeit einzutauschen. Wer wollte schon auf das Prospekt verzichten, das uns genau jene Schuhe zeigt, die wir am Vorabend noch heimlich bei Google gesucht haben? Wer hätte gedacht, dass ein Briefkasten mehr über politische Präferenzen preisgibt als die angestrengt-kontrollierte Miene bei Familienfeiern?

Ein satirisches Spiegelkabinett

Man könnte den Fall als Lehrstück betrachten: ein modernes Spiegelkabinett, in dem alle Beteiligten gleichzeitig Täter, Opfer, Zeuge und Zuschauer sind. Die Post kämpft vor dem höchsten Verfassungsgericht, nicht gegen moralisches Versagen, sondern gegen die Summe einer abstrakten, gesetzlich kodifizierten Strafe. Die ironische Note liegt darin, dass das Unternehmen, das jahrzehntelang Vertrauen genoss, nun den Spiegel hält und sich über die Reflexion seiner eigenen Macht wundert. Das Ganze wirkt wie ein absurdes Theaterstück, bei dem die Rollen permanent wechseln: Bürger, die ihre Daten freiwillig preisgeben; Unternehmen, die diese Daten nutzen; Gerichte, die darüber wachen, dass alles rechtmäßig bleibt; und der Verfassungsgerichtshof als Meta-Publikum, das über die Sinnhaftigkeit der Inszenierung entscheidet.

Epilog in Postgelb

Am Ende bleibt ein bitter-süßer Nachgeschmack: Die Post, jenes Symbol nationaler Verlässlichkeit, hat uns gezeigt, dass Daten mehr sind als Zahlen und Statistiken. Sie sind Spiegelungen unserer selbst, Vergrößerungsgläser unserer Entscheidungen, manchmal auch Witzobjekte in einem makabren Satirekabarett. Wer in diesen Hallen der Logistik und Statistik arbeitet, weiß, dass er im Prinzip nie wirklich den Menschen trifft – nur dessen digitalisierte, verpackte, prospektgeeignete Version. Und während wir uns über Millionenstrafen, Verwaltungsverfahren und Zeugenaussagen echauffieren, lächelt irgendwo ein Algorithmus hinter den Kulissen, der genau versteht, warum wir all das so wunderbar tragikomisch finden.

Wenn der Strom nicht fließt, aber die Pointen sprühen

Es gibt historische Momente, in denen sich die Menschheit fragt, ob sie dem Fortschritt nun jubelnd entgegenschreitet oder ihm mit einer Fackel in der einen und einem Verlängerungskabel in der anderen Hand hinterherhinkt. Die Verabschiedung des neuen Elektrizitätswirtschaftsgesetzes – jener 150-seitigen, 191-paragrafigen literarischen Großform, die wie ein Kafka-Roman beginnt und wie eine technische Bedienungsanleitung endet – gehört zweifellos zu diesen Sternstunden der politischen Pyrotechnik. Und weil im Sitzungssaal des österreichischen Parlaments die Funken flogen, ohne dass dabei irgendjemand Gefahr lief, eine Übertragungsleitung zu überhitzen, darf man getrost fragen: Soll ich jetzt eigentlich heizen – oder heizt man erst nach Abschaffung der Merit-Order?
Eine Frage, die in ihrer absurden Klarheit jede noch so gut gemeinte Reform zu einem schmelzenden Eiswürfel im heißen Suppentopf der energiepolitischen Realität macht.

Wenn die Politik den Strommarkt erklärt – und der Strommarkt höflich nickt

Schön ist es ja immerhin, dass ein neuer Rechtsrahmen für einen „sich schnell wandelnden Markt“ geschaffen wurde. Märkte wandeln sich bekanntlich gern schnell, wenn man sie lang genug ignoriert. Und so präsentiert man nun voller Stolz eine Reform, die – wie die anwesenden Parlamentarier nicht müde wurden zu betonen – die größte seit zwanzig Jahren sei. Da es sich aber in sämtlichen Bereichen des modernen Lebens empfiehlt, bei Gigantismen vorsichtig zu sein (man denke an Lebensmittelverpackungen, die „extra groß!“ versprechen und nur voller Luft sind), sollte man doch zumindest kurz innehalten:

Groß ist hier nämlich vieles – insbesondere die Hoffnung, dass Strompreise „runtergehen“, während gleichzeitig Netze modernisiert, Speicher befreit und Tarife gedeckelt werden; ein politökonomisches Perpetuum Mobile, das allein schon deshalb unmöglich ist, weil bei jeder politischen Bewegung mehr Reibung entsteht als in einem schlecht gewarteten Umspannwerk.

Der Sozialtarif: Die Quadratur des sozialen Kreises mit Energieleitwert

Man darf den Architekten dieser Energiewende-Miniaturausgabe nicht vorwerfen, dass sie es nicht gut meinen. Da werden 290.000 Menschen zu Gewinnern ausgerufen, die künftig rund 300 Euro sparen. Eine mathematische Schönheit, die sich aus 2.900 Kilowattstunden zu sechs Cent ergibt – eine Preisgestaltung, die an jenen religiösen Glauben grenzt, dass Energieunternehmen plötzlich Wohltätigkeitsorganisationen werden, nur weil man ihnen politisch die Daumenschrauben anzieht.

Doch in Wahrheit ist der Sozialtarif ein Meisterstück der politischen Alchemie: Man nimmt Geld von Energieunternehmen, die dadurch selbstverständlich nicht etwa ihre Marge „ein wenig senken“, sondern fröhlich die Kostenverlagerungs-Maschine anwerfen werden. Die Vorstellung, dass man Stromkosten dauerhaft senken könne, ohne auch nur einmal die Merit-Order zu erwähnen (außer im leisen Nebensatz, dass sie eigentlich abgeschafft gehört, aber heute leider, leider nicht im Angebot war), ist ungefähr so realistisch wie die Hoffnung, ein Smart Meter könne einem persönlich die Zukunft vorhersagen.

Der große Strommarktdeckel: Politische Thermodynamik mit Garantie

Was wäre eine Reform ohne Deckel! In der Politik gilt der Tarifdeckel als das, was in der Küche der Topfdeckel ist: Er soll verhindern, dass etwas überschäumt. Dass in der Realität eher die Herdplatte raucht, während der Deckel klappert, stört dabei niemanden. Der Zehn-Cent-Deckel leuchtet jedenfalls wie ein Hoffnungsschimmer am Horizont – vorausgesetzt, der Energiepreis explodiert vorher ordentlich. Erst wenn es knallt, greift der Mechanismus. Das ist, als würde ein Airbag nur dann auslösen, wenn das Auto bereits in zwei Teile gespalten ist.

Aber immerhin wird man sechs Monate lang geschützt. Ein halbes Jahr Komfortzone im Energiesturm – wie ein Heizlüfter in einer zugigen Berghütte: warm, aber mit externer Stromzufuhr.

Netzausbau, Kappungen, Speicher – die neue Dreifaltigkeit der Effizienzversprechen

Spitzenkappungen. Man muss dieses Wort einige Male laut aussprechen, um seinen vollen bürokratischen Wohlklang zu genießen. Babys sollten danach nicht benannt werden, aber als technokratisches Zauberwort erfüllt es seinen Zweck: Die eingespeiste Leistung wird gedrosselt, aber nur ganz wenig, versprochen, nicht mehr als ein Prozent pro Jahr.

Wer je eine Photovoltaikanlage auf dem Dach hatte, weiß natürlich: Wenn der Himmel im Sommer brennt, brennt auch der Wechselrichter. Und dann kommt die Netzbehörde mit dem metaphorischen Feuerlöscher und sagt: „Wir nehmen nur ein Prozent weg.“
Das ist ungefähr so beruhigend, als würde die Feuerwehr versichern, sie lösche nur die Hälfte des Hauses, aber dafür sehr gründlich.

Positiv hervorzuheben: Batteriespeicher werden nun „systemdienlich“. Das klingt nach Rehabilitationsmaßnahme für ungezogene Lithium-Ionen-Zellen – aber gut, wenn sie ihren Weg in die Gesellschaft finden sollen, dann bitte ohne Netzentgelt. Schließlich will man ja nicht jeden neuen Bürger mit Gebühren begrüßen.

Die große Harmonie: Wenn alle einer Meinung sind – außer denen, die es nicht sind

Es ist beeindruckend, wie stolz die Regierungsfraktionen erklären, man habe nun „Entlastungen“ erzielt. Die Opposition hält dagegen mit Worten wie „Mogelpackung“ oder „macht nichts billiger“. Und zwischen diesen beiden Polen steht die Bevölkerung, die nun darüber rätselt, ob sie sich Strom künftig leisten kann, solange sie ihre Anlage auf 20 Kilowatt Peak auslegt und mit systemdienlichen Speicherbatterien jongliert wie ein energiepolitischer Zirkusartist.

Und nun? Heizen oder nicht heizen? Das ist die Frage des Winters

Man könnte meinen, nach einem solchen Gesetzespaket sei die Antwort klar: Natürlich heizen!
Doch die Merit-Order steht wie ein schlecht gelaunter Türsteher vor dem Heizkörper und sagt: „Nicht ohne mich.“ Solange Gas den Strompreis bestimmt, sind alle Reformbemühungen nur eine höfliche Umdekorierung der strukturellen Realität.

Und so bleibt die Frage aller Fragen – jene, die irgendwo zwischen politischer Satire und physikalischer Notwendigkeit schwebt:
Heizt man jetzt aus Solidarität, aus Überzeugung oder einfach deshalb, weil der Winter es verlangt?

Vielleicht ist die ehrlichste Antwort:
Man heizt – aber man heizt mit einem gewissen Zynismus. Man dreht den Thermostat hoch und denkt dabei an Spitzenkappungen, Sozialtarife, Tarifdeckel und all die großen Worte kleiner Politiker.
Und man lächelt augenzwinkernd, weil man weiß: Die wirkliche Reform, die den Strompreis nachhaltig entlasten würde, steht weiterhin im Raum wie ein Elefant auf einer stromlosen Bühne.
Und sie heißt: Abschaffung der Merit-Order.

Bis dahin aber dürfen wir satirisch frieren – oder polemisch schwitzen. Je nach Netzlast.

Die Erfindung der falschen Tonlage

Es beginnt, wie alle großen Tragikomödien der Moderne beginnen: mit einem Beschluss. Kein dramatischer Donner, kein Zittern der Weltordnung, sondern ein Dokument, datiert, abgestimmt, nummeriert. Vierzehn Personen und zwei Organisationen, säuberlich aufgelistet wie ein schlecht gelauntes Klassentreffen, dem man fernbleiben wollte, wären da nicht Sanktionen. Die Europäische Union, diese merkwürdig janusköpfige Konstruktion aus Friedenspreis und Verwaltungsakt, greift zum Instrumentarium der Strafe, nicht wegen Taten im klassischen Sinne, sondern wegen Erzählungen. Narrative, dieses weiche Wort aus dem Werkzeugkasten der Kulturwissenschaften, wird plötzlich hart wie ein Schlagstock. Nicht was getan wurde, sondern was gesagt, gedacht, vermutet oder gar behauptet wurde, gilt als Bedrohung. Die Tonlage stimmt nicht. Und wer falsch singt, fliegt aus dem Chor der Anständigen.

Der Ex Oberst als literarische Figur

Jacques Baud, ehemaliger Oberst, Schweizer, also per kultureller Zuschreibung neutral bis zur Verdächtigkeit, eignet sich hervorragend als Hauptfigur in diesem Drama. Ein Mann, der seine militärische Laufbahn hinter sich gelassen hat, um sich der unerquicklichsten aller zivilen Tätigkeiten zu widmen: dem Reden. Er tritt auf, so heißt es, in prorussischen Sendungen auf. Schon dieses Wort, „prorussisch“, ist ein kleines Meisterwerk der semantischen Vereinfachung. Es ersetzt Analyse durch Richtung, Argument durch Fahne. Baud behauptet Dinge, die man nicht hören will. Er sagt, die Ukraine habe etwas in Kauf genommen. Allein dieses In Kauf nehmen ist eine Provokation, weil es Handlungsmacht suggeriert, wo man lieber Opferstatus verordnet. Baud wird so zur Romanfigur wider Willen, zum ketzerischen Erzähler, der an der falschen Stelle den Vorhang hebt.

Die neue Theologie der Sicherheit

Sicherheit ist das große Sakrament unserer Zeit. In ihrem Namen darf alles gesagt werden, außer dem Falschen. Was falsch ist, entscheidet ein Gremium, das sich auf Dokumente beruft, die wiederum auf Einschätzungen beruhen, die aus Quellen stammen, deren Narrative die richtigen sind. Ein hermetischer Kreislauf, der so perfekt geschlossen ist, dass jede Abweichung wie Sabotage wirkt. Dreizehn Mal, so wird es notiert, taucht der Vorwurf der falschen staatlichen, diplomatischen oder außenpolitischen Narrative auf. Man möchte fast applaudieren für diese numerische Präzision. Dreizehn Mal Irrtum, dreizehn Mal Häresie. Die neue Theologie kennt keine Gnade, nur Korrektheit. Und wer außerhalb des Kanons spricht, gefährdet nicht nur den Diskurs, sondern gleich die Sicherheit ganzer Drittländer, ein Begriff, der so vage ist, dass er alles und nichts meint.

Meinungsvielfalt als Sicherheitsrisiko

Sind strittige Meinungen eine Bedrohung? Die Frage wirkt naiv, fast altmodisch, wie aus einer Zeit, in der man glaubte, dass Wahrheit durch Streit ans Licht komme. Heute weiß man es besser. Streit erzeugt Unsicherheit, Unsicherheit erzeugt Zweifel, Zweifel unterminiert Geschlossenheit, und Geschlossenheit ist die neue Währung der Politik. Die Sanktion wird zur pädagogischen Maßnahme, zur erzieherischen Ohrfeige für all jene, die glauben, Denken sei ein individuelles Recht und kein delegierter Akt. Dass unter den Sanktionierten Franzosen und US Amerikaner sind, also Bürger jener Länder, die sich gern als Exportmeister der freien Rede verstehen, verleiht dem Ganzen eine ironische Note, die selbst ein Satiriker kaum besser hätte erfinden können.

Die Bürokratie als Erzählerin

Man stelle sich die Szene vor, nicht als Verschwörung, sondern als Alltag: Beamte, die Formulierungen feilen, Juristen, die Worte abwägen, Kommunikationsstrategen, die überlegen, wie man Sanktionen wegen Gedanken so formuliert, dass sie nicht wie Sanktionen wegen Gedanken klingen. Es ist ein literarischer Akt, dieses Schreiben von Begründungen. Jeder Satz ein Balanceakt zwischen Härte und Legitimation. Der Ratsbeschluss wird so selbst zum Narrativ, das vorgibt, lediglich Realität abzubilden, während es sie gleichzeitig erschafft. Baud wird nicht sanktioniert, weil er recht oder unrecht hat, sondern weil er erzählt. Und Erzählen ist Macht.

Das Augenzwinkern der Geschichte

Man könnte lachen, wenn es nicht so ernst gemeint wäre. Oder gerade deshalb. Die Geschichte zwinkert uns zu, wie sie es immer tut, wenn sie alte Muster in neue Verpackungen steckt. Früher nannte man es Zensur, dann Disziplinierung, heute heißt es Schutz vor Desinformation. Der Zynismus liegt nicht in der Maßnahme selbst, sondern in der Überzeugung, man könne durch Listen und Verbote das Unordentliche des Denkens bändigen. Das Essay endet, wie es begonnen hat, ohne Donner, aber mit einem leisen, ironischen Nachhall: Die größte Bedrohung für jede Ordnung war noch nie die falsche Meinung, sondern die Angst vor ihr.

Vom Zeitalter der Bilder und der Sorgfaltspflicht

Man stelle sich eine Welt vor, in der ein Menschleben wertvoller ist als ein Handyvideo. Wir leben bekanntlich nicht in dieser Welt. Amnesty International hat nun eine akribische Kartographie des Schreckens vorgelegt: 354 Videos, Fotografien, Überwachungskamerabilder, Body-Cams toter Kämpfer, Handyfilme von Anwohnerinnen – kurz, ein audiovisuelle Bibliothek menschlicher Grausamkeit, zusammengetragen aus dem Staub von Kibbuzim und den brennenden Straßen der Vergangenheit. Sie haben Interviews geführt – siebzig an der Zahl – mit Überlebenden, Geiseln, Angehörigen, Forensikerinnen, Ärztinnen, Therapeutinnen; jeder Satz ein Tropfen Wahrheit, jeder Tropfen von der bitteren Säure des Schmerzes begleitet. Wer glaubt, man könne Verbrechen dieser Dimension ignorieren, der möge bitte den Bericht aufschlagen und die Bilder betrachten, und dabei den Filter der abendländischen Distanz ablegen. Denn Distanz ist hier nicht neutral, sie ist Verrat.

Die Poesie der Befehlsstruktur

Die Hamas, namentlich die Al-Qassam-Brigaden, und vier weitere bewaffnete Gruppen haben ein Konzept von Organisation entwickelt, das erschreckend poetisch ist: eine klare Befehlsstruktur, die den Tanz zwischen Mord, Geiselnahme und Folter choreographiert. Man könnte fast bewundernd nicken, wäre der Kontext nicht das Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es ist die Ironie der modernen Kriegsführung, dass Präzision und Grausamkeit Hand in Hand gehen, wie Tanzpartner bei einem Ballett der Verdammnis. Jede Handlung ist dokumentiert, jede Lüge geprüft. Die Behauptung der Täter, man habe keine Zivilistinnen getötet, keine Geiseln genommen, keine Gewalt angewendet – eine Seifenblase der Absurdität, zum Platzen schön illustriert durch Zeugnisse, Videos, Beweise. Nur ein winziger Rest, Kibbuz Be’eri, hat tatsächlich Feuer der Verteidiger gesehen. Ironie? Vielleicht. Tragik? Definitiv.

Die Archive des Grauens als moralische Währung

Was ist ein Video, wenn nicht moralische Währung? Was ist eine Aussage, wenn nicht das Konto der Wahrheit, auf dem wir uns verschulden, wenn wir lügen? Amnesty International hat jede einzelne dieser Währungen geprüft. Jedes Detail einer Aussage, jede Silbe eines Schreis, jede Nuance eines Blicks wurde auf die Waage gelegt, um zu prüfen, ob das menschliche Herz noch schlagen kann unter der Last der Beweise. Und siehe da, es schlägt. Für die Opfer, deren Würde mit jedem Pixel verteidigt wird. Für die Wahrheit, die inmitten von Zynismus und Propaganda aufblitzt wie ein schwaches, aber hartnäckiges Feuer. Und für die Gerechtigkeit, die vielleicht, nur vielleicht, den Weg aus den Ruinen findet.

Satire der offiziellen Behauptungen

Man könnte sich fast köstlich amüsieren, wenn die Tragik nicht so überwältigend wäre: Die Hamas behauptet, keine Verantwortung für Mord, Entführung, Misshandlung von Zivilist*innen zu tragen. Sie sagen, viele seien durch israelisches Feuer gestorben, und Geiselnahme sei nicht geplant gewesen. Welch künstlerischer Mut zur Abstraktion! Welch surrealistische Interpretation der Wirklichkeit! Wer solche Aussagen liest, kann nicht anders, als kurz zu kichern – bis der Bauchkrampf der Erkenntnis einsetzt: Hier wird nicht über Literatur, sondern über Menschenleben fantasiert.

Ein Bericht als Zeugnis der Würde

Dies ist kein Bericht, der im Regal verstaubt. Dies ist ein Manifest der Würde. Jeder Absatz ein Versuch, die Grausamkeit zu benennen, jede Seite ein Monument gegen das Vergessen. Die Hoffnung auf Gerechtigkeit mag abstrakt sein, politisch verhandelt, international verzögert – doch sie existiert. Sie existiert für die Opfer, für die Wahrheit, für die Menschlichkeit, die sich trotz allem weigert, zu schweigen. Das ist der stille, fast ironische Triumph: dass der menschliche Verstand, bewaffnet mit Kamera und Zeugenaussage, den Versuch der Auslöschung dokumentiert, aufzeichnet, verzeichnet – und vielleicht, nur vielleicht, irgendwann den Triumph der Gerechtigkeit ermöglicht.

Von der Ironie der Dokumentation

Es ist ein zutiefst menschlicher Zug, dass wir Grausamkeit dokumentieren müssen, um uns selbst zu beweisen, dass sie stattgefunden hat. Wir filmen, wir schreiben, wir analysieren, wir archivieren – als ob das Papier, das Pixel, die Bytes, die Kamera selbst die Grausamkeit mildern könnten. Es ist die Ironie der Zivilisation: Wir schaffen Zeugnisse des Grauens, um den Menschen zu retten, während wir gleichzeitig erkennen müssen, dass Dokumentation allein kein Trost ist. Sie ist jedoch das Minimum: die leise Versicherung, dass wir gesehen, verstanden und vielleicht irgendwann gelernt haben, dass menschliches Leben nicht zur Kulisse irgendeiner Befehlsstruktur werden darf.

Europa ist ein Kontinent und kein Verwaltungszentrum

Europa – dieser poetisch überladene, geographisch unverschämt ausgedehnte, historisch traumatisierte Patchwork-Teppich aus widerspenstigen Nationen – war schon immer ein Kontinent und niemals ein gemütliches Verwaltungszentrum, in dem Beamte mit schimmernden Excel-Tabellen den Lauf der Geschichte dirigieren könnten. Dass manche Institutionen es dennoch versuchen, grenzt an jenes Feingefühl, mit dem ein Gänseküken versucht, einen Jet zu fliegen: niedlich, aber vollkommen sinnlos. Europa hat seine Existenz lange vor Brüssel begonnen und wird sie wahrscheinlich lange nach dem letzten ausgedruckten PDF-Dokument fortsetzen, das im verstaubten Aktenschrank einer europäischen Behörde langsam vor sich hin gilbt.
Doch dazwischen liegt ein faszinierendes Intermezzo: das Bestreben, aus einem Kontinent eine polit-administrative Ordnungsmaschine zu formen, die gleichermaßen Orientierung stiften wie auch die Illusion erzeugen soll, es gäbe irgendwo einen zentralen Schalter, an dem Europa eingeschaltet werden könnte. Ein Kontinent allerdings lässt sich nicht einschalten – höchstens verschalten.

Die demokratische Luft im EU-Raum – dünner als in den Alpen

Wenn man die Europäische Union betritt – nicht physisch natürlich, sondern mental, institutionell, konzeptionell –, fühlt man sich mitunter wie ein Höhenbergsteiger: Es fehlt an Sauerstoff. Genauer gesagt: an demokratischem. Denn der Europäische Rat und die Europäische Kommission schweben in einer Höhe, in der man schon fast einen Pressluftanzug bräuchte, um überhaupt Einfluss zu erlangen. Die Mitglieder des Rates werden entsandt wie mittelalterliche Gesandte, und die Kommission wird bestellt wie eine erlesene, aber doch etwas einseitige Menüwahl in einem Restaurant, in dem die Kellner mehr Macht haben als die Gäste. Von Direktwahl weit und breit keine Spur, stattdessen ein institutionelles Ökosystem, das sich selbst genügt und dabei den Charme eines sehr höflichen, aber auch sehr bestimmten Oberkellners verströmt, der einem ungefragt den Wein nachschenkt.

Der demokratische Anteil in diesem System ist wie die Spur Vanille im billigen Pudding – man kann behaupten, sie sei da, aber ob man sie wirklich schmeckt, steht auf einem anderen Blatt. Das gewählte EU-Parlament darf reden, sogar arbeiten, manchmal auch stampfen – aber in einem politischen Konstrukt, das so tut, als sei Mitsprache ein optionales Zusatzpaket, wird aus demokratischem Ehrgeiz schnell dekorative Staffage. Ein Parlament, das nicht einmal die volle Kontrolle über die Gesetzesinitiative hat, ist etwa so mächtig wie ein Chor, der zwar laut mitsingen darf, aber niemals den Text bestimmen.

Das Parlament – gewählt, geschmückt und entkernt

Man könnte das Europäische Parlament als funkelnde demokratische Vitrine betrachten: gut sichtbar, bunt, repräsentativ – eine Art institutioneller Weihnachtsbaum. Der Unterschied zum echten Baum besteht lediglich darin, dass hier die Kugeln sprechen dürfen, solange sie nicht erwarten, dass jemand auf ihre Vorschläge hört. Während nationale Parlamente sich in zähen Debatten verlieren, die immerhin Einfluss auf die Gesetzgebung haben, darf das EU-Parlament zwar petzen, protestieren und Papier produzieren, doch der eigentliche Motor der Gesetzgebung liegt woanders – sicher verstaut, fern jeder direkten Wahl, gut gepolstert gegen unbotmäßige Einmischungen der Bevölkerung.

Es ist eine merkwürdige Konstruktion: Die Bürgerinnen und Bürger dürfen wählen, aber ihre Wahlgewinner sitzen in einem Gremium, dessen Macht weniger ist als die Summe seiner Stühle. Man könnte sagen, das Parlament sei ein demokratisches Feigenblatt. Ein Feigenblatt allerdings, das mit viel Leidenschaft seine eigene Bedeutung beschwört, während hinter ihm Institutionen werkeln, die keinerlei Bedarf haben, sich mit der öffentlichen Meinung abzustimmen. Wenn Demokratie ein Menü ist, dann ist das Parlament hier bestenfalls die Petersilie am Tellerrand.

Ironische Stabilität oder stabiler Irrsinn?

Manchmal hat man den Eindruck, die EU funktioniere vor allem aufgrund ihrer dysfunktionalen Struktur. Eine Art politische Quantenmechanik: Je weniger demokratisch legitimiert die handelnden Organe sind, desto stabiler scheinen sie ihre Macht zu entfalten. Wo kein Wahlvolk mit kritischen Fragen droht, da gedeihen Kompromisse, die ansonsten sofort an der Realität zerschellen würden. Und so entsteht eine Art zentraleuropäische Wunderwelt, in der Politik eher administriert als gestaltet wird – so steril wie ein frisch gekachelter Laborraum und ebenso emotional anregend.

Doch vielleicht ist es genau diese skurrile Konstruktion, die Europa davor bewahrt, sich selbst in seine Einzelteile zu zerlegen. Demokratie, so sagen manche, sei kompliziert; die EU scheint zu antworten: „Dann lassen wir’s eben.“ Und so arrangiert man sich, arbeitet, verwaltet, entscheidet – und hofft, dass niemand bemerkt, wie wenig Mitsprache die Menschen haben, die angeblich der Souverän sein sollen.

Fazit – undemokratisch

Was bleibt? Ein europäisches Projekt, das sich gern kosmopolitisch gibt, aber in seinem Innersten seltsam technokratisch-schwerfällig ist. Eine Union, deren Institutionen zwar funktionieren – manchmal sogar erstaunlich gut –, aber deren Legitimation auf so wackligem Fundament steht, dass jeder Politologe beim Gedanken daran nervös mit seinem Stift klopft. Ein Parlament, das gewählt wird, aber kaum direkten Einfluss hat. Ein Rat und eine Kommission, die nicht gewählt werden, aber Entscheidungen treffen, die Millionen betreffen.
Kurz: ein Konstrukt, das demokratisch aussieht, ohne es in der politischen Mechanik wirklich zu sein.

Und so bleibt das Fazit unweigerlich: undemokratisch – allerdings mit jener satirischen Grandezza, die Europa so oft auszeichnet. Ein Kontinent, der sich weigert, in eine Verwaltungsform gegossen zu werden, und gleichzeitig eine Verwaltungsstruktur, die vorgibt, einen Kontinent demokratisch zu repräsentieren. Ein paradoxes Kunstwerk, das nur deshalb nicht kollabiert, weil alle Beteiligten gelernt haben, mit einem Lächeln darüber hinwegzusehen.