Es ist ein alter Traum der Menschheit: einfach gehen zu können, wenn einem das Gespräch nicht mehr gefällt. Donald Trump hat daraus Staatskunst gemacht. 66 internationale Organisationen auf einen Streich – das ist kein politischer Schritt, das ist ein performativer Akt, irgendwo zwischen Titanic-Orchester, Türzuschlagen und dem entschlossenen Löschen aller Kontakte im Adressbuch, weil jemand einmal „Guten Morgen“ gesagt hat, ohne es wirklich zu meinen. Der Rückzug der USA aus diesen Gremien wird offiziell als nüchterne Verwaltungsmaßnahme verkauft: überflüssig, schlecht verwaltet, ideologisch verseucht, elitär, antiamerikanisch. Worte wie aus einem Baumarkt für Ressentiments, säuberlich sortiert nach Anwendung und Wirkung. Doch in Wahrheit erleben wir hier weniger eine Reform als eine ästhetische Entscheidung: die Weltpolitik als Minimalismus. Weniger Organisationen, weniger Gespräche, weniger Realität. America first heißt in dieser Lesart: America allein, aber bitte mit Applaus.
Multilateralismus, diese unamerikanische Zumutung
Multilateralismus war immer ein kompliziertes Hobby. Man muss zuhören, Kompromisse eingehen, Papier lesen, das länger ist als ein Tweet. Kein Wunder also, dass internationale Organisationen in Trumps Weltbild wie muffige Antiquitäten wirken: staubig, teuer, von Menschen betrieben, die Fremdwörter benutzen und an Diagramme glauben. Der Weltklimarat? Eine Zumutung für jeden, der das Klima vorzugsweise aus dem Fenster seiner Golfanlage beurteilt. UN-Frauen? Verdächtig allein schon wegen des Namens. Demokratiehilfe? Funktioniert doch zu Hause auch ohne Anleitung – zumindest solange man gewinnt. Dass 31 der Organisationen in Verbindung mit den Vereinten Nationen stehen, verleiht dem Ganzen eine fast poetische Logik: Wer die UNO verlässt, verlässt nicht nur einen institutionellen Raum, sondern eine Idee, nämlich jene, dass Probleme größer sein könnten als die eigene Landesgrenze und Lösungen mehr verlangen als nationale Selbstgespräche.
Die Ideologie der Ideologielosigkeit
Besonders elegant ist die Begründung, man lehne „Ideologie“ ab. Das ist ungefähr so, als würde ein Fisch erklären, er sei grundsätzlich gegen Wasser. Die Ideologie, die hier spricht, tarnt sich als gesunder Menschenverstand, als kaufmännische Vernunft, als Haushaltsdisziplin. Internationale Organisationen, so heißt es, seien elitäre Netzwerke, die sich von nationalen Interessen entfernt hätten. Übersetzt bedeutet das: Sie interessieren sich für Dinge, die sich nicht sofort in Zolltarifen, Umfragewerten oder Wahlkampfslogans ausdrücken lassen. Klima, Biodiversität, Bildung, Rechtsstaatlichkeit – alles nette Hobbys, solange sie nicht den eigenen Handlungsspielraum einschränken. Souveränität wird hier verstanden als das Recht, sich von der Wirklichkeit nicht dreinreden zu lassen.
America first als pädagogisches Prinzip
Trump argumentiert, die USA zahlten zu viel und bekämen zu wenig zurück. Das ist der moralische Kompass eines Kindes im Sandkasten: Wenn ich die Schaufel hergebe, will ich dafür mindestens zwei Förmchen. Internationale Kooperation aber funktioniert nach einer anderen Logik, einer, die langfristig denkt und nicht jede Einzahlung mit einer sofortigen Quittung in Form nationaler Größe versieht. Doch Langfristigkeit ist bekanntlich etwas für schwache Nerven. Also zieht man sich zurück, erklärt den Rest der Welt zum schlechten Geschäft und hofft, dass sie trotzdem weiter die Ordnung aufrechterhält, von der man selbst profitiert – nur bitte ohne Rechnung.
Die Liste als literarisches Genre
Die Aufzählung der verlassenen Organisationen liest sich wie ein surrealistisches Gedicht: Weltbiodiversitätsrat, Internationales Tropenholz-Übereinkommen, Netzwerk für erneuerbare Energien im 21. Jahrhundert. Allein diese Namen sind offenbar schon Provokation genug. Sie erinnern daran, dass es ein 21. Jahrhundert gibt, dass Energie erneuerbar sein könnte und dass Holz nicht nur Brennmaterial, sondern Teil eines komplexen Ökosystems ist. Die Liste wirkt wie ein Inventar dessen, was man loswerden will: Verantwortung, Komplexität, Zukunft. Dass selbst Gremien zur Bekämpfung von Piraterie oder zur Förderung von Straßenforschungslaboren darunter sind, verleiht dem Ganzen eine absurde Note – als würde man prophylaktisch auch noch den Wetterbericht abbestellen, um nicht an Regen erinnert zu werden.
Die Vereinten Nationen als Projektionsfläche
Besonders innig ist das Verhältnis zur UNO – eine Art Hassliebe ohne Liebe. Die Vereinten Nationen stehen für alles, was in der Trump’schen Weltsicht verdächtig ist: internationale Solidarität, universelle Rechte, der Gedanke, dass Macht durch Regeln gezähmt werden könnte. Der Rückzug aus UNFCCC, UN Women, UN Habitat oder dem Bevölkerungsfonds ist deshalb mehr als symbolisch. Er signalisiert: Globale Probleme mögen existieren, aber sie sind bitte anderswo zu lösen. Die Reaktion der UN, man werde dadurch „weniger sicher und weniger wohlhabend“, klingt dabei fast rührend naiv – als könne man mit Argumenten noch jemanden erreichen, der sich längst entschieden hat, dass die Welt ein Nullsummenspiel ist, in dem Kooperation automatisch Verlust bedeutet.
Marco Rubio und die Sprache der Entsorgung
Außenminister Rubio liefert die passende Begleitmusik: „antiamerikanisch, nutzlos oder verschwenderisch“. Das ist keine Analyse, das ist Mülltrennung. Alles, was nicht sofort als nützlich erkennbar ist, kommt weg. Bildung kann nicht warten? Doch, offenbar kann sie. Demokratiehilfe? Bitte erst nach der Wahl. Klimaforschung? Ein Luxusproblem. In dieser Rhetorik schwingt ein tiefes Misstrauen gegenüber allem mit, was sich nicht unmittelbar kontrollieren oder instrumentalisieren lässt. Internationale Institutionen sind gefährlich, weil sie Maßstäbe setzen, vergleichen, bewerten. Sie erinnern daran, dass es so etwas wie Verantwortung über die eigene Nation hinaus geben könnte – ein Gedanke, der als Bedrohung empfunden wird.
Rückzug als Welterklärung
Am Ende ist dieser massive Rückzug weniger eine Sparmaßnahme als eine Weltanschauung. Er sagt: Die Welt ist uns etwas, das man verlassen kann. Türen zu, Licht aus, Rechnung offenlassen. Während andere Nationen weiter konferieren, verhandeln, streiten und kooperieren, setzt Amerika auf die Kraft des demonstrativen Abwendens. Es ist eine Politik der gekränkten Großmacht, die lieber alleine spielt, als die Spielregeln zu akzeptieren. Satirisch betrachtet ist das fast tröstlich: Noch nie wurde so deutlich gezeigt, dass internationale Ordnung nicht von Naturgesetzen getragen wird, sondern vom Willen, sie mitzugestalten. Zieht man sich zurück, bleibt eine Lücke – und die füllt sich, ob man will oder nicht. America first endet dann nicht selten bei America later, während der Rest der Welt weitergeht, vielleicht langsamer, vielleicht chaotischer, aber immerhin gemeinsam.
härter und zynischer
Der große Abgang: Weltpolitik als beleidigtes Weggehen
Donald Trump hat wieder einmal bewiesen, dass Rückzug die konsequenteste Form der Welterklärung ist, wenn einem die Welt nicht mehr gehorcht. 66 internationale Organisationen werden verlassen wie schlecht bewertete Restaurants auf Yelp: zu teuer, zu fremd, zu viele Regeln, das Personal spricht eine Sprache, die man nicht versteht. Es ist kein politischer Akt, es ist eine Laune mit Siegel, ein Dekret als Trotzreaktion, geschrieben mit dem Filzstift des Ressentiments. Wer das als Verwaltungsentscheidung missversteht, übersieht den Kern: Hier geht es nicht um Effizienz, sondern um Demütigung – der Institutionen, der Idee internationaler Kooperation und letztlich der Realität selbst. Trump verlässt die Welt nicht, weil sie ihm schadet, sondern weil sie sich weigert, sich ihm zu unterwerfen.
America First oder Die Lust an der Selbstverkleinerung
„America first“ klingt nach Stärke, ist aber längst zur Chiffre für infantile Buchhaltung geworden. Die USA zahlen, die anderen profitieren – so lautet die simple, brutale Erzählung, mit der man jede Form von Solidarität in ein Betrugsszenario verwandeln kann. Dass internationale Organisationen nicht dafür da sind, nationale Egos zu polieren, sondern globale Probleme zu verwalten, ist in dieser Logik kein Argument, sondern ein Verdachtsmoment. Klimaschutz, Menschenrechte, Demokratiehilfe: alles Dinge, die Geld kosten, aber keinen sofortigen patriotischen Kick liefern. Also weg damit. Wer nicht direkt in „Jobs“, „Deals“ oder „Wins“ übersetzbar ist, gilt als Schmarotzer. Weltpolitik wird zur Realityshow, und alles, was nicht quote bringt, fliegt raus.
Die Feindbildfabrik namens Vereinte Nationen
Die UNO dient dabei als idealer Gegner: groß, komplex, langsam, voller Menschen mit Akzenten und Prinzipien. Für Trump ist sie das, was der Deep State für Verschwörungstheoretiker ist – eine nebulöse Macht, die angeblich Souveränität frisst. Dass die Vereinigten Staaten jahrzehntelang Architekt, Profiteur und Machtzentrum dieses Systems waren, wird dabei großzügig vergessen. Geschichte ist in dieser Erzählung lästig, weil sie Verantwortung impliziert. Also erklärt man UN Women, UN Habitat, den Bevölkerungsfonds oder die Klimarahmenkonvention kurzerhand zur Gefahr für Freiheit und Wohlstand. Freiheit bedeutet hier das Recht, nicht erinnert zu werden. Wohlstand heißt, keine Rechnungen für Folgeschäden zahlen zu müssen.
Ideologie? Nein danke, wir haben doch unsere eigene
Besonders perfide ist die Behauptung, man bekämpfe Ideologie. Das ist der klassische Trick der Ideologen: sich selbst als neutralen Realismus auszugeben. Während man Klimawissenschaftler, Demokratiebeobachter und Menschenrechtsjuristen als weltfremde Eliten beschimpft, wird der eigene Nationalismus zur Naturkonstante erklärt. Wer von „elitären Netzwerken“ spricht, meint nicht Macht, sondern Wissen. Nicht Vetternwirtschaft, sondern Expertise. In dieser Logik ist jeder, der mehr weiß als man selbst, automatisch verdächtig. Der Rückzug aus dem IPCC oder der Weltnaturschutzunion ist deshalb kein Zufall, sondern konsequent: Fakten sind unbequem, wenn sie nicht zur gewünschten Erzählung passen.
Die Liste der Ausgetretenen als Beichtzettel
Die Liste der 66 Organisationen liest sich wie ein Schuldbekenntnis dessen, wovor man Angst hat. Biodiversität, erneuerbare Energien, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Bildung, Geschlechtergerechtigkeit – lauter Begriffe, die eines gemeinsam haben: Sie setzen langfristiges Denken voraus. Sie lassen sich nicht mit einem Wahlkampfzyklus erledigen. Also werden sie entsorgt wie alte Möbel, die nicht mehr zum Image passen. Dass selbst Gremien zur Pirateriebekämpfung oder Straßenforschung darunter sind, zeigt die ganze Absurdität: Es wird nicht differenziert, es wird geräumt. Der Kahlschlag ist kein chirurgischer Eingriff, sondern eine Brandschneise aus Trotz.
Marco Rubio und die Rhetorik der Müllabfuhr
Außenminister Rubio nennt die Organisationen „nutzlos“ und „verschwenderisch“. Das ist die Sprache eines Managers, der stolz darauf ist, nicht zu verstehen, was seine Firma eigentlich produziert. Nutzlos ist, was keinen unmittelbaren Profit abwirft. Verschwenderisch ist, was man selbst nicht kontrolliert. In Wahrheit geht es um Machtverlust: Internationale Organisationen entziehen sich nationaler Willkür, und genau das macht sie gefährlich. Sie messen, vergleichen, kritisieren. Sie dokumentieren. Und nichts fürchtet eine Politik der Bauchgefühle mehr als Archive.
Rückzug als Strategie der Verantwortungslosigkeit
Der eigentliche Zynismus liegt darin, dass die USA von den Ergebnissen dieser Organisationen weiter profitieren wollen, ohne sich zu beteiligen. Klimastabilität, globale Gesundheitsstandards, sichere Handelsrouten, weniger bewaffnete Konflikte – all das soll bitte weiter existieren, nur ohne amerikanische Verpflichtung. Es ist das geopolitische Pendant zum Mietnomaden: Man nutzt die Infrastruktur, weigert sich zu zahlen und beschwert sich dann über den Zustand des Hauses. Wenn die UNO warnt, die USA würden dadurch „weniger sicher und weniger wohlhabend“, klingt das fast tragikomisch, als würde man einem Brandstifter erklären, Feuer sei heiß.
Der Triumph der Kurzsichtigkeit
Am Ende ist dieser Rückzug kein Zeichen von Stärke, sondern von intellektueller Erschöpfung. Wer sich aus 66 Organisationen zurückzieht, erklärt nicht seine Unabhängigkeit, sondern seine Gesprächsunfähigkeit. Die Welt wird dadurch nicht einfacher, nur unkontrollierbarer – für alle, inklusive der USA. Doch das ist ein Problem für später, und später ist bekanntlich die Lieblingszeit der Politik, die nur im Präsens denken kann. Trump verlässt die Institutionen der Weltordnung wie ein Spieler, der den Tisch umwirft, weil er verliert, und sich dabei einredet, das Spiel sei ohnehin rigged gewesen. Der Zynismus daran ist vollkommen: Während man globale Kooperation als Bedrohung brandmarkt, hofft man insgeheim, dass irgendwer anderes die Arbeit trotzdem erledigt.