Protecting What Matters

oder die Kunst der wohlklingenden Titel

Das Vereinigte Königreich hat wieder einmal gezeigt, dass es eine ganz besondere Begabung besitzt: Es kann bürokratische Ämter mit einer solchen moralischen Gravitas ausstatten, dass sie beinahe wie sakrale Institutionen wirken. Die Regierung unter Keir Starmer plant nun also einen „Beauftragten für antimuslimische Feindseligkeit“. Man könnte auch sagen: einen staatlichen Gefühleinspektor für eine spezifische religiöse Empfindlichkeit, ausgestattet mit der subtilen Aufgabe, in der britischen Öffentlichkeit zu erschnüffeln, ob irgendwo ein Gedanke zu ruppig formuliert wurde. Das Ganze wird begleitet von einem Regierungsdokument mit dem majestätisch beruhigenden Titel „Protecting What Matters“. Schon der Titel wirkt wie eine warme Decke über einer Debatte, die man lieber gar nicht führen möchte. Wer wollte schließlich etwas gegen das „Wesentliche“ haben? Niemand – außer vielleicht jene störrischen Liberalen, die noch immer glauben, Meinungsfreiheit bedeute auch das Recht, Dinge zu sagen, die andere unerquicklich finden.

Doch gerade diese Sorte Liberaler wird in der gegenwärtigen politischen Landschaft Großbritanniens zunehmend wie ein etwas exzentrischer Verwandter behandelt: höflich geduldet, aber im Grunde als Relikt aus einer vergangenen Epoche betrachtet. Denn das Land, das einst stolz darauf war, das Mutterland der parlamentarischen Debatte zu sein, hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Man hat die Kunst perfektioniert, kontroverse Meinungen nicht direkt zu verbieten – das wäre ja vulgär und unbritisch – sondern sie durch moralische Kategorien so zu rahmen, dass sie sich von selbst erledigen. Ein eleganter Trick: Statt ein Argument zu widerlegen, erklärt man es einfach zur Form von „Feindseligkeit“. Und Feindseligkeit ist bekanntlich etwas, das der zivilisierte Staat nicht dulden kann.

Die Pathologisierung des Dissens

Der moderne politische Diskurs liebt Diagnosen. Wer früher einfach anderer Meinung war, leidet heute an einer Phobie. Islamophobie, Transphobie, Europaphobie – eine ganze Apotheke politischer Krankheitsbilder. Die Sprache suggeriert dabei eine medizinische Notwendigkeit: Man widerspricht nicht mehr, man behandelt. Der Gegner ist kein Gesprächspartner mehr, sondern ein Patient, der offensichtlich Hilfe braucht – oder zumindest eine Richtlinie.

TIP:  Die subventionierte Unabhängigkeit

In diesem Klima wirkt die neue Definition von Islamophobie, die im Dokument „Protecting What Matters“ umrissen wird, wie ein weiteres Instrument zur hygienischen Reinigung des Diskurses. Offiziell geht es natürlich um den Schutz von Muslimen vor Hass. Und dieser Hass existiert zweifellos. Moscheen werden beschmiert, Menschen beschimpft, gelegentlich auch angegriffen. Doch der entscheidende Punkt liegt – wie immer – in der Definition. Sobald der Begriff so weit gefasst wird, dass er nicht nur Hass gegen Menschen, sondern auch scharfe Kritik an religiösen Ideen umfasst, verwandelt sich ein Schutzinstrument in eine diskursive Schranke.

Religionen, so dachte man früher einmal in liberalen Gesellschaften, seien Ideenkomplexe. Und Ideen darf man kritisieren. Man darf sie verspotten, analysieren, zerpflücken. Man darf sie auch für gefährlich oder rückständig halten. Genau darin lag der Kern der britischen Debattenkultur, jener robusten Tradition, in der selbst die Monarchie gelegentlich Ziel satirischer Granaten wurde. Doch inzwischen scheint eine neue Hierarchie entstanden zu sein: Einige Ideen gelten als zu empfindlich, um sie mit der üblichen britischen Ironie zu behandeln.

Der Staat als Moralpolizei mit höflichem Akzent

Die Figur des „Sonderbeauftragten für antimuslimische Feindseligkeit“ ist dabei fast schon literarisch reizvoll. Man stelle sich dieses Amt vor: eine Person, deren berufliche Existenz davon abhängt, gesellschaftliche Kränkungen zu katalogisieren. Morgens liest sie Zeitungen, mittags Twitter, nachmittags vielleicht eine parlamentarische Debatte, und irgendwo zwischen Tee und E-Mail entsteht dann der Bericht über den emotionalen Zustand der Nation.

Das Problem solcher Ämter ist nicht, dass sie existieren. Das Problem ist, dass sie eine bestimmte Logik erzeugen. Ein Beamter, dessen Aufgabe es ist, Feindseligkeit zu beobachten, muss Feindseligkeit finden. Institutionen rechtfertigen sich schließlich durch Aktivität. Und so entsteht ein subtiler Anreiz, immer neue Beispiele für problematische Sprache zu identifizieren. Ein Kolumnist hier, ein Komiker dort, vielleicht ein unvorsichtig formulierter Politiker. Der Diskurs wird zu einer Art moralischer Verkehrskontrolle, bei der ständig jemand mit dem Radar am Straßenrand steht.

TIP:  Willkommen im globalen Staatskapitalismus

Natürlich wird niemand offiziell behaupten, dass dadurch die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird. Im Gegenteil: Man wird betonen, wie wichtig freie Debatten sind. Aber freie Debatten, so die moderne Variante, sollen bitte verantwortungsvoll geführt werden. Und verantwortungsvoll bedeutet in diesem Kontext meist: innerhalb der Grenzen, die gerade definiert wurden.

Protecting What Matters – oder: Die Rhetorik der moralischen Unangreifbarkeit

Der Titel des Regierungsdokuments verdient besondere Aufmerksamkeit. „Protecting What Matters“ ist ein Meisterwerk politischer Rhetorik. Er funktioniert ähnlich wie ein Werbeslogan für Mutterschaft, Frieden und warmes Brot. Niemand kann ernsthaft dagegen sein, ohne sofort verdächtig zu wirken.

Doch gerade diese moralische Selbstverständlichkeit macht die Sache interessant. Denn wenn eine politische Maßnahme mit dem Schutz „des Wesentlichen“ begründet wird, verschiebt sich die Debatte automatisch. Wer Einwände hat, muss plötzlich erklären, warum er offenbar gegen das Wesentliche ist. Der rhetorische Rahmen steht fest, noch bevor die eigentliche Diskussion beginnt.

So entsteht eine merkwürdige Situation: Die Regierung präsentiert eine neue Definition von Islamophobie und einen Sonderbeauftragten, während Kritiker sich bereits im Verteidigungsmodus befinden. Sie müssen betonen, dass sie selbstverständlich gegen Hass sind, selbstverständlich Minderheiten schützen wollen, selbstverständlich tolerant sind. Erst danach dürfen sie vorsichtig fragen, ob vielleicht die Grenze zwischen Schutz und Zensur etwas unscharf geworden ist.

Die britische Kunst der höflichen Selbstzensur

Großbritannien besitzt eine kulturelle Eigenschaft, die diese Entwicklung besonders interessant macht: eine tiefe, fast instinktive Abneigung gegen offene Konfrontation. Man sagt Dinge lieber indirekt, man deutet an, man formuliert höflich. Diese Höflichkeit ist charmant – aber sie macht es auch leichter, unbequeme Fragen einfach aus dem Gespräch zu drängen.

Wenn also ein neues Amt geschaffen wird, um „Feindseligkeit“ zu überwachen, reagieren viele Menschen nicht mit lautem Protest. Sie reagieren mit vorsichtigem Schweigen. Man möchte schließlich nicht missverstanden werden. Und genau in diesem Schweigen beginnt sich die Atmosphäre zu verändern.

Man sagt bestimmte Dinge nicht mehr, weil man nicht sicher ist, wie sie interpretiert werden könnten. Man formuliert vorsichtiger, glatter, neutraler. Der Diskurs verliert seine scharfen Kanten. Und irgendwann bemerkt man, dass die lebhafte, manchmal auch chaotische Debattenkultur, für die Großbritannien einst berühmt war, sich in eine Art rhetorischen Winter verwandelt hat.

TIP:  Geopolitisches Schwarzspiel

Zu spät für eine Umkehr?

Die wirklich zynische Frage lautet daher: Ist dieser neue Beauftragte überhaupt noch ein Wendepunkt? Oder ist er lediglich ein weiteres Symptom einer Entwicklung, die längst abgeschlossen ist?

Man könnte argumentieren, dass die britische Meinungsfreiheit bereits vor Jahren einen stillen, unspektakulären Tod gestorben ist. Nicht durch ein dramatisches Gesetz, nicht durch ein spektakuläres Verbot, sondern durch eine langsame kulturelle Verschiebung. Eine Verschiebung, in der immer mehr Themen als zu heikel gelten, um sie offen zu diskutieren.

Der neue Sonderbeauftragte wirkt in diesem Kontext fast wie ein Nachruf, der als Verwaltungsakt verkleidet wurde. Eine formelle Bestätigung dessen, was ohnehin schon Realität ist: dass bestimmte religiöse und kulturelle Fragen nicht mehr im selben rauen Ton diskutiert werden dürfen, der einst die britische Öffentlichkeit geprägt hat.

Und so steht das Vereinigte Königreich heute vor einer seltsamen Ironie. Das Land, das einst als Wiege der liberalen Debatte galt, erfindet immer neue Mechanismen, um diese Debatte zu zähmen. Natürlich geschieht das alles im Namen der Toleranz, des Respekts und des Schutzes des „Wesentlichen“. Große Worte, noble Absichten.

Doch irgendwo zwischen diesen Absichten und den tatsächlichen Folgen liegt eine unbequeme Möglichkeit: dass eine Gesellschaft ihre Freiheit nicht verliert, weil jemand sie ihr nimmt, sondern weil sie selbst beschließt, sie sei zu gefährlich, um sie weiterhin zu benutzen. Und wenn dieser Moment einmal erreicht ist, dann ist ein Sonderbeauftragter für Feindseligkeit vielleicht gar nicht mehr nötig. Dann erledigt die Gesellschaft die Arbeit längst selbst – höflich, diskret und mit der typischen britischen Gelassenheit, mit der man auch ein sinkendes Schiff noch mit Tee serviert.

Please follow and like us:
Pin Share