Einfach mal Klappe halten.

Es gehört zu den bemerkenswerten kulturellen Errungenschaften des modernen Feuilletons, dass es inzwischen eine eigene pädagogische Disziplin hervorgebracht hat: die Anleitung zum richtigen Schweigen. Früher gab es Benimmratgeber für Tischmanieren, heute gibt es Kommentatoren, die erklären, welche gesellschaftlichen Gruppen wann besser den Mund halten sollten. Und in dieser Disziplin hat die Redaktion der taz mit bemerkenswerter Konsequenz eine Spezialität entwickelt: das diskrete, leicht indignierte, stets wohlmeinend formulierte „Vielleicht sollten ausgerechnet Sie dazu lieber nichts sagen.“

Der betreffende Kommentar bringt diese Kunst zur Perfektion. Man muss sich den dramaturgischen Aufbau einmal in Ruhe ansehen: Zuerst wird freundlich eingeräumt, dass die Position des Zentralratspräsidenten verständlich sei. Natürlich. Selbstverständlich. Im Grunde denken viele Menschen ähnlich. Das iranische Regime ist schließlich nicht gerade ein Wellnesszentrum für Menschenrechte. Es droht Israel regelmäßig mit Vernichtung, betreibt ein Atomprogramm, unterstützt Terrororganisationen und behandelt seine eigene Bevölkerung mit einer Mischung aus mittelalterlicher Theokratie und moderner Repressionsbürokratie. All das wird großzügig eingeräumt.

Und dann kommt das eigentliche Meisterstück: Aber hätte er das sagen müssen?

Man muss diese rhetorische Volte bewundern. Die Meinung ist nachvollziehbar. Vielleicht sogar richtig. Aber die falsche Person hat sie geäußert. Ein klassischer Fall von Diskurs-Missmanagement.

Wer reden darf und wer besser still ist

Die Logik hinter diesem Gedanken ist so elegant wie aufschlussreich: Es gibt offenbar eine Art moralische Sitzordnung im öffentlichen Diskurs. Einige Menschen dürfen über Israel sprechen. Andere dürfen über den Iran sprechen. Wieder andere dürfen über Krieg sprechen. Aber wenn ein jüdischer Repräsentant in Deutschland öffentlich eine militärische Aktion gegen ein Regime begrüßt, das seit Jahrzehnten zur Vernichtung Israels aufruft – dann wird plötzlich eine neue Tugend entdeckt: Zurückhaltung.

Nicht, weil das Gesagte falsch wäre. Sondern weil er es gesagt hat.

Das ist die Stelle, an der man unweigerlich ein wenig unruhig auf dem Stuhl herumrutscht. Denn diese Idee hat eine gewisse historische Tiefenschärfe. Die europäische Debattenkultur hat nämlich eine lange Tradition darin, Juden sehr freundlich zu erklären, wann sie sich politisch besser zurückhalten sollten. Früher hieß das „Diskretion“. Heute heißt es „Rollenverständnis“. Fortschritt besteht bekanntlich oft darin, alte Muster mit neuen Vokabeln zu versehen.

TIP:  Das Diskursproblem als Komfortzone

Die pädagogische Linke und ihre Lieblingsschüler

Besonders faszinierend ist dabei die spezifische Variante dieses Diskurses, die aus Teilen der politischen Linken kommt. Dort existiert seit einigen Jahren eine merkwürdige moralische Doppelbewegung.

Auf der einen Seite versteht man sich als kompromissloser Kämpfer gegen jede Form von Diskriminierung. Rassismus, Sexismus, Kolonialismus – alles wird mit großer moralischer Entschlossenheit analysiert, dekonstruiert und angeklagt. Auf der anderen Seite entwickelt sich im selben Milieu eine erstaunliche Empfindlichkeit, sobald jüdische Stimmen nicht exakt in das gewünschte politische Raster passen.

Dann taucht plötzlich eine Reihe subtiler Erwartungen auf.

Juden dürfen selbstverständlich über Antisemitismus sprechen.
Sie dürfen auch über Erinnerungskultur sprechen.
Sie dürfen über die Schoah sprechen.

Aber über israelische Sicherheitspolitik?
Über iranische Vernichtungsdrohungen?
Über militärische Konflikte im Nahen Osten?

Nun ja. Vielleicht lieber etwas vorsichtiger.

Die elegante Verschiebung des Problems

Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Kommentar ist jedoch die raffinierte Verschiebung des Problems. Denn das iranische Regime selbst verschwindet beinahe aus dem Zentrum der Debatte. Statt über eine Theokratie zu sprechen, die Oppositionelle erhängt, Frauen unterdrückt und Israel auslöschen möchte, wird die Aufmerksamkeit auf etwas ganz anderes gelenkt: die Frage, ob ein deutscher jüdischer Funktionär öffentlich Stellung beziehen darf.

Das ist eine erstaunliche Prioritätenverschiebung.

Man könnte fast meinen, das eigentliche Problem sei nicht die Drohung eines autoritären Regimes mit nuklearen Ambitionen, sondern die Tatsache, dass jemand in Deutschland diese Bedrohung zu deutlich benennt.

Es ist eine rhetorische Kunstform, die in bestimmten linken Debattenmilieus inzwischen zur Routine geworden ist: Der Gegenstand verschwindet, die Sprecherposition wird zum Skandal.

Antisemitismus, aber bitte mit moralischem Duftspray

Nun wäre es natürlich grob und ungerecht, jeden solchen Kommentar sofort als Antisemitismus zu bezeichnen. Antisemitismus hat schließlich eine unschöne Geschichte, und niemand möchte leichtfertig mit diesem Begriff hantieren. Aber es existiert eine mildere, modernisierte Variante, die man vielleicht als pädagogischen Antisemitismus bezeichnen könnte.

Er funktioniert nicht über offene Feindseligkeit.
Er funktioniert über wohlmeinende Erziehung.

TIP:  Mohammed statt Atatürk

Man erklärt jüdischen Stimmen freundlich, wann ihre Äußerungen problematisch wirken könnten. Man empfiehlt Zurückhaltung. Man weist auf diplomatische Sensibilitäten hin. Man schlägt vor, den Dialog mit anderen Gruppen zu suchen.

Kurz gesagt: Man erklärt ihnen sehr geduldig, wie sie sich im deutschen Diskurs am besten verhalten sollten.

Das Ganze geschieht mit der warmen Stimme moralischer Überlegenheit. Und genau deshalb wirkt es so irritierend.

Die bemerkenswerte Selbstgewissheit des Kommentariats

Denn während all diese Empfehlungen ausgesprochen werden, bleibt eine kleine, aber entscheidende Frage unbeantwortet: Warum ist ausgerechnet der Journalist, der diesen Kommentar schreibt, die Instanz, die über die angemessene Rededisziplin anderer Menschen entscheiden darf?

Warum darf der Kommentator selbstverständlich seine Meinung äußern – und zwar ausführlich, pointiert und öffentlich –, während anderen empfohlen wird, ihre Meinung vielleicht besser zu delegieren?

Diese asymmetrische Redefreiheit ist eine der schönsten Traditionen des politischen Kommentariats. Der Journalist spricht, um zu erklären, warum andere besser nicht gesprochen hätten. Es ist gewissermaßen eine aristokratische Form der Meinungsfreiheit.

Die alte europäische Gewohnheit

Und so landet man am Ende wieder bei einer sehr alten europäischen Gewohnheit: Juden dürfen sprechen – solange sie das Richtige sagen. Sobald sie politisch unbequem werden, sobald sie Interessen formulieren, sobald sie Konflikte benennen, wird plötzlich der Tonfall strenger.

Dann erscheinen Artikel, die erklären, dass man vielleicht etwas sensibler hätte formulieren können. Dass man die Rolle falsch interpretiert habe. Dass Zurückhaltung manchmal klüger gewesen wäre.

Es ist eine erstaunlich langlebige Tradition. Früher kam sie von konservativen Eliten, später von nationalistischen Bewegungen, heute gelegentlich aus moralisch hochgerüsteten Redaktionsstuben.

Der Ton hat sich geändert.
Das Muster erstaunlich wenig.

Ein kleiner Vorschlag zum Schluss

Vielleicht könnte man die ganze Sache auch einmal umdrehen. Vielleicht wäre es gar keine schlechte Übung, wenn das politische Kommentariat gelegentlich dieselbe Regel auf sich selbst anwenden würde, die es anderen empfiehlt.

Einfach mal kurz innehalten.
Einmal tief durchatmen.
Und dann überlegen:

TIP:  Was gesagt werden muss(te) – aber von diesem Mann besser nie

Muss dieser Kommentar wirklich sein?

Die Antwort wäre vermutlich nein. Aber das wäre natürlich schade. Denn ohne solche Texte würde uns eine der unterhaltsamsten Formen moderner politischer Satire fehlen: der moralisch erhobene Zeigefinger, der mit ernster Miene erklärt, warum andere besser schweigen sollten – und dabei lautstark durch den Raum wedelt.

Please follow and like us:
Pin Share