Es gehört zu den charmanten Eigentümlichkeiten moderner Demokratien, dass sie gelegentlich mit der ernsten Miene eines Bibliothekars beginnen, Wörter zu regulieren, als seien sie radioaktive Substanzen. So auch im gegenwärtigen England, wo man sich daranmacht, eine neue offizielle Definition von „Islamfeindlichkeit“ zu etablieren. Der Begriff selbst kommt dabei bereits mit einer semantischen Hypothek daher, die jedem halbwegs sprachsensiblen Menschen auffallen müsste: Eine „Phobie“ ist im medizinischen Sinne eine irrationale Angststörung, also eine Krankheit. Wer demnach Kritik am Islam äußert, so suggeriert das Wort, leidet nicht etwa an einer politischen Meinung, sondern an einer pathologischen Störung. Die Diagnose ersetzt das Argument, der Therapeut ersetzt den Debattierer, und der Bürger wird zum Patienten erklärt, der gefälligst an seiner mentalen Hygiene zu arbeiten habe. Es ist eine bemerkenswerte rhetorische Operation: Man verwandelt Dissens in Symptom.
Dabei hat England doch eigentlich eine andere Tradition. Das Land, das einst die Debattenkultur des Parlaments, die bissige Satire eines Swift und die robuste Meinungsfreiheit einer liberalen Öffentlichkeit hervorgebracht hat, besitzt seit dem Human Rights Act von 1998 ein klares Bekenntnis: Artikel 10 garantiert das Recht auf freie Meinungsäußerung, einschließlich des Rechts, Informationen und Ideen zu empfangen und weiterzugeben. Nicht nur die angenehmen, wohlgemerkt. Gerade auch die unbequemen. Freiheit ist nämlich kein Salonmöbel, das nur in gut temperierten Räumen existiert; sie ist eher eine Art wetterfester Parkbank, auf der sich auch der Unverschämte, der Nervtöter und der Provokateur niederlassen dürfen. Die Idee der Meinungsfreiheit war nie, dass nur vernünftige Menschen reden dürfen. Sie war immer die Einsicht, dass man auch die Unvernünftigen reden lassen muss, weil sonst irgendwann jemand entscheidet, wer als vernünftig gilt.
Die semantische Nebelmaschine
Nun tritt jedoch die neue Definition der „Islamophobia“ auf die Bühne wie eine besonders ambitionierte Nebelmaschine im Theater der politischen Moral. In verschiedenen Formulierungen wird behauptet, Islamfeindlichkeit sei „eine Form von Rassismus“, die sich gegen „Ausdrucksformen muslimischer Identität“ richte. Auf den ersten Blick klingt das plausibel, beinahe harmlos, wie ein freundlicher Hinweis, dass man Menschen bitte nicht diskriminieren solle. Wer wäre dagegen? Doch unter der Oberfläche beginnt die Sache zu rutschen wie ein Teppich auf poliertem Parkett.
Denn der Islam ist, streng genommen, keine Ethnie. Er ist eine Religion, eine Weltanschauung, ein System von Glaubenssätzen, theologischen Behauptungen und moralischen Regeln. Religionen aber sind seit Jahrhunderten Gegenstand von Kritik, Spott, Polemik, philosophischer Analyse und gelegentlich auch ziemlich unfreundlicher Satire. Christentum, Judentum, Hinduismus, Scientology, der Pastafarianismus und der Verein der Freunde des kosmischen Staubs: Alles darf diskutiert, kritisiert, zerlegt und – wenn es die literarische Laune verlangt – auch verspottet werden. Die Idee, dass ausgerechnet eine Religion in eine semantische Vitrine gestellt wird, in der Kritik schnell als „Rassismus“ etikettiert werden kann, ist daher eine bemerkenswerte Innovation im Museum politischer Begriffe.
Man könnte sagen, hier wird ein theologisches System in eine Art empfindliche Porzellanfigur verwandelt, die angeblich sofort zerspringt, wenn jemand laut über sie nachdenkt. Und während man noch versucht herauszufinden, wie ein Gedanke überhaupt Porzellan zerbrechen soll, hat sich die Debatte bereits verschoben: Nicht mehr der Inhalt einer Aussage steht im Mittelpunkt, sondern die moralische Bewertung des Sprechers.
Die Kunst, Kritik in Verdacht zu verwandeln
Das wirklich Elegante an solchen Definitionen ist ihre elastische Vieldeutigkeit. Sie wirken wie ein höflicher Regenschirm, der sich bei Bedarf in ein juristisches Segel verwandeln kann. Natürlich wird offiziell betont, dass legitime Kritik an Religion weiterhin erlaubt sei. Gleichzeitig aber wird eine Atmosphäre geschaffen, in der genau diese Kritik leicht in den Verdacht moralischer Verwerflichkeit gerät.
Der Mechanismus ist altbekannt: Zuerst definiert man ein Problem möglichst weit, dann erklärt man es zu einer besonders gefährlichen Erscheinung, und schließlich stellt man fest, dass viele Dinge zufällig in diese Definition hineinpassen. Das Ergebnis ist kein formales Verbot – das wäre in einer liberalen Demokratie zu grob –, sondern eine Art moralischer Nebel. Universitäten, Behörden, Medienhäuser und Organisationen beginnen vorsichtig zu werden. Niemand möchte schließlich in den Verdacht geraten, ein „Phobiker“ zu sein.
So entsteht eine subtile Selbstzensur, die nicht einmal einen Polizisten benötigt. Es genügt ein Formular, eine Leitlinie, ein „Sensibilisierungsseminar“. Der Bürger zensiert sich selbst, weil er ahnt, dass bestimmte Fragen gesellschaftlich riskant geworden sind. Und plötzlich wirkt Artikel 10 des Menschenrechtsgesetzes ein wenig wie ein antikes Möbelstück: schön anzusehen, ehrwürdig, aber im täglichen Gebrauch leicht von moderner Bürokratie überdeckt.
Die Ironie der liberalen Intoleranz
Besonders ironisch wird die Sache, wenn man sich vor Augen führt, dass die liberale Gesellschaft ursprünglich genau das Gegenteil wollte. Sie wollte die Trennung zwischen Kritik an Ideen und Diskriminierung von Menschen. Ein Muslim als Person hat selbstverständlich die gleichen Rechte wie jeder andere Bürger, und jede Form von Diskriminierung gegen ihn ist abzulehnen. Aber der Islam als Religion – genau wie jede andere Religion – ist eine Sammlung von Ideen, Dogmen und Traditionen. Und Ideen sind nun einmal nicht immun gegen Kritik.
Wenn man beginnt, diese Unterscheidung zu verwischen, entsteht eine merkwürdige intellektuelle Schieflage. Plötzlich wirkt es, als sei die Religion selbst eine Art verletzliche Minderheit, die vor skeptischen Gedanken geschützt werden müsse. Das führt zu einer paradoxen Situation: Eine liberale Gesellschaft, die stolz darauf ist, Autoritäten zu hinterfragen, entwickelt plötzlich einen Bereich, in dem Hinterfragen als moralisch verdächtig gilt.
Der alte liberale Grundsatz lautete einmal: Man darf alles sagen, solange man nicht zur Gewalt gegen Menschen aufruft. Die neue kulturelle Logik scheint gelegentlich zu lauten: Man darf vieles sagen, solange es niemanden emotional irritiert – und wenn doch, dann sollte man vielleicht besser gar nichts sagen.
Satire im Wartezimmer der Moral
Für Satiriker ist diese Entwicklung natürlich ein Fest, wenn auch ein leicht nervöses. Denn Satire lebt von der Übertreibung, vom spielerischen Tabubruch, vom frechen Blick auf das Heilige. Wenn bestimmte Themen plötzlich mit moralischen Warnschildern versehen werden, fühlt sich der Satiriker wie ein Kind im Museum, das überall „Bitte nicht berühren“ liest.
Dabei hat die britische Kultur gerade hier eine lange Tradition. Von der politischen Karikatur des 18. Jahrhunderts bis zu modernen Comedyshows war Religion stets ein dankbares Ziel der Ironie. Der Witz bestand darin, dass niemand – wirklich niemand – sakrosankt war. Nicht der Papst, nicht der Erzbischof von Canterbury, nicht einmal die eigene Regierung.
Wenn nun ausgerechnet eine Religion in einen halbgeschützten Raum gestellt wird, in dem Kritik schnell als moralische Pathologie etikettiert werden kann, dann entsteht eine gewisse Absurdität. Der Humor steht plötzlich im Wartezimmer der Moral und fragt sich höflich, ob er noch hereingelassen wird.
Freiheit, die auch Unhöflichkeit aushält
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob man Menschen vor Diskriminierung schützen sollte. Das sollte man selbstverständlich. Die Frage ist vielmehr, ob der Schutz von Menschen dadurch erreicht wird, dass man Ideen mit einem moralischen Schutzschild versieht.
Eine robuste Meinungsfreiheit – die Art, die Artikel 10 eigentlich meint – ist nicht empfindlich. Sie hält sogar Unhöflichkeit aus. Sie erlaubt, dass Religionen kritisiert werden, dass Dogmen verspottet werden und dass heilige Texte in öffentlichen Debatten analysiert werden, manchmal freundlich, manchmal weniger freundlich.
Die Alternative ist eine Kultur der vorsichtigen Umschreibungen, in der jeder Satz zunächst darauf geprüft wird, ob er möglicherweise jemanden beleidigen könnte, der sich möglicherweise beleidigt fühlen könnte. Das Ergebnis ist selten Harmonie, sondern meist nur sprachliche Akrobatik.
Schlussbemerkung eines skeptischen Beobachters
Vielleicht ist das eigentliche Problem weniger der Begriff „Islamophobia“ selbst als die Versuchung, gesellschaftliche Konflikte durch moralische Etiketten zu lösen. Begriffe, die ursprünglich als Beschreibung gedacht waren, werden zu politischen Instrumenten. Und Instrumente haben bekanntlich die Angewohnheit, irgendwann benutzt zu werden.
England steht daher vor einer kleinen, aber symbolisch wichtigen Entscheidung: Will es eine Tradition verteidigen, in der Ideen offen kritisiert werden dürfen, oder will es beginnen, bestimmte Ideen mit einem diskreten Schutzmantel aus Begriffspolitik zu versehen?
Die Geschichte liberaler Gesellschaften legt eine einfache Antwort nahe. Freiheit funktioniert am besten, wenn sie auch Dinge erlaubt, die man persönlich unerquicklich findet. Gerade darin liegt ihre eigentliche Stärke. Denn eine Meinungsfreiheit, die nur für angenehme Meinungen gilt, ist keine Freiheit. Sie ist lediglich eine besonders höfliche Form der Zustimmung.