Die neue Orthodoxie der Aufgeklärten

Die Renaissance der bequemen Blindheit

Es gehört zu den feineren Ironien der Gegenwart, dass ausgerechnet jene Epoche, die sich selbst so selbstgewiss als aufgeklärt, rational und moralisch überlegen inszeniert, mit einer Inbrunst zur selektiven Blindheit zurückkehrt, die man bislang eher vormodernen Gesellschaften zugeschrieben hätte. Man könnte fast meinen, die Aufklärung habe ihr historisches Haltbarkeitsdatum überschritten und sei nun – wie ein schlecht gewordener Käse im ideologischen Kühlschrank – aus Gründen der Geruchsvermeidung diskret entsorgt worden. Dass dabei nicht nur beiläufig, sondern mit demonstrativem Eifer zentrale Prinzipien wie Meinungsfreiheit, Säkularität und universalistische Vernunft verabschiedet werden, geschieht unter dem wohlklingenden Banner von „Sensibilität“, „Vielfalt“ und „Respekt“. Begriffe, die inzwischen so elastisch sind, dass sie jede Form von Widerspruch elegant umschließen und ersticken können.

Die Kunst des „Umstritten-Seins“ als Todesurteil

Die moderne Variante der Ächtung trägt bekanntlich einen sanften Namen: „umstritten“. Ein Wort, das klingt wie ein milder Wetterbericht, tatsächlich aber die soziale Guillotine ersetzt. Wer einmal als „umstritten“ etikettiert ist, wird nicht widerlegt, sondern delegitimiert; nicht diskutiert, sondern aus dem Diskurs entfernt. Namen wie Thilo Sarrazin oder Michel Houellebecq fungieren dabei als exemplarische Fallstudien einer Gesellschaft, die weniger an Wahrheit als an moralischer Temperaturkontrolle interessiert ist.

Sarrazin etwa, so wird kolportiert, habe „problematische Thesen“ vertreten – eine Formulierung, die sich durch ihre inhaltliche Leere auszeichnet und gerade deshalb so wirksam ist. Houellebecq wiederum, der Chronist einer erschöpften westlichen Zivilisation, wird gern als Provokateur abgetan, als wäre literarische Diagnose identisch mit moralischer Zustimmung. Dass beide – bei allen berechtigten Einwänden gegen einzelne Aussagen – häufig schlicht Beobachtungen formulieren, die sich empirisch überprüfen ließen, gerät in den Hintergrund. Entscheidend ist nicht mehr, ob etwas wahr ist, sondern ob es gesagt werden darf. Und darüber entscheidet nicht die Vernunft, sondern das jeweilige moralische Betriebsklima.

Wenn Aufklärung zur Altlast erklärt wird

Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung jener politischen Strömungen, die sich einst als Erben der Aufklärung verstanden. Parteien wie Bündnis 90/Die Grünen, hervorgegangen aus Protestbewegungen, die Autoritäten hinterfragten und Freiheitsrechte verteidigten, scheinen heute eine erstaunliche Neigung zur Rehabilitierung vormoderner Denkmuster entwickelt zu haben – freilich unter progressivem Etikett.

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Die Förderung religiöser Präsenz im öffentlichen Raum, solange sie als Ausdruck kultureller Vielfalt gelesen werden kann, wird nicht nur toleriert, sondern aktiv inszeniert. Dass dabei ein bemerkenswerter selektiver Maßstab angelegt wird – religiöse Symbolik ja, aber bitte nicht die „falsche“ – gehört zu den weniger subtilen Widersprüchen dieser Politik. Der säkulare Staat, einst hart erkämpft, wird so schleichend in eine Bühne verwandelt, auf der religiöse Identitätspolitik ihre Aufführung erhält, applaudiert von jenen, die Religion in anderen Kontexten gern als rückständig kritisieren.

Das Fastenbrechen als politisches Ritual

Ein besonders emblematisches Beispiel liefert eine Veranstaltung im Deutschen Bundestag, organisiert von den Grünen: ein öffentlich zelebriertes Fastenbrechen, begleitet von verschleierten Frauen und geschlechtergetrenntem Gebet. Ein Ereignis, das – je nach Perspektive – als Zeichen von Offenheit oder als Kapitulation vor illiberalen Praktiken gelesen werden kann.

Hier verdichtet sich die eigentümliche Dialektik der Gegenwart: Was in einem Kontext als Ausdruck patriarchaler Unterdrückung kritisiert würde, erscheint in einem anderen als schützenswerte kulturelle Praxis. Die Verschleierung der Frau, andernorts Symbol der Unfreiheit, wird zur identitätspolitischen Ikone umgedeutet. Geschlechtertrennung, die im westlichen Alltag als Anachronismus gilt, erhält im Namen der Toleranz eine Art moralische Immunität.

Man könnte versucht sein, darin eine besonders raffinierte Form kognitiver Akrobatik zu sehen: Die Gleichzeitigkeit von feministischer Rhetorik und der Affirmation religiöser Praktiken, die mit dieser Rhetorik schwer vereinbar sind, wird nicht als Widerspruch empfunden, sondern als Ausdruck höherer Sensibilität. Die Frage, ob hier nicht fundamentale Prinzipien – etwa die Gleichheit der Geschlechter oder die Trennung von Staat und Religion – relativiert werden, gilt schnell als unzulässig, ja als unsensibel.

Die neue Orthodoxie der Toleranz

So entsteht eine paradoxe Situation: Toleranz wird zur Pflicht, aber nur in eine Richtung. Kritik an bestimmten religiösen oder kulturellen Praktiken wird als Intoleranz gebrandmarkt, während die Kritik an anderen – vorzugsweise den historisch dominanten – Traditionen weiterhin zum guten Ton gehört. Es ist eine selektive Toleranz, die weniger auf Prinzipien als auf moralischen Hierarchien basiert.

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Der französische Philosoph Pascal Bruckner sprach einst von der „Tyrannei der Reue“, Michel Houellebecq von der „Selbstverachtung des Westens“. Beide Begriffe wirken heute fast untertrieben. Was sich beobachten lässt, ist weniger Reue als vielmehr eine eigentümliche Lust an der Selbstrelativierung, gepaart mit einer bemerkenswerten Unfähigkeit, universelle Maßstäbe anzulegen.

Der Preis der moralischen Bequemlichkeit

Am Ende steht eine Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Grundlagen unsicher geworden ist. Die Aufklärung, einst Projekt der Befreiung von religiöser und autoritärer Bevormundung, wird nicht offen bekämpft, sondern leise relativiert, umgedeutet, in den Hintergrund gedrängt. An ihre Stelle tritt ein moralischer Eklektizismus, der sich aus Versatzstücken unterschiedlichster Traditionen speist, ohne deren innere Widersprüche ernsthaft zu reflektieren.

Die Ironie dabei ist kaum zu übersehen: Aus Angst, intolerant zu erscheinen, werden Praktiken toleriert, die selbst wenig Raum für Toleranz lassen. Aus dem Wunsch heraus, Vielfalt zu schützen, wird die Kritik an illiberalen Strukturen eingeschränkt. Und im Bemühen, niemanden auszuschließen, entsteht eine neue Form des Ausschlusses – jene der unerwünschten Gedanken.

Vielleicht ist dies die eigentliche Pointe der Gegenwart: Nicht die Rückkehr der Religion als solche ist bemerkenswert, sondern die bereitwillige Suspendierung jener Prinzipien, die einst mühsam gegen sie erkämpft wurden. Eine Entwicklung, die – ganz im Sinne eines augenzwinkernden Zynismus – als Fortschritt verkauft wird.

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