Die merkwürdige Romanze zwischen Revolte und Offenbarung

Es gehört zu den intellektuellen Kuriositäten der Gegenwart, dass ausgerechnet jene Milieus, die sich einst mit fast sportlicher Leidenschaft an der Dekonstruktion von Religionen übten, nun eine neue Zuneigung zu einer von ihnen entdecken – und dies mit einer Emphase, die selbst abgeklärte Beobachter in ein mildes Staunen versetzt. Wenn eine Aktivistin der radikalen Linken öffentlich erklärt, der Islam sei „die einzige Religion, die wirklich mit progressiven Werten im Einklang steht“, dann klingt das weniger nach Analyse als nach einer Art weltanschaulicher Verliebtheit, deren Gegenstand bei näherer Betrachtung erstaunlich wenig mit dem eigenen ideologischen Inventar zu tun hat.

Man fühlt sich unwillkürlich an jene literarischen Figuren erinnert, die sich mit leidenschaftlicher Entschlossenheit in ein Ideal stürzen, das sie nur aus der Ferne kennen – und dessen reale Beschaffenheit sie geflissentlich ignorieren. „Der Koran wird mein erster sein“, lautet die enthusiastische Ankündigung, die weniger nach religiöser Suche als nach identitätspolitischem Event klingt. Es ist die Ästhetik der Bekehrung ohne Bekenntnis, der Glaube als Accessoire, sorgfältig ausgewählt im ideologischen Schaufenster.

Die Dialektik der selektiven Wahrnehmung

Die Frage, warum Teile der Linken eine solche Faszination für den Islam entwickeln, lässt sich nicht mit einem einzigen Argument beantworten, wohl aber mit einem wiederkehrenden Muster: der selektiven Wahrnehmung. Es handelt sich um eine Form der intellektuellen Filterung, bei der bestimmte Aspekte hervorgehoben und andere konsequent ausgeblendet werden.

So erscheint der Islam in dieser Perspektive nicht als historisch gewachsene, komplexe Religion mit vielfältigen Ausprägungen, sondern als Projektionsfläche für politische Sehnsüchte. Man entdeckt in ihm plötzlich antikapitalistische Impulse, Gemeinschaftssinn, Widerstand gegen westliche Hegemonie – kurzum: all jene Elemente, die sich problemlos in das eigene ideologische Koordinatensystem einfügen lassen. Dass dieselbe Religion in vielen ihrer real existierenden Ausprägungen ein eher angespanntes Verhältnis zu Gleichberechtigung, individueller Freiheit oder sexueller Selbstbestimmung pflegt, wird dabei mit bemerkenswerter Gelassenheit übersehen.

George Orwell hätte an dieser Stelle vermutlich von „doublethink“ gesprochen – jener Fähigkeit, widersprüchliche Überzeugungen gleichzeitig zu halten, ohne den Widerspruch als solchen zu empfinden. Es ist eine intellektuelle Gymnastik, die nicht ohne Bewunderung betrachtet werden kann.

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Der Reiz des Anderen und die Müdigkeit am Eigenen

Ein weiterer Schlüssel zum Verständnis dieser Faszination liegt in einer gewissen Ermüdung gegenüber der eigenen kulturellen Tradition. Die westliche Gesellschaft, so die implizite Annahme, erscheint vielen als erschöpft, dekadent, ihrer moralischen Energie beraubt. In dieser Stimmung gewinnt das „Andere“ an Attraktivität – nicht unbedingt aufgrund seiner konkreten Eigenschaften, sondern als Gegenbild zum Vertrauten.

Der Islam wird in diesem Kontext zu einer Art Gegenentwurf stilisiert: klar, verbindlich, identitätsstiftend. Eine Religion, die noch zu wissen scheint, was sie will, während der Westen sich in endlosen Selbstdebatten verliert. Diese Projektion sagt dabei oft mehr über die Enttäuschung am Eigenen aus als über das tatsächlich Bewunderte.

Der französische Philosoph Pascal Bruckner hat diese Haltung einmal als „Tyrannei der Reue“ beschrieben – ein Zustand, in dem die Kritik an der eigenen Geschichte so dominant wird, dass andere Kulturen automatisch in einem milderen Licht erscheinen. Kritik wird asymmetrisch verteilt, und während man die eigene Gesellschaft mit analytischer Schärfe seziert, begegnet man anderen mit einer fast zärtlichen Nachsicht.

Die Allianz der Unvereinbarkeiten

Besonders faszinierend ist die ideologische Spannung, die aus dieser Konstellation entsteht. Auf der einen Seite stehen feministische, queere und säkularistische Positionen, die zentrale Bestandteile linker Ideologie bilden. Auf der anderen Seite eine religiöse Tradition, die in vielen ihrer Ausprägungen genau diesen Positionen skeptisch bis ablehnend gegenübersteht.

Dass diese Spannung nicht zu einer kritischen Auseinandersetzung führt, sondern vielmehr in einer Art harmonisierender Rhetorik aufgelöst wird, gehört zu den bemerkenswertesten Phänomenen dieser Debatte. Widersprüche werden nicht diskutiert, sondern umgedeutet, relativiert oder schlicht ignoriert. Es ist, als hätte man beschlossen, dass Kohärenz eine überschätzte Kategorie sei.

Der Schriftsteller Michel Houellebecq hätte darin vermutlich eine weitere Bestätigung seiner These gesehen, dass die westliche Gesellschaft weniger an äußeren Einflüssen als an innerer Erschöpfung leidet. Eine Diagnose, die man nicht teilen muss, die aber in diesem Kontext eine gewisse Plausibilität gewinnt.

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Die moralische Hierarchie der Kritik

Ein zentrales Element dieser Entwicklung ist die ungleiche Verteilung von Kritik. Während westliche Gesellschaften und ihre Institutionen einer permanenten, oft gnadenlosen Analyse unterzogen werden, scheint gegenüber anderen kulturellen oder religiösen Systemen eine Art Schonfrist zu gelten. Kritik wird hier schnell als unsensibel, voreingenommen oder gar diskriminierend gebrandmarkt.

Diese moralische Hierarchie führt zu einer paradoxen Situation: Ausgerechnet jene, die sich als besonders kritisch verstehen, praktizieren eine Form der Selbstzensur, sobald es um bestimmte Themen geht. Der Wunsch, nicht in den Verdacht kultureller Überheblichkeit zu geraten, führt dazu, dass berechtigte Fragen gar nicht erst gestellt werden.

Die Ironie der progressiven Begeisterung

Am Ende bleibt eine Ironie, die sich kaum übersehen lässt: Eine Bewegung, die sich selbst als Speerspitze des Fortschritts begreift, entdeckt ihre Begeisterung für eine Tradition, die in vielen Punkten eher konservativ geprägt ist. Es ist, als würde man im Namen der Zukunft eine Allianz mit der Vergangenheit eingehen – und dies als Fortschritt deklarieren.

Vielleicht liegt gerade in dieser Ironie der Schlüssel zum Verständnis. Denn was hier sichtbar wird, ist weniger eine kohärente ideologische Position als vielmehr ein Ausdruck der Suche nach Orientierung in einer zunehmend komplexen Welt. Der Islam dient dabei als Projektionsfläche, als Symbol, als Gegenbild – und manchmal auch als Missverständnis.

Und so bleibt am Ende der Eindruck einer Debatte, die weniger von Erkenntnis als von Sehnsucht geprägt ist. Eine Sehnsucht nach Klarheit, nach Identität, nach Sinn – die sich ihren Gegenstand sucht, wo immer sie ihn zu finden glaubt, selbst wenn dieser Gegenstand bei näherem Hinsehen nicht ganz zu dem passt, was man in ihm zu erkennen hofft.

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