Der stille Umbau der Demokratie

Es gibt politische Begriffe, die klingen so harmlos, so weich, so therapeutisch, dass man fast automatisch annimmt, sie müssten etwas Gutes bedeuten. „Resilienz“ ist ein solcher Begriff. Früher meinte er einmal die psychologische Widerstandskraft eines Menschen gegen Krisen. Heute bezeichnet er – in einer jener eleganten semantischen Drehungen, die politisches Denken so gern vollführt – die Fähigkeit eines politischen Systems, sich gegen den Wähler zu härten. Man könnte auch sagen: Demokratie, aber stoßfest. Demokratie mit Airbag. Demokratie im Hartschalenkoffer. Und während der Bürger noch glaubt, er dürfe wählen, arbeitet irgendwo im Hintergrund bereits ein kleiner Trupp juristischer Feinmechaniker daran, die Wirkung dieser Wahl möglichst sorgfältig zu dämpfen. Nicht abschaffen, um Gottes willen – das wäre vulgär autoritär. Nein, man will sie nur ein wenig… abfedern.

Das ist der Punkt, an dem ein scheinbar technischer Diskurs plötzlich literarische Qualität bekommt. Denn nichts ist dramatischer als eine Demokratie, die sich vor ihrer eigenen Bevölkerung fürchtet. Und nichts wirkt gleichzeitig komischer.

Die Geburt eines politischen Gedankenexperiments

Alles begann – wie so viele politische Innovationen unserer Zeit – mit einem Planspiel. Ein Wort, das eine beruhigende Mischung aus Strategiepapier, Seminararbeit und Gesellschaftsspiel suggeriert. „Was wäre, wenn…?“ fragte 2023 das sogenannte Thüringen-Projekt des Verfassungsblogs. Diese drei Punkte hinter dem „wenn“ sind von einer wunderbaren Eleganz: Sie erlauben es, das Gespenst zu beschwören, ohne es beim Namen nennen zu müssen. Natürlich wusste jeder, wer gemeint war. In der politischen Prosa Deutschlands ist die AfD mittlerweile eine Art Voldemort der Parteienlandschaft: Man spricht ihren Namen aus, aber immer mit einem leichten Zittern im Tonfall und möglichst vielen Fußnoten.

Das Projekt wollte untersuchen, welche Möglichkeiten eine „autoritär-populistische Partei“ hätte, demokratische Institutionen auf Landesebene zu beschädigen. Eine durchaus legitime Frage. Demokratien dürfen sich durchaus Gedanken darüber machen, wie sie sich gegen Feinde schützen. Nur hat dieses spezielle Projekt eine gewisse ironische Schlagseite: Während es die hypothetische Machtübernahme einer Partei analysierte, begann es zugleich, ganz reale Vorschläge zu entwickeln, wie man die Macht dieser Partei – sollte sie einmal gewählt werden – vorsorglich begrenzen könnte.

TIP:  Eine total, total verrückte Welt

Das ist ungefähr so, als würde ein Feuerwehrkurs mit der Frage beginnen: „Was tun wir, wenn es brennt?“ – und nach zwei Stunden beschließen, sicherheitshalber das Wasser für alle Haushalte abzudrehen.

Das politische PR-Wunder

Hinter diesem Projekt stand Maximilian Steinbeis, Journalist, Jurist und – man muss es anerkennend sagen – ein politischer Kommunikationsstratege von bemerkenswerter Wirksamkeit. In der deutschen Republik, in der Ideen normalerweise in Gremien versanden wie Fahrräder im Donaukanal, gelang ihm etwas Seltenes: eine Debatte zu starten, die von Thinktanks über Ministerien bis in die Medienlandschaft wanderte wie ein besonders hartnäckiger Ohrwurm.

Steinbeis sprach überall über Resilienz. Resilienz der Demokratie. Resilienz der Institutionen. Resilienz des Rechtsstaats.

Das Wort wirkte wie ein politisches Desinfektionsmittel. Wer könnte dagegen sein? Wer würde öffentlich erklären: „Nein, danke, ich bin gegen Resilienz, ich bevorzuge fragile Demokratien“?

Und so öffneten sich Türen. In Ministerien nickte man. In Redaktionen schrieb man Leitartikel. In Parteizentralen begann man nachzudenken. Und plötzlich stellte man fest, dass man – rein vorsorglich natürlich – einige institutionelle Sicherungen einbauen könnte. Nur für den Fall.

Die Republik im Gummipanzer

Hier beginnt die eigentliche Komödie. Denn eine Demokratie, die sich gegen politische Ergebnisse absichert, gleicht ein wenig einem Restaurant, das seine Speisekarte nur unter der Bedingung ausgibt, dass der Gast garantiert nichts bestellt, was der Küchenchef nicht mag.

Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind dabei erstaunlich chirurgisch. Man verändert kleine Regeln. Zuständigkeiten. Zustimmungsverfahren. Vorschlagsrechte. Alles ganz minimal. So minimal, dass man es kaum bemerkt – außer man gehört zu den Menschen, die beruflich Verfassungen lesen.

Das Ziel ist immer dasselbe: verhindern, dass eine unliebsame parlamentarische Mehrheit tatsächlich politische Konsequenzen entfalten kann.

Man könnte sagen, die Republik erhält einen Gummipanzer.

Ein wunderbares technisches Wunderwerk: Schläge kommen an, prallen aber sofort wieder ab.

Die Ironie liegt auf der Hand. Demokratie lebt davon, dass politische Mehrheiten tatsächlich etwas verändern können. Wenn sie das nicht mehr können, weil ein Netz aus institutionellen Sicherungen jede Bewegung dämpft, entsteht etwas Neues: eine Demokratie ohne Risiko. Eine Demokratie mit Stoßdämpfern.

TIP:  Jeder weiß, so darf es nicht bleiben.

Oder, weniger freundlich formuliert: eine Demokratie, die nur noch symbolisch funktioniert.

Sachsen-Anhalt als Labor

Sachsen-Anhalt ist nun eines der Versuchsfelder dieses neuen Denkens. CDU, SPD, FDP, Grüne und Linke arbeiten gemeinsam an einer Verfassungsänderung, die die „Resilienz gegen antidemokratische Maßnahmen“ stärken soll. Schon diese Formulierung besitzt eine gewisse poetische Kraft. Sie klingt, als würde ein demokratisches Immunsystem aktiviert.

Tatsächlich geht es um eine Reihe technischer Veränderungen. Staatsverträge sollen künftig nur mit Zustimmung des Landtags gekündigt werden können. Das Vorschlagsrecht für den Landtagspräsidenten soll nicht mehr automatisch der stärksten Fraktion zufallen. Und eine mögliche Sperrminorität bei Richterwahlen soll entschärft werden.

Alles sehr vernünftig. Alles sehr moderat. Alles sehr spezifisch.

Und doch entsteht dabei ein seltsames politisches Bild: ein Parteienbündnis, das sich quer über das gesamte politische Spektrum spannt, um eine einzige Partei präventiv auszubremsen.

Selbst politisch wohlwollende Beobachter könnten hier eine gewisse dramaturgische Ironie entdecken. Denn die AfD lebt politisch davon, sich als Opfer eines „Parteienkartells“ darzustellen. Wenn nun tatsächlich alle anderen Parteien gemeinsam institutionelle Regeln verändern, um sie zu begrenzen, wirkt das ungefähr so subtil wie ein Bühnenstück, in dem der Bösewicht bereits im ersten Akt laut verkündet: „Ich wurde zu Unrecht beschuldigt!“ – und daraufhin von allen anderen Figuren gleichzeitig verhaftet wird.

Die Logik der Angst

Der Motor hinter all dem ist Angst. Nicht unbedingt irrationale Angst – aber Angst dennoch. Die Vorstellung, dass eine radikale Partei demokratische Institutionen nutzen könnte, um sie zu schwächen, ist nicht aus der Luft gegriffen. Die Geschichte Europas liefert genügend Beispiele.

Das Problem liegt jedoch in der politischen Reaktion.

Denn wenn man versucht, eine Demokratie so zu konstruieren, dass sie gegen bestimmte Wahlergebnisse immun wird, beginnt man unweigerlich, ihre Grundlogik zu verändern.

Demokratie bedeutet nicht, dass immer die „richtigen“ Kräfte gewinnen. Sie bedeutet, dass auch falsche Entscheidungen möglich sind – und dass man sie wieder korrigieren kann.

TIP:  #FreeShlomo

Eine Demokratie, die versucht, falsche Entscheidungen strukturell unmöglich zu machen, verwandelt sich langsam in etwas anderes: ein politisches System mit eingebautem Ergebnisfilter.

Die Ironie der Immunisierung

Der vielleicht bitterste Witz des ganzen Projekts liegt jedoch am Ende. Das Thüringen-Projekt warnte davor, dass autoritäre Kräfte versuchen könnten, sich gegen demokratische Kontrolle zu immunisieren.

Die vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen bestehen nun darin, institutionelle Mechanismen einzubauen, die politische Mehrheiten neutralisieren können.

Man könnte sagen: Man baut vorsorglich genau jene Instrumente, vor denen man warnt.

Das ist kein zwingender Weg in den Autoritarismus. Aber es ist ein seltsam paradoxer Weg zur Verteidigung der Demokratie: Man schützt sie, indem man sie vorsichtig entschärft.

Und so entsteht langsam, fast unbemerkt, eine neue Staatsform. Sie trägt weiterhin alle äußeren Merkmale der parlamentarischen Demokratie – Wahlen, Parteien, Parlamente, Debatten.

Nur eines verändert sich ganz leise: die Wirkung des Ganzen.

Die Bürger wählen weiterhin.

Aber irgendwo im Maschinenraum der Verfassung sitzt inzwischen ein kleines technokratisches Stoßdämpfungssystem, das darauf achtet, dass die Republik nicht zu sehr ins Schlingern gerät.

Oder, wie man heute sagt: dass sie resilient bleibt.

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