Es gibt politische Symbole, die mit einer erstaunlichen Karriere gesegnet sind. Die Kufiya etwa – einst ein recht praktisches Stück Stoff gegen Sonne, Sand und gelegentliche Revolution – hat sich in Europa zu einer Art textilem Universalargument entwickelt. Man kann mit ihr alles sagen, ohne etwas sagen zu müssen. Sie ersetzt Analyse durch Muster, Geschichte durch Baumwolle und Moral durch Fransen. Und so war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie auch auf dem Ettersberg auftauchen würde, dort, wo einst das Konzentrationslager Buchenwald stand, jener Ort, an dem die deutsche Zivilisation ihre tiefste Selbstverneinung organisierte. Nun also die Initiative »Kufiyas in Buchenwald«, die verlangt, die Gedenkstätte müsse den angeblichen „Völkermord in Gaza“ thematisieren. Ein bemerkenswertes Projekt: Nicht etwa, weil politische Debatten an Gedenkstätten grundsätzlich illegitim wären – Geschichte ist schließlich kein Museum der moralischen Fossilien –, sondern weil hier eine ganz besondere Art historischer Akrobatik vorgeführt wird. Man könnte sagen: ein moralischer Parkour über die Gräber hinweg, mit erstaunlicher Leichtigkeit und bemerkenswerter Gleichgültigkeit gegenüber dem, was unter den Füßen liegt.
Die Ironie beginnt bereits bei der Personalstruktur dieser Kampagne. Unter den Unterstützern finden sich, wie man so sagt, autoritär-kommunistische Gruppen, also Menschen, die den Begriff „Antifaschismus“ mit einer Inbrunst aussprechen, als handele es sich um eine Art revolutionäres Weihwasser. Nur dass sie gleichzeitig Regime verteidigen, deren Verhältnis zu Opposition, Pressefreiheit oder religiösen Minderheiten eher an die Handbücher klassischer Diktaturen erinnert. Besonders charmant ist dabei die Nähe zum iranischen Mullah-Regime, jener Theokratie, die Frauenrechte ungefähr so begeistert unterstützt wie ein mittelalterlicher Inquisitor das Kopernikanische Weltbild. Aber offenbar gilt hier eine einfache moralische Gleichung: Wer gegen Israel ist, kann kein schlechter Mensch sein. Das ist der neue kategorische Imperativ der geopolitischen Moralökonomie.
Die Gedenkstätte als Projektionsfläche
Gedenkstätten haben eine merkwürdige Eigenschaft: Sie sind Orte der Erinnerung und gleichzeitig Projektionsflächen für Gegenwartsbedürfnisse. In Deutschland, wo die Vergangenheit mit der Hartnäckigkeit eines schlecht bezahlten Archivars immer wieder aus den Schubladen kriecht, ist das besonders ausgeprägt. Buchenwald ist nicht nur ein Ort, an dem zehntausende Menschen litten und starben; es ist auch ein symbolischer Raum, in dem moralische Autorität verwaltet wird. Und genau deshalb zieht er Aktivisten an wie eine Kerze die Motten. Wer seine Sache hier platzieren kann, hofft offenbar, sie mit einer Art historischer Weihe zu versehen.
Das Problem beginnt, wenn die Vergangenheit dabei zum Dekor wird. Die Initiative möchte zwischen den Steinen mit den Namen der KZ-Häftlinge gewissermaßen eine neue moralische Botschaft einfügen. Man könnte sagen: ein Update der Erinnerungskultur, Version 2026. Doch die Logik dahinter ist unerquicklich simpel. Wenn irgendwo in der Welt ein Konflikt stattfindet, der moralische Empörung erzeugt, dann muss er – so die Annahme – an den symbolträchtigsten Orten deutscher Geschichte verhandelt werden. Auschwitz, Dachau, Buchenwald: eine Art historischer Resonanzverstärker für aktuelle politische Parolen. Die Toten werden dabei unfreiwillig zu Statisten einer Gegenwartsdebatte, die sie weder bestellt noch kommentiert haben.
Dass Angriffe auf NS-Gedenkstätten in Deutschland Tradition haben, ist leider wahr. Neu ist allerdings die ideologische Richtung. Früher kamen sie von Neonazis, Geschichtsrevisionisten oder anderen Hobbyarchäologen des völkischen Irrsinns. Heute treten gelegentlich Aktivisten auf, die sich selbst als Antifaschisten verstehen – und die dem historischen Faschismus offenbar besonders übelnehmen, dass seine Verbrechen am Ende zur Gründung eines jüdischen Staates beigetragen haben. Man muss diese gedankliche Verrenkung bewundern: Es ist, als würde man den Brandstifter verurteilen, weil die Feuerwehr danach ein neues Haus gebaut hat.
Goethe auf dem Ettersberg
Jorge Semprún hat in seinem Roman „Was für ein schöner Sonntag!“ eine Szene imaginiert, die bis heute zu den elegantesten literarischen Meditationen über Buchenwald gehört. Der Erzähler stellt sich vor, Goethe spaziere weiterhin über den Ettersberg, begleitet von seinem treuen Eckermann, diesem „distinguierten Trottel“, und beide unterhielten sich über das Lager, das dort später errichtet wurde. Die Vorstellung hat etwas Absurdes und gleichzeitig etwas Tiefgründiges: die klassische deutsche Kultur, die auf einmal neben dem industriellen Mord steht wie ein höflicher Gastgeber neben einem ungebetenen Gast, der sich nicht mehr hinauskomplimentieren lässt.
Nun stelle man sich diese Szene heute vor. Goethe schlendert also über den Ettersberg, vielleicht gerade dabei, über Farbenlehre oder den Zustand der Weltliteratur nachzudenken. Und plötzlich begegnet er einer Gruppe Aktivisten mit Kufiyas, die zwischen den Gedenksteinen politische Transparente ausbreiten. Eckermann würde vermutlich höflich nicken, denn distinguierte Trottel haben bekanntlich ein Talent für diplomatische Höflichkeit. Goethe hingegen könnte irritiert sein. Nicht nur wegen der politischen Botschaft, sondern wegen der merkwürdigen symbolischen Ökonomie dieses Schals, der inzwischen offenbar mehr Bedeutungen trägt als sein Farbenkreis.
Denn in Goethes Farbenlehre kommen Schwarz und Weiß bekanntlich nicht vor – zumindest nicht als Farben im eigentlichen Sinn. Sie sind Grenzphänomene, Übergänge zwischen Licht und Dunkelheit. Vielleicht wäre das eine hübsche Metapher für die gegenwärtige Debatte: viel moralisches Schwarzweiß, erstaunlich wenig Spektrum dazwischen. Die Welt wird in zwei Lager sortiert, und die Kufiya dient dabei als textile Grenzmarkierung zwischen Gut und Böse. Dass die Wirklichkeit komplizierter ist, stört in diesem moralischen Theaterstück nur.
Antifaschismus als moralische Exportware
Der moderne Aktivismus hat eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er ist gleichzeitig moralisch maximalistisch und historisch minimalistisch. Man fordert alles – Gerechtigkeit, Dekolonisierung, globale Solidarität –, aber man weiß erstaunlich wenig über die konkreten historischen Konstellationen, in denen diese Begriffe entstanden sind. Der Antifaschismus wird dabei zu einer Art moralischer Exportware, die man überall einsetzen kann, egal ob es um europäische Geschichte, Nahostpolitik oder die Innenpolitik eines Gottesstaates geht.
Dabei ist es gerade die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die uns eigentlich vorsichtig machen sollte. Totalitäre Ideologien liebten es stets, moralische Begriffe zu kapern und umzudefinieren. Freiheit bedeutete dann Parteidisziplin, Frieden bedeutete geopolitische Expansion, und Antifaschismus bedeutete manchmal schlicht die Loyalität gegenüber einer anderen autoritären Ordnung. Wenn heute ausgerechnet Anhänger autoritärer Regime sich als antifaschistische Speerspitze inszenieren, hat das daher eine gewisse historische Ironie. Man könnte sagen: Die Dialektik der Aufklärung trägt inzwischen eine Kufiya.
Der Ettersberg und die Gegenwart
Am Ende bleibt eine einfache Frage: Was ist eine Gedenkstätte eigentlich? Ist sie ein politischer Debattenraum, ein moralischer Resonanzkörper oder ein Ort stiller historischer Reflexion? Wahrscheinlich ein bisschen von allem. Aber sie ist vor allem ein Ort, an dem die Vergangenheit nicht instrumentalisiert werden sollte wie ein Lautsprecher für die Parolen der Gegenwart. Wer zwischen den Namen der KZ-Häftlinge politische Kampagnen inszeniert, bewegt sich auf einem Terrain, das mehr Demut verlangt als Aktivismus gewöhnlich aufzubringen bereit ist.
Vielleicht hätte Goethe, wenn er tatsächlich über den Ettersberg spaziert wäre und den Kufiya-Aktivisten begegnet wäre, eine seiner typischen halb ironischen, halb melancholischen Bemerkungen gemacht. Etwa diese: dass der Mensch erstaunlich begabt darin sei, aus jedem Ort der Geschichte eine Bühne für seine eigenen moralischen Dramen zu machen. Und dass diese Dramen selten so tiefgründig sind, wie ihre Darsteller glauben.
Eckermann hätte das vermutlich eifrig notiert. Und irgendwo zwischen den Bäumen des Ettersbergs hätte der Wind vielleicht kurz an einem schwarz-weißen Schal gezupft – jenem Stoffstück, das inzwischen mehr Ideologie transportiert als so mancher politischer Traktat. Ein erstaunliches Schicksal für ein Kleidungsstück. Nur dass der Ort, an dem es nun auftaucht, ein wenig zu ernst ist für solche modischen Weltdeutungen.