Vom Mufti in Berlin zum Vorbild von heute

Es gibt Ehrungen, die mehr über die Gegenwart verraten als über die Vergangenheit, die sie angeblich würdigen. Und dann gibt es Ehrungen, die sich wie ein schlecht kaschierter Kommentar zur eigenen moralischen Orientierung lesen – ein Kommentar, der nicht einmal die Mühe unternimmt, seine brisanten Passagen zu verschleiern. Die Benennung einer Mehrzweckhalle nach Haj Amin al-Husseini gehört zweifellos in die zweite Kategorie. Denn hier wird nicht einfach ein historischer Akteur geehrt, sondern ein Mann, dessen politische Biografie nicht nur von nationalem Aktivismus, sondern in erheblichem Maße von einer bemerkenswert intensiven, ideologisch kompatiblen und operativ nicht ganz folgenlosen Zusammenarbeit mit dem nationalsozialistischen Deutschland geprägt war.

Dass diese Zusammenarbeit in der offiziellen Würdigung praktisch auf die Größe einer Fußnote zusammenschrumpft, ist dabei weniger ein Versehen als eine Form politischer Ästhetik: Man reduziert das moralisch Unbequeme auf ein kaum wahrnehmbares Hintergrundrauschen und dreht gleichzeitig die Lautstärke der heroischen Narrative auf Anschlag. So entsteht ein Geschichtsbild, das in seiner Selektivität fast schon als Kunstform gelten könnte – wäre es nicht so unerquicklich in seinen Konsequenzen.

Der Mufti in Berlin und die erstaunliche Nähe zur Vernichtungsmaschine

Wer Haj Amin al-Husseini auf die Rolle eines „nationalen Führers“ reduziert, betreibt nicht nur Vereinfachung, sondern eine Art historischer Verharmlosung, die an intellektuelle Fahrlässigkeit grenzt. Denn al-Husseini war nicht bloß ein gelegentlicher Sympathisant des NS-Regimes, kein ferner Beobachter, der sich aus opportunistischen Gründen an die falsche Seite stellte. Er war ein aktiver Akteur im propagandistischen und politischen Netzwerk des Dritten Reiches – ein Mann, der sich in Berlin nicht etwa am Rand aufhielt, sondern in unmittelbarer Nähe zur ideologischen und administrativen Schaltzentrale eines Regimes, das den industriellen Massenmord zur Staatsräson erhoben hatte.

Er traf Vertreter der NS-Führung bis hin zu Adolf Hitler, ließ sich in die Propagandamaschinerie einbinden, sprach über Rundfunk in die arabische Welt und verbreitete dort eine Mischung aus nationalsozialistischer Verschwörungsideologie und religiös aufgeladenem Antisemitismus. Das war keine lose Bekanntschaft, kein diplomatisches Missverständnis, sondern eine Zusammenarbeit, die auf ideologischer Anschlussfähigkeit beruhte. Wenn von „Verbündeter Hitlers“ die Rede ist, dann ist das keine polemische Zuspitzung, sondern eine vergleichsweise nüchterne Beschreibung eines Verhältnisses, das von gegenseitigem Nutzen und erschreckender Übereinstimmung in zentralen Feindbildern geprägt war.

Antisemitismus als verbindendes Element und Exportgut

Besonders unerquicklich – und hier beginnt der Zynismus fast von selbst zu schreiben – ist die Rolle, die al-Husseini bei der ideologischen Übersetzungsarbeit spielte. Er fungierte gewissermaßen als kultureller Vermittler eines eliminatorischen Antisemitismus, der im nationalsozialistischen Europa bereits seine tödliche Konsequenz gefunden hatte. In seinen Reden und Rundfunkansprachen verband er die rassistische Ideologie des NS-Regimes mit religiösen Narrativen und machte sie so anschlussfähig für ein Publikum, das mit den spezifischen Begrifflichkeiten des europäischen Antisemitismus vielleicht weniger vertraut war, mit dessen emotionaler Struktur jedoch durchaus etwas anfangen konnte.

Man könnte sagen: Hier wurde nicht nur kollaboriert, hier wurde adaptiert, transformiert und weitergetragen. Die Ideologie wurde nicht einfach übernommen, sondern lokal aufgeladen, kulturell eingebettet und als Teil eines größeren politischen Kampfes inszeniert. Dass diese Form der ideologischen Kooperation in der heutigen Würdigung kaum eine Rolle spielt, ist bemerkenswert – oder, weniger wohlwollend formuliert, bezeichnend.

Die Logistik des Todes und die höfliche Bitte um Deportation

Noch schwerer wiegt allerdings ein Aspekt, der sich selbst mit größter rhetorischer Anstrengung kaum relativieren lässt: al-Husseinis aktives Bemühen, die Flucht von Juden aus Europa zu verhindern und stattdessen ihre Deportation in die Vernichtungsmaschinerie zu unterstützen. Seine Interventionen bei Regierungen in Südosteuropa, seine Forderungen, jüdische Kinder und Erwachsene nicht ausreisen zu lassen, sondern sie dorthin zu schicken, wo das NS-Regime sie systematisch ermordete – all dies sind keine Randnotizen, sondern Handlungen mit potenziell tödlichen Konsequenzen.

Hier verlässt die Kollaboration endgültig den Bereich des bloß Politischen und betritt die Sphäre der moralischen Katastrophe. Es geht nicht mehr um Propaganda oder symbolische Nähe, sondern um konkrete Beiträge zu einem System, dessen Ziel die physische Vernichtung war. Und dennoch gelingt es der offiziellen Erinnerungspolitik, genau diesen Aspekt in eine Art diskursiven Nebel zu hüllen, in dem er zwar nicht vollständig verschwindet, aber doch seine Schärfe verliert. Es ist, als würde man ein brennendes Haus beschreiben und dabei die Flammen als „wärmende Lichtquelle“ charakterisieren.

Die Ehrenhalle als Gedächtnislabor der Verdrängung

Vor diesem Hintergrund erhält die geplante Halle eine zusätzliche, unfreiwillige Dimension. Sie ist nicht nur ein Ort für Veranstaltungen, sondern ein architektonisches Experiment in kollektiver Verdrängung. Hier wird getestet, wie weit sich historische Realität dehnen, umformen und umetikettieren lässt, ohne dass das gesamte Narrativ in sich zusammenfällt. Die Antwort scheint zu lauten: erstaunlich weit.

Denn die Ehrung funktioniert nur, wenn ein erheblicher Teil der historischen Wahrheit entweder ignoriert oder aktiv umgedeutet wird. Der NS-Kollaborateur wird zum „Symbol des Widerstands“, der Propagandist zum „nationalen Vorbild“, der Unterstützer eines Vernichtungsregimes zum Träger von „Werten wie Opferbereitschaft und Zugehörigkeit“. Es ist ein semantischer Zaubertrick, der allerdings einen hohen Preis hat: die Erosion der moralischen Unterscheidungsfähigkeit.

Zwischen Selbstvergewisserung und historischer Amnesie

Am Ende bleibt der Eindruck, dass es hier weniger um Geschichte als um Gegenwart geht – genauer gesagt, um die Konstruktion einer Identität, die sich ihrer eigenen Widersprüche entweder nicht bewusst ist oder sie bewusst in Kauf nimmt. Die Ehrung al-Husseinis wirkt wie ein Akt der Selbstvergewisserung, der jedoch auf einem Fundament steht, das bei näherem Hinsehen erhebliche Risse aufweist.

Die polemische Pointe drängt sich dabei fast von selbst auf: Wenn selbst die Kollaboration mit einem der mörderischsten Regime der Geschichte kein Ausschlusskriterium für die Erhebung in den Rang eines „Vorbilds“ darstellt, dann hat sich der Begriff des Vorbilds bemerkenswert flexibilisiert. Er ist dehnbar geworden, anschlussfähig für nahezu jede biografische Zumutung – solange sie sich irgendwie in das gewünschte Narrativ einfügen lässt.

So wird die Halle letztlich zu einem Denkmal nicht nur für eine Person, sondern für eine Form des Umgangs mit Geschichte, die weniger an Aufklärung als an Bestätigung interessiert ist. Und während die Reden von Einheit, Loyalität und Stolz künden, flüstert die Geschichte leise, aber hartnäckig dazwischen – mit einer Stimme, die sich nicht ganz so leicht übertönen lässt, wie man offenbar gehofft hat.

Die sanfte Rückkehr der Bevormundung

Es gehört zu den liebenswerten Ironien der Geschichte, dass ausgerechnet jene Epoche, die sich selbstzufrieden als Höhepunkt individueller Emanzipation inszeniert, mit einer fast rührenden Hingabe daran arbeitet, die Grundidee der Aufklärung in eine museale Vitrine zu sperren – beschriftet, entkernt und gegen Berührung gesichert. Einst bestand der revolutionäre Impuls darin, Autoritäten zu hinterfragen, die Wahrheit nicht länger als Monopol kirchlicher oder staatlicher Instanzen zu akzeptieren, sondern als Resultat eines offenen, oft unerquicklich widersprüchlichen Diskurses zu begreifen. Heute hingegen wird mit einem Eifer, der an frühneuzeitliche Inquisitoren erinnert, eine neue Orthodoxie gepflegt: nicht mehr im Namen Gottes, sondern im Namen der Moral, der Sicherheit, der vermeintlich objektiven Vernunft. Der Bürger, eben noch als mündig gefeiert, wird diskret zurückgestuft zum betreuungsbedürftigen Subjekt, das sich gefälligst an die pädagogisch aufbereiteten Wahrheiten zu halten hat. Die neue Formel lautet nicht mehr „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, sondern eher: „Habe Vertrauen, dass andere deinen Verstand bereits hinreichend für dich benutzt haben.“ Und so schreitet man voran – geschniegelt, geschniegelt und geschniegelt –, hinein in eine wohltemperierte Unfreiheit, die sich selbst für Fortschritt hält.

Die Erfindung der gefährlichen Meinung

Es bedarf einer gewissen begrifflichen Akrobatik, um aus der bloßen Äußerung einer Meinung ein potenzielles Delikt zu konstruieren, doch die Gegenwart beweist täglich, dass diese Übung mit wachsender Eleganz beherrscht wird. Meinung, einst verstanden als subjektive Stellungnahme, als tastender Versuch, Wirklichkeit zu deuten, wird heute mit einem Maßstab vermessen, der ihr wesensfremd ist: Sie soll wahr sein, moralisch einwandfrei, konsensfähig und möglichst anschlussfähig an den jeweils dominanten Diskurs. Verfehlt sie diese Kriterien, verwandelt sie sich – in einem semantischen Handstreich – von einem legitimen Beitrag zur Debatte in ein Problem, das verwaltet, korrigiert oder im Zweifel sanktioniert werden muss. Die Grenze zwischen Tatsachenbehauptung und Werturteil wird dabei mit einer bemerkenswerten Nonchalance verwischt, sodass am Ende alles, was irritiert oder widerspricht, unter den Verdacht gerät, „falsch“ zu sein – und damit implizit unzulässig. Der Clou dieses Verfahrens liegt in seiner moralischen Selbstimmunisierung: Wer sich gegen die Einschränkung der Meinungsfreiheit wendet, gilt nicht etwa als Verteidiger eines Grundrechts, sondern als potenzieller Komplize des Falschen, Gefährlichen, ja Unanständigen. So wird aus der Freiheit ein Risiko und aus dem Risiko ein Anlass zur Regulierung – ein Kreislauf, der sich selbst legitimiert und kaum noch Widerspruch duldet.

Das Milieu der richtigen Gesinnung

Parallel zu dieser begrifflichen Umdeutung hat sich ein Milieu herausgebildet, das mit missionarischem Ernst darüber wacht, welche Ansichten als akzeptabel gelten dürfen. Es ist ein Milieu, das sich selbst als aufgeklärt, progressiv und moralisch überlegen begreift, dabei jedoch eine bemerkenswerte Intoleranz gegenüber Abweichungen an den Tag legt. Die Welt wird in übersichtliche Kategorien sortiert: hier die Guten, dort die Fragwürdigen, und ganz am Rand jene, die man ohne großen Aufwand aus dem Diskurs exkommunizieren kann. Die Etikettierung erfolgt schnell und zuverlässig; sie ersetzt die Auseinandersetzung und spart Zeit, die man sonst mit lästigem Argumentieren verbringen müsste. Besonders beliebt ist dabei die inflationäre Verwendung historisch maximal belasteter Begriffe, deren bloße Nennung ausreicht, um jede weitere Diskussion zu beenden. Wer einmal in dieser symbolischen Schmuddelecke gelandet ist, hat kaum eine Chance auf Rehabilitation – es sei denn, er unterzieht sich einem öffentlich sichtbaren Reinigungsritual, das nicht selten in einer demonstrativen Anpassung der eigenen Positionen besteht. Auf diese Weise entsteht ein Klima, in dem Opportunismus gedeiht und intellektuelle Redlichkeit zum Risiko wird. Man sagt nicht mehr, was man denkt, sondern denkt vorsichtshalber nur noch, was man sagen darf – sofern man sich das Denken überhaupt noch zutraut.

Die Infrastruktur der Empörung

Kein System der Meinungsregulierung käme ohne eine passende Infrastruktur aus, und auch hier zeigt sich die Gegenwart erfreulich erfinderisch. Meldestellen, Faktenchecker, zivilgesellschaftliche Initiativen und algorithmisch verstärkte Empörungswellen bilden ein fein abgestimmtes Geflecht, das Abweichungen registriert, bewertet und – wenn nötig – öffentlich sichtbar macht. Der Begriff der „Zivilgesellschaft“ erfährt dabei eine bemerkenswerte Wandlung: Er bezeichnet nicht länger primär den Raum freier, selbstorganisierter Bürger, sondern zunehmend ein Ensemble von Akteuren, die in enger Wechselwirkung mit staatlichen oder halbstaatlichen Strukturen agieren und deren normative Vorgaben exekutieren. Die Denunziation verliert ihren historischen Makel und erscheint nun als engagierte Teilhabe, als „Demokratiearbeit“ im Dienste des Guten. Dass dabei häufig Bagatellen aufgeblasen, Kontexte ignoriert und Intentionen unterstellt werden, gehört zum Betriebsrauschen eines Systems, das weniger an Differenzierung als an Klarheit interessiert ist – Klarheit im Sinne eindeutiger Zuordnung: dafür oder dagegen, richtig oder falsch, akzeptabel oder auszusondern. Der Preis dieser Klarheit ist hoch, doch er wird selten benannt, weil er sich nicht in Schlagzeilen, sondern in schleichender Verengung ausdrückt.

Die Angst vor der ungezähmten Rede

Hinter all dem steht eine bemerkenswerte Furcht: die Angst vor der unkontrollierten, unfrisierten, womöglich groben und widersprüchlichen Rede. Die freie Meinungsäußerung in ihrer ursprünglichen Form ist kein ästhetisches Ereignis, sie ist oft unerquicklich, verletzend, unerquicklich und unerquicklich – eine Zumutung für jeden, der Ordnung liebt. Doch gerade in dieser Zumutung liegt ihr demokratischer Wert. Sie zwingt zur Auseinandersetzung, zur Klärung, zur Begründung eigener Positionen. Wer sie glättet, normiert und moralisch vorfiltert, verwandelt sie in ein dekoratives Element, das zwar gut aussieht, aber keine Funktion mehr erfüllt. Die paradoxe Pointe der Gegenwart besteht darin, dass im Namen der Verteidigung der Demokratie genau jene Praxis eingeschränkt wird, die diese Demokratie lebendig hält. Man schützt die Ordnung vor dem Streit und wundert sich anschließend, dass sie leblos wirkt.

Die leise Erosion

Totalitäre Systeme beginnen selten mit einem Paukenschlag; sie entwickeln sich vielmehr in kleinen, scheinbar plausiblen Schritten, die jeweils für sich genommen gut begründet erscheinen. Ein wenig mehr Regulierung hier, ein wenig mehr Sensibilität dort, ein paar zusätzliche Instrumente zur „Sicherung des Diskurses“ – und schon verschiebt sich der Rahmen dessen, was sagbar ist. Die Erosion erfolgt leise, fast unmerklich, und gerade darin liegt ihre Gefahr. Denn während man sich noch darüber streitet, ob bereits eine Grenze überschritten wurde, hat sich die Landschaft längst verändert. Die Meinungsfreiheit existiert dann noch formal, doch sie ist eingebettet in ein Geflecht aus Erwartungen, Drohkulissen und impliziten Sanktionen, das ihre tatsächliche Ausübung erheblich erschwert. Der Bürger, der sich äußert, tut dies nicht mehr selbstverständlich, sondern unter Vorbehalt, mit einem inneren Blick über die Schulter. Und vielleicht ist genau das das eigentliche Ziel dieser Entwicklung: nicht das offene Verbot, sondern die subtile Disziplinierung.

Ein ironischer Ausblick

Es bleibt die Frage, wie eine Gesellschaft, die sich so gern auf ihre aufgeklärte Tradition beruft, mit diesem Widerspruch umgehen will. Vielleicht wird man in einigen Jahrzehnten mit milder Verwunderung auf diese Phase zurückblicken und feststellen, dass die Freiheit nicht abgeschafft, sondern schlicht uminterpretiert wurde – von einem robusten Recht zu einer wohlmeinend gewährten Option, deren Nutzung an Bedingungen geknüpft ist. Vielleicht wird man dann neue Aufklärer brauchen, die daran erinnern, dass Meinungen weder wahr noch falsch im naturwissenschaftlichen Sinne sind, sondern Ausdruck individueller Perspektiven, die gerade in ihrer Vielfalt den Kern des demokratischen Projekts bilden. Bis dahin jedoch darf man sich an der eigentümlichen Komik der Situation erfreuen: Eine Gesellschaft, die aus Angst vor dem falschen Wort das freie Wort zähmt – und sich dabei einredet, sie verteidige es.

Ein Kunststück, das gleichermaßen bewundernswert und beunruhigend ist.

Der Zaubersatz der bequemen Distanz

„Es ist nicht unser Krieg“ – ein Satz, so glatt poliert, dass er zugleich wie staatsmännische Nüchternheit und wie rhetorische Fluchtbewegung glänzt. Ein Satz, der klingt, als hätte er sich selbst geschrieben, geschniegelt, geschniegelt bis zur moralischen Unangreifbarkeit. Wer wollte widersprechen? Wer möchte schon gern „unseren Krieg“ haben, so wie andere Menschen „unseren Sommer“ oder „unsere Mannschaft“ reklamieren? Kriege sind bekanntlich unerquicklich, unerquicklich bis zur letzten Patrone, und deshalb eignet sich ihre Ablehnung hervorragend für wohltemperierte Presseauftritte. Doch gerade in dieser eleganten Unverbindlichkeit beginnt das Problem: Ein Satz, der alles beruhigt, erklärt nichts.

Denn der politische Zaubersatz lebt von einer Voraussetzung, die er nie ausspricht: dass es irgendwo eine klare, objektive Trennlinie gebe zwischen „unseren“ und „nicht unseren“ Kriegen, als handle es sich um sauber beschriftete Aktenschränke. Links: moralisch zuständig. Rechts: bitte nicht anfassen. Doch die Weltpolitik ist kein Archiv, sondern ein chaotischer Marktplatz, auf dem Interessen, Abhängigkeiten und Verantwortlichkeiten unentwirrbar ineinander greifen. Wer hier mit Besitzanzeigern arbeitet – „unser“, „nicht unser“ –, betreibt weniger Analyse als semantische Kosmetik.

Kriegstüchtig ohne Krieg – die Quadratur der politischen Rhetorik

Besonders reizvoll wird die Angelegenheit, wenn derselbe politische Raum, der keinen „unseren Krieg“ erkennen mag, gleichzeitig eine gesteigerte „Kriegstüchtigkeit“ einfordert. Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurant seine Gäste auffordern, ihre Kochkünste zu perfektionieren, während es gleichzeitig versichert, dass niemals gekocht werden wird. Man rüstet sich, aber wofür eigentlich? Für den Ernstfall, gewiss – nur bleibt dieser Ernstfall seltsam konturlos.

Die Bürger, ohnehin mit einer gewissen Skepsis gegenüber militärischen Abenteuern ausgestattet, könnten hier eine feine Inkonsistenz wittern: Warum soll eine Gesellschaft kriegstüchtig werden, wenn doch die politisch Verantwortlichen zugleich mit Nachdruck versichern, dass die relevanten Konflikte allesamt außerhalb der eigenen Zuständigkeit liegen? Der Eindruck entsteht, dass „Kriegstüchtigkeit“ weniger als konkrete Vorbereitung auf definierte Bedrohungen verstanden wird, sondern als eine Art symbolischer Muskelaufbau – ein Fitnessprogramm für den Ernstfall, dessen Eintritt man gleichzeitig rhetorisch wegmoderiert.

Die selektive Moral der Zuständigkeit

Die eigentliche Frage bleibt daher hartnäckig im Raum stehen: Wann genau kippt ein Krieg von „nicht unser“ zu „unser“? Die klassische Antwort lautet: im Falle eines direkten Angriffs oder eines Bündnisfalls. Das ist sauber, juristisch abgesichert und politisch bequem. Doch die jüngere Geschichte zeigt, dass diese Klarheit eher die Ausnahme als die Regel ist.

Denn was war dann Afghanistan? Was waren die zahlreichen internationalen Einsätze, die mit wohlklingenden Begriffen wie Stabilisierung, Friedenssicherung oder Wiederaufbau etikettiert wurden, während im Hintergrund sehr reale Gefechte stattfanden? Offenbar existiert eine Grauzone, in der Kriege zwar nicht „unsere“ sind, aber dennoch mitgetragen, unterstützt oder zumindest flankiert werden. Eine Zone, in der man sich engagiert, ohne sich allzu sehr zugehörig zu fühlen – gewissermaßen eine außenpolitische Form der unverbindlichen Bekanntschaft.

Hier zeigt sich eine bemerkenswerte Elastizität politischer Kategorien: „Unser Krieg“ ist offenbar weniger eine objektive Lagebeschreibung als vielmehr eine Frage der Erzählung. Wenn ein Einsatz innenpolitisch vermittelbar ist, kann er sehr schnell zu „unserer Verantwortung“ avancieren. Ist er es nicht, bleibt er eben „nicht unser Krieg“. Die Wirklichkeit passt sich der Rhetorik an, nicht umgekehrt.

Handelswege, Öl und die Kunst der Verdrängung

Besonders unerquicklich wird diese semantische Akrobatik dort, wo wirtschaftliche Interessen ins Spiel kommen. Die Straße von Hormus ist keine entlegene philosophische Fragestellung, sondern eine der zentralen Arterien der globalen Energieversorgung. Wer hier von „nicht unserem Krieg“ spricht, spricht implizit auch davon, dass die Sicherung dieser Lebensader offenbar nicht in die Kategorie unmittelbarer Eigeninteressen fällt – zumindest nicht militärisch.

Das ist insofern bemerkenswert, als dieselben globalen Verflechtungen ansonsten gern als Begründung für internationale Verantwortung herangezogen werden. Freier Handel, offene Märkte, stabile Lieferketten – all das wird als Fundament des eigenen Wohlstands beschworen. Doch wenn genau diese Strukturen unter Druck geraten, zieht man sich plötzlich auf eine erstaunlich enge Definition von Zuständigkeit zurück. Die Handelswege sind global, die Verantwortung wird national verengt.

Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass „unser“ in diesem Zusammenhang nicht ökonomisch, sondern psychologisch definiert ist: Unser ist, was sich innenpolitisch ohne größere Reibung vertreten lässt. Alles andere bleibt höflich auf Distanz, begleitet von diplomatischen Floskeln und der Hoffnung, dass sich schon jemand anderes kümmern wird – vorzugsweise jemand mit größerer Flotte.

Die Illusion der folgenlosen Nicht-Beteiligung

Doch selbst die eleganteste Nicht-Beteiligung ist keine folgenlose Entscheidung. Wer sich aus einem Konflikt heraushält, gestaltet ihn dennoch mit – durch Abwesenheit. In einer vernetzten Welt bedeutet Nicht-Handeln nicht Neutralität, sondern schlicht eine andere Form von Einflussnahme. Die Entscheidung, keine Kriegsschiffe zu entsenden, ist ebenso politisch wie die Entscheidung, welche zu schicken. Sie signalisiert Prioritäten, Fähigkeiten und Grenzen.

Hier liegt vielleicht der zynischste Kern der Debatte: Die Vorstellung, man könne sich durch sprachliche Distanzierung auch realpolitisch aus den Konsequenzen heraushalten. „Es ist nicht unser Krieg“ klingt, als ließe sich damit auch die Verantwortung auslagern – als gäbe es eine Art geopolitische Zuständigkeitsverordnung, nach der bestimmte Konflikte schlicht nicht auf dem eigenen Schreibtisch landen.

Doch die Realität ist hartnäckiger. Steigende Energiepreise, unsichere Handelsrouten, geopolitische Verschiebungen – all das kümmert sich wenig um nationale Sprachregelungen. Der Markt fragt nicht, ob ein Krieg „unser“ ist, sondern ob er Auswirkungen hat. Und die hat er in aller Regel.

Der Preis der Klarheit – oder ihrer Abwesenheit

Am Ende bleibt ein schaler Nachgeschmack: Der Satz „Es ist nicht unser Krieg“ ist politisch verständlich, kommunikativ geschickt und emotional anschlussfähig – aber analytisch unerquicklich. Er vermeidet die eigentliche Debatte, anstatt sie zu führen. Nämlich die Frage, welche Interessen, Werte und Verpflichtungen tatsächlich handlungsleitend sein sollen, wenn es ernst wird.

Vielleicht liegt genau darin seine Attraktivität: Er erlaubt es, gleichzeitig entschlossen und unverbindlich zu wirken, Haltung zu zeigen, ohne sich festzulegen. Ein Satz für Zeiten, in denen Klarheit riskant ist und Ambiguität zur politischen Überlebensstrategie geworden ist.

Doch irgendwann, so viel steht fest, wird die Frage wiederkehren – hartnäckiger, konkreter, weniger rhetorisch umschiffbar: Wenn das alles nicht „unser Krieg“ ist – welcher ist es dann? Und vor allem: Woran wird man es erkennen, wenn es so weit ist?

Die gläserne Zukunft hat bereits eine Benutzeroberfläche

Es gehört zu den ironischen Eigentümlichkeiten der Gegenwart, dass die Menschheit mit einer Mischung aus Begeisterung, Gleichgültigkeit und einem gelegentlichen Schauer den Aufbau jener Infrastruktur begleitet, die frühere Generationen ausschließlich in dystopischen Romanen vermutet hätten. Die digitale Zivilisation, deren Versprechen einst in grenzenloser Information, globaler Vernetzung und der Demokratisierung des Wissens bestand, hat inzwischen eine andere, weniger poetische Nebenwirkung entfaltet: die industrielle Verarbeitung des Menschen selbst. In dieser Welt aus Datenströmen, algorithmischen Prognosen und unsichtbaren Kontrollarchitekturen taucht ein Name immer wieder auf – Palantir. Ein Unternehmen, dessen Geschäftsmodell so nüchtern beschrieben wird wie ein Rechenzentrum: Daten sammeln, Muster erkennen, Zusammenhänge sichtbar machen. Doch hinter dieser scheinbaren Sachlichkeit verbirgt sich eine Frage von fast metaphysischem Gewicht: Wenn Maschinen alles sehen können, wer entscheidet dann, was gesehen werden darf?

Palantir ist in gewisser Weise die logische Konsequenz der digitalen Moderne. Während klassische Bürokratien jahrhundertelang daran scheiterten, Informationen effizient zu bündeln, verspricht die algorithmische Verwaltung des Planeten nun genau das: vollständige Übersicht. Polizeibehörden, Militär, Geheimdienste, Banken, Krankenhäuser, Handelsketten – sie alle liefern Daten, und Palantir verspricht, aus diesem Datenmeer Erkenntnisse zu destillieren. Muster werden sichtbar, Netzwerke identifiziert, Bewegungen rekonstruiert, Risiken prognostiziert. Für Sicherheitsapparate klingt das wie die Erfüllung eines jahrhundertealten Traums: endlich Ordnung im Chaos menschlicher Aktivität. Für Kritiker klingt es eher nach der Industrialisierung der Verdachtslogik.

Denn sobald Daten aus unterschiedlichsten Quellen miteinander verschmelzen, beginnt eine Transformation: Der Mensch verwandelt sich von einer Person in ein Profil. Ein Profil wiederum ist nichts anderes als ein Bündel statistischer Wahrscheinlichkeiten. Die Frage lautet dann nicht mehr, was jemand getan hat, sondern was jemand vermutlich tun könnte. Und genau hier beginnt die politische Brisanz. Eine Gesellschaft, die Entscheidungen zunehmend auf algorithmische Prognosen stützt, bewegt sich langsam von der klassischen Rechtsordnung – die auf Taten reagiert – in Richtung einer präventiven Logik. Verdacht wird zur mathematischen Kategorie.

Die sanfte Tyrannei der Datenanalyse

Der Begriff „Diktatur“ wirkt im Kontext moderner Technologie zunächst übertrieben, fast melodramatisch. Schließlich rollen keine Panzer durch die Straßen, keine Lautsprecher verkünden Parolen, und niemand trägt eine Uniform mit strengem Scheitel. Die neue Macht tritt wesentlich höflicher auf. Sie kommt als Softwarelösung, als Dashboard, als analytisches Werkzeug zur „Optimierung von Entscheidungsprozessen“.

Doch genau diese Höflichkeit macht sie so bemerkenswert effizient.

Historische Diktaturen waren laut, brutal und vergleichsweise plump. Sie brauchten Geheimdienste, Spitzel und Berge von Papierakten. Die digitale Überwachung dagegen arbeitet leise, elegant und automatisiert. Ein Algorithmus beschwert sich nicht über Überstunden, wird nicht korrupt und braucht keine Schlafpause. Er durchforstet Datensätze mit der stoischen Geduld eines Rechners, der keinerlei moralische Zweifel kennt. In dieser Hinsicht wirkt Palantir fast wie eine Art Verwaltungsreform für den Überwachungsstaat.

Natürlich betont das Unternehmen mit großer Ernsthaftigkeit, seine Systeme dienten der Terrorbekämpfung, der Betrugsaufklärung oder der effizienteren Verwaltung öffentlicher Aufgaben. Und tatsächlich lässt sich kaum bestreiten, dass Datenanalyse reale Probleme lösen kann. Kriminalität existiert, Terrorismus ebenfalls, und auch Bürokratien können von intelligenter Software profitieren. Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob solche Systeme nützlich sein können, sondern wer darüber entscheidet, wann sie eingesetzt werden – und gegen wen.

Die Geschichte zeigt nämlich eine recht stabile Konstante: Jede Technologie, die Überwachung ermöglicht, wird früher oder später auch dafür genutzt.

Wenn die Maschine alles weiß

Die technische Logik hinter Palantirs Plattformen wirkt auf den ersten Blick fast banal. Daten aus unterschiedlichen Quellen werden zusammengeführt: Polizeidatenbanken, Finanztransaktionen, Kommunikationsdaten, Bewegungsprofile, öffentliche Register, vielleicht sogar Informationen aus sozialen Netzwerken. Die Software versucht dann, Beziehungen zu erkennen, Muster zu identifizieren und potenzielle Risiken zu markieren.

Der Clou liegt nicht in einem einzelnen Datensatz, sondern in der Kombination vieler Datensätze. Ein isolierter Datenschnipsel mag harmlos wirken. Doch sobald Millionen solcher Fragmente miteinander verknüpft werden, entsteht ein erstaunlich präzises Bild menschlicher Aktivität. Wer sich wann wo aufhält, mit wem Kontakt besteht, welche finanziellen Bewegungen stattfinden – all das lässt sich in komplexen Diagrammen visualisieren.

Die Maschine sieht keine Menschen mehr. Sie sieht Knotenpunkte in einem Netzwerk.

Das Ergebnis ist eine neue Form der Transparenz. Früher mussten Staaten enorme Ressourcen aufwenden, um auch nur einen Bruchteil der Bevölkerung zu überwachen. Heute genügt eine ausreichend leistungsfähige Datenplattform, um theoretisch ganze Gesellschaften zu analysieren. Die Vorstellung eines „gläsernen Bürgers“ ist daher nicht mehr bloß eine politische Metapher. Sie ist eine technische Option.

Der kleine Einwand der ehemaligen Mitarbeiter

Besonders interessant wird die Debatte, wenn Kritik nicht von Aktivisten oder Datenschützern kommt, sondern von Menschen, die selbst an der Technologie gearbeitet haben. Mehrere ehemalige Palantir-Mitarbeiter haben öffentlich vor den Risiken solcher Systeme gewarnt. Dreizehn von ihnen unterzeichneten sogar ein Schreiben, in dem sie das Unternehmen aufforderten, bestimmte Kooperationen mit staatlichen Behörden kritisch zu prüfen.

Solche Interventionen besitzen eine gewisse Tragikomik. Sie erinnern an die klassische Szene aus Science-Fiction-Filmen, in der ein Ingenieur plötzlich erkennt, dass die von ihm entwickelte Maschine vielleicht doch nicht ausschließlich zum Wohl der Menschheit eingesetzt wird.

Die ehemalige Palantir-Ingenieurin Linda Xia formulierte das Problem bemerkenswert nüchtern: Je mehr Daten zusammengeführt werden, desto größer wird das Missbrauchsrisiko – selbst bei besten Absichten. Diese Bemerkung wirkt fast wie eine höfliche Umschreibung für eine alte politische Wahrheit: Macht neigt dazu, genutzt zu werden.

Und Daten sind Macht in ihrer reinsten Form.

Silicon Valley und der alte Traum von der totalen Übersicht

Die Diskussion über Palantir ist auch deshalb so faszinierend, weil sie einen grundlegenden Wandel im Selbstverständnis der Technologiebranche offenlegt. Silicon Valley präsentierte sich jahrzehntelang als libertäre Spielwiese genialer Programmierer, die mit Kapuzenpulli und koffeinhaltigen Getränken die Welt verbessern wollten.

Doch irgendwann stellte sich heraus, dass Datenanalyse ein erstaunlich lukratives Geschäftsmodell ist – besonders, wenn staatliche Institutionen zu den Kunden gehören.

Damit verschob sich die Rolle vieler Technologieunternehmen. Sie wurden nicht nur Anbieter digitaler Infrastruktur, sondern auch Partner staatlicher Macht. Eine Partnerschaft, die für beide Seiten attraktiv ist: Der Staat erhält technologische Fähigkeiten, die er selbst kaum entwickeln könnte, während Unternehmen Zugang zu gigantischen Datenbeständen und langfristigen Verträgen bekommen.

Das Ergebnis ist eine neue Form der Machtkonzentration, bei der politische Autorität und technologische Kompetenz ineinandergreifen.

Peter Thiel und die Philosophie der Skepsis gegenüber Demokratie

In diesem Kontext taucht unweigerlich der Name Peter Thiel auf, einer der Mitgründer von Palantir und zugleich eine der schillerndsten Figuren des Silicon Valley. Thiel ist berühmt für seine provokativen Thesen über Politik, Kapitalismus und Gesellschaft. Besonders häufig wird ein Satz zitiert, der in politischen Debatten fast schon mythischen Status erreicht hat: Freiheit und Demokratie seien möglicherweise nicht miteinander vereinbar.

Man muss kein politischer Philosoph sein, um zu erkennen, dass diese Aussage gewisse Irritationen auslöst – besonders dann, wenn sie aus dem Umfeld eines Unternehmens stammt, dessen Technologien tief in staatliche Sicherheitsstrukturen integriert sind.

Natürlich lässt sich argumentieren, dass Thiel lediglich eine theoretische Überlegung formuliert hat. Doch Theorien sind selten völlig folgenlos, besonders wenn sie von Menschen geäußert werden, die über Milliardenvermögen und beträchtlichen Einfluss verfügen.

Tolkien hatte es vielleicht schon geahnt

Und dann wäre da noch der Name: Palantir. In Tolkiens Welt sind Palantíri jene legendären Sehsteine, mit denen entfernte Orte beobachtet werden können. Sie sind Instrumente der Erkenntnis – und gleichzeitig Werkzeuge der Manipulation. Wer einen Palantír besitzt, kann sehen. Doch wer ihn kontrolliert, bestimmt auch, was gesehen wird.

Dass ein Unternehmen, dessen Software globale Datenströme analysiert, ausgerechnet diesen Namen gewählt hat, wirkt fast zu symbolisch, um Zufall zu sein. Tolkien beschrieb in seinen Romanen, wie einige dieser Sehsteine unter den Einfluss dunkler Mächte geraten und zur Kontrolle von Informationen genutzt werden.

Es wäre natürlich übertrieben zu behaupten, dass sich Literaturprophezeiungen eins zu eins in der Realität erfüllen. Doch manchmal entwickelt Geschichte einen eigenartigen Sinn für Ironie.

Die moderne Welt hat ihre Palantíri längst gebaut. Sie bestehen nicht aus schwarzem Kristall, sondern aus Serverfarmen, Cloud-Infrastrukturen und neuronalen Netzen. Sie stehen nicht in Türmen aus Stein, sondern in klimatisierten Rechenzentren.

Und irgendwo blickt immer jemand hinein.

Das Gedenken als Bühne der Gegenwart

Es gehört zu den merkwürdigsten Eigenarten der Gegenwart, dass Erinnerung zwar ständig beschworen, aber immer seltener verstanden wird. Erinnerung gilt als moralische Hochleistungsdisziplin, als eine Art gesellschaftlicher Triathlon aus Empörung, Symbolpolitik und performativer Betroffenheit. Kaum ein öffentlicher Raum scheint dafür geeigneter als eine KZ-Gedenkstätte. Dort lässt sich schließlich mit minimalem Aufwand maximale moralische Resonanz erzeugen: Die Kulisse ist historisch aufgeladen, die Opfer sind unbestreitbar tot und können sich folglich nicht mehr zu Wort melden, und die Gegenwart darf sich im Licht des Vergangenen moralisch ausleuchten lassen. In dieser Konstellation gedeiht eine eigentümliche politische Praxis: Erinnerung wird nicht mehr gepflegt, sondern benutzt. Die Vergangenheit dient nicht mehr als Mahnung, sondern als Projektionsfläche für aktuelle ideologische Kämpfe.

In diesem Sinne erscheint die Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“ als ein besonders illustratives Beispiel jener neuen Form von Gedenkpolitik, in der das historische Gedächtnis weniger als Verpflichtung denn als Rohstoff betrachtet wird. Der Ort, an dem Zehntausende gequält und ermordet wurden, verwandelt sich in eine Bühne, auf der die Gegenwart ihre politischen Accessoires ausstellt. Das Prinzip ist denkbar einfach: Man nimmt einen Ort des Leidens, versieht ihn mit aktuellen Symbolen, erklärt das Ganze zur mutigen Intervention gegen angebliche Verbote und ruft anschließend zur moralischen Solidarität auf. Auf diese Weise gelingt das Kunststück, aus der Erinnerung an Mord eine Art Aktivismus-Festival zu formen – inklusive Rundgang, Vorträgen und Podiumsdiskussion, also jenem unverzichtbaren Dreiklang des akademischen Protests.

Die Logik der symbolischen Überblendung

Der eigentliche Kern der Angelegenheit liegt allerdings weniger im Stoff der Kufiya als in der Logik ihrer Platzierung. Symbolpolitik folgt bekanntlich einer einfachen Regel: Ein Symbol entfaltet seine Wirkung nicht durch das, was es ist, sondern durch das, wo es erscheint. Ein Stück Stoff kann in einem Café ein modisches Accessoire sein, auf einer Demonstration ein politisches Statement und in einer Gedenkstätte eine Provokation von bemerkenswerter historischer Blindheit. Genau diese Blindheit wird jedoch von ihren Protagonisten nicht als Problem, sondern als moralischer Fortschritt interpretiert.

Denn die moderne politische Symbolik liebt die Überblendung. Sie ersetzt historische Kontexte durch aktuelle Narrative und erklärt die so entstehende Mischung zur kritischen Erinnerungskultur. Dass Buchenwald ein Ort ist, an dem tausende Jüdinnen und Juden ermordet wurden, wird in dieser Logik nicht bestritten – es wird lediglich in eine größere, gegenwärtige Erzählung integriert, in der die Rollen neu verteilt werden. Die Geschichte dient dann weniger dazu, die Täter zu identifizieren, sondern vielmehr dazu, die Gegenwart moralisch umzudeuten. Das Ergebnis ist jene berühmte Täter-Opfer-Umkehr, die inzwischen zu den zuverlässigsten Konstanten bestimmter politischer Milieus gehört.

Der historische Mord wird dabei gewissermaßen zum dramaturgischen Hintergrundrauschen, vor dem sich die eigentliche Botschaft entfalten kann: dass die Gegenwart moralisch noch dringlicher sei als die Vergangenheit. Man könnte sagen, die Vergangenheit wird nicht geleugnet – sie wird überstimmt.

Der antizionistische Universalismus und seine blinden Flecken

Besonders interessant ist die ideologische Herkunft der Kampagne. Lange galt Geschichtsrevisionismus als Spezialität der extremen Rechten, jener politischen Tradition, die sich mit der Vergangenheit grundsätzlich nur dann beschäftigt, wenn sie sie relativieren möchte. Doch die Gegenwart zeigt eine bemerkenswerte Pluralisierung dieses Geschäftsmodells. Auch Teile der radikalen Linken haben entdeckt, dass sich mit der Umdeutung der Geschichte hervorragende politische Effekte erzielen lassen.

Der entscheidende Trick besteht darin, Antizionismus als universelle Befreiungsideologie zu präsentieren. In dieser Perspektive wird Israel zum globalen Symbol des Unrechts, während jede Opposition gegen diesen Staat automatisch den Rang eines antikolonialen Freiheitskampfes erhält. Die historische Komplexität der jüdischen Geschichte wird dabei großzügig beiseitegeschoben, denn sie stört das moralische Schwarz-Weiß-Gemälde. Besonders störend wirkt etwa der Umstand, dass viele Überlebende der Shoah ihre Zukunft im jüdischen Staat suchten – ein Detail, das nicht recht zur Erzählung vom kolonialen Projekt passen will.

Gerade Buchenwald selbst liefert hier eine ironische Pointe der Geschichte. Nach der Befreiung gründeten jüdische Überlebende den sogenannten Kibbuz Buchenwald, um ihre Auswanderung nach Eretz Israel vorzubereiten. Ausgerechnet an diesem Ort wurde also jene Bewegung gestärkt, die heute von manchen Aktivisten als Hauptproblem der Weltgeschichte betrachtet wird. Man könnte sagen: Die Geschichte besitzt einen Sinn für Ironie, der den politischen Gegenwartsdebatten gelegentlich abhandenkommt.

Die Moralindustrie der Provokation

Doch vielleicht liegt der eigentliche Reiz solcher Aktionen weniger in ihrer politischen Botschaft als in ihrer kalkulierten Provokation. Moderne Aktivismusformen folgen oft einem dramaturgischen Muster, das sich ungefähr so beschreiben lässt: Man wählt einen maximal sensiblen Ort, bringt dort ein maximal polarisierendes Symbol an und wartet anschließend auf die empörte Reaktion. Diese Empörung wird dann als Beweis für die eigene Relevanz interpretiert.

Die Mechanik ist bestechend effizient. Die Provokation erzeugt Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit erzeugt moralische Polarisierung, und Polarisierung wiederum erzeugt politische Identität. In diesem Kreislauf ist der historische Ort lediglich das Rohmaterial für eine performative Empörungskultur. Das Gedenken selbst spielt dabei eine erstaunlich geringe Rolle. Es dient vor allem als moralischer Resonanzraum, dessen historische Bedeutung die symbolische Lautstärke der Aktion verstärkt.

So entsteht eine Art Erinnerungs-Eventkultur, in der die Vergangenheit nicht mehr erinnert, sondern bespielt wird. Der Glockenturm einer Gedenkstätte wird zur Kulisse einer Mahnwache, deren eigentliche Botschaft weniger den Toten gilt als den Lebenden – genauer gesagt den sozialen Netzwerken, in denen die Bilder dieser Mahnwache zirkulieren sollen.

Die seltsame Karriere der Täter-Opfer-Umkehr

Die vielleicht unerquicklichste Pointe dieser Entwicklung liegt darin, dass ausgerechnet Orte, die einst den mörderischen Antisemitismus dokumentieren sollten, nun gelegentlich als Plattform für dessen moderne Varianten dienen. Natürlich geschieht dies selten in offener Form. Der Antisemitismus der Gegenwart bevorzugt subtilere Gewänder. Er tritt als Antizionismus auf, als antikoloniale Theorie, als radikale Kritik westlicher Machtverhältnisse.

Doch die Grundstruktur bleibt erstaunlich konstant: Die Juden erscheinen erneut als Problem der Weltgeschichte, diesmal allerdings nicht mehr als angebliche Rasse, sondern als Staat. Das Ergebnis ist eine rhetorische Verschiebung, die so elegant wie unerquicklich ist. Die historische Verantwortung für den Antisemitismus wird in eine universelle Anklage gegen „Kolonialismus“ verwandelt, und plötzlich erscheinen ausgerechnet jene Menschen, deren Angehörige in europäischen Lagern ermordet wurden, als Teil einer globalen Unterdrückungsmaschinerie.

In dieser Perspektive wird die Erinnerung an die Shoah zu einem Hindernis. Sie erinnert nämlich daran, dass die jüdische Geschichte nicht nur aus Macht, sondern vor allem aus Verfolgung besteht. Wer diese Erinnerung politisch instrumentalisieren will, muss sie daher zunächst relativieren – oder zumindest in eine größere Erzählung einbauen, in der ihre moralische Eindeutigkeit verschwimmt.

Die Würde des Ortes und die Gedächtnisökonomie der Gegenwart

Am Ende bleibt eine eher ernüchternde Beobachtung über die Kultur der Erinnerung im 21. Jahrhundert. Gedenkstätten sind längst nicht mehr nur Orte der historischen Aufklärung. Sie sind auch Schauplätze politischer Symbolkämpfe geworden, in denen verschiedene Gruppen um die Deutungshoheit über Vergangenheit und Gegenwart ringen.

Das ist an sich nichts Neues; Erinnerung war stets politisch. Neu ist jedoch die Selbstverständlichkeit, mit der manche Akteure glauben, jeden historischen Ort in eine Bühne für ihre aktuellen Anliegen verwandeln zu dürfen. Die Würde des Ortes erscheint dann als eine Art optionales Detail, das man respektieren kann, aber nicht muss.

Gerade darin liegt jedoch die eigentliche Pointe der Kritik: Erinnerung funktioniert nur dann, wenn sie den Toten Vorrang vor den Lebenden einräumt. Sobald das Verhältnis umgekehrt wird – sobald also die Gegenwart ihre politischen Insignien über das Gedenken legt –, verwandelt sich Erinnerung in ihr Gegenteil. Aus der Mahnung wird eine Kulisse, aus dem Gedenken ein Spektakel und aus der Geschichte ein Rohstoff für moralische Selbstinszenierung.

Die Toten von Buchenwald haben viele Dinge erlebt, die sich heute kaum noch begreifen lassen. Eines allerdings hätten sie vermutlich nicht erwartet: dass eines Tages darüber gestritten wird, welche politischen Accessoires man an ihrem Grab tragen darf. Die Geschichte besitzt bekanntlich einen düsteren Sinn für Ironie. Doch selten tritt er so unerquicklich deutlich hervor wie in Momenten, in denen das Gedenken an die Ermordeten durch die Insignien ihrer Feinde ersetzt werden soll – selbstverständlich im Namen der moralischen Sensibilität der Gegenwart.

Die bequeme Legende vom Mittelalter

Wer die Islamische Republik verstehen möchte, steht zunächst vor einer intellektuellen Versuchung von beinahe unwiderstehlicher Bequemlichkeit: der Versuchung, sie für ein Relikt aus der Mottenkiste der Geschichte zu halten. Ein mittelalterliches Regime, so heißt es dann gern, eine finstere Theokratie aus der Zeit der Pest, der Bußprozessionen und der metaphysischen Steuerfahndung. Eine Art historischer Irrtum, der sich irgendwie ins späte 20. Jahrhundert verirrt hat, vermutlich auf dem Rücken eines besonders störrischen Kamels. Dieses Bild ist tröstlich, weil es beruhigt. Wenn etwas mittelalterlich ist, dann gehört es nicht wirklich zur Gegenwart; es ist eine Anomalie, ein archäologischer Fund, der eigentlich längst im Museum liegen müsste.

Doch gerade diese Vorstellung ist falsch – und zwar auf eine Weise, die beinahe ironisch wirkt. Die Islamische Republik ist kein Fossil, sondern ein hochmodernes politisches Konstrukt. Sie ist ein Produkt des späten 20. Jahrhunderts, genauer gesagt der ideologischen Verwerfungen der 1970er Jahre. Sie entstand nicht aus der Zeitlosigkeit religiöser Dogmen, sondern aus einer sehr konkreten historischen Konstellation: der globalen Revolutionsromantik jener Epoche, in der Antiimperialismus zum moralischen Universal-Schlüssel erklärt wurde. Wer die Islamische Republik als mittelalterlich bezeichnet, unterschätzt sie – und verkennt gleichzeitig die intellektuellen Milieus, die zu ihrer Entstehung beitrugen. Es handelt sich nicht um einen Rückfall in vormoderne Zustände, sondern um eine eigentümliche, reaktionäre Modernität: ein Regime, das mit revolutionärer Rhetorik, massenpolitischer Mobilisierung und moderner Ideologie arbeitet, während es zugleich die gesellschaftliche Ordnung auf religiöse Autorität und patriarchale Kontrolle gründet.

Die Mullahs sind nicht die letzten Überreste des Mittelalters. Sie sind die späten Gewinner einer Revolution, die von sehr modernen Ideen befeuert wurde.

Die Revolution der falschen Freunde

Die iranische Revolution von 1979 war kein einfacher Aufstand religiöser Fanatiker gegen einen säkularen Monarchen. Sie war vielmehr ein politisches Bündnis, dessen Zusammensetzung rückblickend fast grotesk wirkt: Islamisten, Marxisten, linke Intellektuelle, Studentenbewegungen, antiimperialistische Nationalisten und diverse andere revolutionäre Fraktionen standen Schulter an Schulter gegen den Schah. Es war ein Bündnis, das nicht aus gemeinsamer Vision geboren wurde, sondern aus einer gemeinsamen Abneigung. Diese Abneigung trug einen Namen: der Westen.

Der Antiimperialismus jener Zeit besaß eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er wirkte wie ein moralisches Lösungsmittel, das sämtliche inneren Widersprüche auflöste. In dieser Logik konnte ein islamistischer Kleriker mit revolutionären Marxisten kooperieren, ohne dass jemand besonders irritiert gewesen wäre. Die einen träumten von der klassenlosen Gesellschaft, die anderen von der Herrschaft der Geistlichkeit – doch beide waren sich einig, dass der eigentliche Feind in Washington, London oder Paris saß.

Was sie verband, war nicht Freiheit, nicht Demokratie und schon gar nicht Säkularismus. Es war der Glaube, dass jeder Gegner des Westens automatisch Teil des historischen Fortschritts sei. Diese Überzeugung wirkte wie ein ideologischer Kurzschluss. Sie machte es möglich, brutale religiöse Reaktionäre als revolutionäre Verbündete zu betrachten, solange sie laut genug gegen den „Imperialismus“ wetterten.

Man könnte sagen: Die Revolution war ein politisches Zweckbündnis. Doch selbst das wäre eine freundliche Beschreibung. In Wahrheit war es eher eine ideologische Selbsttäuschung im Großformat.

Der moralische Schwarzweißfilm des Antiimperialismus

Die politische Welt jener Zeit wurde in erstaunlicher Schlichtheit interpretiert. Es war ein Schwarzweißfilm, und zwar einer ohne Graustufen. Auf der einen Seite stand der Westen – Kapitalismus, Kolonialismus, Coca-Cola. Auf der anderen Seite standen die Kräfte des Widerstands – ein sehr heterogenes Sammelsurium aus Nationalisten, Guerillagruppen, Militärdiktaturen und religiösen Bewegungen. Entscheidend war nicht, wie diese Kräfte ihre eigenen Gesellschaften behandelten. Entscheidend war einzig und allein ihre geopolitische Position.

Wer gegen den Westen war, galt als progressiv. Wer gegen die USA war, musste – so die Logik – auf der richtigen Seite der Geschichte stehen.

In diesem Weltbild konnte eine Bewegung gleichzeitig Frauen entrechten, politische Gegner foltern und religiöse Dogmen zur Staatsdoktrin erheben, ohne ihren revolutionären Glanz zu verlieren. All das wurde als nebensächlich betrachtet, als innerstaatliche Angelegenheit, als kulturelle Besonderheit oder schlicht als bedauerlicher, aber notwendiger Kollateralschaden im globalen Kampf gegen den Imperialismus.

So geschah etwas bemerkenswertes: Teile der westlichen Linken begannen, ihre eigenen universellen Werte zu relativieren. Freiheit, Gleichheit, Säkularismus – all das galt plötzlich als verdächtig westlich. Die universellen Menschenrechte wurden zu einer Art ideologischem Luxusartikel erklärt, der offenbar nur für Europa und Nordamerika bestimmt war.

Es war eine erstaunliche intellektuelle Akrobatik. Unterdrückung wurde nicht mehr kritisiert, sondern erklärt. Und Erklärung verwandelte sich, fast unmerklich, in Rechtfertigung.

Die Botschaft als revolutionäres Theater

Die Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran im Jahr 1979 gehört zu den ikonischen Szenen dieser Epoche. In der öffentlichen Erinnerung erscheint sie oft als Aktion radikaler Islamisten, als spontane Wutreaktion religiöser Studenten.

Doch das Bild ist unvollständig.

Die Aktion wurde nicht nur von islamistischen Gruppen getragen. Auch zahlreiche linke Studenten und Teile der revolutionären Opposition unterstützten sie enthusiastisch. Die Geiselnahme wurde gefeiert, als wäre sie ein revolutionäres Volksfest. Die Botschaft war nicht mehr nur ein diplomatisches Gebäude; sie wurde symbolisch zur „Spionagezentrale des Imperialismus“ erklärt, und ihre Besetzung galt als triumphaler Akt der Befreiung.

Der Vorgang hatte etwas von politischem Straßentheater. Transparentrollen, Slogans, revolutionäre Rhetorik – alles fügte sich in das dramaturgische Muster jener Zeit. Die Weltöffentlichkeit sah eine spektakuläre Konfrontation zwischen einem revolutionären Regime und der Supermacht USA.

Weniger Aufmerksamkeit erhielt eine andere Entwicklung: Während draußen der antiimperialistische Jubel tobte, begann im Inneren des Landes bereits die systematische Ausschaltung der revolutionären Verbündeten. Linke Parteien wurden verfolgt, Oppositionelle verhaftet, säkulare Aktivisten marginalisiert oder eliminiert.

Der revolutionäre Moment hatte seine Funktion erfüllt. Danach brauchte man die revolutionären Freunde nicht mehr.

Die erstaunliche Langlebigkeit einer Illusion

Die Revolution ist längst Geschichte, doch ihre ideologischen Nachwirkungen sind erstaunlich zäh. Sie zeigen sich in einem Phänomen, das auf europäischen Straßen regelmäßig zu beobachten ist: Demonstrationen, auf denen sich eine merkwürdige Mischung aus Milieus versammelt. Neben religiösen Regimeanhängern stehen Aktivisten, die sich selbst als progressiv, links oder antikolonial verstehen.

Der gemeinsame Nenner ist wieder derselbe alte Reflex: Antiimperialismus.

In diesem Deutungsrahmen erscheint die Islamische Republik nicht als autoritäre Theokratie, sondern als Bastion des Widerstands. Sie wird zu einem geopolitischen Symbol, zu einem Gegenpol der westlichen Hegemonie. Dass im Inneren Menschenrechte systematisch verletzt werden, wird entweder relativiert oder schlicht ignoriert.

Besonders bemerkenswert ist dabei eine subtile Form kultureller Bevormundung. Unterdrückung wird plötzlich zur kulturellen Eigenart erklärt. Frauenrechte gelten als westliche Idee. Demokratie wird als fremdes Konzept dargestellt, das angeblich nicht zur politischen Kultur der Region passe.

Die Ironie dieses Arguments ist schwer zu übersehen. Während man im Westen stolz auf universelle Menschenrechte verweist, erklärt man sie im selben Atemzug für nicht universell.

Es ist eine seltsame Form moralischer Bescheidenheit: Man gesteht anderen Gesellschaften großzügig das Recht zu, unter autoritären Regimen zu leben.

Der letzte ideologische Rettungsring

Die Islamische Republik erfüllt heute eine Funktion, die weit über ihre geografischen Grenzen hinausgeht. Sie ist zu einer Art symbolischem Rettungsring für ein bestimmtes Weltbild geworden. Dieses Weltbild basiert auf einer einfachen Annahme: Der Westen ist die zentrale Quelle allen Unrechts, und jede Macht, die sich ihm widersetzt, besitzt automatisch einen moralischen Bonus.

In dieser Logik wird die Realität zu einem störenden Detail. Repression, religiöse Kontrolle, politische Hinrichtungen – all das passt nicht besonders gut in das Bild vom heroischen Widerstandsstaat. Also wird es verdrängt, relativiert oder in geopolitische Nebensätze verwandelt.

Die Islamische Republik ist deshalb mehr als ein Regime. Sie ist eine Projektionsfläche. Ihr Fortbestehen erlaubt es bestimmten politischen Milieus, eine alte ideologische Erzählung am Leben zu halten: die Vorstellung, dass der Kampf gegen den Westen automatisch ein Kampf für Fortschritt sei.

Sollte dieses Regime eines Tages zusammenbrechen, würde nicht nur eine Theokratie verschwinden. Es würde auch eine ganze politische Deutungstradition ins Wanken geraten. Denn dann müsste man sich einer unbequemen Frage stellen: Was bleibt vom Antiimperialismus, wenn seine vermeintlichen Helden sich als autoritäre Unterdrücker entpuppen?

Diese Frage ist unangenehm. Vielleicht erklärt gerade das, warum die Verteidigung dieses Systems mitunter so leidenschaftlich geführt wird. Denn manchmal steht hinter der Verteidigung eines Regimes weniger politische Sympathie als eine sehr persönliche Sorge: die Sorge, dass mit seinem Ende auch die eigene ideologische Landkarte unbrauchbar wird.

Der Parteitag als moralische Geisterbahn

Es gibt politische Ereignisse, die wirken zunächst wie gewöhnliche Parteitagsfolklore: etwas Pathos, etwas Resolutionstheater, ein paar wohlfeile moralische Gesten fürs heimische Milieu. Und dann gibt es jene Momente, in denen eine politische Bewegung – womöglich unbeabsichtigt – eine Art historischen Offenbarungseid leistet. Der niedersächsische Parteitag der Linkspartei gehört unzweifelhaft zur zweiten Kategorie. Dort wurde mit der Ernsthaftigkeit eines ideologischen Kirchenkonzils die „Ideologie des Zionismus“ verworfen, als handle es sich um eine besonders anstößige Unterabteilung spätkapitalistischer Börsenspekulation. In Wahrheit aber wurde damit etwas weit Elementareres infrage gestellt: das schlichte Prinzip, dass Juden – nach Jahrhunderten der Verfolgung, Entrechtung und schließlich industriell organisierter Vernichtung – möglicherweise ein Existenzrecht in einem eigenen Staat besitzen könnten. Dass diese Einsicht im Deutschland des 21. Jahrhunderts offenbar wieder diskussionsfähig ist, gehört zu jenen historischen Ironien, bei denen das Lachen im Hals stecken bleibt.

Die rhetorische Kulisse, vor der dieser Beschluss präsentiert wurde, ist vertraut: „Siedlerkolonialismus“, „Apartheid“, „Genozid“. Es handelt sich um eine Art politischer Baukasten, der in bestimmten Milieus zuverlässig funktioniert. Wer diese Begriffe in rascher Folge aneinanderreiht, erzeugt eine moralische Dramaturgie, die ebenso simpel wie wirkungsvoll ist: Hier die Täter, dort die Opfer, und dazwischen eine Bühne für moralische Empörung. Der Umstand, dass diese Begriffe historisch und juristisch äußerst präzise Bedeutungen besitzen, scheint im Eifer des ideologischen Gefechts eher als lästige Fußnote zu gelten. Denn wer einmal den Begriff „Genozid“ ins Spiel gebracht hat, braucht sich mit komplizierten Realitäten nicht mehr aufzuhalten. Der moralische Schlussakkord steht bereits fest, lange bevor die erste ernsthafte Analyse begonnen hat.

Antifaschismus als moralische Selbstverkleidung

Die eigentliche Groteske dieses Vorgangs liegt jedoch in der Selbstinszenierung jener politischen Strömung, die diesen Beschluss gefasst hat. Seit Jahrzehnten pflegt man dort die Rolle des antifaschistischen Gewissens der Republik. In dieser Rolle wird mit moralischer Strenge über politische Gegner gerichtet, über historische Verantwortung referiert und über die Gefahren von Nationalismus und Menschenfeindlichkeit doziert. Es ist eine Pose, die durchaus Wirkung entfaltet – besonders in akademischen Seminarräumen und auf Demonstrationsbühnen mit Megafon.

Doch gerade diese Pose verleiht dem niedersächsischen Parteitag eine beinahe kabarettistische Dimension. Denn während man sich selbst als Bollwerk gegen jede Form von Diskriminierung begreift, wird ausgerechnet der Zionismus – also die historische Bewegung zur politischen Selbstbestimmung des jüdischen Volkes – zur verwerflichen Ideologie erklärt. Der moralische Kompass scheint dabei eine bemerkenswerte Fehljustierung aufzuweisen. Antisemitismus wird in diesem Weltbild offenbar erst dann problematisch, wenn er in den klassischen Kostümen der Vergangenheit auftritt. Sobald er sich jedoch im modischen Gewand des „Antizionismus“ präsentiert, gilt er plötzlich als legitime Kritik.

Man könnte darin fast eine Art politischer Tarntechnik erkennen: Der Antisemitismus des 21. Jahrhunderts tritt nicht mehr mit groben Parolen auf, sondern mit Vokabeln aus postkolonialen Seminaren. Die Feindbilder bleiben erstaunlich stabil – lediglich die Verpackung wurde modernisiert.

Die bequeme Moral des sicheren Abstands

Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt dieses politischen Schauspiels liegt in der geographischen Distanz, aus der es inszeniert wird. Zwischen den Parteitagsstühlen in Niedersachsen und den realen Konfliktlinien des Nahen Ostens liegen mehrere tausend Kilometer – und ein politischer Realitätsunterschied von kaum zu überschätzender Größe. Während in Israel eine demokratische Gesellschaft unter permanentem Sicherheitsdruck existiert, während Raketenangriffe, Terroranschläge und geopolitische Bedrohungen zum Alltag gehören, entfaltet sich auf deutschen Parteitagen eine moralische Debatte von erstaunlicher Leichtigkeit.

Die Versuchung der moralischen Vereinfachung ist in dieser Distanz besonders groß. Konflikte, die in Wirklichkeit aus historischen, religiösen, geopolitischen und gesellschaftlichen Faktoren bestehen, lassen sich bequem auf eine simple Erzählung reduzieren. Der Staat Israel wird zum kolonialen Projekt erklärt, Palästinenser erscheinen ausschließlich als Opfer, und sämtliche historischen Kontexte verschwinden in einer rhetorischen Nebelwand aus Schlagworten.

In dieser Perspektive erscheint jede Differenzierung bereits als moralischer Verrat. Wer es wagt, die Existenz eines komplexen Konflikts anzuerkennen, wird schnell verdächtigt, sich auf die falsche Seite der Geschichte zu stellen. Moralische Gewissheit ersetzt politische Analyse – ein Zustand, der auf Parteitagen besonders gut gedeiht.

Der Austritt als stilles Urteil

Besonders aufschlussreich wirkt vor diesem Hintergrund der Austritt eines Mannes, dessen Amt eigentlich symbolisch für das Gegenteil stehen sollte: der Antisemitismusbeauftragte Andreas Büttner. Sein Rückzug aus der Partei besitzt eine gewisse Tragik, denn er stellt weniger einen politischen Angriff dar als vielmehr ein resigniertes Eingeständnis. Wenn jemand, der institutionell mit dem Kampf gegen Judenfeindlichkeit betraut ist, zu dem Schluss gelangt, dass die eigene Partei diese Grenze nicht mehr zuverlässig erkennt, dann ist das kein gewöhnlicher Parteikonflikt mehr. Es ist ein strukturelles Problem.

Seine Begründung, man könne nicht Mitglied bleiben, ohne die eigenen Überzeugungen zu verraten, wirkt wie ein nüchterner Schlusssatz unter ein Kapitel politischer Illusionen. Denn der Vorgang offenbart eine Diskrepanz zwischen moralischem Anspruch und politischer Realität, die kaum noch zu übersehen ist. Wer Antisemitismus bekämpfen möchte, muss zunächst erkennen, wie er heute erscheint. Und er erscheint selten noch in den Karikaturen der Vergangenheit.

Der lange Schatten der Ideologie

Am Ende bleibt die Frage, was dieser Parteitag tatsächlich offenbart hat. Vielleicht weniger eine plötzliche Radikalisierung als vielmehr eine ideologische Kontinuität, die lange unter der Oberfläche existierte. Teile der europäischen Linken pflegen seit Jahrzehnten eine bemerkenswerte Obsession mit Israel – eine Aufmerksamkeit, die in keinem Verhältnis zu ihrer Beschäftigung mit anderen internationalen Konflikten steht. Staaten mit deutlich brutaleren Menschenrechtsbilanzen geraten erstaunlich selten ins Zentrum moralischer Kampagnen.

Israel hingegen scheint eine besondere Rolle einzunehmen: als Projektionsfläche, als moralisches Symbol, als politisches Feindbild. Die Gründe dafür sind komplex, doch das Ergebnis ist sichtbar. Der jüdische Staat wird nicht einfach kritisiert – er wird delegitimiert, moralisch isoliert und symbolisch zum globalen Hauptschuldigen erklärt.

Der niedersächsische Parteitag hat diese Tendenz nicht erfunden. Aber er hat sie mit einer Klarheit formuliert, die kaum noch Interpretationsspielraum lässt.

Satire der politischen Selbstgewissheit

Vielleicht liegt die bitterste Ironie dieses gesamten Vorgangs in der moralischen Selbstgewissheit, mit der er präsentiert wurde. Auf Parteitagen dieser Art herrscht häufig eine Atmosphäre, die an eine Mischung aus politischem Seminar und moralischem Tribunal erinnert. Resolutionen werden verabschiedet, Begriffe definiert, historische Urteile gefällt – und das alles mit jener intellektuellen Sicherheit, die besonders dort gedeiht, wo reale Verantwortung fern bleibt.

Satiriker müssten sich anstrengen, eine groteskere Szene zu erfinden: deutsche Parteitagsdelegierte, die mit großer Ernsthaftigkeit darüber abstimmen, ob die historische Bewegung zur jüdischen Selbstbestimmung eine unzulässige Ideologie darstellt. Die Geschichte besitzt manchmal einen Sinn für Ironie, der selbst erfahrene Beobachter überrascht.

Und so bleibt nach diesem Wochenende vor allem eine Erkenntnis: Politische Bewegungen verraten ihren wahren Charakter selten in sorgfältig formulierten Programmen. Viel häufiger geschieht dies in jenen Momenten, in denen ideologische Gewissheit die letzte Zurückhaltung über Bord wirft. Dann fällt die Maske – und darunter erscheint nicht selten ein Gesicht, das man eigentlich längst überwunden glaubte.

Die Republik der Verdachtsmomente

Die politische Selbstbeschreibung der Bundesrepublik Deutschland war jahrzehntelang ein Meisterwerk rhetorischer Selbstberuhigung. Freiheitlich. Demokratisch. Rechtsstaatlich. Drei Wörter, die so zuverlässig wie eine sonntägliche Kirchenliturgie wiederholt wurden, bis sie irgendwann den Charakter naturgesetzlicher Tatsachen annahmen. Und tatsächlich: Wer wollte bestreiten, dass diese Republik in vielerlei Hinsicht freier war als die Systeme, gegen die sie sich ideologisch definierte? Das Problem beginnt allerdings dort, wo sich hinter der glänzenden Fassade der freiheitlichen Selbstbeschreibung eine administrative Realität entfaltet, die weniger an die luftigen Höhen politischer Philosophie erinnert als an die staubigen Aktenregale eines übermotivierten Sicherheitsapparats. Die Geschichte der Bundesrepublik ist nämlich nicht nur die Geschichte eines demokratischen Erfolgsmodells, sondern auch die eines Staates, der über Jahrzehnte hinweg Millionen Bürgerinnen und Bürgern mit jener milden, bürokratischen Skepsis begegnete, die man gemeinhin Menschen entgegenbringt, die vielleicht — möglicherweise — irgendwann — unter Umständen — eine falsche Meinung haben könnten.

Der Radikalenerlass von 1972 ist in diesem Zusammenhang ein besonders hübsches Exemplar staatlicher Vorsorgepolitik. Der Begriff selbst klingt bereits wie ein medizinischer Eingriff: ein radikaler Schnitt, präventiv, prophylaktisch, gewissermaßen die politische Blinddarmoperation am offenen Staatskörper. Die Logik war simpel: Wer in den öffentlichen Dienst wollte, sollte zuvor beweisen, dass er innerlich auch wirklich so demokratisch fühlte, wie es die Stellenbeschreibung verlangte. Ein Verfahren, das in der Theorie der Verteidigung der Demokratie diente und in der Praxis eine gigantische Gesinnungsprüfung darstellte. Rund 3,5 Millionen Menschen wurden überprüft. 3,5 Millionen. Eine Zahl, die selbst statistisch abgebrühte Historiker kurz innehalten lässt. Über 11.000 offizielle Berufsverbotsverfahren folgten daraus. Tausende Menschen wurden nicht eingestellt oder aus dem Dienst entfernt, häufig Lehrer, Sozialarbeiter, Post- und Bahnbeamte — also genau jene Berufe, die gemeinhin dafür zuständig sind, dass eine Gesellschaft halbwegs funktioniert. Der Verdacht reichte oft aus: Mitgliedschaft in einer linken Organisation, Engagement in studentischen Gruppen, politische Aktivität jenseits der gemütlichen Mitte. Wer sich für die falsche Partei interessierte, durfte plötzlich Kindern nichts mehr beibringen oder Briefe sortieren. Man könnte sagen: Die Republik verteidigte sich damals mit der entschlossenen Energie eines Staates, der fest davon überzeugt war, dass die größte Gefahr für die Demokratie möglicherweise ausgerechnet von Menschen ausgehen könnte, die Gedichte lasen, Flugblätter verteilten oder Seminare über Marx besuchten.

Der demokratische Staat und seine Akten

Parallel dazu entwickelte sich ein zweites, weniger sichtbares, aber nicht minder beeindruckendes Projekt: die große Sammlung politischer Informationen über die eigenen Bürger. Der Verfassungsschutz — jener geheimnisvolle Wächter der freiheitlichen Ordnung — sammelte Daten mit der geduldigen Hingabe eines Briefmarkensammlers. Ende der 1980er Jahre umfassten seine Dateien über eine Million personenbezogene Einträge zu Organisationen, Aktivisten und politischen Gruppen. Eine Million. Das ist keine kleine Kartei mehr; das ist eine gesellschaftliche Landschaft aus Karteikarten, Berichten, Beobachtungen und Vermutungen. In dieser Welt existierte kaum eine linke Initiative, kein politischer Zirkel, kein studentisches Kollektiv, das nicht irgendwo in einer Akte auftauchte. Man könnte sagen: Die Demokratie vertraute ihren Bürgern so sehr, dass sie vorsichtshalber alles über sie wissen wollte.

Der rechtliche Rahmen dafür wurde 1968 mit dem G-10-Gesetz geschaffen, einem jener Gesetze, deren technokratischer Name beinahe poetisch verschleiert, worum es eigentlich geht: die Einschränkung des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses. Fortan konnten Telefonate abgehört, Briefe geöffnet und Kommunikation überwacht werden — selbstverständlich nur unter streng geregelten Bedingungen, versteht sich. In den folgenden Jahrzehnten wurden jährlich tausende solcher Maßnahmen genehmigt. Der Staat lauschte also gelegentlich mit, wenn politische Gespräche geführt wurden. Ganz diskret natürlich. Demokratische Staaten hören schließlich nicht zu, sie ermitteln.

Politische Justiz und alte Kontinuitäten

Besonders bemerkenswert wird die Geschichte dort, wo sie auf die frühen Jahre der Bundesrepublik zurückblickt. Nach dem Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands im Jahr 1956 begann eine juristische Offensive, deren Dimensionen heute erstaunlich wenig im öffentlichen Gedächtnis präsent sind. Über 200.000 Ermittlungsverfahren wegen kommunistischer Betätigung wurden eingeleitet. Hunderttausende Ermittlungen. Zehntausende Verurteilungen. Mitgliedschaft, Sympathie, Engagement — all das konnte strafrechtliche Konsequenzen haben. Bereits 1951 war auch die Freie Deutsche Jugend in Westdeutschland verboten worden.

Die Ironie dieser Phase liegt in der personellen Zusammensetzung der Institutionen selbst. Viele der Richter, Beamten und Sicherheitsfunktionäre, die nun eifrig gegen kommunistische Umtriebe vorgingen, hatten ihre berufliche Sozialisation bereits in einem anderen deutschen Staat erlebt — einem Staat, der bekanntlich ebenfalls eine sehr ausgeprägte Meinung darüber hatte, welche politischen Ansichten zulässig sein sollten und welche nicht. Die junge Bundesrepublik war also gewissermaßen ein demokratisches Projekt mit einer Verwaltung, die in Teilen noch aus der vorangegangenen Epoche stammte. Die Geschichte liebt solche Paradoxien.

Die Geburt der Datenrepublik

In den 1970er Jahren begann schließlich eine technologische Entwicklung, die das Verhältnis zwischen Staat und Bürger nachhaltig verändern sollte: die computergestützte Datenerfassung. Die Rasterfahndung war das große Versprechen dieser neuen Zeit. Statt mühsam einzelne Verdächtige zu beobachten, konnte man nun gigantische Datenmengen miteinander vergleichen. Melderegister, Bankdaten, Energieverbrauch — alles wurde miteinander abgeglichen. Millionen Datensätze wanderten durch die Rechenmaschinen der Sicherheitsbehörden.

Die Idee dahinter war bestechend modern: Der Computer sollte Muster erkennen, Zusammenhänge sichtbar machen, Verdächtige identifizieren, bevor sie überhaupt auf die Idee kamen, verdächtig zu werden. Es war die Geburtsstunde jener Denkweise, die heute unter dem eleganten Begriff „Predictive Policing“ firmiert. Der Computer als Orakel der Kriminalität. Die Maschine als prophetischer Beamter.

Die Gegenwart der totalen Information

Verglichen mit den analogen Mühen jener Jahrzehnte wirkt die Gegenwart allerdings wie eine Science-Fiction-Fortsetzung desselben Projekts. Die moderne Überwachung braucht keine mühsamen Karteikarten mehr. Das Smartphone trägt den Ermittlungsbericht freiwillig in der Hosentasche mit sich herum. Bewegungsprofile entstehen im Sekundentakt. Standortdaten, Kommunikationsdaten, Kontaktlisten — alles wird automatisch produziert, gespeichert und analysiert. Das Telefon ist nicht mehr nur ein Gerät, sondern eine autobiografische Maschine.

Hinzu kommt eine Infrastruktur digitaler Beobachtung, die in ihrer Dichte historisch beispiellos ist. Kennzeichenkameras registrieren Fahrzeugbewegungen. Gesichtserkennungssysteme analysieren öffentliche Räume. Online-Tracker rekonstruieren Persönlichkeitsprofile mit einer Präzision, von der klassische Geheimdienste der 1970er Jahre nur träumen konnten. Banken erkennen Verhaltensanomalien im Zahlungsverkehr. Internetbrowser identifizieren Nutzer selbst dann, wenn sie glauben, anonym zu sein. Autos übertragen Telemetriedaten. Flugbuchungen, Grenzübertritte und Paketlogistik landen in internationalen Datenbanken.

Besonders elegant an dieser Architektur ist die Rollenverteilung: Ein erheblicher Teil dieser Informationen wird nicht einmal vom Staat selbst erhoben, sondern von privaten Konzernen gesammelt, die daraus Geschäftsmodelle entwickelt haben. Der Staat muss also häufig gar nicht mehr selbst überwachen; er kann die Daten einfach nutzen, die ohnehin schon existieren. Eine bemerkenswert effiziente Arbeitsteilung zwischen Markt und Macht.

Der algorithmische Verdacht

Die nächste Entwicklungsstufe ist bereits sichtbar. Videoüberwachungssysteme beginnen, Verhalten zu analysieren. Künstliche Intelligenz soll „auffällige Muster“ erkennen: zu langes Herumstehen, wiederholtes Auftauchen, ungewöhnliche Bewegungen. Der öffentliche Raum verwandelt sich damit in ein gigantisches Experimentierfeld für algorithmische Interpretation menschlichen Verhaltens.

Der Gedanke dahinter ist faszinierend und leicht beunruhigend zugleich: Eine Maschine entscheidet, was normales Verhalten ist. Wer zu lange auf einer Bank sitzt, wer mehrmals denselben Weg entlangläuft, wer Gegenstände abstellt, könnte plötzlich statistisch interessant werden. Der Verdacht entsteht nicht mehr durch Beobachtung einzelner Beamter, sondern durch mathematische Modelle. Es ist gewissermaßen die Automatisierung des Misstrauens.

Die große Ironie der Freiheit

All diese Entwicklungen führen zu einer paradoxen historischen Situation. Während politische Debatten weiterhin mit großem moralischem Pathos über die Überwachung vergangener Systeme sprechen, hat sich die technische Realität der Gegenwart längst in eine Richtung bewegt, die frühere Sicherheitsapparate vor Neid erblassen lassen würde. Noch nie in der Geschichte standen so viele Daten über so viele Menschen so permanent zur Verfügung.

Die Ironie besteht darin, dass diese Infrastruktur nicht einmal primär aus autoritären Ambitionen entstanden ist, sondern aus Komfort, Effizienz und wirtschaftlichen Interessen. Das digitale Leben produziert seine eigenen Überwachungsstrukturen, oft ganz freiwillig. Der Bürger von heute liefert seine Daten nicht unter Zwang ab, sondern mit Begeisterung — gegen Rabatte, Bequemlichkeit und personalisierte Werbung.

So entsteht ein merkwürdiges Bild: eine Gesellschaft, die sich weiterhin leidenschaftlich über die Überwachung der Vergangenheit empört, während sie gleichzeitig eine Gegenwart gestaltet, in der Beobachtung zu einer normalen Hintergrundfunktion des Alltags geworden ist. Der moderne Überwachungsstaat tritt nicht mehr unbedingt als drohender Leviathan auf. Er erscheint eher als freundlicher Dienstleister mit Cloud-Anbindung.

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe der Geschichte. Die größte Kontrolle entsteht nicht immer dort, wo der Staat sie brutal erzwingt. Manchmal entsteht sie dort, wo eine Gesellschaft sie Schritt für Schritt selbst organisiert — aus Angst, aus Bequemlichkeit, aus dem ewigen Versprechen der Sicherheit. Eine Republik, die ihre Bürger einst millionenfach auf ihre Gesinnung prüfte, lebt heute in einer Welt, in der Maschinen täglich Milliarden Datenpunkte über ihr Verhalten sammeln.

Die Methoden haben sich verändert. Der Verdacht ist geblieben.

Bleibt wachsam. Freundschaft!

Die Sonnen- & Windrechnung flattert ins Haus

Es gibt Rechnungen, die leise kommen. Sie liegen plötzlich im Briefkasten, unscheinbar zwischen Werbung für Tiefkühlpizza und dem monatlichen Prospekt eines Discounters, der verspricht, dass diesmal wirklich alles noch billiger geworden sei. Und dann gibt es Rechnungen, die gar nicht erst verschickt werden müssen, weil sie längst bezahlt werden. Still, zuverlässig, automatisch. Die Jahresabrechnung der Stromnetzbetreiber über die Subventionierung von Wind- und Solaranlagen gehört in diese Kategorie: ein fiskalischer Phantomschmerz der Energiewende, sichtbar nur für jene, die in den Tabellen der Haushaltspläne lesen wie andere Menschen in Kriminalromanen.

Für das Jahr 2025 steht nun die Summe fest: 16,5 Milliarden Euro Zuschuss aus dem Bundeshaushalt. Eine Zahl jener wohlig abstrakten Größe, bei der das menschliche Vorstellungsvermögen kapituliert und nur noch eine gewisse diffuse Ehrfurcht empfindet. Milliarden sind schließlich keine Beträge mehr, sondern Landschaften. Gebirge aus Nullen, durch die sich der Steuerzahler wie ein orientierungsloser Wanderer bewegt, während irgendwo hinter dem Horizont die Rotorblätter der Windparks majestätisch ihre Kreise ziehen und Solarfelder mit der Gelassenheit großer Geldautomaten in die Sonne blinzeln.

Die feste Vergütung für den launischen Himmel

Das Prinzip ist von einer beinahe poetischen Einfachheit: Betreiber von Windkraft- und Solaranlagen erhalten über zwanzig Jahre hinweg eine garantierte Einspeisevergütung zwischen sechs und zwölf Cent pro Kilowattstunde. Eine Art meteorologischer Mindestlohn, bezahlt für die Mitarbeit von Wind und Sonne im industriellen Maßstab. Und wie jeder Mindestlohn hat auch dieser eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er gilt unabhängig von den Launen des Marktes.

Sinkt der Strompreis – etwa dann, wenn mittags gleichzeitig tausende Solaranlagen die Netze mit enthusiastischem Photonenüberschuss fluten und der Wind beschließt, ebenfalls in Produktionslaune zu geraten –, dann fällt der Marktpreis mitunter gegen Null. Das ist ein faszinierender Moment der modernen Energiewirtschaft: Elektrizität wird in solchen Stunden zu einer Ware, deren Wert sich dem metaphysischen Zustand der Bedeutungslosigkeit annähert. Doch während der Strompreis sich philosophisch in Richtung Nichts bewegt, bleibt die Vergütung bemerkenswert real. Die Differenz zahlt der Staat. Und der Staat zahlt bekanntlich selten aus eigener Tasche.

Wenn Überfluss zum Problem wird

Die Energiewende hat damit eine ökonomische Spezialität hervorgebracht, die in der klassischen Volkswirtschaftslehre eher selten vorkommt: subventionierte Überproduktion. Strom, der in jenen Stunden erzeugt wird, in denen er am wenigsten gebraucht wird, besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit, trotzdem bezahlt zu werden. Es handelt sich gewissermaßen um Elektrizität im Zustand des paradoxen Luxus – vorhanden im Übermaß, begehrt im Untermaß.

Damit das Stromnetz nicht zu einem elektrischen Karneval wird, müssen Netzbetreiber gelegentlich Anlagen abregeln. Die Windräder stehen dann still, die Solarparks dösen im Sonnenlicht, und der Strom fließt nicht. Ökonomisch jedoch bleibt alles erstaunlich lebendig: Für nicht produzierten Strom gibt es bis zu 95 Prozent der vorgesehenen Vergütung. Es ist ein System, das die beruhigende Botschaft vermittelt, dass selbst Abwesenheit noch monetarisiert werden kann. Die Zukunft gehört offenbar nicht nur der erneuerbaren Energie, sondern auch der erneuerbaren Rechnung.

Die internationale Großzügigkeit der Elektronen

Wenn sich der Strom einmal nicht sinnvoll im Inland unterbringen lässt, tritt ein weiterer, beinahe philanthropischer Mechanismus in Kraft: Der Überschuss wird ins Ausland exportiert. In manchen Stunden sogar zu negativen Preisen, was bedeutet, dass andere Länder Geld erhalten, damit sie den überschüssigen Strom abnehmen. Elektronen auf diplomatischer Mission, gewissermaßen. Eine energetische Form internationaler Entwicklungshilfe, bei der die Kraftwerke der Nachbarländer höflich darauf warten, dass der deutsche Überfluss vorbeizieht.

Das Ergebnis ist eine eigenartige Form der Großzügigkeit: Im Inland wird Strom subventioniert, im Ausland wird er gelegentlich verschenkt. Ein ökonomischer Kreisverkehr, in dem Geld und Elektronen fröhlich ihre Bahnen ziehen, während irgendwo im Bundeshaushalt eine weitere Milliarde diskret ihren Platz findet.

Die soziale Eleganz der Umlage

Finanziert wird dieses Arrangement nicht etwa durch den Wind selbst – so weit ist die Technik noch nicht – sondern über den Klima- und Transformationsfonds, der wiederum aus Einnahmen des CO₂-Preises gespeist wird. Dieser Preis taucht bevorzugt dort auf, wo Energie besonders alltäglich ist: bei der Gas- oder Ölheizung, beim Tanken an der Zapfsäule, in den Nebenkostenabrechnungen der Mietwohnungen.

Damit entsteht eine bemerkenswerte finanzielle Choreografie: Auf der einen Seite stehen die Betreiber großer Wind- und Solarparks, häufig kapitalkräftige Investoren, Infrastruktur- oder Energiefonds, gelegentlich auch internationale Konsortien mit beeindruckenden Excel-Tabellen. Auf der anderen Seite stehen Mieterhaushalte, Pendler, Autofahrer – kurz gesagt: jene Bevölkerungssegmente, deren Energieverbrauch sich weniger elegant optimieren lässt als ein Portfolio aus Erneuerbaren-Projekten.

Die Energiepolitik verwandelt sich damit, zumindest in der Wahrnehmung mancher Beobachter, in ein gesellschaftliches Förderband: unten wird CO₂ bepreist, oben wird Einspeisevergütung ausgezahlt.

Der Markt, der keiner sein darf

Ironischerweise geschieht all dies in einem Sektor, der offiziell als liberalisierter Strommarkt bezeichnet wird. Märkte zeichnen sich normalerweise dadurch aus, dass Preise Knappheit signalisieren. Strom aber kann in diesem System gleichzeitig im Überfluss vorhanden und trotzdem finanziell wertvoll sein – solange der gesetzliche Rahmen die Differenz ausgleicht.

Der Markt darf also durchaus schwanken, solange er am Ende nicht wirklich entscheidet. Das Risiko meteorologischer Unbeständigkeit wird durch politische Beständigkeit ersetzt. Wind und Sonne bleiben launisch; die Subvention hingegen besitzt die beruhigende Stabilität eines Gesetzestextes.

Die große Ironie der grünen Industriepolitik

All dies führt zu einer der großen Ironien moderner Industriepolitik: Die Energiewende soll eigentlich eine Zukunft erschaffen, in der Energie sauber, effizient und marktwirtschaftlich organisiert ist. Doch der Weg dorthin gleicht streckenweise einer gigantischen fiskalischen Stützstruktur, die sich um eine Energieform legt, deren größte Stärke gleichzeitig ihre größte Herausforderung ist – ihre Unberechenbarkeit.

Wind und Sonne schicken keine Rechnungen. Sie erscheinen einfach am Himmel. Die Rechnungen entstehen erst danach, in Ministerien, Netzbetreiberbilanzen und Haushaltsplänen. Und sie werden auch nicht von den Himmelskörpern bezahlt, sondern von Menschen, deren Energieverbrauch sehr viel weniger poetisch ist als das Flattern eines Rotorblatts im Abendwind.

Das höfliche Lächeln der Energiewende

Am Ende bleibt ein Bild, das eine gewisse satirische Eleganz besitzt: Auf den Hügeln drehen sich die Windräder, in den Feldern glitzern die Solarmodule, und irgendwo im Finanzministerium addieren sich die Milliarden. Die Energiewende lächelt dabei mit der gelassenen Höflichkeit eines großen Infrastrukturprojekts, das genau weiß, dass seine Rechnungen kompliziert sind – aber moralisch gut begründet.

Und so stellt Wind und Sonne zwar keine Rechnungen. Doch das System, das ihre Energie in kilowattstundengenaue Zahlungsströme übersetzt, tut es sehr wohl. Mit der ruhigen Selbstverständlichkeit einer modernen Volkswirtschaft, die gelernt hat, dass selbst der Himmel gelegentlich eine Buchhaltung braucht

Der letzte Sozialdemokrat

Es gibt politische Anekdoten, die wirken im Rückblick wie moralische Fossilien: kleine, hart gewordene Reste einer längst ausgestorbenen politischen Spezies. Eine solche Geschichte trägt den Namen Otto Probst. Der österreichische Politiker Otto Probst (1911–1978), kein Mitglied der jüdischen Gemeinde, war ein überlebender politischer KZ-Häftling. Er war langjähriger Zentralsekretär der SPÖ (1946 bis 1970) und wurde nach seiner Ablösung in dieser Funktion durch den dem Parteivorsitzenden Bruno Kreisky näherstehenden Fritz Marsch mit dem Amt des 3. Nationalratspräsidenten abgefunden. Allein dieser Satz enthält bereits eine kleine, sehr österreichische Tragikomödie: Der Mann, der Jahrzehnte lang die Parteimaschine geschmiert hatte, wurde – wie ein alter Parteiapparat, der zwar noch schnurrt, aber politisch nicht mehr gebraucht wird – in eine ehrwürdige Parkposition geschoben. Es ist eine Form des politischen Altersheims mit Blick auf die Hofburg. Und doch war Probst einer jener Sozialdemokraten aus einer Zeit, in der politische Biografien noch mehr enthielten als Talkshowrhetorik, Social-Media-Posts und moralische Selbstbespiegelung.

Probst war kein Theoretiker des Guten, sondern ein Zeuge des Bösen. Buchenwald, Strafsoldat im Osten, der Krieg – das sind keine politikwissenschaftlichen Seminare, sondern Erfahrungsräume, die den moralischen Kompass eines Menschen gewöhnlich dauerhaft kalibrieren. Vielleicht erklärt das, warum er im Jahr 1978 etwas tat, das heute in vielen Parteien offenbar als unvorstellbarer Akt politischer Unhöflichkeit gilt: Er widersprach seinem eigenen Parteichef. Nicht hinter vorgehaltener Hand, nicht in der diskreten Grauzone parteiinterner Intrigen, sondern öffentlich.

Ein Zitat aus einer anderen moralischen Epoche

Kurz vor seinem Tod trat Otto Probst als Präsident der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft zurück. Der Anlass waren wiederholte Beschimpfungen Israels durch den damaligen Bundeskanzler und SPÖ-Parteichef Bruno Kreisky. Und Probst erklärte – in einer Formulierung, die heute beinahe wie ein Dokument aus einer anderen politischen Galaxie wirkt:

»In den vielen Jahren meiner Konzentrationslagerhaft in Buchenwald und als Strafsoldat im Osten während des ganzen Krieges habe ich miterlebt, wie die Angehörigen des jüdischen Volkes gejagt, gefoltert und gedemütigt wurden. Als Sozialist bedauere ich, daß der Parteivorsitzende gegenüber Israel, seiner gegenwärtigen Regierung und gegenüber unseren vielen Freunden in Österreich und in Israel eine diffamierende Haltung eingenommen hat … Meine Sympathien bleiben unabhängig vom jeweiligen Regierungssystem bei Israel.«

Man muss sich diesen Satz langsam auf der Zunge zergehen lassen, nicht als ritualisierte Gedenkprosa, sondern als politische Aussage. Er enthält drei heute selten gewordene Elemente: historische Erfahrung, persönliche Loyalität gegenüber moralischen Prinzipien und – vielleicht am erstaunlichsten – die Bereitschaft, sich gegen den eigenen politischen Stamm zu stellen. In der Gegenwart hingegen scheint Parteidisziplin häufig wichtiger zu sein als moralische Konsistenz; der Mut zur Dissidenz wird schnell als Illoyalität interpretiert, während das Mitlaufen im Chor der Empörungsökonomie als politisches Engagement gilt.

Die moralische Eleganz der Doppelmoral

Und damit wären wir bei der Gegenwart angelangt, die in politischen Fragen bekanntlich selten zimperlich mit Ironie umgeht. Die SPÖ hielt jüngst Parteitag. Parteichef und Vizekanzler Andreas Babler wurde mit etwas mehr als vier Fünfteln der Delegierten wiedergewählt – eine Zahl, die im politischen Betrieb ungefähr den demokratischen Äquivalentwert eines höflichen Applauses darstellt: nicht ganz nordkoreanisch, aber doch ausreichend beruhigend. Im Vorfeld hatte Babler die Anerkennung eines nicht existierenden »Staates Palästina« gefordert. Man muss das bewundern: In einer Welt voller komplizierter Realitäten gelingt es der Politik immer wieder, imaginäre Staaten mit großer moralischer Entschlossenheit anzuerkennen. Diplomatie als literarische Gattung.

Gleichzeitig bezeichnete Babler den Präventivschlag der USA und Israels gegen den atomar wiederaufrüstenden Iran als „völkerrechtswidrig“. Das Völkerrecht, dieses elegante Chamäleon internationaler Debatten, hat bekanntlich die erstaunliche Fähigkeit, genau dann aufzutauchen, wenn es politisch nützlich ist – und ebenso zuverlässig zu verschwinden, wenn es störend wird. Man könnte fast meinen, es handle sich um eine Art moralischen Regenschirm: Man spannt ihn auf, wenn es politisch zu regnen beginnt, und vergisst ihn ansonsten gerne im Parteibüro.

Der Parteitag selbst beschloss schließlich nach kurzer Debatte die Forderung nach Anerkennung Palästinas. Kurz, so hört man, wurde immerhin erwähnt, dass eine solche Anerkennung nicht als „Belohnung“ für den Terror der Hamas am 7. Oktober 2023 verstanden werden dürfe. Das ist eine Formulierung von beinahe literarischer Feinheit. Sie erinnert an jene höfliche diplomatische Sprache, mit der man versucht, einen Elefanten im Wohnzimmer zu beschreiben, ohne das Wort Elefant zu verwenden. Eine Leserin fragte daraufhin nüchtern, wie dieser Schritt denn sonst verstanden werden könne. Eine ausgezeichnete Frage – eine jener Fragen, die politische Beschlüsse ungern hören.

Die Dinge, über die man nicht spricht

Bemerkenswert ist auch, worüber man nicht sprach. Über den Ausschluss der israelischen Roten Falken aus der sozialistischen Jugend-Internationale offenbar nicht. Über die Teilnahme von Teilen der Sozialistischen Jugend an antiisraelischen Demonstrationen ebenfalls nicht. Über Genozidvorwürfe gegen Israel aus Reihen der eigenen Jugendorganisation? Auch nicht. Über Antisemitismus-Affären bei den sozialistischen Studenten? Schweigen.

Parteitage sind bekanntlich sorgfältig kuratierte Veranstaltungen, ähnlich wie Museumsräume: Man zeigt, was zur Ausstellung passt, und lagert den Rest diskret im Depot. Dass manche dieser Themen nicht einmal Debatten wert gewesen sein sollen, ist vielleicht die eleganteste Form politischer Verdrängung. Man könnte fast meinen, es handle sich um eine neue Form sozialdemokratischer Konfliktlösung: Wenn ein Problem nicht diskutiert wird, existiert es auch nicht. Eine bemerkenswert kostengünstige Strategie.

Kreisky wäre stolz

Man kann daher mit einiger Sicherheit sagen: Bruno Kreisky wäre vermutlich stolz. Nicht notwendigerweise im Sinne eines moralischen Kompliments, sondern eher im historischen Sinn einer politischen Kontinuität. Der ehemalige Kanzler, hierzulande noch immer als „Sonnenkönig“ verehrt, äußerte sich bekanntlich mehrfach abfällig über Israel und pflegte politische Beziehungen zu Figuren, deren Verhältnis zum jüdischen Staat – sagen wir – von einer gewissen kreativen Spannung geprägt war. Dass sich Teile der heutigen SPÖ in einer ähnlichen Tonlage bewegen, dürfte ihm daher kaum fremd erscheinen.

Das eigentlich Tragische – oder vielleicht Komische, je nach Temperament – besteht darin, dass ausgerechnet jene Partei, die sich so gern als moralische Instanz präsentiert, gelegentlich erstaunlich wenig Interesse an moralischer Selbstprüfung zeigt. Die politische Linke hat über Jahrzehnte ein beeindruckendes Instrumentarium moralischer Kritik entwickelt. Leider richtet sich dieses Instrumentarium oft ausschließlich nach außen.

Der abwesende Genosse Otto

Und hier kehrt die Figur Otto Probst wieder zurück, wie eine Art Gespenst der sozialdemokratischen Vergangenheit. Nicht als Held, nicht als makellose Figur – Politiker sind selten makellos –, sondern als Beispiel für eine Haltung: dass historische Erfahrung Verantwortung erzeugt. Dass Solidarität nicht selektiv sein sollte. Und dass Loyalität gegenüber der Wahrheit manchmal wichtiger ist als Loyalität gegenüber der Partei.

Man kann sich gut vorstellen, wie jemand wie Probst heute wirken würde: ein altmodischer Sozialdemokrat mit unangenehmen Erinnerungen an die Realität des Antisemitismus, mit einem moralischen Reflex, der nicht durch Twitter-Trends gesteuert wird. Kurz gesagt: eine Figur, die im heutigen politischen Betrieb vermutlich als irritierend gelten würde.

Seine Worte aus dem Jahr 1978 wirken daher wie ein Echo aus einer anderen Epoche der Sozialdemokratie – einer Epoche, in der politische Biografien nicht aus Pressestatements bestanden, sondern aus Erfahrungen, die sich nicht einfach ideologisch neu sortieren ließen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum solche Stimmen heute fehlen.

Oder, um es weniger höflich zu formulieren: Die Sozialdemokratie hat viele Dinge modernisiert – ihre Kommunikationsstrategien, ihre Parteitage, ihre Symbolpolitik. Was sie dabei verloren hat, ist womöglich etwas Schwerer Ersetzbares: den Mut, gelegentlich gegen den eigenen moralischen Zeitgeist aufzustehen.

Genosse Otto hätte darüber vermutlich nur müde gelächelt. Und dann, ganz altmodisch, widersprochen.

Der 1500. Beitrag

Eine kleine Zahl für die Statistik, eine große Zahl für die Selbstgewissheit

Eintausendfünfhundert Beiträge. Man muss diese Zahl eine Sekunde lang auf der Zunge zergehen lassen – nicht aus Eitelkeit, sondern aus anthropologischer Neugier. Denn irgendwo zwischen Beitrag Nummer 37 (noch tastend), Nummer 213 (schon leicht genervt) und Nummer 947 (erkennbar resigniert, aber noch mit Resthoffnung) dämmert dem Autor eines Blogs eine Erkenntnis, die so unerquicklich wie stabil ist: Die Welt hat die bemerkenswerte Fähigkeit, Warnungen nicht nur zu ignorieren, sondern sie später mit großem Ernst genau so umzusetzen, wie man es vorher befürchtet hat. In diesem Sinne ist der 1500. Beitrag weniger ein Jubiläum als ein leises Räuspern im Archiv der verpassten Gelegenheiten. Man könnte auch sagen: eine Art literarischer Seismograph, der seit Jahren Ausschläge registriert, während die Öffentlichkeit weiterhin darüber diskutiert, ob es vielleicht doch nur der Wind war. Und irgendwo zwischen Ironie und Müdigkeit steht da dieser Satz, der so unerquicklich klingt, weil er sich allzu oft als zutreffend erwiesen hat: Ich hab’s Euch ja gesagt.

Die Kunst des gepflegten Wegschauens

Natürlich wäre es unerquicklich, aus diesem Anlass in eine moralische Pose zu verfallen – jene Pose, die im deutschsprachigen Raum zuverlässig reflexartige Augenverdrehungen hervorruft, sobald jemand mit dem Pathos eines prophetischen Kassandrarufs beginnt. Und doch ist es bemerkenswert, wie zuverlässig gewisse Mechanismen funktionieren: Erst wird ein Problem klein geredet, dann wird es relativiert, anschließend wird es moralisch aufgeladen, und schließlich wird es verwaltet, bis es niemanden mehr wirklich interessiert. Das ist gewissermaßen die klassische europäische Vier-Phasen-Strategie der Erkenntnisvermeidung. Dass ein Blog über Jahre hinweg genau diese Abläufe protokolliert, ist keine besondere Leistung – es reicht völlig, einfach hinzusehen und gelegentlich aufzuschreiben, was ohnehin sichtbar ist. Der eigentliche Skandal ist eher, wie selten genau das geschieht. Denn während der öffentliche Diskurs mit großem Ernst über die korrekte Wortwahl streitet, marschieren die Realitäten mit der Gelassenheit eines schlecht gelaunten Elefanten durch den Porzellanladen der Illusionen. Man hört es krachen, aber man erklärt einander weiterhin höflich, es handle sich vermutlich um eine neue Form der Innenarchitektur.

Zwischen Moralpoesie und Wirklichkeit

An dieser Stelle drängt sich unweigerlich ein literarischer Schatten auf, der über dem ganzen Unternehmen liegt: die berühmte Formel „Was gesagt werden muss“ (© Günther Grass). Ein Satz, der in Deutschland traditionell sofort eine Mischung aus moralischem Alarm und feuilletonistischem Blutdruckanstieg auslöst. Dabei ist das eigentlich Faszinierende nicht das Gesagte, sondern das Nichtgesagte – oder präziser: das Nichtgehörtwerden. Denn im öffentlichen Gespräch existiert eine merkwürdige Asymmetrie. Manche Dinge dürfen gesagt werden, solange sie folgenlos bleiben. Andere Dinge sind zwar offensichtlich, gelten aber als unschicklich. Und wieder andere Dinge werden erst dann diskutiert, wenn sie längst Realität geworden sind und die Diskussion damit ungefähr so wirkungsvoll ist wie eine Brandschutzverordnung, die während des Feuers beschlossen wird. Ein Blog, der über Jahre hinweg versucht, diese Absurditäten festzuhalten, gerät zwangsläufig in eine leicht polemische Tonlage. Nicht aus Bosheit, sondern aus dem schlichten literarischen Reflex heraus, das Offensichtliche wenigstens so zu formulieren, dass es nicht vollständig im Nebel der politischen Höflichkeit verschwindet.

Die Tragikomödie der späten Einsicht

Es gehört zu den großen tragikomischen Konstanten unserer Zeit, dass Prognosen erst dann Zustimmung finden, wenn sie keine Prognosen mehr sind. Was gestern noch alarmistisch, übertrieben oder „problematisch formuliert“ war, wird morgen plötzlich zur nüchternen Analyse erklärt – vorzugsweise von denselben Kommentatoren, die gestern noch den Kopf geschüttelt haben. Dieser Vorgang hat etwas zutiefst Beruhigendes, denn er zeigt, dass die Gesellschaft durchaus lernfähig ist. Sie lernt nur mit der Geschwindigkeit einer geologischen Schichtverschiebung. Wer lange genug schreibt, erlebt deshalb einen seltsamen Moment: Die eigenen alten Texte lesen sich plötzlich weniger wie Meinungen und mehr wie Protokolle eines langsam näher rückenden Ereignisses. Es ist ein Gefühl irgendwo zwischen Genugtuung und Unbehagen. Genugtuung, weil man nicht völlig danebenlag. Unbehagen, weil man eben doch lieber daneben gelegen hätte.

Das milde Vergnügen des ironischen Rechthabens

Der 1500. Beitrag ist daher kein Triumph, sondern eher ein kleines, leicht ironisches Schulterzucken gegenüber der Geschichte. Rechthaben ist bekanntlich eine unerquicklich überschätzte Erfahrung. Es schmeckt ein wenig wie kalter Kaffee: Man erkennt den vertrauten Geschmack, aber wirklich genießen kann man ihn nicht mehr. Dennoch bleibt ein gewisses literarisches Vergnügen. Denn wenn sich über Jahre hinweg ein Muster zeigt – dieselben Debatten, dieselben rhetorischen Verrenkungen, dieselben Überraschungen über Dinge, die längst vorhersehbar waren – dann entsteht daraus zwangsläufig eine gewisse satirische Perspektive. Die Realität beginnt sich wie eine Parodie ihrer selbst zu benehmen. Und der Autor sitzt daneben, notiert den Ablauf und fragt sich gelegentlich, ob er vielleicht doch in einer besonders langlebigen Folge politischer Improvisationskomik gelandet ist.

Ein Zwischenruf im Archiv der Gegenwart

Und so ist dieser 1500. Beitrag letztlich nichts weiter als ein kurzer Zwischenruf im fortlaufenden Archiv der Gegenwart. Keine Abrechnung, kein Manifest, kein Trompetensignal. Eher ein leicht müdes, aber immer noch neugieriges Festhalten an der Idee, dass Worte zumindest den Vorteil haben, Spuren zu hinterlassen. Vielleicht liest sie später jemand. Vielleicht auch nicht. Doch falls irgendwann wieder jemand überrascht feststellt, dass sich gewisse Entwicklungen bereits lange vorher angekündigt hatten, wird irgendwo im digitalen Sediment dieser Blogeintrag liegen und leise vor sich hin murmeln: Man hätte es wissen können. Man hätte es lesen können. Und ja – man hat es sogar gesagt bekommen.

Die überfüllte Bibliothek der moralischen Großtaten

Es gibt Bücher, die liest man aus Erkenntnisdrang. Andere aus Pflichtgefühl. Und wieder andere liest man überhaupt nicht, weil schon der Titel eine derart monumentale Verdrehung der Realität darstellt, dass die Lektüre ungefähr so notwendig erscheint wie eine Diätberatung durch einen Schokoladenfabrikanten. In diese Kategorie fällt für mich derzeit die Autobiografie Freiheit von Angela Merkel. Nicht etwa, weil mir das Thema Freiheit grundsätzlich unsympathisch wäre — im Gegenteil, ich halte es für eine der angenehmeren menschlichen Erfindungen, knapp hinter Espresso und Zentralheizung —, sondern weil meine literarische Agenda bedauerlicherweise bereits vollständig ausgelastet ist. Der Nachttisch ächzt unter einer Reihe unverzichtbarer Werke, deren Titel in etwa denselben Grad an Realitätskomik aufweisen: Frieden von Dschingis Khan, Menschenwürde von Adolf Hitler, Bescheidenheit von Napoleon Bonaparte, Loyalität von Marcus Junius Brutus, Égalité von Marie Antoinette, Gnade von Ivan IV, Treue von Henry VIII of England, Rationalität vom Papst — wobei man hier fairerweise hinzufügen muss, dass die Autorenfrage komplex ist, alldieweil es davon mehrere gibt — sowie natürlich das moderne Meisterwerk Understatement von Donald Trump, das sich vermutlich über mehrere tausend Seiten in Großbuchstaben erstreckt. Dazu kommt noch Shy von Meghan, Duchess of Sussex, das sich angeblich hauptsächlich aus Interviews zusammensetzt, in denen erklärt wird, wie unerquicklich Öffentlichkeit eigentlich ist, sowie der unsterbliche Klassiker Nüchtern von Harald Juhnke, ein Werk, das — wenn es existierte — wahrscheinlich das kürzeste Buch der Welt wäre, vielleicht nur eine Postkarte mit der Aufschrift: „Ich war kurz draußen, komme gleich wieder.“

Die hohe Kunst des paradoxen Buchtitels

Man muss allerdings anerkennen: Der paradoxe Buchtitel ist eine der feinsten Errungenschaften politischer und historischer Selbstinszenierung. Er funktioniert nach einem Prinzip, das man aus der Gastronomie kennt: Wenn ein Restaurant „Zum Goldenen Hummer“ heißt, serviert es höchstwahrscheinlich Tiefkühlpizza. Wenn ein Autokrat von Freiheit schreibt, dann ist zumindest literarisch mit einer gewissen Beweglichkeit im Umgang mit Begriffen zu rechnen. In dieser Tradition stehen all jene imaginären Werke auf meinem Lesestapel. Man stelle sich etwa die friedensethischen Überlegungen eines Dschingis Khan vor, der bekanntlich so engagiert für internationale Verständigung eintrat, dass seine Armeen dabei gelegentlich ganze Städte aus Versehen einäscherten. Oder das philosophische Hauptwerk von Adolf Hitler über Menschenwürde — ein Band, der vermutlich sehr dünn wäre, allerdings nicht aus Bescheidenheit, sondern weil das Konzept darin so konsequent ausgelassen wird. Und dann natürlich Napoleon Bonaparte mit seiner Abhandlung über Bescheidenheit, vermutlich geschrieben in einem Zimmer voller Spiegel, während draußen gerade ein Triumphbogen zur eigenen Ehrung errichtet wird. Es ist ein literarisches Genre, das man vielleicht „moralische Selbstparodie ohne Selbstbewusstsein“ nennen könnte.

Die Ironie der Geschichte als literarischer Ghostwriter

Geschichte hat eine bemerkenswerte Fähigkeit: Sie schreibt die besten Satiren selbst. Man braucht kaum etwas hinzuzufügen. Man muss lediglich die Namen und Tugenden neu kombinieren, und schon entsteht eine ganze Bibliothek des absurden Selbstbildes. Marcus Junius Brutus über Loyalität etwa — ein Werk, das vermutlich mit dem Satz beginnt: „Manchmal muss man seinen Freunden auch mal in den Rücken fallen, aber nur aus Prinzip.“ Oder Henry VIII of England über Treue, was literarisch wohl als eine Art Serienroman angelegt wäre, mit jedem Kapitel eine neue Ehe und einem zunehmend nervösen Hofstaat im Hintergrund. Besonders reizvoll ist auch die Vorstellung von Ivan IV, der über Gnade reflektiert, vielleicht in einer ruhigen Stunde zwischen zwei kleineren Massakern. Und natürlich Marie Antoinette mit ihrem Essay über Gleichheit, der vermutlich mit der kulinarischen Empfehlung endet, man möge doch statt Brot einfach Brioche essen — ein Vorschlag, der bis heute als eine der elegantesten Formen sozialpolitischer Kommunikation gilt.

Moderne Varianten der klassischen Selbstüberschätzung

Die Gegenwart steht dieser Tradition in nichts nach, sie hat sie lediglich professionalisiert. Wo früher Monarchen und Feldherren ihre Tugenden mythologisierten, übernehmen heute PR-Abteilungen und Ghostwriter diese Aufgabe. Ein Buch wie Understatement von Donald Trump ließe sich mühelos vorstellen: ein tausendseitiger Band, der mit der stillen Bemerkung beginnt, er sei „vielleicht einer der bescheidensten Menschen der Welt, viele Leute sagen das“. Parallel dazu würde Shy von Meghan, Duchess of Sussex erscheinen, begleitet von einer globalen Medienkampagne über ihre bemerkenswerte Zurückhaltung, vermutlich ausgestrahlt auf jedem Kontinent gleichzeitig. Und irgendwo in einer Wiener Kneipe — oder zumindest im kollektiven Gedächtnis der deutschsprachigen Unterhaltungskultur — blättert der Geist von Harald Juhnke in seinem Werk über Nüchternheit und bestellt dabei reflexartig noch einen letzten, wirklich allerletzten, absolut finalen Absacker.

Warum Angela Merkel trotzdem noch warten muss

Vor diesem Hintergrund wirkt Freiheit von Angela Merkel fast schon wie ein gemäßigter Beitrag zu dieser literarischen Gattung. Man könnte sogar argumentieren, dass der Titel im Vergleich zu den anderen Beispielen beinahe bescheiden wirkt — was allerdings auch daran liegen könnte, dass die Konkurrenz aus historischen Schwergewichten besteht, deren Verhältnis zur Wahrheit ungefähr so stabil war wie ein Kartenhaus im Orkan. Dennoch: Die Zeit ist begrenzt, der Lesestapel hoch, und Prioritäten müssen gesetzt werden. Solange ich noch mitten im Kapitel über die pazifistische Außenpolitik des Dschingis Khan stecke und parallel versuche, die moralphilosophischen Feinheiten von Adolf Hitler zu überfliegen — eine Lektüre, die ungefähr so unerquicklich ist wie eine Bedienungsanleitung für den Untergang der Zivilisation —, wird Frau Merkels Beitrag zur Freiheit leider warten müssen. Aber wer weiß: Vielleicht kommt er ja irgendwann dran, wenn ich endlich mit Bescheidenheit von Napoleon Bonaparte fertig bin. Das Problem ist nur: Dieses Buch scheint einfach kein Ende zu nehmen. Napoleon hat nämlich das Vorwort selbst geschrieben — und das Vorwort umfasst derzeit ungefähr achthundert Seiten.

Die hohe Kunst der juristischen Wirklichkeitsproduktion

Es gehört zu den charmantesten Eigenheiten moderner europäischer Politik, dass sie Wirklichkeit mit einer beneidenswerten Gelassenheit behandelt – ungefähr so, wie ein Theaterregisseur ein Bühnenbild behandelt: austauschbar, dekorativ und im Zweifelsfall einfach neu zu streichen. Der Europäische Gerichtshof hat nun also entschieden, dass Änderungen des Geschlechtseintrags in Ausweisdokumenten EU-weit anerkannt werden müssen. Auf den ersten Blick eine Formalie, ein Verwaltungsdetail, eine Fußnote im Amtsblatt. Doch wer die europäische Gesetzgebungsmaschine kennt, weiß: Nichts ist so harmlos wie eine Formalität. Formalitäten sind das Schmieröl der großen Umdeutung. Heute ein Pass, morgen eine Statistik, übermorgen ein ganzes gesellschaftliches Koordinatensystem.

Die juristische Logik dahinter ist bestechend einfach: Wenn ein Mitgliedstaat eine Änderung anerkennt, müssen die anderen sie respektieren. Freier Personenverkehr, gegenseitige Anerkennung, Binnenmarkt der Identitäten. In gewisser Weise ist das sogar konsequent. Die EU hat schließlich jahrzehntelang daran gearbeitet, Normen zu harmonisieren: Gurkenkrümmungen, Staubsaugerleistungen, CO₂-Emissionen – warum also nicht auch das Geschlecht? Die Bürokratie liebt klare Kategorien, und wenn eine Kategorie unbequem wird, dann ersetzt man sie eben durch eine elastischere. Aus “biologischem Geschlecht” wird “Geschlechtsidentität”, aus Erfahrung wird Erklärung, aus Realität wird Verwaltungsakt. Die Metamorphose des Menschen zum Formularfeld – ein Triumph der modernen Verwaltungskunst.

Die erstaunliche Leichtigkeit des Frauseins

Die eigentliche Pointe der Debatte liegt allerdings nicht im Urteil selbst, sondern in der philosophischen Revolution, die sich dahinter verbirgt. Jahrtausendelang galt Frausein als etwas, das mit Körper, Biologie, Erfahrung, vielleicht auch mit gesellschaftlicher Rolle zu tun hat. Eine komplizierte Angelegenheit, voller Widersprüche und historischer Kämpfe. Nun wird dieses komplexe Gebilde plötzlich auf eine erstaunlich elegante Formel reduziert: Erklärung genügt.

Das ist, man muss es anerkennen, ein bemerkenswert demokratisches Konzept. Früher brauchte es Jahrzehnte feministischer Kämpfe, um Frauenrechte durchzusetzen. Heute genügt ein Formular. Wer möchte, kann sich gewissermaßen in die Kategorie einschreiben. Die Eintrittsbarrieren sind niedrig, die Mitgliedschaft flexibel, und der Austritt ist – zumindest theoretisch – ebenfalls möglich. Das Frausein wird damit zu einer Art gesellschaftlicher Open-Source-Lizenz: frei zugänglich, frei definierbar, jederzeit aktualisierbar.

Doch gerade in dieser Eleganz liegt für manche Kritiker der satirische Kern der Sache. Denn wenn eine Kategorie vollständig von der Selbstdefinition abhängt, stellt sich die unangenehme Frage, ob sie überhaupt noch eine Kategorie ist. Wenn jeder, der möchte, Zugang zu einer Identität erhält, verliert diese Identität zwangsläufig ihre ursprüngliche Bedeutung. Das ist kein moralisches Urteil, sondern eine logische Folge. Ein Club, dessen Mitgliedschaft keinerlei Kriterien mehr kennt, ist streng genommen kein Club mehr – er ist ein öffentlicher Platz.

Brüssel und die Religion der progressiven Selbstbeschreibung

Natürlich geschieht all das nicht im luftleeren Raum. Brüssel ist seit Jahren ein Ort, an dem gesellschaftliche Theorien in politische Programme übersetzt werden. Die Sprache der Institutionen ist dabei von einer eigentümlichen Mischung aus moralischer Gewissheit und technokratischer Routine geprägt. Man spricht von Inklusion, Diversität, Anerkennung, Gleichstellung – Wörter, die so warm und freundlich klingen, dass jede Kritik sofort den Verdacht der moralischen Unzulänglichkeit weckt.

Doch Politik ist selten nur Sprache; sie ist immer auch Macht über Begriffe. Wer definiert, was eine Frau ist, definiert auch, wer Zugang zu bestimmten Schutzräumen, Förderprogrammen oder statistischen Kategorien erhält. Wenn Parlamente und Gerichte beschließen, dass Transfrauen vollständig als Frauen gelten sollen, dann ist das nicht bloß ein symbolischer Akt. Es ist eine normative Neudefinition, die in Sportverbänden, Gefängnissen, Frauenhäusern, Quotenregelungen und medizinischer Forschung konkrete Folgen haben kann.

Der europäische Diskurs neigt dabei zu einer bemerkenswerten Einseitigkeit: Er stellt diese Fragen häufig so dar, als gäbe es nur zwei Optionen – bedingungslose Anerkennung oder moralischen Rückfall in finstere Vorzeiten. Zwischenräume, Grautöne, komplizierte Abwägungen wirken in diesem moralischen Theaterstück fast störend. Wer Zweifel anmeldet, gilt schnell als Gegner des Fortschritts, als nostalgischer Verteidiger biologischer Dogmen, als jemand, der den Lauf der Geschichte nicht verstanden hat.

Die Rolle der Lobbyisten und der ewige Brüsseler Nebel

Hinzu kommt die eigenartige Ökologie der Brüsseler Politiklandschaft. Rund um die Institutionen existiert ein dichter Wald aus NGOs, Aktivistengruppen, Beratungsfirmen und Interessenvertretungen. Viele verfolgen legitime Anliegen, viele leisten wichtige Arbeit. Doch das System produziert auch eine gewisse ideologische Rückkopplung: Gruppen, die besonders gut organisiert sind und über moralisch überzeugende Narrative verfügen, finden leichter Gehör.

Das ist kein europäisches Spezifikum – es ist die Grundlogik moderner Politik. Aber im Fall der Geschlechterdebatte wirkt diese Dynamik besonders stark. Förderprogramme, Studien, Kampagnen und Resolutionen verstärken sich gegenseitig, bis schließlich der Eindruck entsteht, eine bestimmte Sichtweise sei bereits gesellschaftlicher Konsens. Wer dann widerspricht, erscheint wie jemand, der eine längst entschiedene Debatte wieder aufwärmt.

Der satirische Beobachter könnte versucht sein zu sagen: In Brüssel existiert eine Art politischer Nebel, in dem Begriffe langsam ihre Konturen verlieren. Zuerst wird eine Resolution verabschiedet, dann eine Leitlinie formuliert, dann ein Urteil gesprochen – und plötzlich stellt man fest, dass sich die gesellschaftliche Realität still und leise verschoben hat.

Der paradoxeste Nebeneffekt: Die Entmaterialisierung der Frauenfrage

Ironischerweise betrifft die Debatte ausgerechnet jene politische Bewegung, die jahrzehntelang gegen die Unsichtbarkeit weiblicher Erfahrungen gekämpft hat. Der klassische Feminismus war im Kern materialistisch: Er sprach über Körper, über Schwangerschaft, über Gewalt, über Arbeitsbedingungen, über konkrete biologische und soziale Unterschiede.

Nun aber wird ein Teil dieser materiellen Grundlage neu interpretiert. Wenn Frausein primär eine Frage der Identität ist, verlieren körperliche Erfahrungen an definitorischem Gewicht. Schwangerschaft, Menstruation, reproduktive Gesundheit – all das wird plötzlich zu einem Sonderfall innerhalb einer viel breiteren Kategorie. Manche Feministinnen sehen darin eine Erweiterung der Solidarität; andere empfinden es als eine Art semantische Enteignung.

Die Ironie ist schwer zu übersehen: Eine Bewegung, die einst darum kämpfte, dass die spezifischen Erfahrungen von Frauen ernst genommen werden, sieht sich nun mit einer Theorie konfrontiert, die genau diese Spezifität relativiert. Der Begriff bleibt – aber sein Inhalt verändert sich.

Europa und die große Versuchsanordnung

Europa war schon immer ein Labor politischer Experimente. Sozialstaat, Menschenrechtsregime, supranationale Gerichte – vieles, was heute selbstverständlich erscheint, begann als kühne Idee. In diesem Sinne ist auch die aktuelle Geschlechterpolitik Teil einer größeren historischen Versuchsanordnung: Kann eine Gesellschaft Kategorien wie Geschlecht vollständig von biologischen Grundlagen lösen und sie primär als Identitätsfragen behandeln?

Die Antwort darauf steht noch aus. Gesellschaften sind komplexe Systeme; sie reagieren selten so linear, wie politische Programme es sich wünschen. Vielleicht wird sich die neue Definition als pragmatisch erweisen und langfristig Konflikte reduzieren. Vielleicht entstehen aber auch neue Spannungen zwischen unterschiedlichen Gruppen, deren Interessen bislang nicht vollständig durchdacht wurden.

Der EuGH hat mit seinem Urteil jedenfalls einen weiteren Stein in dieses große Mosaik gelegt. Die europäische Politik bewegt sich damit weiter auf einem Weg, der von einem bemerkenswerten Optimismus getragen ist: dem Glauben, dass gesellschaftliche Realität sich letztlich durch rechtliche Definitionen formen lässt.

Ob dieser Optimismus gerechtfertigt ist oder ob er eines Tages als eine der großen intellektuellen Selbstüberschätzungen unserer Zeit gelten wird – darüber werden Historiker vermutlich noch lange diskutieren. Satiriker hingegen haben bereits heute reichlich Material. Denn wenn es eine Konstante der europäischen Politik gibt, dann diese: Kaum irgendwo sonst wird mit so viel Ernsthaftigkeit an der Idee gearbeitet, dass man die Welt durch die richtige Formulierung im Amtsblatt neu erfinden kann. Und manchmal, mit einem gewissen ironischen Glanz in den Augen, gelingt das sogar.

Die Sendung, in der plötzlich alles ganz einfach wurde

Die erstaunliche Karriere eines uralten Gerüchts

Es gibt Momente im öffentlichen Diskurs, in denen die Welt auf wundersame Weise übersichtlich wird. Komplexe internationale Konflikte, jahrzehntelange geopolitische Verwerfungen, diplomatische Ambivalenzen, historische Traumata, strategische Interessen, ideologische Kämpfe – all das löst sich plötzlich auf wie Zucker im Tee, sobald jemand mit der Gelassenheit moralischer Gewissheit erklärt: Hier sind die Guten, dort sind die Gegner. Und wenn es besonders elegant läuft, schafft man das sogar in einer einzigen Fernsehsendung, vor großem Publikum, ohne dass jemand im Studio auf die Idee kommt, vorsichtig die Hand zu heben und zu sagen: „Moment, vielleicht sollten wir diesen Gedanken noch einmal einen Millimeter genauer betrachten.“

So geschah es offenbar, als Frau Helberg erklärte, die Vereinigten Staaten unter Donald Trump seien kein Verbündeter mehr, sondern ein Gegner – und die Regierung Netanjahu gleich mit. Gegner nämlich, weil sie angeblich die Institutionen des Völkerrechts zerstören wollten, den Internationalen Strafgerichtshof und die Vereinten Nationen gleich mit. Ein bemerkenswert großzügiger Zugriff auf die Weltpolitik: Zwei Staaten, mehrere hundert Millionen Einwohner, komplexe innenpolitische Systeme, jahrzehntelange Bündnisstrukturen – alles reduziert auf die moralische Kategorie des Gegners. Das ist eine bemerkenswerte intellektuelle Effizienz. Andere schreiben ganze Bücher über internationale Ordnung, aber hier genügt ein Satz.

Und niemand stoppt das. Niemand sagt: „Moment, Gegner wovon genau?“ Gegner Deutschlands? Gegner Europas? Gegner des Völkerrechts als abstraktem Ideal? Oder schlicht Gegner der politischen Weltanschauung der Sprecherin? Solche Differenzierungen wirken im Zeitalter moralischer Klarheit offenbar störend. Sie ruinieren den dramaturgischen Fluss.

Die erstaunliche Robustheit alter Narrative

Doch der wirklich interessante Punkt liegt nicht einmal in der Diagnose politischer Gegnerschaft. Internationale Politik ist schließlich kein Freundschaftsspiel im Park, sondern ein permanenter Konflikt verschiedener Interessen. Staaten nennen einander seit Jahrhunderten Gegner. Das ist nichts Neues.

Interessant wird es dort, wo sich bestimmte narrative Muster bemerkenswert hartnäckig halten. Denn sobald in der politischen Rhetorik die Vorstellung auftaucht, ein jüdischer Staat manipuliere größere Mächte, ziehe sie in Konflikte oder steuere deren Entscheidungen im Hintergrund, wird ein historischer Resonanzraum geöffnet, der ungefähr so subtil ist wie eine Nebelmaschine in einem Opernhaus.

Die Idee, Juden verfügten über einen überproportionalen Einfluss auf Staaten, sei es finanziell, politisch oder strategisch, gehört zu den langlebigsten Verschwörungsfantasien der europäischen Geschichte. Sie war ein zentraler Bestandteil antisemitischer Propaganda im 19. und 20. Jahrhundert. Adolf Hitler schrieb in Mein Kampf, Juden würden die Völker gegeneinander aufhetzen. Joseph Goebbels behauptete, sie hätten den Krieg entfesselt. Die nationalsozialistische Presse erklärte, die Vereinigten Staaten kämpften „im Auftrag des Judentums“. Das Muster war immer gleich, fast schon mechanisch: eine Minderheit wird zur unsichtbaren Macht erklärt, zur Drahtzieherin globaler Ereignisse.

Das Perfide daran war nie die grobe Beschimpfung – die war ohnehin offensichtlich –, sondern die Struktur des Arguments. Denn es behauptet nicht einfach Hass, sondern Einfluss. Es behauptet nicht Gewalt, sondern Manipulation. Und genau deshalb kann es sich in erstaunlich vielen politischen Sprachen tarnen, vom offenen Antisemitismus bis zur vermeintlich nüchternen geopolitischen Analyse.

Die moderne Version desselben Gedankens

Heute wird das selten so offen formuliert wie in der Propaganda der 1930er Jahre. Niemand steht mehr auf einem Balkon und ruft, das „internationale Finanzjudentum“ ziehe die Welt in Kriege. Die Sprache ist moderner geworden, höflicher, akademischer, gelegentlich sogar moralisch aufgeladen.

Man spricht dann nicht mehr von „Juden“, sondern von „Israel“. Man spricht nicht mehr von „Weltherrschaft“, sondern von „Einfluss“. Man spricht nicht mehr von „Steuerung“, sondern davon, dass ein Staat angeblich andere Staaten in Konflikte hineinziehe oder deren Politik dominiere.

Die semantische Oberfläche hat sich verändert, doch die Struktur bleibt erstaunlich vertraut:
Erstens wird einem jüdischen Akteur – ob kollektiv oder staatlich – übermäßige Macht zugeschrieben.
Zweitens wird ihm die Verantwortung für größere geopolitische Konflikte zugeschoben.
Drittens erscheinen andere Staaten als Werkzeuge oder Marionetten dieses Einflusses.

Das ist das alte Drehbuch, nur mit neuem Bühnenbild.

Die seltsame Gelassenheit der Öffentlichkeit

Bemerkenswert ist dabei weniger, dass solche Gedanken existieren. Antisemitische Narrative verschwinden nicht einfach aus der Welt, nur weil man sie historisch widerlegt hat. Verschwörungstheorien haben eine bemerkenswerte Überlebensfähigkeit, ähnlich wie Kakerlaken nach einem Atomkrieg.

Bemerkenswert ist vielmehr, wie gelassen sie in bestimmten Kontexten aufgenommen werden.

Deutschland ist ein Land, in dem man über Sprache mit großer moralischer Präzision diskutiert. Wörter werden analysiert, Begriffe seziert, historische Sensibilitäten ernst genommen – zumindest theoretisch. Ganze Debatten können sich tagelang um die Frage drehen, ob ein einzelner Ausdruck problematisch ist.

Doch wenn narrative Strukturen auftauchen, die frappierend an klassische antisemitische Deutungsmuster erinnern, entsteht plötzlich eine erstaunliche Ruhe. Die Alarmanlagen des Diskurses, die sonst bei jeder semantischen Unregelmäßigkeit schrillen, bleiben still. Man hört kein aufgeregtes Räuspern, keine empörten Leitartikel, keine strafrechtlichen Debatten.

Es ist, als hätte die öffentliche Empörung einen selektiven Bewegungsmelder: Manche Dinge lösen sofort Alarm aus, andere passieren ungehindert den Eingang.

Moralische Klarheit und ihre blinden Flecken

Der Grund dafür liegt vermutlich nicht in böser Absicht, sondern in einem paradoxen Effekt moralischer Gewissheit. Wer sich selbst als Teil der antifaschistischen, antirassistischen, menschenrechtlichen Seite der Geschichte versteht, hält bestimmte Denkmuster schlicht nicht für möglich. Antisemitismus, so die implizite Annahme, existiert immer nur bei den anderen – bei Extremisten, Verschwörungstheoretikern, Neonazis.

Wenn ähnliche Strukturen jedoch in der eigenen politischen Sprache auftauchen, werden sie plötzlich unsichtbar. Man erkennt sie nicht mehr, weil sie von der richtigen moralischen Seite formuliert werden.

Das ist die ironische Tragik vieler politischer Diskurse: Moralische Selbstgewissheit kann die Wahrnehmung für problematische Muster eher trüben als schärfen.

Die bequeme Simplifizierung der Welt

Hinzu kommt ein zweites Phänomen: die enorme Verführungskraft einfacher geopolitischer Erzählungen. Internationale Politik ist kompliziert. Sie besteht aus Interessen, Machtverschiebungen, historischen Traumata, strategischen Kalkülen und gelegentlich auch aus schlichter Inkompetenz.

Für die öffentliche Debatte ist das unerquicklich. Komplexität verkauft sich schlecht.

Viel attraktiver ist die Vorstellung, hinter den chaotischen Ereignissen der Welt stehe eine klare Ursache. Ein Akteur, ein Einfluss, eine versteckte Macht. Diese Art von Erklärung hat den Charme eines Kriminalromans: Man muss nur den Täter identifizieren, und plötzlich ergibt alles Sinn.

Dass solche Erzählungen historisch häufig antisemitische Strukturen reproduzieren, ist dabei kein Zufall. Antisemitische Verschwörungsmythen waren immer auch eine Methode zur Vereinfachung der Welt.

Selektive Empörung als politisches Ritual

Am Ende bleibt eine merkwürdige Asymmetrie zurück. Öffentliche Debatten reagieren äußerst empfindlich auf bestimmte sprachliche Verfehlungen, während andere narrative Muster erstaunlich widerstandslos durchrutschen.

Das bedeutet nicht, dass jede Kritik an israelischer Regierungspolitik antisemitisch wäre – eine solche Behauptung wäre selbst eine intellektuelle Grobheit. Demokratien leben von Kritik, auch an Regierungen in Jerusalem, Washington oder Berlin.

Der entscheidende Punkt liegt woanders: Kritik wird problematisch, wenn sie strukturell alte Verschwörungsnarrative reproduziert – wenn Staaten plötzlich als allmächtige Strippenzieher erscheinen, die andere Mächte kontrollieren oder in Kriege treiben.

Wer ernsthaft gegen Antisemitismus kämpfen will, muss deshalb mehr tun als selektiv empört sein. Er muss die Muster erkennen, nicht nur die Vokabeln. Denn Antisemitismus ist historisch selten an einzelnen Worten erkennbar gewesen. Er lebt von Strukturen, Bildern und impliziten Erzählungen.

Die eigentliche Ironie

Die größte Ironie dieser Debatten liegt darin, dass sie häufig im Namen moralischer Wachsamkeit geführt werden. Man möchte sensibel sein für Diskriminierung, aufmerksam für Machtmissbrauch, kritisch gegenüber geopolitischen Interessen.

Das sind legitime Ziele.

Doch moralische Wachsamkeit funktioniert nur, wenn sie auch auf die eigenen Narrative angewendet wird. Andernfalls verwandelt sie sich in etwas anderes: in eine Art rhetorisches Theater, in dem Empörung sorgfältig verteilt wird, während bestimmte Denkmuster unbehelligt bleiben.

Die Geschichte Europas zeigt allerdings sehr deutlich, dass genau diese Muster nie harmlos waren. Sie beginnen selten mit offenen Parolen. Sie beginnen meist mit scheinbar plausiblen Erklärungen der Welt.

Und manchmal beginnen sie einfach mit einem Satz in einer Fernsehsendung, in der plötzlich alles ganz einfach erklärt wird.

Der Pädagoge der Nation und seine Schüler aus der Provinz

Es gehört zu den liebenswertesten Eigenheiten der deutschen politischen Kultur, dass ihre moralischen Oberlehrer stets davon überzeugt sind, eigentlich nur eine freundliche, pädagogisch wertvolle Diagnose zu stellen, während sie in Wahrheit gerade die halbe Bevölkerung in eine anthropologische Kategorie irgendwo zwischen Hinterwald und Vorzeit sortieren. Wenn also ein ehemaliger Bundespräsident – also einer jener Männer, deren Amt im deutschen Staatsverständnis irgendwo zwischen Bundesadler und Gewissen der Nation angesiedelt ist – in einer Talkshow erklärt, die Ostdeutschen seien „altdeutsch“, weil sie weder die segensreiche 68er-Umerziehung noch die Erweiterung ihrer Lebensräume durch Zuwanderung und vielfältige Kontakte mit anderen Kulturen erlebt hätten, dann soll das vermutlich nach soziologischer Analyse klingen. Tatsächlich klingt es eher wie der Tonfall eines Kolonialbeamten, der gerade feststellt, dass die Einheimischen leider noch nicht ausreichend zivilisiert wurden.

Man muss sich diesen Gedankengang einmal langsam auf der Zunge zergehen lassen. Ein Teil der Bevölkerung hat politisch falsch gewählt. Die naheliegende Hypothese wäre nun: Vielleicht haben diese Menschen andere Erfahrungen gemacht, andere Interessen, vielleicht auch andere Sorgen. Doch solche trivialen Annahmen wären natürlich unerquicklich, denn sie würden voraussetzen, dass demokratische Bürger tatsächlich autonome politische Subjekte sein könnten. Viel eleganter ist die andere Erklärung: Diese Menschen wurden schlicht nicht richtig sozialisiert. Ihnen fehlt die richtige kulturelle Impfung. Sie hatten zu wenig Seminare in moralischer Fortschrittlichkeit, zu wenig Begegnungsprogramme mit der globalisierten Vielfalt, zu wenig revolutionären Enthusiasmus der späten sechziger Jahre. Kurz: Sie sind noch nicht ganz fertig.

Die Pointe dieser Diagnose ist dabei nicht einmal ihr Inhalt – solche Gedanken geistern seit Jahren durch Leitartikel, Thinktanks und Akademieseminare –, sondern die erstaunliche Nonchalance, mit der sie vorgetragen wird. Denn sie verrät eine Geisteshaltung, die sich selbst gar nicht mehr als elitär wahrnimmt. Für ihre Vertreter ist es vollkommen selbstverständlich geworden, dass politische Abweichung nicht mehr als legitime Meinungsverschiedenheit gilt, sondern als kulturelles Defizit. Wer anders denkt, dem fehlt schlicht etwas. Erfahrung, Bildung, Weltläufigkeit – oder, etwas weniger elegant formuliert: richtige Erziehung.

Die Erziehungsrepublik und ihre ungezogenen Bürger

Deutschland ist bekanntlich ein Land mit einer besonders ausgeprägten pädagogischen Tradition. Schon im 19. Jahrhundert war man hier überzeugt, dass sich durch ausreichende Bildung, Belehrung und moralische Anleitung aus jedem Menschen ein brauchbarer Staatsbürger formen lasse. Der Unterschied zur Gegenwart besteht lediglich darin, dass der Lehrplan inzwischen aktualisiert wurde. Früher ging es um Nation, Disziplin und Pflicht; heute um Diversität, Sensibilität und das richtige Bewusstsein für strukturelle Ungleichheiten. Das Prinzip ist jedoch dasselbe geblieben: Politik ist letztlich ein Erziehungsprojekt.

In dieser Logik erscheinen Wahlen dann weniger als Ausdruck politischer Präferenzen, sondern eher als eine Art pädagogischer Test. Wenn das Ergebnis nicht gefällt, muss man nicht unbedingt die eigene Politik überdenken – man kann auch diagnostizieren, dass ein Teil der Bevölkerung den Stoff noch nicht verstanden hat. Und so entsteht jene merkwürdige Mischung aus Verwunderung und sanfter Herablassung, die viele Debatten über Ostdeutschland begleitet: Warum sind die dort eigentlich so?

Die Antwort, die man dann häufig bekommt, ist ein kultursoziologischer Cocktail aus historischen Erklärungen, psychologischen Vermutungen und moralischen Andeutungen. Die DDR habe die Menschen geprägt, heißt es. Autoritäre Sozialisation, mangelnde Zivilgesellschaft, ein Defizit an demokratischer Erfahrung. Das ist teilweise sicherlich nicht falsch – nur merkwürdigerweise wird dabei selten erwähnt, dass diese Menschen auch drei Jahrzehnte lang die westdeutsche Demokratie erlebt haben. Wenn nach so langer Zeit immer noch die DDR schuld ist, muss sie ein erstaunlich langlebiges pädagogisches Programm gewesen sein.

Die Erklärung über die fehlenden 68er-Erfahrungen hat jedoch eine besonders elegante Pointe. Sie besagt nämlich implizit, dass jene kulturelle Revolution, die einst gegen Autoritäten, Hierarchien und Bevormundung rebellierte, inzwischen selbst zur Norm geworden ist. Wer nicht an ihr teilgenommen hat, gilt als defizitär. Der Aufstand gegen das Establishment ist selbst zum Establishment geworden – und reagiert auf Abweichung mit der gleichen Mischung aus Belehrung und Verachtung, die es einst so leidenschaftlich bekämpfte.

Die moralische Geographie Deutschlands

Es gibt in Deutschland eine Art mentale Landkarte, auf der politische Tugend und kulturelle Reife erstaunlich ungleich verteilt sind. Auf dieser Karte liegen die Metropolen – Berlin, Hamburg, München, Köln – wie leuchtende Inseln der kosmopolitischen Aufklärung. Dort ist man urban, international, divers und selbstverständlich moralisch reflektiert. Dazwischen erstreckt sich jedoch ein großes Territorium, das man höflich „strukturschwache Regionen“ nennt, dessen Bewohner aber offenbar noch nicht ganz im selben zivilisatorischen Jahrhundert angekommen sind.

Der Osten nimmt auf dieser Karte eine besondere Stellung ein. Er ist gewissermaßen das anthropologische Reservat der deutschen politischen Debatte. Hier lassen sich all jene Phänomene studieren, die in den aufgeklärten Milieus der Großstädte nur noch selten vorkommen: Skepsis gegenüber Migration, Misstrauen gegenüber politischen Eliten, ein etwas robusteres Verhältnis zu nationaler Identität. Dass diese Haltungen auch in Westdeutschland existieren, wird dabei gern übersehen – aber im Osten lassen sie sich besonders schön beobachten, weil sie dort weniger durch soziale Tabus verdeckt sind.

Die Diagnose „altdeutsch“ passt in dieses Bild hervorragend. Sie klingt halb wissenschaftlich, halb kulturkritisch und vermittelt zugleich eine subtile moralische Botschaft: Diese Menschen gehören eigentlich einer vergangenen Epoche an. Sie sind, wenn man so will, die historischen Überreste eines Deutschlands, das sich inzwischen weiterentwickelt hat. Man muss sie nicht unbedingt verachten – aber man sollte sie vielleicht ein wenig bedauern.

Der Blick von oben

Was an solchen Aussagen irritiert, ist weniger ihre intellektuelle Schlichtheit als die Selbstverständlichkeit ihres Blickwinkels. Sie setzen eine Perspektive voraus, die sich selbst als Maßstab betrachtet. Die eigene Biografie – geprägt von westdeutscher Nachkriegsgeschichte, 68er-Kultur, akademischem Milieu und urbaner Liberalität – erscheint dabei nicht als eine mögliche Erfahrung unter vielen, sondern als normative Entwicklungslinie der gesamten Gesellschaft.

Von diesem Aussichtspunkt aus wirkt der Osten tatsächlich wie eine Art historische Verzögerung. Doch diese Perspektive sagt möglicherweise mehr über die Beobachter aus als über die Beobachteten. Sie verrät ein Milieu, das sich so sehr an seine moralische Deutungshoheit gewöhnt hat, dass es politische Abweichung kaum noch anders erklären kann als durch Defizite.

Der Satz „Nicht die Eliten sind das Problem, die Bevölkerungen sind das Problem“ wird natürlich selten so offen formuliert. Aber er schimmert durch viele Debatten hindurch wie ein leicht unangenehmer Unterton. Wenn Menschen falsch wählen, dann liegt das offenbar selten an politischen Fehlentscheidungen der Regierenden. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Wähler noch nicht ausreichend aufgeklärt wurden.

Die Ironie der demokratischen Belehrung

Und hier beginnt die eigentliche Ironie. Denn Demokratie lebt bekanntlich von der Idee, dass Bürger politische Entscheidungen treffen dürfen – auch solche, die anderen nicht gefallen. Das ist gewissermaßen der Kern des Systems. Wenn man jedoch anfängt, bestimmte Wählergruppen vor allem als pädagogisches Problem zu betrachten, verschiebt sich diese Logik. Dann wird Demokratie zu einem Prozess, in dem das Volk so lange abstimmen darf, bis es das richtige Bewusstsein entwickelt hat.

Die paternalistische Haltung, die in solchen Aussagen zum Vorschein kommt, wirkt deshalb so irritierend, weil sie gerade von jenen Milieus vertreten wird, die sich selbst als besonders demokratisch verstehen. Man verteidigt Vielfalt, Offenheit und Toleranz – solange diese Werte nicht auf politische Meinungen angewendet werden, die man für falsch hält.

Vielleicht liegt darin das eigentliche Missverständnis der gegenwärtigen Debatte. Viele Menschen im Osten – und nicht nur dort – empfinden genau diese Mischung aus moralischer Gewissheit und sozialer Distanz als irritierend. Sie hören den Tonfall des belehrenden Pädagogen und reagieren darauf mit Trotz. Man könnte sagen: Der moralische Hochsitz erzeugt seine eigenen politischen Gegenbewegungen.

Und so bleibt am Ende ein paradoxes Bild. Ein ehemaliger Bundespräsident, der einst Bürgerrechtler war und gegen ein autoritäres System kämpfte, erklärt nun einem Teil der Bevölkerung, er sei kulturell nicht ausreichend fortgeschritten. Es ist ein Moment, der fast literarisch wirkt – wie eine Szene aus einer politischen Satire, in der die Revolutionäre von gestern plötzlich die kulturellen Aufseher von heute geworden sind.

Dass viele Menschen darauf mit einem Achselzucken, einem Augenrollen oder einem ziemlich unfreundlichen Kreuz auf dem Wahlzettel reagieren, überrascht dann eigentlich kaum noch. Denn Belehrung war selten ein besonders erfolgreicher Weg zur politischen Überzeugung. Und Arroganz – selbst wenn sie im Tonfall der wohlmeinenden Analyse daherkommt – war noch nie ein gutes Argument.

Der Ausstieg eines Mannes,

der plötzlich bemerkte, wo er war

Es gibt Momente in der Politik, die wirken wie jene Szenen in schlechten Kriminalfilmen, in denen der Kommissar nach zwei Stunden verzweifelter Ermittlungen plötzlich feststellt, dass der Täter die ganze Zeit neben ihm stand – und zwar mit einem Namensschild. Andreas Büttner, Antisemitismusbeauftragter des Landes Brandenburg, hat nun also eine solche epiphanische Sekunde erlebt: Nach Jahren in der Partei Die Linke, nach einem Landtagsmandat, nach parteiinternen Debatten, nach ideologischen Verrenkungen und nach der nicht ganz unbedeutenden Tatsache, dass seine eigene Partei ein Ausschlussverfahren gegen ihn betrieb, kam er zu der schlichten Erkenntnis: „Es geht nicht mehr.“ Man könnte sagen: Willkommen im Jahr der verspäteten Einsichten. Denn die eigentliche Nachricht ist nicht, dass Büttner gegangen ist. Die eigentliche Nachricht ist, dass er so lange geblieben ist.

Dass ein Antisemitismusbeauftragter irgendwann Probleme mit einer Partei bekommt, deren Teile Antizionismus als moralische Pflichtübung betreiben, ist ungefähr so überraschend wie die Erkenntnis, dass Vegetarier und Schlachthöfe selten dieselbe Weltanschauung teilen. Doch die Tragikomödie der deutschen Linken besteht seit Jahrzehnten darin, dass sie sich selbst für immun gegen Antisemitismus hält – aus ideologischen Gründen, versteht sich. Wer sich als antifaschistisch versteht, so die interne Logik, kann per Definition kein Antisemit sein. Das ist eine moralische Version der Unfehlbarkeit des Papstes: Wer die richtige Gesinnung hat, ist automatisch von den falschen Gedanken befreit. Antisemitismus ist folglich immer etwas, das die anderen haben: Rechte, Kapitalisten, konservative Stammtische, vielleicht noch verschwörungsgläubige Telegram-Gruppen. Dass auch linksradikale Weltbilder ihre eigene Variante des Judenhasses entwickeln können, ist in dieser kosmischen Ordnung ungefähr so denkbar wie Schnee in der Hölle – theoretisch vielleicht, praktisch aber ausgeschlossen.

Antizionismus, die moralische Tarnkappe

Nun hat der niedersächsische Landesparteitag der Linken also beschlossen, sich gegen den Zionismus auszusprechen. Das klingt zunächst nach einer jener Debatten, die man in studentischen Politseminaren um zwei Uhr nachts führt, nachdem der dritte Mate-Tee und die vierte Fußnote aus Edward Said konsumiert wurden. Doch der Antrag ist weniger akademische Fingerübung als vielmehr ein ideologisches Bekenntnis, das erstaunlich präzise zeigt, wie die politische Mechanik funktioniert: Israel wird als siedlerkolonialer Staat beschrieben, als gewaltsamer Eroberer, als Apartheidregime, ja sogar als genozidaler Akteur. Gleichzeitig erklärt man, selbstverständlich weiterhin mit jüdischen Organisationen zusammenarbeiten zu wollen – eine Formulierung, die ungefähr denselben Charme besitzt wie der Satz: „Ich habe nichts gegen Juden, aber …“

Antizionismus ist dabei das perfekte rhetorische Werkzeug. Er erlaubt es, jede Kritik an Israel als moralische Pflicht darzustellen und gleichzeitig jede Kritik an dieser Kritik als Versuch der Zensur zu brandmarken. In dieser diskursiven Akrobatik verwandelt sich der Antisemitismusbegriff in eine Art politisches Gespenst, das angeblich überall lauert, außer dort, wo es tatsächlich spukt. Wer den Zionismus ablehnt, so die Argumentation vieler Aktivisten, bekämpft nicht Juden, sondern eine Ideologie. Dass diese Ideologie im Kern nichts anderes ist als die Idee eines jüdischen Staates – also die politische Selbstbestimmung eines Volkes, das über Jahrhunderte hinweg verfolgt, vertrieben und ermordet wurde – wird dabei elegant übersehen, verdrängt oder rhetorisch umgedeutet.

Es ist ein bemerkenswerter intellektueller Taschenspielertrick: Man erklärt die Existenzgrundlage Israels zur problematischen Ideologie und wundert sich anschließend, wenn jemand fragt, ob das nicht doch ein bisschen antisemitisch klingt.

Die moralische Geografie der deutschen Linken

In der Welt vieler linker Aktivisten existiert eine sehr klare moralische Landkarte. Auf der einen Seite stehen die Unterdrückten, auf der anderen die Unterdrücker. Die Rollen sind fest verteilt: Palästinenser gehören zur ersten Kategorie, Israel zur zweiten. Dass diese Einteilung gelegentlich mit der Realität kollidiert – etwa wenn eine islamistische Terrororganisation wie die Hamas ihre politischen Ziele mit Raketen, Massakern und religiösem Fanatismus verfolgt – stört das Weltbild nur bedingt. Denn in der moralischen Dramaturgie dieser Szene gilt eine eiserne Regel: Der Westen ist immer schuld, Israel ist ein Teil des Westens, also ist Israel ebenfalls schuld. Es ist eine Art geopolitischer Determinismus, der erstaunlich wenig Raum für historische Komplexität lässt.

Diese Sichtweise hat einen besonderen Reiz: Sie erlaubt moralische Gewissheit ohne die Mühe des Nachdenkens. Man muss sich nicht mit den widersprüchlichen Realitäten des Nahostkonflikts auseinandersetzen, nicht mit der Geschichte jüdischer Verfolgung, nicht mit der Tatsache, dass Israel aus der Erfahrung eines nahezu ausgelöschten Volkes entstanden ist. Stattdessen genügt eine einfache Formel: Kolonialismus, Apartheid, Genozid. Drei Schlagwörter, und die moralische Weltordnung ist wieder hergestellt.

Dass ein Antisemitismusbeauftragter bei dieser Art politischer Rhetorik irgendwann nervös wird, ist nachvollziehbar. Schließlich besteht sein Job darin, genau jene Denkfiguren zu erkennen, die sich hinter moralischen Floskeln verstecken.

Der Parteiausschluss als Pointe

Besonders grotesk wird die Geschichte durch das Parteiausschlussverfahren gegen Büttner. Man muss sich diese Situation einmal in ihrer ganzen absurden Schönheit vorstellen: Der Antisemitismusbeauftragte eines Bundeslandes steht unter Ausschlussverdacht, weil er Antisemitismus benennt. Das ist ungefähr so, als würde die Feuerwehr den Brandmelder aus dem Gebäude werfen, weil er zu laut piept.

Natürlich argumentieren seine innerparteilichen Kritiker, Büttner habe die Partei öffentlich beschädigt, ihre Positionen verzerrt, ihre Debatten in ein falsches Licht gerückt. Das ist der klassische Reflex politischer Organisationen: Nicht die Realität ist das Problem, sondern die Person, die sie beschreibt. Wenn jemand auf ein strukturelles Problem hinweist, dann wird nicht das Problem bekämpft, sondern der Hinweisgeber. Man könnte es die Logik der institutionellen Selbstverteidigung nennen – oder, weniger höflich, die Kunst des kollektiven Wegsehens.

Dass Büttner schließlich selbst gegangen ist, bevor die Partei ihn hinauswerfen konnte, verleiht der Geschichte eine ironische Note. Es ist der seltene Moment, in dem jemand freiwillig eine Tür schließt, die ihm ohnehin bald vor der Nase zugeschlagen worden wäre.

Die Illusion der moralischen Reinheit

Der vielleicht interessanteste Aspekt dieser Episode ist jedoch nicht der Parteiaustritt selbst, sondern das dahinterliegende Selbstbild. Teile der Linken glauben ernsthaft, sie könnten strukturell keinen Antisemitismus produzieren. Ihre Ideologie sieht sich als antifaschistisch, antirassistisch, emanzipatorisch – also als moralisches Gegenmittel zu genau jenen Ideologien, aus denen der historische Antisemitismus erwuchs.

Doch Ideologien haben eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie sind blind für ihre eigenen Schatten. Der rechte Antisemitismus spricht offen von „den Juden“ und ihren angeblichen Verschwörungen. Der linke Antisemitismus spricht lieber von „Zionisten“, „Kolonialismus“ und „Apartheid“. Die Begriffe sind unterschiedlich, das Ergebnis kann erstaunlich ähnlich sein: eine Dämonisierung Israels, die weit über legitime Kritik hinausgeht.

Die Ironie besteht darin, dass diese Form des Antisemitismus gerade deshalb so hartnäckig ist, weil sie sich selbst nicht als solche erkennt. Sie trägt die Maske der Moral.

Der späte Realismus

Am Ende bleibt also ein Mann, der feststellt, dass seine politische Heimat keine mehr ist. „Es geht nicht mehr. Und ich will nicht mehr.“ Dieser Satz klingt wie das Ende einer langen Beziehung, in der man irgendwann merkt, dass die gemeinsamen Werte nur noch auf dem Papier existieren.

Man könnte darüber spötteln, dass diese Erkenntnis reichlich spät kam. Man könnte fragen, warum es erst eines niedersächsischen Parteitags bedurfte, um eine Entwicklung zu erkennen, die seit Jahren sichtbar ist. Doch vielleicht ist genau das der tragikomische Kern der Geschichte: Politische Loyalität funktioniert oft wie eine emotionale Bindung. Man bleibt länger, als man sollte, weil man hofft, dass sich etwas ändert.

Am Ende ändert sich meist nur die eigene Geduld.

Und so verlässt Andreas Büttner eine Partei, die sich weiterhin sicher ist, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Die Partei verliert einen Antisemitismusbeauftragten. Büttner verliert eine politische Heimat. Und die deutsche Linke verliert – wieder einmal – eine Gelegenheit zur Selbstkritik.

Aber keine Sorge: Die moralische Gewissheit bleibt unerschütterlich. Schließlich weiß man dort sehr genau, wer die Antisemiten sind.

Nur eben selten im eigenen Spiegel.