Berlinale – Die große Geste und der kleine Mut

Es gibt Sätze, die klingen wie aus Granit gemeißelt, dabei bestehen sie aus nichts als aufgeschäumter Selbstgerechtigkeit. „We will remember everyone who stood with us, and we will remember everyone who stood against us“ – das ist kein Beitrag zur Debatte, das ist der Soundtrack eines moralischen Schwarz-Weiß-Films, in dem die Guten schon feststehen und die Bösen praktischerweise gleich mitgeliefert werden. Und wo erklingt diese Donnerrede? Auf der Bühne der Berlinale, jenem staatlich alimentierten Hochaltar der Kunstfreiheit, auf dem man neuerdings offenbar weniger Filme als vielmehr Gesinnungen prämiert. Was hier als Haltung verkauft wird, trägt den Habitus der Drohgebärde. Man erinnert sich – das klingt nach Archiv, nach Liste, nach späterer Abrechnung. Wer nicht mit uns ist, wird gespeichert. Kunst als Kartei. Applaus als Erkennungszeichen.

Die Ironie liegt schwer in der Luft: Ausgerechnet im Namen der Freiheit wird ein Klima erzeugt, in dem Abweichung nicht widerlegt, sondern markiert wird. Das ist kein Diskurs, das ist ein moralisches Casting. Wer die richtigen Parolen spricht, bekommt die Standing Ovations; wer es wagt, auf Komplexität zu bestehen, wird aus dem Bild geschnitten. Das Publikum darf sich derweil einreden, es sei Zeuge historischer Klarheit, während tatsächlich nur historische Vereinfachung betrieben wird. Kunst, die einst Ambivalenz aushielt, übt nun das schnelle Urteil. Und das Urteil kennt nur zwei Farben.

Diskurs als Dekoration

„Diskurs“ – welch strapaziertes Wort, inzwischen so ausgeleiert wie ein Festivalbändchen nach zehn Tagen Dauerempörung. Diskurs suggeriert Streit der Argumente, das Ringen um Wahrheit, das tastende Suchen. Was jedoch geboten wird, ist moralische Erpressung mit freundlicher Beleuchtung. Eine Bühne, auf der das Narrativ der Hamas als unterdrückte Wahrheit durchgewunken wird, während jeder Hinweis auf israelische Opfer als Störung der Dramaturgie gilt. Die Dramaturgie verlangt Eindeutigkeit. Eindeutigkeit ist fotogener.

Man spricht von „Solidarität“, meint jedoch Konformität. Man ruft nach „Gerechtigkeit“, duldet aber nur eine Version davon. Wer es wagt, die Zahl der Ermordeten, Entführten, Vergewaltigten zu erwähnen – über 1.200 Tote, rund 250 Verschleppte –, stört die Choreographie der Empörung. Es passt nicht ins Bild. Und Bilder sind auf Festivals bekanntlich alles. So entsteht eine selektive Empathie, die sich selbst für universell hält. Sie ist es nicht. Sie ist präzise kalibriert.

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Empörung ist kein Argument

Der Satz von Ricky Gervais – „Just because you’re offended, doesn’t mean you’re right.“ – wirkt in diesem Kontext wie ein unerwünschter Zwischenruf aus der Loge der Vernunft. Empörung ist ein Affekt, kein Beweis. Lautstärke ist Dezibel, keine Ethik. Doch im gegenwärtigen Kulturbetrieb hat sich die umgekehrte Gleichung eingebürgert: Wer am stärksten betroffen wirkt, beansprucht automatisch die höchste moralische Autorität.

So wird Betroffenheit zur Währung, und wer sie nicht in der erwarteten Richtung investiert, gerät unter Verdacht. Dass ein ehemaliger Entführter wie David Cunio in Berlin anwesend war, jedoch nicht auf jener Bühne sprach, ist mehr als eine Fußnote. Es ist ein Symbol für die Prioritäten dieser Inszenierung. Das Leid der einen Seite wird ausgeleuchtet, das der anderen verdunkelt. Und im Halbdunkel lässt sich vortrefflich behaupten, man habe ja niemanden ausgeschlossen – man habe nur „Schwerpunkte gesetzt“. Ein Euphemismus, der klingt wie ein Pressesprecher auf Valium.

Moralische Selbstüberhöhung als Kunstform

Der moderne Antisemitismus kommt selten im alten Gewand. Er trägt heute das Kostüm der höheren Moral, spricht von Menschenrechten und meint doch erstaunlich häufig nur die Rechte derer, die ins ideologische Raster passen. Laut, selbstgerecht, aggressiv – und stets begleitet von dem Hinweis, man stehe auf der „richtigen Seite der Geschichte“. Geschichte allerdings ist ein launisches Wesen; sie liebt keine Eindeutigkeiten und hasst es, instrumentalisiert zu werden.

Wer auf einer staatlich geförderten Bühne in Deutschland einseitige Schuldzuweisungen Richtung Israel verteilt, während die Massaker des 7. Oktober allenfalls als Kontextrauschen erscheinen, betreibt keine Aufklärung, sondern Verdrängung. Und Verdrängung ist die kleine Schwester der Lüge. Es ist die Kunst, das Entscheidende wegzulassen und sich dennoch im Glanz moralischer Integrität zu sonnen. Der Applaus wirkt dann wie Absolution.

Schweigen ist keine Neutralität

Besonders unerquicklich ist das wohlfeile Schweigen der Institutionen. Man verweist auf Kunstfreiheit, als sei sie ein Allzweckreiniger für jede Zumutung. Doch Freiheit ist kein Freibrief zur Einschüchterung. Wenn auf offener Bühne verkündet wird, man werde sich erinnern, wer „gegen uns“ stand, dann ist das keine poetische Metapher, sondern eine soziale Drohkulisse. In einem freien Land sollte die Reaktion darauf nicht betretenes Schweigen sein, sondern Widerspruch.

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Offenheit wird hier mit Naivität verwechselt, Toleranz mit Kapitulation. Der Kulturraum droht zum Resonanzkörper für Israel-Hass zu werden, weil niemand die Lautstärke regulieren möchte. Und wer das durchwinkt, darf sich nicht auf die bequeme Position der Neutralität zurückziehen. Schweigen ist in diesem Fall keine elegante Zurückhaltung, sondern Beihilfe durch Wegsehen.

Die Notwendigkeit der Grenze

Es bleibt die unbequeme Einsicht: Freiheit endet dort, wo sie zur Waffe gegen andere wird. Eine Antisemitismusklausel ist kein Maulkorb, sondern ein Brandschutz. Niemand käme auf die Idee, auf staatlich geförderten Bühnen offene Hetze gegen Minderheiten als schützenswerte „Provokation“ zu feiern. Warum also die Scheu, klare Grenzen zu ziehen, wenn der Antisemitismus sich als Menschenrechtslyrik tarnt?

Vielleicht, weil es bequemer ist, sich im warmen Licht der eigenen Gesinnung zu räkeln. Vielleicht, weil moralische Eindeutigkeit weniger anstrengend ist als differenzierte Analyse. Doch wer die Freiheit ernst nimmt, muss sie auch verteidigen – gegen ihre Pervertierung. Alles andere ist Feigheit im Kostüm der Aufklärung, Mutlosigkeit im Gewand der Kunst.

Und so bleibt am Ende das Bild einer Bühne, auf der viel von Erinnerung die Rede ist. Man wolle sich erinnern, wer auf welcher Seite stand. Vielleicht wird man sich eines Tages auch daran erinnern, wer geschwiegen hat, als der Diskurs zur Drohgebärde verkam.

Die Liste könnte länger sein als gedacht.

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