Brautwerbung im Maschinenraum der Republik

Man muss sich die deutsche Energiepolitik als eine Art Dauerhochzeit vorstellen, bei der der Bräutigam mit glasigen Augen vor dem Altar steht und jedes Mal aufs Neue schwört: „Diesmal ist sie es wirklich.“ Die bisherigen Eheschließungen lesen sich wie ein genealogisches Kuriositätenkabinett: erst Braunkohle – robust, zuverlässig, aber mit der Anmutung einer Dame, die beim Tanz stets ein wenig Staub aufwirbelt. Dann Steinkohle – etwas eleganter, aber ebenfalls mit dem Charme viktorianischer Industriefotografie. Es folgte die kurze, hochdramatische Ehe mit der Kernkraft, deren Trennung eher an eine opernhafte Szene erinnerte als an eine nüchterne Verwaltungsentscheidung. Danach kamen Sonne und Wind, diese flirrenden Sommerlieben, die leider die unangenehme Angewohnheit haben, sich bei Flaute oder Nebel einfach nicht blicken zu lassen.

Nun aber ist man wieder verlobt, diesmal mit einer gewissen LNG – Liquefied Natural Gas, einer Braut, die in kryogenen Kleidern bei minus 162 Grad über den Ozean reist und schon allein deshalb eine gewisse emotionale Distanz wahrt. Man hat sich fest vorgenommen, mit ihr durchzuhalten, wenigstens solange, bis irgendwann das erste Fusionskraftwerk geschniegelt in der Sakristei steht und die Gemeinde ehrfürchtig raunen darf: „Endlich die Eine.“ Dass diese finale Traumhochzeit seit Jahrzehnten zuverlässig um „nur noch etwa dreißig Jahre“ verschoben wird, gehört zu jenen kleinen Ironien, die man im energiepolitischen Alltag besser nicht allzu laut erwähnt, um die Festtagsstimmung nicht zu verderben.

Der Tacho im Wohnzimmer

Stellen wir uns für einen Moment vor, der moderne Bürger säße abends auf dem Sofa und betrachtete nicht die neueste Streamingserie, sondern einen imaginären Tacho über der Steckdose. Dort stünde dann nicht „80 km/h“, sondern „1,2 kW“. Eine herrlich nüchterne Zahl, die nichts von der existenziellen Dramatik ahnen lässt, die nötig ist, um sie zustande zu bringen. Denn während das Auto nur einen Tank braucht und gelegentlich eine Tankstelle, verlangt die Steckdose ein orchestrales Zusammenspiel aus Kraftwerken, Netzen, Märkten, politischen Programmen, Förderkulissen und moralischen Selbstvergewisserungen.

Rechnen wir kurz – nicht weil Zahlen besonders romantisch wären, sondern weil sie die unerquicklichste Angewohnheit haben, recht zu behalten. Fünf Stunden Fernsehen ergeben sechs Kilowattstunden. Multipliziert man dieses kleine Privatvergnügen mit einer Million Haushalten, entsteht ein Bedarf von etwa 1,2 Gigawatt. Das ist die Größenordnung, bei der Ingenieure beginnen, nervös auf ihre Diagramme zu schauen, während Politiker beginnen, sehr langsam und bedeutungsschwer zu sprechen.

Ein Kraftwerk wie Kernkraftwerk Grafenrheinfeld konnte genau solche Leistungen bereitstellen – stoisch, wetterunabhängig, mit der emotionalen Ausdruckskraft eines Granitblocks. Dass derartige Anlagen aus dem Netz verschwanden, wird je nach weltanschaulicher Temperatur als Befreiungsschlag oder als ökonomischer Vandalismus interpretiert. Sicher ist nur: Infrastruktur, einmal gesprengt oder rückgebaut, hat die unerquicklich konservative Eigenschaft, nicht spontan wieder zu erscheinen, wenn einem nach Jahren einfällt, dass sie vielleicht doch ganz praktisch gewesen wäre.

Die CO₂-Tasse und der globale Wassereimer

Es gibt Metaphern, die sich so hartnäckig halten wie Kaugummi unter einem Hörsaaltisch. Eine davon ist die Vorstellung, Deutschlands Anteil am globalen CO₂ sei ungefähr eine Kaffeetasse neben einem stattlichen Wassereimer. Nun ist die Versuchung groß, daraus zu schließen, man könne die Tasse auch einfach stehen lassen und stattdessen den Eimer ermahnen, weniger nass zu sein. Doch internationale Politik funktioniert leider nicht wie ein Kindergeburtstag, bei dem man den größten Safttrinker identifiziert und ihm den Strohhalm entzieht.

Der Witz – und er ist von der trockenen Sorte – besteht darin, dass sich moralischer Anspruch und physikalische Wirkung nicht immer decken. Staaten handeln selten ausschließlich nach globaler Effizienz; oft geht es um technologische Führerschaft, geopolitische Abhängigkeiten, industrielle Chancen oder schlicht um das gute Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, auch wenn diese Seite gelegentlich im Nebel liegt.

Gleichzeitig bleibt der banale thermodynamische Umstand bestehen: Strom entsteht nicht durch Applaus. Wer Kohle verbrennt, produziert CO₂. Wer Gas verbrennt, produziert weniger – aber immer noch welches. Wer nichts produziert, importiert. Und wer importiert, entdeckt rasch, dass moralische Reinheit an der Grenze endet, während Stromleitungen erstaunlich indifferent gegenüber politischen Bekenntnissen sind.

Der Feind, ohne den es dunkel wird

Die Kohle ist in dieser Erzählung eine Art ungeliebter Verwandter: Man lädt ihn nicht gern ein, aber wenn er nicht kommt, bleibt das Buffet kalt. Moderne Gesellschaften besitzen eine bemerkenswerte Intoleranz gegenüber Dunkelheit und Gefriertruhen, die sich in spontane Aquarien verwandeln. Daher hält man Kapazitäten bereit, die jederzeit liefern können – ein Konzept, das in Fachkreisen so unerquicklich prosaisch „Grundlastfähigkeit“ genannt wird.

Das geschlossene Kraftwerk Moorburg in Hamburg wurde dabei für viele zum Symbol einer eigentümlichen deutschen Spezialität: der Fähigkeit, gleichzeitig über Strompreise zu klagen und funktionierende Erzeugungsanlagen zu verabschieden. Ob dies weitsichtige Transformation oder teure Ungeduld war, darüber wird man vermutlich noch streiten, wenn Historiker längst andere Moden tragen.

Wasserstoff, das Einhorn der Energiewirtschaft

Kaum ein Stoff wurde in den letzten Jahren so hoffnungsvoll besungen wie Wasserstoff – ein Element, das sich mit der eleganten Zurückhaltung eines scheuen Waldtiers konsequent weigert, frei verfügbar herumzuliegen. Man muss es herstellen, und zwar mit Energie. Nicht wenig Energie. Genauer gesagt: mehr, als man später wieder herausbekommt.

Hier betreten wir das Reich jener politischen Ideen, die auf Konferenzen fantastisch aussehen, aber beim Kontakt mit Wirkungsgraden einen leichten Schwächeanfall erleiden. Natürlich kann überschüssiger Windstrom in Wasserstoff verwandelt werden. Allerdings setzt diese Strategie voraus, dass es erstens nennenswerte Überschüsse gibt und zweitens jemand bereit ist, die Verluste als Eintrittspreis in eine klimaneutrale Zukunft zu verbuchen. Es ist ein bisschen wie Champagner zum Kochen zu verwenden – möglich, beeindruckend, aber ökonomisch erklärungsbedürftig.

LNG – die kühle Zwischenlösung

Und so tritt LNG auf die Bühne: verflüssigtes Erdgas, global gehandelt, technisch bewährt, geopolitisch nicht völlig spannungsfrei. Seine Reise im Tanker wirkt wie ein logistisches Ballett, das allerdings beträchtliche Energiemengen verschlingt, bevor überhaupt ein Elektron die Steckdose erreicht. Dass die Emissionen dadurch steigen, ist weniger Skandal als physikalische Buchführung.

Die sabotierten Pipelines von Nord Stream – deren Geschichte irgendwo zwischen Spionageroman und diplomatischem Albtraum oszilliert – haben diesen Kurswechsel beschleunigt. Pipelinegas wich zunehmend dem Schiffstransport; Versorgungssicherheit wurde neu buchstabiert, meist mit sehr vielen Nullen in den Investitionssummen.

Ist LNG also die Richtige? Vermutlich eher die pragmatische Übergangspartnerin: nicht die große Liebe, aber zuverlässig genug, um den Winter zu überstehen. In der Energiepolitik ist Romantik ohnehin selten ein guter Ratgeber; dort regiert die unerquicklich unpoetische Frage, ob das Licht angeht, wenn man den Schalter betätigt.

Geistiges Probehandeln und reale Sprengladungen

Der Mensch, so heißt es, verfüge über die Fähigkeit zum „geistigen Probehandeln“. Eine wunderbare Vorstellung: Wir denken erst nach, dann bauen wir. Die Realität wirkt bisweilen wie eine improvisierte Theaterprobe, bei der das Bühnenbild schon abgerissen wird, während der Regisseur noch über das Ende grübelt.

Wenn Politiker Jahre später erklären, ein Ausstieg sei vielleicht ein Fehler gewesen, klingt das ein wenig wie die Einsicht nach dem Verkauf des Hauses, dass man den Garten eigentlich mochte. Doch Politik ist kein Labor mit Kontrollgruppe; sie ist eher ein Dauerexperiment unter Applaus- und Empörungsbedingungen.

Vielleicht liegt die eigentliche Satire darin, dass jede Generation überzeugt ist, nun endlich rational zu handeln, während die nächste mit milder Herablassung auf diese Gewissheit zurückblickt. Deutschlands Energiewende könnte sich eines Tages als mutiger Umbau erweisen – oder als teures Lehrstück über technologische Ungeduld. Wahrscheinlich wird sie, wie so vieles, etwas von beidem sein.

Bis dahin aber sitzt der Bürger weiterhin vor seinem imaginären Stromtacho, sieht die 1,2 kW leuchten und ahnt nicht, welch episches Drama nötig ist, um diese unscheinbare Zahl stabil zu halten. Die moderne Zivilisation hängt an solchen Zahlen wie ein Bergsteiger am Sicherungsseil – und behandelt sie doch oft mit der Nonchalance eines Flaneurs.

Ob das Land tatsächlich „kontrolliert zum Einsturz gebracht“ wird oder sich lediglich in einem besonders lauten Renovierungsprozess befindet, wird sich zeigen. Sicher ist nur: Die nächste Hochzeit kommt bestimmt. Und wie bei allen großen Lieben wird man auch dann wieder schwören, diesmal habe man wirklich gerechnet.

Republik im Reality-Format

Amerika, dieses alte Versprechen aus Freiheit, Weite und der gottgegebenen Fähigkeit, alles sofort zu dramatisieren, hat sich in den letzten Jahren eine neue Lieblingsbeschäftigung zugelegt: Politik als Live-Event. Nicht Politik im Sinne von trockenem Verwaltungshandeln, nicht einmal Politik als ideologischer Streit — sondern Politik als Mischung aus Wrestling, Bürgerkriegssimulation und moralischem TikTok-Filter. Wer geglaubt hatte, die Vereinigten Staaten seien ein Land der Institutionen, der Gewaltenteilung und der rationalen Interessenabwägung, der muss nun erkennen: Sie sind vor allem ein Land der Inszenierungen.

Was derzeit rund um Abschiebungen, Proteste und tödliche Eskalationen geschieht, wirkt weniger wie staatliche Praxis als wie eine schlecht geprobte Massenszene, in der niemand mehr weiß, ob er Statist, Hauptdarsteller oder Kollateralschaden ist. Zwei Menschen sind tot — und beide politischen Lager reagieren mit jener Mischung aus moralischer Selbstgewissheit und faktischer Gleichgültigkeit, die entsteht, wenn der symbolische Sieg wichtiger wird als die Wirklichkeit.

Die Frage „Was ist in den USA los?“ lässt sich daher erstaunlich einfach beantworten: Es ist Theater. Gefährliches Theater, bewaffnetes Theater, hysterisches Theater — aber eben Theater.

Der Wählerauftrag oder: Demokratie als Wunschkonzert

Beginnen wir mit einem jener klaren demokratischen Mandate, die so klar sind, dass sie sich bei näherem Hinsehen in Luft auflösen. Über zehn Millionen Menschen leben ohne legalen Status in den Vereinigten Staaten, und praktisch jeder ernstzunehmende Präsidentschaftskandidat versprach, dieses Problem nun aber wirklich, ehrlich, endgültig zu lösen.

Das klingt entschlossen. Es klingt nach Handlungsfähigkeit. Es klingt — und das ist entscheidend — nach Kontrolle.

Nur hat die amerikanische Politik seit Jahrzehnten ein Verhältnis zur Migration, das man am besten als ritualisierte Erfolglosigkeit beschreibt. Man verspricht maximale Härte, liefert minimale Veränderung und verkauft die Differenz als staatsmännische Verantwortung.

Hier liegt bereits der erste große Widerspruch: Migration ist ein Problem, das politisch gelöst werden soll — aber ökonomisch niemals vollständig gelöst werden darf.

Denn wer pflückt die Erdbeeren? Wer schlachtet die Hühner? Wer baut Häuser für Menschen, die gleichzeitig verlangen, dass niemand illegal im Land bleibt?

Die amerikanische Wirtschaft hat ein stilles, beinahe romantisches Verhältnis zur Illegalität: Man verurteilt sie öffentlich und beschäftigt sie privat.

Der Abschiebekönig und die Ironie der Geschichte

Die Geschichte besitzt gelegentlich Humor, und zwar den trockenen, schwarzen Humor eines britischen Butlers. Der Präsident mit den meisten Abschiebungen der jüngeren Vergangenheit war nicht etwa ein nationalistischer Hardliner, sondern Barack Obama — ein Mann, den europäische Feuilletons einst für die Reinkarnation aufgeklärter Vernunft hielten.

Dass ausgerechnet er zum „Deporter-in-Chief“ wurde, ist kein Zufall. Es ist ein strukturelles Gesetz moderner Demokratien: Nur wer als moralisch gilt, darf hart sein, ohne sofort für brutal gehalten zu werden.

Oder, anders formuliert: Wenn ein Konservativer abschiebt, ist es Grausamkeit. Wenn ein Liberaler abschiebt, ist es tragische Notwendigkeit.

Auch Donald Trump hat dieses Paradox erkannt — vermutlich weniger theoretisch als instinktiv. Seine erste Amtszeit zeigte bereits, dass große Versprechen an der Wirklichkeit zerschellen wie Champagnergläser auf einem Mar-a-Lago-Marmorboden.

Politik ist eben kein Wrestling — auch wenn manche das gerne glauben.

Erlebnis statt Ergebnis

Hier betreten wir die eigentliche Bühne: Wenn Ergebnisse kaum erreichbar sind, produziert man Erlebnisse.

Großrazzien werden angekündigt, Kameras werden positioniert, politische Gegner werden rhetorisch entmenschlicht — und alle Seiten bekommen, was sie wollen:

  • Die Regierung bekommt Bilder von Stärke.
  • Die Opposition bekommt Bilder von Unterdrückung.
  • Die Medien bekommen Klicks.
  • Die Wähler bekommen Emotionen.

Nur eines bekommt niemand: eine funktionierende Migrationspolitik.

Diese Transformation von Politik in Spektakel ist keine amerikanische Besonderheit, aber Amerika betreibt sie mit jener Übertreibung, die sonst nur Las Vegas oder texanische Steakportionen hervorbringen.

Man könnte fast sagen: Der amerikanische Staat hat das Regieren gamifiziert.

Wenn Politik Wrestling wird

Wer daran zweifelt, dass Inszenierung im Zentrum steht, erinnere sich daran, dass Trump einst bei WrestleMania 23 auftrat — ein Ereignis, das ungefähr so subtil ist wie ein Presslufthammer in einer Bibliothek.

Dort rasierte er unter großem Jubel den Kopf von Vince McMahon.

War das politisch relevant? Natürlich nicht.
War es symbolisch? Enorm.

Denn Wrestling ist keine Simulation von Kampf — es ist eine Simulation von Bedeutung. Jeder weiß, dass alles abgesprochen ist, aber die Emotionen sind echt.

Genau dieses Prinzip scheint zunehmend auch die politische Praxis zu bestimmen.

Die Ackerschlägerei als Staatsmodell

Es gibt im europäischen Fußballmilieu das Phänomen der verabredeten Massenschlägerei: zwei Gruppen treffen sich irgendwo im Nirgendwo, um sich zu prügeln — nicht aus konkretem Anlass, sondern weil die Prügelei selbst der Anlass ist.

Was dort passiert, passiert nun im übertragenen Sinne auf amerikanischen Straßen.

Die Regierung demonstriert Macht.
Aktivisten demonstrieren Widerstand.
Beide Seiten definieren sich über den Konflikt.

Inhalt wird optional.

Es ist die perfekte Identitätspolitik: Man weiß, wer man ist, weil man weiß, gegen wen man ist.

Militarisierte Ästhetik oder: Der Fetisch der Ausrüstung

Besonders faszinierend ist dabei die visuelle Annäherung der Gegner. Beamte erscheinen in taktischer Montur, Demonstranten tragen ebenfalls taktische Montur. Kapuzen, Masken, Schutzwesten — es wirkt bisweilen wie ein schlecht sortiertes Cosplay-Event für Endzeitfantasien.

Die Ästhetik lautet nicht mehr „Bürger trifft Staat“, sondern „Ein paramilitärischer Stil trifft auf einen anderen paramilitärischen Stil“.

Wenn niemand mehr sein Gesicht zeigt, verliert die Öffentlichkeit ihren menschlichen Maßstab. Masken senken Hemmschwellen — psychologisch ist das so gut belegt wie die Tatsache, dass Menschen in Autos aggressiver fahren als auf Fahrrädern.

Anonymität macht mutig.
Und sie macht dumm.

Der Moment, in dem das Theater real wird

Das Problem an performativer Eskalation ist bekannt: Irgendwann stirbt jemand.

Nicht geplant, nicht gewollt — aber statistisch unvermeidlich.

Solche Situationen entstehen selten aus kalter Bosheit. Häufiger sind sie Produkte von Stress, Fehlwahrnehmung, Gruppendynamik und jener fatalen Mischung aus Angst und Training, die Menschen in Sekunden entscheiden lässt.

Ein Ruf.
Eine Bewegung.
Ein Finger am Abzug.

Dann Stille.

Und sofort beginnt die zweite Aufführung — die politische.

Die reflexhafte Lüge der Lager

Nach tödlichen Vorfällen reagieren politische Systeme heute mit bemerkenswerter Vorhersehbarkeit:

  • Regierung: Der Getötete war gefährlich.
  • Opposition: Es war Mord.

Zwischen diesen Polen liegt die unerquicklichste aller Möglichkeiten: tragisches Versagen ohne klaren Bösewicht.

Doch diese Variante hat einen Nachteil — sie mobilisiert niemanden.

Komplexität gewinnt keine Wahlen.

Also wird vereinfacht, moralisiert, überhöht. Begriffe wie „Terrorismus“ oder „Hinrichtung“ werden inflationär benutzt, bis sie ungefähr so viel Bedeutung tragen wie ein Werbeslogan für Zahnpasta.

Die Wahrheit ist politisch schlicht zu langweilig.

Alle sind wütend — ein seltenes Kunststück

Das eigentlich Bemerkenswerte an solchen Eskalationen ist nicht, dass sie Polarisierung erzeugen.

Bemerkenswert ist, wenn plötzlich alle Seiten wütend sind.

Progressive sehen staatliche Brutalität.
Konservative sehen bedrohte Grundrechte.
Moderate sehen Chaos.

Das ist die demokratische Version eines Systemalarms.

Denn normalerweise funktioniert Polarisierung wie ein gut geölter Motor: Empörung wird fein säuberlich verteilt. Wenn jedoch alle gleichzeitig empört sind, hat das politische System kurzzeitig seine dramaturgische Ordnung verloren.

Man könnte sagen: Der Plot ist entgleist.

Die große amerikanische Illusion

Amerika liebt die Vorstellung, ein Land unbegrenzter Handlungsmöglichkeiten zu sein. „We can fix it“ ist weniger ein Satz als ein Nationalgefühl.

Doch Migration gehört zu jenen Problemen moderner Staaten, die sich nicht final lösen lassen — nur managen.

Wer totale Kontrolle verspricht, verspricht eine Fiktion.

Und Fiktionen haben die unangenehme Eigenschaft, irgendwann an der Realität zu zerbrechen.

Deeskalation — die unterschätzte Kunst der politischen Selbsterhaltung

Wenn selbst Hardliner plötzlich von Deeskalation sprechen, ist das selten ein moralisches Erwachen. Meist ist es Selbsterhaltung.

Politiker besitzen ein erstaunlich feines Sensorium für öffentliche Stimmung. Tote auf den Straßen sind schlecht für Umfragewerte — besonders vor Wahlen.

Also zieht man Einheiten ab.
Tauscht Personal.
Redet von Zusammenarbeit.

Und verkauft den Rückzug als strategische Neuausrichtung.

Zynisch? Vielleicht.
Aber auch zutiefst menschlich.

Schlussbetrachtung: Das gefährlichste Spiel der Demokratie

Was wir derzeit sehen, ist weniger eine Krise der Migration als eine Krise politischer Kultur.

Wenn Politik zur Bühne wird, wenn Gegner zu Feindbildern schrumpfen und wenn symbolische Siege wichtiger werden als reale Lösungen, dann entsteht ein System, das permanent am Rand der Eskalation balanciert.

Demokratien sterben selten dramatisch.
Sie überhitzen.

Nicht durch einen großen Knall — sondern durch tausend kleine Übertreibungen.

Die Vereinigten Staaten sind weit davon entfernt, ein gescheiterter Staat zu sein. Ihre Institutionen sind robust, ihre Gesellschaft ist dynamisch, ihre Selbstkorrekturfähigkeit historisch beeindruckend.

Aber sie spielen derzeit ein riskantes Spiel: das Spiel der maximalen Emotionalisierung.

Und Emotionen sind schlechte Verwaltungsbeamte.

Vielleicht liegt die Hoffnung — wie so oft — nicht in großen Reformen, sondern in einer plötzlichen, beinahe altmodischen Einsicht:

Dass Regierung kein Wrestling ist.
Dass Gegner keine Dämonen sind.
Und dass ein Staat kein Reality-Format sein sollte.

Bis dahin bleibt Amerika das, was es schon immer war: ein Land grandioser Möglichkeiten — und grandioser Übertreibungen.

Zukunft braucht Erinnerung

Es gehört zu den besonders rührenden Eigenarten der Gegenwart, dass sie sich für den Gipfel der Aufklärung hält und zugleich eine Aufmerksamkeitsspanne kultiviert, die ungefähr der einer überdrehten Stubenfliege entspricht, die gegen eine Fensterscheibe prallt, zurücktaumelt, erneut ansetzt und am Ende überzeugt ist, sie habe gerade eine Weltreise unternommen. Wir leben in einer Epoche, die mit pathosgetränkter Stimme „Zukunft!“ ruft, dabei aber so gründlich mit ihrer Vergangenheit aufgeräumt hat, dass sie inzwischen nicht einmal mehr weiß, wo sie den Besen hingelegt hat. Erinnerung gilt als sperrig, kompliziert, unerquicklich – kurz: als das geistige Pendant zu einem dicken Wintermantel auf einer Poolparty. Und doch lautet der alte, unerquicklich vernünftige Satz: Zukunft braucht Erinnerung. Was natürlich sofort den Verdacht weckt, es könne sich um eine Zumutung handeln.

Denn wer erinnert sich schon gern? Erinnern bedeutet ja nicht nur, ein paar pittoreske Jahreszahlen aufzuzählen, wie man beim Kneipenquiz Punkte sammelt. Es bedeutet auch, sich einzugestehen, dass man sich geirrt hat, dass man Dinge begeistert beklatscht hat, die sich später als grandiose Fehlentscheidungen erwiesen, und dass Fortschritt manchmal bloß ein eleganter Name für „wir haben denselben Fehler jetzt digitalisiert“ ist. Erinnerung ist der unangenehme Spiegel, der nicht nur zeigt, wie wir aussehen, sondern auch, wie wir geworden sind – und das möglichst ohne Weichzeichnerfilter.

Das große Vergessen als Fortschrittsprogramm

Die Moderne hat eine bemerkenswerte Strategie entwickelt: Sie erklärt das Vergessen kurzerhand zur Tugend. „Schaut nach vorn!“, ruft sie mit der Begeisterung eines Motivationscoaches, der noch nie einen Geschichtsbuchdeckel geöffnet hat. Wer zu lange zurückblickt, so heißt es, stolpere nur. Eine hübsche Metapher – die allerdings unterschlägt, dass man ohne gelegentlichen Blick zurück auch gern in denselben Graben fällt, in den bereits mehrere Generationen vor einem mit bewundernswerter Konsequenz gestürzt sind.

Dabei hat das Vergessen einen entscheidenden Vorteil: Es ist bequem. Wer nichts mehr weiß, muss nichts mehr erklären. Wer sich nicht erinnert, kann jede alte Idee als brandneue verkaufen, mit einem Start-up-Logo versehen und Investoren davon überzeugen, man habe soeben das Denken neu erfunden. „Disruption“ nennt man das heute – ein Wort, das so energisch klingt, dass man fast übersieht, wie häufig es bloß bedeutet: Wir machen etwas Kaputtes jetzt schneller kaputt.

Man denke nur an jene zyklischen gesellschaftlichen Moden, die mit der Regelmäßigkeit von Grippewellen auftreten. Erst entdeckt man die Bedeutung von Gemeinschaft, dann die des Individuums, dann wieder die Gemeinschaft, diesmal aber bitte nachhaltiger und mit App. Jede Generation tut dabei so, als sei sie die erste, die diesen revolutionären Gedanken gefasst habe. Würde man ihnen erzählen, dass bereits Menschen vor zweihundert Jahren ganz ähnliche Debatten geführt haben, würden sie vermutlich irritiert nachfragen, ob diese Menschen denn wenigstens WLAN hatten.

Erinnerung als Störenfried

Erinnerung hat ein Imageproblem. Sie ist der notorische Spielverderber auf der Party des Fortschritts, der irgendwann räuspernd darauf hinweist, dass das angeblich neu erfundene Cocktailrezept exakt jenem entspricht, an dem sich schon Onkel Ernst in den siebziger Jahren eine mittelschwere Vergiftung zugezogen hat. Niemand mag Onkel Ernst. Noch weniger mag man jemanden, der an ihn erinnert.

Denn Erinnerung relativiert den Enthusiasmus. Sie stellt Fragen, die im Glanz des Neuen unerquicklich wirken: Gab es das nicht schon einmal? Wie ist es damals ausgegangen? Und vor allem: Warum glauben wir eigentlich, diesmal werde alles anders? Fortschrittsbegeisterung hingegen lebt von einer gewissen historischen Amnesie. Sie braucht das Gefühl, Neuland zu betreten – selbst wenn dort bereits ein rostiges Schild steht, auf dem „Vorsicht, Sumpfgebiet“ geschrieben steht.

Das führt zu einer eigentümlichen Dialektik: Je schneller sich eine Gesellschaft bewegt, desto weniger Zeit nimmt sie sich für Rückschau. Und je weniger sie zurückblickt, desto öfter rennt sie mit beeindruckender Geschwindigkeit im Kreis. Man könnte das tragisch nennen, wäre es nicht so zuverlässig komisch.

Museen der Selbstberuhigung

Natürlich behauptet niemand offen, gegen Erinnerung zu sein. Wir bauen Museen, errichten Denkmäler, veranstalten Gedenktage – und entwickeln dabei eine fast religiöse Hingabe an ritualisierte Betroffenheit. Einmal im Jahr senkt man kollektiv den Blick, nickt bedeutungsvoll und geht anschließend zum Buffet. Erinnerung wird so zur moralischen Pflichtübung, sorgfältig vom Alltag getrennt wie das gute Porzellan, das man nur hervorholt, wenn Besuch kommt.

Doch echte Erinnerung ist unbequem, weil sie Konsequenzen verlangt. Sie fragt nicht nur: Was ist geschehen?, sondern auch: Was folgt daraus für uns? Genau an dieser Stelle beginnt das große Herumgedruckse. Denn Konsequenzen haben die unerquicklich praktische Eigenschaft, Verhalten verändern zu wollen. Und wer verändert schon gern sein Verhalten, wenn es doch so hübsch eingespielt ist?

So entsteht eine paradoxe Situation: Wir erinnern uns offiziell, um faktisch weitermachen zu können wie bisher. Erinnerung wird zur Beruhigungspille – geschluckt in der Hoffnung, sie möge uns von der Pflicht entbinden, tatsächlich klüger zu werden.

Der Fortschritt und seine eingebildete Unschuld

Der Fortschritt tritt gern auf wie ein geschniegelt optimistischer Versicherungsvertreter, der verspricht, diesmal sei wirklich alles abgesichert. Seine Lieblingspose ist die der Unschuld: Was früher geschah, so suggeriert er, habe mit uns nichts mehr zu tun. Wir seien aufgeklärter, informierter, technologisch überlegen. Eine entzückende Selbsttäuschung – als hätte der Mensch mit jedem Softwareupdate auch ein moralisches Upgrade erhalten.

Dabei ist der Mensch ein erstaunlich konstantes Wesen. Er bleibt anfällig für Größenwahn, Bequemlichkeit, Gruppendenken und jene charmante Mischung aus Angst und Übermut, die ihn regelmäßig dazu bringt, Probleme erst zu ignorieren und dann dramatisch zu bekämpfen, wenn sie ungefähr die Größe eines ausgewachsenen Elefanten erreicht haben. Die Werkzeuge ändern sich, die Mechanismen kaum.

Erinnerung zerstört diese Illusion der Unschuld. Sie zeigt, dass wir weniger Neulinge sind als Wiederholungstäter mit erstaunlich schlechtem Gedächtnis. Und genau deshalb ist sie so unverzichtbar: Nicht weil sie uns beschämen soll, sondern weil sie uns davor bewahren kann, denselben Unsinn mit noch größerer Effizienz zu betreiben.

Nostalgie ist nicht Erinnerung

Nun wäre es allerdings ein Missverständnis zu glauben, jede Form des Rückblicks sei automatisch klug. Nostalgie etwa ist die Zuckerwatte unter den Gedächtnisformen: klebrig, süß und ernährungsphysiologisch vollkommen wertlos. Sie verwandelt die Vergangenheit in eine Postkarte mit Sonnenuntergang und unterschlägt dabei zuverlässig alles, was damals unerquicklich, ungerecht oder schlicht unerquicklich langweilig war.

Echte Erinnerung hingegen hat nichts Verklärendes. Sie ist eher ein Archiv mit gelegentlich schlecht beleuchteten Gängen, in denen man auf Dinge stößt, die man lieber nicht gesehen hätte. Aber genau dort liegt ihr Wert. Wer nur die „guten alten Zeiten“ beschwört, sucht keine Orientierung, sondern Trost. Und Trost ist ein schlechter Kompass für die Zukunft.

Das Gedächtnis als Werkzeugkasten

Vielleicht hilft ein Perspektivwechsel: Erinnerung ist kein Bleigewicht, das uns am Voranschreiten hindert, sondern ein Werkzeugkasten. Er enthält Erfahrungen, Irrtümer, Erkenntnisse, Warnungen – und ja, auch ein paar überraschend brauchbare Ideen, die man einst verworfen hat, weil sie nicht in den Zeitgeist passten. Eine Gesellschaft ohne Erinnerung ist wie ein Heimwerker, der stolz verkündet, er baue jetzt ein Haus, habe aber vorsorglich alle Werkzeuge entsorgt, weil sie so altmodisch aussahen.

Das bedeutet keineswegs, dass man sklavisch an der Vergangenheit kleben soll. Erinnerung ist kein Anker, sondern ein Echolot. Sie sagt uns nicht, wohin wir fahren müssen, aber sie verrät uns, wo es gefährlich flach wird. Wer darauf verzichtet, darf sich nicht wundern, wenn es plötzlich knirscht.

Die heitere Pflicht zur Selbstironie

Vielleicht ist das eigentliche Geheimnis einer zukunftsfähigen Erinnerung die Selbstironie. Die Fähigkeit, über die eigenen historischen Torheiten nicht nur betroffen zu schweigen, sondern sie auch als das zu erkennen, was sie oft waren: erstaunlich menschliche Fehlleistungen. Eine Gesellschaft, die über ihre Vergangenheit nicht einmal schmunzeln kann, wird aus ihr wenig lernen. Eine, die sie nur belächelt, allerdings auch nicht.

Zwischen Selbstanklage und Selbstgefälligkeit liegt ein schmaler Grat – aber genau dort entsteht jene Gelassenheit, die Fortschritt erst vernünftig macht. Denn wer weiß, dass Menschen seit Jahrhunderten dazu neigen, sich grandios zu überschätzen, wird die eigenen Visionen vielleicht mit einem Hauch Skepsis betrachten. Und Skepsis ist bekanntlich der Sicherheitsgurt des Denkens: unbequem, aber im Ernstfall von unschätzbarem Wert.

Ein Plädoyer gegen die modische Kurzsichtigkeit

Zukunft braucht Erinnerung – nicht als sentimentale Rückschau, sondern als intellektuelle Disziplin. Sie verlangt die Bereitschaft, sich selbst in eine längere Geschichte einzuordnen, statt sich für deren glorreichen Höhepunkt zu halten. Das mag weniger glamourös sein als die Pose des radikal Neuen, ist aber erheblich nachhaltiger.

Vielleicht sollten wir uns daran gewöhnen, Fortschritt nicht mehr als Sprint zu begreifen, sondern als Staffellauf. Wir übernehmen den Stab von Menschen, die vor uns gelaufen sind – manche klug, manche töricht, die meisten eine Mischung aus beidem. Ihn fallen zu lassen, nur weil wir glauben, schneller ohne ihn zu sein, wäre ungefähr so elegant wie tragisch.

Am Ende ist Erinnerung nichts anderes als die höfliche Weigerung, jeden Fehler persönlich wiederholen zu wollen. Sie ist ein Akt der Bescheidenheit in einer Zeit, die Bescheidenheit gern mit Rückständigkeit verwechselt. Und vielleicht liegt genau darin ihr leiser Humor: Während wir uns für ungeheuer modern halten, flüstert sie uns zu, dass Klugheit selten darin besteht, alles neu zu machen – sondern darin, endlich zu begreifen, was schon einmal schiefgegangen ist.

Wer also von Zukunft spricht, sollte vom Gedächtnis nicht schweigen. Denn eine Zukunft ohne Erinnerung wäre zwar denkbar – aber sie hätte etwas zutiefst Komisches: Sie würde aussehen wie Vergangenheit. Nur teurer, hektischer und mit besserem Marketing.

Der EU-Jahresbericht

Es gibt Texte, die man liest wie eine Einladung zum Dinner – und andere, die sich anfühlen wie die Menükarte einer Zwangsernährung. Der Jahresbericht der Europäischen Kommission gehört entschieden zur zweiten Kategorie. Wer sich durch diese bleischweren Dokumente arbeitet, merkt rasch: Hier wird nicht informiert, hier wird orchestriert. Zwischen Hochglanzformulierungen, die sich anhören, als hätten sie eine PR-Agentur und einen theologischen Beirat zugleich durchlaufen, entfaltet sich ein Panorama politischer Ambition, das irgendwo zwischen paternalistischer Fürsorge, technokratischer Selbstermächtigung und imperialem Verwaltungsdrang oszilliert. Man muss diese Texte nicht einmal besonders kritisch lesen – es genügt, sie ernst zu nehmen.

Der Jahreswechsel, jene ritualisierte Phase kollektiver Selbstbespiegelung, ist traditionell der Moment, in dem Institutionen ihre Verdienste feiern und ihre Zukunft entwerfen. Dass supranationale Organisationen dabei eine gewisse Neigung zur Selbsterhöhung entwickeln, ist erwartbar. Doch was sich hier beobachten lässt, wirkt weniger wie ein Bericht und mehr wie die Fortschreibung eines politischen Romans, dessen Autor sich längst in seine eigene Hauptfigur verliebt hat. Während die Kompetenzen der Nationalstaaten schleichend verdunsten wie ein Restwasser in der Verwaltungssonne, wächst das Selbstbewusstsein jener Ebene, die man einst als Ergänzung gedacht hatte. Ironie der Geschichte: Je weiter die Entscheidungszentren von den Bürgern entfernt sind, desto häufiger betonen sie ihre Bürgernähe.

Demokratie im Schaufenster

Die Kommission, jene eigenartige Mischung aus Regierung ohne Regierungstitel und Parlament ohne Wahlakt, besitzt das exklusive Initiativrecht für Gesetzgebung. Ein Privileg, das sie mit einer Produktivität nutzt, die jeden Start-up-Gründer vor Neid erblassen ließe. Tausende Rechtsakte, tägliche Veröffentlichungen, eine Kommunikationsfrequenz wie bei einem Influencer mit Aufmerksamkeitsdefizit – und doch bleibt das Entscheidende oft unsichtbar. Nicht, weil es geheim wäre, sondern weil es in jener hermetischen Dialektik verpackt ist, die man gemeinhin „EU-Sprech“ nennt: eine Sprache, die mit der Klarheit eines Nebelfeldes operiert.

Besonders charmant ist die wiederkehrende Versicherung, man habe sich um Demokratie und Grundrechte verdient gemacht. Wer könnte dagegen sein? Demokratie ist schließlich das politisch-moralische Äquivalent zu Schokolade – niemand lehnt sie offen ab. Doch sobald Begriffe wie „Schutzschild gegen Desinformation“ ins Spiel kommen, verwandelt sich das edle Versprechen in ein Instrument, dessen Schneide sich gelegentlich gegen jene richtet, die es schützen soll. Wenn staatlich alimentierte Faktenwächter darüber entscheiden, was sagbar bleibt, dann erinnert das weniger an eine Agora als an ein Kuratorium für zulässige Wirklichkeiten. Man könnte auch sagen: Meinungsfreiheit, jetzt mit redaktioneller Betreuung.

Die kuratierte Zivilgesellschaft

Noch eleganter wird es beim Begriff der „Zivilgesellschaft“. Einst meinte er die spontane Selbstorganisation freier Bürger; heute scheint er zunehmend eine Art Franchise-System für gut vernetzte Organisationen zu bezeichnen. Fördermittel fließen bevorzugt dorthin, wo Zustimmung keine Überwindung kostet. Das ist effizient – und entwaffnend ehrlich in seiner Logik: Wer die Musik bezahlt, darf sich über ein harmonisches Konzert freuen.

So entsteht ein öffentlicher Raum, der weniger nach Marktplatz klingt als nach Konferenzhotel. Abweichung wird nicht verboten; sie wird schlicht übertönt. Die Macht moderner Governance liegt ja nicht mehr im offenen Verbot, sondern in der stillen Priorisierung. Sichtbarkeit ist die neue Währung, und Unsichtbarkeit ihre eleganteste Sanktion.

Sanktionen, Verfahren und die Geduld der Betroffenen

Überhaupt scheint der europäische Verwaltungsapparat eine besondere Beziehung zur Zeit entwickelt zu haben. Verfahren können sich über Jahre erstrecken – eine Dauer, die für Institutionen kaum ins Gewicht fällt, für Individuen jedoch existenziell wird. Es ist eine Form der Macht, die nicht laut auftreten muss. Bürokratie braucht keine Drohgebärden; sie besitzt Fristen.

Parallel dazu wächst die juristische Verdichtung: Was gestern eine Ordnungswidrigkeit war, kann morgen strafbar sein. Natürlich geschieht all dies im Namen der Ordnung, der Sicherheit, der Regelkonformität. Doch je dichter das Normengeflecht, desto höher die Wahrscheinlichkeit, sich darin zu verfangen. Der Bürger wird zum Wanderer in einem Wald aus Vorschriften, dessen Wege ständig neu ausgeschildert werden – vorzugsweise während er bereits unterwegs ist.

Handel, Schulden und die Kunst der Alternativlosigkeit

Freihandelsabkommen, Gemeinschaftsschulden, strategische Investitionen – das große europäische Projekt bewegt sich zunehmend in Dimensionen, die früher nur Nationalstaaten vorbehalten waren. Der Clou dabei: Jede Maßnahme erscheint als zwingende Antwort auf globale Herausforderungen. Wer widerspricht, wirkt schnell wie ein nostalgischer Verteidiger der Pferdekutsche im Zeitalter des Hochgeschwindigkeitszugs.

Doch gerade diese Rhetorik der Alternativlosigkeit verdient Aufmerksamkeit. Denn sie verwandelt politische Entscheidungen in scheinbar naturgesetzliche Entwicklungen. Man diskutiert nicht mehr darüber, ob etwas geschehen soll, sondern nur noch darüber, wie schnell. Politik wird zur Meteorologie: Tiefdruckgebiet Globalisierung, Hochdruckfront Sicherheit, dazwischen vereinzelte Schauer nationaler Bedenken.

Verteidigungsfreude und Investitionsromantik

Bemerkenswert ist auch die neue Begeisterung für Verteidigungsausgaben. Europa entdeckt den sicherheitspolitischen Ernstfall – und gleich auch die ökonomischen Chancen, die darin liegen. Rüstungsinvestitionen werden zur Wachstumsstory, Kredite zur strategischen Tugend. Selbst die Ersparnisse der Bürger erscheinen plötzlich als schlafendes Kapital, das nur darauf wartet, für höhere Zwecke mobilisiert zu werden.

Hier zeigt sich die rhetorische Meisterschaft moderner Politik: Eingriffe heißen nun „Anreize“, Zugriff wird zur „Union der Investitionen“, und wer nicht begeistert ist, hat vermutlich nur den Prospekt noch nicht gelesen. Dass finanzielle Freiheit und politisches Lenkungsinteresse gelegentlich kollidieren könnten, wird dabei mit bemerkenswerter Gelassenheit übergangen.

Gesundheit, Daten und das Versprechen der Prävention

Kaum ein Bereich verkörpert den Zeitgeist so sehr wie die Sehnsucht nach Daten. Gesundheitsräume, Überwachungssysteme, algorithmische Auswertung – alles dient dem hehren Ziel, Risiken frühzeitig zu erkennen. Prävention ist schließlich das neue Paradigma: lieber eine Maßnahme zu viel als eine Krise zu spät.

Doch Daten sind nie neutral. Sie erzeugen Deutungshoheit. Wer misst, bestimmt die Realität; wer auswertet, formuliert die Konsequenzen. In dieser Logik wird der Bürger zunehmend transparent, während die Entscheidungsprozesse selbst oft opak bleiben. Es ist die klassische Asymmetrie moderner Macht: Glas für die Vielen, Milchglas für die Wenigen.

Haushaltsträume und klimatische Erlösungsfantasien

Wenn Budgets wachsen, wachsen auch Visionen. Billionenschwere Haushalte werden mit der Unsicherheit der Welt begründet – ein Argument, das sich erfreulich selten widerlegen lässt, alldieweil Unsicherheit ein Dauerzustand ist. Parallel dazu entfaltet sich der Klimadiskurs als moralischer Überbau europäischer Politik. Wer wollte gegen die Rettung des Planeten argumentieren? Eben.

Und doch lohnt ein Blick auf die ökonomische Tiefenstruktur dieser Rettungsmission. Klimamärkte, Dekarbonisierungsbanken, Subventionsarchitekturen – all das schafft nicht nur Nachhaltigkeit, sondern auch neue Abhängigkeiten. Die ökologische Transformation wird so zum größten industriepolitischen Projekt seit der Erfindung des Fließbands. Fortschritt hat schließlich immer auch eine Buchhaltungsseite.

Digitale Identitäten und die Verwaltung der Zukunft

Die digitale Brieftasche, die einheitliche Identität, das vernetzte Grenzmanagement – es ist das Versprechen eines reibungslosen Kontinents, in dem Prozesse schneller laufen als Gedanken. Effizienz ist die heimliche Leitideologie unserer Zeit. Was beschleunigt werden kann, wird beschleunigt; was vereinheitlicht werden kann, wird vereinheitlicht.

Doch Standardisierung hat ihren Preis. Vielfalt wirkt aus Sicht der Verwaltung wie ein Softwarefehler. Also korrigiert man sie – freundlich, versteht sich. Am Ende könnte ein Europa stehen, das perfekt funktioniert, solange niemand versucht, außerhalb der vorgesehenen Parameter zu leben.

Öffentlichkeitsarbeit oder die Kunst der Nähe auf Distanz

Dass Informationszentren eröffnet werden, um Europa „ein lokales Gesicht“ zu geben, besitzt eine gewisse Tragikomik. Nähe lässt sich nämlich nicht verordnen. Sie entsteht aus Vertrauen, nicht aus Broschürenständern. Wenn Institutionen beginnen, ihre Bürgernähe aktiv zu inszenieren, verrät das oft weniger Stärke als eine leise Nervosität.

Denn unter der Oberfläche wächst eine Frage, die man nicht mit Kampagnen beantworten kann: Wem gehört dieses Projekt eigentlich? Den Institutionen, die es verwalten – oder den Menschen, die darin leben?

Finale Betrachtung: Der freundliche Leviathan

Vielleicht liegt das eigentliche Paradox Europas darin, dass sein Integrationsprojekt einst antrat, um Macht zu zähmen – und nun selbst eine Form von Macht hervorbringt, die sich ihrer historischen Mission so sicher ist, dass sie Widerspruch leicht als Missverständnis verbucht. Der Leviathan unserer Tage trägt kein drohendes Gesicht; er lächelt, fördert Programme und verschickt Newsletter.

Und doch gilt eine alte politische Binsenweisheit: Gute Absichten sind kein Ersatz für Kontrolle. Je größer die Struktur, desto wichtiger die Reibung, der Streit, das widerspenstige Element. Ein Europa ohne Dissens wäre kein Triumph, sondern ein Verwaltungszustand.

Man muss deshalb nicht gleich den Untergang beschwören, um skeptisch zu sein. Skepsis ist keine Illoyalität; sie ist die höflichste Form demokratischer Wachsamkeit. Vielleicht besteht die eigentliche Bürgerpflicht heute darin, sich nicht von der schieren Menge der Dokumente einschüchtern zu lassen, sondern weiterhin zu fragen: Wer entscheidet hier – und in wessen Namen?

Der Jahresbericht liest sich dann weniger wie eine Chronik der Grausamkeiten als wie ein Spiegel unserer politischen Epoche: ambitioniert, überreguliert, moralisch aufgeladen und fest davon überzeugt, dass mehr Koordination automatisch mehr Fortschritt bedeutet. Ob das stimmt, wird sich zeigen. Europa war schließlich immer auch ein Experiment.

Nur eines scheint sicher: Die Geschichte dieses Kontinents wurde noch nie von denen geschrieben, die alles für alternativlos hielten.

Der lange Arm der guten Absichten

Es gibt in modernen Demokratien eine besonders elegante Form der Machtausübung: Man braucht keine Mehrheit, keine Partei, nicht einmal besonders viele Mitglieder – es genügt, die richtige Klage einzureichen. Während der durchschnittliche Bürger noch damit beschäftigt ist, den Pfandautomaten zu überlisten oder den dritten Streamingdienst zu kündigen, haben findige Aktivisten längst entdeckt, dass der Weg zur gesellschaftlichen Transformation nicht unbedingt durch den Bundestag führt, sondern durch die Flure der Verwaltungsgerichte, wo die Luft trocken ist, die Formulare lang und die Folgen mitunter erstaunlich weitreichend. Dort, zwischen Aktenbergen und juristischen Kommentaren, wird mit einer Mischung aus Idealismus und Paragraphenreiterei Politik gemacht – nur ohne den lästigen Umweg über Wahlen.

Der Clou besteht darin, dass man nicht einmal offiziell „regieren“ muss, um Wirkung zu entfalten. Man klagt einfach so lange, bis irgendwo ein Gericht feststellt, dass der Staat eigentlich noch viel mehr tun müsste. Und siehe da: Was gestern noch politischer Streit war, erscheint plötzlich als quasi naturgesetzliche Verpflichtung. Es ist ein wenig so, als würde man beim Schach die Regeln nachträglich ändern und dann behaupten, der Gegner habe sich schon immer falsch bewegt. Dass diese Strategie juristisch zulässig ist, macht sie nicht weniger faszinierend – eher im Gegenteil. Sie wirkt wie ein politisches Perpetuum mobile: Energie wird eingespeist in Form moralischer Dringlichkeit, und heraus kommt staatliches Handeln.

Wenn Moral auf Paragrafen trifft

Man muss den Aktivisten zugutehalten, dass sie einen Nerv der Zeit erkannt haben. In einer Epoche, die sich selbst gern als „letzte Generation vor irgendetwas“ bezeichnet, entfaltet moralische Argumentation eine Schwerkraft, gegen die selbst solide Haushaltspolitik wie ein loses Blatt Papier wirkt. Wer will schon öffentlich erklären, dass er gegen die Rettung des Planeten sei? Das wäre kommunikativ ungefähr so geschickt wie ein Bekenntnis zur Cholera.

Doch genau hier beginnt das demokratietheoretische Kitzeln. Denn während Parlamente traditionell dafür zuständig sind, zwischen widerstreitenden Interessen abzuwägen – wirtschaftliche Sorgen hier, ökologische Notwendigkeiten dort, dazu noch ein paar Millionen Alltagsrealitäten – operiert die gerichtliche Logik anders. Sie liebt das Prinzipielle. Sie fragt nicht unbedingt: „Ist das politisch klug?“, sondern eher: „Ist der Staat seinen selbst gesetzten Maßstäben gerecht geworden?“ Das ist völlig legitim, ja sogar notwendig in einem Rechtsstaat. Aber wenn politische Programme zunehmend den Charakter einklagbarer Pflichten annehmen, verschiebt sich das Gleichgewicht ein wenig – leise, fast unmerklich, wie ein Bücherregal, das sich über Jahre hinweg zur Seite neigt.

Die Pointe ist dabei kaum zu übersehen: Ausgerechnet jene Institution, die eigentlich Stabilität sichern soll, wird zum Motor beschleunigten Wandels. Richter werden nicht zu heimlichen Gesetzgebern – das wäre eine grobe Übertreibung –, aber sie wirken gelegentlich wie strenge Hausmeister, die feststellen, dass die Hausordnung längst strengere Mülltrennung vorsieht, als die Bewohner je bemerkt haben.

Die Freiheit, richtig zu leben

Nun ist „Freiheit“ ein wunderbar dehnbarer Begriff. Für die einen bedeutet sie das Recht, mit einem röhrenden Verbrenner durch die Republik zu fahren; für die anderen die Freiheit künftiger Generationen, überhaupt noch eine halbwegs bewohnbare Republik vorzufinden. Zwischen diesen beiden Freiheitsbegriffen passt eine ganze Talkshowlandschaft.

Die satirische Ironie liegt darin, dass moderne Gesellschaften offenbar immer dann besonders frei sein wollen, wenn sie gerade ungern etwas ändern. Jede neue Auflage, jede Vorschrift, jede CO₂-Bilanz wird sofort als Vorstufe zum asketischen Öko-Staat interpretiert, in dem vermutlich bald das Grillen genehmigungspflichtig wird und der Sonntagsbraten durch eine moralisch einwandfreie Kichererbse ersetzt werden muss. Dass Staaten seit jeher Regeln setzen – vom Tempolimit bis zur Trinkwasserverordnung – gerät dabei gern in Vergessenheit. Freiheit war noch nie die Abwesenheit von Regeln; sie war immer ein ausgehandeltes Arrangement darüber, welche Regeln wir akzeptieren.

Und doch bleibt ein Rest Unbehagen nachvollziehbar. Denn wenn tiefgreifende Veränderungen primär über juristischen Druck entstehen, fühlt sich Politik plötzlich weniger wie ein öffentlicher Streit an und mehr wie ein Vollstreckungsbescheid. Der Bürger steht dann da, blickt auf eine neue Vorschrift und denkt: „Wann genau haben wir darüber eigentlich gestritten?“ Demokratische Prozesse leben aber nicht nur vom Ergebnis, sondern vom Gefühl der Beteiligung – selbst dann, wenn man am Ende überstimmt wird.

Die Versuchung der Abkürzung

Organisationen, die strategisch klagen, handeln keineswegs außerhalb der Demokratie; sie nutzen Instrumente, die diese ausdrücklich bereitstellt. Der Rechtsweg ist keine Hintertür, sondern Teil der Architektur. Dennoch zeigt sich hier eine typische Versuchung moderner Politik: Wenn Mehrheiten schwer zu organisieren sind, sucht man nach Hebeln, die weniger Überzeugungsarbeit erfordern.

Das ist keineswegs ein exklusives Merkmal von Umweltbewegungen. Wirtschaftsverbände, Bürgerinitiativen, Datenschutzgruppen – sie alle haben längst entdeckt, dass ein gut platziertes Verfahren manchmal wirkungsvoller ist als zehn Podiumsdiskussionen. Der Unterschied liegt eher in der Symbolik. Beim Klima geht es nicht um irgendeine Regulierungsfrage, sondern um eine Angelegenheit, die gern als existenziell beschrieben wird. Existenzielle Fragen vertragen bekanntlich wenig Geduld.

Hier entfaltet sich eine fast tragikomische Konstellation: Aktivisten werfen der Politik vor, zu langsam zu sein, während Kritiker den Aktivisten vorwerfen, zu schnell zu sein. Beide könnten recht haben – was für eine herrlich unbefriedigende Erkenntnis.

Das Grundgesetz als Projektionsfläche

Kaum ein Text wird in Deutschland so ehrfürchtig behandelt wie das Grundgesetz. Es ist gewissermaßen die literarische Hochform der politischen Selbstvergewisserung: knapp, würdevoll, zitierfähig. Wenn nun unterschiedliche Seiten versuchen, ihre Anliegen darin wiederzufinden, zeigt das weniger eine „Übernahme“ als vielmehr die erstaunliche Elastizität dieses Dokuments.

Grundrechte waren nie statisch; sie entfalten sich in der Auslegung. Dass Gerichte dabei gelegentlich Neuland betreten, ist kein Betriebsunfall, sondern Teil des Systems. Gleichwohl darf – ja muss – man darüber streiten, wie weit diese Auslegung gehen sollte. Eine Demokratie, die nicht mehr darüber diskutiert, ob Richter zu mutig oder Politiker zu zögerlich sind, wäre vermutlich schon eingeschlafen.

Vielleicht liegt die eigentliche Beunruhigung weniger in konkreten Entscheidungen als in einer diffuseren Frage: Wer bestimmt das Tempo des Wandels? Die Wahlurne, die Klageschrift oder schlicht die physikalischen Grenzen des Planeten? Man könnte fast meinen, die Moderne sei ein permanenter Wettbewerb zwischen Mehrheitsfähigkeit und Dringlichkeitsgefühl.

Schluss mit erhobenem Zeigefinger, aber bitte nachhaltig

Am Ende bleibt ein Bild, das gleichermaßen komisch wie ernst wirkt: eine Gesellschaft, die gleichzeitig Angst vor zu viel Veränderung und vor zu wenig Veränderung hat. Aktivisten erscheinen den einen als moralische Avantgarde, den anderen als pädagogische Dauerbeschallung mit leicht missionarischem Unterton. Die Gerichte wiederum wirken mal wie Bollwerke der Vernunft, mal wie Beschleuniger einer Politik, die sich nicht mehr recht traut, offen um Mehrheiten zu kämpfen.

Vielleicht wäre die eleganteste Lösung zugleich die banalste: mehr offener Streit, mehr politische Klarheit, weniger Überraschungseffekte aus Gerichtssälen. Denn so unerquicklich demokratische Auseinandersetzungen auch sein mögen – sie haben einen unschlagbaren Vorteil: Am Ende weiß jeder, dass gerungen wurde.

Bis dahin aber dürfen wir das Schauspiel weiter beobachten: engagierte Kläger, alarmierte Freiheitsfreunde, nachdenkliche Richter und eine Öffentlichkeit, die zwischen Empörung und Erschöpfung pendelt. Sollte es tatsächlich eine „Macht“ geben, dann besteht sie womöglich weniger in einzelnen Organisationen als in der wachsenden Erkenntnis, dass Nichtstun ebenfalls eine Entscheidung ist – nur eine mit besonders langfristigen Nebenwirkungen. Und falls uns das alles zu kompliziert erscheint, bleibt immerhin ein Trost: Die Demokratie ist laut genug, um über sich selbst zu streiten. Manchmal sogar so laut, dass man den Planeten fast nicht mehr knacken hört.

Die hygienische Vollkaskomentalität Europas

Es gibt Momente in der Geschichte der Bürokratie, die so unscheinbar daherkommen wie eine neue Parkordnung für dreirädrige Lastenfahrräder in der Altstadt von Brüssel – und sich bei näherem Hinsehen als Großarchitektur der Zukunft entpuppen. Am 29. Januar wurde, weitgehend geräuschlos wie eine Staubsaugerdemonstration in der Bibliothek, eine EU-Durchführungsverordnung erlassen, die die koordinierte Reaktion der Mitgliedstaaten auf „gesundheitliche Notlagen“ regelt. Ein Dokument von wenigen Seiten, aber mit jener gravitätischen Verdichtung, die man sonst nur von schwarzen Löchern oder Haushaltsplänen kennt. Der Text klingt erwartungsgemäß so, als sei er von einer besonders ambitionierten Kaffeemaschine verfasst worden: Informationsaustausch, Konsultation, Koordinierung – die heilige Dreifaltigkeit der Verwaltungslyrik.

Doch hinter der Sprache, die sich liest wie eine Mischung aus Betriebsanleitung und Sedativum, verbirgt sich eine Idee von bemerkenswerter Schönheit: Europa soll künftig nicht nur Gurkenkrümmungen harmonisieren, sondern auch den Ausnahmezustand. Endlich Einheit, wo früher chaotische Vielfalt herrschte! Man stelle sich das Elend vor: nationale Alleingänge, abweichende Einschätzungen, unterschiedliche Maßnahmen – kurz, Demokratie in ihrer unordentlichen Praxis. Nun dagegen winkt die hygienische Vollkaskomentalität: Wenn schon Krise, dann bitte synchronisiert. Die Katastrophe als choreografiertes Gemeinschaftserlebnis.

Das „Potenzial“ als politisches Perpetuum mobile

Besonders charmant ist die Rolle des Wortes „potenziell“, das in der Verordnung ungefähr so häufig auftaucht wie Petersilie auf einem Kantinenteller. Eine Gefahr muss nicht einmal real sein; es genügt, dass sie potenziell erheblich ist, potenziell wächst oder potenziell die Reaktionskapazitäten überfordert. Das Potenzial ist damit zum wichtigsten Rohstoff der europäischen Politik geworden – sauber, emissionsfrei und unerschöpflich. Früher brauchte man Ereignisse, heute reicht ein Modell. Prognosen ersetzen Erfahrungen, Simulationen die Wirklichkeit.

Wer entscheidet also, was potenziell gefährlich ist? Nun, jene Instanzen natürlich, die qua Definition dazu berufen sind, Potenziale zu erkennen – also Behörden, Expertengremien und jene algorithmischen Orakel, die mit beeindruckender Präzision vorhersagen, was gestern hätte passieren können. Die Zukunft wird damit zum Verwaltungsakt. Man könnte fast meinen, das eigentliche Ziel moderner Governance sei nicht mehr, Krisen zu bewältigen, sondern sie in einem Zustand dauerhafter Möglichkeit zu halten. Ein perpetuum mobile der Vorsorge.

Kohärente Kommunikation oder die Kunst des widerspruchsfreien Satzes

Ein weiterer Höhepunkt ist die geplante Koordination der „Risiko- und Krisenkommunikation“. Staaten verpflichten sich zu „kohärenten“ Informationen und „widerspruchsfreien Krisenkommunikationsaussagen“. Wer könnte etwas dagegen haben? Widersprüche sind schließlich unerquicklich; sie erinnern daran, dass Wissen begrenzt ist und Erkenntnis sich entwickelt. Wie viel angenehmer wäre eine Welt, in der alle gleichzeitig dasselbe sagen – eine Art semantische Gleichschaltung im Dienste der Beruhigung.

Der Traum jeder Verwaltung war schon immer die widerspruchsfreie Wirklichkeit, doch da sich diese hartnäckig weigert zu existieren, beginnt man eben bei der Sprache. Wenn schon die Fakten unordentlich sind, sollen wenigstens die Pressemitteilungen geschniegelt erscheinen. Kritiker würden hier vielleicht von zentralisierter Narrativpflege sprechen; Optimisten hingegen erkennen darin eine Form emotionaler Hygiene. Denn nichts ist ansteckender als Zweifel.

Kontaktnachverfolgung – oder die Renaissance der fürsorglichen Neugier

Das Frühwarn- und Reaktionssystem, ein webgestütztes Instrument zum vertraulichen Austausch von Informationen, erhebt die Kontaktnachverfolgung erneut zum „wichtigen Instrument“. Man spürt förmlich die zärtliche Hand des Staates auf der Schulter des Bürgers: Wo warst du? Wen hast du gesehen? Und war es schön? Es ist diese Mischung aus Fürsorge und Neugier, die den modernen Verwaltungsstaat so menschlich erscheinen lässt – fast wie eine Mutter, die heimlich das Tagebuch liest, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist.

Natürlich geschieht all dies ausschließlich zum Schutz der Bevölkerung. Dass dabei personenbezogene Daten eine gewisse Rolle spielen, ist bloß ein logistisches Detail, ähnlich wie Sauerstoff beim Tauchen. Die Alternative wäre schließlich Unwissen – und Unwissen ist bekanntlich der natürliche Feind jeder Behörde.

One Health oder der Planet als Intensivstation

Besonders poetisch wird es beim Konzept „One Health“, das die Gesundheit von Menschen, Tieren, Pflanzen und gleich dem gesamten Planeten miteinander verknüpft. Ein grandioser Gedanke: Die Erde als Patient, Europa als Stationsarzt und die Verwaltung als Chefarztvisite. Wer wollte da noch kleinlich fragen, ob sich unter diesem holistischen Dach nicht auch ein recht komfortabler Vorwand für tiefgreifende Eingriffe in Wirtschaft und Lebensweise verbirgt?

Der notwendige „Umbau“ Richtung Klimaneutralität erscheint in diesem Licht weniger als politische Option denn als medizinische Therapie. Widerstand wäre demnach nicht bloß unvernünftig, sondern geradezu pathologisch. Vielleicht erleben wir hier die Geburt einer neuen Moralökonomie, in der politisches Handeln den Tonfall ärztlicher Anweisungen annimmt: Es wird ein wenig unangenehm, aber glauben Sie uns – es ist zu Ihrem Besten.

Die Ökonomie der Dauerkrise

Wo Krise ist, ist auch Markt. Impfstoffe, Technologien, Beratungsleistungen, Dateninfrastrukturen – das Arsenal der Vorsorge ist ein florierendes Biotop wirtschaftlicher Interessen. Das muss nicht einmal zynisch gemeint sein; jede große Transformation bringt Gewinner hervor. Doch bemerkenswert bleibt, wie elegant sich moralische Imperative und ökonomische Chancen umarmen können. Der Notfall als Geschäftsmodell, die Prävention als Wachstumsbranche.

Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass die moderne Gesellschaft eine gewisse Abhängigkeit von der Krisensemantik entwickelt hat. Sie legitimiert Tempo, Zentralisierung und Ausnahmebefugnisse – lauter Dinge, die im Normalbetrieb unerquicklich diskutiert werden müssten. Die Krise dagegen duldet keinen Aufschub. Sie ist die Autobahn unter den politischen Verfahren.

Europa zwischen Koordination und Konditionierung

Was bedeutet das für die Bürger? Im besten Fall eine effizientere Reaktion auf tatsächliche Gefahren. Im weniger euphorischen Szenario jedoch eine schleichende Gewöhnung an den permanenten Bereitschaftsmodus. Wenn die Ausnahme zur Struktur wird, verändert sich auch das Freiheitsgefühl: Man lebt nicht mehr nur im Raum des Erlaubten, sondern im Schatten des potenziell Verbotenen.

Die Erfahrung der Pandemie hat gezeigt, wie schnell Gesellschaften bereit sind, weitreichende Maßnahmen zu akzeptieren – aus Angst, aus Solidarität, aus Pragmatismus. Die neue Verordnung wirkt nun wie ein Versuch, diese improvisierte Krisenarchitektur in dauerhafte Formen zu gießen. Improvisation war gestern; heute regiert die Standardisierung des Ausnahmezustands.

Schlussbetrachtung mit leichtem Fieber

Natürlich wäre es zu einfach, in all dem nur ein finsteres Projekt technokratischer Kontrolle zu sehen. Staaten haben die Pflicht, ihre Bevölkerung zu schützen; Koordination kann Leben retten. Und doch bleibt ein leiser Verdacht, dass die europäische Leidenschaft fürs Regulieren gelegentlich eine Eigendynamik entwickelt – als könne man durch genügend Verfahren die Unberechenbarkeit der Welt domestizieren.

Vielleicht liegt die eigentliche Ironie darin, dass eine Kultur, die Sicherheit maximieren will, dabei ein neues Risiko erzeugt: das der Übersteuerung. Denn eine Gesellschaft, die jede potenzielle Gefahr vorab regeln möchte, läuft Gefahr, ihre eigene Spontaneität zu verlieren. Am Ende steht womöglich ein Kontinent, der hervorragend vorbereitet ist – auf alles außer auf das Unvorhersehbare.

Doch seien wir gerecht: Sollte die nächste große Krise kommen, wird Europa zumindest eines garantiert haben – eine makellose, kohärente und völlig widerspruchsfreie Pressemitteilung. Und wenn das kein Trost ist, was dann?

Lueger, Renner, Tandler & Co.

Die pädagogische Republik der Zusatztafeln

Wien hat eine neue Leidenschaft entdeckt: das nachträgliche Erziehen der Vergangenheit. Während in den Amtsstuben über Budgetlöcher geseufzt wird, als handle es sich um besonders hartnäckige Motten im fiskalischen Wintermantel, investiert man bemerkenswerte Energie in die moralische Kommentierung bronzener Altlasten. Kontextualisierung heißt das Zauberwort – ein Begriff, der so seriös klingt, dass man fast übersieht, wie sehr er nach einem politischen Wellnessprogramm riecht. Man legt der Geschichte ein warmes Handtuch auf die Stirn, murmelt etwas von Verantwortung und hofft, dass danach alle wieder ruhig schlafen. Besonders eifrig geschieht dies dort, wo es politisch risikolos ist: bei bürgerlichen Figuren, deren problematische Seiten sich hervorragend dazu eignen, gegenwärtige Tugend zu demonstrieren. Das Lueger-Denkmal wird so zur moralischen Kraftmaschine einer Stadt, die sich gern als aufgeklärtes Gewissen Mitteleuropas inszeniert.

Nun ist nichts dagegen einzuwenden, historische Persönlichkeiten aus dem Weihrauchnebel zu holen. Im Gegenteil: Wer Denkmäler ohne kritische Einordnung belässt, betreibt letztlich Denkmalpflege für Mythen. Doch die Wiener Variante hat eine auffällige Eigenheit – sie funktioniert wie ein Bewegungsmelder, der nur auf bestimmte politische Farben reagiert. Kaum nähert sich jemand aus dem bürgerlichen Lager, geht das Licht an. Sobald jedoch Gestalten aus der sozialdemokratischen Ahnenreihe ins Bild treten, wird die Beleuchtung gedimmt, als wolle man eine besonders empfindliche Antiquität vor zu viel Wahrheit schützen.

Erinnerung nach Parteibuch

Man könnte fast meinen, die Stadt betreibe eine Art historische Textilreinigung mit politischem Fleckenmittel: Hartnäckige Spuren werden dort behandelt, wo es niemanden im eigenen Wohnzimmer stört. Dabei wäre Erinnerungskultur, wollte sie diesen Namen verdienen, das genaue Gegenteil – nämlich die Bereitschaft, auch im eigenen Stammbaum nach morschen Ästen zu suchen. Denn Geschichte ist kein Parteiprogramm und schon gar keine Imagebroschüre; sie ist ein Archiv menschlicher Irrtümer, Überzeugungen und gelegentlich erschreckender Blindheiten.

Gerade deshalb wirkt die aktuelle Debatte so unerquicklich lehrreich. Sie zeigt, wie schnell aus berechtigter Kritik ein asymmetrisches Projekt werden kann. Denn wenn man einmal begonnen hat, die Vergangenheit mit erklärenden Tafeln zu versehen, dann gilt ein einfacher Grundsatz: Entweder alle – oder man gibt ehrlich zu, dass es weniger um Aufklärung als um politische Dramaturgie geht.

Karl Renner oder Die Kunst, sich an nichts erinnern zu wollen

Nehmen wir etwa Karl Renner. Staatsgründer, politische Schlüsselfigur, Ikone der österreichischen Nachkriegserzählung – ein Name, der bis heute mit institutioneller Ehrfurcht ausgesprochen wird, ungefähr in jener Tonlage, die sonst für Naturdenkmäler reserviert ist. Und doch trägt diese Biografie Passagen, die man kaum mit einem diskreten historischen Schulterzucken erledigen kann. Renners Haltung zum „Anschluss“ war keine bloße Fußnote eines verwirrten Moments, sondern Ausdruck eines politischen Denkens, das sich zeitweise erstaunlich kompatibel mit nationalistischen Strömungen zeigte. Hinzu kommen antisemitische Aussagen, die heute nicht nur unerquicklich, sondern moralisch unübersehbar sind.

Was geschieht also mit dieser Ambivalenz im öffentlichen Raum? Nun – bemerkenswert wenig. Renner steht weiterhin da wie ein gut gepflegter Großvater der Republik, dessen problematische Ansichten man mit jener liebevollen Nachsicht betrachtet, die sonst nur Familienchroniken vorbehalten ist. Man spricht darüber in Seminaren, vielleicht in Feuilletons, aber selten mit jener demonstrativen Entschlossenheit, die man bei anderen Figuren zur Schau stellt. Es ist, als hätte man sich stillschweigend darauf geeinigt, dass manche Schatten historisch zwar existieren, aber bitte keine allzu scharfen Konturen werfen sollen.

Dabei wäre gerade hier Kontextualisierung keine Schande, sondern ein Akt intellektueller Redlichkeit. Eine Republik wirkt nicht kleiner, wenn sie zugibt, dass auch ihre Gründungsfiguren Kinder ihrer Zeit waren – mit allen Irrtümern, die dieser Ausdruck so höflich verschleiert.

Julius Tandler und das unangenehme Echo der Vernunft

Und dann wäre da noch Julius Tandler, jener große Architekt der Wiener Sozialpolitik, dessen Verdienste so oft und so zurecht hervorgehoben werden, dass man beinahe vergisst, wie unerquicklich manche seiner Überzeugungen klingen. Tandler sprach öffentlich über die Vernichtung und Sterilisierung sogenannten „lebensunwerten Lebens“ – Sätze, die heute wie ein frostiger Wind durch jede ernsthafte Debatte über Menschenwürde ziehen. Natürlich bewegte er sich in einem intellektuellen Klima, in dem eugenische Ideen erschreckend salonfähig waren. Doch genau darin liegt ja die Pointe historischer Aufarbeitung: zu zeigen, dass Fortschritt häufig von Menschen vorangetrieben wurde, deren Weltbild zugleich Abgründe kannte.

Merkwürdig nur, wie selten diese Seite Tandlers mit derselben pädagogischen Energie vermittelt wird, mit der man andernorts moralische Wegweiser aufstellt. Man würdigt den Sozialreformer – zu Recht! –, doch seine problematischen Positionen erscheinen oft wie ein leiser Nebensatz, gesprochen in jener Tonlage, die signalisiert: Bitte nicht zu lange verweilen, wir haben hier noch ein Denkmal zu feiern.

Das Ergebnis ist eine Form der historischen Höflichkeit, die fast rührend wirkt. Man möchte niemandem den Ahnen verderben.

Die Elastizität der Maßstäbe

Hier offenbart sich das eigentliche Drama: der elastische Maßstab. Wenn Kontextualisierung zur politischen Einbahnstraße wird, verwandelt sich Erinnerung in ein Instrument der Gegenwart – und verliert genau jene Glaubwürdigkeit, die man so pathetisch beschwört. Denn Bürger merken sehr wohl, ob Geschichte als gemeinsames Erbe behandelt wird oder als Arsenal für symbolische Gefechte.

Gleiche Maßstäbe sind kein rhetorischer Luxus; sie sind die Grundbedingung dafür, dass Erinnerungskultur mehr ist als moralische Dekoration. Wer nur dort kritisch hinsieht, wo es politisch bequem ist, betreibt keine Aufklärung, sondern Imagepflege mit historischem Material.

Vielleicht sollte man sich daran erinnern, dass ein Denkmal kein Heiligenschein aus Bronze ist, sondern ein Stein gewordener Gesprächsvorschlag. Und Gespräche werden unerquicklich, aber produktiv, wenn man nicht vorher festlegt, wer darin makellos erscheinen darf.

Die heilsame Zumutung der Ehrlichkeit

Am Ende läuft alles auf eine überraschend einfache Einsicht hinaus: Geschichte verlangt Fairness. Nicht im Sinne eines nivellierenden „Alle waren irgendwie Kinder ihrer Zeit“, sondern im Sinne einer gleichmäßigen Bereitschaft zur Kritik. Karl Renner bleibt eine zentrale Figur der Republik – aber eben eine mit widersprüchlichen Überzeugungen. Julius Tandler bleibt ein Pionier sozialer Reformen – und zugleich ein Mann, dessen Denken uns heute erschrecken muss. Diese Gleichzeitigkeit auszuhalten, ist kein Angriff auf Tradition, sondern deren Reifung.

Vielleicht sollte Wien den Mut aufbringen, seine Denkmäler weniger wie Altäre und mehr wie Lehrbücher zu behandeln. Dann würden Zusatztafeln nicht länger wie politische Fingerzeige wirken, sondern wie Einladungen zum Denken. Und wer weiß – möglicherweise entstünde daraus sogar etwas, das in politischen Debatten selten geworden ist: Vertrauen.

Bis dahin aber bleibt der Eindruck, dass die Stadt zwar eifrig kontextualisiert, jedoch mit jener diskreten Selektivität, die an ein Wohnzimmer erinnert, in dem man den Staub nur dort wischt, wo Gäste hinschauen. Die Vergangenheit hingegen ist unerquicklich demokratisch: Sie gehört allen. Und sie verdient, ohne parteipolitischen Weichzeichner betrachtet zu werden.

Die verlorene Generation

oder Wie man lernt, die Excel-Tabelle mehr zu lieben als den Menschen

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten moderner Gesellschaften, dass sie ihre größten Revolutionen nicht mehr mit Barrikaden, sondern mit PowerPoint-Folien durchführen. Wo einst das Volk auf die Straße ging, zieht heute die Personalabteilung in den Konferenzraum ein, bewaffnet mit Diagrammen, die aussehen wie ein missglückter Regenbogen nach einem chemischen Unfall. In diesem Klima konnte ein Essay wie „The Lost Generation“ überhaupt erst entstehen – eine Diagnose unserer Zeit, die so unerquicklich ist wie ein verpflichtender Diversity-Workshop um acht Uhr morgens. Jacob Savage beschrieb darin eine Generation, die angeblich nicht durch Krieg, Wirtschaftskrise oder eine metaphysische Sinnleere verloren ging, sondern durch eine Personalpolitik, die das Heil der Welt in der mathematischen Schönheit proportional verteilter Hautfarben sucht. Es ist, als habe man beschlossen, die Geschichte der Menschheit ließe sich durch korrekt sortierte Gruppenfotos beenden.

Natürlich ist die Pointe der Gegenwart, dass niemand offiziell jemanden benachteiligt – man „berücksichtigt“, man „sensibilisiert“, man „fördert“. Die Sprache selbst wurde weichgespült wie ein Pullover, den man aus Versehen bei 90 Grad gewaschen hat. Niemand wird ausgeschlossen, nein, man sorgt lediglich dafür, dass andere bevorzugt hineingelassen werden. Das Ergebnis ist mathematisch identisch, moralisch jedoch mit einem Heiligenschein versehen. Fortschritt, so scheint es, besteht heute darin, Diskriminierung mit besserem Marketing zu betreiben.

Die große Neuerfindung des Talents

Man muss sich vor Augen führen, welch epochale Leistung hier vollbracht wurde: Über Jahrhunderte galt Qualifikation als entscheidend – ein irritierender Irrtum, den man nun endlich korrigiert. Denn was ist schon ein abgeschlossenes Studium gegen eine biografisch wertvolle Erfahrung in Sachen „Vielfaltsmerkmal“? Was wie ein trockenes Verwaltungsdetail klingt, hat etwas zutiefst Poetisches: Der Lebenslauf wird zur Identitätscollage, das Bewerbungsgespräch zum moralischen Casting. Wer früher fragte „Was können Sie?“, fragt heute mit zarter Stimme: „Wofür stehen Sie – und lässt sich das statistisch verwerten?“

Die moderne Bürokratie gleicht damit einem Theater, in dem alle gleichzeitig Regisseur sein wollen. Der Kulturwandel, so oft beschworen, ist weniger ein Wandel der Kultur als ein Wandel der Kriterien. Leistung ist verdächtig geworden, weil sie Unterschiede produziert, und Unterschiede wiederum sind unerquicklich, da sie nicht in Tabellen passen. Also ersetzt man sie durch Zielvorgaben. Wenn Realität und Ideal nicht übereinstimmen, muss eben die Realität nachjustiert werden – eine Haltung, die schon in der sowjetischen Landwirtschaft mäßigen Erfolg hatte, aber in westlichen Behörden mit erstaunlicher Zuversicht wiederbelebt wird.

Der Staat als pädagogisches Großexperiment

Deutschland, dieses Land der gründlichen Formulare, hat das Projekt erwartungsgemäß mit jener Mischung aus Ernsthaftigkeit und Verwaltungseifer aufgenommen, die sonst nur bei der korrekten Mülltrennung zu beobachten ist. Strategien werden entwickelt, Arbeitsgruppen tagen, Leitbilder formuliert. Zwei Jahre lang über etwas zu beraten, das anschließend in einer Broschüre mit freundlichen Stockfotos endet, gehört hierzulande zur politischen Folklore. Dass dabei Dutzende Organisationen eingebunden werden, überrascht kaum – die Gegenwart liebt Netzwerke so sehr, dass sie manchmal vergisst, wofür sie eigentlich geknüpft wurden.

Besonders rührend ist der Glaube, man könne gesellschaftliche Spannungen durch eine ausreichend komplexe Strategie befrieden. Alltagsrassismus soll verschwinden, strukturelle Ungleichheit verdampfen, Vorurteile sich in Luft auflösen – alles dank eines Dokuments, das vermutlich mehr Seiten hat als Tolstois „Krieg und Frieden“, aber deutlich weniger Schlachtfelder kennt. Man erwartet beinahe, dass demnächst auch das Wetter diverser gestaltet wird, vielleicht durch eine Quote für unterschiedliche Wolkenformationen.

Die neue Moral der Auswahlkommission

Der eigentliche Charme dieser Entwicklung liegt jedoch in der stillen Verschiebung des Menschenbildes. Früher galt der Einzelne als Individuum; heute erscheint er zunehmend als Vertreter einer Kategorie. Der Bewerber betritt den Raum nicht mehr allein, sondern begleitet von einer unsichtbaren Delegation statistischer Eigenschaften. Die Auswahlkommission wiederum prüft nicht nur Kompetenzen, sondern auch die moralische Temperatur des Kandidaten. Vielfaltskompetenz – ein Wort, das klingt, als könne man es in Kapseln schlucken – avanciert zum Leistungsmerkmal. Wer skeptisch fragt, ob Migration ausschließlich positiv zu bewerten sei, wirkt ungefähr so charmant wie jemand, der auf einer Hochzeit die Haltbarkeit der Ehe statistisch hinterfragt.

Man darf diese Entwicklung durchaus bewundern, denn sie löst ein uraltes Problem: das Risiko des Dissenses. Wenn alle dieselben Werte bekennen müssen, wird die Welt herrlich konfliktarm – zumindest oberflächlich. Unter der glatten Oberfläche jedoch beginnt es zu rumoren, denn nichts erzeugt mehr Trotz als der freundlich vorgetragene Zwang zur Zustimmung.

Die Jugend als Kollateralschaden des Fortschritts

Wie bei jeder großen gesellschaftlichen Transformation trifft es vor allem jene, die noch keinen festen Platz haben: die Jungen. Ältere Jahrgänge gleiten gemütlich Richtung Ruhestand und beobachten das Geschehen mit der Gelassenheit von Passagieren, die das Schiff rechtzeitig verlassen. Die Neueinstellungen hingegen werden zum Experimentierfeld. Wer gerade erst ins Berufsleben tritt, merkt schnell, dass er sich nicht nur bewerben, sondern gewissermaßen erklären muss – als wäre der eigene Lebenslauf ohne eine identitätspolitische Fußnote unvollständig.

Das erzeugt eine paradoxe Situation: Eine Politik, die Ungleichheiten abbauen will, produziert neue Empfindlichkeiten. Nicht unbedingt objektive Benachteiligung – die lässt sich empirisch oft schwer greifen –, wohl aber ein Gefühl der Austauschbarkeit. Und Gefühle, das weiß man seit den Romantikern, sind politisch höchst wirksam. So wächst leise eine Generation heran, die sich fragt, ob sie an einem Wettbewerb teilnimmt oder an einer sorgfältig choreografierten Inszenierung.

Netzwerke, Chartas und die große Liturgie der Gegenwart

Besonders faszinierend ist die institutionelle Selbstvermehrung dieses Projekts. Netzwerke entstehen, Initiativen formieren sich, Chartas werden unterzeichnet. Es hat etwas von einer modernen Liturgie: Man bekennt sich, man verpflichtet sich, man signalisiert Haltung. Unternehmen und Behörden wirken dabei wie mittelalterliche Zünfte, die ihre Tugend öffentlich ausstellen, damit niemand auf die Idee kommt, sie könnten womöglich unmodern sein.

Dabei wäre es ein Missverständnis, all dies als bloße Heuchelei abzutun. Oft steckt dahinter ein ehrlicher Wunsch nach Fairness, nach Offenheit, nach einer Gesellschaft, die weniger hart urteilt. Doch gute Absichten sind bekanntlich die Rohstoffe, aus denen Bürokratien ihre schönsten Labyrinthe bauen. Der Weg zur Hölle mag gepflastert sein – der zur Diversity-Strategie ist es ganz sicher mit Workshops.

Der internationale Kontrast oder Die Kunst des kulturpolitischen Pendels

Während andernorts politische Kräfte das Diversity-Paradigma bereits mit der Begeisterung eines Teenagers ausmisten, der sein Kinderzimmer neu entdeckt, hält man hierzulande erstaunlich unbeirrt daran fest. Das ist weder besonders mutig noch besonders töricht; es ist vor allem typisch deutsch. Man liebt die Kontinuität, selbst wenn sie inhaltlich umstritten ist. Strategien werden geprüft, aber selten verworfen – schließlich hat jemand viel Zeit in ihre Erstellung investiert.

So entsteht ein merkwürdiges Gleichgewicht: Die einen sehen im Diversitätsprojekt die überfällige Korrektur historischer Ungerechtigkeiten, die anderen eine ideologische Übersteuerung. Beide Seiten sprechen mit wachsender Lautstärke, aber selten miteinander. Vielleicht ist das die eigentliche Tragik: Nicht dass gestritten wird, sondern dass der Streit zunehmend ritualisiert wirkt, als habe man sich längst an die Rollen gewöhnt.

Schlussbetrachtung oder Warum Utopien selten Humor besitzen

Am Ende bleibt die Frage, ob sich Gleichheit verordnen lässt, ohne die Freiheit zu strapazieren. Jede Gesellschaft ringt mit diesem Spannungsverhältnis; unsere Gegenwart tut es lediglich mit größerer begrifflicher Eleganz. Der Traum von der perfekten Repräsentation ist verführerisch, weil er Ordnung verspricht. Doch Menschen sind keine Excel-Zellen, und Biografien lassen sich nur begrenzt normieren.

Vielleicht wird man eines Tages auf diese Epoche zurückblicken und schmunzeln – über den Ernst, mit dem man versuchte, moralische Harmonie administrativ zu organisieren. Vielleicht wird man aber auch feststellen, dass jede Generation ihre eigenen Übertreibungen braucht, um voranzukommen. Fortschritt ist selten geradlinig; er taumelt eher, wie ein leicht beschwipster Idealist auf dem Heimweg.

Und so bleibt uns nur, das Schauspiel mit einer Mischung aus Skepsis und Heiterkeit zu betrachten. Denn wer glaubt, die Menschheit lasse sich endgültig sortieren, hat vermutlich noch nie eine echte Familie bei der Sitzordnung einer Hochzeit beobachtet. Vielfalt, könnte man sagen, entsteht ohnehin – ganz ohne Strategie. Nur selten so ordentlich dokumentiert.

Das große Sichtbarkeitsversprechen

oder: Wie man Bürgerinnen und Bürger in digitale Gartenzwerge verwandelt

Es gibt politische Ideen, die kommen mit so viel Pathos daher, dass man beinahe vergisst zu fragen, ob sie auch nur im Entferntesten funktionieren. Die geplante Klarnamenpflicht – selbstverständlich wird sie nicht so genannt, denn kein Gesetzgeber bezeichnet seine eigenen Projekte gerne mit Wörtern, die nach Meldezettel und Amtsstube riechen – gehört zweifellos in diese Kategorie. Sie wird verkauft als Bollwerk gegen Hass, als Rettungsring für die Zivilisation, als algorithmisch polierter Ritterschlag für die Vernunft im Internet. Und wie bei allen guten Rettungsmissionen gilt: Je größer die symbolische Geste, desto kleiner oft der praktische Nutzen. Man möchte fast glauben, irgendwo in einem Ministerium sitze eine Arbeitsgruppe, die sich vorgenommen hat, das Internet endlich so gemütlich zu machen wie ein Wartezimmer beim Bezirksamt – mit Nummernziehen, Formularen und der beruhigenden Gewissheit, dass spontane Gedanken grundsätzlich verdächtig sind.

Doch bevor wir uns zu sehr in die Bürokratiefantasie hineinsteigern, lohnt ein Blick auf die zehn Gründe, warum diese Idee weniger einem Schutzwall gleicht als vielmehr einer Einladung zum digitalen Selbstverstummen.

Schutz durch Sichtbarkeit? Ein hübsches Märchen

Die Vorstellung, dass Menschen automatisch höflicher werden, sobald ihr Name unter einem Kommentar steht, gehört zu den langlebigsten politischen Wunschträumen seit der Erfindung der PowerPoint-Präsentation. Tatsächlich zeigt die Erfahrung der letzten Jahre etwas ganz anderes: Wer belästigen will, belästigt. Wer drohen will, droht. Und wer sich danebenbenehmen möchte, findet dafür erstaunlich kreative Wege – Klarnamen hin oder her. Plattformen, die formal längst reale Namen verlangen, sind schließlich keine Oasen der Zivilisiertheit geworden, sondern eher digitale Marktplätze, auf denen Empörung im Sonderangebot zu haben ist.

Ironischerweise trifft eine Klarnamenpflicht häufig nicht die Täterinnen und Täter, sondern die potenziellen Opfer. Sichtbarkeit ist nämlich keine Einbahnstraße in Richtung Sicherheit; sie ist auch ein Scheinwerfer für all jene, die jemanden ins Visier nehmen möchten. Die Folge? Viele ziehen sich zurück, schweigen oder überlegen dreimal, ob sich ein Kommentar lohnt, wenn er womöglich zur Einladung für persönliche Angriffe wird. Schutz sieht anders aus. Schutz wäre, Übergriffe konsequent zu verfolgen – nicht, die Bühne heller auszuleuchten, damit das Publikum bessere Sicht hat.

Privatsphäre – ein Grundrecht, kein nostalgisches Hobby

Man stelle sich kurz vor, man müsste sich für jede Wortmeldung in der analogen Welt registrieren lassen. „Entschuldigung, bevor Sie diesen Satz im Kaffeehaus äußern, bräuchten wir bitte Ihren Reisepass.“ Absurd? Natürlich. Im Digitalen scheint diese Idee jedoch plötzlich als pragmatische Maßnahme zu gelten. Eine zentrale Registrierstelle für Internetnutzerinnen und -nutzer wäre nichts weniger als ein infrastruktureller Liebesbrief an die totale Datensammlung.

Dabei stellt sich eine fast rührend naive Frage: Wer verwaltet diese Daten eigentlich, und wer garantiert, dass sie niemals in falsche Hände geraten? Staaten sind bekanntermaßen hervorragend darin, Daten zu sammeln – weniger hervorragend darin, sie für alle Ewigkeit vor Missbrauch zu schützen. Und private Plattformen? Nun, deren Verhältnis zu Nutzerdaten erinnert gelegentlich an ein Buffet: Man nimmt sich gerne mehr, als man ursprünglich angekündigt hat.

Privatsphäre ist kein dekoratives Extra, das man bei Bedarf abbestellen kann wie die Petersilie auf dem Kantinenteller. Sie ist die Voraussetzung für Selbstbestimmung. Wer sie leichtfertig opfert, darf sich nicht wundern, wenn plötzlich sehr viele Menschen sehr still werden.

Wenn Kritik Mut erfordert – und Mut plötzlich teuer wird

Politische Verfolgung ist kein Relikt ferner Zeiten oder exotischer Länder. Sie beginnt oft dort, wo Kritik plötzlich mit Konsequenzen verbunden ist. Für Menschen mit familiären oder beruflichen Verbindungen in autoritäre Staaten kann Anonymität ein Schutzschild sein, hinter dem sie überhaupt erst den Mut finden, ihre Stimme zu erheben. Ohne diesen Schutz verwandelt sich das Netz von einem Raum der Möglichkeiten in eine Bühne mit eingebautem Risiko.

Man denke an jene, die über Regierungen sprechen, die Humor eher als staatsfeindliche Tätigkeit betrachten. Oder an Menschen, deren Engagement für Gleichberechtigung in ihrer Heimat alles andere als ungefährlich wäre. Ihnen zu sagen, sie sollten doch bitte mit offenem Namen auftreten, ist ungefähr so sensibel, wie jemandem mit Höhenangst einen Gratis-Bungee-Sprung zu schenken.

Demokratie lebt davon, dass Kritik möglich ist – nicht davon, dass sie bequem identifizierbar bleibt.

Zwischen Chefetage und Kommentarspalte

Auch im beruflichen Alltag entfaltet eine Klarnamenpflicht eine eigentümliche Sprengkraft. Wer möchte schon jeden Gedanken unter den potenziellen Augen der Personalabteilung formulieren? Die viel beschworene „freie Meinungsäußerung“ verwandelt sich dann schnell in eine Hochseilnummer ohne Netz.

Eine Lehrerin, die strukturelle Probleme im Bildungssystem anspricht, ein Angestellter, der Missstände im Unternehmen kritisiert, oder jemand, der schlicht eine unpopuläre Ansicht vertritt – all diese Stimmen könnten verstummen, wenn jede Äußerung unmittelbar mit der eigenen Existenz verknüpft ist. Man nennt das nicht zufällig einen „Chilling Effect“: Die Temperatur des Diskurses sinkt, bis nur noch handwarme Meinungen übrig bleiben.

Und seien wir ehrlich: Eine Gesellschaft, in der alle nur noch das sagen, was garantiert niemanden stört, wäre zwar außerordentlich harmonisch – aber auch ungefähr so spannend wie ein Telefonbuch.

Das große Verstummen der Ränder

Randgruppen und marginalisierte Stimmen profitieren besonders stark von anonymen Räumen. Dort können sie Erfahrungen teilen, sich organisieren und sichtbar werden, ohne sich gleichzeitig exponieren zu müssen. Wird dieser Schutz entfernt, geschieht etwas sehr Vorhersehbares: Die Debatte verliert genau jene Perspektiven, die sie dringend braucht.

Das Ergebnis wäre eine Öffentlichkeit, die zwar ordentlicher wirkt, aber vor allem homogener ist – ein Diskurs, der klingt, als hätte man ihn zuvor durch einen Filter geschickt, der alles Unbequeme entfernt. Vielfalt ist jedoch selten bequem. Und Fortschritt war noch nie das Kind der vollständigen Anpassung.

Vorurteile haben erstaunlich gute Augen

Anonymität kann, paradoxerweise, Fairness fördern. Ohne Namen, ohne offensichtliche Marker für Herkunft oder Geschlecht wird ein Argument zunächst einmal als Argument wahrgenommen – nicht als Produkt einer bestimmten Biografie. Wer glaubt, Vorurteile hätten im digitalen Raum Urlaub, hat vermutlich noch nie erlebt, wie schnell ein „falsch“ klingender Nachname plötzlich mehr Aufmerksamkeit bekommt als der Inhalt einer Aussage.

Für viele Menschen ist ein Pseudonym deshalb kein Maskenspiel, sondern eine Eintrittskarte in eine Diskussion, die sie sonst vielleicht gar nicht führen könnten. Expertise wird neutraler bewertet, wenn sie nicht sofort in gesellschaftliche Schubladen sortiert wird. Eine Klarnamenpflicht würde diese fragile Form der Gleichheit ausgerechnet dort beseitigen, wo sie überraschend gut funktioniert.

Jugend unter Beobachtung – eine pädagogische Horrorvision

Kinder und Jugendliche bewegen sich ohnehin in einem Spannungsfeld zwischen Selbstfindung und sozialem Druck. Ihnen auch noch die Möglichkeit zu nehmen, unter einem Pseudonym aufzutreten, wäre ungefähr so pädagogisch wertvoll wie eine Dauerübertragung ihres Lebens in die Aula.

Gerade junge Menschen brauchen Räume, in denen sie sich ausprobieren können, ohne dass jeder Fehltritt dauerhaft mit ihrem bürgerlichen Namen verknüpft bleibt. Wer nie anonym irren darf, lernt vor allem eines: Vorsicht statt Neugier. Und eine Generation, die aus Angst vor Konsequenzen lieber schweigt, ist kaum das Ziel moderner Bildungspolitik – auch wenn sie für Behörden vermutlich sehr angenehm wäre.

Der öffentliche Raum trägt kein Namensschild

Wir gehen täglich durch Städte, steigen in Verkehrsmittel, setzen uns in Parks – und tun das alles, ohne ein Schild mit unserem vollständigen Namen vor uns herzutragen. Niemand käme auf die Idee, diese Form der anonymen Bewegung als Sicherheitsrisiko zu brandmarken. Warum also sollte im digitalen Raum plötzlich gelten, was offline völlig absurd erscheint?

Das Internet ist längst ein öffentlicher Raum, mit all seinen Chancen und Zumutungen. Öffentlichkeit bedeutet nicht totale Identifizierbarkeit; sie bedeutet Teilnahme. Wer beides verwechselt, landet schnell bei einer Gesellschaft, in der Freiheit mit Verwaltung verwechselt wird.

Wirtschaftspolitik nach dem Prinzip „Bitte weitergehen“

Eine nationale Klarnamenpflicht hätte zudem etwas rührend Provinzielles. Während das Internet global funktioniert, würde man versuchen, innerhalb nationaler Grenzen Regeln durchzusetzen, die sich mit wenigen Klicks umgehen lassen. Nutzerinnen und Nutzer wandern einfach zu Plattformen ab, die weniger streng sind – und zurück bleiben heimische Anbieter, die sich fragen dürfen, warum sie plötzlich allein auf weiter Flur stehen.

Innovation gedeiht selten dort, wo regulatorische Experimente die Einstiegshürden erhöhen. Start-ups brauchen Vertrauen und Nutzer, keine zusätzlichen Barrieren. Andernfalls exportiert man nicht nur Datenverkehr, sondern auch wirtschaftliche Chancen.

Das unterschätzte Recht auf Maske

Pseudonyme haben eine lange kulturelle Tradition. Schriftstellerinnen, Künstler, Aktivistinnen – viele haben unter Namen gearbeitet, die nicht im Melderegister stehen. Nicht aus Täuschungsabsicht, sondern aus künstlerischer Freiheit, aus Selbstschutz oder schlicht, weil ein gewählter Name manchmal besser zur eigenen Identität passt als der zufällig vergebene.

Eine Verpflichtung zum Klarnamen würde dieses Recht stillschweigend zur Marotte erklären. Dabei ist die Möglichkeit, sich selbst zu benennen, ein zutiefst persönlicher Akt. Sie aufzugeben hieße, ein Stück Autonomie gegen das vage Versprechen von Ordnung einzutauschen.

Schlussbetrachtung: Die Sehnsucht nach Kontrolle

Hinter der Klarnamenpflicht steckt letztlich eine sehr alte Versuchung: die Vorstellung, komplexe gesellschaftliche Probleme ließen sich durch mehr Kontrolle lösen. Wenn nur jeder identifizierbar wäre, so die Hoffnung, würde das Chaos verschwinden. Doch das Internet ist kein Klassenzimmer, und die Menschheit war noch nie besonders gut darin, sich allein durch Namenslisten zu benehmen.

Vielleicht sollten wir uns daher weniger fragen, wie wir Menschen sichtbarer machen, sondern wie wir Strukturen schaffen, die Übergriffe tatsächlich ahnden, Debatten moderieren und digitale Kompetenz fördern. Freiheit ist selten ordentlich. Aber sie ist die Voraussetzung dafür, dass eine Gesellschaft lebendig bleibt.

Oder, um es polemisch zu sagen: Wer das Netz in ein Melderegister verwandeln möchte, bekommt am Ende vielleicht genau das, was er bestellt hat – ein sehr ruhiges Internet. Nur sollte man sich dann nicht wundern, wenn darin vor allem das Echo der eigenen Stimme widerhallt.

Die große Nüchternheit

Es gibt Sätze, die klingen, als seien sie in einem Zustand milder Entrückung formuliert worden, vielleicht nach zu langem Aufenthalt in einem Raum mit schlecht belüfteten Ideen. „Unsere Energiewende wird auf der ganzen Welt kopiert.“ Ein Satz von jener schwebenden Leichtigkeit, die sonst nur Werbeslogans für Diätprodukte oder Durchhalteparolen in gescheiterten Start-ups eigen ist. Man möchte fast fürsorglich eingreifen, ein Glas Wasser reichen, ein Fenster öffnen und mit leiser Stimme sagen: Hände weg von Drogen. Oder wenigstens: vorher kurz auf die Stromrechnung schauen.

Denn die Realität – dieses notorisch unpoetische, ja fast schon taktlose Gegenstück politischer Rhetorik – besitzt die unerquicklichste Eigenschaft, sich messen zu lassen. Und während also irgendwo auf der Welt angeblich Kopiermaschinen heißlaufen, die das deutsche Modell vervielfältigen, steht der deutsche Privathaushalt im Halbdunkel seiner Küche, betrachtet die Stromrechnung und überlegt, ob man Nudeln nicht vielleicht auch durch intensives Reiben aneinander garen könnte. 39,4 Cent pro Kilowattstunde im zweiten Halbjahr 2024, 38,4 Cent im ersten Halbjahr 2025 – Zahlen, die weniger nach „Erfolgsmodell“ klingen als nach einem exklusiven Club, dessen Mitgliedsbeitrag monatlich abgebucht wird, ohne dass man je gefragt worden wäre, ob man überhaupt eintreten möchte.

Es gehört zu den eleganteren Tricks politischer Kommunikation, Erfolg nicht daran zu messen, ob etwas günstig, effizient oder funktional ist, sondern daran, ob es sich gut erzählen lässt. Die Energiewende als internationales Vorbild – das ist ein Narrativ von der Sorte, die auf Konferenzen hervorragend funktioniert, vorzugsweise bei Häppchen, deren Preis pro Gramm vermutlich unterhalb einer deutschen Kilowattstunde liegt. Das Publikum nickt, die Übersetzer schwitzen, und irgendwo notiert ein Praktikant das Wort „Leuchtturmprojekt“, obwohl draußen längst jemand vergessen hat, das Licht auszuschalten, weil man sich die Gewohnheit nicht mehr leisten kann.

Exportweltmeister der Selbstvergewisserung

Deutschland war einmal stolz darauf, Dinge zu exportieren, die tatsächlich jemand haben wollte: Maschinen, Autos, chemische Produkte, gelegentlich auch Philosophie. Nun exportiert man offenbar Selbstvergewisserung. „Die Welt kopiert uns“ – ein Satz, der sich anhört wie das energiewirtschaftliche Pendant zum Klassenprimus, der laut verkündet, alle hätten bei ihm abgeschrieben, während die Mitschüler in Wahrheit längst bei jemand anderem spicken.

Natürlich ist es nicht völlig abwegig, dass andere Länder den Ausbau erneuerbarer Energien beobachten. Beobachten heißt allerdings noch lange nicht bewundern, geschweige denn imitieren. Man beobachtet auch Verkehrsunfälle sehr aufmerksam, ohne sofort auf die Idee zu kommen, sie nachzustellen. Und wenn irgendwo ein Finanzminister beim Anblick deutscher Strompreise nervös zum Taschenrechner greift, dann möglicherweise nicht aus Neid, sondern aus einem gesunden Instinkt zur Haushaltsdisziplin.

Der Clou liegt im Wörtchen „Kosten senken“. Es ist ein schönes Wortpaar, beinahe romantisch, wie „Sommerregen“ oder „steuerfrei“. Nur steht es hier in einem auffälligen Spannungsverhältnis zu den Eurostat-Daten, die sich mit der Hartnäckigkeit eines schlecht erzogenen Kindes immer wieder in den Vordergrund drängen. Höchste Strompreise der EU – zweimal in Folge. Wenn das die gesenkten Kosten sind, möchte man die ungesenkten gar nicht erst kennenlernen. Vermutlich müssten sie dann in einem gesonderten Haushaltsposten zwischen „Luxusjacht“ und „privatem Weltraumprogramm“ geführt werden.

Die hohe Kunst der Perspektive

Vielleicht liegt das Problem schlicht in der Perspektive. Aus der Vogelperspektive sieht alles beeindruckend aus: Windräder drehen sich majestätisch, Solarfelder glitzern wie moderne Kathedralen, und irgendwo murmelt ein Diagramm etwas von steigenden Kapazitäten. Erst wenn man auf Bodenhöhe zurückkehrt – also dort, wo Menschen tatsächlich wohnen und Rechnungen bezahlen – verwandelt sich die heroische Erzählung in eine Art finanzielles Fitnessprogramm: stärker werden durch Belastung.

Man darf nicht vergessen: Hohe Preise haben auch eine erzieherische Funktion. Sie lehren Demut. Sie fördern Kreativität. Sie bringen Familien einander näher, wenn man gemeinsam überlegt, ob der Kühlschrank wirklich rund um die Uhr laufen muss oder ob man ihn nicht als eine Art gelegentliches Überraschungselement behandeln könnte. Warmes Licht wird wieder zum Ereignis. Der Wasserkocher erhält den Status eines Luxusgeräts, irgendwo zwischen Espressomaschine und Wochenendtrip nach Nizza.

Und doch bleibt ein Rest Verwunderung darüber, mit welcher Gelassenheit der Begriff „Erfolg“ verwendet wird. Erfolg wofür genau? Für den Ausbau? Für die Geschwindigkeit? Für die moralische Gewissheit, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen? All das mag stimmen. Aber Geschichte hat die unerquicklich nüchterne Angewohnheit, irgendwann auch die Fußnoten zu lesen – und dort stehen dann meist die Kosten.

Fortschritt mit Preisschild

Es wäre zu einfach, sich über erneuerbare Energien lustig zu machen; sie sind notwendig, und niemand mit funktionierendem Realitätssinn schlägt ernsthaft vor, zur Dampflok zurückzukehren. Der satirische Reiz liegt vielmehr in der Diskrepanz zwischen Tonfall und Temperatur der Fakten. Wenn man ein Modell als global bewundert beschreibt, während gleichzeitig die eigenen Bürger den teuersten Strom Europas bezahlen, entsteht ein rhetorisches Kunstwerk von beinahe barocker Üppigkeit.

Vielleicht handelt es sich um eine neue Form des Fortschritts: je teurer, desto vorbildlicher. Eine Art energetischer Haute Couture. Andere Länder tragen noch Konfektionsware, während Deutschland bereits auf dem Laufsteg schreitet – ein wenig blass vielleicht, aber stilbewusst. Wer kann sich schon gegen ein Modell wehren, das so konsequent zeigt, was alles möglich ist, wenn man nur fest genug daran glaubt?

Der Verdacht drängt sich auf, dass hier weniger Drogen im Spiel sind als eine Überdosis Optimismus, verabreicht in homöopathischen, aber dauerhaft wirkenden Dosen. Optimismus ist schließlich die gesellschaftlich akzeptierte Droge der Politik: rezeptfrei, nebenwirkungsreich und besonders wirksam in Interviews.

Ein Plädoyer für klare Sinne

Am Ende geht es gar nicht darum, ob die Energiewende richtig oder falsch ist; große Transformationen sind selten billig und nie bequem. Es geht um den Mut zur ungeschönten Beschreibung. Man könnte sagen: Ja, wir bauen um, ja, es kostet viel, ja, es wird dauern. Das wäre unerquicklich, aber ehrlich – und Ehrlichkeit hat den Vorteil, dass sie ohne Halluzinationen auskommt.

„Hände weg von Drogen“ ist deshalb weniger eine moralische Mahnung als ein erkenntnistheoretischer Rat. Politik sollte nüchtern sein, nicht im Sinne freudloser Technokratie, sondern im Sinne klarer Wahrnehmung. Wer die Realität nur noch durch die rosarote Brille strategischer Kommunikation betrachtet, läuft Gefahr, irgendwann gegen einen Laternenpfahl zu laufen – was besonders ärgerlich ist, wenn dessen Strom ebenfalls teuer war.

Vielleicht wird die Welt eines Tages tatsächlich sagen: Schaut nach Deutschland, so macht man das. Vielleicht auch nicht. Bis dahin wäre es schon ein Fortschritt, wenn man Erfolg nicht ausschließlich daran misst, wie gut er klingt, sondern auch daran, wie sehr er sich bezahlt macht – im wörtlichen Sinne. Und falls doch wieder jemand allzu schwärmerisch vom globalen Kopieren spricht, sollte man freundlich nicken, tief durchatmen und leise wiederholen: Hände weg von Drogen. Oder wenigstens von allzu berauschenden Metaphern.

Die Mutter aller Deals

Die Geburt eines wohlgenährten Mythos

Es gibt Momente in der politischen Kommunikation, in denen man beinahe ehrfürchtig innehält – nicht aus Bewunderung, sondern aus ästhetischer Anerkennung für die schiere Größe der Behauptung. Das EU-Indien-Freihandelsabkommen, mit Pathos als „Mutter aller Deals“ tituliert, gehört zweifellos in diese Kategorie. Man sieht förmlich die PR-Abteilungen in Brüssel beim kollektiven Champagneröffnen: ein Markt von fast zwei Milliarden Menschen! Zollsenkungen auf nahezu alles! Wachstum! Jobs! Wahrscheinlich bald auch besseres Wetter! Wer wollte da noch kleinlich nachfragen, ob hinter der glänzenden Fassade vielleicht ein Gebäude steht, dessen Statik man besser noch einmal prüfen sollte? In Zeiten globaler Nervosität, in denen die USA mit Zöllen drohen wie ein schlecht gelaunter Türsteher mit Hausverboten, wirkt jedes große Handelsabkommen wie eine strategische Wärmedecke. Doch Wärmedecken haben bekanntlich die unangenehme Eigenschaft, dass man darunter irgendwann zu schwitzen beginnt.

Die geopolitische Logik ist schnell erzählt: Europa möchte sich absichern, diversifizieren, nicht wieder in jene romantische Abhängigkeit geraten, die man einst gegenüber russischem Gas pflegte – eine Beziehung, die bekanntlich ungefähr so stabil war wie ein Kartenhaus im Orkan. Indien wiederum blickt mit verständlichem Interesse auf den europäischen Binnenmarkt, der trotz aller Krisen weiterhin wie ein üppiges Buffet wirkt. Was als große Win-win-Erzählung verkauft wird, erinnert bei näherer Betrachtung jedoch eher an ein höfliches gegenseitiges Instrumentalisieren: Europa braucht einen Partner, Indien braucht Zugang. Liebe auf den ersten Blick ist das nicht, eher eine Vernunftehe mit sehr umfangreichem Ehevertrag und auffallend kleingedruckten Klauseln.

Mobilität als Euphemismus für Bewegung mit Folgen

Der eigentliche dramaturgische Höhepunkt dieses Abkommens versteckt sich nicht einmal besonders gut – er trägt den elegant technokratischen Namen „Comprehensive Framework for Cooperation on Mobility“. Wer bei solchen Formulierungen nicht sofort an warme Flughafenlounges, beschleunigte Visa und geschmeidig gleitende Grenzkontrollen denkt, hat vermutlich zu wenig EU-Dokumente gelesen. Mobilität klingt nach Erasmussemester und Rollkofferfreiheit; tatsächlich geht es um erleichterte Aufenthalte über Jahre hinweg, Post-Study-Work-Optionen, Familiennachzug für bestimmte Gruppen, Intra-Corporate-Transfers und einen bemerkenswert breiten Zugang zu Dienstleistungssektoren. Kurz gesagt: Bewegung, aber mit Struktur – und mit Richtung.

Natürlich richtet sich das Ganze bevorzugt an jene Gruppen, die in politischen Reden stets mit ehrfürchtigem Unterton genannt werden: IT-Fachkräfte, Ingenieure, Forscher, Gesundheitsberufe, dazu saisonale Arbeitskräfte. Es ist die Elite der globalen Arbeitsmigration, geschniegelt, qualifiziert, statistisch wertvoll. Niemand fürchtet sich vor einem Softwareentwickler mit Masterabschluss – zumindest nicht öffentlich. Doch Arbeitsmärkte reagieren nicht auf moralische Kategorien, sondern auf Mengen und Dynamiken. Selbst Ströme, die einzeln betrachtet moderat erscheinen, können über Jahre hinweg kumulative Effekte entfalten, ähnlich wie ein Wasserhahn, der nur minimal tropft, aber irgendwann dennoch den gesamten Keller unter Wasser setzt.

Die Mathematik der Demografie oder Warum große Zahlen selten harmlos sind

Man könnte versucht sein, die Bevölkerungsrelation als bloße Hintergrundmusik abzutun – doch manchmal lohnt es sich, auf die Lautstärke zu achten. Rund 1,45 Milliarden Menschen dort, knapp 450 Millionen hier. Das ist kein Unterschied, das ist ein Maßstabssprung. Selbst wenn nur ein winziger Prozentsatz mobil wird, sprechen wir nicht mehr über Randphänomene, sondern über strukturelle Verschiebungen. Märkte reagieren sensibel auf zusätzliche Arbeitskräfte; Wohnungsräume reagieren noch sensibler; Integrationssysteme reagieren meist mit leichter Verzögerung und anschließendem Überforderungshusten.

Die klassische ökonomische Gegenrede lautet, Migration schaffe Wachstum. Das kann stimmen – genauso wie es stimmt, dass Regen Pflanzen wachsen lässt. Die Frage ist nur: Welche Pflanzen, in welchem Boden und ob man vorher ein Drainagesystem installiert hat. Druck auf Löhne in bestimmten Branchen ist kein populistisches Schreckgespenst, sondern ein seit Jahrhunderten beobachtbares Marktphänomen. Gleichzeitig kann ein Land wie Indien durch systematischen Fachkräfteexport innenpolitisch entlastet werden – ein rationaler Zug aus Sicht Neu-Delhis. Für Europa stellt sich jedoch die weniger poetische Frage, ob es langfristig zum bevorzugten Auffangbecken globaler Arbeitsmarktkorrekturen werden möchte, ohne dabei eine klar erkennbare strategische Gegenleistung zu erhalten.

Das große Versprechen der Befristung und die kleine Ironie der Realität

Offiziell ist natürlich alles temporär. Temporär ist in der Politik ein wunderbares Wort – es vermittelt die beruhigende Illusion eines eingebauten Rückwärtsgangs. Qualifikationsgebunden, begrenzt, keine Änderung nationaler Einwanderungsrechte. Man möchte fast applaudieren ob dieser semantischen Präzision. Nur zeigt die Erfahrung mit ähnlichen Regelungen eine gewisse Neigung zur Entfristung. Wege ins Bleiberecht entstehen selten durch revolutionäre Akte; sie wachsen organisch, juristisch nachvollziehbar, menschlich verständlich – und politisch kaum reversibel.

Es ist ein wenig wie mit provisorischen Baustellen, die nach einigen Jahren so selbstverständlich wirken, dass niemand mehr weiß, wie die Straße ohne sie aussah. Wer einmal da ist, arbeitet, Steuern zahlt, Kinder einschult, wird nicht mit einem freundlichen „Danke fürs Mitmachen“ verabschiedet. Das ist weder Skandal noch moralisches Versagen, sondern Ausdruck liberaler Rechtsstaatlichkeit. Doch genau deshalb wäre es klug, die langfristigen Konsequenzen von Anfang an ehrlicher zu diskutieren, statt sie hinter Sonnenscheinprognosen zu verstecken, die wirken, als seien sie in einem Gewächshaus für Optimismus gezüchtet worden.

Sonnenscheinökonomie und die Kunst des Weglassens

Auffällig ist weniger, was gesagt wird, als das, was in der offiziellen Rhetorik erstaunlich selten auftaucht: Risikoabwägung. Man hört viel über Wachstum, Innovation, Wettbewerbsfähigkeit – die klassischen Vokabeln eines Kontinents, der sich selbst gern als rationalen Wirtschaftsraum versteht. Doch gesellschaftliche Folgen? Integrationskapazitäten? Infrastruktur? Politische Spannungen? Hier wird es plötzlich still, als hätte jemand versehentlich den Tonkanal deaktiviert.

Vielleicht liegt das daran, dass Zweifel schlecht mit großen Erzählungen harmonieren. Die EU liebt ihre Narrative – sie sind das emotionale Schmiermittel eines ansonsten hochkomplexen Institutionengefüges. Aber Narrative ersetzen keine Strategien. Wer Bevölkerungspolitik indirekt über Handelsabkommen mitgestaltet, betreibt mehr als nur Ökonomie; er greift in die langfristige soziale Architektur ein. Das muss nicht falsch sein. Es ist nur zu bedeutsam, um es mit der rhetorischen Leichtigkeit eines Produktlaunches zu behandeln.

Kooperation ja – Selbstvergessenheit eher nicht

Indien ist ohne Frage ein strategisch relevanter Partner: wirtschaftlich dynamisch, technologisch ambitioniert, geopolitisch zunehmend selbstbewusst. Kooperation kann klug sein, notwendig sogar. Doch Klugheit beginnt bekanntlich dort, wo Begeisterung von Nüchternheit begleitet wird. Wenn Europa in Bevölkerungsfragen faktisch Gestaltungsspielräume mitverhandelt, sollte es zumindest präzise wissen, warum – und zu welchem Preis.

Souveränität wird selten dramatisch aufgegeben; sie wird meist schrittweise verdünnt, verdampft in einer Mischung aus Pragmatismus und Zeitdruck. Man macht Zugeständnisse, weil sie kurzfristig sinnvoll erscheinen, und bemerkt erst später, dass sie langfristige Pfadabhängigkeiten erzeugen. Der Witz an der Geschichte ist, dass niemand dabei böse Absichten haben muss. Es genügt schon, wenn alle Beteiligten überzeugt sind, gerade besonders vernünftig zu handeln.

Die ehrliche Frage, die man nicht wegmoderieren kann

Am Ende bleibt eine Frage, die sich nicht dauerhaft in Pressemitteilungen einwickeln lässt: Wer profitiert langfristig – und wer trägt die Anpassungskosten? Handelsabkommen sind keine moralischen Veranstaltungen; sie sind Interessenpolitik in Vertragsform. Genau deshalb verdienen sie eine Debatte, die erwachsen genug ist, Zielkonflikte auszuhalten. Man kann für mehr Offenheit sein und dennoch über Belastungsgrenzen sprechen. Man kann Migration als Chance begreifen und trotzdem nach Steuerung verlangen. Widerspruch ist kein Zeichen von Rückschritt, sondern von politischer Reife.

Vielleicht wäre es also an der Zeit, die „Mutter aller Deals“ nicht nur zu feiern, sondern auch kritisch zu befragen – mit jener gelassenen Skepsis, die reife Gesellschaften auszeichnet. Denn Optimismus ohne Prüfung ist keine Tugend, sondern eher eine Form kollektiver Gutgläubigkeit. Und sollte sich eines Tages herausstellen, dass die sonnigen Prognosen ein wenig zu sonnig waren, wird man sich vermutlich daran erinnern, dass Euphorie ein schlechter Ersatz für Weitsicht ist.

Bis dahin darf Europa sich freuen – aber vielleicht mit einem Auge offen. Nur für den Fall, dass die Mutter aller Deals sich als ziemlich forderndes Familienmitglied entpuppt.

Der Optimismus als Geschäftsmodell

Es gibt Sätze, die klingen wie ein Glückskeks, der versehentlich in einem Vorstandsbüro gelandet ist. „Ein Optimist zu sein ist besser, als recht zu haben“, sagte Albert Bourla (Pfizer CEO) zu Fortune, und irgendwo zwischen Quartalsbericht und Espresso aus der Designermaschine nickten vermutlich mehrere Menschen bedeutungsvoll, als hätten sie gerade eine neue moralische Kategorie entdeckt. Optimismus – das ist schließlich das freundlichste aller Wörter, ein sprachlicher Labradormischling, der niemanden beißt und sich von jedem streicheln lässt. Wer könnte schon gegen Optimismus sein? Pessimisten haben schlechte Haut, Realisten keine Karriere, und Skeptiker werden grundsätzlich nicht zu Galadinners eingeladen. Optimismus hingegen hat Sponsoren.

Doch sobald man den Satz ein wenig länger betrachtet, beginnt er sich zu verhalten wie ein Möbelstück aus zweifelhafter Selbstmontage: Er wackelt. Denn was bedeutet es eigentlich, wenn es besser sein soll, optimistisch zu sein, als recht zu haben? Ist Wahrheit jetzt nur noch eine optionale Funktion, wie Sitzheizung im Firmenwagen? Man stellt sich unwillkürlich eine Welt vor, in der Brückeningenieure erklären: „Natürlich hätte die Statik genauer sein können, aber ich bin ein Optimist.“ Oder Piloten verkünden: „Die Landebahn ist zwar kurz, aber denken wir positiv.“ Optimismus ist eine hervorragende Haltung – solange er nicht als Ersatz für Verantwortung missverstanden wird. Und genau an dieser Stelle beginnt die feine, leicht metallisch schmeckende Ironie des modernen Fortschritts.

Die Rhetorik der Zuversicht

Optimismus hat in großen Organisationen eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Früher sprach man von Risikobewertung, heute von Chancen. Früher gab es Nebenwirkungen, heute „Profile“. Früher Zweifel, heute Narrative. Sprache ist schließlich das eleganteste Beruhigungsmittel der Zivilisation; sie wirkt sofort und kostet vergleichsweise wenig in der Herstellung. Wenn ein Spitzenmanager von Optimismus spricht, klingt das selten nach naiver Weltfremdheit, sondern eher nach strategischer Zuversicht – jener hochtrainierten Fähigkeit, auch dann noch in den Sonnenaufgang zu blicken, wenn hinter einem gerade jemand hektisch die Rauchmelder deaktiviert.

Natürlich wäre es intellektuell unredlich, die enorme Bedeutung moderner Medizin zu ignorieren. Pharmaunternehmen haben Krankheiten zurückgedrängt, Leben verlängert und das menschliche Dasein in vielen Bereichen weniger unerquicklich gemacht. Gleichzeitig existiert eine lange, komplexe Geschichte öffentlicher Debatten über Studien, Preise, Transparenz, Haftung und Vertrauen. Wer glaubt, diese Spannungen ließen sich mit einem freundlichen Lächeln und dem Wort „Optimismus“ auflösen, verwechselt Kommunikation mit Katharsis. Vertrauen entsteht nicht durch gute Laune, sondern durch nachvollziehbares Handeln – ein Detail, das in der Euphorie der PowerPoint-Folien gern in Schriftgröße sieben verschwindet.

Das kleine Problem mit der Wirklichkeit

Die Wirklichkeit besitzt die unerquicklichste aller Eigenschaften: Sie lässt sich nicht dauerhaft motivieren. Man kann sie framen, moderieren, moderat umformulieren – aber am Ende besteht sie darauf, überprüfbar zu sein. Gerade in Fragen von Gesundheit und Sicherheit ist „recht haben“ keine pedantische Marotte von Statistikliebhabern, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Menschen interessieren sich erfahrungsgemäß weniger für die emotionale Haltung hinter einer Entscheidung als für deren Folgen. Optimismus tröstet schlecht, wenn er sich im Nachhinein als zu rosarot herausstellt.

Und doch wäre es zu einfach, den Satz nur als zynische Selbstentlarvung zu lesen. Vielleicht steckt darin auch ein unbeholfener Versuch, Führung als Akt des Vorwärtsdenkens zu definieren. Wer große Organisationen lenkt, kann nicht jeden Morgen mit existenzieller Verzagtheit beginnen; Fortschritt verlangt eine gewisse geistige Kühnheit. Aber Kühnheit ohne Demut wird schnell zur Pose. Der Unterschied zwischen visionär und leichtsinnig ist oft erst im Rückspiegel erkennbar – und der Rückspiegel ist bekanntlich das einzige Bauteil, das Manager ungern konsultieren, wenn der Aktienkurs gerade freundlich winkt.

Der Markt der Gefühle

Wir leben in einer Epoche, in der selbst Emotionen betriebswirtschaftlich klingen. Resilienz, Agilität, Zuversicht – alles Wörter, die sich hervorragend in Jahresberichte einfügen. Optimismus ist dabei besonders attraktiv, weil er keinerlei Widerstand erzeugt. Wer gegen Optimismus argumentiert, wirkt sofort wie jemand, der Kindergeburtstage verbietet und bei Regen absichtlich langsam fährt. Doch gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick: Optimismus darf kein rhetorischer Airbag sein, der immer dann ausgelöst wird, wenn kritische Fragen auftauchen.

Denn die Öffentlichkeit hat ein erstaunlich gutes Gedächtnis für Diskrepanzen zwischen Versprechen und Erfahrung. Sie verlangt keine Unfehlbarkeit – eine zutiefst menschliche Schwäche –, wohl aber Lernfähigkeit. Unternehmen, die Fehler eingestehen, wirken paradoxerweise glaubwürdiger als jene, die ausschließlich von Zukunft sprechen. Vielleicht wäre also nicht Optimismus das bessere Gegenstück zur Wahrheit, sondern Besonnenheit. Oder, altmodisch formuliert: Verantwortungsbewusstsein. Ein Wort, das leider nie den Glamour von Optimismus erreicht hat und sich auf Konferenzen ungefähr so gut verkauft wie lauwarmes Mineralwasser.

Zwischen Hoffnung und Hybris

Am Ende bleibt die Frage, ob Optimismus eine Tugend oder ein Temperament ist. Als Tugend verlangt er Selbstbegrenzung; als Temperament kennt er keine. Die moderne Führungskultur schwankt gern zwischen beiden, wie ein Pendel, das von der Begeisterung für Innovation zur Ehrfurcht vor ihren Konsequenzen schwingt. Vielleicht wäre der klügste Optimismus jener, der seine eigenen Irrtümer mitdenkt – eine Zuversicht, die nicht behauptet, immer recht zu haben, sondern bereit ist, es herauszufinden.

Und so könnte man den berühmten Satz mit einem leichten Lächeln neu lesen: Nicht als Freibrief für Wunschdenken, sondern als Einladung, Hoffnung und Genauigkeit miteinander zu versöhnen. Denn eine Gesellschaft, die sich zwischen Optimismus und Wahrheit entscheiden müsste, hätte bereits verloren. Das eigentlich Zivilisatorische besteht darin, beides zu verlangen: den Mut, nach vorn zu schauen, und die Redlichkeit, zurückzublicken. Optimismus ist wunderbar – solange er nicht dort endet, wo Nachfragen beginnen. Oder, weniger höflich gesagt: Gute Laune ersetzt keine Gewissenhaftigkeit, und die Zukunft lässt sich beeindruckend schwer durch positive Einstellung allein stabilisieren.

Im Amt für digitale Sittenfragen

Stellen wir uns also den Schalterraum der Zukunft vor: Neonlicht, Nummernautomat, eine Topfpflanze im existenziellen Endstadium, und hinter Panzerglas sitzt die Sachbearbeiterin für Weltanschauungsangelegenheiten. „Einmal Personalausweis und Internetführerschein, bitte“, säuselt sie mit der routinierten Milde einer Zahnärztin kurz vor dem Bohren. Wer ins Netz will, zieht eine Nummer, legt den Ausweis vor und absolviert eine kleine Prüfung: Unterschied zwischen Ironie und Beleidigung, Multiple Choice zur Verfassungsordnung, ein Lückentext zu Netiquette und Staatsräson. Wer durchfällt, darf vorerst nur Katzenvideos kommentarlos konsumieren. Wer besteht, erhält 10 Gigabyte Meinungsvolumen im Monat, danach wird nachberechnet. Willkommen im wohlsortierten Schrebergarten der Diskurskultur, wo jede Hecke auf Normhöhe geschnitten ist und die Gartenzwerge Datenschutzrichtlinien zitieren.

Die Idee einer Klarnamenpflicht wird dabei gern als digitales Äquivalent zur guten Stube verkauft: Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten, heißt es mit jener treuherzigen Logik, die schon immer dann Konjunktur hatte, wenn Freiheit als Renovierungsfall galt. Das Internet, so die Erzählung, sei zu lange ein wilder Jahrmarkt gewesen, ein Basar der Eitelkeiten, ein Debattierclub mit sehr niedriger Türschwelle. Nun müsse endlich Ordnung her, Licht in die dunklen Ecken, Namensschilder an jede Meinung. Als sei das Problem der Welt je die Anonymität gewesen und nicht vielmehr die sehr real existierende Dummheit, Bosheit und gelegentliche Menschenfeindlichkeit – Eigenschaften, die bekanntlich auch unter Klarnamen prächtig gedeihen.

Der große Marktplatz und seine Hausordnung

Das Internet wurde oft als Marktplatz der Ideen beschrieben. Ein schönes Bild, nur dass Marktplätze historisch betrachtet auch Orte des Geschreis, der Scharlatane, der Taschendiebe und der fliegenden Händler waren. Niemand wäre auf die Idee gekommen, den mittelalterlichen Markt zu retten, indem man jedem Besucher seinen bürgerlichen Namen auf die Stirn tätowiert. Man regelte Betrug, ahndete konkrete Vergehen und ließ ansonsten das bunte Treiben zu – in dem Bewusstsein, dass Freiheit immer auch das Recht einschließt, Unsinn zu reden.

Die Klarnamenpflicht verspricht dagegen eine hygienisch einwandfreie Diskurszone: keine Trolle, keine Hetze, nur noch verantwortungsvolle Bürger im gepflegten Meinungskostüm. Das Problem ist nur: Der Troll trägt längst Sakko, hat Visitenkarten und kandidiert gelegentlich für irgendetwas. Die größten Entgleisungen der Geschichte wurden selten anonym begangen; sie wurden unterschrieben, gestempelt und archiviert. Der Name macht die Aussage nicht wahrer, nicht klüger und schon gar nicht moralischer. Er macht sie nur leichter zuzuordnen – für Arbeitgeber, Nachbarn, politische Gegner und alle, die gern Listen führen.

Privatsphäre als lästiger Anachronismus

Privatsphäre wirkt in diesen Debatten oft wie ein nostalgisches Hobby, vergleichbar mit Briefmarkensammeln oder dem Glauben an Faxgeräte. Dabei ist sie kein Luxus, sondern eine zivilisatorische Errungenschaft: der Raum, in dem Menschen denken, zweifeln, ausprobieren können, ohne dass jeder Gedanke sofort mit dem bürgerlichen Leben verrechnet wird. Wer jede Äußerung untrennbar an die reale Identität koppelt, verwandelt den öffentlichen Diskurs in ein Hochrisikogebiet. Meinung wird dann zur Investition mit möglichem Karriereverlust, sozialer Ächtung oder digitalem Pranger als Rendite.

Gerade für Whistleblower, politische Dissidenten, Minderheiten oder schlicht Unangepasste ist Pseudonymität kein Spielzeug, sondern Schutzkleidung. Die Vorstellung, man könne Meinungsfreiheit stärken, indem man die Schutzschilde entfernt, hat etwas von einem Regenschirmverbot zur Förderung der Wetterhärte. Gewiss, auch unter dem Schirm treiben manche Unfug – aber die Lösung kann schwerlich darin bestehen, alle in den Sturm zu stellen.

Der Traum vom sanktionierbaren Bürger

Hinter der Sehnsucht nach Klarnamen schimmert oft ein sehr menschlicher Wunsch: der nach Sanktionierbarkeit. Endlich greifbar sollen sie sein, die Nervensägen, Provokateure und Dauerempörten. Endlich Abmahnungen mit Zustellnachweis statt wütender Ohnmacht vor dem Bildschirm. Der Rechtsstaat, so die Hoffnung, möge bitte bis in die Kommentarspalte hinein verlängert werden, am besten mit Durchwahl.

Doch wo Sanktionierung leicht wird, wird sie auch verlockend. Die Schwelle sinkt, die Grauzonen werden enger, der Konformitätsdruck steigt. Was heute als Maßnahme gegen Hass verkauft wird, kann morgen als Werkzeug gegen scharfe Kritik dienen. Der Unterschied zwischen „Hassrede“ und „unerwünschter Rede“ ist in der Theorie klar, in der Praxis aber oft eine Frage von Macht, Kontext und Zeitgeist. Gesetze bleiben, Mehrheiten wechseln.

Der Internetführerschein als pädagogische Utopie

Der Internetführerschein klingt zunächst charmant: ein bisschen Medienkompetenz, ein bisschen Ethik, ein paar Lektionen in Quellenkritik – wer wollte das nicht? Nur zeigt die Erfahrung mit realen Führerscheinen: Sie verhindern weder Raserei noch Dummheit, sondern setzen Mindeststandards. Und selbst die werden kreativ umfahren. Der Mensch besteht Prüfungen und bleibt doch Mensch, mit Vorurteilen, Emotionen und gelegentlicher Lust am verbalen Ausrutscher.

Die eigentliche Medienkompetenz entsteht nicht durch bürokratische Zertifikate, sondern durch Bildung, offene Debattenkultur und die Fähigkeit, Widerspruch auszuhalten. Ein Netz, das nur noch von lizenzierten Meinungsführern bevölkert wird, wäre vielleicht höflicher, aber auch ärmer, langweiliger und gefährlich homogen. Demokratie ist kein Elitenprojekt mit Zugangscode.

Epilog im Wartebereich der Zukunft

Am Ende sitzt man wieder im Amt, zieht eine Nummer für die Verlängerung des Internetführerscheins und fragt sich, wann genau aus dem wilden, nervigen, inspirierenden Netz ein digitaler Kurort wurde, in dem nur noch flüsternd diskutiert wird. Vielleicht merkt man dann, dass Freiheit nie bequem war und Anonymität nie nur Fluch, sondern auch Schutzraum, Labor und Ventil.

Die satirische Pointe liegt darin, dass ausgerechnet jene Gesellschaften, die sich ihrer Freiheit rühmen, regelmäßig versuchen, sie zu optimieren, zu ordnen, zu verwalten – bis sie so handlich ist, dass sie niemandem mehr wehtut. Doch eine Freiheit, die niemanden stört, ist meist keine mehr, sondern Dekoration.

Und so bleibt die augenzwinkernde Hoffnung, dass der digitale Marktplatz ein Marktplatz bleibt: laut, manchmal unerquicklich, oft klug, gelegentlich unerquicklich klug – aber offen. Mit Menschen, die Verantwortung tragen, ja, aber auch mit dem Recht, nicht jede Meinung sofort mit dem Melderegister zu verheiraten. Denn zwischen Anarchie und Amtsstube gibt es noch einen Raum namens mündige Gesellschaft. Man muss ihn nur aushalten wollen.

Die ewige Leihgabe der Vergangenheit

Die Vergangenheit ist ein Bankautomat, der nie leer zu werden scheint: Man schiebt die eigene Gegenwartskarte hinein, tippt den PIN-Code der moralischen Empörung, und schon spuckt der Schlitz historische Vergleiche aus, geschniegelt, dramatisch beleuchtet und garantiert maximal aufgeladen. Kaum ein Kapitel wird dabei so gern geplündert wie das dunkelste des 20. Jahrhunderts. Es ist die moralische Hartwährung unserer Zeit: der Holocaust als rhetorischer Goldstandard. Wer ihn zitiert, so die unausgesprochene Hoffnung, spricht nicht mehr nur – er richtet. Doch wie jede Währung leidet auch diese unter Inflation. Je häufiger sie in Debatten geworfen wird, desto weniger kauft sie Erkenntnis und desto mehr nur noch Applaus der eigenen Kurve. Das Gedenken, einst still und schwer, wird zur Requisite im politischen Improvisationstheater, und die Souffleuse heißt Schlagzeile.

Anne Frank als rhetorische Universaladapterin

Anne Frank, dieses Mädchen mit Tagebuch, Hoffnung und einem Leben, das von industrieller Menschenverachtung ausgelöscht wurde, ist in der politischen Gegenwart zu einer Art Universaladapter geworden: Man kann sie offenbar an jedes aktuelle Anliegen anschließen, und irgendwo leuchtet dann eine moralische Lampe. Mal dient sie als Symbol reiner Opferunschuld, mal als Projektionsfläche für heutige Konflikte, mal gar als popkulturell verfremdete Ikone in künstlerischen Kontexten, die Provokation mit Tiefgang verwechseln. Das Problem ist nicht, dass Geschichte berührt – das soll sie. Das Problem ist die gedankenlose Gleichsetzung ungleicher Dinge. Wer jedes Leid sofort mit dem größten Verbrechen kurzschließt, betreibt keine Erinnerungskultur, sondern Erinnerungskarikatur. Der Unterschied zwischen Verfolgung zur Vernichtung und der Härte moderner Migrationspolitik ist kein Detail, sondern die ganze Pointe. Geschichte erklärt, sie ersetzt nicht das Denken.

Die bequeme Moralkeule

Der Holocaust-Vergleich ist die moralische Atombombe der Debatte: einmal gezündet, bleibt kein Raum mehr für Proportionen. Plötzlich ist jede restriktive Einwanderungspolitik der Vorhof der Barbarei, jede Behörde ein Schatten vergangener Schreckensapparate, jede Grenzdebatte ein Menetekel. Das verschafft Rednern kurzfristig moralische Höhe, aber es flacht die Landschaft der Argumente ein. Denn wenn alles „wie 1933“ ist, ist am Ende nichts mehr erklärungsbedürftig – und genau das ist bequem. Komplexe Zielkonflikte zwischen Humanität, Rechtsstaat, staatlicher Handlungsfähigkeit und gesellschaftlicher Belastbarkeit lassen sich dann mit einem historischen Analogiezaubertrick wegmoderieren. Das Publikum staunt, die eigene Seite klatscht, und die Wirklichkeit bleibt unbeeindruckt stehen wie ein Möbelstück, über das man im Eifer stolpert.

Transatlantische Echokammern

Auffällig ist, wie international synchron diese Rhetorik geworden ist. Als hätte sich eine unsichtbare Dramaturgie verabredet, greifen Debatten in verschiedenen Ländern zu denselben historischen Requisiten. Der Nationalsozialismus fungiert als global verständliche Metapher für das absolut Böse – und wird gerade dadurch zur leichtfertig genutzten Vokabel. Wer Institutionen der Gegenwart vorschnell in die Nähe von SS oder SA rückt, mag maximale Alarmbereitschaft erzeugen, aber er minimiert die historische Singularität jener Verbrechen. Das ist kein Dienst an der Demokratie, sondern eine Art moralischer Clickbait: grell, wirksam, aber inhaltlich dünn. Geschichte wird zur Sirene, die immer heult – bis keiner mehr hinhört, wenn es wirklich brennt.

Die paradoxe Entwertung des Gedenkens

Das eigentlich Bittere ist die Ironie: Ausgerechnet jene, die mit den größten historischen Vergleichen moralische Sensibilität demonstrieren wollen, tragen zur Abstumpfung bei. Wenn jede politische Auseinandersetzung mit den extremsten Analogien aufgeladen wird, stumpfen Maßstäbe ab. Das Gedenken verliert seine Gravitation, weil es ständig in Umlauf ist. Erinnerung aber braucht Kontext, Genauigkeit, Demut. Sie ist kein Schweizer Taschenmesser für Gegenwartsrhetorik. Wer sie dennoch so benutzt, betreibt eine Art moralisches Recycling – mit dem Ergebnis, dass am Ende nur noch die Verpackung glänzt, nicht der Inhalt.

Ein Plädoyer für historische Nüchternheit mit Herz

Man kann Migrationspolitik hart oder human, falsch oder richtig finden. Man kann Abschiebungen kritisieren, Gesetze ändern wollen, für offene oder strengere Regeln plädieren. All das gehört zur Demokratie. Doch die Qualität dieser Debatte steigt nicht dadurch, dass man sie an die extremsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte ankettet. Im Gegenteil: Wer die Singularität des Holocaust ernst nimmt, sollte ihn nicht zur Allzweckmetapher machen. Die Würde der Opfer verlangt Präzision, nicht Pathosautomatismus. Vielleicht wäre die reifere Form der Erinnerung die, die nicht bei jeder Gelegenheit „Nie wieder!“ ruft, sondern im richtigen Moment leise sagt: „Damals war anders – und gerade deshalb müssen wir heute genau hinschauen.“

Und so bleibt als satirische Pointe ein ernster Wunsch: Möge die Geschichte weniger als Keule und mehr als Kompass dienen. Keulen schwingen schnell, Kompasse zwingen zum Nachdenken. Und Denken – das ist bekanntlich die einzige historische Lehre, die nie an Aktualität verliert.

Willkommen in der woken Apartheid

Man betritt den Campus, jenen ehrwürdigen Ort der Aufklärung, und wähnt sich noch immer im Geiste Humboldts, wo Bildung die Fesseln der Herkunft sprengen und das Argument mehr zählen sollte als die Abstammung. Doch plötzlich hängt am digitalen Schwarzen Brett der neuen Zeit ein Schild, unsichtbar und doch wirksam: Zutritt nur für die richtig Zugeordneten. Die Universität, einst eine Maschine zur Universalisierung des Denkens, entdeckt die Segnungen der Segmentierung. Nicht mehr Was denkst du? ist die Frage, sondern wer darf wo denken? – und vor allem: mit wem, und unter Ausschluss welcher Melaninwerte.

Die Ironie dabei ist so dick aufgetragen, dass man sie mit dem Mensalöffel schneiden könnte: Ausgerechnet im Namen des Antirassismus wird wieder sortiert, getrennt, kategorisiert. Natürlich geschieht dies nicht plump biologisch, bewahre, sondern fein sozialkonstruktivistisch veredelt. Man trennt nicht Menschen, man trennt „Erfahrungsräume“. Man schließt nicht aus, man „schafft sichere Räume“. Die Sprache ist das Duftspray, das den alten Geruch der Diskriminierung überparfümiert. Der Türsteher der Zukunft trägt kein Maßband für Nasenlängen, sondern ein Glossar aus den Cultural Studies.

Die hohe Kunst der wohlmeinenden Ausgrenzung

Es gehört zu den Meisterleistungen moderner Moralarchitektur, dass man Ausschluss als Fürsorge verkaufen kann. Früher war Diskriminierung das schmutzige Geschäft derer, die glaubten, Menschen seien aufgrund ihrer Herkunft weniger wert. Heute ist sie das pädagogische Projekt jener, die glauben, Menschen seien aufgrund ihrer Herkunft so besonders, so verletzlich, so anders, dass man sie besser voneinander trennt. Das Ergebnis sieht von außen verblüffend ähnlich aus, aber die Gesinnung ist selbstverständlich eine andere – und Gesinnung, so lernt man, ist alles.

Der aufgeklärte Student von heute lernt also: Gleichheit ist gut, aber nicht immer; Trennung ist schlecht, aber manchmal heilsam; Hautfarbe ist irrelevant, außer wenn sie hochrelevant ist. Es ist ein dialektisches Ballett, bei dem man gleichzeitig behauptet, Kategorien seien soziale Konstrukte, und sie dann mit administrativer Präzision anwendet. Man könnte fast meinen, der Mensch sei weniger Individuum als wandelnde Schnittstelle verschiedener Identitätscluster, deren Zutrittsrechte situativ freigeschaltet werden.

Der Campus als moralisches Escape Room

Der universitäre Raum verwandelt sich damit in eine Art moralischen Escape Room. Überall Hinweise, Regeln, Codes: Wer darf sprechen? Wer sollte zuhören? Wer muss schweigen? Wer ist betroffen? Wer ist privilegiert? Der Weg zur richtigen Tür führt nicht mehr über Neugier, sondern über Selbstverortung im Koordinatensystem aus Schuld und Betroffenheit. Und wehe dem, der den falschen Raum betritt – nicht aus Bosheit, sondern aus schlichter Unwissenheit. Er findet sich schneller in einem sozialen Verhör wieder als in einer Vorlesung.

Das Tragikomische ist, dass diese neue Ordnung aus einem durchaus nachvollziehbaren Impuls erwächst: dem Wunsch, historische und gegenwärtige Ungleichheiten ernst zu nehmen. Doch wie so oft in der Ideengeschichte kippt ein legitimes Anliegen ins Karikaturhafte, wenn es absolut gesetzt wird. Dann wird aus Sensibilität eine Überempfindlichkeit und aus Gerechtigkeit eine ritualisierte Zuteilung von Rede- und Schweigerechten nach Gruppenetikett.

Die Rückkehr der Schubladen

Man hatte geglaubt, die großen Emanzipationsbewegungen hätten die starren Schubladen des 19. und 20. Jahrhunderts zumindest gelockert. Der Traum war doch, dass Hautfarbe eines Tages so langweilig würde wie Augenfarbe. Nun erlebt die Schublade ein Comeback, diesmal im Designerlook. Sie heißt nicht mehr „Rasse“, sondern „Positioniertheit“, nicht mehr „Trennung“, sondern „Safer Space“. Doch sie bleibt eine Schublade: Sie sagt dir vorab, was du wahrscheinlich erlebt hast, was du fühlen dürftest und wo dein Platz im Gespräch ist.

Der satirische Beobachter kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier eine Generation, die zu Recht gegen plumpe Vorurteile erzogen wurde, nun beginnt, hochkomplexe Vorurteile 2.0 zu kultivieren – theoretisch unterfüttert, sprachlich geschniegelt, moralisch aufgeladen. Das Vorurteil sagt nicht mehr: „Du bist so, weil…“, sondern: „Deine Perspektive ist begrenzt, weil…“ – was höflicher klingt, aber ebenfalls vorsortiert.

Augenzwinkern im Identitätslabyrinth

Und doch wäre es zu einfach, nur den moralischen Zeigefinger zu heben. Die ganze Szenerie hat auch etwas zutiefst Menschliches, ja Rührendes. Junge Menschen ringen ernsthaft darum, eine gerechtere Welt zu bauen, und greifen dabei zu Werkzeugen, die manchmal mehr mit symbolischer Hygiene als mit praktischer Verbesserung zu tun haben. Man will niemanden verletzen, niemanden übergehen, niemanden unsichtbar machen – und produziert dabei neue Unsichtbarkeiten und neue stille Frustrationen.

Vielleicht ist das die ewige Komödie des Fortschritts: Jede Generation entdeckt die Ungerechtigkeiten der vorherigen und erfindet mit großem Ernst neue, subtilere Varianten. Die Universität bleibt dabei, trotz allem, ein Labor – nicht nur für Erkenntnis, sondern auch für Irrtümer. Und Irrtümer, so unerquicklich sie im Moment sein mögen, sind immerhin demokratischer als Dogmen.

Am Ende könnte die leise Hoffnung stehen, dass der Pendel auch wieder zurückschwingt: zu einem Universalismus, der Unterschiede anerkennt, ohne Menschen darauf zu reduzieren; zu einem Antirassismus, der ohne neue Rassifizierung auskommt; zu einem Campus, auf dem die spannendste Frage wieder ist, was jemand zu sagen hat, nicht als wer er spricht. Bis dahin aber bleibt dem Feuilletonisten nur, das Schauspiel mit spitzer Feder zu begleiten – und sich zu wundern, wie erfinderisch der Mensch darin ist, sich selbst in Kategorien einzusperren, während er lautstark von Befreiung spricht.

Die heilige Kuh namens Bodenständigkeit

Österreich ist ein Land, in dem selbst die Maulwürfe eine Bauverhandlung einreichen würden, bevor sie einen Hügel aufwerfen. Wenn irgendwo zwischen Marchfeld und Alpenrand eine Schraube in den Boden gedreht wird, dann nicht ohne drei Gutachten, vier Bürgerinitiativen und fünf Stammtische, die alle unabhängig voneinander zu dem Schluss kommen, dass man das „eh schon immer so gemacht hat oder eben nicht gemacht hat und das wird schon seinen Grund haben“. Fracking passt in dieses kulturelle Biotop ungefähr so gut wie ein Presslufthammer in ein Streichquartett von Mozart. Nicht, weil es technisch unmöglich wäre, sondern weil es mental und emotional in einem Land mit tiefem Misstrauen gegenüber allem Lauten, Schnellen und Amerikanischen schlicht keinen Heimvorteil hat.

Fracking ist laut, groß, industriell, mit Flammen, Trucks und dem Duft von Chemie – also das exakte Gegenteil des österreichischen Selbstbilds vom sanften Tourismusland, wo sogar Kühe eine persönliche Beziehung zum Wanderer pflegen. Die nationale Marke lautet: Berge, Seen, Wein und Weltkulturerbe, nicht Bohrtürme, Lagerstättenwasser und seismische Messungen. Wer hier mit „Energy Independence“ argumentiert, bekommt als Antwort ein mildes Lächeln und den Hinweis, dass man Unabhängigkeit in Österreich traditionell eher durch Wasserkraftwerke und Photovoltaik am Scheunendach demonstriert – und durch die Fähigkeit, aus wenig viel Fördergeld zu machen.

Das Weinviertel als Bühne der leisen Widersprüche

Und doch: Seit rund 30 Jahren wird im Weinviertel Gas gefördert. Konventionell. Leise. Fast höflich. Die Fördertürme stehen nicht wie martialische Monumente da, sondern wirken eher wie technische Garteninstallationen für Fortgeschrittene. Man kann in der Nähe spazieren gehen, ohne dass der Hund eine existenzielle Krise bekommt. Das ist die österreichische Version von Energiegewinnung: präsent, aber diskret, wie ein gut verdienender Onkel, über dessen Einkommen man nicht spricht, dessen Geschenke man aber gern annimmt.

Hier liegt der eigentliche satirische Kern: Gas ja, aber bitte so, dass es niemanden beunruhigt. Man möchte die Wärme im Winter, aber nicht das Gefühl, in Texas zu leben. Konventionelle Förderung hat den Vorteil, dass sie alt genug ist, um als „normal“ durchzugehen. Sie ist das Schnitzel unter den Fördermethoden: nicht zwingend modern, aber kulturell akzeptiert. Fracking hingegen ist das molekulare Schäumchen der Energiewelt – technisch interessant, aber vielen suspekt und sicher nichts für die Großmutter.

Die Geologie als Ausrede und die Moral als Hauptdarstellerin

Natürlich gibt es auch geologische Argumente: Lagerstätten, Gestein, Wirtschaftlichkeit. Aber seien wir ehrlich – in Österreich gewinnen moralische Narrative jede Debatte haushoch gegen geologische Gutachten. Wenn ein Verfahren den Ruf hat, Grundwasser zu gefährden, Mini-Erdbeben auszulösen oder Landschaften zu industrialisieren, dann ist die öffentliche Meinung schneller gefestigt als ein Drei-Gänge-Menü beim Heurigen.

Fracking leidet unter seinem internationalen Image. Dokumentationen mit brennendem Leitungswasser haben sich tiefer ins kollektive Gedächtnis eingebrannt als jede nüchterne Studie. Ob alles davon repräsentativ ist, wird zur Nebensache; in der öffentlichen Wahrnehmung reicht das Bild. Österreich ist ein Land, das AKWs ablehnte, bevor eines in Betrieb ging – präventive Skepsis ist hier keine Haltung, sondern Kulturerbe. Fracking hatte also nie eine echte Chance, sondern maximal eine Anhörung.

Föderalismus, das große Verlangsamungsgerät

Selbst wenn man wollte: Der österreichische Föderalismus ist ein Meisterwerk der Entschleunigung. Zwischen Bund, Ländern, Gemeinden, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Raumordnungsplänen kann ein Projekt so lange reifen, bis es entweder technologisch überholt oder politisch ungenießbar ist. Fracking braucht Geschwindigkeit, Investitionssicherheit und klare Rahmenbedingungen. Österreich bietet dafür eher eine mehrjährige Diskussionsrunde mit Kaffee und Protokoll.

Das ist nicht nur negativ. Es verhindert auch manche Dummheit. Aber es sorgt eben dafür, dass riskantere, umstrittene Technologien selten den Durchbruch schaffen. Während anderswo Probebohrungen beginnen, beginnt hier erst die Debatte über den Debattenleitfaden.

Die Energiewende als neue Identitätserzählung

Hinzu kommt: Österreich hat sich emotional bereits in die Energiewende verliebt. Wasserkraft ist der alte, verlässliche Partner, Windkraft der etwas umstrittene, aber attraktive Neue, und Photovoltaik das hippe Start-up auf jedem Dach. In dieser Beziehungskonstellation wirkt Fracking wie ein toxischer Ex, der plötzlich wieder anruft und „Versorgungssicherheit“ flüstert.

Politisch verkauft sich die Vision von 100 % erneuerbarem Strom schlicht besser als die differenzierte Botschaft „ein bisschen mehr heimisches Gas durch umstrittene Methoden“. Die Wählerschaft reagiert auf Alpenglühen romantischer als auf Bohrkerne.

Die Ironie der importierten Reinheit

Die größte Pointe liegt allerdings woanders: Österreich importiert selbstverständlich Gas – auch aus Ländern, in denen Fracking oder ökologisch fragwürdige Förderung keine Seltenheit sind. Man hält die eigene Landschaft sauber und verlagert die schmutzigeren Kapitel der Wertschöpfungskette elegant über die Grenze. Moralisch fühlt sich das besser an, auch wenn die Moleküle am Ende dieselben sind.

Das ist kein rein österreichisches Phänomen, aber hier wird es mit besonderer ästhetischer Konsequenz betrieben. Man möchte Nachhaltigkeit nicht nur leben, sondern auch sehen können – idealerweise beim Blick über Weingärten im Abendlicht. Ein Bohrplatz stört dieses Bild, selbst wenn er ökonomisch sinnvoll wäre.

Schluss mit Augenzwinkern

Warum also kein Fracking in Österreich? Weil Länder nicht nur aus Gesteinsschichten bestehen, sondern aus Mentalitätsschichten. Weil Energiepolitik hier immer auch Landschaftspolitik, Tourismuspolitik und Identitätspolitik ist. Weil man gelernt hat, dass technisches Können nicht automatisch gesellschaftliche Akzeptanz bedeutet. Und weil ein Land, das stolz auf seine Trinkwasserqualität ist, lieber zehn Studien zu viel liest als eine Bohrung zu viel setzt.

Und so fördert das Weinviertel weiter sein konventionelles Gas, leise, effizient, beinahe unsichtbar – während Fracking draußen bleibt wie ein Gast, der zwar eingeladen war, aber beim Dresscode „bodenständig mit Aussicht auf Wein“ einfach overdressed erschien.