Es gehört zu den eleganteren Kunststücken der bürgerlichen Selbstinszenierung, Wahrheiten erst dann wiederzuentdecken, wenn sie nicht mehr zu vermeiden sind, und sie sodann mit jener gelassenen Selbstverständlichkeit vorzutragen, als seien sie niemals verlassen worden. Jahrzehntelang hatte man sich in einem dichten Geflecht aus Betriebsamkeit, Innovationsrhetorik und moralischem Fortschrittsoptimismus eingerichtet, in welchem jede Erinnerung an historische Konstanten als muffiger Anachronismus galt, als Störung im reibungslosen Ablauf eines Gegenwartsbewusstseins, das sich selbst genügte. Wer dennoch darauf bestand, dass politische Ordnung, militärische Fähigkeit und gesellschaftliche Disziplin keine spontan erzeugbaren Güter seien, sondern Resultate langer, oft widersprüchlicher Entwicklungen, wurde milde belächelt oder mit dem Etikett des Ewiggestrigen versehen. Doch kaum haben die selbsternannten Architekten der neuen Welt ihre Konstruktionen in eine bemerkenswerte Unordnung überführt, tritt eine überraschende Metamorphose ein: Aus den ehemaligen Fortschrittsaposteln werden plötzlich Traditionsverwalter, aus den Spöttern der Vergangenheit deren resolute Verteidiger, und aus den Verächtern der alten Tugenden deren lautstarke Prediger.
Mit einer Nonchalance, die man sonst nur aus gut gepolsterten Salons kennt, wird nun verkündet, was gestern noch als überholt galt: Pflicht, Opfer, Ernst, ja sogar die Bereitschaft zum Tod für eine abstrakt beschworene Gemeinschaft. Besonders bemerkenswert ist dabei die Zielgruppe dieser plötzlichen Erweckung: die Jugend, jener Teil der Gesellschaft, dem man zuvor jede Form von Pathos, Hierarchie und Verpflichtung systematisch ausgetrieben hatte, soll nun binnen kürzester Frist eine Haltung entwickeln, die historisch stets das Ergebnis jahrzehntelanger Prägung gewesen ist. Es ist, als würde man verlangen, dass ein Baum über Nacht Früchte trägt, nachdem man seine Wurzeln über Jahre hinweg sorgfältig gekappt hat. Der Tonfall bleibt dabei väterlich, ja beinahe fürsorglich, doch unter dieser Oberfläche liegt ein unüberhörbarer Imperativ: Seid bereit, wozu wir euch nie befähigt haben, und zwar sofort.
Die Illusion der Druckknopfgeschichte
Diese merkwürdige Erwartungshaltung offenbart eine Denkfigur, die man als Druckknopfmentalität bezeichnen könnte, eine Vorstellung von Geschichte, die davon ausgeht, dass komplexe gesellschaftliche Zustände sich wie technische Funktionen auf Abruf herstellen lassen. Was einst durch Disziplin, institutionelle Kontinuität und kulturelle Einübung entstand, soll nun per Dekret, per Appell, per moralischer Erregung erzeugt werden. Es ist die gleiche Logik, mit der politische Experimente entworfen und finanziert werden: Man entwirft ein Konzept, versieht es mit wohlklingenden Begriffen und erwartet, dass Realität und Menschenmaterial sich entsprechend verhalten. Wenn dies misslingt, liegt der Fehler nie im Konzept selbst, sondern stets in der unzureichenden Umsetzung, die wiederum neue Programme, neue Maßnahmen, neue Appelle erforderlich macht.
In dieser Perspektive erscheint auch die Forderung nach Kriegstüchtigkeit weniger als ernsthafte Analyse denn als performativer Akt, als symbolische Geste, die ihre eigene Wirksamkeit behauptet. „Abrakadabra und Hokuspokus – wir sind kriegstauglich“ ließe sich als unausgesprochene Formel hinter dieser Rhetorik vermuten. Dass militärische Fähigkeit nicht nur aus materiellen Ressourcen, sondern aus mentalen Dispositionen, aus Vertrauen in Institutionen, aus einer kohärenten politischen Kultur entsteht, wird dabei ebenso übersehen wie die Tatsache, dass all diese Elemente in den vorangegangenen Jahrzehnten systematisch relativiert oder dekonstruiert wurden. Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit wird durch umso lautere Forderungen überdeckt, als ließe sich durch Intensität des Willens kompensieren, was an Substanz fehlt.
Die Moral der bequemen Anklage
Während diese neue Ernsthaftigkeit beschworen wird, bleibt ein altes Muster erstaunlich stabil: die konsequente Auslagerung von Verantwortung. Diejenigen, die den Krieg rhetorisch vorbereiten, gehören selten zu jenen, die ihn physisch austragen. Es sind Schreibtische, an denen Strategien entworfen werden, nicht Schützengräben, in denen ihre Konsequenzen erlebt werden. Die Figur des „Superbus“, des überheblichen Gegners, wird dabei mit großer Regelmäßigkeit bemüht, um die eigene Position moralisch zu erhöhen. Der Feind ist stets derjenige, der provoziert, der überschreitet, der bedroht, während die eigene Handlung als notwendige Reaktion erscheint, als Verteidigung höherer Werte.
Doch gerade in dieser moralischen Dramaturgie liegt eine bemerkenswerte Verschiebung: Die eigentliche Dynamik entsteht nicht allein durch das Handeln des Gegners, sondern durch die fortwährende Eskalation der eigenen Rhetorik, durch das insistierende Bedürfnis, Konflikte in Kategorien von Gut und Böse zu übersetzen. Die Verachtung gegenüber dieser Form der institutionalisierten Verlogenheit hat historisch immer wieder als Nährboden für radikale Gegenbewegungen gedient. Wo politische und kulturelle Eliten ihre Glaubwürdigkeit verspielen, entsteht Raum für Ideologien, die sich als radikale Alternative inszenieren, sei es in der Sprache der sozialen Gerechtigkeit oder der nationalen Erneuerung. Es ist weniger deren Attraktivität an sich als vielmehr die Erosion des Vertrauens in die bestehende Ordnung, die ihnen ihre Chancen eröffnet.
Die Wiederkehr des immergleichen Dramas
Die Geschichte kennt zahlreiche Varianten dieses Musters, von den Machtkämpfen der römischen Republik bis zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Immer wieder treten Konstellationen auf, in denen eine selbstgewisse Elite die Dynamiken unterschätzt, die sie selbst in Gang setzt, und in denen schließlich Figuren auftreten, die als Verkörperung des Bösen stilisiert werden, obwohl sie oft nur das Produkt eines längeren Prozesses sind. Der Narr, der sich provozieren lässt, wird zum Sündenbock eines Systems, das seine eigenen Widersprüche nicht anerkennen will. Seine Existenz ermöglicht es, die Verantwortung zu externalisieren und die eigene Rolle im Vorfeld des Konflikts zu vergessen.
Im gegenwärtigen Kontext scheint sich dieses Drama mit bemerkenswerter Präzision zu wiederholen. Die Rhetorik der „Wertegemeinschaft“ fungiert dabei als moralischer Schutzschirm, unter dem Maßnahmen gerechtfertigt werden, die man unter anderen Umständen vielleicht kritischer betrachten würde. Gleichzeitig wird jede Form der Skepsis schnell als Illoyalität interpretiert, als mangelnde Bereitschaft, sich den vermeintlichen Notwendigkeiten der Zeit zu stellen. Diejenigen, die noch auf die strukturellen Voraussetzungen von Stabilität und Frieden hinweisen, laufen Gefahr, erneut als Relikte einer vergangenen Epoche abgetan zu werden.
So entsteht eine paradoxe Situation: Die gleichen Mechanismen, die einst kritisiert wurden, werden nun in neuer Verpackung reproduziert. Die Brandstifter treten als Feuerwehr auf, die Architekten der Unordnung als deren ordnende Instanz. Und während die Flammen höher schlagen, wächst die Überzeugung, dass es diesmal anders sein müsse, dass die Geschichte zwar Parallelen kennt, aber keine Wiederholungen. Vielleicht liegt gerade in dieser Überzeugung die eigentliche Tragik: dass die Einsicht in historische Muster vorhanden ist, ihre Konsequenzen jedoch nicht gezogen werden.