Die Leugnung des Offensichtlichen als neue Frömmigkeit

Es gehört inzwischen zum guten Ton einer bestimmten kirchlichen Funktionärskaste, die eigene Vergangenheit mit einer Mischung aus betretenem Schweigen und intellektueller Verrenkung zu behandeln, als handle es sich um ein peinliches Familiengeheimnis, das man bei festlichen Anlässen möglichst unerwähnt lässt. Wenn nun die Deutsche Bischofskonferenz mit bemerkenswerter Gelassenheit die Existenz eines „christlichen Abendlandes“ in Zweifel zieht, dann ist das weniger eine theologische Erkenntnis als vielmehr ein Akt kulturpolitischer Selbstverleugnung, der in seiner Konsequenz beinahe bewundernswert ist. Man hat sich offenbar darauf verständigt, dass das, was über Jahrhunderte hinweg Kathedralen, Universitäten, Rechtstraditionen und Feiertagskalender hervorgebracht hat, heute bestenfalls als missverständlicher „Kampfbegriff“ durchgeht. Die Geschichte wird zur Fußnote, sobald sie nicht mehr ins gegenwärtige Deutungsschema passt.

Der Begriff „Abendland“ – einst getragen von Denkern wie „Novalis“ oder „Oswald Spengler“, später von Politikern und Publizisten unterschiedlichster Couleur bemüht – wird nun behandelt, als sei er eine besonders hartnäckige Verschwörungstheorie. Dabei ist es geradezu rührend, wie man sich bemüht, jede Spur kultureller Kontinuität als bloße Konstruktion zu entlarven. „Es gebe kein homogenes Einheitseuropa“, heißt es nun mit dem Tonfall eines späten Aufklärers, der endlich die Fackel der Vernunft entzündet hat. Als hätte jemals jemand ernsthaft behauptet, Europa sei ein monolithischer Block ohne Widersprüche gewesen. Die Pointe liegt ja gerade darin, dass Vielfalt auf einem gemeinsamen Fundament gedeiht – ein Gedanke, der offenbar inzwischen als zu gefährlich gilt, um ausgesprochen zu werden.

Der diskrete Rückzug aus der eigenen Geschichte

Die Ironie dieser Entwicklung ist kaum zu übersehen: Eine Institution, die über Jahrhunderte hinweg nicht nur religiöse, sondern auch kulturelle und politische Räume geprägt hat, tritt nun den Rückzug aus eben dieser Rolle an, als wäre sie lediglich ein zufälliger Beobachter gewesen. „Das Christentum ist nicht identitätsstiftend im politischen Sinne“, lautet eine der wohlfeilen Formeln, die in diesem Kontext gerne zitiert werden. Man könnte ergänzen: Es war es nur zufällig, über ein Jahrtausend hinweg, und hat sich dabei vermutlich selbst missverstanden.

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Die Strategie erinnert an jene Unternehmensleitungen, die nach Jahrzehnten erfolgreicher Tätigkeit plötzlich erklären, das eigene Kerngeschäft sei eigentlich nie von Bedeutung gewesen. Nur dass es hier nicht um Waschmittel oder Versicherungen geht, sondern um die kulturelle Grundierung eines ganzen Kontinents. Die Kathedralen von Chartres oder Köln, die Werke von „Johann Sebastian Bach“, die Universitäten von Bologna oder Paris – all das erscheint in dieser Lesart wie ein historischer Betriebsunfall, der mit der Gegenwart möglichst wenig zu tun haben soll.

Man möchte fast meinen, hier spreche weniger die Kirche als vielmehr ihr schlechtes Gewissen. Denn wer die eigene Vergangenheit konsequent relativiert, entzieht sich auch der Verantwortung für ihre Deutung. Die Geschichte wird neutralisiert, damit sie niemanden mehr stört. Dass dabei auch ihre orientierende Kraft verloren geht, wird als Kollateralschaden hingenommen.

Vielfalt als rhetorische Allzweckwaffe

Natürlich ist der Hinweis auf die Vielfalt Europas nicht falsch – er ist nur bemerkenswert selektiv. „Europa war immer plural“, lautet das Mantra, das inzwischen mit der Inbrunst eines liturgischen Gesangs vorgetragen wird. Was dabei unterschlagen wird, ist die Frage, wodurch diese Pluralität überhaupt zusammengehalten wurde. Vielfalt ohne Bezugspunkt ist keine Stärke, sondern bloß ein Nebeneinander von Zufälligkeiten.

Es ist ein wenig so, als würde man ein Orchester dafür loben, dass jedes Instrument eine eigene Stimme hat, während man gleichzeitig bestreitet, dass es so etwas wie eine gemeinsame Partitur gibt. Der Dirigent wird zur optionalen Figur erklärt, die man bei Bedarf auch weglassen kann. Dass das Ergebnis dann eher an ein akustisches Experiment erinnert als an Musik, scheint in Kauf genommen zu werden.

Die Polemik gegen das „christliche Abendland“ richtet sich daher weniger gegen einen angeblichen Mythos als gegen die Vorstellung, dass kulturelle Identität überhaupt etwas Verbindendes sein könnte. Identität wird zur Gefahr erklärt, weil sie Grenzen impliziert – und Grenzen sind in einer Zeit, die sich selbst als grenzenlos begreift, naturgemäß verdächtig.

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Die elegante Selbstauflösung

Am Ende bleibt der Eindruck einer Institution, die sich selbst mit bemerkenswerter Konsequenz entkernt. Was früher als Quelle von Orientierung und Sinn galt, wird heute in vorsichtige Distanz gerückt, um nur ja nicht den Verdacht zu erwecken, man könnte an etwas festhalten, das über den Augenblick hinausweist. Die Kirche erscheint in dieser Rolle weniger als Bewahrerin einer Tradition denn als deren diskrete Verwalterin im Rückbau.

Dabei wäre es durchaus möglich, die Geschichte Europas differenziert zu betrachten, ohne sie gleich in ihre Bestandteile aufzulösen. Man könnte anerkennen, dass das Christentum nicht die einzige, aber doch eine zentrale Prägekraft war – ohne daraus einen politischen Absolutheitsanspruch abzuleiten. Doch Differenzierung ist bekanntlich weniger attraktiv als klare Distanzierungen, insbesondere wenn sie moralisch aufgeladen werden können.

So bleibt am Ende eine bemerkenswerte Konstellation: Während Kritiker von außen dem Christentum gelegentlich noch eine prägende Rolle zuschreiben – sei es zustimmend oder ablehnend –, sind es ausgerechnet seine institutionellen Vertreter, die diese Rolle am entschiedensten relativieren. Der alte Kontinent wird damit nicht vielfältiger, sondern lediglich geschichtsvergessener. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Kern dieser neuen Frömmigkeit: der Glaube daran, dass man sich von der eigenen Vergangenheit befreien kann, indem man sie einfach neu benennt.